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Full text of "Studien zur Deutschen und Schweizerischen Rechtsgeschichte"

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IN COMMEMOUÄTIOX OF THE VISIT OF 
HIS ROYAT HIGHNESS 

PRINCE HENRY OF PRUSSIA 

MAISCH SIXTH.igOl 

ON B£IIALF OF HIS MAJEHTV 1 

THE GERMAN EMPEROR ] 



ASSiS^TANT PHOFESSOR OV HISTORT 



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PROM THE LIBRAKX^ OF PROFESSOR KQNRAD VON 
OF MÜNICH. .-^^ 




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rechtsgeschichtliche Studien. 






OseibrttggeA, 



rechtsgeschichtliche Studien. 



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Studien 



zur 



deutschen und schweizerischen 



Reehissesclilehte« 



Von 



Eduard OseibrflggeB. 



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Schaffhausen. 
Verlag 4^ Fr* Hurter'scheB Buchhandlimg. 



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^ Oj Zürich. — Druck von Fr. BchulthesB. 

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Vorwort 



Seit Eichhorn mit der Schöpfung einer deutschen Rechts* 
geschichte hervortrat, sind 60 Jahre vergangen. In dieser langen 
Zeit sind mehrere E[and- und Lehrbücher der von Eichhorn be- 
gründeten Wissenschaft erschienen ; mag man aber auch die guten 
Seiten dieser Werke vollauf anerkennen, so kann niemand behaup- 
ten, ^ass eins derselben mit dem Anspruch gemessen, den unsere 
Zeit erheben darf, das leiste was Eichhom's Werk für seine Zeit 
geleistet hat; eben so wenig aber dürfte man sich mit der An- 
nahme beruhigen, Eichhorn gentige wie Homer für alle Zeiten 
und es sei nicht nöthig, Posthomerica zu schreiben. Das war am 
wenigsten Eichhom's Ansicht, der immerhin mit dem stolzen Wort 
ans dem Leben scheiden konnte: „Machfs besser!" Hat er dieses 
Wort auch nicht gesprochen, er hat es ohne Zweifel gedacht. 
Woran liegt es denn aber, dass noch immer kein neuer Eichhorn 
zum Vorschein kommt, da doch schon so lange und fortwährend 
mit solcher Energie und Ghründlichkeit auf dem fruchtbaren Acker 
der deutschen Rechtsgeschichte gearbeitet wird ? Grade aus dieser 
letzteren Thatsache können wir die Antwort herleiten. Seit Eich- 
horn haben die wichtigsten Rechtsquellen eine gänzhch veränderte 
Gestalt bekommen, aber der kritische Feldzug in diesem Funda- 
mentalgebiete ist noch nicht zu Ende geführt und auch für die 
Vervollständigimg des Quellenmaterials ist noch vieles zu thun. 
Die kritische Methode, welche den Quellen sich zugewendet hat 
und diese umgestaltet, musste natürlich die ganze Untersuchungs- 
methode im Bereich der deutschen Rechtsgeschichte schärfen und 
es sind ganz neue Gesichtspunkte und Forderungen für die Be- 
handlung zum Vorschein gekommen. Wer jetzt unkritisch phanta- 
sirt und aus Mangel an Sprachkenntniss oder an Einsicht in da3 



VI 

Verhältniss und den Zusammenhang der Rechtsdenkmäler leicht- 
fertig mit den Quellen umgeht, dem wird das nicht nachgesehen, 
auch wenn er dicke Bücher geschrieben hat, in denen manches 
Gute steckt. 

So lebhaft also auch imser Wunsch sein darf, es möge bald 
ein neuer Eichhorn aufstehen und so sicher wir hoffen, er werde 
kommen, dürfen wir nicht ablassen, im Einzelnen für das Ganze 
zu arbeiten. Es giebt der würdigen Untersuchirngsobjecte noch 
genug, wohin man auch greifen mag. Obgleich in der Behand- 
lung und Ausbeutung der Quellen des sächsischen Rechts bei 
weitem am meisten gethan ist, obgleich ihre Beherrschung ein 
Homeyer sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, zeigen doch 
neueste Arbeiten, dass es auch hier noch nicht zu einer blossen Aeh- 
renlese gekommen ist, imd sehr reichlichen Lohn findet die Arbeits- 
kraft auf anderen Gebieten deutscher Erde. In dem Glauben mit- 
wirken zu können für den Ausbau einer wahren deutschen Rechts- 
geschichte habe auch ich seit Jahren redlich imd mit der Freudigkeit 
gearbeitet, welche die wissenschaftliche Vertiefung in einen loh- 
nenden Stoff gewährt. Mein alamannisches Strafrecht im deutschen 
Mittelalter und mein Strafrecht der Langobarden haben Beifall 
gefunden imd die in verschiedenen Zeitschriften (Zeitschrift für 
deutsches Recht, Monatsschrift des wissenschaftlichen Vereins in 
Zürich u. a.) zerstreuten Abhandlungen sind bei den Fachgenossen 
nicht unberücksichtigt geblieben. Diese Abhandlungen oder doch 
den grössten Theil derselben aus der Zerstreuung zu sammeln, 
schien mir zweckmässig imd es trieb mich dazu das Bedürfniss 
sie so zu überarbeiten imd umzuformen, wie es die vermehrten 
imd veränderten Rechtsquellen imd die im letzten Jahrzehend 
aufgeblühte Literatur verlangten. 

Ich habe meiner Sanmilimg den Titel gegeben „Studien zur 
deutschen tmd schweizerischen Rechtsgeschichte**. Vielleicht hätte 
«s genügt zu sagen „Studien zur deutschen Rechtsgesch'chte**, 
denn die schweizerische Rechtsgeschichte ist nichts weniger als 
Xindeutsch. Allein sie hat doch ihren besondem Charakter, weil 



vu 

die Entwicklung des Rechts in der Schweiz unter eigenthümlichen 
Verhältnissen und Einflüssen vor sich gegangen und mehr als im 
eigentlichen Deutschland reindeutsch gewesen ist Bluntschli 
hat diess ausgesprochen als die Rechtshistoriker ihn noch den 
Ihrigen nennen durften und als er mit einem^ rechtsgeschichtlichen 
Musterwerk, der Staats- und Rechtsgeschichte Zürichs, sich be- 
rühmt machte. Die schweizerischen Rechtshistoriker nach ihm, 
Blumer, rön Segesser u. a., haben ohne Ausnahme die Ent- 
wicklung des schweizerischen Rechtslebens als deutsche Rechts- 
geschichte behandelt und die treffliche Zeitschrift für schweizeri- 
sches Recht seit 1862 ist das Organ einer germanistischen Schule, 
auf welche die deutsche Schweiz und Deutschland stolz sein kann. 

Ich hätte meine Sammlung wohl auch als „Rechtsalterthümer^ 
ausgeben können ohne dadurch das Buch zu degradiren. Zwar 
weiss ich, dass manche Juristen von Rechtsalterthümem nicht viel 
halten und die Beschäftigung damit als Alterthumskrämerei ab- 
fertigen wollen, während sie die Rechtsgeschichte, von der sie 
denn freilich auch nichts verstehen, noch gelten lassen. Man kann 
die Jurisprudenz als Technik fassen und als Wissenschaft. Ich 
thue das Letztere und da bin ich auch des Glaubens, dass, wer 
nicht Rechtsantiquar sei, auch nicht Rechtshistoriker sein könne. 
Ueber das Verhältniss der Rechtsalterthümer zur Rechtsgeschichte 
habe ich mich in der Kürze schon früher einmal ausgesprochen 
(Münchener kritische Vierteljahrsschrift IV, 2. S. 200) ; wenn ich 
noch einmal darauf zurückkomme, so geschieht es nicht, um solche 
Juristen zu belehren und zu bekehren, denen das Verständniss 
dafür abgeht, sondern zur Ansprache an die wirklichen Fach- 
genossen. 

Grimm hat in der Vorrede zu den Rechtsalterthümem den 
Unterschied eines historischen Rechtsgelehrten und eines Alter- 
thumsforschers so angegeben: „Jener erläutert das Neue aus der 
Geschichte des Alten, dieser das Alte aus dem Alten selbst und 
nur hülfsweise aus dem Jüngeren ; jener lässt das ganz Veraltete, 
dieser das bloss Neue beiseite liegen. -Jener ist gezwtmgen, das 



vm 

Alte dem System des neuen Rechts anzufügen, dieser wird geneigt 
sein, die vielgestaltete Erscheinung des Alten auf ihrer breiteren, 
freieren Grundlage ruhen zu lassen.^ Ich kann dem Meister in 
einem Punkte nicht ganz beistimmen; ich möchte nicht behaupten, 
dass der Rechtshistoriker das ganz Veraltete beiseite liegen zu 
lassen habe, sondern nur das, was kein Factor in der Rechtsent- 
wicklung gewesen ist. Das Veralten gehört zum Wesen der ge- 
schichtlichen Entwicklung. Das System der Wergelder veraltete; 
schon im Spiegel deutscher Leute und im Schwabenspiegel kommt 
der Name Wergeid nicht mehr vor; das Institut war aber doch 
auch in Süddeutschland, wie die lex Alamannorum zeigt, ein- 
heimisch gewesen, nicht bloss auf sächsischer Erde. In der Ent- 
wicklungsgeschichte des deutschen Strafrechts ist aber sowohl die 
Zeit der vollen Geltung des Wergeidsystems als der Ueb^rgang 
des Wergeids in den Charakter der Strafe zu betrachten. Nach- 
dem es seinen völligen Untergang gefunden hat, ist es dem fort- 
schreitenden Rechtshistoriker kein Object mehr; aber sobald er 
auf seinem Wege an einem Punkte angelangt ist, wo er auf die 
Entwicklung der strafrechtlichen Idee zurückschauen muss, steht 
ihm das Zurückgelassene als Glied in der Entwicklungsreihe 
wieder vor Augen. So lange das Material des alten Rechts als 
eine in Leben und Fluss befindliche , unter den Entwicklungs- 
gesetzen stehende Masse betrachtet wird, ist es rechtsgeschicht- 
licher StoflF; wer es davon absehend behandelt, ist Alterthümler. 
Die Scherben einer etrurischen Vase, antike Münzen, steinerne 
Werkzeuge aus Pfahlbauten finden neben einander Platz in einem 
Raritätencabinet, und der Raritätensammler sieht darin eben nur 
Raritäten; in die Hand und unter das Auge des Historikers ge- 
bracht, erlangen dieselben Gegenstände Bedeutung für die Kimst- 
geschichte, politische Geschichte und Culturgeschichte. 

Verfolgen wir den Unterschied der Rechtsgeschichte und der 
Rechtsalterthümer weiter von dem Grundgedanken aus, dass die 
erstere Entwicklungsgeschichte ist, also ihren Gegenstand, das 
Recht, genetisch erfasst, so müssen wir erkennen, dass die Rechts- 



IX 

geschichte eines Volkes in vielen Fäden zusammenhängt mit dessen 
politischer und Calturgeschichte , weil das Recht nur eine der 
Lebenserscheinungen eines Volkes ist und ohne stete Berücksich- 
tigung anderer Lebenserscheinungen nicht begriffen werden kann. 
Für den Bechtsantiquar darf eine einzelne Erscheinung auf dem 
Rechtsgebiete, ohne ihre weiteren Beziehungen, Interesse haben; 
sobald er aber sich bemüht, in ihr Werden und Wesen einzu- 
dringen, muss sein Gegenstand aus der Isolirtheit heraustreten 
und der Antiquar ist Rechtshistoriker geworden. 

Wie der Physiolog für seine Entwicklungsgeschichte die ge- 
nauesten mikroskopischen Untersuchungen vornehmen muss, so 
auch der Rechtshistoriker. Dieser wird zwar, sobald sein Auge 
geübt ist, bei seinem Quellenstudium das Wichtige und Unwich- 
tige oft sogleich zu unterscheiden wissen und das Letztere bei- 
seite lassen, aber er weiss auch, dass oft Dinge, die an sich klein 
erscheinen, in Verbindung mit einander gebracht, zu wichtigen 
Resultaten führen und dass die Combination nicht selten an schein- 
baren Kleinigkeiten den dankbarsten Stoff hat. Für den Juristen 
scheint es z. B. ganz gleichgültig zu sein, ob er es weiss oder 
nicht weiss, dass im Mittelalter die Franciscaner und die Cister- 
cienser graue Mönche genannt wurden, dennoch ist dieses bei der 
Forschung nach der Entstehungszeit des Sachsenspiegels wichtig 
geworden. Sprachliche Kleinigkeiten sind oft von grossem Belang. 
So wird man für die Beantwortung der Frage nach der Heimat 
der Langobarden das im Ed. Roth. 204 vorkommende „silpmundia", 
welches dem lübischen ^silfmundich^ entspricht, betonen dürfen 
und für das Eindringen in die Eigenthümlichkeiten des langobar- 
dischen Volksrechts ist es dann weiter nothwendig immer im Auge 
zu behalten, dass die Langobarden aus dem Norden Deutschlands 
ausgezogen sind. — Das ganze Kartenhaus, welches Herr von 
Daniels in Betreff des Verhältnisses vom Sachsenspiegel zum 
Schwabenspiegel aufgebaut hatte, fällt schon zusammen, wenn 
man nur verfolgt, was aus dem niedersächsischen „diken" des 
Ssp. n, 28 im Spiegel deutscher Leute § 136 und im Schwsp. 



169 W. geworden ist, und wie viele Lrrthümer sind nicht dadurch 
in den Spiegel deutscher Leute gekommen, dass dem Verfasser 
die niedersächsische Mundart nicht geläufig war? Es sind eben 
oft nur Kleinigkeiten, die er nicht verstand, aber daraus entstan- 
den grosse Fehler. 

Die neuere deutsche rechtsgeschiditliche Forschung, weil sie 
das wirkliche Rechtsleben ergrtinden will, greift weit über die 
eigentlichen Rechtsquellen, die Oesetse und unmittelbaren Bil- 
dungsformen des alten Rechts, hinaus, sie zieht eine Fülle des 
nicht speciell juristischen Materiab in ihren Kreis und ermittelt 
dadurch Rechtsgewohnheiten , von denen die Gksetze schweigen. 
Da sind denn sehr viele kleine Dinge zu sammeln und zu be- 
meistern. Vieles kann, wenn man auf dem Wege der Synthese 
dem Ziele näher rückt, wieder beiseite geworfen werden, was 
doch anfangs zu beachten war, anderes bleibt wichtig und hilft 
zum Schaffen der Resultate; seine Verwendung giebt auch der 
Darstellung das Colorit, welches der regen Bewegung im Rechts- 
leben entspricht, das reproducirt werden sdL 

Aus diesen Andeutungen geht wohl zur G^üge hervor, dass 
mein Satz, wer nicht Rechtsantiquar sei, auch nicht Rechtshistoriker 
sein könne, nicht zu den Paradoxa gehöre. 

Der einleitende Vortrag wurde im Januar 1868 vor einer 
grossen gemischten Versammlung gehalten. Zwar muss ich fürch- 
ten, dass der Schluss dieses Vortrags nicht allen mir befreundeten 
oder freundlich gewogenen Fachgenossen gefallen werde, aber ich 
darf wohl bitten, mir mein Glauben und Hoffen zu gestatten, wie 
ich die politische Ueberzeugung eines jeden sein Vaterland lieben- 
den Mannes achte, nur nicht das Phrasengeklingel der speculiren 
den Kautschukmänner, welche lediglich durch die Erfolge ihre Ein- 
drücke empfangen und zu jeder Wandelung bereit sind, bei welcher 
sie auf einen Erfolg für sich glauben rechnen zu können. 

Zürich , im schönen Mai 1868. 



Inhiltiflbeniekt 



Seile 

L Der ethische Factor im altdeutschen Recht . . . 1—18 

n. Die Gastgerichte 19—68 

in. Morgengabe und Abendgabe 09—83 

IV. Das ins prim» noctis 84 — 98 

V. Ein Rebenweisthum 99—110 

VI. Die bürgerliche Ehre, ihre Entziehung und Bchm&lerung . 111—138 

VIL Die Personifioimng der Thiere 189—149 

Vm. Die Talion 150—180 

IX. Das Strafrecht in Kaiser Ludwig*8 Landrechtsbuch von 1346 181—240 

X. Der Kachtechach 241—251 

XL Die Theilnahme am Verbrechen 252 — 272 

Xn. Schweizerische Hochgerichtsordnungen . . , . 273—302 

Xm. Hans Hotterer 303-310 

XrV. Der Process gegen einen abwesenden Todtsohl&ger . . 311—326 

XV. Das Bahrrecht 327—332 

XVI. Die Ladung in das Thal Josaphat 333—336 

XVIL Die Behandlung der Selbstmörder 337—345 

XVIU. Das Ertränken und das Schwemmen .... 346—355 

XIX. Das Lebendigbegraben 356—360 

XX. Der Brand von Zürich im Jahr 1286 361—366 

XXI. Gnade bei Recht 367—382 

XXTT. Das Abtrinken des Friedens 383—390 

XXin. Das kohlenberger Gericht in Basel 391—412 

XXIV. Der letzte Hexenprocess 413—433 



Ueknicht der akgektaxtei Gitate. 



Aiam, Sirafir, — das alamaimiBche Strafireeht im dentsch^ Mittelalter. Von 

Ed. 08en.brflggen Schaffh. 1860. 
ÄwgAmrg 1276 — das augsbuger Stadtrecht von 1276 in: M. von Freyberg*» 

Sammlung deutscher Rechtsalterthllmer I. 
Basd ReMsq. — Rechtsqneüen von Basel Stadt und Land. I. IL 
Blwmer — Staats- nnd Rechtsgeschichte der sehweiaeriBehen Demokratien L 

- n, 1. 2. 
BkuUsdäi ^ Staats- nnd Rechtsgeschichte der Stadt nnd Landschaft Zürich 1 2. 
Gunifp — deutsche Stadtrechte des Mittelalters 1. 2. 
GtsekiMifitncher — der schweiierische, Bd. 1—13. Bern 1812 ft 
GesdtkkUfirmmd — Mittheüungen des lüstoriBchen Vereins der f&nf Orte Lncem, 

Uri, Schwyi, Unterwaiden und Zug, Bd. 1—21. 1844 ff. 
Graf umd Dieihmr — deutsche Rechtssprichwdrter 1864. 
GrtHiiii R^. — deutsche Rechtsalterthllmer. 
Grimm WHK ^ WeisthUmer 1—5. 

Jotm — das Sorafirecht in Norddeutschland aur Zeit der Reehtshttcher L 
KdUmbätk — die Pan- und Bergtaidingbflcher in Oesterreich unter der Enns 

1. 2 Wien 1846. 47. 
Mone's 3Ü9ckr. — Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. 
Sdut¥iber$*s Bmir, — Beitri^ aur Kunde und Fortbildung der aüreherischen 

Rechtspflege 1840 ff. 

S€ha¥iber$*$ Hsdbr. — Zeitschrift für noch ungedmckte schweiaensche Rechts- 

queUen 1. 2. 1844. 47. 
SekmtXkr — bayerisches Wörterbuch 1—4. 
ScMmqi. — die Ausgabe des Schwabenspiegels (Landrecht) von FrelheiT Ton 

Lassberg mit L., die von Wackernagel mit W. beseichaet. 
S0g€$S€r — Rechtsgeschichte der Stadt und Republik Luaem 1 — 4. 
Si$g^ — Geschichte des deutschen Gerichtsverfahrens 1. 1857. 
&9». — das sichsUiche Landrecht — von Home y er (3. Ausg.). 
Sirafinda der Lamgobardm — von Ed. Osenbrilggen. 1863. 
Waiiz Verf, — deutsche Yerfassungsgeschichte 1—4. 
Waa$r — deutsche Rechtsgeschichte 1. 2. (2. Ausg ) 
fTf^fOiMi Synom. — Wörterbuch der deutsdien Synonymen 1848. 
WUda — Geschichte des deutschen Strafirechts L 
Z^ß Rg. — deutsche Rechtsgeschichte (3. Aufl.). 
Z^ß ÄUerth. — Alterthfimer des deutschen Reichs nnd Rechts I. 2. 
Zt$d^. fitr sdbtM. ReM — Zeitschrift für schweiserisches Recht 1—15. Basel 

1852 ff. 



I. Der efkisdie Factor im altdeitsehen Recht. 

(Vortrag.) 



Wie man von L. Junius Brutus erzählt, dass er seine eigenen 
Söhne habe hinrichten lassen, weil sie unter den Verschwomen 
gegen den jungen Freistaat gewesen, so meldet auch die Geschichte 
des deutschen Mittelalters von Vätern, welche die natilrliche Liebe 
zu den Söhnen gegen das strenge Recht verstummen liessen. Peter 
Ecker von Eck soll als Vicedom seinen Sohn zum Tode ver- 
urtheilt haben, weil dieser in dem Kampfe mit den Böhmen fahnen- 
flüchtig gewesen war *) , und in Schwyz sprach 1540 der Land- 
ammann Amberg das Todesurtheil über seinen Sohn, welcher sich 
eines gemeinen Verbrechens (der Blutschande) schuldig gemacht 
hatte. Man kann diese Väter, welche mit blutendem Herzen das 
unmöglich Scheinende vollbrachten, bewundem, weil sie den 
Staatsbürger über den Menschen stellten, aber eine solche CoUision 
des Rechts mit dem tiefinnersten Gefühl des Menschen ist eine 
Abnormität, Welche nicht eintreten sollte. Es ist nicht der Herois- 
mus der spartanischen Mutter, welche ihrem in die Schlacht zie- 
henden Sohne die Mahnung mitgab, mit dem Schilde oder auf 
dem Schilde zurückzukommen. Jener schwyzerische Landammann 
hatte es auch gar nicht nöthig, ein modemer Brutus zu werden. 
Grade das altschweizerische Recht wollte die Familienliebe nie 
zu Gunsten des starren Rechts verläugnen lassen und entband 
nicht nur den Vater von der Pflicht, über den Sohn zu richten, 
sondern räumte der Blutsverwandtschaft als Inbegriff der von der 

») Bmvaria I, 1, -S. 304. 
OsenbrOggen, rechtsgesch. Studien. ^ 



2 7v:<.;iv't'' 

Natur zu einem Schutz- und Trutzbündniss vereinten Menschen 
selbst die Blutrache als Recht und Pflicht ein. Die Blutsverwandten 
waren auch befreit von der sonst allgemeinen Bürgerpflicht der 
Nacheile und der Fahndung eines Missethäters wie von der De- 
nunciation und vom gerichtlichen Zeugniss gegen ihren Familien- 
genossen. Im Friedensrecht stand zwar der Satz, dass niemand 
sich solle einmischen in einen Streit und eine Schlägerei als nur 
um Frieden zu gebieten und zu scheiden, wo aber jemand seinen 
Vater oder Bruder bluten sah in einem Kampfe, da durfte er 
Partei nehmen. 

Im Vergleich mit dem Verfahren jenes schwyzerischen Land- 
ammanns, der die Vaterliebe verstummen liess und in seinem Sohn 
nicht mehr den eigenen Sohn, sondern nur den Verbrecher sah, — 
im Vergleich dazu zeigt ein anderer Fall 2) aus der Schweiz einen 
Excess nach der entgegengesetzten Seite, weil in demselben die 
wirkliche oder angenommene Vernachlässigung einer sittlichen 
Forderung Capitalstrafe nach sich zog, wo doch kein Strafgesetz 
übertreten war. 

Der Messerschmied Samuel Z. in Zofingen war im October 
1615 mit seiner Frau und mehreren Mitbürgern auf den Markt 
nach Solothurn gegangen. Dort stiegen sie am 28. d. M. in ein 
Schiff", um auf der Aare bis nach Aarburg zurückzufahren. Durch 
Verwahrlosung des Schiffers stiess das Schiff an einen Felsen und 
versank. Die Mehrzahl der Personen ertrank, Z. und einige andere 
konnten sich retten. Dem Z. wurden nach der Heimkehr bittere 
Vorwürfe gemacht, dass er, ein sehr geübter Schwinmier, sich 
gar nicht bemüht habe, irgend einen der Unglücksgenossen, auch 
die eigene Frau nicht, zu retten, und als er desshalb vor den 
Hath citirt ward, erklärte er zu jedermanns Verwunderung: ^es 
sei wahr, dass er nicht nur seine Frau, die ihm herzlich lieb 
gewesen, sondern auch andere hätte retten können, allein wider 
Gottes Willen habe er nichts thun dürfen; das Schiff sei nicht 
ohne Gottes Willen versunken; die, welche Gott habe retten wol- 
len, seien schon heraus gekonmien, die er aber zu seinen Gnaden 
habe berufen wollen, seien im Wasser geblieben und diese habe 
er an ihrem seligen Lose nicht hindern wollen, denn die selig 

S) (Friekhmrdt) Chronik der Stodt Zofingen n (lSl%)y S. 174. 



3 

sterben, seien glücklicher als die übel leben etc." Die Obrigkeit 
fand für gut, mit dem Urtheil über Z. nicht zu eilen, sondern 
ihn zuvor durch Gottesgelehrte befragen und belehren zu lassen. 
Endlich fiel aber doch das Urtheil dahin aus, dass, weil er seine 
eigne Frau nicht habe retten wollen, er mit dem Schwert solle 
hingerichtet werden. Als man ihm das Urtheil eröffnete, bezeugte 
er Freude und Dank darüber, und am öffentlichen Landtage sagte 
er: „Es sei des Herrn Wille, dass er nun sterbe; er wolle bald 
der Seele nach bei seinem lieben Eheweibe und den andern Er- 
trunkenen sein; er sei gewiss versichert, dass dieselben an dem 
Port der seligen Ewigkeit glücklich angelangt seien, weil sie in 
dem Wasser mit emporgehobenen Händen zu Gott gefleht hätten. 
Weim er sie aus dem Wasser hervorgezogen hätte, so würden 
sie noch viel gesündigt haben und vielleicht noch eines unseligen 
Todes gestorben sein und er würde kein so ruhiges Gewissen 
haben wie jetzt." Z. ward darauf an dem Kreuzwege vor dem 
obem Thore in Zofingen enthauptet und sein Vermögen fiscaliter 
eingezogen. 

Der Verdacht, dass der religiöse Schwärmer und Fatalist ein 
Wiedertäufer sei, wie man aus den Unterredungen mit ihm ent- 
nahm, mag auf die strenge Behandlung des Falles eingewirkt 
haben, aber verurtheilt wurde er, weil er eine sittliche Pflicht 
nicht erfüllt hatte, die man mit dem Gefühl als Rechtspflicht 
auffasste; er erlitt die Strafe des Todtschlägers , weil er Men- 
schenleben nicht gerettet hatte, da er es hätte thun können. 

Wenn wir in dem Richterspruch des Landammanns von Schwyz 
die äusserste Spitze des Rechts erkennen, in dem zofinger Fall 
ein sittliches Gefühl an die Stelle des Rechts getreten ist, so 
dürfen wir daraus nicht entnehmen, dass sich das altdeutsche 
Rechtsleben, schwankend zwischen Recht und Sittlichkeit, in 
solchen Extremen bewegt habe. Es sind das eben Extreme, in 
denen das Gleichgewicht von Recht und Sittlichkeit völlig auf- 
gehoben ist. Wenden wir uns aber ^ur Betrachtung des Gesammt- 
bildes altdeutschen Rechtslebens, so finden wir überall im Recht 
den ethischen Factor, der sich vielfach in schönster Weise geltend 
macht, nicht selten freilich auch mehr als es sich mit unserer 
Rechtsanschauung, die wir doch eine geläuterte zu nennen geneigt 
sind, verträgt. Bei solcher Grenzüberschreitung ist aber zu be- 

1* 



denken, nicht nur, dasd die Kirche, welche in der Beurtheilung 
der menschlichen Handlungen den sittlichen Standpunkt festhielt, 
damals in der christlichen Welt einen grossem Einflnss in allen 
Lebenskreisen ausübte als jetzt, sondern dass in den Grerichten 
die Schöffen, die Manner aus dem Volk, welche das Recht zu 
finden und zu ertheilen hatten, wirkliche Repräsentanten des im 
Volke lebendigen Rechtsbewusstseins waren und dabei das sitt- 
liche Element leicht ein Uebergewicht über das rechtliche in der 
Rechtspflege erlangen konnte. 

Um mein Thema, den Kachweis, wie in altdeutscher Zeit der 
ethische Factor wirksam gewesen sei in der Rechtsbildung und 
in der Rechtsübung, zu yerfolgen, schlage ich den Weg der 
Exemplificirung ein, denn yon einem Erschöpfen des Gegenstan- 
des nach allen Seiten hin kann hier natürlich die Rede nicht sein. 

Ich beginne mit dem Lehnrecht, um sogleich einem Vorwurf 
zu begegnen, der mir bei meiner Behandlung des Themas ge- 
macht werd^i könnte , dem Vorwurf, Romantiker zu sein. Eis ist 
möglich, dass meine vorzugsweise dem Mittelalter gewidmeten 
rechtshistorischen Studien mir einen romantischen Zug g^eben 
haben, aber wenn man das Recht des Mittelalters nicht aus 
dem Gresanmitbilde der Zeit herausnehmen und für sich ' be- 
trachten kann, das Gresammtbild aber den Goldschimmer der Ro- 
mantik an sich tragt, so ist es wohl wenigstens verzeihlich, wenn 
man auf der Wanderung durch die Jahrhunderte des Mittelalters 
von der Romantik angesteckt wird. Einen erheblichen Vorwurf 
könnte ich darin nur sehen, wenn mir bewiesen würde, dass mich 
jener Gt>ldschimmer blind gemacht hätte gegen die verindert^i 
Forderungen der Gegenwart Wenn man jezt die Worte Feuda- 
lismus, feudalistisch, Feudalrecht hört, so freut man sich, dass die 
Zustände, an welche man dabei denkt, inmier mehr aus der Welt 
verschwinden, und ich kann in diese Freude vollkommen ein- 
stinunen. Versetze ich mich aber in die Zeit des Mittelalters, in 
welcher der Feudalismus noch nicht entartet war, so wünsche ich 
zwar jene Zeit nicht zurück, aber ich erkenne in dem Lehns- 
wesen eine mit dem Ritterthum eng verbundene schöne Erschei- 
nung in der Entwicklung der europäischen Menschheit. Jetzt steht 
es freilich nur noch als Ruine da und ^die Ritter sind verschwun- 
den, nimmer tönet Speer und Schild^. 



Der innerste Kern des Lehnswesens ist die Treue. Der Vasall 
hat vom Lehnsherrn ein Grundstück (em Gut, einen Inbegriff 
dinglicher Rechte) , aber nicht als Eigenthnro , welches dem Herrn 
bleibt, nnd auf dieser sachlichen Grundlage steht das persönliche 
Verhältniss gegenseitiger Treue. Der feierliche Hauptact der Be- 
gründung des Lehnrechts ist die Investitur. Feierlich und mit 
symbolischer Einkleidung wurde der Lehnsgegenstand dem Va- 
sallen übertragen und dieser versprach eidlich dem Herrn „treu 
und hold" zu sein. Die Huldigung (Hulde) hatte wie die Beleb- 
nnng symbolisches Ceremoniell, wie es in dem alten zu plasti- 
schen Formen geneigten Rechtsleben nicht anders sein konnte. 
Der Mann naht sich mit gefalteten Händen dem sitzenden Herrn, 
knieet und schwört Mannestreu, und ein Kuss besiegelt diesen 
Act, oder der Mann legt die gefalteten Hände ^ in die Hände 
des Lehnsherrn. Aber wenn auch vorzugsweise die Ableistung 
des Lehnseides durch den Vasallen erwähnt wird, so fehlte doch 
nicht die entsprechende Zusage der Treue von Seiten des Herrn 
und so konnte auch Treubruch des Herrn eintreten. Die Bethäti- 
gung der Lehnstreue durch den Vasallen zeigte sich vomemlich 
in Kriegsdienst und in Ehrendiensten. Wenn auch in späterer 
Zeit der Kriegsdienst ganz zurücktritt, so war er doch früher eine 
Hauptsache , und dabei ist hervorzuheben , dass nur diejenigen die 
Fähigkeit der Belehnung hatten, welche den Heerschild besassen, 
d. h. als Ritterbürtige das vollkommene Kriegerrecht hatten, und 
dass auf der andern Seite nicht selten als zum Lehndienst un- 
tauglich genannt werden Leute, die mit körperlichen und geistigen 
Gebrechen behaftet und daher nicht reisig sind, wie auch solche, 
denen aus andern Gründen die Wehrhaftigkeit fehlte, als Frauen, 
Pfaffen, Juden etc. Die Ehrendienste finden eine dauernde Be- 
rücksichtigung als schon (bei veränderter Kriegsverfassung) die 
Kriegsdienste nicht mehr in der alten Weise gefordert wurden 
nnd nur die allgemeine Verpflichtung geblieben war, dem Herrn 

3) Grimm, R. A. 139. — Rosenkranz sagt in seiner Psychologie: 
^Die Hand ist die grösste Vermittlerin zwischen dem Individuum und der 
Anssenwclt. Als Faust wird sie zur Waffe, die sich drohend ausstreckt; sie 
hält das Feindliche ab, zieht das Freundliche heran; macht den Cicerone der 
mimischen Andeutung; bindet sich selbst z. B. im Händefalten, wodurch ich 
ausdrücke, dass ich alle äussere Selbstständigkeit aufgebe etc.^ 



6 

in der Notfa beizustehen. Ans diesen Ehrendiensten hebt das 
schwäbische Lehniecht hervor: „f^ soll aach ein Mann seinen 
Herrn ehren mit Worten nnd mit Werken; er soll anch gegen 
ihn aufstehen, er reite oder er ginge; er soll ihn auch v^iMran gehen 
lassen; er soll ihm den Stegreif hidten, so er anfsitset nnd an 
dem Tage einmal, damit ist es genug. '^ 

Bruch der Lehnstreue hdsst Felonie ^). Die Rechtsqnellen 
fuhren, ohne darin erschöpfend sein zu wollen, manche Handlungen 
auf, durch welche der Vasall die Treue brach und dadurch das 
Lehen verwirkte. Es gehört dahin die Denunciation des Herrn 
wegen eines Verbrechens, die Anstellung einer beschimpfenden 
Klage gegen ihn, die Ablegung eines Zeugnisses gegen de|i Herrn 
in Criminalsachen und selbst in wichtigen CKvilstreitigkeiten. Aber 
auch der Herr hatte Lehnstreue zu bewähren nnd den Vasallen 
nach Ejräften zu schützeu, wo dessen Leben und f3ire, selbst wo 
dessen Vermögen bedroht war. Eäne wissentliche Versänmung dieser 
Pflicht nahm ihm das bei ihm zurückgebliebene Eag^ithum des 
Lehnsobjects, welches dann dem Vasallen zufieL 

Wie tief das Lehnswesen im germanischen Leben wurzelte, 
das zeigt sich in den vielen Spuren, wdche dasselbe in den Ver- 
zweigungen des öffentlichen Lebens im conservativen England 
hinterlassen hat , wo sogar noch jetzt der Name Felonies ^'» die 
grösste Ghmppe der todeswürdigen und mit den schwersten Strafen 
bedrohten Verbrechen umfasst 

Auch in die Verhältnisse der Grrundherm und Bauern hat 
sich das Lehnrecht hineingezogen, obwohl es hier von seinen 
ursprünglichen Charakter viel verlor, und nicht alle Nutzungs- 
rechte an Bauerngütern, wie sie sich auf deutschem Boden ge- 
stalteten, lassen sich auf eine lehnrechlliche Ghrundlage zurück- 
führen. Unter den mannigfachen Abgaben, welche in diesem Ver- 

^) Diex, etymoL Wörterbuch der romaniaehen Sprache t. Fello. 

^ Stephen, new eommentaries on the Imws of Englmnd (3. edii) lY, 
83. Glaser, Anklage, Wahrspmch und Rechtsmittel im engL Schwurgerichts- 
verfahren (1866) S. 2, Anm. 3. — Wie bis in die (J^enwart das Lehnswesen 
in Bngland in Oeltnng geblieben ist, zeigt, dass in don sehr verbreiteten 
„Cabinet lawyer^ der Abschnitt „Tennres'^ mit dem Satie b^innt: «^early 
all the real property of England is snpposed to be gnnted by, or holden of 
some snperior lord, in constderaUon of certain Services to be rendered to the 
lord by the tenant or possessor of the property.^ 



hältniss so wesentlich sind, hat besonders der Ehrschatz einen 
lehnsrechtlichen Klang. Seine Bedeutung ist, dass der den Grund- 
besitz verleihende Grundherr dafür durch eine kleine Gabe in 
Geld, Wein, Pfeffer u. dgl. geehrt wurde. Die an sich nicht be- 
deutende Leistung grenzt an die Ehrendienste des Vasallen. 

Der ungeheure Apparat von Abgaben, welche in mannig- 
fachen Formen und unter den verschiedensten Namen die Grund- 
holden und Unterthanen der geistlichen und weltlichen Herr- 
schaften zu leisten hatten, trägt nun zwar nichts weniger als 
einen ethischen Charakter, aber in einem Punkt offenbart sich 
doch wieder ein schöner ethischer Zug. Zu den gewöhnlichen 
Abgaben gehörten die Hühner und diese kommen in dieser Qua- 
lität unter verschiedenen Namen vor, als Fastnachtshuhn, Herbst- 
huhn, Martinshuhn, Pfingsthuhn, Leibhuhn, Halshuhn, Rauch- 
huhn etc. Kam nun der Bote der Herrschaft in ein Haus, um 
ein Zinshuhn abzufordern, es war aber in dem Hause eine Kind- 
betterin, so sollte er dem dargebotenen Huhn den Kopf abbrechen 
und diesen zum Wahrzeichen für die Herrschaft mitnehmen, das 
Huhn aber für die Kindbetterin zurückwerfen, damit sie sich 
daran ergetze. Aehnliche Rücksicht für solche Frauen kommt oft 
in den Rechten vor, und damit die Ruhe uhd der Frieden des 
Hauses nicht gestört werde, war auch vorgeschrieben, dass der- 
jenige, welcher das Rauchhuhn als Abgabe einfordere, sich so 
ruhig benehmen solle, dass er den Hahn auf dem Rick nicht 
erschrecke und das Kind in der Wiege nicht erwecke (Grimm, 
Wsth. n, 539. 646). Verwandt ist es, dass der Gerichtsherr, wenn 
er mit •seinen Freunden in einem Bauernhofe herbergen wollte, 
Schwert und Sporen vor der Thür abthun sollte, um die Frau 
nicht zu erschrecken (Grimm, Wsth. H, 132). Wir bringen der- 
gleichen nicht in die Gesetzbücher und es wäre auch in einem 
Gesetzbuch nicht am Platz, aber die Aufzeichnungen alten Rechts, 
die Weisthümer, sind eben keine Gesetzbücher, welche Recht 
setzen und machen sollen, sondern sie erfassen das unmittelbar 
aus dem Leben erwachsene Recht und verbreiten sich auch über 
die mit dem Recht eng verbundene gute Sitte. Oft sind es Züge 
von rührender Einfachheit, welche auf diese Weise angegeben 
werden, z. B. wenn es in der bemer Handfeste § 45 heisst, der 
verheiratete Sohn solle seiner alten verwittweten Mutter am Heerde 



8 

and am Tische den besten Platz lassen. Mit der Ansscheidmig 
solcher Grebote aas onsem Cresetzen, wie correct sie auch sein 
magy sind aber auch Begriffe abhanden gekcunmen, welche in 
alter Zeit zom guten Recht gehörten. Wie wenig ist in dem jetzi- 
gen Recht noch die Rede vom Haos&ieden and Ton der Haas- 
ehre, welche das idte Recht so hoch stellte! 

Einen starken Gregensatz zn dem scharf al^egrenzten Hdn 
nnd Dein der Gegenwart bildet die Homanitat g^en wegfertige 
Leute, welche man als eine natürliche stillschweigende Chist&eand- 
schaft nehmen kann. Der Ssp. ü, 68 sagt: ^Erliegt dem weg- 
fertigen Manne sein Pferd, er mag wohl Koan abschneiden and 
es ihm geben, so weit als er es, mit einem Fasse im W^e stehend, 
erreichen mag. Er soU aber nichts T<m dannen fahren.^ Aas 
allen Zeiten des Mittelalters nnd in den Terschiedenartigen Rech- 
ten, in den Yolksrechten , den Reichsgesetzen, den Landfrieden, 
den Rechtsbüchem, den bäuerlichen Rechtsqnellen kommen der- 
artige Zugeständnisse vor, an welche sich in interessanter Weise 
der s. g. Mundraub anschliesst, das Nehm^i reifen Obstes zum 
unmittelbaren Crenuss. V<Hn strafbaren ObstfircTel und Diebstahl 
war der erlaubte Mundraub scharf abgegrenzt, theils durch das 
Verbot solches Obst in den Sack zu thun und wegzutragen, 
theils durch eine quantitatiTC Bestimmung, bei welcher die Essens- 
lust mit einem reichlichen Maasse gemessen ist Schon im alten 
Volksrecht der Langobarden findet sich der Satz: ^Wenn jemand 
über drei Trauben aus einem fremden Weinberge genrnnmen hat,' 
so wird er mit sechs Schillingen gebösst, hat er aber nur bis drei 
genommen^ so ist er nicht bussfallig"^, und ^drei sind firei'^^wurdc 
in di^er Verwendung gradezu ein Rechtssprichwort Von gerin- 
gerem Obste als Trauben ist auch nicht selten eine grossere Por- 
tion zum augenblicklichen Essen zugestanden. Hinwieder ist in 
Betreff der Trauboi auch wohl die Schranke gesteckt, dass nur 
der vorüberziehende Fremde seinen Appetit in d^n normirten 
Maasse befriedigen durfte, nicht der Kachbar, weld^r ja seinen 
eigenen Vorrath hatte. S<mst lag die Nachbarhülfe nicht bloss in 
der Sitte, sondern sie war auf Grund guter Sitte im Recht be- 
festigt Was jemand heute sein^si Nachbarn zugestehen musste oder 
Ton ihm zu dulden hatte, das oder AehnHches konnte er mxxrgtsa 
▼on seinem Nachbarn Terlangen, wie er es nach guter Sitte und 



9 

Billigkeit erwarten durfte. Das Recht erfasste hier besonders die 
Isoidwirthschaftlichen Verhältnisse der Gemeindegenossen. Ueber 
ein fremdes Kornfeld zu fahren war zwar verboten; hatte aber 
ein Landmann sein Feld oder seine Wiese früher gemäht als sein 
Nachbar 9 konnte aber das Gemähte nicht gut heimbringen ohne 
über des Nachbarn Feld zu fahren, ^so soll er seinen Nachbarn 
berufen, der soll ihm einen Sensenschlag oder zween durch seinen 
Grund räumen oder vergönnen". So bestimmen österreichische 
Dorfrechte •). 

Während man im Mittelalter den wehrhaften Männern im Ver- 
kehr mit ihren Standesgenossen mehr Eigenmacht und Selbsthülfe 
zugestand als es nach unsem Begriffen mit der Ordnung im Staate 
verträglich ist, fehlte es den Wehrlosen und Schwachen nicht an 
rechtlichem Schutz, der in besondem Formen hervortrat Sie 
standen in des Königs Schutz, im Mundium regis oder Mundium . 
palatii, wie es im langobardischen Recht heisst, und das friesische 
Recht '^) bestimmt: „Wittwen und Waisen, Wallfahrern und allen 
wehrlosen Leuten hat der Richter zu helfen, denn sie sind des 
Königs Mündel." Die besondere richterliche Hülfe, welche ihnen 
gewährt wurde, bestand vomemlich darin, dass in den Gerichten 
ihre Sachen vorweg behandelt werden sollen. „Allweg den Frowen 
vor den Mannen" heisst es galant in einer Öffnung von Kilchberg 
im Toggenburg und an vielen Stellen sind Wittwen und Waisen 
vorangestellt. 

Wer im Mittelalter eine Frau tödtete oder verletzte, hatte die 
doppelte Composition zu zahlen; aber ich kann hier nicht ver- 
schweigen, dass, weil die Rechte von den Männern geformt wur- 
den, die Frauen bisweilen auch nur halb so viel als die Männer 
galten *). Zu dieser letzteren Anschauung finden sich leider auch 
Analogieen in der alten Schweiz und speciell im Canton Zürich 3). 
Wurde in Neftenbach einem Mann ein Knabe geboren, so sollte 
man ihm zwei Karren Holz geben, wenn ein Mädchen, nur einen 
Karren. Im Thäyngen im Canton Schaffhausen durfte der Vater 

6) Meine Rechtsalterthümer aus österr. Pantaidingen 8. 24 Vgl. Grimm, 
Wsth. IV, 6. 346. Graf und Dietherr S. 84 ff. 
^1 Graf und Dietherr 8. 434. 
9) Grijnm, R A. 404. 
«) Grimm, Wsth. I, 96, 137, 141, 374. IV, 43Q. 



10 

im ersten Fall ein Fnder Holz im Walde haaen, im zweiten nnr 
einen Karren, und noch ans neuerer Zeit berichtet Stalder 
(Idiotikon I, 355i\: ^Wenn in Schaffhansen ein ELind geboren 
wird, lässt man's den Verwandten mid Freunden ansag^L Die 
Magd trägt einen weissen Vorschnrz nnd zwei Strinsse, ein^i 
am Busen und den and^n in der Hand, wenn's ein Knabe ist; 
aber nur einen Straus, wenn's ein Madchen ist"^ Dieselbe Sitte 
besteht noch in Schaffhausen, namentlich bei der Geburt des 
ersten Kindes, und ebenfalls auf dem Lande im Aargan. 

Eine^ Schutzes vom Recht und eines Schirms der Obrigkeit 
musste auch oft der Fremde bedürftig erscheinen, denn er hatte 
ja soQ^t niemand, der ihn gegen Unrecht vertheidigen komde, 
keine Familie^ die für ihn eintrat. Er war firemd, — in dem Wwrte 
lag nur eine Negation — ^ aber mit einem freundlichen Zugratand- 
niss wird er in der ahen Sechtssprache sehr gewohnlich wis Gast 
bezeichnet und in gerichtlicher Beziehung den Wittwcn und Waisen 
zugesellt Allein nicht bloss durch rasche Justiz im gewöhnlichen 
Leben sollte ihm geholfen werden, sondern wenn er getödtet war, 
blieb er nicht ohne Kecht. Da niemand Ton seiner l^pe da war, 
der nach der Pftieht des Blutes seinen Tod rächte oder Recht for- 
derte, so sollte der Richter statt der Freundschaft auffareten. So 
bestimmte in edler Weise das magdebnrger Schoffenrecht, welches 
in das Stadtrecht vwi Ofen überging, wo es hekst: «En Richter 
soll von seines Amtes wegen klagen um einen elend«» erschlage* 
nen Mann als um seinen rechten Bruder", und weiter: Jfan sfÄl 
den Todten nicht begraben, man trage ihn denn Toran für das 
Rathhaus, zu einem Zeichen, dass der Richter sein nächst»- 
Freund und Bruder ist." Wenn hier ein •elender"^ Mann gesagt 
wird, so bedeutet das wie oft den auslandiseheft Mann, und das 
ist die ursprungliche Bedeutung vwi «elend'', dessen Entwickhing 
zu der gegenwartigen Verwendung Grimm in seinem deutschen 
Wl«rterbuch sehr schc«i angegeben hat 

Mit dem FaUe des «elenden Mcwdes*^ sind wir sch«i auf döi 
Boden des Strafrechts getreten und in diesem Rechtsgebiete zeigt 
sich am stärksten, wie machtig der ethische Factor im altdeut- 
schen Recht gewesen ist. 

Die Heimlichkeit fiel weit schwerer in die Wagschak der 
Justitia als das offene^ wenn auch widerrechtliche HaadefaL Tod- 



11 

tuDLg konnte sehr verschieden geschätzt werden. Auf Mord oder 
schändliche Tödtung stand die schwere Strafe des Rades. Die 
Schändlichkeit wurde vomemlich gesehen in der Heimlichkeit. Die 
Heimlichkeit konnte schon im Act der Tödtung liegen, aber auch 
oder darnach in dem Abläugnen der That und, was die alten 
Rechte besonders betonen, in dem Verbergen des Leichnams. 
Den Todtschläger, der im offenen Kampfe seinen Feind erschla- 
gen hatte, traf höchstens die Strafe der Enthauptung. Es war das 
nicht nur die einfache Todesstrafe im Gegensatz zu der qualvollen 
des Rädems, sondern galt auch nicht für unehrenhaft. 

Die Heimlichkeit und das offene Thun fanden ihre Würdi- 
gung ganz besonders in der verschiedenen Behandlung des Diebes 
und des Räubers. Der schleichende Dieb war im höchsten Grade 
verächtlich, war ein gemeiner Verbrecher, und, seiner wartete die 
schimpfliche Strafe, an seinem Halse am Galgen aufgeknüpft zu 
werden. Jüdische Diebe wurden auch an den Beinen aufgehängt, 
wenn sie sich nicht noch im kritischen Augenblick taufen Hessen, 
um der christlichen Form der Diebsstrafe theilhaftig zu werden. 
Der Räuber war keineswegs straflos, — das Wort Annexion war 
im Mittelalter noch nicht erfunden — , aber ihn traf das Schwert, 
welches nicht die Unehrenhaftigkeit des Galgens und des Strickes 
Im sieh trug, und wenn auch die Städter, welche in den adlichen 
Strassenräubem ihre schlimmsten Feinde hatten, sich nicht mit 
der Schwertstrafe begnügten, so thaten sie dem ritterlichen Mann 
doch die Ehre an, ihn an einem besondem Galgen an der Land- 
strasse mit Stiefel ^nd Sporen aufzuhängen, nicht wie den Dieb 
am cwrdinären Galgen und nicht wie beim Dieb es heisst, „als 
er mit dem Gürtel umfangen ist", bis auf das Unterkleid entkleidet. 

Im Zusammenhange mit dem Schutz, den nichtwehrhafte 
Löute finden sollten, steht eine weitere Sonderung der Strassen- 
räuber. Für den gewöhnlichen Strassenraub ist nach dem augs- 
burger fetadtrecht von 1276 und dem Schwabenspiegel die Strafe 
Enthauptung, der rechte oder üble Strassenraub ist mit dem Gal- 
gen bedroht. Ein solcher erschwerter Strassenraub wurde begangen 
an Pfaffen und Pilgern auf der Reichsstrasse und an Kaufleuten, 
welche reiten, gehen oder fahren von Land zu Land, von Zunge 
zu Zunge, auf des Reiches Strasse und zu Wasser. 

Nirgends erkennen wir das sittlighe Princip des altdeutschep 



12 

Rechts deutlicher als in der Unterscheidung der ehrlichen und 
unehrlichen Sachen. Unter den unehrlichen Sachen ragen hervor 
der Mord und der Diebstahl; unter den ehrlichen Sachen dient 
der Todtschlag am meisten zur Charakteristik dieser Gruppe. 
Wenn ein wehrhafter und wehrtragender Mann zwar nicht in 
rechter Nothwehr, aber im ehrlichen Kampfe seinen Feind er- 
schlagen hatte, so hatte er eben nur gethan, was jeder wehrhafte 
und ehrenhafte Mann nach der Anschauung alter Zeit gethan 
haben würde, aber man erwartete dann auch von ihm, dass er 
die rechtlichen Polgen in ehrlicher Weise auf sich nehme und 
sich nicht nachher in den Schatten der Heimlichkeit und die 
Schlupfwinkel der Lüge verkriechen werde. Wenn er sich gleich 
nach der That vor der bluträchenden Freundschaft des Erschla- 
genen verbarg, um das Wetter etwas verziehen zu lassen, so war 
das keine unehrenhafte Selbsterhaltung, sobald er nur bereit war 
zu leisten, was zur Sühne dienen konnte, sei es in friedlicher 
aussergerichtlicher Ausgleichung mit der Sippe des öetödteten 
oder in gerichtlicher Verhandlung. Die Obrigkeit, bevor noch 
das fortgeschrittene öffentliche Strafrecht auch jeden Todtschlag 
erfasste, nahm, wenn ein solcher Fall sich ereignet hatte, zuerst 
eine zuwartende Stellung ein und war mehr bemüht eine liebliche 
Ausgleichung oder Tädigung zwischen dem Todtschläger und 
der feindlichen Familie zu bewirken als die Sache auf den Gre- 
richtsweg zu bringen. Dazu gibt gerade die schweizerische Rechts- 
geschichte reichliche Belege und eine Menge solcher Sühnverträge 
vom 14. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts sind uns überliefert, 
in denen ein auf die Blutrache zurückweisender Punkt regelmässig 
wiederkehrt, nemlich dass der zwar ausgesöhnte Todtschläger doch 
den Verwandten des Getödteten so viel als möglich aus dem Wege 
gehen solle, damit bei seinem Anblick die Rache nicht wieder 
auflebe. Sehr gewöhnlich wurde ihm die Stiftung eines „ewigen 
Lichts" auferlegt. 

Solche Sühnverträge sind nicht etwa schweizerische Eigen- 
thümlichkeit, sondern Ausdrücke des germanischen Rechtslebens, 
das sich in Jahrhunderten von der Wassersäule des Geisers auf 
Island bis zu den Quellen des Rheins entwickelte. Grade im 
skandinavischen Norden, wo das Rechtsleben von Poesie durch- 
wirkt war, hatten die Sühnverträge eine sehr feierliche Form. 



13 

Wenn man sich über die Busse geeinigt hatte, welche die Familie 
des Getödteten je nach seinem Werthe beanspruchte, so wurde 
die Herstellung des Friedens mit einem Schmause, dem Trygda^ 
mal, gefeiert und. mit dem Friedenskuss besiegelt. Die Aussöh- 
nungsformel, welche ein altnordisches Rechtsbuch mittheilt, ist an , 
Bildern überreich **). 

Verfolgen wir die Unterscheidung der ehrlichen und unehr- 
liclien Sachen weiter, so erkennen wir ihre grosse Bedeutung in 
den rechtlichen Wirkungen nach verschiedenen Seiten hin: 

1. Sie übte ihren Einfluss auf den Gerichtszwang. 

2. Sie war wichtig für die Frage, ob jemand in Haft zu 
bringen oder gegen Bürgschaft, auf Tröstung, während der Un- 
tersuchung auf freiem Fuss zu lassen sei. 

3. Sie übte Einfluss aus auf die Beurtheilung , ob ein Ab- 
machen in der Stille gestattet sei. Mit Mordbrennern zu tädigen 
war nicht gestattet imd sehr oft ist dieses Verbot wiederholt in 
Betreff der Diebe. 

4. Ob die näheren Verwandten verpflichtet seien, straf- oder 
busswürdige Handlungen eines Menschen anzuzeigen, dafür kam 
jener Unterschied in Betracht, sowie hinsichtlich der Pflicht zum 
gerichtlichen Zeugniss. 

5. Einen schönen Ausdruck hatte die Unterscheidung im Asyl- 
recht. Kirchen und Klöster waren Freistätten, und wer nur den 
Ring einer Kirchenthür ergreifen konnte, sollte sicher sein vor 
seinen Verfolgern; wer ein Klreuz an der Landstrasse mit seinen 
Armen umfassen konnte, ebenfalls, und das hatte eine grosse Ver- 
mehrung der Kreuze an den Strassen zur Folge. Mit den Klöstern 
und Gotteshäusern hängen auch noch viele Freihöfe zusammen, 
aber manche andere Locale, bei denen dieser Zusammenhang wenig- 
stens nicht sichtbar ist, hatten die Eigenschaft von Freiungen: 
der Fischmarkt in Freiburg im Br., die Münze in Augsburg, die 
Feste Asperg, Lichtensteig im Toggenburg. Es gab selbst einzelne 
Freibänke in Wirthshäusem , z. B. im Adler in Brunnen, am 
Rothenthurm, an der Treib unter dem Seelisberg, die zugleich 
ein Rettungshafen für die Schiffer war. Ein hinteres Stüblein im 
Wirthshause zur Gans in Altstetten bei Zürich war ebenfalls bis 

>0) Grimm, RA. 39. 



14 

zur Reformation eine Freistatt. Die Tragweite des Schutzes, deif 
die grossen Kirchen, z. B. unser Fraumünster und solche kleine 
Freiungeu boten, war zwar nicht dieselbe, aber inmier ist es ein 
Schutz gegen Grewalt, der verliehen werden sollte. Allein nicht 
jeder Verfolgte konnte diesen Schutz beanspruchen, nicht der 
Mörder und der Dieb, wohl aber der Schuldner, dem seine Gläu- 
biger auf den Fersen waren, und auch der Todtschläger. Merk- 
würdig schon. deshalb , weil er der Gegenwart so nahe liegt, ist 
ein Fall aus Rapperswyl vom Jahre 1795 "). Ein Dieb floh in 
die dortige Kapuzinerkirche, um eine Freistatt zu haben gegen 
die ihm nachsetzende weltliche Behörde. Diese achtete aber den 
Kirchenfrieden nicht, sondern verhaftete den Dieb. Die Patres 
glaubten sich in ihren Rechten gekränkt und klagten beim päpst- 
lichen Legaten in Luzem, der endlich dahin vermittelte, dass der 
Dieb wieder in der Klosterkirche zurückgeführt, dann vom Vor- 
steher der Kirche des Asyls unwürdig erklärt, und, von der Kirche 
in Banden gelegt, der Justiz überantwortet wurde. Das war cor- 
rect ; der Legat hatte Recht in beiden Punkten, dass ein Dieb keine 
Freiung habe und dass dennoch die weltliche Obrigkeit nicht 
befugt sei, denselben vom Altare wegzureissen, sondern sich den 
Dieb von der Geistlichkeit musste ausliefern lassen. 

6. Aus der Eintheilung der ehrlichen und unehrlichen Sachen 
ergab sich mit Nothwendigkeit eine entsprechende Eintheilung der 
Strafen. Galgen und Strick und Pranger waren unehrlich; wenn 
aber der Mörder oder Dieb aus Gnaden enthauptet wurde, so 
galt das als eine Verwandlung der unehrlichen Strafe in eine 
ehrliche. 

Nur sporadisch hat sich von jener einst durchgreifenden Ein- 
theilung der Sachen einiges im neueren Strafrecht erhalten, und 
es ist unmöglich sie wieder in ihrer ganzen Ausdehnung zu be- 
leben, denn alles wirkliche Recht ist ein Product der Zeit, und 
was auf dem Boden alter Zeit Recht war, würde oft auf dem 
Boden unserer Zeit nicht gedeihen. Aber das Princip, auf wel- 
chem die Eintheilung ruht, ist lebensfähig geblieben imd eine 
zeitgemässe Verwendung seiner Consequenzen würde die dem 
Rechtsbewusstsein im deutschen Volke vielfach entfremdeten Straf- 

11) Rickenmann, Rapperswyl S. 242. 



15 

gesetze volksthümlicher machen.* Es ist sehr zu loben, dass der 
neue Entwurf eines Strafgesetzes für Oesterreich (1867) einen 
bedeutenden Schritt gethan hat zur Wiederbelebung jener auf sitt- 
licher Grundlage ruhenden Qruppirung, indem der Entwurf die 
Eintheilung der entehrenden und nichtentehrenden Strafen als 
Haupteintheilung erfasst, auf dem Hintergrunde der entehrenden, 
d. h. aus gemeiner Gesinnung entspringenden, und nicht entehren- 
den Handlungen. Irre ich nicht, so werden auch die Geschwomen 
langsam aber sicher einen Druck auf äie Gesetzgebung ausüben 
und dieselbe zwingen, von dem Verleugnen jenes Princips abzu- 
gehen. 

Auf meinem Gange durch die Gebiete des altdeutschen Rechts 
fällt mir noch an der Grenze deutscher Sprache und deutschen 
Lebens, im schönen Bündnerlande, ein Gegenstand in die Augen, 
der für mein Thema Beachtung verdient. War gegen jemand eine 
Klage wegen Ehrverletzung erhoben, so konnte er sich möglicher 
Weise durch die Einrede der Wahrheit schützen. Wenn er den 
desfalligen Beweis der Wahrheit seiner Behauptung führte, so hatte 
er ja den Andern nicht verunglimpft , ihn nicht in seiner recht- 
lichen und sittlichen Sphäre herabgesetzt. Dieser einfache logische 
Gedanke führte zu einer Geltung jener Einrede, die man in 
neuerer Zeit aus polizeilicher Aengstlichkeit mehrfach beschränkt 
hat. Aber auch in alter Zeit gab es Fälle, in denen die Einrede 
der Wahrheit ausgeschlossen war. Einen solchen Fall behandeln 
die Statuten von Fürstenau und Ortenstein im Domleschg und 
die Satzungen des Hochthals Avers, wo es heisst: „Item es ist 
auch gesetzt, dass niemand dem andern seine abgestorbenen 
Freunde oder wie sie ihm angehören möchten, weder schmähen 
noch vorwürflich anziehen solle, obschon der Abgestorbene mit 
etwas Laster oder Mangel behaftet gewesen wäre. Wer solches 
übersieht, soll gestraft werden nach Obrigkeits Erkenntniss.'^ 
Der Grund eines solchen Ausschlusses der Einrede der Wahrheit 
liegt theils darin, dass der Todte sich ja nicht mehr vertheidigen 
konnte, aber eben so sehr darin, dass man nicht bloss eine Ehre 
des Individuums, sondern auch eine Familienehre anerkannte, und 
jener Rechtssatz der einfachen Landleute aus „alt fry Rhätien'^ 
offenbart einen sittlichen und zugleich ritterlichen Charakterzug. 
Das preussische Strafgesetzbuch kennt keine Injurien gegen Ver 



16 

storbene ^^) ; in Prensaen ist aber doch die Familienehre nicht 
unbekannt und mancher will lieber in seiner P^son beleidigt sein 
als seinen Vater im Ghrabe beschimpfen lassen. 

Ich muss meine rechtshistorische Wanderung hier abschUessen 
und blicke auf den zurückgelegten Weg zurück. 

Der Rückblick zeigt, welchen Einfluss man in alter Zeit den 
sittlichen Ghimdsatzen für das Rechtsleben einräumte, zeigt aber 
auch einen Ueberhang yon Anschauung^i auf den Rechtsboden, 
die zwar in der sittlichen Sphäre berechtigt sein mochten, aber 
der Entwicklung der Rechtsidee nicht förderlich waren. Die Aus- 
bildung des öffentlichen Strafrechts war lange gehemmt durch 
Familienrücksichten und Interessen, die dem Rechte fremd sein 
sollten; das an sich edle Asjhrecht entzog manchen missethätigen 
Menschen der weltlichen Obrigkeit; die Strafe wurde noch nicht 
als nothwendige Reaction gegen das Verbrechen erfasst Das 
neuere Strafrecht zeichnet sich aus durch schärfere Begriffsbil- 
dung und juristische Construction , aber nicht selten auf Kosten 
der sittlichen Ideen, die das deutsche Volk sich nicht will nehmen 
lassen ^2); die juristische Construction muss es sich aber auch 
gefallen lassen, dass Zweckmässigkeitserwägungen yon sehr zwei- 
felhaftem Werthe und StaatsgefahrUchkeitsglaube sich breit 
machen. Das Strafrecht hat im Laufe der Zeit gewonnen und 
yerloren, aber am wenigsten wird dieser Rechtstheil die sittlichen 
Ideen yerläugnen können. Auch das Priyatrecht, in welchem 
deutsche und römische Elemente zusammengeflossen sind, hat 
keine Neigung, der Sittlichkeit sich feindlich zu zeigen, da auch 
die alten römischen Juristen es stark betont haben, dass das Un- 
moralische nie Recht sein werde. Anders steht es aber mit Ge- 
bieten des öffentlichen Rechts, weil dieses mit der Politik eng 
yerknüpf t ist Da sehen wir denn oft, dass etwas als Recht aus- 
gegeben wird, was yom Recht wesentlich yerschieden ist. Es 
liegt zwar schon eine grosse An^kennung des Rechts darin, dass 

IS) Berner, Lehrb des deutschen Strafirechts § loa 

^^ Eine sehr verwerfliche Constractiou und Gleichmacherei von FlUen, 
welche in sittlicher Beziehung weit ans einander liegen, enthalten § 144 des 
prenssischen Str.03. nnd § 190 des osterr. Entwurfs eines Stra%esetzes (1867). 
Das nndentsche Verlassen des Standpunktes der P. O.O. Art. 119 war hier 
gar nicht durch juristische Conseqnena geboten. 



17 

man es wenigstens als Firma benutzt nnd sich stellt, als ob man 
nur dasjenige für gerechtfertigt halte, was dem Rechte gemäss 
sei, aber dabei wird sehr willkürlich, zum Theil mit raffinirtem 
Jesuitismus, mit dem Recht umgegangen. Es ist bemerkenswerth, 
wie in der lateinischen Sprache die beiden Worte, welche Recht 
und Gewalt bedeuten, ius und vis, nur dadurch sich unterschei- 
den, ob der Punkt, der Tupf, über dem ersten oder dem dritten 
Strich steht, und dass daher mit der leichtesten Mühe ius in vis, 
riß in ius verwandelt werden kann. Aber man hüte sich vor dem 
spielenden Experiment in der practischen Verwendung der Be- 
griffe. Davon hat sich auch fem gehalten Trendelenburg in 
seinem schönen Buche „Naturrecht auf dem Grunde der Ethik", 
wo er sagt: „Ob ein Krieg gerecht oder ungerecht sei, ist eine 
sittliche Frage. Während der gerechte Krieg der Vollstreckung 
eines ürtheils gleicht, gleicht der ungerechte dem Verbrechen 
des Raubes oder der Erpressung. Aber es gibt vom Kriege, sei 
er gerecht oder ungerecht, keine Appellation; er ist die letzte 
Instanz des Völkerrechts, in welcher die Gerechtigkeit zur Tapfer- 
keit des Volkes wird, aber der Sieg nicht nothwendig dem Rechte zu- 
fällt. Im Kriege wird der Staat auf seine Wurzel, die Macht, 
zurückgewiesen, und in den Tagen des Krieges erscheint jede 
Thätigkeit, welche innere Bedeutung sie auch sonst habe, gegen 
die Macht bedeutungslos." So viel darf man dem Thatsächlichen 
einräumen; man muss demselben Philosophen auch beipflichten, 
wenn er sagt, dass grosse Entwicklungen im Staat wie in der 
Religion selten ohne harten Zusammenstoss erfolgen. Mit einem 
solchen Zugeständniss hat aber der Jurist seinen Standpunkt nicht 
verlassen. In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit und des 
einzelnen Volkes müssen auch andere schaffende Kräfte thätig 
werden als die Rechtsidee, und man wird einer grossartigen Po- 
litik die Anerkennung nicht versagen dürfen, wenn auch ihre 
Mittel nicht eben Rechtsmittel waren. Es kann ja grade auf dem 
blutgetränkten Schlachtfelde die Saat des neuen Frühlings um so 
üppiger gedeihen; auch auf Soldatengräbem blühen Blumen; es 
ist ja schon manches Hallelujah dem „Gott der Schlachten" des 
Jubeljahres 1866 angestimmt; man kann auch vielleicht jetzt schon 
mit deutschem Nationalgefühl und poetischer Licenz trotz perma- 
nenter Handelsstockung und trotz Hungertyphus eine volkswirth- 
Osenbrüggen, rechtsgesch. Studien. 2 



18 

ßchaftliche Hymne auf das Jahr 1866 singen; aber der Jurist 
beharrt doch dabei, dass — Spitzkugeln keine Rechtsgründe sind. Das 
ist ein Satz seiner Logik, die wie ein rother Faden seine Wissen- 
schaft durchzieht, und diese juristische Logik ist verschieden von 
der „Logik der unerbittlichen Thatsachen". Er liebt darum sein 
Vaterlsmd nicht minder als die Männer der elastischen Politik, 
welche alle und jede Mittel zur Kräftigung des Vaterlandes nicht 
bloss fiLr zweckmässig, sondern auch für rechtsgültig halten. Mit 
Freuden wird er auch wieder an sein Tagwerk gehen, wenn die 
Politik das ihrige vollbracht hat: er wird mitwirken, auf dass in 
dem Neubau das Recht erblühe und erstarke, das Recht auf sitt- 
licher Grundlage ! 



IL Die Galtgerichte. 



§ 1. Grimm hat in einem kurzen Capitel seiner deutschen 
Rechtsalterthümer (S. 396 — 402) die rechtliche Lage der Fremden 
im germanischen Alterthum trefflich gezeichnet, und schliesst 
dieses Capitel mit einer Hinweisung auf die Q-astgerichte, die dann 
später im Capitel von den Gerichten (S. 838) nochmals, aber auch 
sehr kurz, zur Sprache kommen. 

Die Gastgerichte in ihrer Beziehung auf reisende Kaufleute 
und andere Fremde oder Gäste sind ein Ausdruck der zuneh- 
menden Beweglichkeit des Lebens im späteren Mittelalter, die 
auch schon in einen unruhigen Wandertrieb ausartete, und neben 
den Kaufleuten, die von Land zu Land, von Zunge zu Zunge 
fahren, sind es die Pilger imd Wallfahrer, welche wegen des 
Rechtsschutzes, den sie genossen, oft hervorgehoben werden. Man 
hat nicht selten gerade an diese. Letzteren zu denken, wo in den 
Quellen Peregrini genannt sind*). KatI der Grosse wird von 
seinem Biographen Einhard (Cap. 20) im Allgemeinen als hoch- 
herziger und weitblickender Begünstiger des Fremdenverkehrs 
geschildert: „Amabat peregrinos et in eis suscipiendis magnam 
habebat curam, adeo ut plerumque eorum multitudo non solum 
palatio, verum etiam regno non immerito videretur onerosa. Ipse 
tamen prae magnitudine animi huiuscemodi pondere minime grava- 
batur, cum etiam ingentia incommoda laude liberalitatis et bon» 
famsö mercede compensäret.'^ Den Pilgern mit ihren bescheidenen 
Ansprüchen sollte überall gastliche Liebe geschenkt werden. 
Capit. Aquisgr. a. 802 c. 27: „Praecipimus ut in omni regno 
nostro, neque dives neque pauper, peregrino nemini hogpitia 
denegare audeant, id est, sive peregrinus propter Deum perambu- 

') Merkel ad 1. Baiuw. p. 294. 400. Pilger und Pilgrim sind ja auch 
aus peregrinus entstanden 3. Weigand, Bynon. No. 2221. 

2* 



20 

lantibus terram, sive cuilibet iteranti propter amorem Dei et prop- 
ter salutem animae suse, tectum et focum aqua nemo illi deneget. 
Si autem amplius eis aliquis boni facere voluerit, a Deo sibi sciant 
retributionem optimam, nt ipse dixit: Qui autem suseeperit unum 
parvulum propter me, me suseepit. Et alibi: Hospes fui, et sus- 
cepistis me." In einem unten noch weiter zu berücksichtigenden 
Briefe des grossen Kaisers an König Offa von Mercien vom 
Jahre 796 2) wird den Romfahrern und den Kaufleuten Schutz 
verheissen, und in der späteren Zeit sind oft Pilger — die ^an 
Gottes Dienst" oder „auf Gottes Fährte" ziehen — und Kaufleute, 
Betefart und Kauffart^) neben einander genannt, wie auch nach 
dem Schwabenspiegel (39 W.) der rechte Strassenraub nur 
begangen wird an Pfaffen, an Pilgrimen und an Kaufleuten. 
Bei dieser strafrechtlichen Gleichstellung mochten aber doch die 
Pilger mit ihrem Stabe und ihrer Tasche vor den Raubrittern 
mehr gesichert sein als die Kaufleute mit ihrem Kaufschatze, da- 
her sich der Kaufmann nicht nur ein Geleit verschaffte und durch 
eine bewaffnete Escorte schützte, sondern sich auch wohl in das 
Gewand des Pilgers hüllte*). Das scheint schon zu Karl's des 
Grossen Zeit vorgekommen zu sein, denn in seinem Briefe an 
Offa sagt er: „Sed si aliqui non religioni servientes, sed lucra 
sectantes inter eos inveniantur, locis opportunis statuta solvant 
telonia." 

Wollte der Kaufmann den kaiserlichen und königlichen Schutz 
gemessen, so durfte er nicht in ritterlicher Weise bewaffnet und 
herausfordernd reisen, sondern musste das Schwert am Sattel ge- 
bunden oder auf seinem Wagen gelegt bei sich haben, nur umi sich 
nöthigenfalls zu vertheidigen (Friderici I const. de pace tenenda 
1156, § 13; vergl. Conv. Brixiae 1158, § 4), und conform damit 
heisst es im Sachsenspiegel EI, 2 : „Papen unde jüden die wapen 
vüren unde nicht geschoren ne sin na irme rechte, dut man in 
gewalt, man sal in beteren als eme leien, wende sie ne solen 
neue wapen vüren, die mit des koniges dagelikes vrede begrepen 

2; Alcuini Opp. II. 613. Sirmondl Concilia antiqua Galli» II, 208. 

3) Tzschoppe u. 8 tenzel, Urkundensammlung I§ 6, LVI § 31. CV § 65. 
Magdeburger Fragen (Ausg. von Behrend) II, 5, 1. Magdeburg-breslauer 
System. SchöfTenrecht (Ausg. von Laband) II, 2, 36 IIT, 2, 61, 64 

*) Yulliemin, der Kanton Waat —übersetzt von Wehrll-Boisot, II, 16. 



21 

sin''^. Während aber das Reisen der Eaufleute berufsmässig und 
nützlich erschien, wurde die Wanderlust der Pfaffen und Mönche 
früh anstossig (Pertz Mon, leg. I p. 110 § 13, p. 384 § 4, pi 400 
§ 21), und das Pilgern nach Rom und zu andern heiligen Stätten 
erregte nicht selten Verdacht. Im Langobardenreiche wurde ein 
Romfahrer darauf angesehen, ob nicht unter dem Pilgerkleide ein 
gefährlicher Mensch sich verberge (Rachis c. 13), und als im 
späteren Mittelalter die Zahl der fahrenden Leute sich in's Un- 
geheuere vermehrt hatte, da finden wir auch eine scharfe Controlle 
der „Jjotterpfaffen mit dem langen Haar", die in schlechter Ge- 
sellschaft von unendlichen Weibern, Spielleuten und Gauklern 
sich herumtrieben (s. die bairischen Landfrieden 1244 § 61, 1281 
§ 56, 1300 § 77 : „Lotterpfaffen mit langem har und spilläut sind 
auz dem frid^). 

§ 2. Li den lateinisch geschriebenen Rechtsquellen des Mittel- 
alters kommen die Namen mercatores und negotiatores ia 
gleicher Bedeutung abwechselnd vor. Die Kleinhändler, institores, 
werden wohl von den mercatores gesondert, xmd wir finden schon 
in einer baierischen Urkunde des 12. Jahrhunderts^) den Aus- 
druck mercatores chramarii, aber im Ganzen bezeichnet merca- 
tores die Gattung der Handeltreibenden, und auch derjenige ist 
mercator, der nur einen Esel hat, den er befrachtet, und von Ort 
zu Ort zieht, um dort theurer zu verkaufen, was er hier gekauft 
hat^. Für eine Untersuchung über den Rechtsschutz der reisen- 
den Kaufleute und die für sie bestimmten Gerichte, wie für die 
Behandlung ähnlicher Themata, müsste es aber nicht geringe 
Schwierigkeit bereiten, wenn mercatores sehr gewöhnlich die städti- 
schen Bürger überhaupt bezeichnete, was mehrfach behauptet, 
aber schon von Eichhorn, deutsche Staats- und Rechtsgeschichte 
n, § 446, Anm. a, in Abrede gestellt ist. 

Für die bekannte wichtige Frage nach dem Verhältnisse des 

5) Vergleichen ISsst sich, dass im baieriscben Volkdrechte, iia<fthdem der 
Frau eine doppelte CompoBition zugesprochen ist, da sie sich mit Waffen 
nicht vertheidigen könne, der Zusatz gemacht wird : „si autem pugnare voluerit 
per audaciam cordis sui sicut vir, non erit duplex compositio eins" (Merkel 
p. 294. 316. 399). 

6) Quellen zur bayerischen Geschichte I, 68. 

7) Waitz, deutsche Verfassungsgeschichte IV, 36. 



22 

ältesten Rechtes von Freiburg im Breisgau zum Rechte von Cöln 
erklärt öaupp, deutsche Stadtrechte 11, 6, in dem, Stiftungsbriefe 
von 1120 seien imter den mercatores offenbar mehrfach die Städter 
oder burgenses überhaupt gemeint, und im Anschluss an Gaupp 
stellt es auch Stobbe, Geschichte der deutschen Rechtsquell^t 
I, 504, Anm. 17, als eine ausgemachte Thatsache hin, dass mer- 
catores nicht blos Kaufleute, sondern Städter überhaupt seien. 
Gaupp kommt nochmals darauf zurück, indem er hervorhebt, 
dass in dem Markte der eigentliche Kern des städtischen Lebens 
liege, weshalb, eben so wie die Begriffe mercator und burgensis 
mehrfach in einander flössen, auch der Ausdruck Markt in den 
Quellen des Mittelalters nicht selten da angewendet werde, wo 
der spätere Sprachgebrauch sich des Wortes Stadt beditt[it haben 
wiLrde. Dass zu einer Stadt ein Markt gehöre, und eben durch 
Bewilligung und Errichtung eines Marktes mancher Ort zu einer 
Stadt gestempelt wurde, ist vollkonunen richtig, nicht aber die 
behauptete häufige Identität von mercatores xmd burgenses. Im 
Gegentheil ist es eine ausgemachte Sache, dass Kaufleute, auch 
wenn sie nicht blos zum Markte an eine Stadt herankamen, son- 
dern daselbst wohnten, sehr oft den Bürgern gegenübergestellt 
werden, wie man sich aus vielen Stellen in Arnold's Verfas- 
sungsgeschichte der deutschen Freistädte überzeugen kann. Zwar 
konnten Bürger Kaufleute sein, aber die Kaufleute erscheinen oft 
als Mittelstand zwischen den Bürgern und Handwerkern •), und 
es gab viele Bürger, die nicht Kaufleute waren. Aber vielleicht 
ist die Identificirung von mercatores und burgenses als Ausnahme 
mehr oder weniger häufig und der freiburger Stiftungsbrief ein 
sicherer Beleg dazu. Ich bezweifle es. 

Ob wir in dem von Gaupp nach Dümg6 mitgetheilten, 
mehrfach lückenhaften und fehlerhaften, auch unnütze Wieder^ 
holungen (§§ 12, 15, 18, 43) enthaltenden Texte des freiburger 
Stiftungsbriefes die ursprüngliche Gestalt dieser Urkimde haben, 
halte ich nicht für ausgemacht, aber ich will es annehmen, und 
da erfahren wir denn, dass der zähringer Herzog, da er Freiburg 
zu einem Handelsplatze machen wollte, durch Gewährung von 
Rechten und Privilegien unternehmende Kaufleute zur Ansiedelung 

») Heusler, Verfässungsgesclu der Stadt Basel im Mittelalter, S. 71, 144. 



.28 

daselbst anlockte. Er versprach ihnen Bauplätze gegen Entrich- 
tung eines jährlichen kleinen Zinses, nnd gab ihnen dadurch die 
Möglichkeit, in's Bürgerrecht einzutreten, denn der Besitz eines 
Hanses erscheint sehr oft als Bedingung des Bürgerrechtes'). Die 
Herangezogenen konnte er aber sehr wohl als mercatores mei 
im § 2 bezeichnen, auch wenn sie nicht Bürger waren. Nachdem 
nun im § 3 in der gewöhnlichen Weise der Marktfrieden verkündet 
ist, wird in dem unsystematischen Documente zwischen diesem 
§ 3 und dem dazu gehörigen § 5 eine erbrechtliche Bestimmung 
für Bürger eingeschoben. Im Folgenden kommen dann oft bur- 
genses, cives, concives und extranei vor, aber nirgends ist der 
Gegensatz durch mercatores und extranei ausgedrückt, denn wenn 
sie in das Bürgerrecht eintraten, was nach § 41 schon geschah, 
wenn sie ein allodiales Ghrundstück, wie es ihnen zum Häuserbau 
im § 1 angeboten ist, im Werthe von einer Mark in der Stadt 
erwarben, so waren die Eaufleute eben burgenses, wie andere 
nichtkaufmännische Einwohner, die dem § 41 genügten. 

Man würde Gaupp beistimmen kcmnen, wenn er deducirt 
hätte, dass, in Abweichung von andern Städten, in Freiburg die 
Eaufleute auf die leichteste Weise Bürger hätten werden können, 
und wenn sie dort einen dauernden Aufenthalt nehmen wollten, 
fast werden mussten nach § 41 vergl. mit § 1; aber so wie er 
seinen Satz hinstellt, ist er nicht richtig. Nach Gaupp müsste 
man annehmen, es seien auch nichtkaufmännnische Bürger mer- 
catores genannt worden, wofür der Beweis fehlt. Er beruft sich 
freilich auf Home y er, Sachsenspiegel H, 2, S. 299, und viel- 
leicht finden wir hier den Beweis. 

Homeyer führt in dem Cataloge der lehnsunfahigen Leute 
nach dem Auetor vetus de benefioiis I, 4, die mercatores nach den 
mstici auf, und spricht dann, ohne die Belege, wie sie ihm sonst 

9) Der neue Bürger mueste sich verpflichten, binnen einer Frist ein Haus 
2n bauen oder zu kaufen, widrigenfalls er sein Bürgerrecht nicht genoss 
(s. Bluntschli I, 148; vgl. Ofen § 66). Der ZusammenhMig des Bürger- 
rechtes mit dem Hause tritt besonders stark hervor, wo das Kiederreisen des 
Hauses als Strafe erwähnt wird (Entwurf des Stadtrechtes von Freiburg i. Br. 
1275).— (Schreiber, Urk. I, 84): „und ist er ein burger. so soll man ime 
Bin hus, da er burger an ist, nidir slahen.^ Handfeste von Golmar 1278: 
nlst aber daz er entrinnet, so soll man ihme sin hus, davon er burger ist, nieder- 
brechen." 



24 

zur Hand sind, die Vennnthung aus, es möchten wohl von jenem 
Auetor wie anderswo, unter den mercatores geradezu die Städter 
überhaupt gemeint sein; er fügt auch hinzu, dass die ritterlich in 
den Städten Wohnenden schwerlich als lehnsunfähig gegolten 
hätten. Elauäeute wohnten in den Städten, Dorfleute auf dem 
Lande 5 wenn daher der Auetor vetus in seiner ganz kurzen Auf- 
zählung nach den rustici die mercatores nennt, so liegt darin zu- 
gleich, wie Homeyer hervorhebt, die Erklärung, dass mit den 
E^ufleuten, als den vornehmsten der städtischen G^werbsleute, 
zugleich deren übrige Classen lehnsxmfähig seien, der Auetor 
hätte aber zu viel gesagt, wenn er statt mercatores den Ausdruck 
burgenses oder cives gebraucht hätte. Die von Homeyer ange- 
führte Stelle des Bruno de hello Saxonico (Cap. 95 der Ausgabe 
von Pertz): „Interea Heinricus exrex, exercitu nee magno nee 
forti congregato — nam maxima pars ejus ex mercatoribus erat — 
obviam nostris ire paravit" ist wohl nicht von Belang. Ein heuti^ 
ger Schriftsteller könnte in solchem Zusammenhange imd mit 
solcher Parteistellung sagen: „mit einem weder grossen noch 
tapferen Heere, denn dessen grösster Theil bestand aus Krämern". 
Um das Unkriegerische eines grossen Theils der Mannschaft aus- 
zudrücken, wählte der Mönch, ohne dafür buchstäblich einstehen 
zu wollen, den Namen, der gerade auf eine friedfertige Beschäf- 
tigung hinweist. Mit burgenses hätte diess nicht geschehen können, 
denn in diesem Namen lag für das 11. Jahrhundert eine solche 
Negation gar nicht Wollte man auf die Ausdrücke des geschicht- 
schreibenden Mönches für die Rechtssprache Gewicht legen, so 
liesse sich in den Vergleich ziehen, dass im Cap. 31 gesagt ist: 
„rusticanos homines bellicarum rerum imperitos", dagegen Cap. 92: 
„Tunc urbani in subsidiis ad hoc ipsum coUecti, curiales inermes 
incurrunt armati etc." ; aber wenn es sich um einen Sprachgebrauch 
handelt, der zur Entscheidung von Rechtsfragen verwendet werden 
soll, ist ein solcher Schriftsteller keine Autorität, sondern könnte 
höchstens den schon anderweitig bis zur Wahrscheinlichkeit ge- 
führten Beweis ergänzen. Gaupp verwendet aber ohne eine solche 
Wahrscheinlichkeit oder Bescheinigung seine Behauptung für eine 
wichtige Rechtsfrage, deren Beantwortung bisher sehr verschieden 
ausgefallen ist Da ich mich früher auf die Seite der Opponen- 



25 

ten*^) gegen die communis opinio gestellt habe (Alamannisches 
Strafrecht S. 11 ff.) 7 so will ich auch jetzt zu dieser Frage 
etwas näher herantreten. 

Öie Gliederung der Einwohnerschaft der Städte war keines- 
wegs überall gleich, und es ist eine bekannte Thatsache, dass im 
Fc^tschritte der Zeit der Eintritt in eine Bürgerschaft immer mehr 
erschwert wurde "). Wir dürfen daher von den Verhältnissen der 
Städte, deren Handfesten zwar mehr oder weniger Nachbildungen 
des Stiftungsbriefes von Freiburg im Breisgau sind, oder doch 
darin ihre Wurzeln haben, keinen directen Rückschluss machen 
auf Freiburg im Breisgau in den ersten Defföunien des 12. Jahr- 
hunderts, aber eine Vergleichung einiger von diesen Handfesten 
mit jenem Stiftungsbriefe von 1120 in Betreff des angeregten 
Thema's ist nicht ohne Nutzen. 

Eine deutliche Sonderung der burgenses und der mercatores 
finden wir in der Handfeste von Freiburg im Uechtland 1249, 
§ 46: ^Si aliqua dissensio aut querimonia, quaecunque fuerit illa 
excepto furto, inter burgenses nostros fuit orta, dummodo 
non sit coram sculteto ventilata, sine dampno libere inter se paci- 
ficare possunt, salvo iure domini et si qua querimonia inter mer- 
catores nostros de rebus suis orta fuerit, inter ipsos secundum 
eorum consuetudines et iura eam libere concordent*^ (Burgdorf 
1316, §§ 95, 96). In Bern standen nach der Handfeste von 1218 
zwischen den blossen incolse (§ 12) und den Bürgern die hospites 
qui iura implent civitatis. Von den letzteren heisst es im § 25: 
„Quicunque hospes in urbe residet et omnia iura civitatis adimplet, 
ille debet omne ius burgensis, sicut alter burgensis, habere, ex- 
cepto quod nuUum burgensem convincere potest de hoc quod 
negat." Ohne Zweifel waren unter diesen, den Bürgern an Rech- 
ten gleichkommenden Gästen Eaufleute, die sich in der Stadt 
niedergelassen hatten. Im Gegensatze zu diesen hat die Handfeste 
die fremden zu Markte herangekommenen Kaufleute besonders 
berücksichtiget. Nachdem ihnen im § 4 Zollfreiheit, Marktfrieden 
und sicheres Geleit versprochen ist, fährt der § 5 mit der Rubrik 
„De privilegiis mercatorum" fort: ,,Volumus etiam, ut omnes mer- 

10) 8. auch Mone, Zeitschrift für die Gfsch. des Oberrheins VIII, 386. 
**) Rüttimann, über die Geschichte des schw^iaenscheii Gemeinde- 
btogerrechtes (1862), S. 42^ fT. 



26 

catores tempore fori public! in plateis vel allodio imperii, ubicimqne 
voluerint, praeter allodia civium, sibi areas et tentoria prseparent, 
sine pretio et contradictione. Et si aliqua diseeptatio tempore fori 
inter burgenses et mercatores orta faerit, non stabit in nostro 
vel rectoris nostri jndicio, sed pro consuetudinario jure mercatorum, 
et maxime Coloniensium, a civibus dijudicetur" (Diessenhofen 1260, 
§ 6). Der erste Satz dieses § 5 correspondirt zwar mit § 1 des 
freiburger Stiftungsbriefes, aber doch mit dem bedeutenden Unter- 
schiede, dass in dem letzteren an Kaufleute gedaeht ist, die in 
Freiburg haushäbig werden, in der bemer Handfeste an fremde 
Händler, die zu Markt kommen. Eine ähnliche Verschiedenheit 
zeigt die Vergleichung des zweiten Satzes jenes § 5 mit § 7 der 
freiburger Stiftungsurkunde. Dfeser § 7 lautet: „Si qua diseeptatio 
vel questio inter burgenses n^eos orta fuerit, non secundum 
meum arbitrium vel rectoris eorum discucietur, sed pro consuetu- 
dinario et legitime iure omnium mercatorum, praecipue autem 
Coloniensium examinabitur iudicio." Die ganze Tendenz des frei- 
burger Stiftungsbriefes erklärt zur Genüge, warum inter bur- 
genses meos gesagt ist. Freiburg war schon 1091 gegründet 
worden, mag aber vorläufig ein unbedeutender Ort gewesen sein. 
Da beschloss Conrad von Zähringen, es zu einem Marktplatze zu 
machen und dadurch zu einer aufblühenden Stadt zu weihen. Er 
begnügte sich aber nicht, Marktfrieden und Marktprivilegien für 
die zu Markte kommenden fremden Kaufleute zu verkündigen, 
sondern es sollte Freiburg eine wirkliche Handelsstadt und ein 
Stapelplatz in dem fruchtbaren Lande werden; daher lockte er 
Kaufleute zum Wohnen imd in's Bürgerrecht (§ 1 vgl. mit § 41). 
Das Bild einer solchen Handelsstadt hatte er vor Augen, und er 
nennt die begünstigten Kaufleute schon im Voraus seine Bürger. 
Dabei erkannte er richtig, dass die engen Schranken des Terri- 
torialrechtes für die in den Weltverkehr eingreifenden Kaufleute 
hemmend sein würden, und gemäss der allgemeinen Neigung im 
Mittelalter für eine neue Stadt sich das ausgebildete Recht einer 
schon länger bestehenden zu Nutze zu machen, lag es nahe, eine 
bedeutende Handelsstadt in's Auge zu fassen. Eine solche war 
Cöln am Rhein *2)j zwar ausserhalb des Gebietes des alamanni- 

1») Gaupp n, 197 (8. auch Pertz, Mon. leg. H, 209). Meiller, dster- 



27 

sehen Volksstammes, aber Handelsrecht und Handelsgewohnheiten 
waren von jeher universeller Art; daher heisst es auch ,,pro con- 
suetudinario et legitimo iure omnium mercatorum, praecipue 
autem Coloniensium". Der zähringer Herzog hatte hiebei wohl 
nicht das Handelsrecht im engsten Sinne, wie es im gegenwärti- 
gen Rechtssysteme und in einem heutigen Handelsgesetzbuche 
abgegrenzt ist, vor Augen, nicht eigentliche Handelsgeschäfte 
allein, sondern das Verkehrsrecht und die Schuldverhältnisse, wie 
sie unter Kaufleuten und im Verkehr der Kaufleute mit andern 
Personen entstanden; aber dass er seine Stadt in allen Beziehun- 
gen, die zu einem Processe führen konnten, mit dem Rechte „aller 
Kaufleute" oder dem „Rechte der Städter" **) sollte bewidmet 
haben, ist eine Unmöglichkeit und würde an Unsinn streifen. Sehr 
passend kann zu dem so viel besprochenen § 7 des freiburger 
Stiftungsbriefes in den Vergleich gezogen werden eine Stelle aus 
einer älteren Urkunde**), in welcher Eggehard, Abt von 
Reichenau, kraft einer von Otto HI. verliehenen Freiheit, einen 
wöchentlichen Markt zu Aliensbach zu errichten, diesen durch 
Nachlässigkeit seiner Vorgänger in Verfall gerathenen Markt er- 
neuert (2. Mai 1075) : „Omnibus ejusdem oppidi villanis mercandi 
potestatem concessimus, ut ipsi et eorum posteri (vgl. Freiburg 
1120, § 2: mercatores mei et posteri) sint mercatores, exceptis 
his qui in exercendis vineis vel agris occupantur. Ipsi autem mer- 
catores inter se vel inter alios nulla alia faciant judicia praeter- 
quam qu» constantiensibus , basiliensibus et omnibus merca- 
toribus ab antiquis temporibus sunt concessa." Hier könnte es 
Niemandem einfallen, an die Verleihung des Stadtrechtes von 
Basel, Constanz und des Rechtes aller Städfer zu denken, denn 
damit wäre eben nichts verliehen worden, und so weltbürgerlich 
war man in jener Zeit nicht; wohl aber hatte es einen praktischen 
Nutzen auf das Handelsgewohnheitsrecht überhaupt, und in dieser 
Beziehung auf Basel und Constanz hinzuweisen. 

§ 3. Der Schutz, den die reisenden Kaufleute gemessen soU- 

reichische Stadtrechte nnd Satzungen, 8. 9. Mone*s Zeitschrift IX, 4, 27. — 
Alam. Strafrecht, S. 13. 

13) Frensdorff, die Stadt- und Gerichtsverfassung Lübecks, S, 52, 
Anm. 5« 

*♦) Dtimg^, Regesta Badensia, Urk. 60, 



88 

ten, war ^mn Theil schon den Fremden überhaapt zoge^anden, 
aber jene treten anter diesen doch bescoiders hervor weg^i ihrer 
Wichtigkeit für das Verkehrsleben **). Ehirfte andi der herk(»n- 
mende Mann^ von dem man nichts wnsstc, misstrsoisch angesehen 
werden , nnd machte man mit solchen , die als «schädliche Men- 
schen"^ erschienen, wenig Umstände, so war doch die altgerma- 
nische Crastfreundschaft, welche Cäsar nnd Tacitus rahmen, 
und die im skandinavischen Korden so hehr nnd schon sich ent- 
faltete^^, im deutschen Mittelalter nicht verschwunden, nnd es 
hatte sich ein Grastrecht gebildet, welches einerseits die Ver- 
sagung der Gastfreondschaft rügte, andererseits Missbränchen 
wehrte. Die Kauflente bedurften aber in der Fremde, wenn 
sie auf der Strasse daherzogen nnd wenn sie xa dnem Markte 
gekommen \i^uren, einen Schutz, damit de ihres Liebens und 
ihrer Habe sicher seien, und da traten ELaiser und Kmige- 
als Schirmherren der Schwachen und Hulfsbedürftigen und 
als oberste Friedensbewahrer, mit Massregeln der Gesetzgebung 
auf, die an Ilnergie zunehmen mussten, je mehr die Grewak- 
thätigkeit das Kecht durchbrach. Um in dieses Schutzrecht 
einzudringen, kann eine Stelle aus dem schon erwähnten Briefe 
Karl's des Grossen an König Offa vom Jahre 796 dienen. Nach- 
dem die Differenz der beiden Herrscher, welche dea Handelsver- 
kehr unterbrochen hatte, beigelegt war, schrieb Karl: ^Negotia- 
tores quoque volumus, ut ex mandato nostro patrocinium habeant 
in regno nostro legitime et si in aüquo loco injustji afiCUgantur 
oppressione, reclament se ad nos vel nostros judices et pl^iam 
jubebimus justitiam fierL** Dergleichen Bestinmiungen wurden 
denn auch in die Friedensschlüsse aufgenommen^^!, und in den 
Landfrieden wurde die Beraubung der E^anfleute unter Strafsanc- 
tionen gestellt. Conventus Brixise 1158 § 5: «Miles qui merca- 
torem spoliaverit, dupliciter reddat ablata et iurabit quod nescivit 
iUum mercatorem. Si servus, t(Hidebitur et in mairilla ccMoburetur, 
vel diMninus reddet pro eo rapnam** (s. auch Rudolfi L oonst 
pacis 1287 § 21\ Die Kaufleute einzelner Städte nahm auch der 

«) Waitz, Vcrt IV, 25, 36 ff. 

^ Weinbold, dk deniscboi Frasea in dem Mhtelal^ 8. 390 ff. 

W) W«itx, Verf in, 526. 



29 

Kaiser ausdrücklich in sein Mnndinm auf *^) oder verhiess ihnen 
seinen besondem Schutz. So Kaiser Friedrich 11. im Jahre 1236 
den Strassburgern ^^). In dieser Richtung gestaltete sich gleich* 
falls der schon angeführte Begriff des rechten oder üblen Strassen- 
rauhes im augsburger Recht und im Schwabenspiegel. Aber nicht 
bloss die Beraubung der Kaufleute, sondern auch ungerechte Be- 
drückungen und unbillige Belastungen durch Zölle, Weggelder 
u. dgl. sollten unterbleiben ^), Dahin gehört das Verbot des här- 
ten Strandrechtes oder der Gnmdruhr. (Friderici I. const. pro mer- 
catoribus 1196. Friderici 11. const. in basilica beati Petri 1220 
0. 7. Wilhelmi Sententiae de bonis naufragantium 1255). Allein, 
trotz kaiserlichen und königlichen Verboten dauerte doch diese 
Art Seeräuberei fort ^i). In dem Rechte des Dinghofs zu Muttenz 
1464 (Baseler Rechtsquellen 11, S. 59) heisst es: „Item ouch hat 
ein jeglicher Herr, der Zwing- und Bannherr des dorffs Muttentz 
ist, das recht und friheit, wer es sach, daz ein schiff gestünde und 
versunke uff dem Ryn in dem Bann zu Muttentz oder als verr 
Zwing und Bann Muttentz langend ist, so mag der vorgenant 
Zwingberre mit sinem besten pferit ryten in den Ryn oder einer, 
dem er das empfilcht, riten in den Ryn und sinen spiess von im 
strecken, so verr er geryten mag on schwimmen 22) ^ mag er das 
schiff erlangen, so mag er es an sich ziehen für ein gruntrur." 
Auch das europäische Völkerrecht der Neuzeit hat noch mit die- 
sem Gegenstande zu schaffen gehabt. 

§ 4 Wenn es nun im Mittelalter auch durchaus nicht fehlte 
an Geboten und Verboten von hoher Stelle zu Gunsten der rei- 
senden Kaufleute, so dachten doch die Raubritter und das räu- 
berische Gesindel niederer Art wie im russischen Sprichwort: „Der 
Himmel ist hoch und der Kaiser ist weit." Daher mussten die 
Kaufleute bemüht sein, den ideellen Schutz des Kaisers in einen 

*•) Waitz, Verf IV, 37. — Böhmer, Codex dipl. Francof I, p. 500, 

^9) Schöpflin, Alsatia dipl. I, 374 — Strobel, Gesch. des Elsas- 
ses I, 510. 

»0) Quellen zur bayrischen und deutschen Geschichte VI, 622. 

81) Graf und Die t her r, deutsche Rechtssprichwörter, S. 96. — Grimm, 
Wsth. I, 424, 427. — Mone's Ztschr. IX, 5, 15. — Böhmer a. a O. I, 537. 

8«) Vergl. Grimm, Wsth. I, 655; lll, 671; IV, 580; V, 611 — Burck- 
hardt, die Hofrödel von Dingböfen baselischer Gatteshäuser, S. 150, § 18.— 
Arx, Buchsgau, S. 166. — Bodmann, Rheingauische AlterthÜmer I, 49* 



90 

reellen m yerwandeln. Die Angsbnrger Terschafften sidi zu ver- 
schiedenen 21eheii Schirmbriefe von den bainschen Herzogen, um 
in deren Lande ungehindert bandeln und wandebi xa können; 
ancb Ton Adelheid, Königin von Böhmen nnd Ghrafin xaa TmA 
imJ.ia20farTir<d^f. Solcher brieflicher Schutz konnte aber durch- 
aus nicht immer genügen, sondern der Schutz mosste potoizirt 
werdoi. Haltans Art Geleite: ^C<Hidnctiis est Tel ttchs tcI mar- 
tans sire literalis. Condactns Tims est ccHDoitstns pabticns isqne 
armatns, personis am rebns additns, quo tutior per sahns et Tias 
eamm sit transätns.*" Dieses lebendige Creleit mnssten sich die 
Kanfleote mit schwerem Gelde toh den Fürsten und Herren er- 
kaufen, welche das Ckleitsrecht Tom Reiche zu Liehen hatten. 
(Pertz, Mon. leg. H, 282, 292, 301, 315, § 8, 428, § IB^»). Es 
war dieses Recht nicht bloss Tererblich, sondern auch Terkauf- 
lich^i. Wenn nun derjenige, welcher sich ein Geleit erworben 
hatte, dennoch geschädigt wurde, so war der Oeldtsherr zum 
Ersatz des Schadens Terpdichtet Sspi H, 27, § 2: ^Sweme aTcr 
he geleide \(L L Gelei^ld^ gift, die sal in scaden bewaren lünnen 
sime geleide, oder he sal ne ime geldoi*" (s. auch const. pacis 1287 
§ 27, Schwsp. 1»4 L. 167 W.) Der Kaufinann Innchte sich aber 
das 6eldt nicht zu erkaufen, wenn er, nach den Worten des 
Sachsenspiegels «sines gudes oder sines Eres genendoi ^ wel", 
d. L wenn er sein Chit oder sdn Leben wagen will (& auch die 
magdeburger Fragen I, 21, 2\ Der Satz, dass niemand gezwun- 
g^Qi war, sich das Geleit zu eilLaufen, tritt auch in einem Toa 
Job. T.Müller, Gesch. der schweizerischoi Eidgenossenschaft ni, 
1, S. 82 erzählten Falle herror. Als Crraf Johann Ton Lupfen, in 
des Königs Namen Yogt zu Ensisheim, im Anifange des funtrehnten 
Jahriionderls, unter dem Yorwande unbezahlten Geleitsgeldes, bei 
Ottmarsheim auf der (^<Nien Seich^trasse den schweizerischen 
Kaufleuten die Tücher wegnahm, welche sie Ton der frankfurter 
Messe zurückbrachten, sass Kaiser Sigismund auf ihre Klage zu 

t^ Stettem, Gcackk^te der Sta4l Av^sbug I, Tic 9S, lOQi 

») QwücB wa UTTis^cm GesdL V^ SM. 

ss^ D«r Spiegd destscker Lnttft 134 c^tffTWBfkt «tee» Site: ^^war er 
seiaes gvtcs oder soms leftes ge» wü^ ; dir $«kw^^ Iwk akcr dack wieder 
tiekt« „«eaeMdea wil^. 



31 

Gericht und alle anwesenden Reichsstände traten in die Meinung 
Friedrichs, Churfürsten von Brandenburg : „Den Himmel hat sich 
Gott vorbehalten, die Erde hat er den Menschen zu Nutzen ge- 
geben, sowohl den Armen als den Reichen; so sollten sie denn 
auf allen Strassen ihre Nahrung suchen mögen und auf offnen 
Reichsstrassen, wo nicht von des Reichs wegen wider Jemand 
Feindschaft schwebet, geleitsfrei handeln und wandeln, wie jedem 
gut deucht. Ich schliesse also, dass der Graf die Tücher zurück- 
gebe und allen Schaden ersetze." Müller fügt hinzu: „Ohne- 
dem war auch zu Ensisheim kein Geleit", was wohl nur bedeuten 
kaim, dass der Vogt nicht vom Reiche mit dem Geleitsrecht be- 
lehnt war. Zu einer Anmassung des Geleitsrechtes verlockte der 
Ertrag^. 

Die Geschichte der Schifffahrt und des Handels auf dem 
Rhein würde ein vollkommenes^ Spiegelbild der Schwierigkeiten 
und Beraubungen der Kaufleute einerseits, wie der Massregeln da- 
gegen andererseits geben 28). Zwar stand der Rhein als grosse 
Wasserstrasse des Reiches wie die Reichsstrassen auf dem Lande 
in einem besonderen Frieden (Ssp. H, 66, § 1), und der „freie 
Rhein" ist ein Ausdruck, der früh vorkommt; den Bürgern 
einzelner Städte am Rhein wurde auch für ihre Schitffahrt noch 
ein specieller königlicher Schutz versprochen (Breisach 1275, 
§ 19), aber wenn der Kaufmann langsam mit seinem Schiffe 
dahertrieb und zum Ufer hinaufschaute, so war es nicht die Lorelei, 
die er fürchtete, wohl aber eine Burg, hinter deren Mauern seine 
Feinde lauerten; er konnte wie der Kapuziner in Wallenstein's 
Lager sagen: „Der Rheinstrom ist worden zu einem Peinstrom". 
Ludwig, Pfalzgraf bei Rhein, hat gewiss nicht übertrieben, wenn 
er in einem Briefe vom Jahre 1424, als schon seit Jahrhunderten 
die Danaidenarbeit des Friedenschaffens gedauert hatte, es be- 
schreibt, wie ehrbare Leute, beide geistlich und weltlich, auf dem 
freien Rheinstrom und den Leinpfaden gemisshandelt, ihrer Habe 
und Güter beraubt, in's Burgverliess geworfen und gemartert 
wurden. Er schliesst mit dem schon hundertmal vor ihm gegebenen 
Versprechen, dass alle Kaufleute mit ihrer Kaufmannschaft, Pilger 

^7) Quellen zur bayerischen Gesch. V, 6, 16, 84, 343. 
'•) Siehe Mone, „Die Rheinschifffahrt vom 13. bis 15. Jahrhundert^ in 
Ztschr. für die Gesch. des Oberrheins, IX, S. 6 ff. 



33 

und andere ehrbmre Lente^ die den Rhein anf* und abfahrou anf 
dem Rheinstrom und den Leinpfaden sicher sein solien etc**^-. 

§ 5. Za dem so reichlich ihnen ragesagten Friedai, dessen 
die Kauäente sich erfreuen sollten, kam auch noch aus der Reihe 
der speciellai und hohem Frieden der Marktfrieden, durch 
den das den Städten ertheilte Marktiecht geweiht wurde. In den 
Verleihungsurkunden, die das Marktrecht hinstellten, finden wir 
daher regelmässig Formeln, welche den zum Markte Horankora* 
mendai und davon Abiiehenden einen besonderen Schuti rcr- 
kundeten. Frciburg im Br. 121S, § 3: -JEgo rero pacem et securi- 
tatem itineris <Hnnibus forum meum querentibus in mea potestate 
et regimine meo promitto. Si quis eorum in hoc spatio depvedatus 
fuerit, si predatorem nominaTerit, aut reddi fadam aut ego per- 
^Tam." Bern 1218^ § 4: ^Omnibus adTenientFbus tempore pubHci 
fori theloneum eondono, et pacem et securitatem rebus et corpo- 
ribus ipsorum, tam reniendo quam recedendo, regia übertäte pro- 
mitto, praeter eum, qui in burgenses miserit manus riolentas. Et 
si aliquis mercatorum fuerit tempore fori spoliatus^ ä {»edatorem 
nominaTerit, aut reddi faoiam aut persolram." Hagenan 1161^ 
§ 10: ^Omnibus ptedicti kvi forum petentibus eucdo Tel redeundo 
infra miHarn tria cin^umquaque, tam persocis proprns qTiam rebus 
suis imperiaK majestate päeem bmiam indicimas*^, et a qnb temere 
infringere presumperit, reus sit majestatis.'*' Wie hiernach der 
Maiktfrieden^br^^her sog:ar als Marestatsrerbrecher sigTLaüart wird 
Tom Kaiser Ptie^lTtch L, gleich als wäre der Kocigsfiriede ge- 
brochen an einem ^ der »um kvkdjticien FlLaste hinzog, so leigt 
sich and^r^>sv die Bedeutung de$ Marktfrtedecs als eirMS höheren 
Ftievle«* d^urm^ d*$s för den Bruch dorpehe Strafe und Busse 
eintretett $oMte^\ 

Ftir das »ut dem Marktre«cht in ecgster VerbindTiag stehende 
Geleitsrecht **" lur Erhahurtg des Markttiriedeits besdmmt das ge- 
naxmte Privileg von Hagenau den Uttikrei? Toa drei Meilen: der 

IL ». a L «V »?s »T. Xlk >i:. *i3L 



33 

Rechtsbrief für Landshut in Baiem, 1279, § 6, nennt zwei Meilen, 
der I^eiheitsbrief für Rotenburg an der Tauber, 1274, § 7, eine 
Meile. Hiebei ist der Zusammenhang mit dem Friedkreise der 
Städte*^) wie mit dem s. g. Meilenrecht, d. h. dem Ausschluss 
jedes anderen Marktes (wie gewisser Gewerbe), innerhalb einer 
Meile von der Stadt ^) sichtbar. 

§ 6. Wenn nun ein Kaufmann mit dem tröstlichen Bewusst- 
sein der Fürsorge von Eadsem, Königen uni Fürsten für sein 
leibliches Wohl, dennoch aber nach vielen Fährlichkeiten und 
Ausgaben einen Ort erreicht hatte, so war er gern gesehen mit 
seiner Kaufmannsschaft und da genoss er denn auch ein wirk- 
liches, nicht bloss ein oft nur ideelles Recht in dem allgemein 
verbreiteten Institut der Gastgerichte, wobei zwar nicht allein, 
aber doch zunächst an die reisenden Kaufleute zu denken ist 
(Stadtrecht von Ofen § 74 flF.). Diese Gerichte bilden den juristisch 
wichtigsten Ausläufer des Gtistrechtes, welches als Inbegriff sämmt- 
licher Zugeständnisse und Beschränkungen^) den Gästen Licht 
und Schatten war, aber mit verschiedener Vertheilung in den 
verschiedenen Ländern und Städten. 

Der Name Gastgericht lenkt zu einer kurzen Vergleichung 
der verschiedenen Ausdrücke, mit denen die Fremden bezeichnet 
wurden. In dem Worte „fremd" liegt nur eine Negation, wenn 
wir auf dessen Verwendung in der deutschen Sprache sehen. 
Sollte Grimm' 8 Vermuthung (Grammatik 11, 55), der es auf ein 
gothisches Wurzelverbum, friman = vorwärts — fort — bewegen, 
zurückführt, richtig sein, so wäre das bekannte „wegfertig" 
der mittelalterlichen Sprache das nächstliegende Synonymon. Dieses 
tritt zwar aus der Reihe der für mein Thema direct in Betracht 
kommenden Ausdrücke insofern heraus, als ein Bürger wie ein 
Nichtbürger wegfertig sein konnte, da es aber doch am häufig- 
sten denjenigen bezeichnet, der auf der Reise und in der Fremde 
sich bewegt (Ssp. 11, 68. Rechtsbrief der Stadt Horde in West- 
falen 1340, § 21), so gehört es doch hieher. Zu der Negation 

^h Alam. Strafrecht, S. 56. — Heus 1er, Verfassungsgeachlchte der Stadt 
Basel, S. 22. 

34» Tzschoppe und Rteneel, Urk., B. 262. 
^«) Rössler, altprager Stadtrecht, S. LXXXYI. 

Otenbrüggen, rechtsiescli. Studien. ^ 



34 

kommt das Erbarmen in dem Worte „elend". „Die Urbedeutung 
dieses schönen, vom Heimweh eingegebenen Wortes, sagt Grrimm 
im Wörterbuch, ist das Wohnen im Auslande, in der Fremde ; das 
lateinische exsul, gleichsam extra solum steht ihm nahe. Da nun 
Fremde und Verbannung wehe thun und unglücklich machen, 
nahm Elend nach und nach den Begriff von miseria an, und der 
ursprüngliche trat vor diesem endlich ganz zurück." Das Erbar- 
men trat in edler Weise als Rechtshilfe hervor, wenn ein elender 
Mann getödtet war, und verlassen von seiner Sippe, Niemand 
hatte, der nach der Pflicht des Blutes seinen Tod rächte oder 
Recht forderte. Für diesen Fall ist die Geltung der Offizialmaxime 
in schönster Weise von den magdeburger Schöffen^) und dar- 
nach im Stadtrecht von Ofen §232 ausgesprochen: „Eyn richter 
schol von seynes ampts wegen klagen umb eynen elenden er- 
schlagen man als umb seynen rechten prüder", und § 374: „Man 
schol den todten nicht pegraben, man trage yn denn vor an für 
rathautz, czu eynem zaichen, das der richter seyn nächster frewnt 
und prüder ist" (s. auch das bamberger Stadtrecht § 163; die 
Willkür der Sachsen in dem Zips § 42 ff. — Magdeburg. Fragen 

I, 2, 14; III, 1, 1; das magdeburg-breslauer System. Schöffenrecht 

II, 2, 74; Wasserschleben's Sammlung deutscher Rechtsquellen 
V, c. 69). 

Während in den Worten „fremd" und „elend" nur eine Ne- 
gation ausgedrückt ist, so verkündet es ein freundliches Zuge- 
ständniss, wenn der von auswärts in ein Land oder eine Stadt 
Kommende nach einem allgemeinen deutschen Sprachgebrauche 
als „Gast" bezeichnet wurde. War er auch in rechtlicher Be- 
ziehung dem Bürger nicht gleich geachtet, so wurde er doch nicht 
als fremd zurückgestossen und konnte, obgleich ausserhalb der 
städtischen Schutzverbindung stehend, selbst gegen einen Bürger 
rasche gerichtliche Hilfe erlangen. Aber gerade dieser Umstiind 
musste in den Städten zu der Frage führen, ob ein zwar ausser- 
halb der Bannmeile, aber doch in der Nachbarschaft der Stadt 
Wohnender, wenn er in die Stadt gekommen war, als Gast in der 
gerichtlichen Besonderheit zu behandeln sei? Die Frage wurde 
mehrfach hinsichtlich solcher Nachbarn vereint, weil der Grund 

36) Homeyer, zwei akademische Abhandlungen (1867) S. 31, Anm, 



35 

der Besonderheit für sie nicht existirte, aber das Regulativ für 
die Praxis fiel nicht gleich aus. Die Schöffen von Brunn (bei 
Rössler, § 18) gingen so weit, in einem speciellen Falle, als 
ein Mann aus Jägersdorf im Gebiete Troppau in Brunn gegen 
einen Bürger dieser Stadt ein Qastgericht beanspruchte, bei der 
abschlägigen Antwort zu erklären, nur wer ausserhalb Mähren 
wohne, sei in gerichtlicher Beziehung als Gast zu betrachten. 
Andere Rechte legep das Gewicht darauf, ob der Fremde ohne 
Beschwerde zu rechter Tageszeit von seinem Wohnort zu Gericht 
kommen, oder ob er an einem Tage hin und zurückgelangen 
könne, und da entstand auch der Begriff „wilder Gast" (wild- 
fremd), aber die betreffende Fixirung geschah selbst in dem Kreise 
der zusammengehörigen Rechte nicht ohne Nüancirung. Prager 
Stadtrechtsbuch § 21: „Der gast schol auch swem das er ein 
fremder gast sey und alzo werre gesessen sie das er zu rechten 
tage zeit nicht komen muge." Magdeburg-görlitzer Recht 1304, 
§ 7: „Der Gast muz abir sweren, daz her ein wilde Gast sie 
unde also verre gesetzen, dass her des Dinges eines Tages nicht 
gesuchen en möge" (sächsisches Weichbildrecht XLV, 4. Glogauer 
Rechtsbuch DXK). Diese Satzung des magdeburger Rechtes findet 
sich auch in den magdeburger Fragen 11, 5, 2 (vgl. II, 5, 1. 
I, 16, 5. n, 2, 14). Als aber ungeachtet der Deutlichkeit dieser 
Bestimmung den Schöffen die Frage vorgelegt wurde, wer denn 
eigentlich ein wilder Gast sei, gaben sie eine Antwort, welche die 
Wildheit des Gastes im Gegensatze zu einem solchen, der sich 
länger in einer Stadt aufhält, ohne Bürger geworden zu sein, stärker 
betont: „Wer tegelich von wochen zcu wochen unde von stetin 
zcu stetin, von lande zcu lande syne wandelunge hat unde in 
keyner stat iar und tag wonhafftig ist, der heisszet unde ist eyn 
wilder Gast." Es entspricht diese Erklärung mehr dem sächsischen 
Landrecht III, 45, 6: „unde komet unde varet gastes wise", und 
der Beschreibung des reisenden Kaufmannes im Schwsp. 39 W.: 
„die mit koufschaze von lande zu lande varn und von einer 
Zungen in die andern und von einem künicriche in daz ander." 
Jene Erklärung wird von den Schöffen noch weiter verfolgt IT, 
5, 3: „Wer in der stat bobin iar unde tag wonhaftig ist unde 
andirs in keyner stat besesszen, der sal recht haben, gebin unde 
nemen glich eynem andim besessen burger unde nicht noch gast 

8* 



36 

rechte." Für einen solchen Nichtbürger fehlt der Grund, der zu 
den Gastgerichten führt. — In einem andern Falle schlugen die 
magdeburger Schöffen den auch häufig gewählten Weg ein, dass 
sie vom fraglichen Gerichtsorte als Centrum ausgehend, die Peri- 
pherie in Meilen angaben. Magdeburger Fragen 11, 2, 8: „und 
ein gast heissit, der meir denne XI milen buszin deme gerichte 
gesessin ist." Da die Zahl ohne Variante dasteht, wäre es gewagt, 
ihre Richtigkeit zu bezweifeln, obgleich sie eine weit grössere 
Distanz angibt, als es sonst zu geschehen pflegt. Das freiberger 
Statut setzt, nach der Mittheilung von Haltaus s. v. Gast, vier 
Meilen: „Welch Mann umb Freybergk in den vier Meil Weges 
gesessen ist kein Gast, als zu Meissen, Cemnicz, zu Dressden 
und da bynen, die megen zu Ding wohl konmien, den sol man 
bescheiden in das geding; welch mann aber aus den vier Meil 
Weges gesessen, der ist ein Gast, dem sol msaa richten zu hmid, 
aber zu bezeugen über zwerche nacht." Das bamberger Stadt- 
recht §§ 35, 36 will schon den über zwei Meilen von der Stadt 
Wohnenden als Gaat betrachtet sehen. 

War der Gast ein wegfertiger Mann, so musste ihm daran 
liegen, nicht aufgehalten zu werden, wo ihm in emem Streite mit 
einem Einheimischen gerichtliche Hilfe Noth that oder wo der 
Einheimische gegen ihn einen rechtlichen Anspruch geltend machte. 
Es ist schon eine nicht unbedeutende Rücksicht, wenn in Hof- 
rechten in der Reihenfolge der an den Jahrgerichten zu verhan- 
delnden Sachen die Gäste hinter den Wittwen und Waisen und 
Frauen vor den Hofgenossen aufgeführt werden (Grimm Wsth. 
I, 194, 203, 274; V, 126 § 6, 145 § 33, 148 § 7, 171 § 20); 
bisweilen sind sie sogar an den ersten Platz gestellt (Grimm 
Wsth. I, 310. Zeitschrift für schweizerisches Recht IV, 151) ent- 
gegen der sonstigen galanten Regel: „allweg den Frowen vor den 
Mannen" (Grimm Wsth. I, 203). Den Gästen konnte aber damit 
nicht geholfen sein, dass an den zwei oder drei Jahrgerichten ihre 
Rechtssachen rasch gefördert wurden, sondern wenn sie wegfertig 
waren, so erheischte es ihr Interesse, nicht bis zum nächsten Mai 
oder Herbst auf die Erledigung ihres Streites mit einem Einheimi- 
schen warten zu müssen, und auch dem Einwohner musste daran 
gelegen sein, dass der Fremde nicht vor abgemachter Sache fort- 
zog. So entstand, wenn wir uns zunächst an Weisthümer der 



37 

schon mit den obigen Anführungen betretenen Landdistriete halten, 
die Regel, dass Gastgerichte alle Tage gehalten werden konnten 
und erforderlichen Falls in's Leben treten sollten. Sie sind eine 
aus der Gattung der Nothgerichte*^) hervortretende Hauptart, so 
dass bisweilen die Ausdrücke Gastgericht und Nothgericht promiscue 
gebraucht werden, selbst in der übertriebenen Weise, dass Noth- 
gerichte Gastgerichte genannt werden, wo gar kein Gast im Spiele 
ist. Landbrief von Niedersibenthal (Ztschr. für Schweiz. Recht IX, 
187) : „Item die gastgricht sollend und mögend nit weiter erloupt 
werden, es treffe dann er oder eid an oder es seye am wachsenden 
schaden, weiter sol kein gastgricht erloupt werden, es were dann 
in todesnöten. denn sol und mag man wol ein notgricht erlouben 
und nachlassen, darmit nit zun Zeiten biderb leut verkürzt wer- 
den etc.*^ 

Mehrere Hofrechte aus dem Gebiete von St. Gallen verkünden 
übereinstimmend im Wesentlichen über die den Gästen zu gewäh- 
rende Hilfe. Öffnung von Rickenbach 1495: „Item, man sol ouch 
aim gast — richten und gricht halten als dick er dess begert, 
wenn er kompt, ussgenomen hochzitlich tag, sunnentag, zwölf- 
bottentag, und zuo ziten so die gricht uffgeschlagen sind.^ Aehn- 
Uch die Offnungen von Burgau und Tablatt u. a. (Grimm Wsth. 
I, 195, 210, 226; V, 123 § 20, 148 § 11, 185 § 18). Der Aus- 
druck „so die Gerichte aufgeschlagen sind" findet seine Erklärung 
in vielen Stellen der schweizerischen Rechte. Aufschlagen ist = 
aufschieben, aussetzen^). Stadtrecht von Luzem, § 68: „Wir 
haben gesetzt und wellen das für unser Stadtrecht halten, welcher 
burger old burgerin mögen gereden by Irem eide, das sy Ir 
schulden, so Inen ein gast sol, in sorgen syen, darumb sol ein 
Schultheis gwalt han, denen ein bott zu erlouben uff des gast 
gut, es sy in hochzitten, ouch in unser zwo messen, old wenn es 
im Jar ist, die gericht syen uffgeschlagen oder nit; desglich sol 
das recht umb gest ouch also sin, ob der mergt in unser Statt 
beschechen ist'' (siehe auch daselbst §§ 93, 104. Landbuch von 
Schwyz, S. 26. Schauberg, Ztschr. für ungedruckte Schweiz. 
Rechtsquellen I, S. 214, 281). Es ist dabei zumeist an die Zeil 

37) Hai tau 8, V. Not-Ding und Not-Gterichte. — Grimm, R.-A. 838, 
Wsth. I, 793; V, 647 § 9. — Home y er, Richtsteig, S. 365, 427. 
M) Haltaus, v. Aufschlag. — Schmeller HI, 441. 



38 

der Gerichtsferien, das Justitium, zu denken. In der Gerichts- 
ordnung von Hüningen, § 16 (Burckhardt, Hofrödel, S. 74), 
ist geschildert, wie die Leute, besonders bei gichtiger Schuld, 
wider die Billigkeit hingezogen würden, wenn sie Recht Süchten, 
wie zu den regelmässigen Fristen Zugaben erwirkt würden, so 
dass der Beklagte 16 Wochen herausbringe, und damit habe es 
noch nicht sein Bewenden, denn „zu etlichen Zyten werdend och 
die Gericht ufFgeschlagen , sind 20 Wochen". Aber die fragliche 
Wendung weist doch nicht immer auf regelmässigen Rechtsstill- 
stand hin. Luzerner Stadtrecht, § 93: „Wir haben gesezt und 
geordnet, wer der ist, der sine gericht gegen uns uffschlacht und 
den imsern die nit gan lassen wellen, den selben sollen unser 
gerichte ouch uffgeschlagen sin und soll man Inen nit richten 
noch gericht gan lassen, so lang und alle diewil sy uns und den 
unsem nit richten." Zur Bestätigung von Grimm's (R. A. 852) 
Annahme, es sei der Ausdruck darauf zurückzuführen, dass der 
Richter nach Beendigung des Gerichts mit seinem Stabe auf den 
Tisch geschlagen, also damit das Gericht aufgeschlagen habe, 
sind mir bei meiner Quellenlectüre keine Belege aufgestossen. 

Während in den Weisthümern dieser Gegend der Ausdruck 
„Gast" feststehend ist, finden wir für den Gegensatz dazu keine so 
stetige Bezeichnung wie in den Städten, wo einfach Bürger imd Gast 
sich gegenüberstehen, sondern es ist Variation in der Einführung 
der Einheimischen. Bald sind sie als Hofgenossen bezeichnet 
(Grimm Wsth. V, 149 § 19), bald als solche, die in der Vog- 
tei sitzen (V, 188 § 3, 193 § 4), häufiger ist der Name Insassen 
(V, 142 § 2, 159 § 20 u. ä.). Damit wechselt aber mehrere M^le 
Stuhlsässen (I, 274; V, 139 § 3, 141 § 21—24, 175 § 12). 
Dass mit diesem Namen etwas anderes bezeichnet werden soll als 
mit Insassen, ist nach der Betrachtung sämmtlicher Stellen nicht 
anzunehmen; die Hof genossen, Insassen, Stuhlsässen stehen gegen- 
über den Gästen. Wenn daher der Herausgeber des Band V der 
Weisthümer, Richard Schröder, auf S. 1*39 notirt: „Das Wort 
erinnert an den langobardischen Stolesaz", so kann damit nur 
der Namensklang gemeint sein, da der Stolesaz im Ed. Roth, 
c. 150 ein höherer Beamte, etwa vicarius regis, ist. Woher nun 
aber jener Name in den Weisthümern? Vielleicht darf man an- 



39 

knüpfen zur Erklärung an Grimm R. A. 187^). Dasß der Raum, 
worauf ein dreibeiniger Stuhl stehen kann, als der geringste 
Grundbesitz galt, ist bekannt (Grimm Wsth. II, IGG, 182, 188, 
200, 203, 211, 237; IV, 554, 643, u. a.). Daran anknüpfend sagt 
Grimm, sich beziehend auf Bodmann: „Aber auch der Besitz 
jedes andern Grundstücks wird durch einen solchen Stuhl ange- 
treten; bei Feldgütereinwährungen war üblich, dass der neue 
Gutsempfänger vom Gerichte an das Gut begleitet, dort auf einen 
dreibeinigen Stuhl zu sitzen und also in einem dreimaligen Schübe 
sich dem Gute zu nähern beordert ward; das hiess: in das Gut 
rutschen. '^ Wenn wir daraus entnehmen, dass das Sitzen oder 
Sichsetzen auf einen Stuhl, auch ohne die Rutschpartie, bei dem 
Uebergang eines ländlichen Grundstücks auf einen neuen Be- 
sitzer eine Rolle spielte, so haben wir damit eine ansprechende 
Erklärung des Namens Stuhlsässen für Hofgenossen und Insasseu, 
die eine Unterstützung findet in Weisthümern aus dem Elsass, in 
denen der Name „Stuhlgenossen" vorkommt. Grimm Wsth. I, 
731 : „so mag der houbtherre des gutes wol vor dem meiger und 
zweien hubern einen stulgenossen oder muntmann setzen an sine 
statt*®) dem hofe gehorsam zu sein, in die wise als er ouch ge- 
thon hat, und ze dinge und ze ringe ze gonde." I. 744: „Item 
so oft ein nuwer träger oder stulgenoss wirt, gibt er zwo masse 
weins, eine dem meiger und die andere den hubern etc." V, 540: 
„Man spricbet ouch zuo rechte, wer der ist der do einen stuol- 
genossen wil seczen, der git dem meiger ouch ein halb vierteil 
wins zuo saczunge. Ouch welre huober oder stuolgenosz ein 
oseczig (unbesetzt) guot weisz, der sol es dem meiger rügen und 
verkünden etc. — Item es sol kein stuolgenosz den andern seczen, 
der hochhuober sige denn zuogegen." In das Material dieser 
Stellen, in das Verhältniss von Huber, Hochhuber und Stuhl- 
genossen einzudringen, auf die Verschiedenheit der als Satzung 
bezeichneten Abgabe von andern Abgaben und deren etwaige 

39) 8. auch Grimm, „das Wort des Besitzes^ in dessen kl. Schriften 
I, 138. 

*0) Hier haben wir wieder einen Anklang an das langobardische „Stole- 
saz", wenn auch in einem ganz anderen VerhÄltniss von Personen, und an 
diese Stellvertretung hat auch Schröder ohne Zweifel bei seiner Verweisung 
gedacht. 



40 

Beziehung auf die Satzung an unbeweglichem Gut in dem viel- 
besprochenen Sinne einzugehen, das würde mich weit von meinem 
Thema abführen. Mir konnte nur daran liegen, es wahrscheinlich 
zu machen, auf welche Weise Stuhlsäss Synonymon von Insass, 
Hofgenosse etc. wurde. Aber möglicher Weise ist meine Deutung 
zu künstlich und waren „Stuhlsässen^ nur Stellvertreter, welche 
statt der eigentlichen Besitzer von Hofgütem zu Ding und King 
zu gehen und die übrigen Verbindlichkeiten zu erfüllen hatten ^i). 
Dafür ispricht besonders § 11 des Weisthums von Geisspolzheim 
im Unterelsass (Grimm Wsth. I, 706): „Item wer hueber ist in 
dem vorg. hof, der sol bi sinem eid sein bei dem hubding, und 
were es, dass er es nicht getun möchte, so mag er einen stul- 
genossen darsetzen, der von seinetwegen darsitzet und sol der 
auch schwören alle ding zu tun, als davon geschriben stet." 

Der Gegensatz der Einheimischen und der Gäste äussert sich 
nicht bloss in der Gewährung von G^wtgerichten , sondern die 
Beweglichkeit der Gäste, der Umstand, dass sie hier in der Fremde 
keinen Grundbesitz hatten, Rücksichten der Billigkeit gegen die 
Gäste, aber auch gegen die Einwohner, führten zu eigenthüm- 
liehen Bestimmungen über Arrestanlegung, Pfändung und Pfand- 
setzung etc., die noch ausser dem eigentlichen Kreise der Gast- 
gerichte liegen, aber damit doch, als zum Gastrecht gehörig, in 
naher Verbindung stehen. Die Weisthümer der Abtei St. Gallen 
verbreiten sich ausf ährlich über diese Gegenstände, und es scheint 
mir zweckmässig auf Grundlage dieser Rechte und in Vergleichung 
der Rechte anderer Gegenden in Kürze darauf einzugehen. 

1. Ueberall kehrt das Verbot wieder: „Es soll ein Gast in 
dem Gericht — den andern nicht heften*^ (Grimm I, 219, 225; 
V, 127 § 13, 159 § 16, 177. § 14). In der Öffnung von Ricken- 
bach (I, 210) findet sich aber der Zusatz: „es sye dann das er 
uf ain zwifel hefften welle**. Erweitert ist das Verbot in der Öff- 
nung von Sommeri (V, 123) § 16: „Item es sol ain gast den 
andern in den obgeschribnen gerichten nit heften noch pfenden"; 
also weder mit Arrest noch durch Pfändung bekümmern. Das 
Synonymon von „heften** ist „verbieten**. Öffnung von Neftenbach 
§ 36 (I, 38): „Es sol und mag ouch kein gast den andern nit 

«) Maurer, Fronhöfe IV, 79, 177. 



41 

verbieten**. Wenn aber die gleiche Bedeutung dieser beiden Wörter 
nicht bezweifelt werden kann, so ist anch klar, dass es mit dem 
Aosdrack Jemanden heften** dieselbe Bewandtniss habe, wie mit 
dem norddeutschen „besetten** *^, dass darin nur die Verhinderung 
der betreffenden Person liegt, über ihre Sachen zu verfügen; 
s. auch Grimm Wsth. V, 151 §§ 25, 29, 30. 

Wenn nun im Gegensatz zu der Bestimmung, dass ein Gast 
einen andern nicht ^heften** soll in dem Gerichtsbezirke, in wel- 
chem beide fremd sind, es unzweifelhaft ist **), dass ein Q^richts- 
insass den Gast „heften** darf, s. z. B. Grimm Wsth. V, 151 
§ 25: „Item, wenn ain insäs ainem gast das sin heft", — so er- 
hebt sich die Frage nach dem Grunde jenes Verbots, das an allen 
angeführten Stellen, mit Ausnahme der Öffnung von Rickenbach, 
unbedingt hingestellt ist, also als Regel gelten muss. Der Haupt- 
grund kann wohl nur darin gesehen werden, dass das Bekümmern 
mit Arrest, eine an sich beschwerende Massregel, doch nur der 
Anfang einer vielleicht langem Action zur Geltendmachung von 
Rechtsansprüchen war und dass der Richter, dem der Fremde 
femer stand als seine G^richtsangehörigen , durch eine solche 
Massregel in Collisionen und Weiterungen verdriesslicher Art ge- 
führt wurde. Er durfte daher zuerst sich fragen: Wo ist nach 
allgemeiner Regel, abgesehen von dem gegenwärtigen Aufenthalt 
der beiden Gäste in meinem Gerichtsbezirk, das Forum für die 
Sache? Adf Grund eines solchen Gedankenganges verwiesen die 
Schöffen v^on Brunn einen Mann aus Breslau, der gegen einen 
Mann aus Wien eine Schuldklage im Qtistgericht zu Brunn ver- 
folgen wollte, an das Forum contractus nach Wien (Schöffenbuch 
von Brunn § 5, s. unten §• 8). Das führt nun auch direct zu der 
Clausel hin, welche Ruprecht von Freysing n, 69 a. E. dem in 
Rede stehenden Verbot beifügt: „Kain gast mag den andern gast 
in der stat verpieten noch anvallen. im sei dann das recht dahaim 
verzign**. Da fiel das Bedenken weg und der Richter machte von 
seiner allgemeinen Befugniss jedem zum Rechte zu verhelfen 
Grebrauch. — Eine andere Clausel ist der Regel beigefügt in den 
Statuten von Goslar 66, 1: „En gast ne mach den andern gast 



**) Göschen, die goslarischen Statuten S. 420. 
43) V. Meibom, das deutsche Pfandrecht S. 161. 



42 

nicht besetten; erlovede aver dat de rat, so mochte dat wol sm*^. 
Dem wohlweisen Bathe konnte es zugetraut werd^i} dass er die 
zur Abweichung von der Begel erheblichen Umstände richtig 
würdige. 

2. In BetrrfF der Pfändung tritt die Verschiedenheit des Gastes 
von dem Gerichtsangehörigen bcs<mders darin hervor, dass das 
von einem Gtist wegen tüchtiger) Schuld genommene Pfand nur 
acht Tage liegen soll, das Pfand vom ^ Stuhlsassen *~ genommen 
aber erst in vierzehn Tagen angegriffen werden darf. S. Grimm, 
Wsth. V, 110 § 10. 139 § 3. 185 § 18. 186 § 22, 27. I, 227. 

§ 7. Zur allgemeinen Orientirung über Entstehung und Be- 
deutung der Gastgerichte habe ich im Vorhergehenden auch Hof- 
rechte und Bauemrechte benutzt, aber die eigentliche Entwick- 
lung dieser Gerichte ging doch in den Städten und Märkten vor 
sich, und zwar bei gleichem Bedürfiusse in einer wesentlich glei- 
chen Weise. Dennoch erscheint es mir zweckmassig, die Grestal- 
tung der Gastgerichte an der Hand der Quellen in ihrer land- 
schaftlichen Ghnppirung zu verfolgen, weil auf diese Weise bei 
dem gleichen Kern das verschiedene Colorit am deutlichsten her- 
vortritt 

Die Umschau auf dem alamannischen Gebiete zeigt ein 
Stadtrecht, welches dem Graste eine sehr entschiedene Gunst in 
gerichtlicher Beziehung zuwendet, damit er nicht aufgehalten werde. 
In dem Freiheitsbriefe, den Hagenau im Elsass 1164 von Fried- 
rich I. erhielt, heisst es § 18: ^Hospes, a civem illic in causam 
duxerit, propter transeuntis impedimenta, per noctem tantum in- 
duciandum fore concedimus. Si e converso contigerit, quod civis 
hospitem in causam duxerit, per octo dies inducias habere poterit, 
vel si mavult per noctem solam respondere, ejus in arbitrio relin- 
quere statuimus.^ Der von einem Bürger verklagte Ghtöt hat eine 
Frist von acht Tagen, gleich dem Bürger, der von einem Bürger 
wegen einer Schuld belangt wird (§ 17) 5 der von einem Gast 
verklagte Bürger dagegen soll gleich am andern Tage jenem zu 
Recht stehen. Der Ausdruck per noctem tantum und per noctem 
solam entspricht dem deutschen: over twere Nacht, über Twerch- 
nacht (Quemacht) etc. ♦*). Stadtrecht von Frankfurt a. M. 1297, 

^) Haltaus. v Quernacht und Gastgericht— Schauberg, Ztschr. fftr 
HD^edmckte Schweiz. Rcchtsquellen I, 2: „Unrichtig ist es und beruht auf 



43 

§ 17: ^Item si hospes conqueritur de alio hospite, illi Judicium 
fieri debet ultra noctem, quod twerchnach dicitur.** Bamberger 
Stadtrecht, § 36: „man soll ihm helfen über twerch nacht ab 
einem gast. ^ Dortmund 1397 (Dreyer's Nebenstunden, S. 425): 
,,Si aliquis hospes extraneus convenit aliquem burgensem coram 
judicio pro aliquibus bonis, si fatetur et reus debitum solvet ante 
occasum solis vel altera die, quod dicitur over Dwernacht." Das 
Hauptmoment der Gastgerichte, die schleunige Rechtshilfe, ist an 
den zahlreichen Stellen der genannten Art durch Ansetzimg der 
kürzesten unter den nach Nächten bezeichneten Fristen juristisch 
genau ausgedrückt Wie sehr man sich gewöhnte, den Ausdruck zur 
Hervorhebung des schnellen Rechts zu verwenden, sehen wir aus 
dem folgenden Artikel des dortmunder Rechts , der rubricirt ist : 
„De iudicio dicto Dwernacht'^ und die Erklärung gibt: „Et 
est tale ius, quod quicunque burgensis convenit alium coram 
iudicio pro aliquibus debitis, si fatetur debitum, debet illud in 
medietate solvere proxima die ante occasum solis et si non solvent 
vadiabit etc." 

Das Stadtrecht von Ulm aus der zweiten Hälfte des drei- 
zehnten Jahrhunderts hat im § 11 ebenfalls eine solche den Gast 
begünstigende Satzung: „feed si hospes advena civem ad iudicium 
vocaverit, sequenti die debet secimdum quod iustum fuerit ex- 
pediri." 

In dem handelsverkehrreichen Basel konnten die Gastgerichte 
nicht fehlen, und sind ohne Zweifel lange vor der Zeit in Uebung 
gewesen, für welche die gedruckten Rechtsquellen ihrer Erwäh- 
nung thun. In einer Verordnung über die Behandlung der Bussen- 
einer irrigen Auffiissnog der Erläuterungen von Halt aus, wenn Homeyer, 
Sep I, S. 380, einfach sagt, Quernacbt sei die dazwischen liegende Nacht.^ 
Wer Homeyer einer Ungenauigkeit zeihen will, sollte doch zuvor sehr genau 
zusehen. Homeyer sagt ganz richtig, Quernacht sei die dazwischen liegende 
Nacht, und „over tvere nacht" am andern Tage. — Im glogauer Rechtsbuch 
DXX (Wasserschieben, Sammlung I, p. 63) ist der Ausdruck „obir dy 
zweyer nacht" schon eine Verunstaltung. Auch im kleinen Kaiserrecht I, 16, 
deutet das „ttber zwo nacht" darauf bin, dass der Verfasser den technischen 
Ausdruck nicht verstanden habe. Falsch ist auch die von Wächter (Beitr. 
zur deutschen Geschichte R. 203) gebilligte Erklärung der „Dwcrnacht" im 
Stadtrecfat von Rüden : „dat is van der tyt uppe den derden dach tho rechter 
none." 



44 

Sachen am Stadtgericht vom 27. September 15(B ist die Reihen- 
folge der Sachen angegeben: „nemlich dass täglichs an den grich- 
ten, ob einich gest zugegen smdt, dass die nnd mit im Sachen 
zom aller ersten nnd vor allen dingen gefordert nnd fürgenom- 
men werden." Schon eine frühere Verordnung von 1406 ist spe- 
ciell den Ghistgerichten gewidmet und in derselben gesagt, welchem 
Bürger oder Hintersassen von eines Qastes wegen für das Schult- 
heissengericht geboten werde, ritte oder gehe er von der Stadt 
nach dem ersten Gkbote oder verberge er sich und lasse sich ver- 
leugnen, als ob er nicht in der Stadt wäre — sich aber kundlich 
erfinde, dass er zur Zeit des Gkbots in der Stadt gewesen sei, 
dann möge der Gast auf desselben Gut, liegendes oder fahrendes, 
mit Gericht fahren, bis jener gehorsam werde und den Gast nach 
des Gerichts Erkenntniss befriedige. — Eme Parallele hiezu, aber 
doch nicht mit demselben Ausgange, bietet das Rechtsweisthum 
v<m Münster in Westphalen 1326, § 28: „Si hospes fecerit civem 
citari pro debitis, quae nominavit, si non venit, judex sequenti 
die ei solvet de rebus debitoris, quantum actor ostendit." 

Ueber St. Gallen kann ich eine Mittheilung machen durch eine 
Urkunde ^ aus dem dortigen Stiftsarchiv über das Richteramt 
des Raths und des vom Abt gesetzten Ammanns. 

Es sol ain gebüttel von des Gfotzhus wegen den bürgern von 
ains Gasts wegen fürgebieten wenn der gast wilL Und och den 
gesten rihten ob der Stattammann nüt da war als dikk und es 
notdürftig ist 

Derselb gebüttel mag och ain gast stellen von ains burgers 
wegen und im sin guot verhefften wenn der burger wil und och 
darüber rihten, ob der Ammann nüt da wäri. 

Ez mag och ain gast den andern stellen in der Statt zu Sant 
Gallen mit dem Stattamman oder mit sinem waibel von des gotz- 
hus wegen. 



^ Ich verdAiike die Abschrift dem Stiflsarchivar Dr. Eng. von Oonsen- 
bach, der auch ffir Band V von Grimm 's Weisthttmem mii einer Gmianig- 
keit thitig gewesen ist, die in den schweixerischen Öffnungen des ersten Bandes 
vielfach so sehr vermisst wird. Der freundliche Archivar, dem ich schon oft 
für Unterstütsang meiner Arbeiten snm Dank verpflichtet wurde, beieichnet 
die Urkunde als ein Aufschrieb auf Pergament in RoUenform, der Schrift nach 
aus dem 14. Jahrhundert, doch ohne Datum. (Kiste T, Truhe 5.) 



45 

Ez mag och ain Stattamman ob sin Stattwaibel ze der Statt 
denn zemal nüt war, ain andern hotten genemmen, den bürgern 
furgebieten und gest stellen und in das ir yerhefiPten, ob es jeman 
Yordrat und sol der Aman selb darumb rihten. 

Derselb Stattamman sol den bürgern rihten an dem Mantag, 
an der Mittwuchen und an dem Frjtag imd den gesten als dikk 
und sie des notdürftig sint. Für denselben amman sol all mängk-» 
lieh ze geriht gan. 

Ez sol och weder der Rat noch der Stattaihman noch sin 
waibel über Dienstlüt , über pfaffen , über Schuoler , noch über 
dekain Hofgesind ains Herren noch dem Herren nüt rihten. War 
aber daz ain Dienstman ainem Burger gelten sölt und Im der 
gült vergihtig war, so mag der Burger gan in des Wirtes Hus, 
da er denn sin ross ingestelt hat und mag des stals tür uffstossen 
und daz schloss abbrechen und daz ross nemen und es dannen 
füeren imd sol iiij dn. leggen uff des Stals swell und damit hat 
er den wirt gebessret. 

Dass der Büttel oder Weibel nicht nur zu laden hat xmd 
Arrest anlegen, sondern den Stadtammann als Richter yertreten 
kann, war nicht bloss Uebung in St Gallen und in andern schwei- 
zerischen Städten , sondern allgemeinere Sitte *®). Er war nicht 
lediglich Gerichtsdiener, sondern wenn auch Unterbeamter, doch 
mit höheren BWctionen als die heutigen Weibel. Speciell für die 
Gastgerichte sagt auch der Rechtsbrief der Stadt Rain 1332 §5: 
der Büttel könne den Vogt vertreten und „dem Gast richten als 
Gttötes Recht ist". 

Zu den der Gerichtsbarkeit des Stadtammanns entzogenen, 
nicht zu den Gästen gezählten Personen gehören nach dem letzten 
Absatz der Ordnung die Dienstiente. Da es aber oft vorkam, dass 
ein in die Stadt einreitender Dienstmann bei Bürgern eine Schuld 
contrahirte ohne Neigung sich mit der Zahlung zu beeilen, so 
war es mit der richterlichen Hülfe für die Bürger übel bestellt 
und als Ersatz war ihnen eine bedeutende Selbsthülfe in merk- 
würdiger Form zugestanden, die wohl auf eine ältere Zeit ihrer 
Entstehung zurückweist. 



*«) Ssp. I, 70, § 3. ni, 18, § 1. Lübeck I, 56. n, 230. — Haltaus. äri. 
Pron-Boten-Gericht 



46 

Die Gruppe der Stadtrechte, welche vom Mutteirechte von 
Freibarg im Br. 1120 ausgingen, im alamannischen und in's bor- 
gundische Gebiet hinein, haben manche Bestimmungen über Gast- 
gerichte. 

Die Handfeste von Freiburg im Uechtland 1249 schliesst den 
die Gaste nicht eben begünstigenden § 19 mit den Worten: ^et 
potidie de ipso hospite et advena et non burgense burgensi debet 
justitia exhiberi." Diese Stelle, mit welcher die Handfeste von 
Burgdorf, § 48, ganz übereinstimmt, ist wichtig, weil sie zeigt, 
dass, wenn auch die Gastgerichte in Begünstigung der Graste ent- 
standen sind, doch nicht alles Gewicht darauf zu legen ist, dass 
dem Ghiste schnelle Rechtshülfe werde, sondern dass die prompte 
Justiz der Gas^erichte auch dazu dienen sollte, die An^ffüche 
des Bürgers an den Gast vor dessen Entweichen zu sichern. Die 
Handfeste von Freiburg im Uechtlande hat beide Seiten berück- 
sichtigt (§ 19 vergl. mit § 116 a. R). Es ist diess nicht etwa eigen- 
thümliches burgundisches Becht, denn das schon angeführte Stadt- 
recht von Luzem spricht sich in demselben Sinne aus, und das 
einem ganz andern Gebiete angehörige bamberger Stadtrecht sagt 
§ 59: pUnd hat ein Burger zu einem Grast icht zu sprechen, da 
soll man dem Bürger auch zu helffen über zwerchnachf^ (s. auch 
das magdeburg-gorlitzer Recht 1301, 37). 

In Murten wurde 1561 erkannt, dass der Schultheiss und das 
Crericht fürhin nicht verbunden sein sollten, einem jeden zu allen 
Stunden Crericht zu halten, s<mdem wenn einer Grastgeiicht be- 
gehre, so solle er es dem Schultheissen anzeigen, der ihm und 
seiner Gregenpartei Tag und Stunde zu seiner Erscheinung be- 
stimmen werde ^^. Also bis dahin bestand die allgemeine Regel 
für Grastgerichte. 

Grehen wir weiter in das buigxmdische Gkbiet hinein, so finden 
wir dort, wenn auch nicht den Namen Gras^ericbt, so doch die 
Sache. Franchises de Cmseilles 1282^ § 37 : .Si viator tiansit per 
villam, non debet detmeri, sed statim debet eidem fieii Judicium*^ 
(siehe auch Franchises de Seyssel 1285, § 43) **). 



^) Engelhard, Qiroiük von Mnrtmi, Sw TT. 

^ Diese Freih^tsbriefe finden sick in dem Recveil des tencktses et lois 
nnnicipales des principales TiUes de Fancien dioccse de Oen^ve 1863; vei]^ 



47 

§ 8. In Baiern waren die öastgerichte sehr ausgebildet, 
und besonders ist es Ruprecht von Freysing, der in seinem Stadt- 
rechtsbuche im Cap. 69 das „Gkstrecht" so eingehend behandelt, 
dass wir darin eine vollständige Theorie dieser Einrichtung haben. 
Hauptsätze derselben, in denen die höchste Begünstigung des Q-astes 
hervortritt, sind: 

1. Man soll dem Q-ast zu aller Zeit richten. Dieser E\inda- 
mentalsatz ist noch näher ausgeführt. Kommt der Gast des Nachts 
in die Stadt, so soll er dem Bürger des Nachts fürbieten und ist 
der Richter anheim, so soll er dem Gbst des Morgens ein Recht 
thun. Ist des Gutes aber über ein Pfund, so mag der Richter 
dem Bürger eine Frist geben bis zum dritten Tage, damit er sich 
berathe, wie er dem Gast antworten will. 

2. Hindert den Gast ehehafte Noth, sein Recht am Termin 
zu vollführen, so mag er einen Procurator bestellen. Wird der 
Beklagte diesem gegenüber absolvirt, so ist er auch gegen den 
Kläger ledig. 

3. Der beklagte Bürger soll dem Gust antworten nach Bür- 
gers Recht und nicht nach des Gastes Recht (s. auch Ruprechts 
Landrechtsbuch c. 28. Schwsp. 32): „Ain yedlich man der aus 
ainem land in das ander kümpt und wil er vor gericht recht nemen 
umb ain guet das in dem land ist es (er) mues n^emen recht nach 
des landts recht und nicht nach seinem landts recht." 

4. Ein Gast soll keiner Hausfrau fürbieten, dieweil ihr Wirth 
(Ehemann) lebt. Findet aber der zur Stadt gekommene Gast seinen 
Schuldner todt, so mag er wohl seiner Hausfrauen fürbieten oder 
denen, die dessen Gut erben. Sprechen diese, sie wüssten nichts 
von der Schuld, so soll ihm „kein Aisch ertheilt werden*^. Der 
Buchstabensinn dieser letztem Worte ist leicht zu ermitteln, denn 
Aisch (Aischung) ist = Forschung, Nachforschung und auch die 
dazu gewährte Frist *®). Identisch ist auch „Forsch" (Oberb. Stdtr. 
16, 157). Eine Frist könnte ihm dazu dienen, Zeugen aufzufinden, 
um darzuthun, dass der Todte vordem sein Schuldner geworden 
sei. Wenn ihm aber diese Frist versagt wird, so kann doch damit 
ihm sein Recht nicht abgeschnitten sein ; das würde der Begünsti- 

die (mönchener) kritische Vierteljahrsschrift für Gesetzgebung und Rechts- 
"wissenschaft V, S. 214 ff. 
«) Schmeller T, 113. 



48 

gung widersprechen, die ihm das ganze Capitel denüich zuwendet. 
Dass er aber auf der Stelle einfach schwuren könnte , der Todte 
sei sein Schuldner geworden, ist auch nicht anzunehmen, denn in 
einem verwandten Falle heisst es Cap. 79 a. K : ,,wann man auf 
kain todten man kain werung (Zahlung) nicht sweren mag. man 
mues jn pringenn. ditz recht haben alle dye dy werung auf 
todleut jehen", d. h. es muss der Zeugenbeweis geführt werden, 
„er muess es war machen jnner jarsfrist mit zwain oder über das 
jar mit siben, dy das gesehen haben*^. — Wenn wir uns in dem 
Kreise der Rechte, dem das Stadtrechtsbuch Huprecht's angehört, 
umsehen, so finden wir dort eine . allgemeine Vorschrift darüber, 
wie es gehalten werden soll, wenn jemand die Erben eines Todten 
anspricht, dessen Gläubiger er geworden zu sein behauptet. Nach 
K. Ludwig's oberb. Landrechte, Cap. 287 (oberb. oder münchener 
Stadtrecht 16, 53; etwas verändert Stadtrecht von Freysing, Cap. 
218), können die Erben in einem solchen Falle Aischung begeh- 
ren 3 X 14 Tage ; wenn sie Ablauf dieser Zeit wieder vor Gericht 
kommen und mit ihrem flide bereden, dass sie nicht erforscht 
haben, dass sie ihm gelten sollen, so soll man ihnen Frist geben 
Jahr xmd Tag, es wäre denn, dass der Kläger innerhalb Jahres- 
frist mit zweien, die mit ihm schwören, es möchte wahr machen, 
dass jener ihm das Geld schuldig sei; über diese Jahresfrist hin- 
aus soll er es wahr machen mit sieben, die mit ihm schwören 
über moltigen Mund *•). Diese verschiedene Zahl der mitschwö- 
renden Zeugen findet sich ebenfalls in dem schon angeführten 
Cap. 79 des Stadtrechtes von Ruprecht (siehe auch das regens- 
burger Stadtrechtsbuch bei Freyberg V, 48, 49). 

Vergleichen wir nun mit der aUgemeinen Vorschrift die frag- 
liche Bestimmung in Ruprecht's Stadtrechtsbuch, so finden wir 
eine Abweichxmg nach beiden Seiten hin, denn erstens erklären 
die Erben nur, dass sie nichts von der Schuld wissen, und be- 



^ Dieser Ausdruck, neben dem „moltige Znnge^ vorkommt, wird in der 
SprichwörtersammloDg von Graf nnd Dietherr (8. 464, Anm. f) erklftrt: 
„wenn der Mnnd unter die Molte (Erdscholle) gekommen, d h. der Mann be- 
graben ist.^ Sprachlich ist dies nicht ganx richtig, denn nach Schmeller Uj 
572 ist der Holt oder die Holt: „sa Molen, Polver Zerriebenes, besonders 
Erde, SUnb.'' Dasselbe ist im Plattdeutschen Mull, daher Mullworp, woraus 
im Hochdeutschen Maulwurf corrumpirt wurde. 



49 

gehren keine Frist zur Naclif orschung , zweitens erh&lt der ab 
Gläubiger auftretende Grast keine Frist , um Zeugen zu suchen. 
Dabei sind denn die Erben im Vortheil vor dem Gtaste, aber eine 
Unbilligkeit liegt darin nicht, denn so wie ihm nach Gastrecht 
schnelle Rechtshilfe gewährt wird, so soll er auch sorgen, dass 
diese schnell eintreten könne, und er ist darauf hingewiesen, sich 
die Schuld verbriefen zu lassen, wenn sie contrahirt wird, denn 
sein Schuldner kann sterben und der „moltige Mund^ ist stumm, 
so dass der Vortheil einer gichtigen Schuld dann für den Kläger 
wegfällt. Der Zeugenbeweis ist ihm zwar nicht abgeschnitten, 
auch wenn ihm keine längere Frist zur Erforschung von Zeugen 
zugestanden wird, nur muss er die Zeugen zur Hand haben, denn 
Liquidität des Beweises gehört zum Charakter der Gastgerichte. 

5. Wenn der Bürger auf die gehörige Ladung nicht vor Ge- 
richt erscheint, so soll der Gast eidlich erklären, um was er ihn 
vorgeladen habe und mit seinem ganzen Anspruch obsiegen — 
„das soll er dann alles behabt haben^ — , auch durch Pfänder 
sicher gestellt werden nach der Stadt Recht (vergl. die oben S. 44 
angeführte baslerische Verordnung von 1406). 

6. Kein Richter soll einen Gast nöthigen, eine Klage zu voll- 
führen, ausser um Dieberei, Raub und Todtschlag. K. Ludwig's 
Landrecht beginnt auch mit dem allgemeinen Verbot, dass nie- 
mand den Andern zu einer Klage nöthigen soll, aber die ausge- 
nommenen Delicte sind dort nicht dieselben **). 

7. Kein Gast kann einen andern Gfast in der Stadt „verbieten 
noch anfallen", ihm sei denn das Recht daheim versagt. Dies soll 
er „bereden'* (beweisen, beeidigen) ^)y und dann soll ihm Recht 
werden ^. 

In die Zeit der Rechtsbücher Ruprecht's von Freysing fällt 
der Rechtsbrief K. Ludwig's IV. für die Stadt Rain 1332. In 
demselben ist § 5 vom Gastes-Recht die Rede : „Sie habent auch 
das Recht, ob ain Gast hinz ainem Burger icht zu sprechen hat, 
oder hinz ainem andern Gast, den sol man richten als Gkstes 
Recht ist, und möchten sie dez Vogtz nicht gehaben, so sol der 
Püttel in der Stat sitzen und sol dem Gast richten als Gastes 

fti) Ein anderes Princip hat Hamburg 1270, IX, 3. 
^) Haltaus, v. i)ereden Bohmeller lU, 52. 
^) 8. oben § 6, 8. 41. 

Otenbrüggen, rechtsgescb. Studien. ^ 



60 

Recht ist^ Mit dem zweimal wiederkehrenden ^als Gastes Recht ist^ 
kann nicht gemeint sein, dass man dem klägerischen Gaste nach 
dem materiellen Recht seiner Heimat richten solle, sondern nur, dass 
die Regel der schleunigen gerichtlichen Hilfe anzuwenden sei; wegen 
der Dringlichkeit kann dann auch der Büttel den Vogt vertreten. 
Eine Abweichimg von Ruprecht's Stadtrechtsbuch liegt darin, dass 
die Klage eines Qtwtes gegen einen Gast der Klage des Gastes 
gegen einen Bürger gleichgestellt wird, ohne die Cautel, welche 
Ruprecht hervorhebt (s. auch Frankfurt a. M. 1297, § 18: „Item 
si hospes conqueritur de alio hospite, illi Judicium fieri debet ultra 
noctem, quod twemach dicitur" ; vergl. magdeburg-breslauer syste- 
matisches SchöflFenrecht I, 26; n,2,35; HI, 2, 5). In einem 
Falle, als von zwei in Brunn anwesenden Fremden der Mann aus 
Breslau gegen einen Mann aus Wien eine Schuldklage hatte und 
ein Gastgericht in Brunn verlangte, verweigerten es die Schöffen 
dieser Stadt und verwiesen den Kläger an das forum contractus 
nach Wien (s. Schöffenbuch von Brunn § 5). 

K. Ludwig's oberbairisches Landrecht 1346, § 297 (oberb. 
Stadtrecht § 15, Stadtrecht von Freysing § 228) bringt den Satz, 
dass der Gast nicht aufgehalten werden soll, wenn ein Bürger 
einen Anspruch an ihn zu haben glaubt, in dieser Verbindung 
vor: Wenn der Bürger dem Gaste gerichtlichen Arrest anlegt — 
„ainen gast verpeut mit dem rechten" — , so soll er desselbigen 
Tages von dem Gust Recht nehmen imd es soll dieser jenem mit 
dem Fronboten kund thuS, dass er (der Bürger) Recht von ihm 
nehme; wollte er dann des Tages nicht Recht von ihm nehmen, 
so mag der Gast gehen, fahren oder reiten, wohin er will, ihm 
selber ohne Schaden. 

Das oberbairische (münchener) Stadtrecht enthält noch mehrere 
Artikel über Schuldverhältnisse von Bürgern und Gästen und die 
gerichtliche Behandlung solcher Fälle (s. Auer's Glossar v. Gast). 
In einer sehr bezeichnenden Weise ist der Hauptsatz, dass der Gast 
nicht aufgehalten werden soll, in der Wendung ausgedrückt, „dass 
er seiner Tagwaid **) (Tagreise) nicht versäumt sei". Die beiden 
buchstäblich übereinstimmenden Art 260 und 294 lauten: „Swe- 
lich gast ainen purger bechlagt umb gelt, daz er ihm schuldig 

M) Schmeller IV, 28, — Grimm, Wsth. V, 110^ § IQ. 186, § 18. 



51 

f 

idt, tind dartimb die frist anz ist, des sol er in weren des selben 
tages mit pfänden oder mit pfenning nach der stat recht, daz er 
an dem naechsten tag seiner tagwaid nicht versaumpt sey, tuot 
er des nicht, so sol er dem gast ablegen, ob er sein schaden 
nimpt** Dieselbe Wendimg findet sich auch bei Erwähnung einer 
andern Differenz zwischen Bürger und Gast im Landrecht 1346, 
§ 69. War ein Gast über einen fremden Acker oder eine fremde 
Wiese geritten oder gefahren und hatten der dadurch Geschädigte 
und der Gast sich nicht lieblich und freundlich mit einander be- 
richten können, so konnte der Geschädigte seinen Schaden eidlich 
betheuem und erhielt darnach seinen Ersatz von dem Gaste, „und 
daz recht ist darumb geseczt daz ain gast seiner tagwaid nicht 
versäumt werd". Diesen Schluss des Landrechts (und des Stadt- 
rechts von Freysing § 51) hat das oberbairische Stadtrecht (§ 68), 
welches nach Rockinger sich an das ältere Landrecht anschloss**), 
noch nicht. 

Nach Schmeller, der auch ein Mandat von 1577 anführt, 
laut welchem einem Gast fürderliches und schleuniges Gastrecht 
werden soll, darf man annehmen, dass in München noch am Ende 
des vorigen Jahrhunderts Klagen von Gästen, besonders Handels- 
leuten, gegen Ansässige schnell und summarisch vom Stadtunter- 
richter als Gastrichter behandelt wurden ^). 

Unter den österreichischen Stadtrechten hat das von Wiener- 
Neustadt (§ 45) für den Fall, dass zwei Gäste mit einander streitig 
geworden sind, die allgemeine Regel des Gastrechts angewendet, 
dabei aber einen Umstand zur Sprache gebracht, von dem im 
folgenden § 9 weiter die Rede sein soll. „Si duo hospites inter 
se invicem quidquam habuerint querelare, hoc judex assumptis 
quibusdam civibus onmi die ipsis poterit judicare vel rem 
complanare, nisi ambo velint diem placiti ad praetorium exspec- 
tare.^ Darin schliesst sich im § 46 noch als Bestimmung des Gast- 

<^ £b hängt Memit auch wohl der hänftge Gebrauch der älteren einfachen 
Verbalformen statt der Ck>mpo8ita zusammen. Im § 68 des Stadtrechts steht 
„den Schaden teuren^ statt betheuem; § 73 innert statt erinnert; § 16 gern 
statt begem 

M) Schmeller II, 77 nennt eine kleine Schrift von Stoixner, das Gast- 
reohit der ^ Haupt- uad Residemistadt München, 1784. 

4* 



52 

rechtes, dass der Richter einem Gast die Abreise ans der Stadt 
nur bis zum nächsten Gerichtstag untersagen darf. 

§ 9. Verschiedene Rechte Norddeutschlands, insbesondere das 
überallhin züngelnde magdeburger Recht, enthalten sowohl die 
allgemeinen Züge des Gustrechts, als auch Eigenthümlichkeiten, 
die in der Entwicklung des Verkehrslebens nach örtlichen Ver- 
hältnissen imd als freie Formen der Autonomie sich geltend 
machten. 

In der auf das Jahr 1188 zurückführenden Urkunde (Tzschoppe 
und Stenzel Urk. Nr. L), Rechtsbestimmungen für Magdeburg 
durch Erzbischof Wichmann enthaltend,ist§ 7 dem Thema von Rechts- 
streitigkeiten zwischen Bürgern und Gästen gewidmet; „Item si 
civis contra bospitem et hospes contra civem aliquam querelam 
habuerit, pro qua placitum burgravii vel scultheti exspectare de- 
beret, ne per hujusmodi dilacionem aliqua dampna utrimque emer- 
gant, statuimus, ut eodem die, cum causa mota fuerit, terminetur 
et sopiatur.^ Dieselbe Dringlichkeit ist in dem vorangehenden § 6 
(s. auch Urk. LVI, § 31; CV, § 65; sächs. Weichbildrecht W), 
Art. 65) anerkannt für den Bürger, der zu einer Wallfahrt ge- 
rüstet ist oder wegen nothwendiger Geschäfte abreisen will und 
da mit einer Klage angegangen wird. In solchen Fällen soll nicht 
das ordentliche Gericht des Burggrafen oder Schultheissen mit 
Schöffen abgewartet werden, sondern, um die Sache rasch zu 
Ende zu bringen, soll der Burggraf oder Schultheiss in Ermange- 
lung der Schöffen ein Urtheil von Bürgern fordern und dieses 
rechtskräftig werden. § 8: „V-erum quoniam hujusmodi causse non 
nisi per sentenciam scabinorum judicum terminari poterant, tam 
pro commoditate civium quam hospitum ordinamus, ut si scabini 
judices presentes non sint, a burgravio vel a scultheto sentencia, 
a civibus requisita, justitise sortiatur effectum." 

Die in den §§ 6 und 7 mit den Worten „eodem die, cum 
causa mota fuerit, terminetur*^ (s. auch Michelsen, Oberhof zu 
Lübeck, Nro. 32) betonte Dringlichkeit ist als der Hauptpunkt 
des Gastrechts überall, nur mit kleinen Variationen, wiederholt 
In Urk. CXXV, § 35 der genannten Sammlung steht „zu haut 

<7j Ich citire dieses Weichbildreoht nach der Ausgabe von A.v. Daniels 
und F. v. Gruben in den RechtsdenkmUem des deutschen Mittelalters, Bd. I, 
Berlin (1858). 



63 

antworten"; im Weichbildrecht XLV, § 4 gleisten obir nacht'' 
(Grimm, Wsth. V, 136, § 15. 527, § 28) (vgl. oben § 7); Münster 
1326, § 58; „sequenti die ei solvet"; Naumburg 1337, § 17: „so 
muz man deme gaste bie sunnen schine helfen^; Horde 1340, 
§ 21 : op dem Vote*' und „by schynender Sonnen" ; das beschrie- 
bene Recht von Braunschweig 1245 — 1252, § 59: „he sal ime 
gelden hude oder morgen (Q-rimm, WstL V, 185, § 18); Lü- 
beck rV, 77: „hueden und morgen". 

Jene Bestimmung der §§ 6 und 7 charakterisiren ein solches 
Gericht als Nothgericht, wie es oft im magdeburger Recht ge- 
schildert ist. Rechtsbrief der Schöffen von Magdeburg für Bres- 
lau 1261, § 24: „Swelich Mau den anderen umber Schult beklaget 
unde gewinnet her die mit Nothrechte, daz muz her desselben 
Tages gelten" (Urk. LVI; s. auch Urk. CV, § 64; das magdeburg- 
breslauer System. Schöffenrecht, herausgegeben von Lab and, DI, 
2, 33). Damit hängt zusammen der beschleunigte Verkauf des 
Pfandes (Meibom, Pfandrecht S. 87). Aber die Dringlichkeit 
führte nach § 8 auch dazu, dass, wenn die Schöffen nicht zur 
Hand waren, der Burggraf oder Schultheiss zu Urtheilsfindem 
Bürger nehmen konnte, die nicht Schöffen waren. Der Richter 
bleibt also derselbe, und auch die Schöffen fungiren, wenn sie 
zur Hand sind, aber diesen konnten Rechtsfinder substituirt wer- 
den, welche nur die Bürgerqualität hatten. Es wurde isJso' ein 
Pording (Burding, Bürgerding) in dem Sinne, wie es Nicolaus 
Wurm in seiner Blume erklärt: „Pording ist, daz man awssen 
rechten dingetagen hegit, alzo um gäbe adir um schult einem 
wegevertegin gaste adir czu einer andirn weize" (Stenzel, Ur- 
kundensammlung S. 226; Homeyer's Richtsteig S. 363). In dem 
magdeburg-görlitzer Recht 1304, § 7 (Weichbild XLV, § 4, latei- 
nische Uebersetzung; Weichbild in der naumburger Handschrift, 
herausgegeben von Mühler, § 9) werden für das Gastgericht 
zur Erleichterung nur zwei Schöffen verlangt (s. auch das prager 
Rechtsbuch, § 22). Wie viele Bürger der Richter heranziehen sollte, 
sagt jener § 8 nicht, aber wenn zwei Schöffen nach sonstigem 
magdeburger Recht genügten, so waren auch wohl einige Bürger 
ausreichend. Das echte Bürgerding war eben ein solches Gericht 
nicht (s. magdeburger Fragen H, 5, 1, und das magdeburg-bres- 
lauer System. Schöffenrecht I, 8). Einige beliebige Bürger ver- 



54 

langt auch nur das oben am Schlüsse des § 8 erwähnte Stadt- 
recht von Wiener-Neustadt, § 45. 

Von der sonstigen Regel, dass, so wie das Gastgericht sogleich 
nach erhobener Klage statthaben soll, auch die eingestandene 
(magdeb. Fragen ü, 2, 14) oder gerichtlich erkannte Schuld so- 
gleich zu zahlen ist (Grimm, Wsth. V, 110, § 9, 10), findet 
sich eine kleine Abweichung in der Bewidmung der Stadt Grott- 
kau mit breslauer Recht 1324, § 35 (Tzschoppe imd Sten- 
z e 1 , Urk. CXXV) für den Fall, wo ein auswendiger Gast einen 
Bürger in der Stadt um Geld beklagt Der Bürger soll zwar dem 
Gaste „zu haut" antworten, bekennt er aber die Schuld, so braucht 
er dem Kläger erst am dritten Tage zu gelten ; leugnet er die Schuld, 
so soll er ihm am dritten Tage das Landrecht**) thun. Auch in 
der Willkür der Sachsen in dem Zips § 23 ist für einen solchen 
Fall gesagt: „Ab ein gast einen erbaren mann allhie beklaget 
umb gelt, bekent er im seines geldes, so soll er im sein gelt am 
dritten Tag entrichten*', und im brünner Schöffenbuch § 5 stellt 
der gegen einen andern Gast klagende Gast bei eingestandener 
Schuld die Frage: „utrum sibi more hosptum non debeat infra 
triduum justitia exhiberi" *^) ? 

In den magdeburger Fragen wird das fünfte Capitel des 
zweiten Buches mit der Verkündigung eröffnet: „Hy wolle wir 
sagen von gasten unde von gastrecht unde wer eyn gast mag 
gesyn." Es wird 

1. -die Frage , wer ein Gastgericht beanspruchen könne , be- 
antwortet in der Dist 1: „Wegefertigen gesten, dy so ferre ge- 
sessen sint, das sy das echte burger" ding nicht dirlangen mögen 
(s. auch I, 16, 5; n, 2, 14) adir meteburger ^), dy sich bereit 
habin uszczuczihende in ire kouffmanschafft adir betefart". Dann 
wird aber in der Dist 2, in Abweichung von andern Bestimmun- 
gen des magdeburger Rechts (s. oben § 6), die Frage, wer denn 
eigentlich ein „wilder G^st" sei, beantwortet. 

2. Nur Schuld und fahrende Habe können Klagobjecte nach 
Gustrecht sein. Dist 1 : „den sal man umme scholt und umb vamde 
habe, — richten. Wolde abir eyn gast adir eyn meteburger cla- 

Ä8) Siehe Behrend's Glossar zu den magdeb. Fragen v. Landrecht. 
W) Vergl. Noordewier, nederduitsche Regtsoudheden (1853), 8. 169. 
M) Nach B ehrend (Glossar) steht Meteburger für Burger. 



65 

gen umb erbe nnde omb leginde gnint adir erbe vorsprechen 
mit deme richter — der mutz des nszgeleiten dinges beiten — . 
Claget aber eyn gast adir meteburger wunden adir totslage, dy 
nicht hanthafftig sint, in frischer tat, dy sal man zcu rechtem 
uszgelegetem dinge clagen.*' Der wichtige Satz, dass die Grast- 
gerichte lediglich oder doch vornehmlich mit Schuldverhältnissen 
zu thun haben, wie sie der Handelsverkehr bewirkte, ist oft aus- 
gesprochen oder angedeutet, nirgends aber stärker hervorgehoben 
als hier. In einem Stadtrecht vom fränkischen Gebiete, dem 
Rechtsbriefe für die Stadt Lechnich 1279, § 15, ist die Competenz 
der Gastgerichte in einem andern Gegensätze herausgestellt: „Item 
si aliquis hospes occupatur per judicem super debito et alüs minu- 
tis, ipse hospes absolvet se per jus statim et recedet; si autem 
pro majoribus, quod Hogericht dicitur, occupatur, de hoc faciat 
juxta statutum oppidi memorati.^ Hogericht ist zwar oft = Judi- 
cium altum, majus (magdeburger Fragen I, 4, 3. Haltaus s.v.), 
aber in dem Rechtsbriefe für Lechnich scheint es die Criminal- 
Sachen zu umfassen, denn im § 11 heisst es: „Item quicunque con- 
queri volunt de eo, quod dicitur Hogerichte, primo jurabunt tactis 
reliquiis coram judice, quod nullum innocentem trahant ad Judi- 
cium super hoc, nee causam illius facti imponant innocenti.^ 

3. Denen, die das Gastrecht beanspruchen können, soll man 
sogleich, an demselben Tage — ytagis — richten, es sei an ge- 
bundenen Tagen oder ausser gebundenen Tagen. So ist dieser 
Hauptsatz in der Dist. 1 formulirt und die bekannte Beziehung 
des Gegensatzes der gebundenen und ungebundenen Tage auf 
den Eid (Ssp. H, 10, § 3; 66, 2; Richtsteig 46, § 2) ist noch weiter 
besprochen HI, 3, Dist. 2, und I, 16, Dist. 5 : „Wegefertige geste, 
dy nicht dingpflichtig syn, adir luthe, dy sich vor gerichte haben zu 
czihende so verre, das sy zcu dinge nicht mögen kommen, dy mögen 
konmien unde sweren in gebunden tagen, der eyde mag der richter nicht 
vorschiben "^edir iren willen. Adir (abir) luthe, die nahe gesessen 
syn, das sy gehegetes dingis warten muszen, der eide mag der 
richter wol verschiben." Das magdeburger Schöffenrecht erweitert 
also aus dem- Gastrecht die beiden Ausnahmen des Ssp. H, 10, 
§ 3. In der deutlichsten Bezeichnung der Gastgerichte ist der- 
selbe Gegenstand behandelt im hamburger Stadtrecht 1270, VH, 5 
(Lübeck in, 320) : „Bynnen der bundenen tid ne schal nen bo^gher 



56 

ieme anderen sweren. Men schal over den et versten wente to 
deme et dage. Mer nen borgher eneme gaste xmde de gast enem 
borghere, unde eyn gast schal deme anderen to allen tyden recht 
don.^ 

Das magdeburg-breslauer systematische Schöffenrecht hat bei 
der Hervorhebung des Hauptsatzes, dass das Gastgericht ein tägliches 
Gericht sei — „eyme gaste sal man yetagis richten ab hers be- 
gert" — die dreimalige Ladung gewahrt, aber sie soll an dem einen 
Tage geschehen (H, 2, 35). An einer andern Stelle wird die mit 
dem Hauptsatze zusammenhängende Regel, dass die Beweismittel 
liquid sein müssen, veranschaulicht (I. 26). 

Aus dem Bereiche der norddeutschen Stadtrechte verdient 
noch dasjenige von Horde, einer Stadt Westfalens, vom Jahre 
1340, wegen der Ausmalung des schleunigen Verfahrens nach 
Gastrecht hervorgehoben zu werden. Der § 21 schickt voran, dass 
kein Kaufmann oder wegfertiger Mann, der durch die Stadt fahre, 
reite oder gehe, binnen der Stadt bekümmert werden solle, es 
sei denn, dass er der Feinde Gut führe oder selbst der Stadt Feind 
sei oder der Stadt Recht bräche. Dann werden die beiden Fälle 
behandelt, wo ein Bürger einen Gast, xmd wo ein Gast einen 
Bürger mit einer Schuldklage angriffe. In dem letzteren Falle soll 
der Bürger dem Gaste, der ein wegfertiger Mann wäre, gelten 
oder Recht thun bei scheinender Sonne; umgekehrt soll der be- 
klagte Kaufmann oder wegfertige Mann dem Kläger auf der Stelle 
gelten oder Recht thun — j^iej soliden eme don gulde eve recht 
op dem Vote" — und dieser Satz wird noch weiter ausgeführt 
mit den Worten: „Mallick (männiglich) myt syner eynen hant un- 
verthoget : dey vormann dey hant op dat rat, de rydene Man den 
voet in deme stegherepe, de gande Man dey hant in de lucht.** 
Der wegfertige Mann ist in diesem Bilde in dem Augenblicke 
gezeichnet, wo er im Begriffe ist, abzuziehen, und wir dürfen 
uns die gerichtliche Verhandlung, wenn nicht sogleich gezahlt 
wird, denken als da vor sich gehend, wo der zum Abziehen be- 
reite Gast betroffen ist (vgl. unten § 10 über die schweizerischen 
Gast- und Gassengerichte). In den Worten: „mallick myt syner 
eynen hant unverthoget" kann wohl nur liegen, dass der Ange- 
griffene den Eineid zu seiner „Ekitschuldigung^ hat. 

Das naumburger Stadtrecht 1337, § 17, behandelt den Fall, 



57 

wo der Gast, der dort nicht seinen Gerichtsstand hat, eine Person 
beklagt, die einen Gerichtsvormund bedarf. Wenn dann der Be- 
klagte geltend macht, sein Vormund sei über Feld und er könne 
ihn nicht herbeischaffen, so soll man dem Gaste doch bei Son- 
nenschein helfen; aber der Beklagte soll seine Vormundschaft 
nicht einbüssen, d. h. der Richter muss ihm einen Vormund geben. 

Das s. g. kleine Kaiserrecht klingt zwar in einzelnen Aus- 
drücken an das sächsisch-magdeburger Recht an, hat aber die 
Eigenthümlichkeit, dass es die Grundregel des gastgeHchtlichen 
Verfahrens nur gelten lässt für den Fall, wo ein Gast einen andern 
Grast verklagt oder vielmehr ein wegfertiger Mann einen andern; 
wenn dagegen ein wegfertiger Mann einen in einer Stadt oder 
in einem Dorfe gesessenen beklagt, soll keine Abweichung von 
dem sonstigen Rechte des Beklagten eintreten. I, 16 : „der keiser 
hat gesatzt: wa ein wegfertig man claget von dem andern, den 
sal man beiden tag setzen gelt imd recht zu tun über zwo (?) 
nacht, oder uff der stunde, ab ez ir beider wille ist. Sint ge- 
schriben steht: man sal den wegfertigen man fordern vur allen 
dingen.*' — I, 17: „Beclaget ein wegfertig man einen man, der 
gesessen ist in eim dorffe oder in einer stat, dem sal man den 
gemeinen tag setzen des keisers. Sint geschriben stet: man sal 
yedem manne, der beclaget wirt, tag setzen, als sin recht ist sich 
zu vorantworten. Auch stet anderswa geschriben: umb des weg- 
fertigen mannes willen hat der gesezzin man sin recht nit virlom." 

§ 10. So wie überhaupt manche alte Rechtssitten und Ein- 
richtungen, die früher allgemeiner waren, aber vom Boden Deutsch- 
lands verschwunden sind, noch in der Schweiz ihre Stätte haben, 
so ist es auch mit den Gastgerichten. Durch Uri führte von alter 
Zeit die grosse Strasse nach Italien, auf welcher Kaufleute hin- 
und herzogen, daher waren solche Gerichte zweckmässig und noch 
jetzt bestimmt die umer Civilprocessordnung von 1852, § 6 (con- 
form mit dem Landbuch Art. 49): „Als Schiedsgericht ist auch 
das s. g. Gassengericht zu betrachten, wo der Bezirksammann 
bei Streitigkeiten zwischen einem Fremden und Einheimischen, 
wo beide schnellen Entscheid wünschen oder die Sache sonst 
keinen Verzug leidet, sechs ehrenwerthe, unpartheiische Männer, 
die zu erscheinen schuldig sind, zusammenruft und ihnen präsidirt." 
Augenscheinlich sind diess dem Wesen nach Gastgerichte, aber 



58 

nicht dieser Name, sondeni dms Wort Gassengericht ist gebimncht. 
Müssen wir diess for eine Cormpticn halten? Beehtsaosdrfieke 
sind oft g^iug, wo sie nicht mehr verstanden wurden, Tcm den 
Schreibern der Texte vernnstaltet worden ••). Ans „Theidigung*^ 
wnrde „ThiUigong*' (Grimm R A. 369), „Dingslete*^ wurde viel- 
fach entstellt (Homejer, Richtsteig S. 436), und es liesse mch 
ein Wörterbuch von dergleichen Mtasverstandnissen anfertigen. 
Bisw^en woUte auch ein Abschreiber witzig sein und machte 
aus „Schupposer*^ Suppesser oder Suppenesser (Grimm Wsth. 
IV, 220, 221). AQdn Gastgericht war kein dem Veralten ausge- 
setztes Wort, und die Veränderung in Grassengericht wäre auch 
kdn Witz. 

In der Schweiz bestanden früher Gasaengioichte , die keine 
specielle Beziehung auf Graste hatten; nach ;Blumer I, 294^ 
n, 1, 200 ff. aber mit d^i Unterschiede, dass in Appenzell 
Grassengericht ein solches war, welches auf offener Strasse gehal- 
ten wurde, in Schwyz der Name daher kam, dass je der erste 
Landmann, welcher über die Chisse herkam, von dem Landweibel 
in's Gericht berufen werden k(Mmte, bis die Zahl yoü sieben Ur- 
theüem erfüllt war. Diese verschiedene Deutung des Namens ist 
mir bedenklich. 

In Schwyz beschlftigten sich die Crassengeiidite mit unbe- 
deutfflftden Schuldforderungen, für welche der GlaulHger gf^fimdet, 
der Schuldner aber Recht vorgeschlagen hatte. Um die Sache 
rasch abzumachen, wurde das Gericht in d^ angegebenen Weise 
berufen^. Ebenso in Nidwaiden, wo die Gassengerichte noch in 
diesen Jahrhundert wieder in's Leben gerufen wurden. Nach Be- 
richten alter Leute^ {Aegte der Landweibel nach beeidigtem 
Gottesdknste auf den I>ff{)^atz von Stans, dem H«upt<»te Nid- 
waldens, wo sich das Volk angesammelt hatte, herunterzugehen 
und hier nach freien Ermessen sieben Urtheikr auszuwählen, 
wobei er bescmdes auf Sachkenntnisse, die für den Spedalfall 
von Bedeutung waren, Rucksicht nahm. Wer Yoa ihm angespro- 
chen wurde, war verpflichtet, dem Rufe zu folgen und die Streit- 

O) (Mtocbener) kritisehe Vierteyaliissclirifl IV (lS6^s a 23a 

^ Joli. ▼. Müller, Gesekichte der schif^a. fias^EMSsensckftft I, c. 15, 

34. 
«^ BiBlie Blaser a. a. O. H, 1, »3. 



59 

• 

Bache beurtheflen zu helfen^ daher kam es denn nicht selten vor, 
dass Lente, die keine Neigong zur Theihiahme an einer Gerichts- 
sitzung verspürten, sich beim Anrücken des Landweibels vom 
Platze wegschlichen. 

Wenn wir nun im Hintergrunde dieser Gassengerichte die 
Dingpflichtigkeit erkennen oder vielmehr die Pflicht und die Be- 
fugniss jedes unbescholtenen Landmannes zum Rechtsprechen, so 
dass er in dringlichen Fällen von der Gasse dazu herbeigerufen 
werden konnte, so glaube ich doch, dass das namengebende Mo- 
ment kein anderes war, als dass diese Gerichte auf der Gasse 
gehalten wurden. 

Dass die Gerichte ursprünglich im Freien tagten, ist bekannt 
genug, „unter heiterem Himmel an offenem freiem Platz** (Zug), 
die Landgerichte auf der offenen freien Reichsstrasse etc. Besonders 
war die Linde der G^richtsbaum, und die grosse Linde, welche 
wir noch jetzt in so vielen Dörfern und Flecken der Schweiz 
finden, hat in alter Zeit diesem Zwecke, wie anderen Versamm- 
lungen der Gemeindeglieder gedient Im Jahr 1258 hegte. Ghraf 
Rudolf von Ebtbsburg in Person ein Ding unter Eönigsbann in 
Altorf unter der Linde; in Aarau stand die Gerichtslinde nahe 
an der Aare, und unter diesem Baum siegte einst Johannes von 
Halhvyl im gerichüichen Zweikampf über den Schirmvogt des 
erbschleicherischen Klosters. Als aber die Gerichte immer mehr 
in die Häuser gezogen wurden und mit dem veränderten Gerichts- 
verfahren die Oeffentlichkeit für die Blutgerichte nicht selten so- 
gar soweit ausgeschlossen wurde, dass man sie hinter beschlos- 
sener und verriegelter Thür hielt ^), da blieb noch die volle 
Oeffentlichkeit für Gerichte niederer Art, die durch Streitigkeiten 
im Marktverkehr oder Bagatellsachen des Alltagslebens veranlasst 
wurden. Ihre rasche Erledigxmg fand da statt, wo die Differenzen 
zumeist entstanden waren ^), und die Gerichte erhielten den Namen 

^) Bluntschli I, 391. — Schauberg, Ztschr. für Schweiz. Rechts- 
quellen I, 377. 

6S) Leu zu Simler's Regiment der Eydgenossensohaft (2. Aufl., 1735), 
S. '551 , Anm. q: „dieses Gericht (SchMTys) wird gleich auf eines jeden Be- 
gehren mit Erlegung 10 Schilling auf öffentlichem Plats versamlet^. — Ver- 
gleichen l%88t sich das Gericht auf dem Schiffe des Ittbischen Rechts (s. Hach 
n, 139; Grimm Wsth. I, 691: ,)Wer auch, das ieman dem andern, den schif- 
fen oder das die achüfonge anrflrte, deheine unfoge dete, ist sie kleine, so 



60 

G«Rengerichte im Gregensmtze zu den Gerichten köherer Art in 
den Gerichts- oder DinghJUisem. Darin kommen die Gaasengerichte 
in Uri, SchwTz, Nidwmlden ond A[^»enzeU überein, aber fär diese 
Art der Gerichte in den drei ersteren Ländern fahrte das Bedarf- 
niss der raschen Rechtspflege sn der Besonderheit in dem Be- 
setzen dies^ Grerichte, die freilich aaf dner alten allgemeinoi Regel 
beruht So wie sich für die alte Zeit die Verbindlichkeit aller 
Freien, den Gerichtssitzungen beizuwohnoi, nachweisen lasst und 
Grimm (Vorrede zu Thomas Oberhof zu Frankfurt a. IL, & VII) 
ganz richtig sagt: .Die Volksrersammlung war ein grosses Ge- 
richt, das Gericht eine kleine VolksYersammlung*", so hatte jeder 
Landmann in der innem Schweiz die Qualität des Bechtfindens, 
folglich konnte Jeder von der Gasse dazu herbeigezogen werdoi. 
Wir haben hierin ein Analogmi zu dem oben § 9, S. 53 bespro- 
chenen magdeburger Recht und der Bestimmung des StadtrechtB 
von Wiener-Neustadt § 45, nach welcher der Richter einige be- 
liebige Büj^er zum Behufe eines Grastgerichtes sich zugesdlen 
k<mnte, und wir sind hier auch auf dem Punkte angelangt, von 
welchem ans es sich leicht erklärt, wie man in der Schweiz dazu 
kam, ohne genaue Unterscheidung bald Gastgerichte, bald Crassen- 
gerichte zu sagen. Das Gastgericht in Uri k<Hmte nidit mit Un- 
recht Ghissengericht genannt werden, insofern es die angegebene 
Form und Eigenschaft der Gassengerichte hatte. Für das Inein- 
andergehen der Gastgerichte und Gassengerichte findet sich eine 
wichtige, bisher nicht beachtete Stelle in der Offinung y«i Tann- 
egg und F^schingen 1432 (Grimm Wsth. I, 275'': Jtem und ob 
es noth wurd von gest wegen umb geltschuldt, so mag man ain 
zulouffent gericht haben mit den nachpuren in denen Gerichten 
sesshaft, und hait ain ammann das zu biethen allen den so in den 
gerichten sitzent."^ 

Die Gassengerichte in Appenzell Ycrdienen eine besondere 
Behandlung, und ich bin im Stande darüber nach den Mitthei- 

mag der ^finaa ndcnatsea n rickten «f den schiffe oder m» dea steica wo 
CT wU, «Bd sol die «aliige nchtcn-*». — Haltams aeldiesB* scuem AtÜkA 
lb«r du Gasa c a Ccr i cl it mit doi VTorteB : «Longe divemm est aficahi das 
StraBSCB-Oerickt-, hak aber Im Fol gend e n das St iasju i gu iAt ak^ okliit 
Aasl&krikk aber die Steaasei^encbtsbarkoit des köaigÜcboB f^iaiiiibliiii im 
der HofiM^^gecicbtabttkett Zdpfl, AlUHbtafii I, 47, 7$, »Ol 



61 

hingen meines lieben frühem Schülers J. B. Rusch in Appenzell 
Genaueres anzugeben als es aus dem bisherigen Quellenapparat 
möglich war. Mein junger Freund hat sich die Bearbeitung einer 
Staats- und Rechtsgeschichte des Landes Appenzell als eine Le- 
bensaufgabe gesetzt, ist aber vorerst sehr thätig aus dem Schacht 
des von ihm erst in Ordnung zu bringenden Landesarchivs imd 
anderen Fundorten das Erz zu Tage zu schaffen, aus welchem 
die Arbeit kunstgerecht geformt werden kann. Seiner Spürkraft 
ist es zunächst gelungen das älteste Landbuch vom Jahr 1409 
zu entdecken. Bisher kannte man als älteste Form nur die Redac* 
tion von 1585. 

Zellweger in seiner Geschichte des appenzellischen Volkes 
in, 2, S. 184, «wie schon vor ihm Walser in seiner Chronik, 
nimmt neben dem Gassengericht noch ein Bussengericht an, aber 
nach den Quellen sind diess nur zwei Namen für dasselbe Ge- 
richt^). Das Gassengericht wurde bisweilen auch Bussengericht 
genannt, weil es sich in demselben um Bussen handelte. 

Dem Namen Gassengericht entspricht es, dass nach der Tra- 
dition ^ das Gericht sich auf dem offenen Platze unter dem 
Rathhause (in Appenzell) versammelte. Die Richter sassen auf 
steinernen Bänken um die Mittelsäule, welche das erste Stock- 
werk unterstützt. Die Zeugen, welche abzuhören waren, warteten 
auf der Rathslaube oder auf der Treppe, die durch eine Thür 
verschlossen wurde, damit sie die Aussagen der andern Zeugen 
nicht hörten. 

Der Tag für dieses Gericht war der Donnerstag, der Pfinz- 
tag nach alter Bezeichnung^). Man verstand schon den letzteren 
Ausdruck nicht mehr, wenn es in dem Mandat vom 10. Mai 1564 
heisst: „uff jez donstag nach dem haiigen pfingsttag". 

Im Landbuch 1585 § 126 ist vorgeschrieben: „dass nun füro- 
hin zu jeder Zeit die Landtsgemeinden , klein und grosse Räth, 
geschworne Gricht und Gassengricht sollen Vormittag nüchter®^) 

e«) Blumer n, 1, S. 200. 

6^) Zellweger a. a. O 

W) Schwsp. 206. W. — Grimm Wsth. III, 693. 

^) Vgl. Walter, g 663. — Für solche Enthaltsamkeit entschidlgten sich 
aber deutsche Richter und Schöffen nach der GerichtssitEung. Die Bussen 
vrurden oft vertrunken (Grimm R. A. 529 ; Wsth. I, 580, 588, 589 j II, 87 u, a.) 



gdudten werden ete.^ Ffir das Gmsaengerieht war aber m dieser 
Bendnmg durch ein Mandat von 1578 ein bescheidenes Zuge- 
sündniss gemacht. Die Versammlungsseit war 9 ühr Morgens. 
Der Weibel sollte zu dieser Stunde eine Quart Wdn^) auf dem 
'nsche haben und welcher Richter dannigumal nicht da war, der 
sollte zur Strafe (die) Quart Wein zahlen. Wdcher Bichter um 
10 Uhr noch nicht erschia[ten war, zahlte drei Schilling Busse 
und „welcher um die 11 nicht da ist, soll nach Erkenntniss und 
ürsach, wie er das Bot übergangen, gestraft werden^. Dagegen 
erhielt jeder Oassenrichter für eine Sitzung einen Lohn von 2 
Pfand Pfenningen (Beschluss der neu und alt Käthe Tom 7. Mai 
1601). 

Das Gbssengericht hatte 12 Bichter und wurde gehegt vom 
Landwdbel, der aber zugleich als Anklager fangirt Landbuch 
1409 § 73 : „w^m der Landweibel ain fumimpt um ain buss und 
zu Im klagt an dem gassengricht, und wann dann der zu dem 
der waibel klagt mag schweren daz er dasselbig nütt thun hab, 
so sol er der buss Tcrtrosten und Li nütt entschuldigen wann 
ainer rett: ich mag nütt wissen daz ich es gethun hab.^ Auf 
Chrund eines Beschlusses der Landsgemeinde vom Sonntag vor 
dem Maientag 1531 ist in der Fortsetzung des alten Landbuchs 
(Art 89) allen Landleuten die auch sonst in der Schweiz^) be- 
stehende Pflicht, wo Busswürdiges zu ihrer Kenntniss gekommen^ 
dieses ]>ei ihrem Bürgereide zu „leiden^, eingeschärft, und „soll 
dann der Waibel dieselbigen, so ihm angezeigt oder geleidet 
worden, in den nächsten drei Monaten fümehmen, und wenn einer 
in eine Buirae verfallt wird, so soll dann der Waibel dieselbe 
unverzogenlich in den drei nächsten Monaten einziehen und seinen 
Theil davon nehmen und das Andere, so den Landleuten gehört, 
soU er dem Seckelmeister l»ingen u. s. w.*^ Li der Maienlands- 

und nach einem Weiathnm vom der firöhlichen Rheingegend (IV, 770) sollte 
den Schöffen so viel eingeschenkt werden, dass sie eine Tanbe von einer 
KriOie nicht unterscheiden möchten. 

7t) In unserer missigen Zeit ist eine Quart Wein sehr wenig; nadi Zell- 
wege r enthUt aber bei den AppenaeUem eine Quart xwei Mass, dok vierten 
Theü eines Yierteleimersi 

71) Laadbueh Ton Schw^ a 9, SS. — Blnntsehli 1, 404. — Segesser 
n, 600» 718. — Benavdy Zog, & 50. ^ Mdae Behrift Aber de» Haufrieden, 
&42. 



68 

gemeinde 1550 wurde weiter bestimmt, wemi der Waibel zu einem 
um eine Busse am Gassengericht klage , — solle der Beklagte 
ledig erkannt werden, wenn er das mit dem Eide oder durch Kund- 
schaft dahin bringen möge, dass der Waibel „gefaillt^ habe. Die 
ordentliche Maienlandsgemeinde 1537 beschäftigte sich auch mit 
dem Gegenstände und verordnete, dass jeder Waibel, so er das 
Amt annähme, in dem Eide, den er schwöre, erklären solle, alle 
Bussen — anzunehmen und an das Gassengericht zu stellen, des- 
gleichen offene Wunden etc. (Landbuch 1585 § 163). 

Nach dem Vorstehenden war das Gassengeripht für buss- 
würdige Frevel competent, und das geht noch vollständiger her- 
vor aus den Gassengerichtsprotokollen von 1552 — 1597, nach denen 
von diesem Gericht gebüsst sind Polizeivergehen verschiedener Art, 
Spielen, Arbeiten an Sonn- und Festtagen, die Einladung von 
Hochzeitsgästen über die gesetzlich erlaubte Zahl, Verbal- und 
Realinjurien, das Halten von ^Hübschweibem^. Auch aus den 
Rathsprotokollen sehen wir, dass vom Landammann und Rath 
(15. Januar 1593) solche, die wegen Arbeit am Sonntage ange- 
klagt waren, an das Gassengericht gewiesen wurden, und ebenso 
vom Wochenrath (24. Sept. 1603) sämmtliche wegen Spielens 
Angeklagte. 

Nach Beschluss der Landsgemeinde von 1519 kam in das 
Landbuch 1585 § 164 die Bestimmung: Welchem für das Gassen- 
gericht verkündet wird und erscheint nicht, soll der Weibel so 
er zu ihm kommt anzeigen, dass er in die Busse verfällt sei, er 
bringe dann in den nächsten acht Tagen aus vor einem Land- 
ammann und Rath, dass ihn Miehaft gesäumt habe. 

Bisher ist nur von bnsswürdigen Sachen die Rede gewesen, 
welche dem Gassengericht zufielen, das deshalb auch Bussen- 
gericht hiess. Es bleibt die Frage, ob dieses Gericht auch eine 
civilrechtliche Competenz hatte? Ich würde diese Frage verneinen, 
wenn nicht Art. 137 des Landbuchs von 1585 für die Bejahung 
zu sein schiene. Unter der Rubrik: „Schlechter anzug nämlich 
wegen gring und schlechten sach** beginnt dieser nicht sehr deut- 
liche Artikel: „Welche die wären so ein ander (wie dan vill Be- 
schieht) mit so' faulen schlechten Sachen umbzugen die zum theil 
nit zu achten, und einer den ander jetz da, dan dort aufzieht, 
dass fürohin welcher den Haupthandel verliehrty soll diesem den 



64 



geben, 80 akh TeriioiffeD hat, doch ntudi des BathB er- 
kjumnniss wie und was oe Kllich bedanckht, und waan span 
äcrnd, daas und oder nm- 5 Seh., adüen seÜMge fär dass gassen 
gncfat gwi^en werden.*" Wenn wir dieaoi letzten Satztheil kaom 
aadexs demoi können, als dass fortan dem Grassengericht Bagatell- 
sachen bis mm Betrage Ton fünf Schillingen snfallen solhen, so 
seiae ich darin eine Nenerong, welche diesem (Berichte, das his- 
dahin Bo^aoigericht war, eine Cirilgerichtsbarkeit gab. Wann 
£eas geschah, erfahren wir nicht, denn es ist aof einen Lands- 
goaeinde- oder Balhsbeschhiss nidit hingewies^i. Als nach der 
poIitiBchen Theilnng der Inssem nnd innem Bhoden (1597) das 
CiasBengencht in Ausserrhoden im Jahr 1621 aufgehoben war, 
findet sich dieser Act in -dem RathhansprotokoU wie im Landbnch 
Toa 1632 in einer Wdse erwähnt^, die auf keine CSrilgerichts- 
keit des Chisaengerichts schliessen lasst 

In A]^penaell L-Rh., wo das Gassengericht fortdaoerte, ging 
mit. demselben eine Aenderang Tor. Nene nnd alte Bath erklirtran 
am 2. Mai 1608 den jeweiligen Statthalter snm Gassengerichts- 
prisidenteai ; statt des Landschreibers habe der Gerichtsachrdber 
die OassengerichtsproldLcdle xn fahren; der Landschrobo' habe 
bloss das Landbnch bei sich za fuhren^ das Landrecht anxnxeigen 
nnd nöthigenfaUs don betreffoiden Artikel xa verlesen. 

Das besprochene Gassengericht t<hi Appenzell hat mit den 
gleichnamigen Gerichten in üri, Schwyx nnd Xidwalden nicht yiel 
mehr gemein als den Namen; mit denen Tcn Schwrz nnd Nid- 
waldeu aber doch auch den Umstand« dass der Landweibel in 
ihnen als Richter fimgirte, wogeg^i fircilkh in Af^ienzell seine Anf* 
gäbe die Bussen einzuklagen und einzuziehai sehr in den Yender- 
grund trat Wo er als Richter erscheint, zeigt diess, dass er nicht 
Gerichtsdiener, s(Midem Beamter war^>. Auch in Glams kernte 
bei den & g. Untergingen ( Augenscheineinnahmen'^ der Landweibel 
den Landammann Tertret^i. Blumer I, 290 T»w^t passend 
auf die Stellung des Fronlx^en oder Büttels im fruhoen Mittel 
aker (& oben § 7 S. 45). Dass da* Landweibel in i^qpenzell 
froher ein Amt und nicht einen Dienst bekleidete, zeigt sich a 

n. Blamer II, 1, S 901. 

^ & aaek Bmrekkar^t, HoM^el Toa Diii«^$fea — am Obenkeüi, 
&50^&1. 



66 

sonst sehr deutlich. Nach dem Landbach von 14D9 wird von 
Seiten der Landlente dem Landammann und dem Landweibel der 
Eid gemeinsam geschworen. Dieses dauerte bis zum 18. April 
1580, wo laut RathsprotokoU (1579 — 1588) Landammann und 
grosser zwiefacher Landrath festsetzten: y,Ittem with ist uff und 
angenommen, daz man nun furo hin dem Landtwaiwel nomme 
mehr seh wem solle, sonnd dass Er mit dem Lannd dem Amman 
schweren solle. ** 

Blumer vergleicht bei seiner Erklärung der Gttssengerichte 
in Schwjz, deren Besetzung dem Zufall überlassen sei, damit das 
Pfeilgericht des scandinavischen Nordens. Allein wenn auch der 
Pfeil, der umhergeschickt wurde, um alles Volk zu versammeln, 
wenn der Feind in's Land brach, nicht bloss diesem Zwecke 
diente, sondern, wie Grimm R. A. 162 sagt, auch zu gericht- 
licher Versammlung rief, so haben wir uns diese doch als grosses 
Gericht (als gebotenes Ding) zu denken, zu welchem alle Ding- 
pflichtigen erscheinen mussten, während das Gassengericht in 
Schwjz nach seiner Competenz und Besetzung untergeordneter 
Art war. Mehr Aehnlichkeit hat mit den Gastgerichten, so weit 
sie Gassengerichte waren, das englische Marktgericht mit dem 
Namen Court of pie poudre oder pipoudres (in Frankreich 
la cour des piedpouldreux, d. i. der fussbestaubten Wan- 
derer), welches Grimm R. A. 838 erwähnt. Spelman, Glossar, 
archaeol. v. Pedis pulverisati curia hebt hervor, dass bei diesen 
Gerichten vornehmlich zu denken sei an die von Markt zu Markt 
ziehenden Kaufleute und Krämer. 

§ 11. Grosse Aehnlichkeit mit dem genannten Gassengericht 
von Nidwaiden hatte ein früheres Gericht auf schwäbischer 
Erde. 

Bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts pflegte in dem 
Dorfe Mähringen auf der Herdern, südöstlich von Tübingen, ein 
s. g. Kirspel- (Kirchspiel) und zulaufendes Gericht^*) 
gehalten zu werden. 

Die fünf Dörfer Mähringen, Wanckheim, Ommenhausen, 
Hymenhusen und Jettenburg bildeten in älterer Zeit ein Kirch- 

7^) Dieser charakteristisohe Ausdruck findet sich auch in der oben S. 60 
angeführten Öffnung von Tannegg und Fischingen. 

Osenbrüggen, rechtsgesch. Studien. ^ 



66 

spiel, das seine Kirche zn Mähringen hatte 7^). Das Kirchspiels- 
gericht fand statt an Sonntagen nnd anderen gebannten Feiertagen 
nach der Messe auf dem Kirchhofe zn Mähringen und bestand 
aus dem Schultheissen von Mähringen als Vorsitzendem und den 
24 Richtern aller betheiligten Orte, so jedoch, dass „die Streitig- 
keiten der Heimburgen und Einwohner'' eines Ortes von den 
Richtern dieses Orts allein entschieden wurden. Es kamen aber 
häufig auch Nicht-Kirchspielsgenossen aus vielen benachbarten 
Gemeinden, namentlich aus Wann weil, Kusterdingen, Kirchen- 
tellinsfurt etc. herbei, um ihre Streitfälle von dem Gericht mit 
Urtheil und Recht auseinander setzen zu lassen. In diesem Fall 
wurden Richter aus alleh zum Earchspiel Mähringen gehörigen 
Orten beigezogen. 

Die Bildung des Gerichts geschah in folgender Weise. Waren 
Streitsachen beim Schultheiss zu Mähringen angemeldet worden, 
so gebot er, wenn man aus der Kirche ging, den Richtern aus 
den obengenannten fünf Orten, die er noch auf dem Kirchhof 
betrat und vorfand, stille zu stehen und in den vorhandenen 
Händeln Recht zu sprechen. War ein solcher Richter nur zwei 
Schuh von dem Kirchhof entronnen, so hatte ihm der Schultheiss 
nichts mehr zu gebieten. Da es auch nicht allemal jedem Richter 
„anständig*^ war, nach der Kirche mit Gerichtshändeln sich abzu- 
geben, so geschah es häufig, „dass die Richter von der Kirche 
giengen, vor und ehe die Mess bis zu End beschehen". Den ein- 
zelnen Richtern wurden nach Aburtheilung einer Sache für ihre 
Bemühung zwei Schilling Heller bezahlt. 

„Vor diesem Gerichte konnten jedoch keine andere Streitig- 
keiten als solche abgethan werden, worüber sich die beide streitende 
Parthien gutwillig einverstanden, oder wie es in den alten Acten 
heisst, verwillküret oder verwilliget hatten, daselbst ihre Sache 
entscheiden imd ausrichten zu lassen.^ Die Flecken Wann weil, 
Kusterdingen und Kirchentellinsfurt hatten aber die Ordnung bei 
sich gemacht, dass derjenige Beklagte, der sich auf das Sürgebot 



7^) Das Dorf Mähringen stand bis 1452 einer reuüinger Mrgerfamilie, 
Namens Becht, zu, in der Weise, dass diese Familie den Schultheissen zu 
setzen hatte. Jettenburg gehörte auch einem reutlinger Bürger ; Ommenhausen 
dem Spital zu Reutlingen. 



67 

des Klägers nicht vor dem Kirclispielsgericht zu Mähringen stelle, 
seiner Heimatsgemeinde in zwei Schilling Busse verfallen solle. 

Nachdem Mähringen und Jettenburg an die Grafen von Würt- 
temberg gekommen war^n, wollte der Vogt nicht mehr leiden, 
dass man am Sonntag rechte und legte das Gericht nach Jetten- 
burg, worauf es bald ausser Gebrauch kam. 

Dass dieses Kirchspielsgericht ein blosses Schiedsgericht war, 
geht daraus hervor: 

1. Sein Thätigwerden setzt eine Vereinbarung beider Parteien 
voraus, sich dem Spruch des Gerichtes unterwerfen zu wollen. 

2. Von einem Gerichtszwang, sei es Ladung des Beklagten, 
Ladung von. Zeugen, Zwangsvollstreckung etc. ist keine Rede. 
Selbst die Richter konnten nicht gezwungen werden zu Recht zu 
sitzen, wenn sie zwei Schuh weit vom Kirchhof entkommen sind. 
Vgl oben S. 59. 

Ich verdanke die Mittheilung über dieses Gericht meinem 
Frexmde Fr. Thudichum in Tübingen. Die Quelle ist: G. David 
Beger, beider Rechte Licentiat utid der Reichsstadt Reutlingen 
Syndicus Primarius , Sendschreiben — über das uralte Kirspel- und 
zulauffende Gericht zu Möringen. Reutlingen 1762 (6 Seiten). Der 
Verfasser schöpfte aus schiedsrichterlichen Verhandlungen, die im 
Jahr 1480 gepflogen wurden und worüber das Archiv des Spitals 
zu Reutlingen 27 Pergamentblätter Protokolle enthält. 

§ 12. Die allgemeine Verbreitung der Gastgerichte auf deut- 
schem Boden zeigt, dass sie einem allgemeinen Bedürfniss ihre 
Entstehung verdanken und bei verschiedener Ausprägung der 
Formen, da sie in ihrer täglichen Anwendung sich anlehnten an 
die localen Rechte, sind die allgemeinen Sätze, welche den Grund- 
zug der Einrichtung bilden, deutlich zu erkennen: 

1. Die Gastgerichte sind ein Theil des Gastrechts, welches 
als Complex der rechtlichen Normen des zeitweiligen Verkehrs 
der herangekommenen Fremden und der Einheimischen für die 
Ersteren in Zugeständnissen und Beschränkungen sich darstellt. 
Die Gastgerichte, der juristisch wichtigste Ausläufer des Gast- 
rechts, liegen zwar auf der Seite der Zugeständnisse für die 
Gäste, welcher Name schon im Gegensatze zu dem bloss eine 
Negation enthaltenden „fremd'^ eine freundliche, humane Berück- 
sichtigung anzeigt, aber 

5* 



68 

2. sie sind doch nicht bloss eine Begünstignng der Gäste, 
insbesondere der reisenden Kaufleute, die nicht aufgehalten werden 
sollten, für welche das „time is money" von jeher am meisten 
galt, sondern auch das Interesse der Bürger ist in ihnen wahr- 
genommen. Sie fanden statt in Schuldsachen, wenn ein Gast gegen 
einen Bürger klagte oder ein Bürger gegen einen Gast, oder ein 
Gast gegen einen Gast. Wenn aber ein Gast gegen einen Gtist 
als Kläger auftrat, so wurde doch in Erwägung gezogen, ob er 
nicht an das forum contractus zu verweisen sei, oder ^er Kläger 
musste nachweisen, dass ihm daheim das Recht versagt sei, oder 
er anderswo nicht zu seinem Rechte gelangen könne. 

3. Die Gastgerichte gehören zur Gattung der Nothgerichte 
und konnten als solche täglich gehalten werden, auch an gebun- 
denen Tagen, so dass sie einen der Ausnahmsfälle abgeben, in 
denen auch an gebundenen Tagen ein Eid geleistet werden konnte. 

4. Das Periculum in mora übte seinen EiMuss auf die Be- 
setzung eines solchen Gerichts, indem der gewöhnliche Richter in 
Schuldsachen zu Rechtsfindem beliebige Bürger, imd zwar in 
geringerer Zahl als es für ein Schöffengericht Regel war, zuziehen 
konnte, auch wohl der ordentliche Richter durch den Büttel ver- 
treten wurde. 

5. Das Beschleunigungsprincip der Gasigerichte zeigt sich 
nicht bloss darin, dass sie täglich gehalten wurden und die ge- 
richtliche Behandlung der Sache an demselben Tage zum Ab- 
schluss kam, sondern auch in der sofortigen und baldigen (etwa 
in 3 Tagen) Befriedigung der Gläubiger bei eingestandener oder 
gerichtlich erkannter Schuld. 

6. Klagobjecte sind nur Schuld und Fahrhabe; aber wenn 
die Quellen auch durchblicken lassen, dass die Gastgerichte es 
oft mit geringfügigen Sachen, z. B. einer nicht bezahlten Zeche, 
zu thun hatten, so waren doch grössere im Handelsverkehr ent- 
stehende Forderungen nicht ausgeschlossen. 

7. Die Beweismittel müssen liquid sein. 

8. Contumaz des Beklagten hatte rasche Hilfsvollstreckung 
zur Folge. 



in. lorgeiigabe und Äbendgabe. 



Die Morgehgabe hat im altschweizerisclien Recht *) dieselbe 
Bedeutung, welche sie allgemein im altdeutschen Recht einnimmt, 
es sind aber in der Schweiz aus dem Grundgedanken eigenthüm- 
liche Folgerungen abgeleitet und es hat hier das Institut in eini- 
gen Beziehungen eine ungewöhnliche Färbung erhalten. 

Morgengabe ist das Geschenk, welches der Ehemann am 
Morgen nach der Brautnacht der jungen Ehefrau für die geopferte 
Jungfrauscbaft gab oder bestellte. 4 

Die sehr künstliche Deutung des Namens von Phillips, 
der ein lithauisches Wort, merga = Mädchen, heranzieht, hat, 
obgleich ihr Merkel ad leg. Alam. p. 63 ein geneigtes Olir 
schenkte, mit Recht keinen Beifall gefunden 2). Morgengabe ist schon 
in einem Vertrage von 587 als matutinale donum charakterisirt 
(Pertz, Mon. leg. I, 5), und das ist auch für die Folgezeit das 
Ursprüngliche. 

Basler Rathsverordnung vom 4. Januar 1419*): „und sol ouch 
der man sinem wibe die morgengab geben des ersten Tages, so 
er früge als ein brütgom von ir uffgestanden ist und nyt dar- 
nach in dhein wise." Der Zeitpunkt der Gabe ist auch genau 
bestimmt im Ssp. I, 20, § 1: „Des morgens alse he mit ir to 
dische gat vor etene" ; etwas mehr Freiheit gestattet der Schwsp. 
19 W.: „Des morgens an dem bette oder so er mit ir ze tische 

') Im Allgemeinen s. Bluntschli I, 108, 432. 8 chauberg's Ztschr. I, 
245. Blumer, I, 182, 485. Renaud, Beitrag zur Staats- und Rechtegeach. 
des Gantons Zug S. 62. Segesser II, 441. 

') Wein hold, die deutschen Frauen in dem Mittelalter, S. 270, Anm. 
Rieh. Schröder, Geschichte des ehelichen GOterrrechts in Deutschland I 
(1863), S. 109. 

3) Rechtsquellen von Basel-Stadt und Land I, Nr. 106. Die Verordnung 
wurde wiederholt 1487 und in die Gerichtsordnung von 1557 § 75 aufgenom- 
men. — Reyscher, altwürtemh. Stat S. 539. — Schröder I, 85, 93, 109. 



70 

gut oder ob dem tische." Hier ist die in dem Namen Morgengabe 
ausgedrückte Regel aber noch festgehalten, während das luzemer 
Stadtrecht Art. 1 davon abweicht, indem es als die Zeit der Be- 
stellung angibt, wenn die Eheleute „mit einander offenlich zur 
kilchen und strass gand'^. Es erklärt sich aber diese Bestimmung 
daraus, dass der Kirchgang*) als wesentlich angesehen wurde 
zur rechten Ehe, insofern daraus die Gemeinde erkennen sollte, 
dass die beiden Leute zur Ehe zusammengekommen seien und 
nicht in der Unehe beisammen sässen. Der Kirchgang hatte nicht 
die Bedeutung der kirchlichen Eheschliessung oder Trauung, son- 
dern war eine Bekräftigung der Ehe (Grimm, Wsth. V, 73); 
ein Dingrodel des Gotteshauses von St. Peter im Schwarzwalde 
aus dem 15. Jahrhundert § 36 (Grimm, Wsth. I, 352) verord- 
nete daher: „Item wo zwei menschen bi einander sitzend und nit 
zu kilchen gangen sind nach ordnunge der heiligen kirchen, denen 
sol man dristund nach einander gebieten den kilchgang zu tund 
und so dick das nit gehalten wird, sol man inen die bessrung 
abnemen" *). 

Bluntschli drückt das Moment, dass die Morgengabe der. 
jungen Frau gegeben wurde für die geopferte Jungfrauschaft, so 
aus: „Die Bedeutung der Morgengabe bezog sich unzweifelhaft 
auf das Opfer, welches die reine Frau mit ihrem Leibe dem 
Manne gebracht hatte." Schröder will eine solche Auffassung, 
welche man die communis opinio nennen kann, für die im ersten 
Theil seines Werkes behandelte Zeit der Volksrechte nicht gelten 
lassen (S. 85, 110); ftlr die spätere Zeit tritt diese Auffassung 
aber stftk auf und ist in der Entwicklung des altschweizerischen 
Rechts in Betreff der Morgengabe so sehr ein Grundgedanke, dass, 
wenn man ihn herausnehmen wollte, dieses schweizerische Recht 
nur eine Confusion wäre. 



♦) Hai tau s, Glossar, v KirchgaDg p. 1082. — Bodmann, Rheing. 
Alterthümer II, 670. — Walter Rg. § 455. — Friedberg, Eheschliessnng 
S. 8, 85, 89 ff. ' 

*) Unpassend ist diese Anordnung von Merkel in Verbindung gesetst 
mit der lex Alam reform. c. 38 „de eo qui die dominico opera servilia fece- 
rit". — In dem grundgelehrten, trefflichen Buche von Friedberg scheint 
mir der Unterschied des Kirchganges und der kirchlichen Eheschliessung nicht 
tiberall (S. 89) aus einander gehalten zu sein. 



71 

Sehr richtig bestreitet aber (Schröder (S. 106, Anm. 5) eine 
Aeussemng MerkeTs (ad leg; Alam. Hloth. LVI,*2, not. 19), 
dass die Wittwe, welche die Morgengabe fordere, in dem viel* 
besprochenen Eide schwöre, als Jungfrau das Ehebett beschritten 
zu haben, „virginem se in matrimonio collocatam esse tali iura- 
mento vidna confirmabat". Merkel hätte sich berufen können auf 
das oberbayerische Landrecht 1346 § 134: „ist sie eine jungfraw 
gewesen, so sol si swem, daz ir wirt ir die morgengab geben. hab 
umb die höchsten ere, die ir got ie gab, damit hat si ir morgen- 
gab bestaet alz recht ist." Allein da weder in der Eidesformel 
der lex Alam. LVT, 2 noch sonst, so oft auch der Morgengabe-Eid 
erwähnt ist, eine solche Erklärung der Frau als wesentlich auf- 
gefiLhrt wird, so dürfen wir in den Worten „umb die höchsten 
ere, die ir got ie gab^ auch nur einen gelegentlichen Ausdruck 
der bekannten Auffassung hinsichtlich des Motivs der Schenkung 
sehen. 

Walter Rg. § 464 nennt es ein altes Herkommen, dass der 
Mann am Morgen nach der Heirath vor den versammelten 
Verwandten ein Geschenk als Morgengabe überreichte und 
bezieht sich dabei auf Tacitus Germ. 18: „Intersunt parentes et 
propinqui ac munera probant." Diese zu einer crux interpretum 
gewordene Stelle ist freilich nicht mit Sicherheit als beweisttich- 
tig für die Gegenwart der Verwandten bei der Ueberreichung der 
Morgengabe anzusehen, aber ausgesprochen ist ein solcher Satz 
im langobardischen Volksrecht, Luitpr. 7 ^) , und das augsburger 
Stadtrecht 1276 S. 101 nennt die bei dieser Schenkung anwesen- 
den Freimde „ez sin frowen oder man". S. auch das sächsische 
Weichbildrecht LVI § 4. Ebenfalls das Stadtrecht von Medebach 
in Westphalen 1165 § 14 kann dafür angeführt werden: „Qui 
uxorem legitimam — duxerit, quicquid primo mane coram para- 
nimphis et concivibus suis uxori susb dederit, et illa ei cum 
assensu heredum utriusque, quod teutonice morengave vocatur, 
uterque integra pace optinebit.'* Häufig mag jedoch die Darrei- 
chung oder das Versprechen der zwar in der Sitte begründeten, 
aber nicht nothwendigen Morgengabe ohne Zeugen geschehen sein? 



6) 8. auch die AnfOhnuigen aus einer Glosse und aus Urkunden bei 
Schröder I, 89, Anm. 20. 



72 

und für diesen Fall oder wenn etwa die Zeugen gestorben oder 
nicht zur Stelle waren, gab das alamannische Recht der Frau als 
Beweismittel ihren Eid, den sie mit einer besondern änssem Form 
zu leisten hatte, die im Ssp. I, 20, § 9 nicht vorgeschrieben ist, 
wo es bloss heisst: ^Morgengave muten wif uppen hilgen wol behal- 
den ane tüg** ^. Es ist nicht eine Eigenthümlichkeit des alamanni- 
schen Rechts, dass für die Beweisführung über die Morgengabe der 
Eineid der Frau genügte, wie Zöpfl Rg. S. 598 anzimehmen scheint, 
sondern dass für diesen Fall die Form des Fraueneides im alaman- 
nischen Rechte genau ausgeprägt ist. Uebrigens hat auch das 
luzemer Stadtrecht Art. 1 keine solche Beschreibung der Form, 
sondern nur die Bestimmung, dass eine Frau die Morgengabe „mit 
ihr eigen Hand behalten*^ möge. S. auch Amtsrecht von Willisau 
S.95, Öffnung von Dümten Art. 39, Grimm, Wsth. V, 74, § 17. 

Die lex Alam. (Karolina) LVI, 2 bestimmt: „Si autem ipsa 
femina dixerit: maritus mens dedit mihi morgangeba, conputat 
quantum valet aut in auro aut in argento aut in mancipiis aut in 
equo pecuniam 12 solidis valentem. Tunc liceat illi mulieri iu- 
rare per pectus suum, et dicat: quod maritus mens mihi dedit 
in potestate et ego possidere debeo. Hoc dicunt Alamanni nast- 
hait.*^ 

Schwsp. c. 20, W.: „man sol ir recht tuon umb ihr morgen- 
gabe. wil et si uf ir zeswen brüste unde uf ir zeswen zopfe, ob 
si den hat, sweren daz ez ir wille nie wurde etc.** Augsburger 
Stadtrecht 1276 S. 101: „War aber das daz man einer frowen 
ir morgengab laugen wolle, diu sol ir morgengabe bereden uf ir 
blozzen zesewen brüste unde uf ir zesewen zopfe etc.** Der Dtschsp. 
23 nennt nur „ir zeswen zopfe**, nicht die Brust — Das Stadt- 
recht von FrejTsing S. 192: „auf ihr Har und auf ihr Brust, als der 
Stadt Recht von Alter gewesen ist.** Dagegen sagt das oberbaye- 
rische Landrecht K. Ludwig's von 1346 § 134 nur: „die sol ir 
gerechtew haut auf ir prust legen** und das österreichische Land- 
recht § 41: „Ez sol auch ein iegleich Fraw ir morgengab be- 
haben mit irm aid auf im prüstlein und sol die haben nach des 
Lands gewonhait als Reclit ist, imd sol auch vor gericht nicht 
anders sweren noch kein aid tun, nur auf im prüstlein mit im 
zwain vingem.** 

^) Vgl. Hänel, Beweißsystem des Bsp. 8. 161. 



73 

Wehrhafte Männer schwuren auf ihre Waffen, der Arzt auf 
seine ferramenta (lex Alam. Pactus I, 1), der Hirte auf seinen 
Hirtenstab (augsburger Stdtr. S. 27. Grimm, Wsth. I, 333), der 
friesische Fuhrmann erfasste ein Rad, der Schiffer den Rand des 
Schiffes, der Reiter den Steigbügel (Grimm, R.A. 399), die Frau, 
nach dem Schwabenspiegel und dem Stadtrecht von Augsburg, 
ihre rechte Brust und ihren rechten Zopf. Das Wort zeswen 
ist nicht erst in neuester Zeit (Z öpf 1 , deutsche Rechtsgesch. S. 641, 
Anm. 10) falsch = zwei aufgefasst, sondern schon früh, wie die 
Varianten zum Schwsp. a. a. O. bei W a c k e r n. zeigen, und auch 
bei Ruprecht von Freysing I, 17 lesen wir „wil sy auf im sswain 
zopfen oder auf im zwain prusten swem" *). üeber die Bedeu- 
tung des fraglichen Wortes kann kein Zweifel sein, da es in der 
altdeutschen Sprache oft genug vorkommt % auch in den Rechts- 
quellen z. B. im augsburger Stadtrecht S. 60 beim Anefang „an 
das zeswe Ore" (Grimm, R.A. 589) und im Schwsp. 250 L.: 
„unde sitzend zu der zewen unsers Herren." 

Mit dem räthselhaften nasthait (nastait, nestaid etc.) der lex 
Alamannorum ist viel experimentirt worden. Nachdem Schilt er 
zu Königshoven's Chronik S. 678 (s. auch Du Gange Glossar, 
lat. V. Nastaid), Gundling (Gundlingiana DI, 484) u. a. seltsam 
phantasirt hatten, erklärte sich auch noch Jacob Grimm RA. 
906 incompetent zur Lösung. Wilhelm Grimm wollte nasthait 
in nasthait (iuramentum assertorium) verändern (s. M e r k e 1 ad 
1. Alam. p. 62, not. 19). Er meint, Nasteid sei ein Schreibfehler, 
der sich fortpflanzte, weil man das Wort nicht verstand. Die 
Aenderung ist aber doch eben so überkühn als sie einfach erscheint. 
Nicht allein steht das Wort für die lex Alam. Hlothari und Ka- 
rolina diplomatisch fest, sondern findet sich auch in der alten 
St. Galler Rhetorik aus dem 10. Jahrhundert, welche Wacker- 
nagel in Haupt's Zeitschr. IV, 463 herausgegeben hat und auf 
die schon Jac. Grimm RA. 1 hinwies. Als barbara werden dort 
aufgeführt nahisteit, werigeldum und fredum. Am wahrscheinlich- 
sten ist es, was Wackerna gel bemerkt*^), dass der erste Bestand- 

«) S. auch Reynitzsch, über Truhten S. 326. 

9) Grimm, Qramm. III, 404. — Wackerna gel, altdeutsches Hand- 
wörterbuch V. zöse. 

1^) S. auch Zöpfl S. 598, Anm. 4; Gen gl er im Glossar zu seiner 
Ausgabe des Schwabensp. v. Zoph. 



74 

tbeil des Wortes Zopf oder Flechte bedeute, so dass also Nast-eit 
^= Zopf ei d wäre. Auf diese Weise wdrde der Name die ausser- 
lieh stark herrortretende Eigenthümlichkeit der Form dieses 
Franeneides betonen, was bei der nenem zwai* verwandten, aber 
noch in der Schwebe gehaltenen Vermnthnng von Jacob Orimm 
(bei Waitz, das alte Recht der Salischen Franken S. 290) nicht 
der Fall isL Jacob Grimm geht hier davon ans, dass Nest 
vincnlnm, fibnla bedeutet und sagt dann: ^Aus nest wird sich 
auch das bekannte alam. nastait^ nastaid erklaren, sei es abstract 
juramentum constringens, oder sinnlich ein von der Frau mit Be- 
rührung der vitta geschwomer." In der Bedeutung juramentum 
constringens würde aber das fragliche Wort ganz farblos sein und 
nichts sagen als was schon in dem Worte Ead liegt, zumal wenn 
man annehmen muss, dass die Wurzel im Suiscrit it lautet und 
binden lat ligare bedeutet *'). Dass aber eine Frau in Betreff 
ihrer Morgengabe auf ihre vitta oder Binde geschworen habe, die 
verschieden wäre von dem gebundenen und gewundenen Zopf, 
ist qirgends angedeutet 

Frauen schwören auch jetzt noch, indem sie die Hand auf die 
Brust legen, aber Brust und Zopf werden beim Morgengabe-füd 
genannt, und zwar nicht bloss, wenn auch zunächst, für den Fall, 
wo eine Frau eidlich erhiyrten musste, dass ihr eine Moigengabe 
bestellt worden sei, sondern auch wo für ein Rechtsgeschäft mit 
der Morgengabe ihr Eüd nöthig wurde. 

Nach der Hofgerichtsordnung von Rothweil ^^) Pars XI, Tit 
10, § 2 soll der Hofrichter die Frau, welche über ihre Morgen- 
gabe verfügen will, zuerst dreimal fragen, ob sie auf ihren Eid 
aussagen könne, dass sie dazu von niemand gezwungen und ge- 
drungen sei, und wenn die Frau sich in diesem Sinne erklärt hat, 
so ist weiter vorgeschrieben: ^so soll dann die Fraw solchs ver- 
schaffen, verkaufen, vermachen oder verzeihen oder was sie dann 
thun wiU, das ihr Morgengab berührt, thun mit Hand und mit Mund, 
mit Zopf und mit Brust, und ihres Vogts Hand, gegen dem sie 
das thun will und wann der Hofrichter den Stab darbeut, so soll 
er den der Frawen an die linken Brust vomen setzen und soll 

») Weigftnd, W5rterlnich der deutschen Synonymen Nr. 375 Anm. 
>t) Grnpen, tentsche Alterthttmer 8. 69. — Reynitiseb a. a. O. 8. 
334. — Orimm, RJL 893. 



75 

die Fraw mit ihr linken Hand greifen zu ihren Haarlocken oder 
Zopf des Haupts an der rechten Seiten, und den Zopf oder des 
Haars ein wenig herfür ziehen und mit der rechten Hand den 
Stab und die linke Brust vornen begreifen." Aus der Praxis dieses 
Hofgerichts sind auch Fälle überliefert, in welchen dieser Vor 
Schrift gemäss verfahren wurde ''). Im Jahre 1359 verkaufte Er- 
kinger von Merklingen seine im Dorfbann von Merklingen ge- 
legenen Güter an das Kloster Herren- Alp. Seine eheliche Wirthin 
Guta von Lichtenstein war auf einen Theil dieser Güter mit ihrer 
Morgengabe verwiesen, wurde aber in anderer Weise entscl^ädigt. 
Da standen sie beide vor dem kaiserlichen Hofgericht und gaben 
dieselben Güter auf „mit Händen und mit Munden und mit Frau 
Guta's Vogts Hand und Mund und dieselbe Frau Guta mi t Z opf e 
und mit Brüste, und mit Urtheil, in der Herren von Herren- Alb 
und in aller ihrer Nachkonmien Hände und Gewalt etc.*^ In der 
hofgerichtlichen Bestätigung des Verkaufs der ZoUem-Schalksbur- 
gischen Lande vom 15. November 1403 kommt der Satz vor: 
„wol vertigen und ufgeben möchtent mit ihren henden und mit 
munden, und besunder die frow Verena (eheliche Hausfrau des 
Grafen Friedrich von Zollern) mit zopf und mit brüst upd 
mit ir haut und mit des ehegenannten irs Vogtz haut, wann es 
ir hainstur und ir Morgengab an rurte." 

Vielleicht ist die alamannische äussere Form des Fraueneides 
am genauesten angegeben in dem Hofrodel von Münchaltorf § 39, 
40 (Grimm, Wsth. I, 14): „Si sprechent och, ist daz ein man 
sinem ewib, ist si ein tochter, ein morgengab git, daz mag der 
man wol tuon der ersten nacht, so er von ir uf stat, und mag si 
die wisen mit zweyn bidermannen, so sol es guot kraft han, wie 
vil joch der sunun ist. Möcht sie aber die zwen biderman nit 
gehaben, so mag si von mund ir morgengab erzellen, und wölt 
man ir daz nit globen, so mag si nemen die rechten brüst 
in die linggen haut und iren zopf, und mit der rech- 
ten band sweren liplich zu got an den heiligen, und waz si 
da behept das sol so guot kraft han, das ira das nieman sol ab- 
wysen." Dass hier zwar die rechte Brust, aber nicht der rechte 

«3) Stillfried und M&rcker, Monum. ZoUer. Nr. 481, p. 380 «f. — 
Mone'B ZtBdir. Vm, 882. 



76 

Zopf genannt ist, mag zosammeobängen mit der Sitte der Frauen 
in manchen Gegenden, nor eine grosse Flechte zu tragen. 

Jener Hofrodel ist noch in einem andern Punkte von grossem 
Interesse'^). §41: „Des gelich sol och einer wittwen ir abentgab 
volgen nnd beliben als vorstatt/ § 53: „Doch so mag ein jek- 
lichi fröw ir morgen oder abentgab hin geben si liggi an ligen- 
dem oder an rarendem gnot wem si will etc.* Eine Morgengabe 
konnte die Wittwe, nach deren Crrundbedentnng, nicht erhalten. 
„Cheiner witewen mak man cheine morgengabe gaben diu kraft 
habe^, sagt das angsborger Stadtrecht, und noch in der basler 
Landesordnnng von 1757 (Bechtsqaellen von Basel 11, 312) lesen 
wir: „Es gemessen aber diese Morgen-G^b nor allein jenige, so 
ledigen Standes mid als Jmigfrauen geheurathet, nicht aber auch 
Wittweiber, so sich in fernem Ehestand begeben haben.^ Auch 
im Landbuch von Davos S. 77 ist der Satz, dass eine Wittwe 
keine Morgengabe empfangen könne, ausgesprochen ^ und noch 
hinzugefügt, dass, wenn ein Wittwer eine Jungfrau heirathe, die 
Morgengabe von doppelter Grösse sein solle. Die Abendgabe ist 
aber ein an den Humor streifender Ausdruck, der wohl nur in 
jenem Hofrodel von Münchaltorf vorkonmit. 

Eine andere Erscheinung im schweizerischen Rechte, die aber 
nicht so vereinzelt nur in einer Urkunde dasteht ^^ und auch 
nicht ausschliesslich schweizerisch genannt werden kann, ist 
es, dass auch der Mann eine Morgengabe empfangen 
konnte. 

Landbuch von Appenzell A. Rh. Art 99: „Was anbelanget 
die Morgengab, die ein Ehemensch dem andern gibt, soll diesel- 
big unseren Landrechten nach 10 Gulden sein. — Wo es sich 
aber begäbe, dass die Morgengab in dem ersten Jahr und einem 
Tag nicht wäre erfordert worden, nachdem mau Hochzeit gehal- 
ten, ist einer oder eine hemacher nichts mehr zu geben 
schuldig." 

>4) Blantschli, I, 108. 

'^) S. aDch die Statuten von Mfinsterthal 1427 bei Poffa, das bündneri- 
Bche MOnsterthal 8. 115. 

*6) Allee Landbuch der March Art 23. WaldsUtibuch von Einaiedeln 1572 
§ 102. Stadtrecht von BQIach Art 25. (8chaaberg*8 Ztschr. I, 90) Erb- 
recht der Grafschaft Thurgau von 1542 (Ztschr. für schwE. Recht I, S. 26.) 



77 

Hof- und Landrecht von Wattenwyl § 6 (Grimm, Wsth-V, 
199) : ^Item, wann dann zwai eemenschen ainanderen zuo dem sa- 
crament der haiigen ee generaent, weders dann dem anderen ain 
margengab gibt, die sol sin aigen guot sin. und wenn dann das- 
selbig, dem die margengab geben ist, mit tod abgat öne eelich 
liberben, dann so sol die margengab desselben abgangnen rechten 
nächsten erben werden und zuogehören, wer ie die sind, ob die 
margengab nach unverbrucht und unvertan ist. wen es aber eeliche 
kind hetti, so sol die margengab ab sin ungevarlich." 

Bei dieser Ausdehnung der Morgengabe auf beide Geschlech- 
ter ist es dann eine weitere Consequenz, dass, wie dem sich wieder 
verehelichenden Wittwer keine Morgengabe gehört, dem Jung- 
gesellen, der eine Wittwe heirathet, von dieser eine Morgengabe 
zukommt. 

Nachdem in dem Erbrecht von Flaach und Volken 1658 
(Pestalutz, Statuten I, 105) bestimmt ist, wie es gehalten werden 
soll mit der Morgengabe, je nachdem der Mann oder die Frau 
zuerst stirbt, heisst es: „Eine glyche Beschaffenheit soll es haben 
mit einem Knaben, der ein Wittfrauw zur Ehe nimmt und von 
derselben die Morgengabe zu bezüchen hat." 

Landbuch des Hochgerichts Klosters S. 68: „So ist geordnet 
und gemacht, dass ein Mann oder ein Frauw, welches das ist, 
wenn sie sich neuwlich verehelichend, mögend dem anderen seinem 
Ehegemachel Morgengab verschaffen und aufmachen, wenn ein 
gutes Vermögen vorhanden, bis in hundert und ein Kronen, doch 
nit mehr, es geschehe dann mit des aufmachenden Erben Wüssen 
und Willen. So aber im Heurath keiner Morgengab gedacht wird, 
und sey der Mann und das Weib keintwederes vorhin mit anderen 
verehelicht gsin, und der Mann vor der Frau abstirbt, soll der 
Frauen 10 Pfund Pfenning*'') aus des Mannes Verlassenschaft ge- 

1^) Diese Summe ist, während im alamannischen Volksrecht 12 solidi ge- 
setzt sind, ungemein h&ufig, s. bei Pestalutz I, 64, 106, 114, 116. Stadtbuch 
von Baden im Aargau 1884, § 110. Grimm Wsth. V, 74, 208, 206. — Augs- 
burg S. 101. Im Schwsp. 19. W. sind einige Male 10 Mark gesetzt — Das 
oberbayerische Landrecht 1346, § 125: „Welich arm man auf dem lande ge- 
sezzen ist, er sey pawr oder seidner und auch ander erber laut in steten und 
In margten, die zuo eleichen heyrat greiffen wellent, der sol noch enmag sein 
hausfrawen nicht höher bemorgengaben dann mit dem lehenten tail seines 
guotz, daz ist von zehen pfunden ains, wil aber er der morgengab minner 



78 

geben werden. — So mber ein 'Witlmg eine Tochter gen<Mnmenf 
die vorhin niemahlen verhenrathet gewesen und «ladann der Mann 
vor seiner Frau abstürbe, und aach im Heorath kein Morgengab 
bestimmt wäre, soll ihr nit mehr als 10 Pfand Pfenning vcm des 
Mannes Verlassenschaft gegeben werden, nnd so die Fraa vor 
ihrem Mann, der zuvor auch ein Witling gsin, abstirbt, gehört 
dem Mann kein Morgengab, dann er ist ein Witlmg gsin, es seige 
dann, wie vorgemelt, im Heurath vorangedinget; wenn aber ein 
Witwe ein jungen ledig^i Gesellen, der vorhin niemalen verhen- 
rathet gewesen (nimmt), und alsdann gemelte Witwa oder Frau 
vor ihrem Msnn abstirbt, und aber kein Morgengab im Heurath 
gedinget worden, so soll dem Mann aus der Frauen Ghit und 
Verlassenschaft auch 10 Pfd. Pfenning erfolgoi und gegeboi 
werden." 

Auch im baierischen und österreichischen Recht kommt es 
vor, dass eine Wittwe, die einen Junggesellen heirathete, diesem 
eine Morgengabe zu geben hatte i^. 

Wir haben in dem Vorstehenden ein Recht, welches, aus- 
gehend von dem Satze, dass die Morgengabe ein G^eschenk für 
die geopferte Jungfemschaft sei, dieses ausdehnt auf die Jung- 
gesellenschaft, dann aber so weit geht, dass es den ursprünglichen 
Charakter der Morgengabe zum Theil ganz aus den Augen ver- 
liert, indem dieselbe zu einem Gkschenke unter Ehegatten wird, 
welches im Interesse der Erben des vor dem andern gestorbenen 
Ehegatten nach seiner Grosse normirt ist, aber sowol durch die 
Ehepacten und einen besondem Vertrag festgesetzt werden kann 
als auch Ihs zu einer gewissen Höhe ohne einen solchen Act 
durch die Ehe und das Absterben des einen Ehegatten vor dem 
andern Geltung erlangt Bei einer solchen Ausdehnung kann es 
nicht auffallen, dass auch der Sprachgebrauch im Bereich des 

• 
BAehea, das mag er wol tnoB^ YieUeiclit habe» wir hier im dem zehBteo 

Theil des Guts das ürsprftn^eke, woraus die 10 PAnd PfeiiBbi^ oder Heller, 

10 Mark, 10 Golden erat entstaadoi sind. Im langoliardiacbea Re^t i£d Li«t- 

praadi 7) war der Tierte TheÜ des Yennögeiis das höchsle; s. Schröder I, 

8 84 1t 

«1 äehmeller I, 616. -> Zöpfl, Aherth II, 300; Beehtseeaeb. & 641. 

QMQem aar bayr. Gcechichte I, & 23S. — Chabert in dea Deakaehriflea der 

k. Ar ad tiiP . PUloL hiotor. Qaaae I¥ (1863), Ab^ S, & 13. — M erkle, 

Yorailberg I, 168» 193. 



79 

ehelichen Güterr&hts unsicher wurde. Wie weit die Confnsion 
S^g^^)j zeigen ßie Worte einer schweizerischen Urkunde von 
1282 bei Kopp, Gesch. der eidgen. Btlnde II, 112, Anm. 3: 
„quia praedicta bona de mea dote seu dotalicio fuerunt quod vul- 
gariter dicitur morgengaba sive donatio propter nuptias.^ 

Bei der zwar von dem Grundgedanken ausgehenden, abmr 
ihn verdrehenden Gestaltung der Morgengabe kann es denn auch 
kaum auffallen, wenn hie und da der Grundgedanke insofern nur 
halb festgehalten wurde, indem man mit Morgengabe dasjenige 
bezeichnete, was der Schwängerer der ausserehelich Geschwächten 
für ihre verlorne Jungfemschaft zu geben hatte. Die Züricher 
Ehegerichtsordnung von 1525 (Ztschr. für schwz. Recht IV, 63) 
bestimmt: „So aber einer ein Tochter, Magt oder Jungfrow ver- 
feit, geschmächt oder geschwecht hette, die noch nit vermählet 
were, der sol iro ein Morgengab geben und sie zu der Ee hau.** 
Dieses wurde in einer „Lüterung der geschwechten Jungfrowen 
halb'* im Jahr 1533 (dieselbe Ztschr. IV, 109) abgeändert, weil 
von Seiten frecher unverschämter Töchter damit Missbrauch ge- 
trieben war 20). Damit „die Meitli irer Eeren dest behutsamer 
belibend'^, sollte, falls nicht ein förmliches Eheversprechen voran- 
gegangen, die Geschwängerte die Schmach an ihr selbs haben 
und der Knabe ihr des Magthums halb nichts schuldig sein, auch 
nicht genöthigt werden sie zu ehelichen. 

An manchen Stellen der schweizerischen Rechte ist bestimmt, 
was der Schwängerer der Geschwächten „um den Blumen'*, „um 

19} S. auch Schröder I, 102, Anm. 16. Franklin, Beiträge S. 72. So 
wie die verschiedeDen ganz andere Begriffe deckenden technischen Ausdrücke 
des römischen Rechts (dos, donatio propter nuptias) als TJebersetzungen der 
deutschen Morgengabe verwendet wurden und auch dotalicium, welches nicht 
ungewöhnlich sonst das Leibgeding bezeichnet , so fand denn auch wohl eine 
gänzliche Abschwächung des ursprünglichen Begriffs Morgengabe in anderer 
Weise statt, z. B. wenn der Nürnberger Ulman Stromer in seinem Qedenkbuch 
verzeichnet: „Anno domini 1382 am suntag vor vasnacht gelobt ich mein tochter 
Elsen zu der e dem jungen Hansen Riter und gelobt ir zu morgengab 300 guld. 
und zu fertigen zu tisch und zu pett nach mein eren und zu halten in der kost 
2 jar*, so gelobt er meiner tochter herwider zu morgengab 2000 guidein und 
auch zway jar zu halten^; s. Chroniken der fränkischen Städte. Nürnberg I, 
8. 68. Vgl. 8. 205, wo in dem Ehevertrage fUr eine andere Tochter der unrich- 
tige Ausdruck Morgengabe vermieden ist 

ta) 8. auch Basel Rechtsquellen I, 261, 274« — Jäger 's Ulm. 6 338. 



80 

den Magtum und Blumen'^, ^for Ams KrmrW*^ gcl>c& soll ^), ohne 
dass der Ausdruck Morgengabe gebrmuc:it ist, aber eine Analogie 
jener Gabe zu der Morgengabe ist, wie Segesser andeutet, nicht 
zu Tcrkennen. Nach drai appen zellischen Landrecht soll die Mor- 
gengabe 10 Gulden betragen und in Jsdir und Tag nach der 
Hochzeit gefordol werden; wann eine zuvor unv^eumdete Per- 
son durch einen Mann wäre geschwächt worden, soll ihr ^fur den 
Blumen^ 10 Pfund DesL werden und dass die betreffende An- 
sprache in Jsdir und Tag zu machen sei, ist als Regel an ^meh- 
reren der genannten Stellen ausgesprochen. 

Am Schlüsse meiner Abhandlung mag noch Berücksichtigung 
finden was in dem Ton K Welti in der Aigovia 1860 herau» 
gegebenen und commentirten Stadtbuch von Baden 1384 „der 
Morgengaben halb^ im § 110 bestimmt ist: 

1. Der Ehemann kann wie die Ehefrau eine Morgengabe 
empfangen. 

2. Die Morgengabe soll gemacht und verordnet werden in 
Jahres Frist, nachdem die Elheleute zusammen gekommen sind, 
vor erbaren Leuten oder durch Brief und SiegeL ffier haben wir^ 
eine bedeutende Abweichung von der ursprünglichen Kegel in 
Betreff der Zeit der Bestellung der Morgengabe, welche Regel 
sich noch findet in einem im Stadtarchiv Baden aufbewahrten Ver- 
trage von 1397: 7,und so si des ersten Morgens von im uff stat 
in bruts wis, sol er ir zuo Morgengab geben 7 Pfd.*^ Eß ist da- 
her, wie der Herausgeber bemerkt, jene Abweichung erst nach 
dem Jahre 1384 in das Stadtbuch gekommen. Entstanden ist diese 
Abweichung ohne Zweifel erst daraus, dass sich die Satzung 
gebildet hatte, es mdsse die bestellte Morgengabe binnen Jahr und 
Tag gefordert werden. 

3. Welchem der beiden Eheleute eine Morgengabe bestimmt 
ist, „das selb sol soliche morgengab haben uff des andern ligen- 
den gutem ^\ wo aber nit ligent guot vorhanden were, so sol es 
die haben uff sinem varenden guot Also wenn ir eins vor dem 
andern mit tod abgaut, so sol das, so in leben ist, soliche morgen- 

*<} Landbneh von GUrns Art 82. Gersau a 79. Nidwaiden Art 119. 
Appenc^ A. Rh. Ar. 121. Amtsrecht von WUlisan S. 101 Luxerner Stadtrecht 
Art 118. vgL Segesser II, 441, Anm. 2. 8. 470. 

SS) Blumer I, 486 



81 

gab von dem ligenden guot nemen, ob aber nit ligend guot vor- 
handen were, sol es die nemen von dem varenden guot." 

4. Es folgt ein eigenthümlicher Satz: „Ob ouch ein mann 
verschruwen imd im das richschloss angeschlagen wurde, so mag 
die frow gegürtet usgaun, wie sie denn an den vier hochzitlichen 
tagen zuo kirchen und straus gangen ist, und mit ir nemen die 
morgengaub, so si mag by ihrem Eid behalten. Doch so sol die 
selb person von soelicher morgengab bezalen, ob si jemand uitzit 
ze geben gelopt oder verheisen hett. Ob ouch yemant nit globen 
weite das iro so vil als si vorderte, zuo morgengab verheisen were, 
alldeim sol si das mit biderben lüten oder brieff imd siglen er- 
wisen und usbringen, das ir die verheisen und gelopt worden 
sye ; wo si aber das mit lüten oder briefen nit bewisen noch für- 
bringen mag, alsdenn sol söliche morgengab nit me sin noch iro 
geben werden denn zehen pfund haller, bader werung.'' Der Ehe- 
mann ist in Concurs gerathen, es findet ein Auffalls- Verfahren 
statt. Dazu gehört der Rechnungsruf 23)^ welcher früher sehr ge- 
wöhnlich dreimal in der Kirche geschah; Gläubiger und auch 
Schuldner des Insolventen wurden aufgerufen und der Mann ist 
„verschruwen" (verschrieen), ist Cridar. Die in der Wohnung dep 
Gemeinschuldners vorhandene Fahrhabe wurde von der Behörde 
verzeichnet und die Behältnisse wurden amtlich verschlossen. 
Dafür ist im Stadtbuch der seltene Ausdruck gebraucht, dass 
jenem „das Reichsschloss angeschlagen wurde" (s. auch Art. 124, • 
131, 132, 137, 139), oder wahrscheinlicher ist es, dass das 
Reichsschloss an das Haus angeschlagen wurde, welches der 
Cridar mit seinen Hausgenossen zu verlassen hatte. Die Masse 
lag 6 Wochen und 3 Tage im Reichsschloss und wurde dann 
öffentlich vergantet (Art. 131). Der ]^ame „Reichsschloss" drückt 
wie andere Bezeichnimgen im Rechtsleben (Reichsstrasse, Reichs- 
vogt, das Richten nach kaiserlichen Rechten etc.) die Beziehung 
zu Kaiser und Reich, als der Quelle des Rechts, aus, welche 
Beziehung als Form lange nach der Trennung der Schweiz vom 
deutschen Reiche bis in die Gegenwart sich erhalten hat 2*). — 
Wenn das Reichsschloss angeschlagen und das Haus den bis- 



^3) Blumer ü, 2, 162.—. Tobler, appenz. Sprachschatz v. verrueffat 
'4) AlaxDu Strafrecht S. 5. 

Osenbrüggen, rechtsgesch. Studien. 6 



82 

herigen Bewohnern verschlossen wurde, so konnte die Fran zuvor 
ihre besten Feiertagskleider anlegen (s. auch Art. 131), auch 
ihre Morgengabe von der Concursmasse absondern und an sich 
nehmen 2«) ; doch soll sie etwaige Schulden, die sie auf die Mor- 
gengabe hin gemacht, abzahlen. Dass ihr eine Morgengabe bestellt 
worden, konnte die Frau einfach durch ihren Eid wahr machen, 
aiicht aber den Betrag derselben ; die Grösse der Morgengabe war 
durch Zeugen und Urkunden zu beweisen, widrigenfalls kamen 
der Frau nur 10 Pfund Heller zu. 

5. Die beiden Eheleute können einander ihre Morgengabe 
nach der Stadt Recht vermachen. Ist das nicht geschehen, so 
kommt es darauf an, ob sie mit einander Leiberben in der Ehe 
gewonnen haben; fehlen solche, so fällt die Morgengabe der Frau 
an deren rechte und nächste Erben. Obgleich nach dem Stadt- 
buch auch dem Manne eine Morgengabe zukommen kann, ist doch 
bei dieser erbrechtlichen Bestimmung nur der Frau gedacht 

Zu den für die Lehre von der Morgengabe so reichen Rechts- 
quellen der Schweiz sind neuerdings noch hinzugekommen die 
Civil- und Criminalstatuten des bündnerisehen Münsterthals von 
1427 2fi). Obgleich das Thal ganz romanisch ist , sind doch die 
Statuten nach Lihalt und Form deutsch, was sich aus den Be- 
ziehungen und der Unterordnung des Münsterthals unter den 
Bischofssitz von Chur erklärt, obgleich es immer sonderbar bleibt, 
•dass einer undeutschen Bevölkerung im Anfange des 15. Jahr- 
hundert ein deutsches Recht gegeben wurde. Die Statuten wie 
andere Stücke der Urkundensammlung verdienen die Aufmerk- 
samkeit deutscher Rechtshistoriker. In Betreff der Morgengabe 
möchte ich nur anführen, was aus dem Grundgedanken derselben 
hier gefolgert ist. Eine Wittwe hat keine Morgengabe, man wolle 
sie ihr denn gern schaffen. Dasselbe gilt von der Frau, die ihre 
Ehre verloren hat, ehe sie zu ihrem Mann gekommen ist. Die 
Frau, welche in der Ehe nicht fromm und ehrbar gewesen ist, 
verliert ihre Morgengabe. Hat sie ihre und ihres Mannes Ehre 
behalten, so kommt ihr zum wenigsten eine Morgengabe von 25 



s^) Das war nicht allgemeines Hecht in der Schweiz, s. Blum er II, 2, 178 
K) P« Foffa, das bündnerische Münsterthal, eine historische Skizze, nebst 
einem Anhange von bezflglichen Urkunden (Chur 1864) S. 95 ff. 



83 

Pfand ziL Hat die Fran sich zwar während der Ehe fromm und 
ehrbar betragen, thäte sie aber nach dem Tode ihres Mannes, 
während sie bei ihren Kindern imgetheilt bleibt, etwas wider ihre 
Ehre, so dass sie ihre und ihrer Kinder Ehre nicht behielt, dann 
sind ihre Kinder ihr keine Morgengabe schuldig, wenn diese nicht 
vorhin ausgerichtet war, denn was hin ist das ist hin.» Ein Mäd- 
chen, das sich heimlich berathet ohne ihrer Freunde Willen, hat 
keine Morgengabe, man schaflFe ihr dieselbe denn gerne. 

Obgleich diese Sätze mehrfach als Landrecht bezeichnet 
werden, ist doch die weit gehende moralische Tendenz derselben 
wohl dem Einfluss der geistlichen Oberherrschaft zuzuschreiben. 



6* 



IV. Das ins prinue noctis. 



Die Öffnung von Maur am Greifensee 1543 (Grimm Wsth. 
I, 43) ist berühmt geworden durch folgende Bestimmung: „Aber 
sprechend die hofflüt , weller hie ze de helgen ee kumbt, der sol 
einen meyger laden und ouch sin frowen, da sol der meyger lien 
dem brütgam ein haffen, da er wol mag ein schaff in gesyeden, 
ouch sol der meyger bringen ein fuder holtz an das hochtzit, 
ouch sol der meyger und sin frow bringen ein viertenteyl eines 
schwynsbachen *), und so die hochzit vergat, so sol der brütgam 
den meyger by sim wyb lassen ligen die ersten nacht, oder er 
sol sy lösen mit 5 Schilling 4 Pfenning." 

Selbst Grimm, der belesenste aller Forscher im deutschen 
Altörthum, weiss R. A. 384 über das s. g. ius primae noctis kein 
anderes Zeugniss aus deutschen Rechtsquellen anzuführen. Hinzu- 
gekommen ist aber neuerdings die Öffnung der Hausgenossen zu 
BGrslanden und Stadelhofen 1538 (Ztschr. für schwz. Recht IV, 
76), in welcher es heisst: „Ouch band die Burger die Rechtung, 
wer der ist, der uf den Gütern, die in den Kelnhof^) gehö- 
rend, die ersten Nacht bi sinem Wibe ligen wil, die er nüwlich 
zu der Ee genommen hat, der sol der obgenanten Burger Vogt 
dieselben ersten Nacht bi demselben sinem Wibe lassen ligen, wil 
aber er das nüt thun, so sol er dem Vogt geben vier und dryg 
Schilling Züricher Pfenning, weders er wil, die Wal hat der Bru- 
gom, imd sol man ouch demselben Brugome zu Stür an der Brut- 
louf geben ein Fuder Holtz us dem Zürichberg, ob er wil an 
demselben Holtz hat." Im Eingang dieser Öffnung ist erzählt, es 

>) Baco salsatas in der Handfeste von Freibnrg im Ü. § 109, Thun § 68. 
— Pertz, Mon. leg. I, 180: bacones. Im Englischen: bacon. 

S) Bürgermeister, Rath und Bürger von Zürich empfingen den Kelnhof au 
Stadelhofen als Lehen vpn der Abtei 1424, s. G. von Wyss, Gesch. der 
Abtei Zürich. Urk. Nr. 468, 466* 



85 

seien am Katharinentage des Jahres 1538 Bevollmächtige der ge- 
meinen Hausgenossen zu Hirslanden und Stadelhofen vor den 
Bürgermeistern imd Räthen der Stadt Zürich erschienen und hätten 
mitgetheilt, dass ihnen durch die Brunst und Feuersnoth in Felix 
Lemans Haus in EQrslanden jüngst grosser Schaden und Verlust 
an ihren ^Briefen und Gewahrsaminen^ entstanden sei, sie bäten 
daher unterthäniglich , ihnen „einen alten permentinen Rodel, so 
noch wol zu läsen und doch etlicher Gestalt beschädiget und 
verwüstet worden, darin dann ihr Recht, Gerechtigkeiten und alt 
Herkommen begriffen were, widerumb emüwem und abschriben 
ze lassen." In Folge dieser Bitte wurde der alte Rodel genau „von 
Wort zu Wort" abgeschrieben. Der obige Artikel ist also bedeu- 
tend älter als 1538, aber jünger als 1424 

Das s. g. ins primae noctis ist theils als ein Gegenstand der 
eleganten Jurisprudenz mit besonderer Vorliebe vielfach bespro- 
chen, theils mit sittlicher Entrüstung angegriffen worden. Als die 
Länder, in denen es vomemlich gegolten haben soll, werden 
Schottland, Frankreich und Holland genannt, aber auch Russ- 
land ^) imd Oesterreich *) gehören hieher. 

Von Schottland erzählt Spelman*): „ Turpis Scotorum 
veterum consuetudo qua territorii dominus vasalli sponsam prima 
nocte comprimeret floremque carperet pudicitise. Hanc instituisse 
fertur Rex Evenus, — sustulisse vero rex Malcolmus, qui floruit 
annum circiter gratis^ 1080 redemptionisque nomine domino 
statuisse impendendum, ut ait Hector Boetius lib. HI. c. 12, 
marcam argenti marchetamque inde suggerit appellatam. — Duxe- 
rat autem Malcolmus iste Margaretam Edmundi neptem et uxoris 
SU8B precibus dedisse fertur, ut primam nov» nuptae noctem, quaß 
proceribus per gradus quosdam lege regis Eugenii debebatur, 
sponsus dimidiata argenti marca redimere posset, quam pensionem 
adhuc marchetas mulierum vocant." 

Ueber dieses Recht (droit de cullage, droit de prilibation) in 
Frankreich berichten manche Lexikographen als von einer her- 

3) Ewers, das JUteste Recht der Russen 8. 70 ff. — Grimm R. A. 
380. 

4) Chabert in den Denkschriften etc. IV, Abth. 2, S. 32, Anm. 9. 

^ Glossarium archesologicum (Londini 1687 fol.) s. v. marchet s. auch Du 
Gange v. marcheta. 



86 

gebrachten Sachet und es wird auch angefahrt eine Sentence 
de la S^n^haossee de Gnjenne da 18 Joillet 1302, qni c<mdamne 
la fiUe SancaroUe, mari^ k G. Becaron, k oböir an seignenr de 
Blanquefort et ä loi ceder le droit de pr^libation 'O- Bezeichnungen 
wie droit de cnllage entstanden wohl im Volksmnnde als Ansdmck 
des Aergers über eine solche Sitte, wie im dentschen Bnnz^igeld, 
Stechgroschen, Schürzenzins etc. für die Ablösungssumme. Man 
kann damit vergleichen die wegwerfenden Namen für uneheliche 
Bänder»). 

Die englischen Schriftsteller stellen es in Abrede, dass ein 
solches Recht jemals in Elngland gegolten habe. Zwar ist bis- 
weilen das ^Borough-English^ = a customarj descent of lands 
or tenements to the joungest son damit in Verbindung gesetzt 
und gesagt, die hie und da übliche Succession des jüngeren Sohns 
in das väterliche Lehngut, mit Uebergehung des Erstgebornen, 
habe ihren Ursprung in dem lehnsherrlichen ins prim» noctis bei 
der Braut des Vasallen und der daraus resultirenden wahrschein- 
lichen Unehelichkdt des ältesten Sohnes, allein diese gesuchte 
Herleitimg verschwindet gänzlich vor triftigen Oründen j^ier Be- 
vorzugung des jüngeren Sohnes^). 

Mit grosser Grelehrsamkeit hat G-rupen de uxore Theotisca 
c. 1. die Berichte über das fragliche Recht einer Kritik unter- 
worfen. Nach ihm beruht dasselbe auf Missverstandnissen und 
Missdeutungen und er spricht am Schlüsse seiner Auseinander- 
setzung die Vermuthung aus, ^es könne zu dem Wahn, als ob 
der Herr bei seiner Vasallen und Eigenhörigen Braut-Töchtern 
den ersten Beischlaf gehabt und dieser, in Verfolg der Zeit, mit 
Grelde abgelöset worden, dieses mit Anlass gegeb^i haben, dass 
die parentes desponsationis, worunter der Vater und die nächsten 
Agnaten verstanden, ex ratione mundü, das pretium virginitatis oder 
nuptiale erhoben.^ Ueberzeugender als diese Auskunft ist es, was er 

6) Roquefort, Olossaire de Im lange Romane ▼. ealaige. — Littr6 
Dict V. culUge. YgL Schaffner, Gesch. der Rechtsver&seang Frankreichs 
m, 185. 

7) Ewers S. 75 citirt dieses ürthefl ans der BiUioth^ne historiqme 
ToL Xn (1820), cahier 4, pag. 332. 

S) Orimm R. A. 475 Anm. 

9) Stephen' 8 new commentaiiai (3edil) 1, 904. Vg^ Grimm R. A. 475. 



87 

von dem, besonders Anstoss gebenden, sogar den Bischöfen zuge- 
schriebenen Rechte der ersten Nacht und dessen Ablösung durch 
G«ld sagt: „Das bischöfliche ins primaß noctis hat mit dem iure 
deflorationis und dessem Redemtion nichts zu chaffen, sondern 
hat sein Fundament in d^nen Canonibus Conciliorum, vermöge 
deren sich die neu getraute, in honorem benedictionis , die erste 
Nacht in virginitate bewahren sollen^. *•) Darnach wäre also das 
ins primae noctis auf* Seiten der Neuvermählten ein auf erkaufter 
Dispensation ruhendes Recht gewesen. Ein technischer Ausdruck 
ist überhaupt das ius primae noctis nicht und konnte daher in 
einem verschiedenen Sinne gebraucht werden. Erwähnt ist ein 
Arret des Parlements von Paris von 19. Mai 1409, welches den 
Bischof von Amiens abwies mit seiner Bitte um Aufrechthaltung 
seines Rechts eine Summe Geldes von den Neuverheiratheten seiner 
Diöcese zu fordern „pour leur permettre de coucher ensemble la 
premifere nuit de leur noces.*^ Früher (1336) soll der Bischof von 
Amiens mit einer solchen Forderung für die drei ersten Nächte auf- 
getreten sein **). Anders fasste aber das Recht der ersten Nacht auf 
ein französischer Pfarrer (rector seu curatus parochialis), der frei- 
lieh kein Bischof war. Er brachte seinen Anspruch, mit der Braut 
allemal nach des Orts Gewohnheit den ersten Beischlaf zu voll- 
ziehen, bis in die Appellationsinstanz zu Bourges, wurde aber 
gebüsst und jene Gewohnheit wurde damals annullirt. So berichtet 
ein von Grupen angeführter Augenzeuge, Boerius Dec. 297 
n. 17. 

Walter Rg. § 455 sagt, Grupen habe das Richtige. Das 
kann sich aber nur auf die Aufklärung über das behauptete 
bischöfliche Recht der ersten Nacht beziehen, denn im Uebrigen 
stimmt Walter nicht mit seinem Gewährsmann überein. Er 
schreibt : „Nach alter christlicher Ermahnung sollten die Eheleute 
die erste Nacht zur Ehre des empfangenen Segens in Keuschheit 
zubringen. Doch gestattete die Sitte, dieses durch eine Gabe zu 
einem frommen Zwecke abzulösen. Bei den Unfreien entstand 
daraus eine Abgabe an den Grundherrn, womit sich der Bräuti- 
gam das Recht der ersten Nacht erkaufte, was zu mancherlei 

10) s. auch Noordewier, nederduitsche Regtsoudheden (Utrecht 1853) 
p. 160. 

") Ewerß und SchUffner a. a. O. 



88 

Scherzen Veranlassung gab. Daraus ist das arge Missverständniss 
entstanden, als ob die Grundherrn selbst, sogar Bischöfe und 
Stifte, das Recht der ersten Nacht gehabt hätten.*^ Zu den Scher- 
zen rechnet er den obigen Satz aus der Öffnung von Maur, und 
schon vor Walter hat Bluntschli I, S. 189 erklärt, das Recht 
des Grundherrn auf die erste Brautnacht scheine eine blosse Fabel 
zu sein und die betreffende Aeusserung in jener Öffnung ein 
scherzhafter Ausdruck. ImUebrigen entwickelt Bluntschli anders 
als Walter. Jener geht aus von dem s. g. Ehegelde, welches in alter 
Zeit von den Hörigen für die Einwilligung des Herrn zur Ehe 
gezahlt werden musste; um die Noth wendigkeit, dieses Ehegeld 
zu zahlen, welches in der Loskaufssumme der Öffnung von Maur 
versteckt liege, recht lebhaft zu bezeichnen, werde dem Bräutigam 
gedroht, wenn er es nicht zahle, so werde der Meyer, der den 
Einzug jener Gebühr zu besorgen hatte, zur Strafe zuerst bei 
der Braut liegen; der Bräutigam sollte die Gebühr eben entrich- 
ten, bevor er der Frau beiwohne. Bluntschli fügt noch hinzu: 
„Auch für Schottland und Frankreich, wo allein (?) das ins primaB 
noctis noch erwähnt ward, kommt es doch sehr in Frage, ob es 
wirklich je gegolten habe und nicht eher auf Missverständniss 
beruhte, obwohl ich nicht läugnen will, dass nicht manche Herrn 
aus dem Scherze Ernst zu machen suchten.*^ 

Wenn man das von Grupen über den Gegenstand beige- 
brachte Material von Nachrichten und Deutungen überblickt, so 
wird man ihm zugeben müssen, dass die Herleitung des ins primae 
noctis von einem König Evenus aus alter grauer Zeit und manches 
Andere der Art dem Gebiete vormaliger fable convenue angehört; 
wichtig sind aber die von ihm § 14 gegebenen beglaubigten No- 
tizen über Fälle, in denen die Defloration der Neuvermählten, 
falls nicht eine Abkaufssumme an die Stelle trete, als ein Recht 
hingestellt wurde. Tollius ad Lactantium de mortibus persec. 
c. 38 erzählt, dass er ein in Utrecht öffentlich angeschlagenes 
Proclam gelesen habe, in welchem der Verkauf einer adlichen 
Herrschaft mit Rechten und Gerechtigkeiten, insbesondere auch dem 
ius deflorationis novarum nuptarum, die jedoch mit Geld von dem 
Gutsherrn abgelöst werden könne, ausgeschrieben wurde. Der 
bekannte holländische Pandekten-Commentator Voet (ad Tit D. 
de statu hominxim) nennt es eine Gewohnheit an vielen Orten 



89 

seines Vaterlandes, besonders in Geldern and Zütphen, dass der 
Herr Yon Hörigen Geld empfange in redemtionem giris primi 
concubitus. Wenn man diese Beispiele *2) zusammenlegt mit der 
nicht wegzuläugnenden Thatsache, dass in Schottland und Frank- 
reich die Sache lange Zeit eben so aufgefasst wurde, so geht 
daraus hervor, dass einem solchen Beischlafe des Herrn und dem 
Aequivalent für das Unterbleiben desselben die Bedeutung eines 
Rechtes eingeräumt worden ist und eben das zeigen auch die 
obigen beiden schweizerischen Offnungen, in denen im 16. Jahr- 
hundert ein Herkommen verzeichnet wurde. Es kann nun freilich 
ein Recht usurpirt sein und vielleicht lange Zeit als solches gel- 
ten ohne ein Fundament zu haben ; es bleibt also die Frage nach 
dem Fundament des thatsächlich anerkannten ins primae noctis. 

Ein Gesetz lässt sich für dasselbe nicht nachweisen, damit 
ist aber für die alte Zeit das Recht noch nicht negirt, eben so 
wenig als daraus, dass sich urkundlich kein Beispiel der wirk- 
Uchen Vollziehung des Beischlafs eines Herrn mit der Neuver- 
mählten in der Brautnacht nachweisen lässt, denn dergleichen 
pflegt nicht protokollirt zu werden. 

Beruht nun aber das Ganze auf einem Missverständniss und 
läuft es auf einen Scherz hinaus? Ich glaube es nicht. 

Die beiden Offnungen aus dem Canton Zürich, an welche 
wir uns, als an die einzigen bekannten deutschen Rechtsurkunden 
zu halten haben, sind in der Gestalt, in welcher sie vorliegen, 
erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufgeschrieben. 
Solche Offnungen oder Weisthümer über Hofrechte wurden aber 
zuerst mündlich an den Jahrgerichten oder zweimal im Jahre, im 
Frühling (zu Meyen) und im Herbst verkündet und dann später, 
um das in ihnen befasste Recht sicher zu fixiren, aufgeschrieben. 
Öffnung von Neftenbach (Grimm Wsth.. I, 74): „Alles das da 
ist in dem zit endet sich mit dem zit In dem zit ist der mensch 
nit ewig, und darumb werdent vil recht und guter gewonheit 
dick undergedenckt in stetten und uff dem lande, so der nieman 
gedencken mag und ander lüte des ermanet. Semlichs ze verkomen, 
sye kund und ze wissen, das allen den die yetz in leben sind jungen 

1^ 8. auch ReynitzBch, über Truhten B. 275. — Haltaus v. Bchurtzen- 
Zins. — Maurer, Fronhöfe m, 169. 



90 

und aken, und oach den die noch hi^iach geboren söllent werden 
ewenklich^ das dis nachgeschriben recht gesatzt gewonheit, fry- 
heit, herkomen nnd ehaffty gehörent zu dem dorff Nefftenbach, 
und die sol man aoch im jar zwnrent offnen nnd erzeüen zeherbst 
nnd ze mejen^. Es wnrde dasjenige niedergeschrieben, ^was 
schon seit Jahrhunderten im Monde des Volkes sich fortgepflanzt 
nnd durch regehnassig wiederkehrende feierliche Anssprnche eine 
feste Gestalt gewonnen hatte"^ ^. Man war sorgsam bedacht, dass 
das Hergebrachte weiter gebracht werde; daher kommt in einem 
kurzen rheinischen Weisthum (Grimm II, 166) drei Mal die zur 
Charakteristik der Weisthümer dienende Wendung vor: ^Das 
haben die alten uff uns bracht und das wyesen wir forter vor 
recht" **). Wie das Weisen und Offnen des hergebrachten Rechts 
stattfand, zeigt die Ordnung des Maiengerichts zu Thalwyl und 
Oberrieden (Ztschr. für schwz. Recht IV, 167) : ,,Da erkennt man, 
das die Öffnung, ob die stände wie von Alter har, solle verlesen 
werden, üf söUiche Erkanntnuss wirt die Öffnung vom Gbtift- 
sehriber gelesen und aber von ime underzwüschent allwegen nach 
Verlesung zweiger ald driger Artiklen still gehalten und sol uff 
selbigs jedesmals vom Richter ein Frag beschechen, ob die Öff- 
nung Stande wie von Alter har." Dabei konnte es denn nicht 
fehlen, dass manches Hergebrachte, das nicht förmlich abgeschafft 
war, sich in den Öffnungen erhielt, obgleich es zu der vorgerück- 
ten Zeit nicht mehr recht passte, und wir finden in diesen wie in 
andern alten Rechtsquellen vieles, was nur eine historische Remi- 
niscenz aus früherer Zeit ist, aber das Veraltete war ehedem 
wirkliches Recht gewesen. 

Von der Öffnung von Stadelhofen wissen wir aus ihr selbst, 
dass sie viel älter ist als 1538, dass in diesem Jahre eine alte, nur 
eben noch leserliche Pergament-Urkunde von Wort zu Wort abge- 
schrieben wurde '*), obgldch die in ihr oft genannte Aebtissin gar 
nicht mehr existirte, da 1524 die Abtei in Zürich aufgehoben war ^^. 

^ Blnmer I, 43. Ansfttliriich sind die Weisthümer eharakterisiri von 
A. Bein in der Einleltnng sn den von ihm bekannt gemachten y^äi^ üerdinger 
WeUthllmern» (Crefeld 1S54>. 

«♦) Grimm R. A. 772 ; Wsth. in, 727; IV, 356, 577, 586, 612, 613, 619, 802. 

»^ Vg^ Orimm Wsth, in, $89. 

^ G. von Wyss a. a. O. a IIL 



91 

Wenn nnn diese ältere Urkunde noch älteres Herkommen ent- 
hielt, so gelangen wir mit dem in Rede stehenden Artikel über 
das 8. g. Recht der ersten Nacht in eine Zeit des frühem Mittel- 
alters, und dasselbe gilt ohne Zweifel von der Öffnung von 
Maur 1^. Damit konmien wir denn zugleich auf ein strengeres 
und ungünstigeres Verhältniss der hofhörigen Leute als es im 
16. Jahrhundert stattfand, als ihre Lage eine freiere geworden 
war. Das Letztere gilt besonders von den Gotteshausleuten — und 
das waren sowol die Hofleute in der Öffnung von Maur als die 
gemeinen Hausgenossen von Stadelhofen — aber die Fessel der 
Hörigkeit war auch für diese nicht ganz verschwunden. Es be- 
währte sich an ihnen die Parömie: ^Unterm Krummstab ist gut 
dienen (wohnen)^, allein mehr f actisch als rechtlich waren sie von 
den Hörigen weltlicher Herrn geschieden. Der Begriff der Hörig- 
keit wurde ihnen alljährlich in Erinnerung gebracht durch den 
Leibzins oder Gedächtnisspfenning, den sie zu entrichten hatten l^). 
Urkunde von 1292 bei Bluntschli I, 188: „also das sie und ir 
nachkommen imer eigenlich hören an dasselb Gotzhus (Frau- 
münster-Abtei) imd mit Gedinge, das si anders dienstes dem vor- 
genannten Gotzhus nit gebunden sin, wann das ze haubt jerlichen 
gebe ze zinnsse an St. Felix und St. Regien tag Einen pfenning ^^) 
Züricher Münz von dem Libe.*^ Dieser Pfenning, den sie „von 
dem Libe^ zu zahlen hatten, ist nur noch eine symbolische Ab- 
gabe und als ein Symbol der Hörigkeit nach deren 
persönlichen Seite hin möchte ich auch das s. g. Recht 
der ersten Nacht ansehen, welches dem Meier in Maur 
und dem Vogt in Stadelhofen und Hirslanden in den Offnungen 
eingeräumt wurde; es ist eine äusserste juristische Con- 
sequenz, ein plastischer Ausdruck eines Prinzips. 
Man kann vergleichen die Parömie: „Er ist mein eigen, ich mag 
ihn sieden oder braten^, die sich nach Grimm R. A. 345 noch 
lange im Volke erhielt, als ihre Strenge schon eine Unmöglichkeit 
geworden war. ^) 

Bei dieser Auffassung der Sache kann ich der Bemerkung 

*r) Bluntschli I, 189. 

«) Walter H, § 390. 

*9» G. von WysB a. a. O. Urk. 32, 33. 

^) Hillebrand, deutsche Rechtssprich Wörter, Nr. 24. 



92 

BluntBchli's keine Bedeutung beflegen, warn er sagt: „Gbnnd- 
herr über Mnre (Maar) in älterer Zeit war aber die Aebtissin 
Yon Zürich, welcher das Recht, bd den Franen ihrer Hörigen zn 
liegen, nichts gefruchtet hätte.^ Die Bemerknng ist um so weni- 
ger von Belang, da wohl der Meier im Stande gewesen wäre, in 
diesem Recht wie in andern Dingen die Aebtissin zn vertreten, 
wie für Stadelhofen und Hirslanden der Vogt die Bürgerschaft 
von Zürich, nnd in der Öffnung von Maur ist auch der Meier als 
zur Ausübung des eventuellen Rechts befugt aufgeführt 

In der langen Periode, in welcher der Zustand der Eigen- 
leute von der Sclaverei zur milderen Hörigkeit fortschritt, ver- 
änderten sich demgemäss auch ihre eherechtlichen Verhältnisse ^). 
Der Satz, dass unfreie Männer nicht fähig waren, eine rechte Ehe 
zu schliessen, weil sie kein Mundinm ausüben konnten, verlor 
seine Bedeutung, aber eine Abhängigkeit der Hörigen von dem 
Qrundherm in Betreff der Eingehung einer Ehe erhielt sich, auch 
der Gotteshausleute, die sonst mehrfach begünstigt waren. Stark 
zeigt sich diese Abhängigkeit im Hofrecht von Lukswil 1299 
(Geschichtsfreund VI, 73. Grimm, Wsth.I, 169): „Daz sibente 
recht ist, swele ze sinen tagen komet, der sol dem Abte hulde 
tuon und sol in der Abt twingen, daz er ein wibe neme*' ^. In 
den Gebieten unter weltlicher Herrschaft findet sich derselbe 
Zwang und wurde bisweilen recht systematisch ausgeübt, z. B. 
im Stadtrechte von Liestal 1411 § 10: „Item der Schultheis sol 
ouch hjnnanthin jerlichs uf die zjte vor vasenacht, als man ge- 
wonlichen zuo der heiligen e griffet, besehen, welche knaben 
und töchtem zuo dem alter sint, daz si billichen wibe und mann 
nemen söUen, das er den wibe und man gebe, iegklichem sinen 
genossen.*^ (Basel Rechtsq. H, S. 26.) Eine Beseitigung dieses Zwan- 
ges enthält die Öffnung von Eichberg (Grimm, Wsth. V, 210): 
„Item es ensoU och ain herr von St. Gtdlen noch sonst niemant 
die hoflüt, frawen ald mann, zwüngen noch trüngen ze wiben ald 

^1) Mone'B Ztschr. VII, 129 ff.: „Ueber das Eherecht der Hörigen vom 
13—16. Jahrh.** 

99) 8. auch Segesser I, 724* — Grimm, Wsth. I, 311. — Bnrck- 
hardt, Hofrödel 8. 236, 237. — Weinhold, die deutschen Franen in dem 
Mittelalter 8. 195. 



93 

ze mannen, noch iro künd zno berathen, und sonst kliain zwtin- 
genscliaft daromb an si legen** ^). 

Wie sehr das Heirathen von Ungenossen erschwert und selbst 
verboten war, zeigen viele Hofrechte **). Hofrecbt von Breiten- 
bacb (Solothum): „Wenn aber, dass der Vogt vernimmt daz ein 
Gozbusman und ein Gozbuswip ir Ungenossame nemen wölltend, 
hett er einen Schub angeleit, er sol nit beiten unz er den andern 
Schuh angelege 2*), er sol es auch wenden als verre er mag. Und 
welicher Gozhusman und Gozhuswip sin Ungenossame ninmit oder 
abtrünnig werdent dem Gozhuse ze Beinwiler, die sind verfallen Lip 
und Gut dem Apt etc.** (Burckhardt S. 188). In einer Öffnung 
von Meilen (Ztschr. für schwz. Recht IV, 89) aus dem 14. Jahr- 
hundert ist dieselbe höchste Busse von 18 Pfund dem gedroht, 
der „usser der Genossami wibati" und dem Todtschläger. In 
einem Hofrodel von Engelberg (Grimm, Wsth. I, 3) ist die 
Schwere jener Uebertretung dadurch kenntlich gemacht, dass sie 
auf eine Stufe gestellt wird mit dem Verrath am Herrn und dem 
Erschlagen eines Gotteshausweibes. Der Grund des Verbots einer 
Ehe von Ungenossen lag in der Gefahr und dem Verluste, der 
ein Gotteshaus als Herrschaft treffen konnte. Heirathete die Hö- 
rige eines Klosters einen Freien oder ein Höriger desselben eine 
freie Frau, so lag es durchaus nicht im Interesse des Klosters, 
dagegen aufzutreten, denn die Kinder aus solchen ungleichen 
Ehen folgten der „ärgern Hand**, d. h. sie wurden in beiden 
Fällen diesem Gotteshause hörig ^). Heirathete aber der Hörige 
eines Gotteshauses eine fremde Hörige, so folgten die Kinder der 
Mutter; das erstere Gotteshaus verlor also die Kinder aus einer 
solchen Ehe, daher jenes Verbot. Verträge verschiedener Herr- 
schaften in einzelnen Fällen konnten aber bewirken, dass das 
Verbot der Ehe von Ungenossen ausser Kraft trat; allgemeine 
Verträge, welche Gotteshäuser mit einander eingingen, hoben lästige 
Beschränkungen des Eherechts ihrer Hörigen in der Weise auf, 

W» Grimm, Weih. I, 282. 

»*) Bluntschli I, 190.— Blumer I, 54 -- I. v. Arx, Gesch. des Can- 
tons St. GaUen II, 165. 

M) Grimm, Weih. I, 102, 876. 

SS) Vgl Grimm, R.A. 824. — Hillebrand, deutsche Rechtstpr. 
Nr. 28 ff. 



94 

dass die Ehen ihrer beidersettigen Hörigen ab Oenossenehen be- 
handelt wnrden. Die Gegenseitigkeit, der „Wechsel*^, för alle 
Fälle der Art ersetzte den Verlost, der im einzelnen Fall für die 
eine oder die andere Herrschaft entstand. So erweiterte sich die 
„Gknossame^ in ihrer Haaptbeziehong. Ans der Schweiz und ihrer 
Nähe werden als in solchem Bunde stehend genannt ^ : die Ab- 
teien Zürich, Reichenau, St Gbdlen und Einsiedeln, häufiger noch 
sieben Gotteshäuser, zu denen oft Constanz, Seckingen, PfÜfers, 
Schännis gehören, und ebenfalls häufig 12^/2 (dreyzechendhalb), in 
welcher Ghruppe Wagenhausen im Thurgau nur zur Hälfte zur 
G^nossame gehört Eine Öffnung von Wigoltingen im Thurgau 
14(B (Grimm, Wsth. IV, 414) bezeichnet das Heirathen im Be- 
reich der 12^/2 Gk>tteshäuser mit dem Ausdruck ^nach des Raubes 
Brauch und Recht^. Eine solche und ähnliche Bezeichnung kommt 
so oft Yor, dass sie als technisch zu nehmen ist, und ohne Zweifel 
entstand sie in Hinblick auf den Raub der Sabinerinnen. Der 
Vergleich passt freilich hur halb, da zwischen den Römern und 
Sabinem kein Connubium bestand wie zwischen den Hörigen der 
in dieser Hinsicht verbündeten Gt>tteshäuser. Wenn es einem Otot- 
teshansmann gelang, sich ein Weib von einem der andern in der 
G^nossame stehenden Gotteshause zu erwerben und er es auf den 
Hof brachte, zu welchem er gehörte, so wurden das Weib und 
die Kinder aus dieser Ehe dem GK>tteshause des Mannes hörig, 
also diesem Gotteshause gewonnen. Das Raubrecht war also ein 
Ausdruck der Gknossame, im Gegensatz zu den Fällen der Hei- 
rath einer Ungenossin, die in ihrer Hörigkeit verblieb und auch 
die Kinder da hineinzog. In einem Hofrodel von Einsiedeln 
(Grimm, Wsth. I, 155) heisst es: „Doch ob ein gotzhusman 
under die siben gotzhuser — wybte, darumb sol ein yetüicher 
gotzhusman der solichs täte von einem herren von Einsidlen un- 
gestrafft sin und beliben, danne die selben gotzhuser ein andern 
genoss sind und heroben mugen.^ Öffnung ven Pfinn im Thur- 
gau Art 13 (Schauberg, Ztschr. H, 140) : „Item die Hofl^unger 
habent ouch die frjheit des Robs der xiii Gotzhuser, wie an der der- 



ny Qrimm, Wsth. I, 13, 22, 44, 145, 155, 262, 282, 284, 296, 817 — 
Ztschr. fttr bcIkwk. Recht lY, 79, 99. — Schaabcrg^ Ztsdir. II, 72. — G. v. 
Wy89 a. a. O. Urk. 418. — Blantschli I, 191. — BUmer I, 55. 



96 

selben Gbtzhaslüt, so in scälichem Bob sind, wie der Bmch und 
Gewohnheit ist.^ Sehr ausführlich behandelt den ^Roub und Wechsel 
leibaigner leuten, wie es die dreizehendhalben gottsheüser fürter- 
hin gegen einanderen zuo gebrauchen uf und angenommen haben*^ 
ein Vertrag von 1560, aus dem Stiftsarchiv von St. GhJlen ab- 
gedruckt bei Grimm, Wsth. V, 735. 

Dieses Raubrecht ist ein bedeutendes Vorrecht der Gottes- 
hausleute, welche zu solchen verbrüderten geistlichen Stiftungen 
gehörten. Bei dieser Ausdehnung der Genossenschaft erschien aber 
die Heirath mit Ungenossen um so strafbarer. Zwei Weisthümer 
aus dem Thurgau sind in ihrer Beschreibung der Folgen für den 
Uebertreter sehr merkwürdig. Öffnung von Mühlheim 1475 
(Grimm, Wsth. I, 262): „Item welcher hoffjünger oder gotts- 
hausman usser der genossame wibet, den mag ein herr von Ouw 
strafen, ob er sich mit im nit rieht, so mag im ein herr von Ouw 
fürtagen in dem kelhof einest, änderst und unz ze dem dritten, 
wo dass einer ungehorsamb wäre, so sol in ein herr lassen legen 
under das tachtroff von ainer tagzeit zue der andern und sol er 
sich darnach mit einem herren abt und dem vogt richten imd 
besetzen an ir gnad.^ Noch drastischer ist die Öffnung von Sul- 
gen etc. 1472 § 54 (Grimm, Wsth. IV, 408): „Item es ist auch 
gewonlich und von alter recht, das ain iecklicher sant Polayen (St 
Pelagien) gottshusman das recht und die frihait hat, das er in 
dreizehendt halben gottshus wiben mag, darumb sol in niemaa 
straffen, und wäre aber, das er das überfüre, den mag ein iet- 
lieber herr und probst des tages an sin gnad zu dreymalen straffen 
und mag in darzu legen uf die husssellen imd im uff dem ruggen 
einen riemen usz der hut schniden.^ Das Legen unter die Dach- 
traufe wie auf die Hausschwelle sind symbolische Handlungen; 
Hausschwelle und Dachtraufe sind Anfang und Umfang des Hau- 
ses, und der Ungehorsame wird darauf- und daruntergelegt wegen 
seines Entweichens. Das Riemenschneiden aus der Haut seines 
Rückens ist die potenzirte Züchtigxmg, die Steigerung der Strafe 
„zu Haut und Haar.*^ Nachdem der Herr den Schuldigen zu 
dreien Malen am Tage hat körperlieh züchtigen lassen, wenn er 
will, mag er ihn auf die Hausschwelle legen und einen Riemen 
aus der Haut schneiden. Es ist das eine der Popanzstrafen, zu 
deren Ausführung es wohl nie kam, die aber das äusserste Recht 



96 

anzeigen. Pnpikof er, der die Öffnung yon Snlgen zuerst be- 
kannt machte, verweiset für das Riemensclineiden auf Shakespeare^s 
Kaufmann von Venedig, während die Notizen in Grimmas R.A. 
704 mehr zur Sache gehören, und in einem erst vor Kurzem be- 
kannt gewordenen Weisthum aus dem Elsass (Grimm, Wsth. 
IV, 246) haben wir das Analogon, dass man einem Schuldner 
„soll schneiden zwo gassen durch das Haupt Fell und Fleisch.^ 

Auch die Ehe mit einer Genossin war geknüpft an die Elin- 
willigung der Herrschaft; wer diese einzuholen unterliess, musste 
eine Busse zahlen. Eine von J. von Arx angeführte Urkunde 
lautet : „Qui ex hominibus monasterii in Quartun uxorem duxerit 
sine licentia villici, quamvis ea sit in consortio, vulgo Gknossame, 
suo debet dare villico 5 sol. , qui extra consortium uxorem du- 
xerit, abs Abbate punitur.** Diese Stelle beweist nun freilich nicht 
den Satz, für den Bluntschli sie anführt, dass der Herr um die 
Einwilligxmg der Ehe befragt und eine Gebühr für die Ertheilung 
derselben, das s. g. Ehegeld bezahlt werden musste, sondern die 
5 Schillinge sind eine Busse ^) für den, der ohne Erlaubniss des 
Meiers, obgleich in der G^nossame, eine Ehe eingeht Bluntschli 
fügt hinzu: „In unsem Öffnungen finden sich davon (nämlich von 
dem s. g. Ehegelde) indessen nur noch sehr selten Spuren, so dass 
wir annehmen dürfen, es seien die Anfrage bei dem Herrn und 
das Ehegeld schon frühzeitig ausser Gebrauch gekonmien.^ Es 
ist zu bedauern, dass er nicht diese sehr seltenen Spuren ange- 
geben hat; vielleicht ist damit nur der in Rede stehende Artikel 
der Öffnung von Maur gemeint, in welchem doch die Abgabe 
gar nicht mit Sicherheit als gleichbedeutend mit der in Deutsch- 
land vorgekommenen Heirathsbewilligungssteuer (Bumede, Nagel- 
geld etc.) genommen werden kann. 

Die vorstehende Excursion in das Gebiet des Eherechts der 
Hörigen, vomemlich der Gk>tteshausleute , schien mir zweckdien- 
lich zu sein, um meine Auffassung des s. g. jus primae noctis als 
in einem Zusammenhang stehend mit den sonstigen hier zusam- 
menfliessenden Gewohnheiten und Satzungen zu stützen. Sie steht 
aber auch in Zusammenhang mit einer sehr gewöhnlichen alten 
Bechtsfonn. 

n^ Vgl. A« V. Ffirth^ die MiiüsierUleii S. 318. 



97 

In dem altdeutschen Straf- nnd Bussenrecht wird häufig zu- 
erst das hingestellt, was nach dem äussersten Rechte eintreten 
kann, sodann das was als Aequivalent genommen werden darf. 
In der Ausübung machte sich dann das Letztere als die Regel 
geltend, weil seine Leistung dem, der zu leisten hatte, weit gün- 
stiger war. Eüiufig sind Alternativen der Art: „manum vel dimi- 
diam libram denariorum pro manu auferat^ (Pertz, Mon. leg. II, 
61) — „also daz er im die Haut soll abe heizzen slahen ere gäbe 
im danne zähen pfunt'' (Augsburg 1276 S. 82). In der Hinstel- 
lung des summum ius als eines Möglichen lag ein starker Zwang 
zur Leistung des Genügenden» So ist auch das ius primee noctis 
des Meiers oder Vogts das summum ius, eine Aeusserung der aus 
alter Zeit herüberragenden persönlichen Hörigkeit in ihrer ganzen 
Strenge, an deren Stelle aber in Wirklichkeit eine Abgabe ge- 
treten ist, die in ihr den Rechtstitel hat Die beiden Ofi'nungen 
von Maur und Stadelhofen sind in den fraglichen Artikeln monu- 
mentale Reliquien aus alter Zeit. 

Vergleichen wir diese Artikel noch in ihren Einzelheiten mit 
einander, so stossen wir auf einige Verschiedenheiten, obgleich 
ihr Schwerpunkt derselbe ist. 

1) In beiden Offnungen ist der Ausdruck des Princips der 
persönlichen Hörigkeit vorangestellt und dann erst die ablösende 
Steuer angegeben; in der Offnimg von Stadelhofen ist aber, zum 
Ueberfluss, noch hingzugesetzt, was der Bräutigam dulrch die 
Zahlung erreiche, nemlich dass er die erste Nacht bei seinem jungen 
Weibe liegen könne. Walter könnte die Worte: „wer der ist, 
der — die ersten Nacht bi sinem Wibe ligen wil*^ für seme scharf- 
sinnige, überaus künstliche Construction gebrauchen, aber diese 
ist ei^e solche, zu der man nur greifen darf, wenn man an der 
Möglichkeit einer andern Erklänmg verzweifelt. 

2. In der Öffnung von Stadelhofen ist ausdrücklich gesagt, 
dass der Bräutigam die Wahl habe, aber dasselbe gilt ohne Zweifel 
für Maur, dessen Öffnung einige Jahre später aufgeschrieben oder 
neu geschrieben ist. 

3. Die Öffnung von Maur entfaltet uns ein patriarchalisches 
Bild der Hochzeit. Der Meier erscheint zu derselben mit seiner 
Frau imd von ihm wird nicht nur, wie auf Stadelhofen, ein Fuder 
Holz für die Hochzeitsfeier geliefert, sondern ein grosser Hafen 

Osenbrüggen, rechtsgescb. Studien. ^ 



98 

dargelielien und ein Viertel eines Schinkens gespendet Dabei ist 
die Verschiedenheit der Personen des Meiers wad des Vogts za 
berncksichtigen. Der Meier hatte Tor Allan die landwirthschaft- 
lieh«! Interessen des Ghmndherm anf dem Hofe wahrzunehmen 
nnd stand nicht hoch aber den Hof genossen wie der Vogt, son- 
dern gehörte zu ihnen und war selbst in älterer Zeit bisweilen 
ein Höriger^. Anf grosseren Höfen nnd Gntem gab es wohl 
dnen Obermeier nnd einen Untermeier*). 

Auffallen kann es, dass dem Vogt der Bürgerschaft Yoa 
Zürich und nicht dem Meier, als Vertreter des Ghundherm, in 
der Öffnung von Stadelhofen das ins prinue noctis zugesprochen 
wird, allein es ist dies nicht schwer aus mehreren Stellen der 
Offhang selbst zu erklären. Als diese zuerst niedergeschrieben 
wurde, hatte zwar die Aebtissin des Fraumünsters in ihrer grand- 
herrlichen Eigenschaft noch Beziehungen zu Stadelhofen, aber 
das Meieramt ist als Lehen von der Abtei in den Händen der 
Bürgerschaft von Zürich, wie die Vogtei als Lehen Tcm don 
Reiche; den Bürgern schreibt die Öffnung das Recht zu, nicht 
bloss zu richten über „Tüb und Fräfae*^, sondern auch über ^Zwing 
und Bänne*^, giebt ihnen ako die vogteiliche und die grundherr- 
liche Grerichtsbarkeit Der Bezirk für der Bürger „Meieramt, ihre 
Vogtei und ihre Gkrichte^ (S. 75) ist nach der genauen Beschrei- 
bung in der Öffnung derselbe, und aus dem gesammten Inhalt 
geht hervor, dass die Ausübung aller Rechte, welche sow(^ aus 
der Belehnung mit der Vogtei als mit dem Meieramt der Bürger- 
schaft von Zürich zustanden, in den EEänden des Vogts der 
Bürger lag. j,üeber denselben Hof Vogt und Meyger sind der . 
Burgermeister, die Rat und die Burger der Statt Zürich" ; der 
Repräsentant derselben ist Vogt und Meier zugleich, er pflegte 
aber nur mit dem angeseheneren Namen des Vogtes benannt zu 
werden. Ein besonderer Meier der Bürgerschaft Zürichs kommt 
in der Öffnung nicht vor. 

») Blnntschli I, 197, 244. — Grimm, RA. 315. 
30) Zopf 1, AUerth. I, 336. 



V. Bin Rebenweisthum. 



Eine „Urkund um die Märchen der Herrschaft Twann und 
eines Twingherm daselbst habende Gerechtigkeit^^ vom Jahre 
1426 kann wegen seines Hauptinhalts „Rebenweisthum*^ von Twann 
am Bielersee in der bemer Landvogtei Nidau genannt werden 
und ist auch unter jenem Titel in Grimm's Weisthümem I, 182 
aufgeführt oder vielmehr es ist hier ein Auszug in modemer Sprache 
gegeben. Grimm hatte weder das Original, noch eine Abschrift, 
sondern musste sich an eine Mittheilung im zweiten Bande des 
schweizerischen Geschichtsforschers halten. Nachweis und Be- 
nutzung des Originals verdanke ich dem Herrn Staatsarchivar M. 
von S türler in Bern. 

Das Hauptstück der Öffnung lautet: „Och mag ein Twing 
herr ordnen und geben einen bannwart die reben ze behüte von 
twann einen und die von wingrebs einen und werent die der ge- 
bursame von Twann nut fugklich denn mag ieckliche partye ander 
dar geben die da denn benucklich sjen als das von alt har kom- 
men ist Die selben drü bannwart sollent denn ir trüw in eines 
twingherm oder sines Statthalters hand geben und dar nach einen* 
liplichen gelerten eid sweren ze got und den heiligen in dem 
ganzen gericht die reben ze hüten den riehen als den armen als 
lang der bau weret mit guten truwen nieman ze lieb noch ze 
leid och kein diep ze helen noch och selber ze stelen. Wurd och 
dehein person jr were eine oder me in dem gericht gesessen in 
sinen reben geschediget by nacht oder by tag über ein halbe 
sester wines und die bannwarten des schaden geteter nut genemen 
konden solichen schaden sollent die bannwart j^cklichen so als 
vor stat enphagen hat bezalen und ussrichten an Widerrede. Die 
bannwart sollent och by den selben eyden in deheiner husröche 
schlaffen in den egenennt gericht, denn wa sy der schlaf an gat 
da sollent sy ir spiess zwischent ir arm und ein kisling under ir 

7* 



100 

hopt legen nnd ir schlaf ako tun, Und nach den schlaf nff stan 
mid hnten als ie Ton erst. Bedörfte och ein twingheir eines ban- 
wartz nff der sew mnb Tisch oder nmb botschaften gan njdow 
oder gan erlach solich botschaft nnd rert sol ein banwart tnn 
doch also daz er sinen gesellen sag das sv dester bas boten nnd 
och bj der selben tagzit har wider komm ob er an botschaft 
nsgericht wirt Es sol och nieman sinen win lesen die wil der 
ban wart ane nrlob nnd gnnst des twingherre oder snes Statt- 
halters Es were denn dz einer in dem twing ge&e^en geseche dz der 
win ze schänden nnd Terloren wurde an smcn reben^ si agen sin 
oder er hab si nmb zinss oder in halben, so mag er das fol nnd 
das ze schänden nnd rerlom werden wil ab nemen nnd in den 
reben lassen stan nnz der ban nsknmpt doch also das er es ror 
den banwart lasse sehen nnd den dammb ze gezngen neme ob 
der Twingherr jm gehass nnd vrent were nnd nnt jm wrft noch 
erloben das ab ze nemen. Item es sol och nieman lesen nnerlopt 
als Tor stat wer aber damber lese der ist dem Twingherm rer- 
Tallen nmb drü pfont pfennig nnd nmb den win so er des tages liset. 
Weler och zn dem Twingherm knmet oder zn sinem statthah«* 
nnd nrlob nimet dem snllent st nrlob geben. Tetten a aber des 
nnt nnd jm das Terzigen Ton Tjentschaft oder tob nngnnst so 
sol er des tages sines wines hnt^i nnd mag momdes snen win 
abl^en nnd ze eren ziechen nnd sol dar nmb dem Tw. nnt ze 
antworten han. Und aU ander reb^i sol man lesen als das tod 
alt her kommen ist Item och sol nnd mag ein Tw. einem bann- 
wart erloben ze lesen zwen oder drn tag in dem bann nmb das 
er der andren reben dester bas geboten möge. Also das es aner 
lehnherren wille sy ob er deheinen hat Were och sach das der 
bannwart einen oder me an jemans schaden in deheinen reben 
fände den sol er Tachen ob er mag nnd in des Tw. hns die nacht 
behalten nnd behoten ond des nH»rgentz fim gan nydow als Tor 
stat antwnrten. Were aber der bannwart xe krank so sd er IoScel ' 
in das dorf ond nmb hilf mffen den selben diep ze Tahen wele 
denn das hörent nnd jm not ze hilf komment nnd das kondich 
wird die sont nmb driTaltig bnase Texrall^ an dem Tw. Teti 
och der bannwart den so er also an schaden fnnde Uhk» dar 
nmb sol er weder das land noch die herrschaft Terioien han, 
doch böte sich Yor des toten firnnden. Grehiste och die bannwart 



101 

trübel ze essen so mag ir ieklich drü trübel in den nechsten stuk 
reben by jm nemen und des jares in dem stuk nut me. Trug 
aber ein bannwart sin weg me da hin und in ducht das er da 
besser denn an andren enden uff der hut were und ein birbom da 
stund so mag er der biren essen so vil er wil und dar zu nemen 
als vil er in siner band vor an siner brüst getragen mag und hüten 
da es not dut. kern och ein bannwart von geschieht dar da man 
nuss schütte und da ieman einen anval hette dem mag er sagen 
sinen anval ^) ze reichen. Item nem och ein frömder ma an einem 
furgang trübel und aber keinen sakete den söllent die bannwart 
nut pf enden denn in heissen fürbas gan und den rechten weg ob 
er geirret het wisen. Aber einen heimschen mögen sy wol pfen- 
den. Wenne kem ein Graff geritten und einen bannwart trübel 
hiesche der sol jm sin hut vol trübel geben. Einen Ritter was an 
dryen schössen stat Einen priester drü trübel. Einer tragenden 
frowen dem kind einen und jr zwen in der nechsten reben by 
jm und des jars an dem stuk nut me. So denne söllent die herren 
von Englenberg den drü bannwarten einen pfiffer und einen 
knecht mit einen hund jeklichen ein mal gesotten und gebratenes 
nuwen und alten win in dem herbst ze essen und ze trinken geben. 
Item so sol der so den hut trübel uff nimpt bi siner guten und 
geben trüw und gesworen eyde den er darumb liplich ze got und 
den heiligen tun sol dem Tw. uff nemen gutz sures und fules 
an geverde dem armen als dem riehen. Der Hut sol och an der 
masse sin das jn ein bannwart dem andern mit gestraktem arme 
über ein gedumte zun uss mög bieten. Och mag ein bannwart 
ze merkt vam ump ein par schuh doch dz er der leste da hin 
und der erste har wider sie und öch sinen gesellen sag wenn er 
ze merkt well das sy dester bas und ernstlicher hüten." 

Das idyllische Weisthum bietet uns einige Themata von 
rechts- und culturgeschichtlicher Bedeutung: 

1. Den Bannwarten ist die Wachsamkeit eines Kranichs em- 
pfohlen. Sie sollen bei keiner „Husröche*^, imter keinem Dach, 
in dem Gericht schlafen; übernimmt sie der Schlaf, so sollen sie 
ihren Spiess zwischen ihre Arme xmd einen Kieselstein unter ihr 
Haupt legen und so schlafen und nach dem Schlaf aufstehn und 

1) Hillebrand, deutsclies Privatrecht (2. Aufl.) § 50. 



102 

hüten wie vorher. Häufiger kommt in den Weisthtimem eine ähn- 
liche Vorschrift für Hirten yor: der Hirtenstab soll an beiden 
Enden ein spitziges Eisen haben, nnd warn der Hirt stille stdit, 
soll die eine Spitze anf seinem Fusse, die andere unter adnem 
Kinn sein, damit ihn das Eisen steche, wenn er einschlafe 2). 

2. In schöner Weise verbreitet sich das Wekthnm über den 
s. g. Mundraub oder die Frage, wie weit es demjenigoi, den 
bei dem Anblick des reifen Obstes nnd der Fruchte auf dem 
Felde die Ess^nslust ankommt, gestattet sei, diese zu befriedigen, 
ohne dem Recht oder der Strafe zu verfallen. ISiae culturgeschicht- 
liehe Beziehung haben die desfalligen Bestimmungen des Weis- 
thums, insofern sie eine Berückächtigung des natürlichen Men- 
schen zeigt, der einem gewöhnlichen Triebe folgt, und eine Hu- 
manität, welche der Gegenwart fast abhand^i gekommen ist, als 
Regel hinstellen. Man hat in der Schweiz oft Qelegenheit zu 
sehen, mit welcher Rohheit Kinder, die der Lockung, abgefallenes 
Obst in die Hand und von der Hand in den Mund zu nehmen, 
nicht widerstehen kmnen, von Asa Eigenthümem der Obstbaume 
vertrieben werden. Vor einigen Jahren ging ein solcher Kg^i- 
thümer so weit, einem armen Bettelkinde, das einige al^efallene 
Birnen auflesen wollte, Schrot in die Beine zu schiessen. Die 
öffentliche Stimme verurtheilte ihn zwar als einen Barbarei, aber 
nach der Seite des Rechtes hin sah man in seinem Verfahren nur 
einen Excess in der Ausübung seiner Befugniss. Das alte Recht 
war natürlicher und m^ischlicher. 

Der Begriff des Mundraubes und seine Beschrinkung auf die 
Befriedigung der augenblicklichen oder einmaligen Essenslust ist 
festgehalten in den Sätzen des Weisthums, dass der Bannwart 
von den Bim^i des Baumes ^ der in dem Crebiete steht, welches 
er zu begehen hat, essen darf so viele er will und auch eine 
Quantität in der Hand zum weiteren Essen mitnehmen kann, und 
dass der vorübergehende Fremde so viele Tranben essen mag 
als er will, aber keine in den Sack stossen soll. Hier ist die 
Grenze zwischen dem Recht und dem Unrecht in einer deuäidien, 
nicht ungewöhnlichen Weise ang^eben, wie sie sich schon im 



ti Orimm, Wstfa. lY, 155, 160, 164, 363w I, 36a ~ Haaaver, ke eoB- 
8tifcrti«B8 des cmn^pagMs de FAlsaee (1S64) p. SSH, 361. 



108 

jnosaischwi Recht findet. 5. Buch Mose 23, 24: „Wenn du in dei- 
1^8 Nächsten Weinberg gehest, so magst du der Trauben essen 
nach deinem Willen bis du satt habest, aber du sollst nichts in 
dein Gefäss thun." (S. auch Schwsp. 172, 101 W. Bodmann, 
rheing. AltertL ü, 672.) 

Ein nicht unbedeutender Unterschied besteht aber zwischen 
dem mosaischen Becht imd dem Rebenweisthum von Twann, in- 
sofern dieses nur dem Torübergehenden Fremden, nicht dem Ein- 
heimischen gestattet, seine beim Anblick der Trauben erwachende 
Essenslust zu befriedigen. Das hebräische Wort ^J)1 bedeutet 
Freund, aber in eijiem so weiten Sinne, dass es auch der Mit- 
bruder, der Mitmensch überhaupt ist Nach dem Rebenweisthum 
mag der Bannwart den Einheimischen deshalb wohl pfänden, denn 
derselbe kann seinen Heisshunger bei sich stillen. Es ist auch in 
dem Rebenweisthum noch betont, dass der Fremde sich nicht auf- 
halten soll. Zur Charakteristik des Mundraubes ist dieses nicht 
unwesentlich, und in ähnlicher Weise verbreiten sich andere alt- 
schweizerische Rechte über den Gegenstand. Nach dem alten 
Landbuch der March Art 24 ^) verfällt der Vorübergehende, 
welcher abgefallenes Obst „ungefarlich" zu ihm in die Hände 
nimmt und das er auf der Strasse „essen wollte", keiner Busse, 
„welcher aber gefarlich in Sack neme und in Kratten oder Zeinen 
(d. i. Körbe) oder Ermel neme, und das mit ihm heimtri^en und 
hinter sich behalten wölt, das sölt man bussen für ein Freffny". 
Auch das ältere Landbuch von Obwalden 62 macht einen sol- 
chen Unterschied. Wer unter einem Obst- oder Nussbaum nur so 
viel auf lies't als er in seiner Hand tragen kann und auf der Stelle 
essen will oder nur so viel Obst vom Baume nimmt, dem schadet 
das an seinen Ehren nicht Nimmt einer aber mehr oder steckte 
er es in seinen Busen oder Sack, das sol er verstolen haben. Das 
Nehmen von Trauben aus fremden Reben, sei es bei Tage oder 
bei Nacht, fasst dieses Landbuch strenger auf, indem es dasselbe 
allgemein dem Diebstahl zuzählt. In Obwalden hat es freilich wohl 
nie viele Weinreben gegeben. 

In dem Rebenweisthum von Twann ist die Grenze zwischen 
dem Erlaubten und Unerlaubten auch in einer anderen, gleich 

B) Eothing, die Rechtsquellen der Bezirke des Cantons Schwyz S. 31. 



104 

falls gewöhnlichen Weise gesteckt, nämlich durch eine numerische 
quantitative Bestimmung. Der Bannwart mag drei Trauben von 
dem nächsten Stück Rehen, wo ihn Essenslust ankommt, nehmen, 
aber in demselben Herbste von demselben Stücke nicht mehr* 
Einem herankommenden Priester soll der Bannwart auch drei Trau- 
ben geben; einer tragenden Frau gleichfalls, wobei eine Traube 
auf das Kind, zwei auf die Frau gerechnet werden; einem Ritter 
was an drei Schossen steht; kommt ein Graf geritten und vom 
Bannwart Trauben begehrt, so soll dieser ihm seinen Hut voll 
Trauben geben. 

Wir haben in diesen Zugeständnissen eine Hauptanwendung 
des Sprichworts: Drei sind frei*), dessen Beziehimg auf Trau- 
ben sich schon im langobardischen Volksrecht findet Ed. Rotharis 
296: ^Si quis super tres uvas de vinea aliena tolerit, conponat 
solidos sex; nam si usque tres tolerit, nulla sit illi culpa." — 
Herbstordnung von Haltingen (Grimm, Wsth. I, 821): „Item 
wenn es och ist, das die baenne geteilt werdent und man dar inn 
liset^ uff den obent, als die leser heim gond, sol ieglicher ban- 
wart by siner stiglen (d. i. Stiege an einem Feldzaun) ston und 
luogen, wie vil ieglicher leser trüblen trage, und was er über 
dry trübel treit *) , sol er die übrigen in eins bischof von Basel 
oder nuw in eins bumeisters trotten tragen. ** 

Wenn schon drei Trauben ein reichliches Maas des Erlaub- 
ten waren, so ist doch an zwei Stellen des Rebenweisthums noch 
mehr zugestanden, ein Hut voll Trauben; aber einigermassen ist 
dem unbilligen Ueberschreiten des Zugeständnisses eine Grenze 
gesetzt, indem nicht nur nicht die besten Trauben ausgesucht 
werden sollen, sondern auch die Grösse des Huts dahin bestimmt 

*) Grimm, R.A 209, 401, 554.—- Bodmann, rheing. Alterth. IT, 672.— 
Schmeller, bayer. Wörterb. I, 409. — Hillebrand, deutscbe Rechtsspricb- 
wörter Nr. 298. — Graf und Dietherr, d. Rechtespr. Ö. 97, 393. — Eine 
ganz andere Verwendung des Satzes findet sich im Stadtrecht von Wiener- 
Neustadt § 27 und einigen andern österreichischen Stadtrechten. Hatte ein Lot- 
terbube oder Possenreisser gegen einen ehrbaren Mann sich unziemlich betra- 
gen , so konnte dieser ihn schlagen, ohne in Strafe oder Busse zu fallen. Wenn 
der Geschlagene klagte , so sollte der ehrbare Mann demselben vor Gericht noch 
drei Maulschellen fröhlich dazu geben — tres alapas coram judicio hilariter su- 
peraddat — , ja er musste diess thun oder verfiel in eine Geldbusse an den Richter. 

Ä) S. auch Mone, Ztschr. X, 315. . 



105 

wird, dass ihn ein Bannwart dem andern mit gestrecktem Arm 
über einen Domhag reichen kann. 

Verfolgen wir das interessante Thema weiter, über jenes 
Rebenweisthum hinaus, so finden wir, dass die Grenze des Er- 
laubten nicht nur tiberschritten wurde durch das Nehmen eines 
grössern Quantums als die natürliche Befriedigung des nicht ge- 
ring angeschlagenen Appetits erheischte, sondern auch durch das 
Hinzutreten anderer Umstände. Das Gebiet des Unerlaubten in 
dieser Eichtang ist jedoch nicht ohne Weiteres das des Dieb- 
stahls, sondern wir haben es vorerst mit einer Art Eigenthums- 
schädigimg, einem bussfälligen Frevel zu thun, wenn wir uns 
an manche der altschweizerischen Rechte halten. Öffnung von 
Wagenhusen im Thurgau 1552 ß): „Wer dem andern syn gras, 
band und derglichen abheuwt , oder am Obs , es syge öpfel , bir- 
nen, nuss, pf ersieh, trüben, kriesi, auch in den krutgarten an 
blumen, böUen, knoblauch, an krut und anderem schaden thut 
und es zu klag kumt, so ist der thäter dem Vogtherren dry 
Schilling Pfenning zu straff verfallen, imd soll den schaden ab- 
tragen dem, so der schaden beschehen ist; beschehe aber sölliches 
by nächtlicher wys, als dann blybt es by der nachtschaach und 
by derselbigen straff, nämlich by der zehen pfund pfenning." 
Unmittelbar hieran schliesst sich eine Bestimmung über eine an- 
dere Eigenthumsschädigung , das Abhauen fremder Bäume, wel- 
ches auch nicht als Diebstahl genommen ist. Bemerkenswerth ist 
femer, dass hier der Obstfrevel imd dergleichen nicht, wie es 
sonst wohl geschieht''), durch die Nachtzeit zum Diebstahl wird, 
sondern mit der Busse des Nachtschachs bedroht ist^). 

Fragen wir nach dem Grxinde, warum der Obst- und Gras- 
frevel etc. nicht als Diebstahl genommen wurde, so stossen wir 
auf das Erfordemiss des deutschen Diebstahls, dass die betref- 
fende Sache sich in fremdem Besitz befinden musste 9). Das Gras 

6) Schajuberg's Ztschr. II, 81. — Öffnung von Rickenbach 1495 (Grimm, 
Wsth. I, 216). — Begensberger Herrschaftsrecht 1538 Art. 38. — Herrschafts- 
recht von Elgg Art. 68, § 6. Art. 70, § 2. — „Obsbrief' von Schwyz 1440 
(Landbnch S 33,) — ßegesserll, 643, Anm. 2. 

Stadtrecht von Lizzern 150. — Augsburg 1276 B.105. — 8. unten Ab- 
handlung X. 

8) S. auch Elgg Art. 70, § 1. — S. unten Abhandlung X. 

9) Köstlin in der (münchener) krit. Ueberschau III, S. 153 ff., 159. 



106 

auf dem Felde und das Obst auf dem Baume sind noch nicht in 
Besitz genommen. Diess führt direct hin zu dem weiteren Requi- 
sit des deutschen Diebstahls, dass die Sache eine bewegliche 
sei. Die altschweizerischen Rechte geben, in ^er erbrechtlichen 
Beziehung, genau an, dass das noch mit dem Boden verbundene 
Korn, Gras etc. liegendes Gut sei imd wie es zur Fahrhabe werde. 
Hofrodel von Altorf 1439, § 31, 32: „Si sprechent och, wer, ob 
ein man oder frow abgieng und stuend sin sUmkom oder welcher- 
ley gewechst das wer uf dem veld, und alle die wil so das stät 
oder lit und nüt under die wid komen ist, so man im gelüt hat, 
so hoert der säm oder die gewechst zu ligendem gut. Ist das 
aber under die wid komen, so gebeert es zuo varendem gut" *^). 

Es ist eine gleiche Anschauung, wenn nach^ amerikanischem 
Recht, noch bis zur Gegenwart, derjenige welcher Kartoffeln ent- 
wendet, welche ausgegraben waren und auf der Oberfläche des 
Bodens lagen, oder Korn, welches geschnitten auf dem Felde lag, 
als Dieb gilt; wenn aber der Thäter die Kartoffeln selbst aus- 
nahm und entwendete, oder Korn, das er erst selbst abmähte oder 
abschnitt, diess nur als Frevel bestraft wird (his offence would 
only have been a trespass). **) 

Köstlin hat in seiner reichen Abhandlung über den Dieb- 
stahl nach dem deutschen Rechte vor der Carolina für unser 
Thema die Unterscheidung des auf der Wiese stehenden Grases, 
des im Walde stehenden Baums von dem Getreide, das man ge- 
baut, den Bäumen, die man gepflanzt hatte, geltend gemacht; 
diess bewährt sich aber in der betreffenden Anwendung nach den 
altschweizerischen Rechtsquellen nicht. Nur in einer entfernten 
Verbindung mit jener Unterscheidung steht das Recht, welches 
ein Landmann an den Bäumen erwirbt, die er auf der Allmend 
pflanzt *2). Um die Obstcultur zu fördern, wurden die Markge- 
nossen durch Vortheile aufgemuntert, Obstbäume auf der Allmend 
zu pflanzen, aber bei diesen Vortheilen und Rechten stand der 

lO) Öffnung von Dümten 34. Binzikon 32. Stäfa 10. Grüningen 6. Wülf- 
lingen 45. Kyburger Grafschaftsrecht 122. Grimm Wsth. V, 205 § 13. VgL 
Schöffenurtheil bei Bodmann rheing. Alterth. III, 672. 

") Smith, Elements of the law (1853) p. 346. — Gerichtssaal XVII 
(1865) S. 117. 

*») Blumer ü, 364. 



107 

Charakter der Allmenden immer im Hintergrunde. Durch einen 
Beschluss des Landraths vom 19. April 1664 wurde festgesetzt, 
dass jeder Landmann in Schwyz 6 Bäume auf die Allmend setzen 
dürfe ^3). Diese Bäume blieben ihm und seinen Kindern als Eigen- 
thum; mit dem Tode der letztem wurden sie wieder Gemeingut. 
Diese Einrichtung besteht noch, obschon sie unter dem Einflüsse 
der veränderten Nutzung der Allmenden sichtbarlich verdrängt 
wird. Um den Nutzen der Bäume sich möglichst lange zu sichern, 
muss ein kleiner Knabe beim Pflanzen des Baumes den Stamm 
halten und dann wird er nach einer wohlwollenden Interpretation 
als Pflanzer betrachtet 

Während nach dem Obigen das Delict, welches wir der Kürze 
wegen als Obstfrevel bezeichnen, nicht Diebstahl, sondern eine 
mit Ersatz des Schadens und einer kleinen Busse bedrohte Ver- 
mögensschädigung war, worauf sicherlich das Verhältniss der Ein- 
zelnen zu den Allmenden, die früher weit ausgedehnter waren, 
einwirkte, kommt* es auch vor, dass dasselbe unter einen andern 
Gesichtspunkt gebracht, strenger behandelt wurde. Stadtrecht von 
Eglisau 1509, Art 8, § 8: „Item wellicher den anderen ouchi in 
synem wyngarten an synem schaden ergriffe und diss clagt, ist 
ein band oder ein fuss, doch mag er wol mit 10 pfundt btissen" **). 
Unmittelbar vorher geht^ eine Bestimmung wegen Hausfriedens- 
bruch: „Item welcher den andern by Nacht oder by Nebel in 
^ynem hus ergriffe etc.", und ohne Zweifel lässt sich das im § 8 
bedrohte Delict nehmen als frevenliches Eindringen in einen be- 
friedeten Weingarten, wobei wohl auch in Anschlag zubringen 
ist, dass wir es hier, wie bei der winterthurer Verordnung, mit 
einem städtischen Gesetze zu thun haben. Als Diebstahl ist das 
Delict aber auch hier nicht aufgefasst. 

Hie imd da machte sich jedoch auch (im 16. Jahrhundert) 
die Ansicht geltend, dass der Obstfrevel nicht gelinder zu strafen 
sei als der Diebstahl ^*). 

13) In Meersburg war ein neuer Bürger verpflichtet 2 Obstbäume auf der 
Allmend zu pflanzen; s. Mone's Ztschr. YIIT, 70. 

14) s. auch Stadtrecht von Diessenhofen § 76. Frauenfeld 1331, § 7, 8. 
Eine winterthurer Rathsverordnung von 1412 bei Troll, Gesch. der Stadt 
Winterthur V, 233. — Vgl. Pupikofer, Canton Thurgau S. 149. 

»«) Alam. Strafirecht S. 321. 



108 

Besondere Erwähnung verdient noch eine Bestimmung im 
altschwyzerischen Recht Während der „Obsbrief*^ von 1440 den 
Obst und Komfrevel ganz in der gewöhnlichen Weise beschreibt*^ 
und bedroht, führt ein Landsgemeindebeschluss von 1530 (Land- 
buch S. 87) einen Diebstahl an Kirschen auf: „Da die Lüt ein- 
andern vergunnent zu kryesen und das merteylls, von wegen das 
niemantz des andern schonet, weder der höwen noch der hegen, 
noch ouch der böumen nit, wellichs biderben lüten ein grossen 
Unwillen machet, wie wol man eim der kryesen gunnet, so ist 
doch der schad, so eim dorum zugefügt, nit lidenlich. Dwyl aber 
die kryese bishar riehen und armen ein gemein obs gsin, lasst 
maus noch ein frj gemein obs bliben. Ob aber yemantz sine 
krjese wellte werren, der mag den boum zeichnen und einen 
tom daran hencken. Und wer einem ab einem bezeichneten boum 
kryeset, der sol Ims gnon (gnumen) han als hett er Ims verstolen 
und sol Im also gerechnet werden; und ob einer oder yemantz 
den andern dorum diebet oder dorum zurett, soll er Im dorum 
nüt zu anthwurten han.^ Wie heut zu Tage, so waren in alter 
Zeit die Kirschbaume in grosser Menge über die Felder und 
Weiden zerstreut *^ und die Kirschen waren gemdnes Obst ; das 
sollten sie auch bleiben; die beschriebene Vorkehrung aber, nicht 
bloss eine das Hinzukommen erschwerende Abwehr, brachte die 
Kirschen eines bestimmten, auf dem Boden jemandes stehenden 
Baumes in die Kategorie der in Besitz genommenen Sachen und 
daher konnte das Entwenden derselben als Diebstahl genommen 
werden. 

Es haben die Kirschen, das Hauptobst im Cantm Schwyz, 
längst ihre Eigenschaft als Gemeingut verloren i^, ^lein eine 
Spur der symbolischen Besitzbezeidmung erhielt sich bis zur 



^ yfiMS nkman — dem aadem sia kom und obe nii wftBfeCB aock 
8oU, weder kom, haber, bonea noch irbs etc ** Etien ist niehl wegnebmeiiy 
wie Blnmer I, 415 sagt, sondeni, msprOnglicb ron essen nicht vefschieden 
(Qrimm RA. 401), ist es in der Recbtsspncbe Tonvgsweise ^abweiden 
8 Laadbneb von Olanis SO Scbmeller I, 133. Aiier*s Gloosar nm Stadt- 
lecbt Ton Mttncbea s. t Ets. 

^ s. meine nenoi caltoriiistcmscheB Bilder aas der Sckweis (18^) 
S. 56 ff 

^) Dass Ton Kirscboi kein Zehnten an die Kirche gegeben wM, 
wohl mit der alt^i Anl&ssnng noch 



109 

neuesten Zeit. Noch vor 30 — 40 Jahren war es sehr gewöhnlich^ 
Kirschbäume oben am Stamme mit Domen zu behängen, und es 
kommt diess auch noch jetzt, wenn auch seltener vor. Wenn man 
nim auch berechtigt ist, in dieser Vorrichtung für die neuere 
Zeit den Zweck lüsternen Menschen und Mardern den Zugang 
zu verwehren, zu sehen, so ist es doch bemerkenswerth, dass das 
Bedomen nur bei den Barschen, nicht bei den Pflaumen und 
frühen Birnen, die doch der Gefahr Unberechtigte anzulocken 
eben so sehr ausgesetzt sind, stattfand. 

3. Nach dem Rebenweisthum soll der Bannwart einer tragen- 
den Frau drei Trauben geben, nemlich „dem Kind eine und ihr 
zwei". Diese letztere Zutheilung ist eigenthümlich ; die Bertick- 
sichtigimg der schwangeren Frau und ihres Gelüstes in solcher 
Weise ist aber ein gewöhnlicher Zug des alten Rechts *^). Nach 
österreichischen Weisthümem soll der Hüter eines Weinbergs 
einer vorübergehenden schwangeren Frau eine oder zwei Wein- 
beeren nicht verwehren; es wird auch dem Ehemann, der für 
seine schwangere Frau darum bittet, eine grössere Quantität zuge- 
standen 20). Gleichfalls ist es der schwangern Frau oder ihrem 
Mann gestattet, bei sonstigem Verbot des Fischens, einen bis drei 
Fische zu fangen 2t), wie dergleichen auch für Kranke erlaubt 
ist 22). 

Nahe verwandt ist die Humanität gegen Kindbetterinnen 23). 
Die in deutschen Hofrechten imd Weisthümern immer wiederkeh- 
rende Bestimmung, dass wenn der Bote um ein Rauchhuhn oder 
Fastnachthuhn einzufordern in ein Haus kommt, in welchem sich 
eine Kindbetterin befindet, er dem Huhn den Kopf abreissen und 
diesen zum Wahrzeichen an den Herrn mitnehmen, das Huhn 
aber für die Kindbetterin zurückwerfen soll, findet sich ebenfalls 
in den schweizerischen Rechten. Öffnung von Ermatingen § 5 
(Grimm Wsth. I, 239): „Item waer aber, das ainer ain frowen 



*9) Grimm R.A. 408; Wsth. II, 817; IV, 528 § 5. Bodmann, rhein- 
gauische Alterth. I, 381. 

«0) Kaltenb&ck XLI, 90 CL, 23. CCV, 35. CLXXXIII, 42. 

«I) Kaltenbäck CL, 5. XCIV, 9. XCV, 19. — Grimm Wsth. IV, 
621 § 12. 

M) Grimm Wsth. IV, 209. 

23) Grimm R.A. 445. 



110 

hett, die in kindbetten laeg, so sei mm das ImoQ nemen imd sol 
ains henren bott dem hnon das hopt abbreehen mud mA das koon 
Binder sieh in das bns werffen nnd sol aim herren das hopt brin- 
gen nnd sol die frow das hnon gessen.*' ^) Eminem fremden Gaste 
nnd für eine Kindbetterin darf ein Wdimchenk anch nach Are 
Maria Wein schenken^. Von dem Verbote arme Lente länger 
als eine Nacht zn beherbergen, sind aasgenommen alte kranke 
Lente, Kindbetterinnen nnd die nicht wandeln mögen ^ Einer 
Elindbetterin, sie wäre heimisch oder fremd, gab man an meh- 
reren Orten im Canton Zürich ein Fnder oder doch einen Karren 
Holz ^) ; in Herzogenbuchsee durfte eine solche Fran zwei Fndo^ 
Holz fordern^. Wenn eine Eigenfrmn des Johanmterhanses 
Bnbikon im Canton Zürich ein eheKches Kind geboren hatte, so 
schickte sie zn dem Commenthnr nnd dieser sollte ihr geben 
lassen einen Kopf (zwei Maass) Wein nnd Tier Brote ^. Die Sitte 
der Inzemer Regienmg, bei der Grebnrt jedes Kindes einige Kannen 
Wein zn spenden, wnrde bei der zunehmenden Berölkemng 1580 
dahin beschränkt, dass der ^.Kindbetterwein'^ nicht mehr den 
Wohlhabenden, s<Midem nnr den Armen yerabreicht werden 
solle»). 

9^) Orimm Wsth. I, 257, 283. Sehanberg's Ztedir I, 12. Y^ Grima 
Wsttu I, 351, 376, 535; n, 119, 129, 154, 210, 5^ ^44. Reyscker, Sttmn- 
lung ahirtrttteinb. Stat a 38, 171, 202, 251, 2T2. 

») Orimm Wsth. I, 343, 84. vgl I, 425 SaUeldiscbe Stat roa 1558 
Art. 9. ( Walch, Tcrmiacbie Beitrlge I, 143). 

K, Landbnch toh Appenxell I. Bh. 187. 

^) Orimm Wsth. I, 101. Ztschr. fttr schwz. Recht IV, 150. 

») Orimm Wsth I, 815. 

>9) Orimm Ws^ I, 67. 

^ Geschichtsfreimd X, 234. 



VI. Die bftrgerlicbe Ehre, ihre Entziehiuig und 
Schmälening. 



§ 1. Tacitus sagt von den alten Germanen ^nihil neque 
publicae neque privatae^ rei nisi armati agunt** und „ad negotia 
nee minus ssepe ad convivia procedunt armati" (Genn. 13, 22). 
In keinem deutschen Lande ist diese germanische Sitte länger 
hewährt als in der' deutschen Schweiz, und nicht selten wurde 
sie von der Oberkeit wieder eingeschärft, wo es schien, dass sie 
in Missachtimg gekommen sei. In Schaffhausen wurde 1639 allen 
wehrhaften Bürgern verboten, anders denn nach wohlhergebrach- 
ter Uebung und Freiheit bewehrt und in einen Mantel gehüllt 
auszugehen, und 1702 verordnete der Rath zu Lenzburg: weil 
die Bürger eine Zeit her ohne Seitenwehr und Degen vor die 
Obrigkeit und zur Predigt daher schlampen, da doch solches eine 
schöne Freiheit ist, sollen sie fortan mit Seitenwehren, auch an- 
ständigen Robatten und Mantel erscheinen bei einer Buss etc. Die 
Appenzeller erschienen in den Kirchen und bei Hochzeiten, auf 
auswärtigen Märkten und bei Gericht bewaffnet; noch in den 
1780er Jahren trug man das Seitengewehr zur Communion, bis 
1786 verordnet wurde, es solle den Communicanten überlassen 
iein Degen zu tragen oder nicht *). An keinem Tage aber blieb 
das Tragen des Seitengewehrs so sehr die Ehre und die Pflicht 
des appenzeller Landmanns als am Tage der ordentlichen Lands- 
gemeinde oder Maienlandsgemeinde, welche denn auch darin noch 
ein letztes Bild einer altgermanischen Volksversammlung im Klei- 
nen vor Augen führt. Nur in Appenzell-Innerrhoden hat sich 
noch diese Bewaffnung des in der Landsgemeinde tagenden sou- 
veränen Volks erhalten; in Appenzell- Ausserrhoden schärfte ein 
Mandat 1671 ein, dass jeder an die Landsgemeinde ein „lang 

1} Tob 1er, appenz. Sprachschatz 8. 133. 



112 

ansehenlich Seitengewehr*' mitbringen solle, wozu denn auch hier 
wie anderswo der Mantel gehörte, aber diese Bewaffnung hat auf- 
gehört wie in Uri, Unterwaiden und ölarus, wo die Landsgemein- 
den fortdauern. In Schwyz, dem Kernlande, von welchem die 
Schweizer ihren Namen tragen, wird zwar der Name Landsge- 
meinde noch gebraucht, aber nur für die Versammlungen der 
Bezirke, eine allgemeine Landsgemeinde aller Schwyzer hat "auf- 
gehört. Wie sehr früher die Schwyzer die allgemeine Anschauung 
theilten, nach welcher die Waffe das Sinnbild der bürgerlichen 
Ehre und wie „ehr- und wehrhaft", so auch „ehr- imd wehrlos" 
ein Begriff war, dafür gibt es manche Belege. Wer sich Fried- 
bruch hatte zu Schulden kommen lassen, sollte schon während 
darüber gerichtet wurde, „unter währendten Rath", Degen und 
Mantel ablegen, nach Beschluss der Landsgemeinde „zu Ybach 
vor der Brugg" 1543 (Landbuch von Schwyz S. 27) und noch 
1764 und 1765 wurde in Schwyz erkannt, nach alter guter Sitte 
der Vorfahren solle jeder Landmann mit Degen und Mantel an 
der Landsgemeinde erscheinen ; wer dieser Vorschrift nicht nach- 
komme, dessen Rathschlag solle nichts gelten 2). 

Das Alter dey politischen Mündigkeit war in früher Zeit 
schon das vollendete 14. Jahr, später ging man höher hinauf, bis 
auf das 16. und 18. Jahr 3). Die jungen Knaben, welche noch 
nicht geschworen hatten, durften in Schwyz nicht einmal ein 
Messer tragen (Landbuch S. 15). Von dem Zeitpunkt der politi- 
schen Mündigkeit bis zu der Zeit, wo das Alter die Kraft nahm, 
reihte sich für jeden unbescholtenen Landmann an das Recht und 
die Pflicht, an den Landsgemeinden die Ehrenwaffe zu tragen, 
die grosse Pflicht, im Dienste des Vaterlandes gegen den Feind 
die Waffe zu führen, natürlich, wenn nicht geistige oder körper- 
liche Schwäche ihn daran hinderte. Zur Erfüllung dieser grossen 
Pflicht musste sich der wehrhafte Mann stets bereit halten und 
deshalb nicht bloss mit der Ehrenwaffe versehen sein, sondern 
mit Wehr und Waffen, wie sie der Krieg erforderte. Harnisch 
ist häufig die Bezeichnung für die Waffenrüstung oder genauer 



«) Blumer II, 102. 

3) Blumer I, 269. II, 100. Renaud, Zug S. 59. Rüscli, der Canton 
Appenzell S. 128, 135. Ztschr. für schwz Recht IX, 148. 



113 

die schützende Metallrüstung des Körpers*); auf den Hamiscli 
beziehen sich manche Rechtsbestimmungen. Wir finden, dass er 
oft auf die Güter und Grundstücke gelegt imd unzertrennlich mit 
diesen verbunden war *), daher er auch wohl mittelst einer Fiction 
zum liegenden Gut gerechnet wurde. (Luzern Stadtr. 18, vgl. 171, 
172. Grimm Wsth. IV, 363. Öffnung von Dürnten 33.) Der 
Harnisch durfte entweder gar nicht oder nur im äussersten Noth- 
fall veräussert imd verpfändet werden^). (Uri Landbuch 180. 
Satzung von Ursem 1420 im Geschichtsfrd. VIII, 131. Schwyz 
Landb. S. 70. Nidwaiden 41. Luzern Stadtr. 81. Zuger Stadt- und 
Amtbuch 1432 Art. 8. Basler Gerichtsordnung 1534 § 36. Gerichts 
Satzung von Bern 1614, m, 27, 7. 7) 

Die Söhne erben des Vaters Schwert und Harnisch*), die 
Hauptstücke des Heergewäte, und zwar galt dann der Harnisch 
als liegend Gut nach dem luzerner Stadtrecht 18, wogegen er 
zur Fahrhabe gerechnet wurde, wenn keine Söhne vorhanden 
waren, die ihn tragen konnten. Man darf wohl in diesem Vorrecht 
der Söhne an des Vaters Wehr und Waffen und in dem Vorzuge 
der Vatermagen in der Erbfolgeordnung Ueberreste des altgerma 
nischen Prinzips sehen, dass zur Erbfähigkeit die Wehrhaftigkeit 
erforderlich sei ; es liegt aber über den Kreis meiner Abhandlung 
hinaus, in das altschweizerische Erbrecht weiter einzudringen. Als 
sachbezüglich mag nur erwähnt sein, dass wie auch sonst ein 
Vorrecht des jüngsten Sohnes nicht selten hervortritt (Basel 
Rechtsq. H, 88, 107, 312. Ztschr. für schwz. Recht IX, 177, 212. 
Stadtrecht von Aarberg 21), die Öffnung von Laufen (Grimm 



♦/ „Daz iaengewant von den vuozen tinz ans houbtes dach^' (bis an den 
Helm). Weigand Synon Nr. 899. Da Harnisch ein CoUectiv ist, so geben 
die RecbtsqueUen bisweilen Auskunft, aber keine gleichmässige, darüber, was 
zum Harniscb zu rechnen sei, s. ein basler Strafgesetz von 1339 (Rechtsquel-' 
len I, 16). 

^) s. auch Chabert in den Denkschriften dei k. Akademie der Wiss., 
phil.-histor. Clasge, IV (1853), S. 16, Anm. 17. 

6) Blumer I, 372. Segesser H, 452, 476. 

') s. auch Stadtrecht von Mtlnchen 1347, Art. 504. 

8) Herrschaftsrecht von Büron in der Ztschr. für schwz. Recht V, 8. 111. 
Rothenburger Amtsrecht bei Segesser II, 529 Anm. — Walds' attbuch von 
Einsiedeln 1572, § 108 : „Es sol auch kein frow nit Recht haben von ir eeli- 
chen man keinen hamascht noch gweer zu erben.^^ — Ausgsburg 1276, S. 92 a. £. 

Osenbraggeot rechtsgesch. Studien. ^ 



114 

Wsth. I, 106) darin sehr weit geht: •,Wär aber, daz er imberaten 
sün nach tod liess, den sond die Waffen beliben, ald wer die 
frow ains snns schwanger, so der man abgieng, als bald denn 
daz kind gebom wirt and die vier wand gesach, so sölten im 
onch die waffen beliben*^. 

An manchen Stellen ist angegeben, welche Waffen ein wehr- 
hafter oder ^reisbarer^ Mann haben müsse, nnd von Zeit zn Zeit 
wnrde eine Mnsterong oder Waffenschau gehalten '), bei welcher 
die nicht gehörig Ausgerüsteten gebüsst wurden. (Landbuch von 
Schwyz S. 69 ff., Uri 179, Davos S. 18, 114, Klosters S. 63.) 
Nach dem L4uidbuche von Davos wird nur verlangt, dass jeder 
Landmann, der 14 Jahre alt (spater 16 Jahre) und darüber s^ 
ein Seitengewehr und Uebergewehr habe und dass ein Barenspiess 
oder anderer Jägerspiess nicht für ein Uebergewehr passiren solle; 
anderswo wurde aber mehr verlangt. A1& passender Zeitpunkt zu 
einer solchen Prüfung erschien auch, wenn jemand in die Ehe 
treten wollte und dann gewöhnlich seinen Hausstand von dem 
elterlichen absonderte. Dann musste er nach appenzeller Brauch 
nachweisen, dass er ein ordentliches Ober- und Untergewehr be- 
sitze; ein Mandat in Lenzburg vom Jahr 1712 verordnete, dass 
ein Hochzeiter sich ausweise über den Besitz einer guten zw^- 
löthigen Flinte mit Bayonnet, ^so man an das Rohr stosst*^, einer 
Patrontasche, eines Degens, eines grauen tuchenen Bockes mit 
rothen Aufschlagen, rother Hosen und rother Strumpfe. Wer aus 
bewegenden Gründen rasch heiraten musste, der solle so lange, 
bis er diese Ausrüstung besitze, v<m jeder Nutzung in Wald und 
Feld ausgeschlossen sein, er dürfe keiner Cremeinde beiwohnen 
und zu keinem Amte gewählt werden **). 

Wir finden auch, dass je nach dem Vermögen ein verschie- 
dener Waffenapparat verlangt wurde i^), und es z^gt sich eine 
merkwürdige Analogie zu der auf dem Census ruhenden Verschie- 
denheit in der Bewaffiiung der römischen Bürger nach den 5 
Classen der servianischen Verfassung^). Kach dnon Bodel der 

*) 8. auch Kaiser, Qcseh. des Fftrstenthiuiis lieehteBston S. 339. — 
Strobel, Gesch. des Elsasses II, 399. 

^ J. Malier, die Stadt Leaibing (1867) 8. Sa 

») BUmer I, 379. ü, 973. 

**) Hnschke, die Yeriassong des Königs Servim TvUivs 8. 49S. -^ 



115 

appenzeller Gemeinde Umägclien vom Jahr 1603 war die gesammte 
reisige Mannschaft in 8 Classen eingetheilt: 

Classe 1 hatte: Panzer, Schlachtschwert und Muskete. 

„ 2 „ Panzer, Schlachtschwert und Hakenbüchse. 

„ 3 „ Panzer und Schlachtschwert. 

„ 4 „ Harnisch und Muskete oder Hakenbüchse. 

„ 5 „ Harnisch (mit Spiess?). 

„ 6 „ eine Muskete. 

„ 7 „ eine Hakenbüchse. 

„ 8 „ einen Spiess. 

Das Landbuch von Nidwaiden vom Jalir 1623 verpflichtet 
alle „so zur Panner und Vendlinen (Fähnlein) usgenommen sind" 
an Sonn- und Feiertagen zur Auszeichnung das Seitengewehr zu 
tragen *') , so dass der Pflicht im Kriege eine Pflicht im Frieden 
entsprach; beide Pflichten waren aber zugleich ein Recht und 
eine Ehre. 

Bei der angegebenen engsten Verbindung von Ehr und Wehr 
ist denn auch der volle Ausdruck für Entziehune der bürger- 
lichen Ehre: „von Ehr und Gewehr setzen" oder „ent- 
setzen" (ölarus 24, 149) und daher kehren so oft Wendungen 
wieder wie „der soll ehrlos sein und auch wehrlos" (Uri 11. Nid- 
walden 180. Schwyz Landb. S. 99. Appenzell A. Rh. 133, 152 1*).) 
Nicht selten ist gesagt, dass ein solcher nur ein abgebrochenes 
Messer**), aber nicht die Ehrenwaffe, den IJegen, tragen dürfe. 
Zuger Stadt- und Amtbuch 1566, Art. 113: „kein ander Gweer 
noch Waafen tragen dann ein abbrochen Bymesser". Züricher 
Satzung wider das Reislaufen 1542 (Schauberg's Ztschr. I, 397): 
„Darzuo by hoher unser straaf, weder heimlich noch offenlich. 
kein taegen noch gweer mer dann allein ein abbrochen messer 
tragen". An einer spätem Stelle dieser Verordnung (S. 400) heisst 



Ueber die Abstufung der Bewaffnung im fränkischen Reiche s. Waitz, Verf. 
IV, 457. — In Frankfurt a. M. correspondirte der verschiedene Apparat zum 
Kriegsdienste fttr die Bäcker mit der grösseren oder geringeren Zahl der 
Schweine, welche sie halten konnten, s. Böhmer, Codex dipl I, 749 § 4. 

J3) Blumer II, 276. 

1^) s. auch Stdtr. von München 1347, § 266. 

««) J. von Arx, St. GaUen II, 169, Grimm R.A. 288 Kaiser, Liech- 
tenstein, S. 329, 330. 

ö * 



116 

es: ^zuo emem ebenbild irer eerlose kein gweer noch waffen 
nienen tragen lassen*^ **). Noch weiter geht das Landbnch von 
Appenzell Ansserrhoden 147, welches bestimmt, dass derjenige, 
welcher mit gewehrter Hand den Frieden gebrochen, nach abge- 
büsster Gefangnissstrafe •keinerlei Wehr nnd WaflFen, spitziges 
noch abgebrochenes, nicht tragen soll, ausgenommen ein Waffen 
an die Arbeit und darab, was ihme Ton Nöthen ist zn gebrauchen, 
und nicht weiter" nnd aller seiner Ehren entsetzt sein soll. 

§ 2. Wie das Seitengewehr das äussere Zeichen der bürgerlichen 
Ehre des Landmannes ist, so liegt der innerste Kern seiner 
Ehre darin, dass sein Wort Geltung hat, und dass er, als ein 
Biedermann, sein beschworenes Wort als das Höchste einsetzen 
kann i^). Ehre und Eid stehen daher so oft in den Rechtsquellen 
als Synonyma bei einander *^). Eine immer wiederkehrende Formel 
ist , dass Zeugen sein sollen solche ,, denen Eides und Ehren zu 
glauben (trauen) ist"^. Stadtrecht von Luzem 88: „Das sol und 
mag er tun mit zweyen geloubsamen mannen, denen eides und 
eren zu getmwen sy'^, 89: „mit zwen Bidermannen, den eides 
und eren zu getmwen ist** 108. Amtsrecht von Willisau S. 95, 
98. Landbuch von Schwyz S. 74: ,,mit zweyen biderben unver- 
sprochnen mannen, dien Eydtz und Kren zu glouben ist"^. S. 80, 
81, 130. Femer: ..Eid und Ehre übersehen**. Wer einen Friedbmch 
nicht der Obrigkeit angezeigt hat, der soll gleich dem Thater 
und Friedbrüehigen gestraft werden, „von deswägen, das er sin 
flid und Ehr übersehen und nüt geleidet haf", zuger Stadt* und 
Amtbuch 1566, Art 126. (Ldbch. von Schwyz S. 91. Glams 86. 



>6) Dreyer fOhrt in seinem ^Versuch eines Versnclis nur Kmntniss der 
Oesetzb&cher Helvetiens^ (Beiträge znr Litermtur n. Geschichte des deatschea 
Rechts S. 12, Anm. 9) als Bestimmang eines sflrcherischen Rathaerkenntmsses 
auf, dass ein Bancornttmacher kein ander Gewehr trag-^ als ein abgebrochenes 
Brot- oder Beimesser und aller ehrlichen Sachen sliUe stehen soUe. In der 
von ihm benutzten Sammlung findet sich aber eine solche Bestimmang nicht; 
auch ist sie mir nirgends bei der Lectttre der alten Rechtsqnellen Zürichs 
au^gestossen. 

*7) Ueber das Correspondiren des Rechts WaiTen zu tragen mit der Eides- 
fahigheit in Uterer Zeit s. Siegel (, 176. 

'<) Schw&p. 278, L. 239 W. : n^*' ^>^ sprechen an ir ere. das meinen 
wir also ob man einen man an sinen eid sprichet.*^ s Alam. Strafrecht S. 105, 
106, 244, 25a 



117 

Landsatzungen des Hochgerichts der fünf Dörfer S. 72.) An 
diesen Stellen ist Bezug genommen auf den allgemeinen Eid, den 
jeder Landmann in der Landsgemeinde zu scliwören hatte '^) : 
,,des Landes Nutz und Ehre zu fördern tmd Schaden zu warnen 
und zu wenden mit guten Treuen" (Nidwaiden 81). Wenn der 
junge Appenzeller in der Maienlandsgemeinde beeidigt wird, 
empfängt er auch die Ehrenwaffe; es ist das seine „Schwert- 
leite". 

Wie mit der Entziehung der Ehre der Eid verloren geht und 
dieses als die gewichtigste Folge anzusehen ist, tritt vor Allem 
aus dem Landbuch von Glarus 149 hervor: „Ob aber eyner, den 
min Herren von Eer und Gweer gesetzt bettend, dem andern 
(der ein Biderman were and man ihn ouch dafür hielt) zuredte, 
er were als gut als er, oder besser, und was er im uffzuge, das 
ein Biderman nit erlyden möcht, so sölltindt desselben eerlosen 
Mans reden keynem Biderman nüt an synen Eeren schaden, sonn- 
der sich gegen im (diewyl im keyn Eydt uff zeleggen noch 
zeverthruwen) verantwurt haben, und sollend min Herren ein 
Amman und gantzer Rat, oder die Nun, denselben eerlosen man 
gewalt han umb syne zureden ze straffen, nach synem verdienen, 
wie sy recht und billich bedunckt." (s. auch Luzern Stadtrecht 
128.) Damit zugleich zeigt diese Stelle den natürlichen Ausdruck 
der Ehrlosigkeit, dass ein Ehrloser nicht injuriiren, wie er andrer- 
seits nicht injuriirt werden kann. Nidwaiden 130: „Und was eim 
Jeden der somlichen Fräffen — beginge , zu sinen Eeren geredt 
wurde, darfür sol man ihm thein antwurt schuldig sin, dem der 
semlichs gethan hat. Dann er sol da fürhin zu keinen Eeren me 
nutz noch gut sin." 

Aber nicht bloss der Eid ist dem Ehrlosen genommen, son- 
dern sein Wort überhaupt hat keine rechtliche Bedeutimg, seine 
Stimme keine Geltung im öffentlichen Leben. Landbuch von 
Schwyz S. 23: „Die also frid gebrochen band, sollen von allen 
iren Eeren gestossen sin, und söllent darnach enkeinem Mentschen 
in unserm Landt und vor unsern gerichten mit siner handt 
noch mit sinem mundt weder nutz noch schaden brin- 
gen" (s. auch daselbst S. 64). Diese letzten Worte enthalten eine 

19) Blum er n, 98. 



118 

mit geringer Variation überall wiederkehrende Formel *•), welche 
zwar zunächst die Entziehung des Eides und des Zeugnisses 
umfasst, aber doch darüber hinansgreift. Znger Stadt- und Amt- 
buch 1432, Art 20 (1566, Art 113): ^Weri daz einer entnmni 
usser nnsren Gerichten, so sol er doch ein erloser fridbrechi- 
ger Man sin, and sin Stimm niemer me nüt sin und unnütz sin^ ; 
s. auch Glarus 12, 25, 27, 38. Luzem Stadtr. 82. Herrschafts- 
recht von Büron S. 114 Basler G^richts-Ordnung von 1557, 
Art 125. 

In den Landsgemeinden durfte ein Ehrloser nicht erschenieii, 
denn wie ihm die Ehrenwaffe fehlte, so umfassten diese Versamm- 
lungen des souveränen Volks nur die politisch mündigen Mlnner, 
die im Vollgenuss der bürgerlichen Ehre waren ^t). 

Wer seiner Ehre entsetzt war, hatte damit die Fähigkeit zur 
Bekleidung von staatlichen und bürgerlichen Aemtem (Elhren- 
ämtern) verloren. Ausser der angeführten Stelle der basler Gre- 
richtsordnung bekunden diese natürliche Folge der Ehrenentziehung 
manche Zeugnisse^). 

Ausdruck und Begriff des Entsetzens von f3ir und Grewehr 
haben sich rechtsgiltig bis zur Gegenwart in der deutschen Schweiz 
erhalten, und auch in den Cantonen, welche nach deutschen Mustern 
gearbeitete Strafgesetzbücher, in denen der Ausdruck vermieden 
ist, besitzen, ist der durch Jahrhunderte überlieferte B^riff 
vollkommen klar und verständlich geblieben. Ob die meisten der 
neuen Strafgesetzbücher wohl gethan haben und einen zureichen- 
den Grrund hatten, den Ausdruck zu vermeiden, mochte ich be- 
zweifeln, vielmehr scheint mir der Verfasser des Strafgesetzbuchs 
für Graubünden mit einem richtigen historischen Sinn die alte 
und fortlebende Anschauung auch in der Form der Satzung über 
Ehrenstrafen bewahrt zu hab^i. Diese Satzung lautet (§ 14): ^Als 
EIhrenstrafen sind gesetzlich aufgestellt: a) Verlust der bürger- 
lichen Ehren. Diese Strafe besteht in der fintsetzung von Ehr 

*^ Freibnrger StifUingsbrief 1120, § 4S: ^qUos infirm XII auram couti- 
tutos testimoninm feire nee alüs prodesse potent Tel obesse.*^ 

M) Blumer n, 100. 

«) Landbnch von Obwalden bei Blumer II, 101. Segesser 11, 157, 
Anm. 2. 160 Anm. 1. 629. Renand S. 58« ~ RechtsqaeUea tob Baael I, 8. 93, 
135,345. 



119 

und Gewehr d. h. in der Verwirkung des Rechts zu stihimen und 
zu mehren, öffentliche Aemter zu bekleiden und für das Vater- 
land die Waffen zu tragen, sowie in der Unfähigkeit, gerichtliches 
Zeugniss abzulegen, b) Einfacher zeitlicher oder lebenslänglicher 
Ausschluss von der Bekleidung öffentlicher Aemter, mit oder ohne 
gleichzeitigen Verlust des Rechts zu stimmen und zu mehren." 

§ 3. Eine Beschränkung der freien Bewegung und des per- 
sönlichen Verkehrs, die, genau genommen, dem Grebiete der Fried- 
losigkeit angehört und als eine partielle Friedloslegung anzusehen 
ist, wird so gewöhnlich mit dem Entsetzen von Ehr und Gewehr 
in Verbindung gebracht, dass sie als ein Stück des Inhalts der 
Ehrlosigkeit erscheint: das Verbot des Besuchs von Wirths- 
häusern und überhaupt der Orte, an denen unbeschol- 
tene Männer sich versammeln. Ein Berichterstatter aus 
Appenzell 23) meldet, es sei bis 1730 üblich gewesen, auch „minder 
wichtigen Frevlem'^ im Urtheil aufzulegen, da wo zwei oder mehr 
Personen beisammen seien, ihnen aus dem Wege zu gehen und 
ehrliche Gesellschaft und das Wirthshaus zu meiden. Züricher 
Verordnung wider das Reislaufen 1542 (Schauberg's Ztschr. I, 
397): „Welcher zum drittenmal hinweg loufft, dem sol sin haab 
und guot genommen, und wo er beträtten werden mag, hiehär 
in Wellenberg gefuert, und er zu keinen eeren, weder zuo ge- 
richt, recht, kundschaft zesagen, noch keinerlei andren eerlichen 
Sachen noch hendlen gebrucht, sondern aller eeren entsetzt, und 
für ein lychten, verzelten, meineyden, eerlosen man (desse zunge 
und red niemant nützit nützen noch schaden mag) erkent, geach- 
tet und gehalten. Ouch in keiner zunft, gesellschaft, ür- 
ten24), gemeinde, noch einiger anderen eerlichen ver- 
sa ml ung (one allein zuo kilchen) geduldet noch gelitten werden. 
Darzuo by hoher unser straaff, weder heimlich noch offenlich, kein 
taegen noch gweer mer dann allein ein abbrochen mässer tragen." 
Es ist selten so vollständig an einer Stelle der Inhalt der Ehr- 
losigkeit angegeben als hier und an einer folgenden Stelle der- 
selben Verordnung (S. 399) und in einer appenzeller Urphede 

W) (Schäfer) Materttdien zu einer vaterländischen Chronik. 1812. 8.94. 
«*) Ürte = Zeche, Zecherei, Wirthschaft s. Stalder II, 425. — Schmel- 
lerl, 114. 



120 

vom Jahr 1521 <^. — Zag 1566, Art 113: ^er sol mneh dn hilb 
Jar nsserhalb srnem Hns kein Wyn thrmken; doch darin bescheiden- 
lieh zu thrinken ist im nachgelassen"^. Wo an andern Stellen das 
Trinken Ton Wein nnd Most überhaupt, auch in der eigenen 
Wohnung, untersagt wird, ist es als Anordnung einer Cor der 
Tronksncht anzusehen. Wie streng ehedem die ättenpolizeiliche 
Ueberwachung in dieser Hinsicht war ^, zeigt dn Artikel im znger 
Stadt- und Amtbach 1566 Art 133: .Thronk aach einer, dass 
er überlüff27), ^^r sol aach ein Tag and Nacht in Tham und 
5 Pfd. za Bass gen, wie dann das vor allen Geminden ist ab- 
geredt and beschlossen worden ; and sol ein Jeder, der sölichs 
sieht^ hört oder weisst, den andern harnmb leiden emem Amman 
oder synem Statthalter bj sinem geschwomen Eid, and wdcher 
nit leiden nnd das kandlich ward, soll mit glycher Straff ge- 
straft werden als der Thäter sdbs.* 

Das Wirthshaas- and Weinverbot, als partidle Friedloslegang 
nnd als Massregel gegen Unmassigkeit nnd Liederlichkeit, in wel- 
chem letzteren Falle es die allgemeine Stimme doch aach far 
ehrenrührig erklart, hat sich Ton alter Zeit Ihs sar G^oiwart 
als ein eigenthümliches Institat in der Schw»z erhahoi. 

Im Jahre 1535 wnrde Ton den Gremeindebargem der Stadt 
Aaraa aaf dem Bathhaase ein Landtag bd offenen Tbüren ge- 
halten and erkannt, dass drei Bürger wegen Friedbrach nach 
Laut des Stadtbachs ^Tellich amb ir lab, Leben and Gat*^ mit 
dem Schwerte za richten seien, weil sie einander über den Frie- 
den Uatnms geschlagen. Diese baten aber am Gnade and hattm 
aach eine grosse Fürbitte tc« den Schülern, Ton edlen Fraoen and 
Männern and Tielen Leaten aas der Cremeinde, daher wurde Omen 
das Leben geschenkt nnd ihnen eine Bosse toh 50 Pfund aufgdegt, 
zudem sollten sie «ihrer Waffen in der Stadt müssigeB and sa 

«*) Zellweger's Urk. Nr. T21 s. «mta § 5. 

*j Sodtr. TOB DiescBliofeii 1V2. Luidbuck toä Datois S. 43. — Öieg- 
wmrt'Mfilier, diis Stnfredil der Cutose üii. Sckwrx etc. Sl 51. 

>7> Dieser Zustaad des TTcbeidiisses ist in TCxscbiedcBes Wesdugea oft 
b€S4.aders stark gertgt S.Iiuidback tob Sckwrz S 36. Dbtvs Sl4L — Mil- 
ler , LcBxVurg & 18:1 Hier ist BBck etnkh, dtts der ^adtsdiciker tos 
Ijewdivi^ selir bbit selbst protokoUirte iJ. 15T0): 
zum leztea Male gewanet tob w^ca bübcs Wy^triakcas aad soll 
deakcB mmd absiaa, wo ü^ so soll ick Urinb kaa.« 



121 

keinem Schlaftrunk gehen". Auf eine nochmalige Fürbitte ange- 
sehener Männer der Umgegend wurde den drei Verurtheiken neue 
Gnade bewiesen, y, meine Herren die Burger" liessen ihnen die 
Waffen wieder zukommen, schenkten ihnen an den 50 Pfund 30, 
„aber den Schlaftrunk sollten sie meiden bis auf scheinbare Bes- 
serung". Im Jahr 1606 kam einer, der sich im Rathhause vor der 
ganzen Gemeinde unanständig betragen hatte, einen Tag und eine 
Nacht in die Gefangenschaft, mit der Drohung, er solle sich in 
Zukunft hüten, sonst würden ihm alle ehrlichen Gesellschaften 
und Wirthshäuser verboten. — 1606 wurden einem Bürger „von 
sines liederlichen und arbeitsäligen versoffenen Lebens wegen 
abermalen alle Gesellschaften, als miner Herren Rathhus, Schützen- 
hus, Wyn und Wirthshüser verboten". — Am 29. Juli 1618 wurde 
der Metzger Gabriel Iberg , weil er gegen das Verbot die Wirths- 
häuser besucht und einem Müller Böses gewünscht hatte, folgen- 
der Massen gestraft: er solle im Hirschengraben vom St. Loren- 
zenthor bis zum Stadtbach beim obem Thore alle Nesseln ausreuten 
und in den Sumpf tragen , im Falle er dieses nicht thue , solle 
ihm der eiserne Gttnskragen angeschmiedet werden **). 

Welches Gewicht man dem Verbote beilegte, zeigt die Be- 
stimmung im glamer Landbuch Art 215, dass, wenn einer um 
Nachlass des Verbots bäte, ein Landammann und ganzer Rath darin 
nach Gestalt der Sachen handeln sollen, da sie am allerbesten 
wissen, warum sie ihm den Wein verboten haben. 

Das im Jahr 1828 revidirte Landbuch von Appenzell A. Rh. 
Art. 38 : „Welcher um sein Ehr imd Gewehr gestraft wird" cha- 
rakterisirt das fortwährend in Uebung gebliebene ^) Weinverbot 
und dessen Verbindung mit der Entziehung der Ehre in dieser 
Weise: „Es ist auch von Klein- und Grossen Käthen erkennt 
worden, dass wann man einen um seiner Misshandlung und un- 
gebührlichen Sachen willen von Ehr und Gwehr entsetzt oder 
den Wein zu trinken verbietet, und ihnen darzu eine Gelt Straf 
auferlegt, so soll er weder um Ehr noch Gewehr, noch um den 
Wein zu trinken bitten noch werben mögen, er habe dann zuvor 
die Gelt Buss ausgericht und bezahlt. Es soll auch kein Land- 



es) Oelhafen, Chronik der Stadt Aarau S 61, 86, S8y 95. 
^ Blumer, I, 109. n, 137. — Bttschi Appenzell S 164. 



122 

Ammann Gewalt haben, ihn für Rath zu lassen, bis er die G^lt 
Bnss abgefertiget hat. Zudem soll auch kein Wirth, auch sonst 
Niemand überal keinem weder Wein noch Most zu trinken geben, 
dem er von einem Grrossen Rath verboten worden, bei der Buss 
3 Pfd. Den., und sollen fürohin alle die Jenige, so um ihres übel 
Verhaltens willen Ehr und Wehr entsetzt, auch die, denen der 
Wein und Most verboten worden, öffentlich ab der Canzel ver- 
lesen werden." 

Das Trinkverbot, häufig mit Gemeindeeingrenzung verbunden, 
ist gegenwärtig wohl am meisten noch in Unterwaiden gebräuch- 
lich ^). Eine übliche Formel lautet : „Dem N. N. ist der Besuch 
der Wirthshäuser und alles was räuschig macht, zu trinken und 
jedermann ihm dergleichen geistige Getränke zu verabreichen ver- 
boten", mit dem Zusätze: „Ist auszuschreiben und auf die öfifent'^ 
liehen Trinkzeddel zu schreiben." Solche Trinkzeddel sind in den 
Wirthshäusem angeschlagen. Wie dem Verbot Nachdruck gegeben 
wird, zeigt folgende Bekanntmachung: „Dem Ignaz Vonaa, Juli- 
nazi, in Samen ist durch Straf sentenz — der Genuss geistiger 
Getränke bei einer Leibstrafe neuerdings verboten. Diejenigen 
Wirthe, welche ihm solche Getränke verabreichen, verfallen in 
eine Geldbusse von 20 Fr., und wer ihm selbe in Wirthshäusem 
holt, wird mit 5 Fr. gebüsst. Femer wurde Ignaz V. auf 4 Jahre 
im Activbürgerrecht eingestellt." 

Auch mehrere der neuen schweizerischen Strafgesetzbücher 
führen das Verbot des Besuchs von Wirths-r und Schenkhäusern, 
in Verbindung mit der Eingrenzung, auf. St. Gallen (1857) Art. 
19: „Durch das Verbot der Wirths- und Schenkhäuser ist dem 
Verurtheilten jeder Besuch eines Wirths- und Schenkhauses in 
seiner Wohngemeinde und in jeder an dieselbe angrenzenden Ge- 
meinde untersagt. Es ist auf die Dauer vcm 1 — 4 Jahren auszu- 
sprechen. Das Verbot wird in den amtlichen Bekanntmachungen 
aufgenommen." Das luzemer Polizeistrafgesetzbuch § 7 beschreibt 
die herkömmliche Art der Publication so: „Sein Name soll in allen 
Wirths- und Schenkhäusern des Gerichtsbezirks mit Bezeichnung 
des Vergehens und unter Angabe auf wie lange er eingegrenzt 
und für welche Zeit ihm der Besuch der Wirths- und Schenk- 

30) Amsblatt von Obwfaden 1864 Nr. 1, 8, 22. 18&Ö Nr. 2. 



133 

hänser untersagt worden ist, auf eine schwarze Tafel eingeschrie- 
ben werden, die in der gewöhnlichen Wirthsstube zu Jedermanns 
Einsicht aufgehangen werden soll." Bei der Neigung der Schweizer, 
nach des Tages Mühen als Stammgäste ihren Platz in einem 
Wirthshause einzunehmen und den Abendtrunk zu gemessen, ist 
diese Strafe recht hart, allein in den grösseren Cantonen und in 
den Städten wird die Ausführung illusorisch; dagegen in einem 
Ländchen, wie Obwalden, wp jeder den Andern kennt, steht es 
damit anders. Für falsche Spieler und zanksüchtige Leute liesse 
sich diese Ehrenstrafe als sehr zweckmässig empfehlen. 

§ 4. In sehr verschiedener Weise konnte die bürgerliche Ehre 
verwirkt werden: 

1. Im Begriff der unehrlichen Sachen liegt es, dass mit der 
Bestrafung wegen solcher Sachen die Ehre verloren ging '*). Es 
ist nicht mehr die alte Anschauung, wenn im Jahre 1831 in der 
Revi^onscommission von Appenzell-Ausserrhoden der Ausdruck 
„ehr- und wehrlos" dahin erläutert wurde: ehr- und wehrlos sei 
derjenige, welcher unter Scharfrichters Hand gewesen, d. h. eine 
criminale Strafe erlitten habe ^2), Diese Erklärung ist für die alte 
Zeit, als die Ehr- und Wehrhafügkeit noch ihre volle Bedeutung 
hatte, viel zu beschränkt. — Dass in Luzern im Jahre 1432 einer, 
der zu leichtes Gewicht gebraucht hatte, mit einer öeldbusse ge- 
straft wurde , „doch seinen Ehren ohne Schaden" ^) , wäre eine 
Abnormität, wenn man nicht annehmen dürfte, dass in diesem 
Falle dem Schuldigen ein „offen Falsch" nicht nachgewiesen wer- 
den konnte, sondern nur, dass er „dazu nicht gelugt hatte", dass 
also der dolus fehlte. Anders verhält es sich, wenn in einer alt- 
züricherischen Verordnung^) gesagt ist „doch das sie damit ir 
Ehten nit entsetzt sin sollen", nemlich Bürgeriüeister, Räthe, Zunft- 
meister und Grossenrathsglieder, die „offenlich zu der Unee sitzen" ; 
diese sollen vom Amte entfernt werden, ihr Fehl gehört aber nicht 
zu den unehrlichen Sachen. 

2. Wer den Handfrieden mit gewaffneter Hand bricht, indem 

31) Segesser II, 435, 630. 

32) Appenz. Monatsbl. Jahrg. 1831 S. 85. — Blum er II, 102.— Rtisch, 
AppenzeU S. 128. 

33) Segesser ü, 630, 647. 

34) ztschr. für Schweiz. Recht IV, 1, 60* 



134 

er ^über den Andern oder gegen den Andern, dem er Frid geben 
hat, Messer oder schwert oder thein ander waffm oder thein 
ander ding, welicherlei das ist, fräTenlich sacket, oder mit steinen 
oder mit ütte anders einen oder gegen einem fravenlich wirft, 
stosst, schlat oder schüsst, oder einen oder gegen einem schlat 
oder sticht, oder wie oder welichen weg er einen fr&venlichen 
angryfft, nach dem, so er ym fryd geben hatt" — der soll von 
allen Ehren g^tossen sein nnd dazu eine hohe Busse zahlen nnd 
sein Landrecht verlieren, nach dem schwyzer Friedbriefe von 1424 
(Landbuch S. 23). Aber nicht schon jeder Bruch des gelobten 
Friedens hatte diese schwere Folge, sondern es musste ein wirk- 
licher Angriff, wie ihn der Friedbrief beschreibt, vorliegen. Ein 
Beschluss der Landsgemeinde von Olarus 1546 (Landbuch Art 24} 
sondert ausdrücklich die beiden Fälle, wo jemand nur an das 
Messer oder Grewehr greift, was zwar schcm Friedbruch ist, und 
wo er die Waffe zuckt Nur in dem letzteren Falle soll der Schul- 
dige von Ehr und Gewehr entsetzt werden, aber nach den Wort^i 
des Gesetzes muss man annehmen, dass der Ablauf von mehr 
als 1(X) Jahren die alte Strenge, wie sie der Friedbrief von Schwyz 
hat, bedeutend gemildert hatte, und dass die Elntziehung der EIhre 
nur eine kurzdauernde war, denn es heisst: „Welches dann über 
einen zuckt, mit dem er in frid stat, der hat auch &id pro- 
chen, darumb sd er von Eer und €rwer entsetzt, und drj tag 
und dry nacht in keibenthuren gleitt werden, darzu den Land- 
lülen zu rechter buss verfallen sin und geben 100 Pfond, damit 
soll er auch solchen f riedpruch versünen und büssen.^ 

Strenge Bestimmungen über solchen Friedbruch und Andro- 
hung der Ehrentziehung haben auch das Landbuch v(« üri 10, 
11, 250; das zuger Stadt- und Amtbuch 1432 Art 71. 1566 Art 
113, 122. 

Auch wer einer zweimaligen Aufforderung Frieden zu geb^i 
nicht Folge leistete, scmdem sich zum dritten Mal Fried^i bieten 
liess, kam um seine Bäure'^). (S. aber Glarus Landb. 12.) 

3. Wer in dem vorgenannten Falle den Handfrieden brach, 
der brach sein gelobtes Wort und wir haben da wieder die engste 



3S) Kothing, BecktsqueüeB S. 55, § 5. & 165, § 13. — Schw^nr 
Ludb. & 271. — üri 8. 



125 

Beziehung von Eid und Manneswort zur Ehre. Ein solcher wird 
daher auch häufig als meineidig bezeichnet (Zug 1432 Art 71. 
1566 Art. 113. Uri 10). Aber schon, wer seinem allgemeinen Eide, 
den ^r als Landmann gegeben (s. oben S. 117), zuwiderhandelte, 
konnte so genannt werden und verwirkte in gewichtigen Fällen 
seine Ehre. Zug 1566 Art. 126: „Wer auch das ettwar by söli- 
chen Fridbrüchen wäre und das nit leidete in den nechsten acht 
oder vierzechen Tagen ungevarlichen einem Aman oder sinem 
Statthalter, derselbig, so nit leiden und das kundtlich wurd, der 
sol mit glycher Straff gestrafft werden als der Thäter und Frid- 
brüchig selbs, von desswägen, das er syn Eid und EJer übersechen 
und nüt gleidet hat.^ Wir stossen überall auf den in den alt- 
deutschen Rechtsquellen sehr verbreiteten Sprachgebrauch, nach 
welchem Eidesbruch und Meineid nicht gesondert werden, son- 
dern der Eidesbrüchige, derjenige welcher seinen Eid übersehen 
hat, meineidig genannt ist (s. auch Glarus 12). Das oft dafür ge- 
setzte oder hinzugesetzte Synonymon ist „treulos'^ (perfidus), 
denn wer seinen Eid übersieht, bricht die Treue (Uri 10, 35, 37. 
Schwyz Land. S. 80). Es wird zwar auch vom Eide unterschie- 
den „seine Treu geben an eines geschwomen Eides Statt", aber 
die Wirkung eines solchen an Eidesstatt gegebenen Versprechens 
und die Folge eines Bruchs desselben sind vom Eide und Eides- 
bruch nicht wesentlich verschieden ^ (Luzem. Stadtrecht Art 82). 
— Den Verlust der Ehre als Straffolge der Verurtheilung wegen 
Meineids, in engerer criminalrechtlicher Auffassung dieses Begriffs, 
finden wir oft ausgesprochen 57). 

4. Wer Jahr und Tag bösen Leumden auf sich sitzen lässt, 
der „hat sich selbst bezeuget" und ist ehrlos. Herrschaftsiecht 
von Büron S. 114: „Item ,wer Jar und tag iü einem bösen Lüm- 
den ist unversprochen und der im gat an Er und an leben unver- 
sprochen, der het sich selben bezüget und mag man ab im richten 
nach sinen bösen lümden und in ab rat und ab gericht setzen und 
im da fürhin nüt glouben und sol ouch nieman schad noch gut 
sin an dheinem rechten, es wer denn dz in ein Richter older ein 
gericht older sust ehhaftige not sumte, daz er sich nüt könnt 

36) Segesser 11, 501, 661. 

37) Seges^er II, 621, 660.— Rechtsqtiellen von Basel I, S. 91, 136, 345. 



126 

older mochte Tersprechoi, dann soIls im not scliaden; er mnss 
aber das farbringen.'^ Der böee Lemnimd ist ein schwarzer Schat- 
ten, der denjenigen, welcher Insher fnr einoi Biedermann gegol- 
ten hatte, in einem zweifelhaften Lichte erscheinen liess^ nnd schon 
der einzelne Vorwurf einer ehrenrührigen Sache war ein Flecken, 
Yon dem ex sich reinigen mnsste ; er durfte sich nicht damit trösten, 
dass ja das €lerede und der Vorwurf nicht bewiesen sei, sondern 
er musste dagegen auftretoi. Eine schmie Anwoidung Y<m dieser 
Anschauung hat Wächter^ gemacht zur Erklärung des Ghrund- 
Satzes im altgermanischen Strafprocesse, dass es Sache des An- 
geklagten war, seine Unschuld zu beweisen und dabei auf einen 
▼erwandten Zug im öffentlichen Leb^i der ürschwdz hingewie- 
sen, indem er sagt: 7, War es ja noch Ihs in unsre Zeit Rechts- 
grundsatz im Canton Schwyz, dass ein gescholtener Mann auf 
der Landsgemeinde die Bednerbuhne nicht betreten durfte, bis er 
sich von dem ihm gemachten Vorwurfe gereinigt habe, und mach- 
ten noch im Jahre 1837 auf der Landsgemeinde die Haupter der 
beiden V<dksparteien von diesem Ghrundsatze Gebrauch, indem sie 
sich gegenseitig schimpft^ um den Gegner von der gefurchtetm 
Bednerbuhne auszuscUiessen!^ Dieser Fall steht nicht verein- 
zelt da»). 

So wie nun derjenige, welcher bösen Leumund Jahr und Tag 
auf sich sitzen liess, sich selbst bezeugte und seiner bürgerlichen 
Ehre verlustig ging, so galt auf der andern Seite der Satz, dass, 
wenn jemand g^en einen Andern gerichtlich auftrat, um ihn 
seiner Ehren zu entsetzen, es mit dem Beweise streng genommen 
wurde. Amtsrecht von Willisau (1489) S. 98: ,.Wenn einer zwen 
zugen hat, denen Er und cid zu truwen ist, und die im reden, 
darf er mit sinem lad zu ihnen stan, ist es im rechtoi genug- 
sanL — WeUcher einen siner eren entsexoi wil, der sol das thun 
mit siben unversprochnen Mannen,** — Uri Art 67: „Welcher 
einen von Ehren stossen wolte, das muss beschehen mit fünf un- 
partheüschen Männern oder mehr, deren Ehr und Eid zu glauben 
seje und die auch einmündig seyen**^ Kidwaiden 164. Stadtrecht 
T<m Luzem 89. 

3t) C. O. von Wlchter, Beitrilge nr dentaehen Gcsehiclite (1845) S 63. 
V^ Siegel a. m. O. a 170. 

3») Segesser n, 564 Ambl 1. 



127 

5. Da niemand ohne sich der genannten Gefahr auszusetzen 
einen ehrenrührigen Vorwurf auf sich sitzen lassen durfte, so musste 
oft der Fall eintreten, dass derjenige, dem „zugeredet war, das 
ihm sein Ehr und Glimpf berührte'*, den Andern aufforderte, seine 
Zurede vor Gericht wahr zu machen und auch eine Mitwirkung 
des Gerichts herbeiführte, indem dieses durch Urtheil dem An- 
dern aufgab, „seine gethane Red auf jenen zu bringen." Der ver- 
wandte Fall war, wo derjenige, welcher einem Andern Ehren- 
rühriges vorgeworfen hatte, von sich aus die aussergerichtliche 
Zurede zu einer gerichtlichen Anklage machte. Von beiden Fällen 
geht aus eine schwyzer Verordnung vom Jahre 1619 (Landbuch 
S. 63), in der es heisst: „Bescheche aber, dass yeman, nach dem 
er mit urteil gefragt wirt oder sunst sich understünde sin gethanne 
Red uff yenen zu bringen, und das nit vermag, dann das er die 
Red muss ab im thun, wie Recht ist; alldann so soll der ange- 
klagt, yetz vellig worden, ouch zu Buss geben 9 Pfund — und 
soll yetz der vellig in dien schulden, wie ers von yenem gerett 
hat, und ouch dafürhin Niemantz mer mit siner Zungen weder 
Nutz noch schad sin an theinem Rechten." Die Rechtsfolgen für 
den sachfällig Gewordenen sind nach dieser, allerdings nicht sehr 
klaren Verordnung, ausser dem Widerruf die Busse xmd die be- 
kannte Talion bei nicht durchgeführter AnÜage und zuletzt das 
Eintreten dessen, was den innersten Kern der Ehrlosigkeit aus- 
macht*®). Die Talion ist in einer gewöhnlichen Weise **) ausgedrückt 
mit den Worten „in dien schulden (nemlich: sin oder stan), wie 
ers von yenem gerett hat." Es ist daher nicht ganz richtig, wenn 
Blum er I, 409 mit Beziehung auf jene schwyzer Verordnung von 
1519 (nicht 1516) sagt, die Strafe der Ehrlosigkeit sei wohl nur 
eine Mildenmg des alten strengeren Rechts gewesen, nach welchem 
derjenige, der einen Andern ohne Grund eines Verbrechens be- 
schuldigte, die auf dieses gesetzte Strafe selbst zu leiden gehabt 
habe. Jene Verordnung droht diese Talion und die Ehrlosigkeit 
neben einander. S. auch Rechtsquellen von Basel I, 300, § 29. 

^) Vgl. die AnfOhrung aus dem Landb. von Gaster Art 42 bei Blum er I, 
539, Anm. X6. 

*«) Landbuch von Schwys 8. 75, 80, 8. auch Malefiz-Ordnnng von Zug 
8. 64; Luzerner Rathsbuoh bei BegeBser It, 698, Anm.; Luzemer Landge- 
richtsordnung bei SegOBser 11, 710; Waldmanns Urtheil bei Füssli 8.223. 



128 

6. Nach dem Landbuche von Appenzell L Rh. Art. 87 soll 
der, so mehr verthut, denn er zu bezahlen hat, an Leib oder an 
Ehre nach seinem Verschulden bestraft werden. Das Landbuch 
von Uri Art. 83 bestimmt ausführlicher, dass, wenn ein Schuld- 
ner dem Waibel oder dessen Boten weder Pfand noch Pfenning 
zu geben hat, der Waibel dieses dem Landammann anzeigen und 
dieser solches an den Rath bringen soll. Der Rath soll dann den 
Schuldner in allen Kirchgängen im Lande verrufen lassen, zur 
Warnung für Jedermann. Wenn nun aber der Schuldner seine 
Schulden nicht binnen Jahresfrist bezahlt, so soll „seinen Worten 
nicht mehr zu glauben sein, noch derselbe zu einigen Ehren mehr 
gebraucht werden", bis dass er seine Schulden gänzlich abbezahlt 
hat. Ist aber einer durch Unglücksfälle in Schulden gerathen, so 
steht es beim Rathe, die Ehrentziehung nicht eintreten zu lassen ^2). 

Als berner Rechtssitte wird erwähnt, dass noch nach dem Tode 
eine Ehrenfolge eintrat, wenn jemand seine Gläubiger nicht be- 
friedigt hatte : er sollte nicht in geweihter Erde begraben werden. 
Als der weise und ritterliche Schultheiss von Bern, Adrian von 
Bubenberg, im Jahr 1479 gestorben und schon begraben war, 
klagte ein Curtisan Garriliati gegen Bubenberg einen Schaden ein, 
der ihm von Lassaraz her begegnet sei und für welchen der Ver- 
storbene ihm keine Oenugthuung geleistet habe, und begehrte, 
dass derselbe aus seiner edlen Eltern Grab genommen und an 
der Engehalden, dem Platze, wo der Wasenmeister das gefallene 
Vieh einscharrte, zur Erde gebracht werde. Da diess aber für 
die Stadt eine arge Beschimpfung gewesen wäre, so schickten die 
Bemer Herrn Peter Kistler, Propst von Zofingen, nach Rom, um 
diese Zumuthung abzuwenden. Es scheint, wie der Herausgeber 
von Anshelm's Bemer Chronik I, S. 264 bemerkt, als ob Gar- 
riliati wegen jener Beschädigung einen Bannspruch gegen Buben- 
berg erwirkt hatte, weil die Sache zu Rom abgethan werden musste. 
Damach ist dann durch diese Erzählung gar nichts bewiesen für 
eine solche bemer Rechtssitte. 

§ 5. Nicht so häufig als das Entsetzen von Ehr und Gewehr 

^) Vgl. Blum er I, 478. II, 101. Neueres aber Ähnliches Reeht enthalten 
das Landbuch von Appenzell A. Rh. 86 (vom Jahr 1737) und ein schwyser 
Mandat wegen den Dieben, Schelmen und Lumpen vom Jahr 1738 (Landbuch 
8. 188.) 



12» 

kommt in den Rechtsquellen die Entziehung einzelner Ehrenrechte 
vor; in mehreren Fällen ist jedoch die Unfähigkeit zur Beklei- 
dung von Aemtem afs eine Ehrenschmälerung namhaft gemacht ^). 
Wenn aber bloss ausgedrückt ist, dass jiemandes Stimme fortan 
weder Nutz noch Schaden bringen soll, so umfasst diese und 
ähnliche Formeln sowohl die Unfähigkeit zum Zeugnisse und die 
Entziehung des !E^des als auch das Ausschliessen von jeder Ab- 
stimmung in öffentlichen Angelegenheiten („zu mindern und zu 
mehren '^) und die Bekleidung von irgend welchen Aemtem, das 
ius bonorum, fällt %bei einem solchen von selbst weg. Jene For- 
meln fassen seine Ehre an der Wurzel. 

Die gänzliche Entziehung der Ehre ist eine ewige oder 
zeitweilige. Von der Ausdehnung der erstem auf die Nach- 
kommen weiss ich nur einen Fall anzuführen. J. von Müller**) 
berichtet aus einer ungedruckten Chronik Alb. von Bonstetten's 
(1481) „Es war Sitte in den Waldstetten, dass wer vor dem Feinde 
floh, vom Leben zum Tode gebracht wurde und seine N?\chkom- 
men bis in das dritte Geschlecht ehrlos machte'* **). 

Die dauernde Entziehung der Ehre ist gewöhnlicher als die 
zeitweilige. Wer den Frieden bricht mit Wehr und Waffen 
zum andern Mal, mit der Faust zum dritten Mal, soll sein Lebe- 
lang ehr- und wehrlos sein und bleiben, nach dem Landbuche 
von Appenzell A. Rh. 149, 152. An manchen anderen Stellen, an 
denen nicht ausdrücklich gesagt ist, dass die in Folge schweren 
Friedbruchs eintretende Ehrlosigkeit eine lebenslängliche sein soll, 
mag dieses, da keine Zeitfrist gesetzt ist, ebenfalls anzunehmen 
sein, und unzweifelhaft ist dasselbe, wenn gesagt wird, dass den 
Worten jemandes nie mehr zu glauben oder seine Stimme nie 
mehr nütz noch unnütz sein soll (Zug 1432 Art. 10), s. auch 
basler G.O. 1557 Art. 126. Dagegen fehlt es auch nicht an Bei- 
spielen einer zeitweiligen Ehrentziehung, auf 3, 2, 1 und Va 
Jahr *8). Im Jahr 1521 wurde Conrad Strüby, sesshaft in Hund- 
wyl, der seine Frau gemisshandelt und ein ihm in Treu befoh- 

♦5) Tßchudi, Chron. I, 504. — Blumer I, 408. — DleBsenhofen 
84, 197. 

**) Gesch. n c. 4, Anm 90. 
.♦«) Vgl. Grimm, R.A. 731. 
♦«) Zug 1566 Art. tl3, 124, 131, 134, 135. AppenzeU I. Rh. Art. 40, 41. 

Oseobrüggeo, rechtsgescb. Studieo. ^ 



130 

lenes Kind auf lebensgeftthrliche "Weise verwahrloset hatte, statt 
der verdienten Strafe an Leib nnd Leben von der Obrigkeit in 
Appenzell auf drei Jahre aller seiner Ehren entsetzt. In der von 
ihm beschwomen Urphede ist der Inhalt dieser Strafe dahin an- 
gegeben, dass er zu keinem Zeugniss zuzulassen sei, in keine 
ehrliche Gesellschaft, als nur zur Kirche gehen, überhaupt seine 
Wohnung nur zu den nothwendigsten Geschäften verlassen und 
während der drei Jahre keinen Wein trinken solle *^. 

Es ist nicht zu verkennen, dass, indem man sich gewöhnte, 
die Ehrentziehung, bescmders die zeitweilige, als eine Strafe auf- 
zufassen, ein Missbrauch davon die Folge war. Wenn in dem 
zuger Stadt- und Amtsbuch 1566 Art. 135 schon denjenigen eine 
halbjährliche Ehrlosigkeit gedroht ist, die Nachts in Scbeuren und 
Scheunen bei Licht spielen, so ist dieselbe zu einer blossen Poli- 
zeistrafe herabgesetzt und hat ihre wahre Bedeutung ganz ver- 
loren. Ueberhaupt zeigt eine Vergleichung des Stadt- und Amts- 
buchs von 1432 und von 1566 eine übermässige Ausdehnung der 
Ehrentziehung in dem letzteren, und darin musste eine Abschwä- 
chung ihrer Geltung im Publikum liegen. Eine solche Ausdehnung 
zeigt ein Verkennen des Wesens der bürgerlichen Ehre, die nicht 
mehr aufgefasst wird als ein Ganzes, dessen Ausläufer bestimmte 
Rechte sind, sondern nur als ein Compositum von Rechten, deren 
Verlust eine Verärmerung ist, wie die Zahlung einer Busse. Wenn 
in einem republikanischen Staate, in welchem der Bürger berech- 
tigt ist, sich als integrirenden Theil des Staates zu fühlen, wegen 
seiner unmittelbaren Theilnahme an allen öffentlichen Angelegen- 
heiten, grade deshalb grosse Anforderungen an ihn gestellt wer- 
den in Betreff der Wahrung des Gemeinwohls, wie es die Rechts- 
bücher der alten Schweiz überall zeigen, und er es als eine Ehre 
ansehen muss, sowohl dass diese Anforderungen an ihn gestellt 
sind, als auch denselben in vollem Maasse zu genügen, wodurch 
er eben zeigt, dass er auf seine bürgerliche Ehre hält und sie zu 
bewahren weiss, so darf der Staat nicht die Entziehung desselben 
aussprechen, wo diese nicht von dem Bürger verwirkt ist durch 
Handlungen, die in den Augen seiner Mitbürger als unvereinbar 



*7) Zellweger, Urkunden zur Oesch. des appenz. VoUced Nr« 708, 
Blumer I, 408. 



131 

ersclieineii mit der Ehre des Bürgers. Thut das der Staat, so ver- 
nicKtet er die Werthschätzung der bürgerlichen Ehre, der sicher- 
sten Stütze des Gtesammtwohls. In einer Zeit, in welcher die 
moderne Unterscheidung der politischen und bürgerlichen Gesell- 
schaft noch nicht existirte, musste es dem für ehrlos Erklärten 
als eine Unmöglichkeit erscheinen, in seinem bisherigen Wohn- 
kreise zu Terweilen und er es Torziehen, in's „Mend** zu gehen, 
statt daheim elend zu sein; in jenem zuger Falle werden die 
Mitbürger nicht geringer von dem Betroffenen gedacht haben als 
vorher. 

Bemerkens werth ist, wie •man vor Zeiten in Zug die Ehr- 
und Wehrlosigkeit solcher, die gegen den Staat gefrevelt hatten, 
kundbar erhielt In der „Reise junger Zürcher unter der Leitung 
des Herrn Johannes Schmuz V. D. M. 1731" **) lesen wir: „Wir 
sahen im Vorbeigang an einigen Häusern für die Fenster hinaus- 
gehenkte Schmach-Tafeln, wel^e in dortigen bekandten Troublen 
einichen Standts-Personen zur Strafe gemacht worden. Deren In- 
halt war ungefehr dieser: Hier wohnet der Ehr- und Wehrlose 
Jakob Brandenberg, Beat Caspar Uttinger u. s. w.** 

§ 6. Die Ehrlosigkeit eines bösen Schuldners dauerte, bis er 
seine Schulden bei^hlt hatte. Landbuch von Obwalden **) : „Wer 
der wäre, der mehrers verthäte und sich höher beschuldigte, als 
er zu bezahlen hätte und dass gefahrlich und liederlicherweis durch 
unhauslichkeit ThröUen**) und Märchten, und nit etwan auf ge- 
walt Gottes und zugefallenen Unglück beschechen, hinfüran zu 
keinen oberkeitlichen Ehren noch Aemtem, auch in Gricht noch 
Rath zu keiner Kundschaft soll kommen mögen, verbleiben noch 
gebraucht werden: bis und so lang ein solcher seine Schulden 
zu Benügen bezahlt haben wird und — an kein Kirchen noch 
Landsgemeind gehen und Ehr und gewehrlos sein, auch einen 
grünen Hut tragen solle *>) bis so lang er seine Schulden bezahlt 

48^ Leu'sche Manuscriptensammlting, auf der Stadtbibliotbek in Zttrich, 
Quart 44, S. 328. — Geschicbtsfreund XU, 98. 

♦9} Blume r II, 101. 

<^ Dieses Wort bedeutet bier wie oft die Procetsirsucbt 

'*) Eine beschimpfende Kleidung des insolventen Scbuldners kommt auch 
im bamberger Stadtrecht § 266 b. vor. — Grimm, R.A. 712. — In Frank* 
fürt a. M. BoUte ein solcher drei Jahre lang einen gelben Hut (Judenhutt tra- 
gen. B. Lersner, Chronica S. 432, 496. 

9* 



132 

hat"" üri Art 83. Auch noch das Landbnch von Nidwaldea 1806 
enthält die Bestimmung: „Wann MGHH. Obern dergldchen so 
in Auffall konmien und mit d^i Grelten sich nit abfinden kmm^ 
mit dem Bande verschonen wurden, so sollen solche wirklich von 
allen Uerthe-, Dorf-, Gnossen-, Kirchen-, Lands- und Nachgemeinden 
ausgeschlossen sein, so lang bis sie werden bezahlt haben, auch 
weder in Gericht noch Rath gehen, noch zu einiger Kundschaft 
gebraucht werden" ^. 

§ 7. Wer auf eine bestimmte Zeit der Ehre entsetzt war, 
erlangte nicht schon mit Ablauf dieser Zeit die Ehre ohne Weiteres 
wieder, sondern bedurfte einer Restitution. Diese lag entweder in 
den Händen der Landsg^neinde (Nidwaiden 180. Appenzell A. £h. 
189 a. K) oder des Landammanns und Raths (Schwyz Landbuch 
S. 30, 31. Zug 1566, Art 115, 130). Hatte er wegen Friedbruch 
die Ehre verloren, so war zu erwägen, ob er sich durch Wohl- 
verhalten der Restitution würdig gemacht hatte (Zug 1566, Art 115, 
130). So wie der böse Schuldner nicht restituirt werd^i kcmnte, 
bevor er seine Schulden bezahlt hatte, so auch derjenige nicht, 
der in eine Busse verfallen war, vor Entrichtung der Busse 
(Appenzell A. Rh. 38, 133, 147. L Rh. 48). Ihis Restitutionsgesuch 
des Betheiligten oder seiner Angehörigen und. Freunde soll nach 
manchen Stellen nicht vor Ablauf einer besummten Frist ange- 
bracht werden ^. Das Landbuch von Glarus 161 will die betref- 
fende Bitte nicht vor Jahr und Tag zulass^i, Appenzell A. Rh. 
147 für den Fall, dass jemand wegen Friedbruch mit gewehrter 
Hand seiner Ehren entsetzt war, nicht vor Ablauf von drei Jahren. 
Wer den Frieden mit Wehr und Waffen zum andern Mal, mit 
der Faust zu dritten Mal gebrochen hat, soll nach diesem Land- 
buch Art 1^, 152 gar nicht restituirt werden. 

In Glarus war der Missbrauch aufgekonmien, dass der, dem 
von Landammann und Rath der Wein verboten war, sich sogleich 
um Aufhebung des Verbots an die Landsgemeinde wandte, wo er 
vielleicht durch Freunde und Bekannte ein Stimmenmehr erlangen 
konnte. Daher wurde in einer Maienlandsgemeinde beschlossen, 
dass in einem solchen Falle nur „dn TAnd^Mnm^nn und ganzer 

5«) Blamer n, 101. 

*^ AppenzeU L Rh. 40, 47, 124. 



133 

Rath — die am allerbesten wissen, wamm im der wyn verbotten" 
handeln sollten, Art 215. 

§ 8. Da die Ehrenentziehung die Entziehung bestimmter 
Ehrenrechte ist, so verliert eine Frau, die ihrer Ehren entsetzt 
wird (Nidwaiden 165), weniger als der Mann, aber doch gerade 
dasjenige, was als der innerste Kern der bürgerlichen Ehre gilt 
(s. § 2). Ein Beispiel der Art ist uns überliefert im Stadtrecht 
von Diessenhofen Art. 209. Margret Schäffeler hatte Trauben aus 
einem fremden Weingarten genommen und wurde desshalb vor 
Gericht beklagt. „Da bot sie ir Unschuld für, da ward sie bewiset 
und übersait." Wegen der Entwendung hatte sie eine Gteldbusse 
zu zahlen} weil sie sich zu einem falschen Eide erboten, wurde 
erkannt, dass sie nimmer gut solle sein zu keiner Sache und ihren 
Worten niicht zu glauben in keiner Sache und solle man nie mehr 
einen Eid von ihr nehmen. 

§ 9. Aus der unehelichen Geburt resultirte ausser der 
Beschränkung der Rechtsfähigkeit, die vomemlich im Erbrecht 
hervortritt, auch eine Schmälerung der Ehrenrechte. Nach dem 
luzemer Stadtrecht Art 30 waren Uneheliche vom Rath**), vom 
Gericht und auch von Pfründen ausgeschlossen. Durch Raths- 
beschluss wurde 1429 das Herkommen bestätigt, dass kein Un- 
ehelicher weder in den Rath, noch an die Hundert gesetzt werden 
solle W). 

Von einer Anrüchigkeit wegen gewisser Gewerbe und Ge- 
schäfte finden sich in den Rechtsquellen der innem Schweiz we- 
nige Spuren. Im Landbuch von Nidwalden Art. 176 ist bestimmt, 
dass die sieben Männer, welche vom Lande dazu genommen 
werden, um bei einer Folterung zugegen zu sein, keinen Schaden 
an ihren Glimpf und Ehren leiden sollen. Damit ist aber deutlich 
genug ausgesprochen, dass der Henker, welcher zu strecken und 
zu foltern hatte, im Gegensatz zu ihnen, der allgemeinen Vorstel- 
lung von der Schimpflichkeit seines Gewerbes unterlag. Ebenso 
wenn in der peinlichen Gerichtsordnung von Davos aus der Mitte 
des 17. Jahrhunderts (Landbuch S. 104) die Frage am Schlüsse 
des Verfahrens vorgeschrieben ist, ob es den Weibeln, Gaumem 

5«) B. auch Straesbiirg 1822, § 34. 
<<) Segesser n, 159, 431, 485 



134 

(d. i. Wächtern), Handwerkslenten ^, die an don Standrecht vei^ 
wendet worden , an ihren Glimpf nnd Ehren muuifheblich sein 
solle nnd diese Frage bejaht wird, so ist dabei der Scharfrichter 
ansgeschlossen. 

Die Ansicht yon der Unehrenhaftigkeit des Grewerbes eines 
Scharfrichters^) h«t sich in der Schweiz Yom Mittelalter her bis 
zur neuesten Zeit erhalten. Gross erzählt in seiner knrzen basler 
Chronik ans dem Jahr 1546 ^) : ^Den 19. Martii hat sich ein 
Handwerksmann selbs entleibt ans Unmnth, w^ er'als ein Trun- 
kener mit dem Scharfrichter getrunken. Welches ihm der Scharf- 
richter zwar gewehret, jener aber dessen nicht geachtet Und als 
ihn die Zunft nicht mehr wolt arbeit^i lassen, fiel er in solche 
Traurigkeit und Fall, wie gemeldet^ — jj^^o^ Henker, sagt 
Siegwart-Müller in seinem Strafrecht der Kantone Uri etc. 
(1833) S. 141, haftet in diesen Eiint<men jener vom Mittelalter 
hergebrachte Schandfleck immer noch in dem Grade an, dass in 
Nidwaiden die Heirath eines Landmannes mit einem Gliede der 
Henkerfamilie als Malefiz gestraft wird; dass er bd keiner Gresell- 
schaft erscheinen darf und sc^ar in der Kirche immer den gleichen 
ihm angewiesenen Platz einnehmen muss.^ Als in Zug vor einigen 
Jahren ein SteinhauergeseU, in Ermangelung eines Scharfrichters, 
sich dazu dingen liess Prügelstrafen zu vollziehen, legten bei 
seinem Wiedereintritt in die Werkstatt die Mitgesellen den Ham- 
mer bei Seite und weigerten sich mit ihm zu arbdten, so dass er 
Yon dannen ziehen nmsste. — Das Geschäft des Schinders^) 
(Abdeckers, Wasenmeisters), welches oft mit dem des Henkers 
oder Scharfrichters verbund^i ist, gilt in der Schweiz, wie man 
mir erzählt hat, für so befleckend und entehrend, dass der Scharf- 
richter, welcher nicht zugleich jenes Geschäft hat, eine Stufe 



^) vgl. C C. C. Art. 215. Wie in Deutschland, so bestand auch in der 
Schweiz die Sitte, dass nach einer Hinrichtung die dabei verwendeten Hand- 
werksleute von der Obrigkeit ^wiederum redlich gemacht wurden, also dass 
solches keinem aufheblich oder nachtheilig sein soUe^ (s. Oelhaf en*s QiroBik 
von Aarau. A. 1706). 

ST) vgl Beneke, von unehrlichen Leuten (1863) S. 118 ff. 

St) 8. auch Gast's Tagebuch 8. ÖS. 

S9) „Schelm^ im Schwsp. 901 L, was aber imSdiat das gefoHeiie Vieh 
ist s. Weigand, Synon. Nr. 1596. 



135 

höher steht und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die An- 
rüchigkeit des Scharfrichters im Mittelalter dadurch, wenn nicht 
entstanden, doch gewachsen ist, dass er ^ das crepirte Vieh be- 
sorgte. 

In den grösseren Städten der Schweiz sammelte sich im Mittel- 
alter eine grosse Menge des heimatlosen Gesindels, das theils von 
seinem imstäten Umherziehen in der Welt, theils von seinen leicht- 
fertigen Beschäftigungen und Erwerbsmitteln so verschiedene Namen 
erhielt Die fahrenden Leute, die fahrenden Weiber oder Töchter, 
Buben und ander unendlich Volk, Freihartsbuben, Guzler und 
Geiler, starke Bettler, Stirnenstosser etc. sind Bezeichnungen, die 
in den Rechts- und Geschichtsquellen oft wiederkehren. Besonders 
in Basel fand sich dieses Volk in Haufen ein und dort war es 
der Eolenberg ausserhalb der Stadt, dieselbe Stätte, an welcher 
der Nachrichter mit sdnen Gesellen wohnte, die ihnen zum Auf- 
enthalt angewiesen wurde, um sie in strengerer Zucht zu halten. 
Ihrer partiellen Rechtslosigkeit entsprach eine geschmälerte Ehre. 
Deutlich spricht sich dieses schon aus in dem oft als officielle 
Bezeichnung wiederkehrenden Ausdruck „Buben, die weder Messer 
noch Degen und auch kein Hosen tragen^, „Freiheiten, die da 
ohne Messer und Hosen gehen" u. dgl. Eine Bathsverordnung vom 
6. November 1406 ®>) bestimmte, „daz die Buben die weder masse, 
messer noch tegen und' ouch kein hosen tragend, daz die kein 
uQzuchte gegen einander beschulden mögent, so si einander mit 
fasten sehlahent und trukenen streichen, ob sie joch schnidemesser 
trügent und die nüt uszügent — Item ze glicher wise söUent die 
offenen huren, so die einander sehlahent oder eine zu der ander 
spricht, si sie ein böse hure, oder in ander weise schiltet, es wer 
denne daz eine die ander zige daz sie ein Diebin wer, darab sol 
unser Vogt ze richtende han.'' Wie die Buben ohne Messer und 
Hosen, so waren auch die Huren, welche in den zahlreichen 
Frauenhäusem sassen, durch eine beschimpfende EQeidung kennt- 
lich gemacht^*). 



^) RechtsqueUen von Basel I, Nro« 85. vgL das^bst S. 28 a. E. 

<V RechtsqueUen von Basel I, Nro, 167. Ztlricber Rathserkenntniss von 
1319 bei Bluntschli I, 160 vgl Bodemeyer, hannov. Rechtsaltertiiümer 
1,40. 



136 

Zn den fahrenden Leuten gehörten zwar anch die Spiel- 
leute**), und sie werden sogar in einem basler Strafgesetse Y(m 
1339 mit Bnben und bösen Weibern zusammengestellt, aber man 
darf sie doch nicht im Allgemeinen jenem Auswurf der bürger- 
lichen Gesellschaft zugesellen. Sie thaten sich zu Brüderschaften 
zusammen und brachten diese unter den Schutz weldicher Herr- 
schaft und der Kirche. Das Haupt, welches sie sich aus ihrer 
Mitte wählten, heisst der Pfeiferkönig, dessen erster Beamter oder 
Stellvertreter PfeifermarschalL Für bestimmte Landesgebiete liess 
der gewählte Pfeiferkönig sich von der weltlichen Hoheit mit dem 
Königthum belehnen*') und durch die Wahl eines oder einer 
Heiligen kam die Brüderschaft in den Verband der Kirche, was 
ihnen zunächst schon darum wichtig war, weil sie sonst wiev<Hi 
der kirchlichen Gemeinschaft so vom heiligen Abendmahl ausge- 
schlossen waren. Auf diese Weise, wenn sie auch immer noch zur 
Classe der fahrenden Leute gehören und ^allezeit fefl zn Trauer 
und Scherz^ in der Ausübung ihrer Kunst unstät umherzogen, 
lebten sie doch nicht in der Verachtung der Landstrich«, deren 
Schaaren wie Ungeziefer eine Landplage der mittelaheilichen 
Schweiz waren, so dass oft ein strenges Einschreiten der Obrig- 
keit gegen sie nothwendig wurde. 

In Uznach wurde 1407 eine Brüderschaft der ^farend Lüt 
Giger und Pfiffer*^ gestiftet, der Stiftungsbrief vom Ghrafen von 
Toggenburg besiegelt und die Kirche zum heiligen Kreuz ihr 
Versammlungsort, wo sie einmal im Jahre eintreffen sollten, um 
unter Anderem für ihre verstorbenen Mitbrüder eine Jahrzeit 
zu begehen. Jedes Mitglied dieser Brüderschaft zum heiMgen 
Kreuz trug ein kleines silbernes Kreaz, welches nach seinem 
Tode der Brüderschaft in der Kirche wieder übergeben werden 
musste ••). 



O) Einen schönen Excnrs fiber die SpleUente im MitfeUltor s. bei Wein- 
hold, die dentscben Franen in dem Mittelalter S. 351 ff. und bei J. H. Heits 
^die Herren Yon Rappoltstein nnd das elslssische Pfe ifei geiicht** in der Alsatia 
185G— 1857. Strobel, Gesch. des Elsasses m, 168 ff. Mavrer, Fr<nh5fe n, 
397 ff. Beneke, Yon onehrlichen Leuten 8. 18. 

tt) Der erste ESnig der Art in Dentachland soll Johanaes der Fiedler am 
Hofe Garis IV. in Mains 1355 ge w eaea sein. s. Heits a 18. 

^) J. TOB Arx, St Gauen ü, 909. 



137 

Besonders interessant ist der Lehenbrief 7,al8 die Stadt Zürich 
das sogenannt Pfyfer Königreich in ihren Gerichten und Gebiethen 
Ulman Meyer von Bremgarten verliehen*^ vom 29. März 1430 ••). 
Es ist darin als eine alte gute Gewohnheit bezdchnet, dass Bür- 
germeister und Räthe der Stadt Zürich und zwar „von imser 
Grafschaft Kiburg wegen", das Pfeifer-Königreich verleihen und 
Jeglichen König, der zu Ziten gewesen ist" bestätigen. Ulman 
Meyer von Bremgarten, von anderen fahrenden Leuten in der 
Eidgenossenschaft einmüthiglich zum König erwählt, habe jetzt 
um Bestätigung in dieser Würde gebeten ; sie solle ihm verliehen 
sein — „bestetten ihn daran als einen rechten Künig der Pfiffer und 
varenden Lütt, also dass er und sin Marschalk das Künig Reich 
hinfür als bisher mit allen Wirden und Eren, allen Freyheiten, 
Rechtungen und guten gewohnheiten, als das von alter kerkomen 
ist, inhalten und haben sollen, von aller Mänglichem ungesumpt 
und ungehindert.** Ulman Meyer musste in des Bürgermeisters, 
Felix Maness, Hand geloben bei seiner Treu an Eides Statt, einem 
jeglichen Bürgermeister und Rath der Stadt gehorsam, getreu, 
gewärtig und von des Königreichs wegen verbunden zu sein. 
Dann werden alle Fürsten, Grafen, Herren, Freie, Ritter, Knechte, 
Amtleute, Vögte, Bürgermeister, Schultheissen , Ammann und 
Räthe, denen der Brief gezeigt werde, gebeten, den König Ulman 
Meyer und seinen MarschaH gütlich zu empfangen, ihn schützen, 
schirmen und fördern zu wollen. Diese Gesellschaft der Geiger 
und Pfeifer wurde von der Earchenversammlung zu Basel in eine 
Brüderschaft erhoben unter dem Schutz Unser Lieben Frau, wie 
Müller berichtet. 

Ulman Meyer ist in jenem Lehnbriefe bezeichnet als „unsers 
gnedigen Herrn, Herrn Burkartz von Wyssenburg, Apt des Gotz- 
hus zu den Einsidlen varend Mann." Damit wird er nicht als ein 
Gotteshausmann des Klosters Einsiedeln eingeführt, denn dann 
wäre er kein „varend Mann" gewesen, sondern in der Eigenschaft 
eines Schützlings des namentlich erwähnten Abtes. Wahrscheinlich 

ß') Abdruck im Anzeiger für schweizerische Geschichte und Alterthums- 
kunde 1856, Nro. 3, vgl. J von Müller, Qesch III, c. 2 — Das Anniver- 
sarium der Pfarrkirche zu Bremgarten nennt den Ulman Meier und zwar als 
„Oiger^, 8. Weissenbach, Gesch. von Bremgarten (Schulprogramm 1851 u. 
1852) 8. 43. 



138 

hatte, bevOT ihm in Nachahmung pompoeer Lehnrecfatsfimn die 
Bestätigung des Pfeiferkönigthums für das züichemehe Gebiet 
ertheilt war, wozu die Stadt Zürich ihr Becht von der erworbenen 
Grafschaft Kyburg nnd dadurch mittelbar vom Reiche herleitete, 
die Ausübung seinei^ Kunst an den Eirchenfesten des berühmten 
Klosters ihn in die Verbindung mit dem Abte und in dessen 
SchutE gebracht 



VII Die Personillcining der TMere. 



In dem heutigen Strafrecht gilt allgemein der Satz, dasB nur 
ein menschliches Individuum ein Verbrechen begehen könne. Bei 
der Hinstellung dieses Satzes pflegt aber zugefügt zu werden, 
dass in frtlherer Zeit auch Thiere gradezu als Verbrecher behan- 
delt worden seien, namentlich wenn ein Mensch durch ein Thier 
getödtet war^). Diess ist nicht nur als interessante Curiosität an- 
zusehen, sondern steht im Zusammenhang mit alten Anschauungen 
von grosser Tragweite. 

Passend darf man davon ausgehen, dass in alter Zeit die 
Hausthiere den Meinschen, insbesondere dem Hausherrn, näher 
stehend gedacht, dass sie zur Hausgenossenschaft gerechnet wur- 
den 2) und dass der Frieden von Haus und Hof auch auf sie 
sich erstreckte '). Im Capit. Aquisgr. a. 813, § 3 ist der Frieden 
des Zugviehs auf den Königsbann zurückgefilhrt: „Ut jumenta 
pacem habeant similiter per bannum regis". Wie wenig darauf 
zu geben sei, geht daraus hervor, dass im vorangehenden § 2 
auch der Kirchenfrieden unter den Königsbann gezwängt ist. Es 
hegt darin schon das Streben, alles und jedes der königlichen und 
kaiserlichen Auctorität unterzuordnen, was im s. g. kleinen Kaiser- 
recht zum Excess geworden ist. 

Ausgezeichnet ist unter den zur Hausgenossenschaft und zum 
Hausstande gehörigen Thieren des Haushund, der Hof wart (Lex 
Baiuw. I, 20, 9. Ssp. HI, 51, § 1). Den bedeutendsten Ausdruck 
erhielt die Zuzählung der Hausthiere zur Hausgenossenschaft 
darin, dass ihnen ein Wergeid zugestanden wurde oder vielmehr, 
um genau zu reden, ein Quasi- Wergeid. Wergeid ist nach seineki 
Buchstabengehalt und seinem Grundbegriff »= Manngeld und zwar 

1) Heffter § 46. Geib § 87 
9) Grimm R.A. 688. 
3) Argovia 1860, 165. 



140 

Entgelt oder Werth des freien wehrhaften Mannes. Im langobar- 
dischen Volksrecht tritt deutlich hervor, dass ein Wergeid der 
Frauen erst existent wurde durch Anlehnen an das Wergeid dör 
Brüder*) und Halbfreie und Unfreie hatten ein Analogon der 
Wergelder. So auch die Hausthiere. Grimm B.A. 670 Anm. sagt 
sehr richtig: „Es lag ganz in der Ansicht des Alterthums, nicht 
nur Knechte wie Hausthiere, sondern auch Hausthiere wie Knechte 
zu behandeln, dem Thier also gewisse menschliche Rechte, nament- 
lieh in Art und Weise der Busse und des Wergeides einzuräumen.*' 
Diese Bemerkung bewährt sich besonders darin, dass das Quasi- 
Wergeid der Hausthiere wie das der Tagewerker (Ssp. HI, 45, 
§ 8) gewöhnlich in Waizen bestand*). 

Dass noch gegen das Ende des 18. Jahrhunderts ein Fall 
vorkam , in welchem die Zahlung des Quasi Wergeides für ein 
getödtetes Hausthier, und zwar in der uralten Form, gefordert 
wurde, ist ein Beweis j,wie sich durch blosse Ueberlieferung von 
Mund zu Mund Rechtsgewohnheiten vererben und in einer ver- 
änderten Zeit viele Jahrhunderte noch in der Erinnerung fortleben 
können"*). In dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kam 
ein Bauer zu dem züricherischen Obervogt Füssli in Erlenbach 
am Zürichsee mit der Beschwerde, dass ihm sein Nachbar seine 
Katze getödtet habe. Der Beamte suchte ihn zu beschwichtigen 
und stellte ihm das Unbedeutende der Sache vor, aber der Bauer 
berief sich fortwährend auf das Katzenrecht, welches er fordere. 
Als nun der Vogt ihn fragte, was denn dieses zu bedeuten habe, 
erwiederte der Bauer, der Nachbar müsse über das Fell der ge- 
tödteten Katze, welches auf dem Boden auszubreiten sd, so viel 
Waizen auf einen Haufen schütten, bis dasselbe ganz davon zu- 
gedeckt sei, und dieser Waizen gehöre ihm, dem Eigenthümer 
der getödteten Katze ^. 

Es handelte sich hier um eine uralte, nicht bloss germanische 
Rechtssitte. In einem alten Gesetze von Wales, also wohl kelti- 
schen Ursprungs, war bestimmt: Wenn jemand die Katze eines 
Andern getödtet hat, soll die Katze am Schwänze aufgehängt 

4) Stra£recht der Langob. 8. 15 ff. 

^ Zöpfl, Alterth. II, 186. 

^ Blnntschli I, 113 

') Lassberg in Mone's Anieiger 1836, 48. 



Ul 

werden , so dass sie mit der Schnauze den rein gefegten Boden 
berührt und es sollen Waizenkörner ausgeschüttet werden, bis die 
Katze bis zur Spitze des Schwanzes mit Waizen bedeckt ist. 
Dieselbe Procedur wird in Betracht getödteter Hunde sehr oft in 
den germanischen ßechtsdenkmälern erwähnt und ist selbst als 
eine Rechtssitte der Araber nachgewiesen*). Der Hund oder die 
Katze verschwindet dabei und wird gedeckt oder ersetzt. 

Ein erst neuerdings bekannt gewordenes Zeugniss aus dem 
frühen Mittelalter bietet ein in einer Handschrift befindlicher Zu- 
satz zur lex Alam. Kar. LXXXII, 7: „Quod si cum (canem) 
nocte, Omnibus dormientibus , dum atrium latrando custodiunt, 
extra umbram sepis occiderit : domino canis praasente et iudice 
ducis teneat eum per caudam et de omni genere frugum circum- 
fundat et sie solus iuret: quia solvi eum per caput meum, 
iudici vero tres solides conponat et securus est." Hätte er den 
Hund bei nächtlicher Weile innerhalb der Were des Andern 
erschlagen, so würde ein schweres Verbrechen (Heimsuchung) 
vorliegen ; jetzt konnte er sich aber mit dem Eineide, als ob er in 
der Nothwehr gewesen, von der schwereren Anschuldigung be- 
freien. Die Worte des Eides scheinen die Sache als eine Ange- 
legenheit zweier wergeldsfähiger Personen herzustellen. Wer einen 
Andern in der Nothwehr getödtet hatte, musste diesen doch mit 
seinem Wergeide componiren; das war die ältere Regel, welche 
langsam modificirt und dann beseitigt wurde ^). . 

Der Parallelismus zwischen dem Wergeid, wie es im Falle 
der Tödtung eines Menschen von dem Todtschläger an die Familie 
des Getödteten zu zahlen war, und dem Quasi- Wergeid der Haus- 
thiere tritt in mehrfacher Weise sehr deutlich hervor. 

Grimm R.A. 670 sagt: „Nicht bloss für erschlagne Thiere, 
auch für Menschen kannte unser Alterthum ein solches Wergeid, 
statt des rothen Waizens lässt die Fabel rothes Gold aufschütten 
über den Leichnam." Grimm geht zunächst auf die Edda ein 
und verfolgt dann das Thema weiter *®). — Ein Analogen zu dem 

») Grimm, R.A. 668; Wsth. III, 222, 308, 715, 720. — KaltenbSck 
XCV, 51. RA. aus österr. Pantaidingen S. 48 

«) Strafrecht der Langob. S. 8, 66. Alam. Strafrecht § 72. 

10) 8. schon in der Zeitschr. für geschieht!. Rechtswissenschaft I, 323. — 
üudtwalker, daselbst II, 137. 



142 

Ueberschütten des Leiclmams mit Gt>ld findet sich noch in öster- 
reichischen Weisthümem, z. B. im Weisthum von- Rachsendorf : 
„Wann aber jemand nachkämb, der prSche darmit die freynng 
nnd wSre dammb pflichtig des hals dem erbam forsten eu Öster- 
reich, nnd ob er dem den hals nit wolt lassen, so soh er nider- 
legen ainen schilt auf das erdrich, den soll er ansfillen mit ge- 
maltem golt, damit er sich lost von dem forsten'^ ^i). Gemaltes 
GK>ld ist ohne Zweifel mit einem Mal oder Zeichen versehenes, 
also gemünztes Gold. Die Quantität des Geldes ist hier der Ent- 
gelt f&r die durch den Bruch der Freiung verwirkte Persön- 
Uchkeittt). 

So wie bei dem Ueberschütten des Leichnams mit Oold oder 
mit Waizen die individuelle Beschaffenheit und Ghrösse des Men- 
schen oder Thiers einen bedeutenden Unterschied macht, ist diess 
ebenfalls, wo ein Aufwiegen des getödteten Menschen mit Gold 
oder Silber stattfand, von welcher alten Sitte Grimm RA. 673 
berichtet i'). Bekannt ist in dieser Qnsicht die Bestimmung des 
bairischen Volksrechts I, 1, 10: „Si quis episcopum — ocdderit, 
solvat cum — secundum hoc edictum: flat tunica plumbea secun- 
dum statum eins et quod ipsa pensaverit auro, tantum dcmet qui 
cum occidit*' (dazu Merkel p. 275). Eine bis zu dieser Höhe 
gehende Werthmessung eines stattlichen Prälaten weist in das 
^goldene"^ Zeitalter zurück und unbedenklich dürfen wir sowol 
das Aufwiegen mit Gold wie das erwähnte Ueberschütten mit 
Qold oder mit Waizen als uralt nehmen. Für Menschen wie für 
Thiere kam an die Stelle die Fixirung der Wergeld» in Gkld, 
wobei das Individuum in der Art aufging. Jene alte Schätzung 
tritt noch als Tradition früherer Sitte hie und da hervor, die 
neuere Form herrscht in den Volksrechten und Rechtsbüchem. In 
Betreff der Thiere ist zu vergleich^i mit L Alam. lib. sec LXXXiV 
und L Baiuw. I, 20, 21, der Ssp. m, 51. 

Eine Persönlichkeit ist den Thieren auch beigel^t, wenn sie 
in Ennanglung wirklicher Zeugen als Scheinzeugen vor Gericht 
aufgeführt werden. In verschiedenen nach Inhalt und Foni mit 
einander in Zusammenhang stehenden Rechtsdenkmäleni Basels 

«>) GriaiB, Wstk m, 712. RJL ans östeir. Pmat. § IS. 

<t) Strmfrecht der Laogob. S. 16. 

^ s ftsck Wackernagel m Haapt's Ztackr. VII, 134. 



143 

findet sich ein interessanter Fall der Art, zuerst im Stadtrecht 
von Liestal 1411, § 27. Ist jemand zu Nacht nach der Betglocke 
in seinem Hause überfallen worden und hat d^ Angreifer ge- 
tödtet, so bessert er nichts; ist der Angreifer wieder geflohen und 
wird des Frevels wegen geklagt, der Angegriffene hat aber kein 
Hausgesinde au Belastungszeugen, hatte aber einen Hund zu der 
Zeit als er hdmgesucht wurde, so soll er denselben nehmen an 
ein Seil und dr^ Halme von seinem Dach und vor Gericht kom- 
men ; hatte er keinen Hund, sondern eine Katze hinter der Herd- 
statt oder einen Hahnen auf dem Sädel, so nimmt er eins von 
den zweien, welches er will, an den Arm xmd vollführt den An- 
klagebeweis. Die drei Halme vom Dache sind hier das Symbol 
des Hauses, dessen Friede gebrochen war^^), der Hund od£r die 
ELatze oder der Hahn vertreten das Hausgesinde und können als 
Scheinzeugen angesehen werden. Joh. von Müller, der den Fall 
nicht ^enau der Quelle gemäss berichtet ^^), meint, die Tbiere 
seien hier genommen „in dem Glauben, dass ihn Qx>tt strafen 
könne durch die geringste Creatur^, und ihm ist Grimm ^^) ge- 
folgt Mir scheint jene Erklärung einfacher und natürlicher zu 
sein. In der Landesordnung von 1611, Art 68 ist die merkwür 
dige Bestimmung noch vollständig erhalten; in der Landesordnung 
von 1654 sind die Thiere nicht mehr erwähnt 

In einem ganz andern Fall wird ein Thier unter die Zeugen 
eingereiht, wenn Ruprecht von Frejsing H, 49 von dem Stück 
Vieh, mit welchem sich ein Afensch verunreinigt hat, sagt: ^das 
soll sein der ander zeug^. 

Dass nicht bloss ein Gebäude, in welchem Nothzucht verübt 
war, niedergebroohen werden, sondern alles Lebendige, das sich 
in dem Hause befand, getödtet werden sollte (Ssp. HI, 1), könnte 
man als Ausdruck des Absehens gegen dieses schwere Verbrechen 
nehmen und mit vollkommenem Recht ^'^), aber mehr noch als 



*^} Rochhols, Schweizersagen aus dem Aargau II, 278 sieht in der 
UeberreiehuDg eines vom Dache gebrochenen und dem Richter dargebot-enen 
Strohhalms eine Beurkundung des Klagerechts, was denn die weitere juristi- 
sche Folge auf Grundlage des Symbols wäre. 

i<) Qesoh. Schweiz. Eidgenossenschaft III, 2, Anm. 502. 

^6) Ztschr. für gesch. Rechtsw. U, 80; R.A. 588. 

»0 Berner, Lehrb. § 190. 



144 

aus dem Ssp. tritt aus dem Schwsp. für die Bebandlung der Thier^ 
eine weiter gehende Auffassung hervor **). Im Schwsp. 209 W. ist 
zuerst gesagt, man solle den Leuten, welche das Hülferufen det 
Genothzüchtigten gehört, aber ihr nicht beigestanden haben, das 
Haupt abschlagen; dann heisst es weiter: „man sol allez dae 
töten das in dem huse ist gewesen, liute unde yie, ros und rinder, 
hunde unde kazen, gense unde hüenre.^ Eis ist von Bedeutung, 
dass der Schwsp. die Behandlung der Thiere nicht mit dem auch 
sonst, ausser den Fällen der Nothzucht, gewöhnlichen Abbrechen 
des Hauses verbindet, sondern sie unmittelbar an die Ekithaup* 
tung der Leute anfügt, welche keine Hülfe geleistet haben, und 
richtig sagt Grimm <^): „Die Thiere sollen es gleichsiun büssen, 
dass sie der Geraubten nicht beigestanden oder durch ihr Geschrei 
keine Rettung herbeigerufen haben^. Als eine Hinweisung auf 
die den Thieren in jenem Falle der Nothzucht beigelegte Persön- 
lichkeit kann man es auch wohl nehmen, dass nach den Worten 
des Sachsenspiegels jedes lebende Wesen, also auch die Thiere, 
gradezu enthauptet werden soll. 

In merkwürdiger Weise ist selbst Geschöpfen aus dem Thier- 
reich, welche von den Hausthieren weit abstehen, eine Persön- 
lichkeit zuerkannt worden. 

Es mag noch hie und da in katholischen Landern vorkom- 
men, dass gegen schädliches G^thier mit dem geisdichen Bann 
eingeschritten wird; im frühen wie im späten Ifittelalter war die 
Kirche in dieser Kichtung sehr thätig. Aus alter Zeit wird vom 
h. Finnin, im Anfange des 8. Jahrhunderts erzählt, dass er die 
Insel Reichenau, bis dahin unbewohnbar und durch Schlangen, 
Kröten und giftige Würmer verpestet, gereinigt habe, dass, als 
er ein Kreuz auf der Insel aufpflanzte gegen alles giftige und 
teuflische Wesen, ganze Schaaren solcher Thiere sich zusunmen- 
rotteten, um in eiliger Flucht die Insel zu verlassen, und dass 
dann der üntersee drei Tage und drei Nächte lang vom Unge- 
ziefer ganz bedeckt gewesen sei ^). Es entstandoi im christlichen 



li) Ztschr. Ar deutsches Recht XVm, 99. 

^ Ztschr. Ar deutsches Recht Y, 18. y^ Homeyer, Strihn^ des Ssp. 
S. 81. 

M) Gelpke, die ehristUche Sagengeschichte der Schweis 8. SOS. 



145 

Mittelalter manche Beschwörungsformeln 21) gegen schädliches Ge- 
thier verschiedener Art und man veranstaltete feierliche Proces- 
sionen, wenn solches Gethier den Gewächsen Gefahr und Schaden 
brachte. Noch im Jahre 1732, als zu Sursee im Canton Luzern 
eine unerhört grosse Menge Würmer und Engerlinge die jungen 
Saaten, Ghräser und Blüthenknospen der Bäume verheerte, begehr- 
ten die Gnädigen Herren und Obern aus dem Kloster Füossen 
in Tyrol den Stab des heiligen Magnus, der zur Vertreibung des 
schädlichen Ungeziefers in grossem Rufe stand. Ein Pater des 
genannten Klosters brachte denselben ins Land imd ward in Sursee 
mit Geläut und Jubel empfangen. In einer Tags darauf gehaltenen 
Procession über die Felder wurden mit diesem Heiligthum Bcne- 
dictionen und Exorcismen vorgenommen ^2), — Die geistlichen 
Herrn schlugen aber mehrfach noch ein anderes Verfahren ein, 
um die schädlichen Thiere zu beseitigen: sie machten ihnen den 
Process ganz nach juristischer Regel und Form. Mehrere Fälle 
der Art erzählt Felix Hemmerlin in seinem Tractatus exorcis- 
morum seu adjurationum, und dfeser gelehrte Mann billigt solchen 
modus naturali quädam sagacitate adinventus et non carens ratione. 
Hemmerlin war Doctor der Rechte, nennt sich aber bescheiden 
decretorum doctor multum inutilis, was sein scharfer Kritiker, der 
das Exemplar, welches ich aus der Züricher Stadtbibliothek be- 
nutzte, mit handschriftlichen Glossen versah, in den Worten be- 
stätigt : „Hemerli prsepositus Solodorensis et canonicus Thuricensis 
vere multum inutilis". 

Als einst im Bisthum Chur, erzählt Hemmerlin, Inger und 
Laubkäfer Saaten und Bäume beschädigten, wurden sie dreimal 
edictaliter vor Gericht geladen. Da aber die Citirten wegen Klein- 
heit ihrer Körper und wegen Minderjährigkeit nicht erschienen, 
bestellte der Richter, damit die Rechte der Minderjährigen nicht 
verletzt würden — unter Beziehung auf bekannte Stellen des 
Corpus iuris civilis und canonici — ihnen ex officio einen Curator 
(curatorem, procuratorem , syndicum et oratorem certum ibidem 
existentem) in der Person eines zuverlässigen tüchtigen Juristen, 
der auf die Klage und die Forderungen der Landleute antworten 

31) Mone im Anzeiger fUr Kunde des deutsch. Mittelalters 1834, 277 ff. 
•*) Attenhofer, Sarsee S. 94. 

OsenbrUggen, rechtsgesch. Studien. 10 



146 

und ordmmgsfnäasig bis zur Replik Torgeh^i solle. Dieser machte 
für seine Clienten geUend, dass sie Greschöpfe Gh>ttes seien nnd 
seit unvordenklicher Zeit ihre Wohnsitze und ihr Recht dort ge- 
habt hatten; er stellte das Gesuch, sie nicht ihrer Nahnmg zu 
berauben und sie nicht anders als mit ihrer BewiUigong aus dem 
Besitz zu setzen, eventualiter ihn^i y<hi Grerichts wegen andere 
Wohnsitze anzuweisen. Und so geschah es. Alljährlich wird ihnen 
ein bestimmtes Stück Land (terrae portio certissima) reserrirt, dort 
treffen sie ein und niemand wird von ihnen belastigt Aehnlidies 
soll in Constanz vorgekonunen sein. 

Ein verwandter Fall wird aus Bern berichtetes). Die weise 
Stadt Bern, sagt Anshelm, von ihren Gkistlichen beredet, gab 
ihrem Stadtschreiber Thüring Fricker, der Rechte Doctor, im Mai 
1479 einen wohl ausgesjHtzten lateinischen vollmächtigen Gkwalts- 
brief unter ihrem Siegel, die schadhaften, räuberischen Inger, 
Eäf» und Würmer vor das geistliche Grericht zu Lausanne zu 
citiren, und der Bischof von Lausanne ertheilte seine Zustimmung. 
Der bestellte Ankläger verfasste ein weitläufiges Monitorium und 
es wurde dem Johannes Perrodetus von Freiburg, der zum Für- 
sprech der Beklagten ernannt war, geboten, seinen C!lienten die 
Ursachen ihres üebergriffs zu vermelden. Die geistlichen Väter 
verhörten die klagende und antwortende Partei den gewohnten 
Rechten nach, deren Terminos sie sehr fleissig und wohl in Ob- 
acht nahmen, und nach Erdaurung aller Ghründe und fleissiger 
Frwägung aller Umstände fällte bemeldeter Bischof formaliter 
folg^ides Urtheil: „Und darauf so haben wir in dieser Sach ge- 
urtheilet, aus Rath der Schriftgelehrten, und erkennen also in 
dieser Gkschrift, dass dib Berufung wider die schändlichen Wurm 
und Inger, die den Kräutern, Wunnen, Weiden, Korn und andern 
Dingen ganz schädlich sind, kräfdg sei und dass sie beschweret 
werden in der Person Johannis Perrodeti, ihres Beschirmers, und 
demnach so graviren und beladen wir und gebieten ihnen und 
verfluchen sie durch den Vater, den Sohn und den heiligen Gteist, 
dass sie von allen Felden, Erdreichen, Samoi und Früchten keh- 
ren sollen ohne allen Aufzug und also in Kraft solcher Urtheil, 
so erkläre ich Euch bannig und beschwert etc." Aber wiewohl 

9^ Anshelm's Chronik I, 206. Stettler's Chronik ly 278. 



147 

die Xnger als conttimaces und violenti raptores und conspiratores 
heftig gebannt wurden, blieben sie dennoch in ihrer Gtewerd und 
Posftssion. Dagegen soll im Jahre 1505 die nach förmlicher ge- 
richtlicher Verhandlung in Lausanne erfolgte Bannisation der 
Käfer wirksam gewesen sein. Auch gegen die Blutsauger, welche 
im See die Fische tödten, liess, nach Hemmerlin's Bericht, der 
Bischof von Lausanne processiren. H. Runge erwähnt in seiner 
werthvollen Abhandlimg „Adjurationen, Exorcismen und Bene- 
dictionen, vorzüglich zum Gebrauch bei Gottesgerichten. Ein 
Rheinauer Codex des XI. Jahrhunderts" (Mittheilungen der anti- 
quarischen Gesellschaft in Zürich Xu, 5. S. 186), der Anwalt 
des Volkes, als des E^ägers, habe in diesem Falle die Reinigung 
der Angeklagten durch die Probe des glühenden Eisens gefordert; 
allein ich vermuthe, dass diese Angabe auf einem Irrthum be 
ruht. Hemmerlin, auf den sich Runge bezieht, erwähnt diess 
nicht, und bei der Stellung der Kirche zu den Gottesgerichten 
wäre ein solcher Antrag auf das Ordal in einem geistlichen Ge- 
richte, selbst wo dieses in das Gebiet des Wahnwitzes führt, sehr 
auffallend. 

Zum Ketzer personificirt war der Hahn, welcher im Jahre 
1474 auf dem Kolenberge bei Basel lebendig verbrannt wurde, 
weil er überwiesen war, ein Ei gelegt zu haben. Dieses Stück 
aus der Strafreohtsgeschichte des alten Basels meldet der gelehrte 
„Kirchendiener" Johann Gross in seiner kleinen basler Chronik. 

Bei solchen Anschauungen, wie sie aus dem Mitgetheilten 
hervortreten, kann es nun auch nicht auffallen, dass man in und 
ausserhalb Deutschland Thiere, die einen Menschen getödtet hat- 
ten, ganz criminell behandelte und in der für menschliche Ver- 
brecher gesetzlichen Form hinrichten liess 24). 

Es gehören nicht hieher die Fälle der Bestialität, in denen 
das Thier mit dem Menschen verbrannt oder sonst getödtet werden 
sollte. Der Schlusssatz von can. 4, causa 15 qu. 1 verkündet den 
Grund der Vernichtung des gemissbrauchten Thieres: „Quaeritur, 
(piomodo sit reum pecus, quum sit irrationale, nee uUo modo legis 

«*) Eine Schrift von Berrlat-Saint-Prix, Rapport et rechcrches sur 
(es proc^B et jugemens relatifs aux animaux (Paris 1829) habe ich nicht ein- 
aehen können. Trümmer, Vorträge über Tortur etc. I, 882 theilt daraus einiges 
miij s. aneh Geib, Lehrbuch II, 197. 

10* 



148 

capax. Pecora inde credendnm est inssa interfici, qnia tali flagitio 
contaminata, indignam refncant facti memoriam^. 

Im Jahre 1574 wurde in Frankfurt a. M. ein Schwein, das 
ein Kind in der Wiege getödtet hatte, auf obrigkeitlichen Befehl 
vom Henker erschlagen^. Interessanter sind einige französische 
Fälle, in denen das Verfahren gegen Thiere, welche der Tödtung 
eines Menschen schuldig befunden waren, so zu sagen, ganz 
menschenähnlich war. 

Bei Loriol, la France. Eure-et-Loire p. 108 (Paris 1836) 
lesen wir: 

Le 15 mars 1403, le bailli de Mantes fit ex^cuter une truje 
qui avait d^vor^ tm enfant Voici l'^tat des frais de Texicution 26). 

Pour d^pense faite pour eile dedans la geole, 6 sols parisis. 

Item au maitre des hautes oeuvres qui vint de Paris k Meulan 
pour la dite ex^cution, par le commandement et ordonnance de 
nostre dit maistre le bailli et du procureur du roi, 54 sols parisis. 

Item pour la voiture qui la mena k la justice, 6 sols parisis. 

Item pour cordes k la lier et häler, 2 sols 8 deniers parisis. 

Item pour gans, 2 deniers parisis. 

Total, 69 sols 8 deniers parisis. 

Le 18 avril 1499, le bailli de l'abbaye de Josaphat, com- 
mune de Lfevres, condamna un cochon k etre pendu pour avoir 
tu^ un enfant. ^Et en tant que touche le.dict pourceau, dit la 
sentence, pour les causes contenues et ^tablies au dict procis, 
nous le asrons condampn^ et condampnons k estre ex^cutä et 
pendu par justice, en la juridiction de mes dicts seigneurs, par 
notre sentence definitive, et k droit. 

Es wird selbst noch ein Fall der Art aus der Gegenwart 
angeführt in der allgem. deutschen Straf rechtszeitung 1861 No. 2: 
„Ein Kampfhahn griff vor Kurzem in Leeds ein Kind von einem 
Jahre und sieben Monaten an tmd brachte demselben Wunden 
bei, die den Tod des Kindes und demnächst auch den des Hahnes 
zur Folge hatten, denn die den Todesfall tmtersuchende Jury 
beschloss, der Hahn müsse sterben, und wohnte der Execution 



W) Lersner, Chronica (1706) p. 652. 

S6j Die Aehnlichkeit mit manchen Scharfrichtertaxen früherer Zeit ist 
deutlich, vgl. z. B. Hitzig» 8 fortgesetzte Annalen. N. F. Band V (1846) a 284. 



149 

persönlicli bei." Wer aber annehmen würde, „die den Todesfall 
untersuchende Jury" sei eine ordentliche (petty) Jury gewesen, wie 
sie über menschliche Mörder und Todschläger ein Verdict abzugeben 
hat, der wäre doch wohl in einem grossen Irrrthum. Man kann 
sich die Sache immöglich anders denken als dass nach englischer 
Sitte aus den zu dem Ereigniss herangekommenen Leuten sich 
eine Jury formirte, welche in der angegebenen Weise verfuhr. 
Oder sollte die vom Coroner zur Todtenschau (coroners inquest) 
zugezogene Jury den Spruch gefällt haben? 



VIII. Die TaUon. 



Mit Beziehung auf das bekannte SI MEMBRUM RUPIT der 
Xn Tafeln erklärt Festus die talio durch par vindieta. Bei 
membrum ruptum ist das tale, das Entsprechende, das Gleiche, 
ein membrum ruptum. In's Deutsche lässt sich talio zwar am 
besten durch Vergeltung oder Wiedervergeltung übersetzen, allein 
es ist rathsamer, für die folgende Untersuchung das Wort Talion 
festzuhalten, das im juristischen Sprachgebrauch eine feste Hal- 
tung hat und durchaus als eingebürgert in der deutschen Rechts- 
sprache betrachtet werden kann. Vergeltung und das tautologische 
Wiedervergeltung geht theils weit über das juristische Gebiet 
hinaus, theils wird es in der Sprache der deutschen Strafrechts- 
wissenschaft der Talion gegenüber als ein veredelter Begriff ge- 
nommen, so dass in dem Fortschreiten von der Talion zu der 
Wiedervergeltung als Folge der Rechtsverletzung ein Sieg der 
Gerechtigkeit liegt. Die Strafrechtstheorie von Hegel wie von 
Kant wird Vergeltungstheorie genannt; bei dem Worte Talion 
denkt jeder Jurist an bekannte Bestimmungen des mosaischen 
Rechts und die lex SI MEMBRUM RUPIT, also an eine speci- 
fische, materielle Gleichheit, an einen Rückschlag grade derselben 
Verletzung auf den Verletzer. Um den Unterschied der Talion 
und der Vergeltung deutlich hervortreten zu lassen, hat Bern er 
im Archiv des Criminalrechts 1845 S. 160 das Verhältniss von 
Tausch und Kauf in den Vergleich gezogen; er geht, nach dem 
Vorgange von Hegel, auf den Begriff des Werthes, als eines 
innem Gleichen, ein und gelangt zu dem Satze, dass der Ver- 
brecher die Strafe bekommen solle, welche sein Verbrechen werth 
sei. Bei der Talion glaubte man zwar auch dieses zu erreichen, 
man glaubte, zu einem membrum ruptum sei das Gleiche, also 
auch das dem Werthe der Verletzung Entsprechende, ein zweites 
membrum ruptum; aber indem so die Verletzung nur ganz äusserlich 



151 

aufgefasst, nicht die VerschtQdimg des Urhebers derselben ge- 
würdigt wurde, entstand bei scheinbarer, äusserer Gleichheit grosse 
Ungleichheit. Auch zeigt das hinzugefügte „ni cum eo pacit^, 
dass eine andere Form der Vergeltung nicht bloss daneben, son- 
dern davor Berechtigimg hatte, und so wie hier die Talion eine 
bedingte ist, so tritt sie auch sonst in der Geschichte des Straf- 
rechts selten rein auf. Unrichtig ist es aber, wenn Rein, Crimi- 
nalrecht der Römer S. 358, in Beziehung auf die XTT Tafeln 
sagt: „Talio ist nicht mehr wörtlich als materielle Wiederver- 
geltung zu nehmen, sondern als Abkaufen der talio, deren Schätzung 
freilich zunächst von dem Verletzten abhing." Die Anwendung 
der Talion ist durch das hinzugesetzte „ni cum eo pacit" redu- 
cirt, aber ihr Begriff ist derselbe geblieben. Sie mag, wo Einer 
dem Andern ein Glied abgeschlagen hatte, in Rom so wenig aus- 
geführt sein als das partes secare der Xu Tafeln bei dem Zah- 
lungsimfähigen, aber es wird kein Römer die talio anders als im 
Sinne der materiellen Wiedervergeltung verstanden haben. 

In welcher Weise und in welchem Umfange fin- 
det sich die Talion im altdeutschen Rechte aner- 
kannt? 

Eine Andeutung, wie diese Frage zu beantworten sei, gibt 
J. Grimm, R.A. 617, wenn er sagt: „Auch die Bussen, welche 
das Gesetz statt der Selbstrache erlaubt zu nehmen und zwingt 
zu entrichten, ruhen auf dem Grundsatz der Vergeltung, die aber 
in Deutschland niemals strenge Talion war, sondern Zurückfüh- 
rung des Schadens auf Geld und Geldeswerth", tmd hinzufügt: 
„Unter Deutschen war diess (nemlich eine Talion, wie sie nach 
mosaischem und altrömischem Recht für Todschlag und Leibes- 
verletzungen galt) nur im Fehdezustand möglich, d. h. wenn der 
Beleidigte keine Busse forderte oder der Beleidiger die geforderte 
nicht zahlte". Die so ausgesprochene Ansicht muss beim ersten 
Anhören auffallen, da ja in so vielen Stellen der deutschen Rechts- 
quellen eine Talion, wie die des mosaischen Rechts und der Zwölf- 
tafeln erwähnt ist, aber diese Stellen kannte niemand besser als 
Grimm, sein Blick beherrschte das ganze grosse Gebiet, und 
daher verdient jener Ausspruch die grösste Beachtung •). 

») S. auch W 11 da 8. 611. 



152 

§ 1. Wenn noch jetzt auf einige Arten der Menschentöd- 
tung die. Todesstrafe gesetzt ist, so kommt in den betreffenden 
Fällen zwar der Satz ^Leben gegen Leben** in Anwendung, aber 
durchaus nicht auf Grundlage der Talion, so dass grade deshalb 
das Leben des Einen vernichtet werden müsste, weil er das Leben 
des Andern vernichtet hat, sondern weil in den ausgezeichneten 
Fällen der Tödtung, wie bei einigen andern sehr schweren Ver- 
brechen, die höchste Strafe gerecht erscheint und als solche die 
Todesstrafe genommen wird. Ebenso dürfen wir auch nicht ohne 
Weiteres annehmen, dass da, wo im altdeutschen und älteren 
germanischen Rechte dem Mörder der Tod gedroht ist, diess ein 
Ausdruck der Talion sein soll, sondern wie oft bei Friedensbruch 
und bei den gegen das politische Gemeinwesen gerichteten Ver- 
brechen, erschien bei gewissen Tödtungen die Vernichtung des 
Thäters als höchste öffentliche Strafe nothwendig 2). Diese Ver- 
nichtung bestand nicht bloss in der Entziehung des Lebens, son- 
dern alles dessen, was seine Persönlichkeit ausgemacht hatte, 
daher die Einziehung seines Vermögens, die aber in unzähligen 
Rechtsdenkmälem zu Gunsten seiner Familie beschränkt ist'). 

Wir stossen aber in den altdeutschen Rechtsquellen auch auf 
Stellen, in denen die auf Menschentödtung gesetzte Entziehimg 
des Lebens des Thäters in einer Form eingeführt wird, welche 
das Princip der Talion erkennen lässt. 

Um nur eine Stelle aus den Volksrechten anzuführen, so ge- 
hört vielleicht schon hieher die lex Bajuwariorum U, 2: ^Si quis 
ducem suum occiderit, anima illius pro anima ejus mortem, quam 
intulit recipiat, et res ejus infiscentur in publico in sempitemum." 

Deutlicher ist diess in späteren Rechten. Oesterreich. Land- 
recht (13. Jahrhimdert) § 5 : „Wer den andern toet an Recht, da ge- 
hoert ein tod wider den andern, ein glidt wider das ander, er leg 
es dann mit guet oder mit gepet ab, und geb dem Richter dew 
wandl nach des Lands gewonhait" Hier zeigt die Zusammen- 
stellung vori „ein tod wider den andern" mit „ein glidt wider das 
ander" die Talion an. 

*) Ritter- und Landrecht der Grafschaft Berg § 6: „Die hoichste breicbe 
is dat lyfF^ (Lacomblet, Archiv für die G«sch. des Niederrheins I, 1 S. 83.) 

3) Alam. Strafrecht § 48. — Tomaschek, deutsches Becht in Oester- 
reich 8. 161, 201. 



153 

Augsburg 1276 S. 42, 54 hat ,,Lip wider Lip.*' 

In süddeutschen, besonders in schweizerischen Rechtsquellen 
wird die Talion bei der Tödtung oft durch den Ausdruck „bar 
gen bar" oder ,,baar gegen baar*^ bezeichnet. • 

Carl's IV. Rechtsbrief für Reutlingen 1349: „Wer den Todt- 
schlag thuet, wird er begriffen — so stellet man Par gegen 
Pare.*^ 

Dingrodel von Kirchzarten 1395 (Grimm, Wsth. I, 333): 
„Sieht ouch einer den andern ze tode und wird der begriffen, der 
den schaden het getan, da sol man bare gen bare stossen, 
ist das man klaget'^ 

Rechtsbuch von Memmingeh 1396 Art. 5: „und ist, das sy 
schuldig werdent, jr sje ainer oder mer, so sol man zuo jn rich- 
ten, baur gen baur, alz recht ist." Zu der Form baur ist 
zu bemerken, dass in dem Rechtsbuch taut für tat, raut für rat, 
aucht für acht u. dgl. vorkommt Lassberg, welcher in dem 
Stadtbüchle einer kleinen hohenzollem sigmaringischen Stadt, 
Haigerloch, dieselbe Form fand „das sol sin bauer gegen bauer", 
hat sich dadurch zu einem merkwürdigen Irrthum verführen lassen 
in Mone's Anzeiger 1837 S. 286. Er glaubt ein neues Rechts- 
sprichwort entdeckt zu haben, das sich bei Eisenhart nicht 
finde und ihm auch sonst nicht vorgekommen sei, nemlich „Bauer 
gegen Bauer''. Er erkennt zwar in der Wendung richtig den Aus- 
druck der Talion, deducirt dann aber weiter: „Die Bezeichnung 
des Jus talionis durch Bauer gegen Bauer muss damals in jener 
Gegend um so allgemeiner gewesen sein als sie sonst in einem 
Stadtrechte nicht wäre aufgenommen worden. Es scheint darin 
selbst noch eine Hinweisung auf die- alten Volksrechte zu liegen, 
worin die Strafe oder das Wehrgeld nach der Geburt des Erschla- 
genen verschieden war.** L. hätte die richtige Deutung schon bei 
Halt aus finden könn» und eine Beachtung süddeutscher Dia- 
lekte würde ihn wohl abgehalten haben, die Phantasie bis zu den 
Wergeldem der Volksrechte hinüberspielen zu lassen. Grimm 
hat gelegentlich den tiefen Ausspruch gethan, er möchte phan- 
tasielos weder Rechtsalterthümer noch Grammatik geschrieben 
haben, aber die Phantasie muss, wie bei Grimm, ein Corr^tiv 
in der Sprachkenntniss und in der Beherrschung des Quellen 
materials haben. 



154 

Richtebrief der Bürger von Zürich 1304 Art 16 a. (Archiv 
für Schweiz. Gesch. V, 161): „Ist aber dz der lantman einen 
burger ald einen andern lantman — ze tod slat, so git er 20 
march ze buosse. Wirt er aber nf der getat oder dar nach in 
unser stat gefangen, so sol man — ab im richten Bar gen 
Bar nach urteil.'' Dieser Art. 16 a. findet sich nicht in der älteren 
Becension des Richtebriefs, die vor 1300 gemacht ist, ist auch zu 
der jüngeren Becension erst später, auf einem angehefteten Blatte 
hinzugekommsn , wie der Herausgeber angibt. — Öffnung von 
Kyburg (zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts?) § 3: „Item wer 
den andern von dem leben zu dem tod bringt mit sin selbs ge- 
walt, wirt der begriffen, so sol man richten bar gegen bar"*). 
Ebenso die Öffnung von Neerach § 14. — Züricher „Satzung 
der Todschlagen" aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts (Schau- 
berg's Ztschr. I, 370): „So einer an dem andern — einen tod- 
schlag thuot, und derselb so den todschlag getan hat, nit zuo 
der notwer geträngt ist, der sol zuo stund wo er mag betretten 
vengklich angenomen und zuo sinem lib und guot, nämlich bar 
gegen bar gericht — werden." Hier ist von jüngerer Hand 
die Bemerkung hinzugefügt: „Dise Satzung bestuond kein lange 
zyt, sonders wart die alt widerumb angenommen." Die alte Satzung 
ist nach Schauberg's unzweifelhaft richtiger Bemerkung die 
auf S. 367 unter Nr. 2 abgedruckte, nach welcher der Todschläger 
der Stadt 20 Mark Silber geben und die Stadt räumen soll. Hiezu 
findet sich (im schwarzen Buch) die Bandglosse: „Es war vor 
baar gegen baar, mocht aber nicht erlitten werden." 

Stadtbuch von Baden 1384 (Argovia 1860) § 60, 64, 65: 
„ — wirt der gevangen, da sol nit nauch gon denn ein bar gegen 
der andren on gnad und sol sin guot unser herrschaft ver- 
fallen sin." 

Öffnung von Tablatt 1471 (Grimm> Wsth. I, 231): „Item 
wenn ainer ainen liblos tütt, mag man denn den sächer begryffen, 
so rieht man bar gen bar; tuett aber ainer den andern liblos 
in aym fryden*) imd ergryfft man jn, so rieht man zuo im als 
zuo ainem mörder." 

*) Bluntschli's (I. 410) Vermuthung, es sei hier nur von unredlichen 
Todschlägen die Rede, wird widerlegt durch die folgende Öffnung von Tablatt. 
8) Alam Strafrecht b. 218. 



165 

Stadtrecht von Liestal 1411 § 20 (Baseler Rechtsquellen ü, 
30, 128): ^wer den andern ze tode slacht oder suchet, da gat 
bar gegen bar." 

Stadt- und Amtsbach von Zug 1432 § 25 (Ztschr. für schwz. 
Recht I, 18): ,, — da sol man erteilen und richten bar 
gegen bar." 

Straf- und Bussenrodel der Höfe Wollerau und Pf&ffikon 
1484 § 15 (Kothing, Rechtsquellen der Bezirke des Cantons 
Schwyz S. 51): „da sol bar gegen bar gan." 

Wir haben in diesen Stellen die Wendungen „man stellet 
Par gegen Pare" — „man soll Bare gegen Bare stossen" — „da 
ÄoU Bar gegen Bar gan" — „man soll ertheilen und richten Bar 
gegen Bar". Halt aus, der kein anderes Zeugniss als das Privi- 
legium von Reutlingen in seinem Glossarium anführt, erklärt den 
dort vorkommenden Ausdruck durch: feretrum feretro, i. e. occiso 
iure talionis opponere. Damach wäre also die Talion hier in einer 
eigenthümlichen Weise, die man symbolisch nennen kann, be- 
zeichnet. Wenn man die mehrfach erscheinende Wendung „baar 
gen baar richten" für sich allein ansieht , könnte man geneigt sein, 
das Wort „baar" in einem ähnlichen Sinne zu nehmen als es in 
unserer Sprache meistens vorkommt *) , und in dieser Wendung 
eine Hinweisung auf das Wergeid sehen, aber dem steht Zeit, 
und Inhalt jener Zeugnisse durchaus entgegen, wie auch der 
Ausdruck grade der ältesten derselben. Die Erklärung von 
Haltaus, welche auch dadurch gestützt wird, dass in dem Rechts- 
buch von Memmingen das zweimal erwähnte „richten baur gen 
baur" in Zusammenhang gebracht ist mit dem Bahrrecht, ist un- 
zweifelhaft richtig, so dass also das nur bei der Tödtung vor- 
kommende „bar gegen bar" dem caput pro capite, anima pro 
anima, Leib gegen Leib, Hals gegen Hals (Rechtsbuch nach Dist. 
IV, 45, 27) entspricht. 

Im Jahr 1461 wurde Hans Vogler am Fischmarkt in Luzem 
enthauptet, weil er in der Stadt einen Bürger erstochen hatte, 
ungeachtet letzterer der Anfänger des Streites gewesen war, tmd 
nach dem Rathsbuche war im Erkenntnisse der Ausdruck ge- 

^) 8. auch Stadt- und Amtbuch von Zug 1566 § 46 (von Wetten) : „und 
bars gegen barem gesetzt wurde". 



1Ö6 

braucht: ^und rieht man bar gegen bar^. Wenn in diesem Falle 
die Hinrichtung erfolgte, obgleich Hans Vogler in der Nothwehr 
gehandelt hatte, wie Segesser H, 666 annimmt, so lag in der 
Talion ein sehr rohes Straf recht, aber wir kennen doch die Um- 
stände des Falles nicht zur Genüge. 

Die Talion bei der Tödtung ist zwar an den genannten Stellen 
nicht ausdrücklich als aus dem mosaischen Recht hergeleitet ein- 
geführt, wie an einigen im folgenden § zu nennenden Stellen, 
welche die Talion bei Körperverletzung betreflfen, aber sehr wahr- 
scheinlich ist es doch, dass das mosaische Recht die Quelle sei, 
dessen Talion, indem man auf ihr Wesen ^ nicht gründlich ein- 
ging, sich leicht ansc bloss an die germanische Blutrache. In dem 
alten flandrischen Recht, dessen betreffende Zeugnisse bis in das 
elfte Jahrhundert zurückführen, ist nach Warnkönig, flandri- 
sche Staats- und Rechtsgesch. HI, 1, S. 153, 159, die Talion einer 
der Fnndamentalsätze des Criminalrechts , imd die Fassung d^ 
Zeugnisse, aus denen er dieses Resultat zieht, erinnert zu sehr 
an das mosaische Recht, als dass nicht dieses als Quelle anzu- 
sehen wäxe. Keure von Grammont (1068?) § 11: „Prasterea si 
quis aUquem occiderit, vel membris truncaverit, caput pro capite, 
membro pro membro, nisi se defendendo hoc fecerit" Keure von 
St Omer (1127) § 20: „Secundum quantitatem — scilicet oculum 
pro oculo, dentem pro dente, caput pro capite.** S. auch Eexire 
von Incourt Art. 3 , von Diest Art. 1 , von Brüssel 1229 Art. 2, 
Yoa Hulpe 1230 Art. 1*). Auch der Schwsp. c. 172 vgL mit c. 
150 W. lässt sich dafür anführen, dass hier eine zeitweilige Re- 
ception des mosaischen Rechtes stattfand. 

Die Vergeltung wurde im alten germanischen Recht regel- 
mässig durch Geldbussen, bei der Tödtung durch die Zahlung 
des Wergeides bewerkstelligt; die Vergeltung durch Talion war 
ihm fremd. Erst wenn die Bessenmg nicht gezahlt wurde, hatte 
die allmälig immer weiter zurücktretende Privatrache Berechti- 
gimg. Von dieser Rache aus mochte die in die Hand des 
Richters gelegte Talion -r- „bar gegen bar richten, er- 
theilen^ — als ein Fortschritt angesehen werden, sie ruhte ja 

7) SaalBchfltz, das mosaische Recht II, c. 57. 

S) CoBtsem, du droit p^nal au XI 11. siöcle dans Tancieii duchö du Bra- 
bant (Gant 1857). 



157 

auch auf dem göttlichen Gesetze. Aber das göttliche Gesetz, für 
eine andere Zeit und ein anderes Volk gegeben, wurde nur ober- 
flächlich aufgefasst. Das müssen wir wenigstens annehmen, wenn 
die betreffende Darstellung des mosaischen Rechts bei den neuesten 
Bearbeitern desselben richtig ist. Dass das alte Compositionen- 
system durch die Reception der Talion nicht ausser Kraft gesetzt 
wurde, diese vielmehr an die Stelle der subsidiären Privatrache 
treten sollte, zeigt das oben angeführte österreichische Landrecht, 
in welchem die Talion bei der Tödtung nur als eine eventuelle 
hingestellt ist, so dass die Composition noch an erster Stelle stand, 
im Falle der Unfähigkeit oder Weigerung die Busse und Wedde 
zu zahlen, erst die Talion eintreten sollte. Dafür sprechen auch 
mehrere der in § 2 anzuführenden Stellen, welche die Talion bei 
Körperverletzungen behandeln. In den andern oben genannten 
Stellen, welche die Talion bei der Tödtung mit dem Bilde „bar 
gegen bar*^ bezeichnen, ist aber schon eine andere Auffassung. 
Die Talion ist dort nicht subsidiär, sondern dass „Leben gegen 
Leben" hingegeben werde, erschien als eine gerechte Strafe. Allein 
wenn sie angewendet werden sollte, sah man doch, dass sie als 
Princip durchgeführt der Gerechtigkeit nicht entspreche, daher 
hatte sie nur eine vorübergehende Geltung. Sehr belehrend ist in 
dieser Beziehung das oben aus den züricherischen Bechtsquellen 
Angeführte. Der Art. 16 a. ist eine Novelle zum Richtebrief, 
welcher die Talion nicht kannte , und in den angegebenen Rand- 
glossen zu den späteren Rathsverordnungen haben wir zuverläs- 
sige historische Zeugnisse, dass die Talion nur eine ephemere 
Geltung auf dem Papiere hatte. Es mochte auch kaum zur An- 
wendung der Talion kommen, wenn dieselbe gedroht war wie in 
der nicht gedruckten Gerichtssatzung von Brugg im Aargau 1620: 
„Welcher den Andern eines Glieds beraubt oder leiblos macht, 
da ist Glid um Glid, Baar gegen Baar, doch behalten wir uns 
Gnade vor und ist der Anfangt) hierin auch zu bedenken.*^ 

§ 2. Auf die Talion bei Körperverletzungen bezieht sich eine 
Reihe von Quellenzeugnissen, von denen mehrere dieselbe aus- 
drücklich auf das mosaische Recht zurückführen. 

L Stadtrecht von Ens 1212 § 5: „Si autem aliquis civium alicui 

^f Alam. Ötrafrecht § 73. 



158 

amputaverit manum yel pedem vel ocnlnm vel nasum vel aliquod 
tale membrum, judici pro pena det decem talenta, illi qui dampmim 
recepit totidem. Si vero is qui dampnnm fecit denarios habere non 
poterity judicetur de ipso secnndum legem oculum pro ocolo, ma- 
num pro manu, et sie de ceteris membris. — § 7: Item quicun- 
que alteri amputaverit digitum, vel ita vulneraverit, quod detri- 
mentum membrorum patiatur, judici det tria talenta, illi qui dampnuni 
pertulit tria. Si vero denarios habere non poterit, eodem modo 
puniatur etc.*^ Daran schliessen sich die wiener Stadtrechte 1221 
§ 10, 12, 13. 1244. 1278 § 13, 14, 16; von Haimburg S. 54 (Meil- 
ler); von Brunn 1243 § 9, 10. In dem Stadtrecht von Wiener- 
Neustadt *•) c. 19 ist die Form schon verändert: „De ampu- 
tatione meonbrorum. Item si nasum vel totam linguun ampu- 
taverit, det X talentajudici et suum nasum vel linguam redimat ab 
offenso sicut poterit. Quod si facere non potuerit, tunc de ipso 
secundum legem institutam a Domino judicetur i. e. nasum pro 
nasu, linguam pro lingua judex jubeat amputare, sed ex tunc sie 
punitus nihil plus dabit judici nee actori. Idem quoque dicimus 
de oculo, manu et pede et onmibus aliis membris, in quibus si 
reus non habens redemtionem nee remissionis gratiam reveniat in 
emendis apud offensum, tunc secimdum legem divinam puniat cum 
judex, et tunc nihil dabit de rebus suis judici nee oflfenso." 
Hieraus ist wichtig: 

1. Während in dem Stadtrecht von Ens nur gesagt ist: judi- 
cetur de ipso secundum legem OCULUM PEO OCULO MANUM 
PRO MANU, und diese lex dadurch schon sehr kenntlich gemacht 
witd, heisst es im Stadtrecht von Wiener-Neustadt: secundum legem 
institutam a Domino und nachher secundum legem divinam. 

2. Die Ausführung der subsidiären Talion fällt dem Richter 
anheim, wie im mosaischen Recht ^0, nicht dem EJäger, und darin 
tritt sehr deutlich der Unterschied von der Privatrache hervor, an 



10) Nach der gewöhnlichen Annahme stammt dieses Stadtrecht aus dem 
13. Jahrh. (1220—1230); nach v. Meiller's Yermuthnng gehört es, in der 
bekannt gewordenen Fassung^ erst dem Ende des 14. Jahrh. an, und fttr dies^ 
Yermuthung sprechen die bedeutenden Abweichungen desselben von den Stadt-* 
rechten derselben Familie. 

1^) Winer, blbl. Realwörterbnch Art. Beschädigung. — Saalschfitz 11, 
450, ^2j Amn. 567. 



159 

welche sich zwar die Talion anschliesst, aber als ein Fortschreiten 
von der Rache zum Recht. 

3. Kommt es zur Ausführung der Talion, so hat der Ver- 
letzer und Beklagte damit vollkommen gebüsst. VgL Schwsp. 150 
W. (176 L.) 

4. Wie die XII Tafeln die Talion auf das membrum ruptum^^) 
beschränken, so sehen wir in jener Gruppe von Stadtrechten, wenn 
sie auch nicht vollkommen im Detail mit einander übereinstimmen, 
die Talion zunächst fixirt für das Abhauen eines Gliedes ^^) ; daran 
reihen sich aber Lem imd Lideschaert (Wien 1221 § 11, 13.) 

n. Ausser dem die Satzungen des mosaischen Rechts buch- 
stäblich einführenden Gap. 172 W. (201 L.) des Schwabenspie- 
gels nimmt Gap. 150 dieses Rechtsbuchs unsere Aufmerksamkeit 
in Anspruch. Es heisst dort: „Swer dem andern den munt ab 
snidet oder die nasen oder diu oren, oder diu ougen uz stichet, 
oder die zungen uz snidet: dem sol man daz selbe tuon. swer 
den andern lemet, dem sol man die haut abe slan. Swer dem 
andern vinger oder zehen abe sieht, da hoeret umbe jeglichen 
vinger tmde zehen ein besunderliche buoze. der einem einen zant 
uz slaht, dem sol man daz selbe tuon. Man sol dem richter do- 
heine buoze geben swa ez also gerihtet wirt. unde büezet man 
aber jenem mit pfenningen, so muoz man dem rihter ouch mit 
Pfenningen büezen.'' Wenn man hiemit vergleicht das Stadt- 
recht von Augsburg 1276 S. 71 und verschiedene bayerische 
Rechte, so findet man zwar keine völlige Uebereinstimmung 
in der Bezeichnung der Körperschäden, bei denen die Talion 
(subsidiär) eintreten kann, doch wesentlich sind die Verschieden- 
heiten nicht. Allein sehr gross ist die Abweichung des Schwsp. 
Gap. 150 von dem entsprechenden Artikel des Sachsenspiegels IE, 
16. In diesem ist von der Talion noch gar nicht die Rede, denn 
wenn es im § 2, ähnlich wie im Schwsp. heisst: „Sve den andern 
lemet oder wundet, wirt he des beredet, man sleit ime de haut 
af", so sind da nicht Hand und Hand in Parallele gestellt, sondern 
das für Friedensbruch sehr gewöhnliche Abhauen der Hand soll 

12} Zu beachten ist auch, dass m. Mos. 24, 20 steht: „Bruch fürBruch, 
Auge für Auge, Zahn für Zahn^^, nicht wie Luther übersetzt hat: „Schade 
fftr Schade etc.« 

>3) Vgl. die Keure von Brüssel 1229 Art 2. 



160 

eintreten,! welches Glied auch gelähmt und gewundet sein mag, 
und grade an der Stelle, wo der Schwsp. die mosaische Talion 
einführt, setzt der Ssp. im § 5 als Folge die Zahlung des halben 
Wergeides. Im Ssp. haben wir also noch das Compositionensystem, 
im Schwsp., für den die heilige Schrift so vielfach benutzt ist, 
die jenes System für bestimmte Fälle zurückdrängende Talion. 
Der Spiegel deutscher Leute c. 114, 116 ist hier Nachbildung 
des Sachsenspiegels. Das Stadtrecht von Goslar 85, 23, 24 (Gö- 
schen), freilich nicht ganz übereinstinunend mit dem Ssp., hat 
auch noch das Compositionensystem festgehalten, sowie das Rechts- 
buch nach Dist. IV, 45, 26 (vgl. IV, 7, 4), aber Dist. 27 weis't 
ein Nebeneinander des alten einheimischen und des neuen fremden 
Rechts auf, welches als jus divinum leicht Eingang fand. — Unter 
den von Homeyer (1861) bekannt gemachten Extravaganten des 
Sachsenspiegels findet sich (S. 245) der Satz: „Bricht eyn man 
deme andern sine äugen uz ane recht, der sal syn gelden mit 
sinen ougen, ab he en mit rechte imderwindt", bringt also etwas 
dem Ssp. Fremdartiges. ' 

§ 3. An die Talion lehnt sich an ein anderes weitgehendes 
Streben, Symmetrie der Strafe mit dem Verbrechen äusßerlich 
stark hervortreten zu lassen. Obgleich der Sachsenspiegel tmd 
der Schwabenspiegel den Mordbrand mit der Strafe des Mordes, 
dem Rade, bedrohen, brach die schon bei den Römern für den 
erschwerten Fall gültige Ansicht sich Bahn, der Brenner müsse 
wieder gebrannt werden, tmd die Strafe des Scheiterhaufens ist 
auf Grund der P. G.O. noch in diesem Jahrhundert in der ursprüng- 
lichen Weise an einem Brandstifter bei Eisenach vollzogen wor- 
den *♦), In derselben Richtung liegt es, wenn Münzfälscher und 
Siegelfälscher „gesiedet" werden sollten (Rechtsbuch nach Dist. 
VI, 17, 4. Stadtrecht von Regensburg S. 55. Stadtbuch von Baden 
im Aargau § 51. Grimm, Wsth. I, 547), welche Strafe auch 
wirklich ausgeführt worden ist**). Langenbeck in der Glosse 

1^) Hitzig's Annalen XIV, 109. — Vgl. meine Monographie Aber die 
Brandstiftung S. 21. 

1^) Ducange v. Galdariis decoquere. — Alam. Strafrecht S. 91, 840. — 
Böhmer, fontes II, 9. — Pertz, Mon. Script XVII, 199. — Gassarns, 
Annales Augstburg. a. 1376. — Berchthold, hist. du canton de Fribourg H, 
59. — Matile, hist de Valangin p. 99 (Fall vom J. 1896). 



161 

zum hamburger Stadtrecht 1497 O. XV Hl, wo diese Strafe ge- 
droht ist, sagt: ^uth kumpt darvan, dath he bruket der val- 
scheit dorch dat sedent, umme witt tho maken den pennink mith 
dem winstene — darumme botet he wedder mit der pine des 
sedendes, alse dnsse text secht.^ 

Hieher gehört auch die in verschiedenen, aber mit einander 
verwandten Formen auftretende Bestrafung der Grenz- und Mar- 
kenfälschtmg *^) z. B. nach einem österreichischen Pantaiding : „Ob 
er aber auswürf einen Marichstein, der auszaigt zwayerlei herrn 
guter, so soll man in nemen imd setzn mit dem hawp in die grufft 
hinz an die gürtl und soll im die fuss kehm in die hoch und 
mit dremeln zustossen und soll im den Marchstain legen zwischen 
die pain, das man sech, dass ain gutes gemerk sei.^ 

Anklang an die Talion wie Ausdruck des dem alten Rechte 
eigenen plastischen Triebes und der Versinnlichung ist es auch 
und ganz besonders, dass an dem Gliede, welches gesündigt hatte, 
die Strafe genommen werden sollte *^. Nicht bloss das Abhauen 
der Schwurfinger des Meineidigen gehört dahin, sondern manches 
aus dem Bereich der verstümmelnden Strafen.^ Das Ausschneiden 
der lästerlichen Zunge kommt zwar nach Gr imm R A. 709 mehr in 
den Sagen als in den Gesetzen vor, allein in den Rechten des späteren 
Mittelalters ist es doch nicht bloss oft gedroht, sondern auch aus- 
geführt*®). Die magdeburger Schöffen billigten es nicht, als die 
Schöffen einer andern Stadt von einem Manne, der geäussert hatte, 
die letzteren Schöffen hätten an einem Tage Recht gesprochen, 
BXi einem andern Dingtage Unrecht, nichts Geringeres nehmen 
wollten als Hals und Zunge, mit welcher er das geredet habe *^). 
Die Missbilligung scheint aber in diese» Falle nicht eine allge- 
meine Verwerfung dieser Strafart gewesen zu sein, sondern dar- 
auf basirt, dass die Klage lautete, er habe die Worte vor geheg- 
tem Dinge gesprochen, der Beklagte aber nur einräumte, derglei- 

^^1 Grimm, R.A. 546. — Ztschr. fttr Rechtsgesch« I, 391; meine RA. 
aus öBterr. PantaidiDgen § 16. 

»y) Grimm, R.A. 740. — Wilda S. 610. — Graf und Dietherr, 
deutsche Rechtssprich Wörter S 339. 

IS) Schmeller IV, 271. — Alam. Strafirecht S. 93; R.A. aus österr. 
Paniaidingen S.52.— Würth, Stadtrecht von Wiener-NeusUdt 8* 87, 40, 72. 

19) Magdeburger Fragen (herausg. von B ehrend) II, 6, 1. 

Osenbrüggen, rechtsgesch. Studien. 11 



162 

eben seinen Freunden geklagt zn haben. — In österreichischen 
Weisthümem ^) kommen manche Fälle der Art vor. Der Banm- 
frevler soU die Hand, mit welcher er den Baum abgehauen 
hat, verlieren, nach einigen Stellen nur den Daumen, nach andern 
aber den Kopf (s. auch Grimm , RA, 515, Wsth. IV, 651, 660, 666, 
712). Den Lauscher am fremden Hause soll man mit den Ohren 
an das Fensterbrett zwicken. Wie die Hand des Baumfrevlers 
auf dem Stamme des abgehauenen Baums abgeschlagen werden 
soU, so das Haupt des Hausfriedensbrechers auf der Hausschwelle ^i). 
Von dem, der einen Achsennagel vom Wagen entwendet hat, heisst 
es: „diesem soll der Finger in das Loch verzwickt werden und 
soll mit ihm fahren so lange als er will.'' Der Widerruf von Schmä- 
hungen fand nicht selten in der Weise statt, dass der Schuldige 
vor' Gericht sich selbst auf das Maul schlagen, also gewisser- 
massen die Lügenworte wieder in sich zurückschlagen musste. 
(Grimm, RA. 143. Stadtrecht von Iglau § 44. Ofen § 254) 

In manchen der aufgeführten Fälle, in denen eine grausame 
Strafe gedroht wird, ist sogleich die Lösungssumme beigesetzt, 
an andern Stellen ausgesprochen, dass Gnade bei Recht stehe, 
z. B. in einem Waldweisthum (Grimm, Wsth. IV, 712): „imd 
wäre sach, dass einer einen bäum binnent der Kammerforst ohn 
Urlaub des burggrafens abhiept und kein gnade erlangen kunt, 
dann soll man sein rechte band mit derselbigen ax, damit er den 
bäum gehauen, uf dem stock, da er den Baum gehauen, abhauen, 
doch soll auch gnad dabei sein.^ 

§ 4. Weit früher als die Talion bei Tödtung und Körper- 
verletzung kommt im germanischen Recht ein ähnlicher Rück- 
schlag vor in einem andern Falle, den ich vorläufig als falsche 
Anklage bezeichnen will, obgleich diese Bezeichnung dess^i 
Umfange nicht ganz entspricht. 

Im mosaischen Recht ist über diese Talion nicht bestimmt, 
wohl aber über die Talion beim falschen Zeugniss (V. Mos. 19, 
18 ff.). Im römischen Recht ist calumnia oder böswillige Anklage 
ein fester Begriff und als ihre regelmässige Straffolge erscheint 
in der Kaiserzeit die Talion, so dass den calumniator grade die 

^^i R.A. auB öaterr. Pantafdingen 8. 52. 

^) Ueber die Bedeutung der Schwelle beim Hausfried^isbrach s. aueh 
besonders Rochhols in der.Argovia IV, 169. 



163 

Strafe treflFen sollte, welche im Falle der Ueberführung den An- 
geklagten getroffen habe^«). 

Von den germanischen Volksrechten haben die lex Salica, die 
lex Bibuaria, die lex Alamannonim und die lex Frisionnm diese 
Talion nicht. Die lex Sal. XVm und die lex Rib. XXXVm 
setzen auf die Anklage eines Unschuldigen beim Könige eine hohe 
Busse; die lex Fris. IH, 9 bestimmt, wer einen Andern Dieb 
gescholten hat und dann beim Ordal des heissen Wassers unter- 
legen ist, soll seine Hand mit 60 Schillingen lösen. Die lex Alam. 
Hloth. XLIV führt zum gerichtlichen Zweikampf hin in dem 
Falle, wo ein Freier einem Freien ein todeswürdiges Verbrechen 
angeschuldigt hat, es aber nicht beweisen konnte. Im langobardi- 
sehen Volksrecht leiten mehrere Stellen zur Talion hinüber (Ed. 
Both. 9. Rachis 10 med. Ghrimow. 7), in einem speziellen Falle bei 
Liutpr. 111 ist sie aber schon ganz rein zur Anwendung ge-* 
bracht 23). Allgemein und direct hat das Prinzip der Talion ver- 
kündet die lex Baiuw. Textus prim. IX, 18: „Si quis contra Caput 
alterius falsa suggesserit, vel pro quacunque invidia de iniusta 
accusatione commoverit, ipse penam vel damnum, quod alteri in- 
tulit excipiat." s. auch lex Wisig. VI, 1, 6. VI, 4, 5. VII, 1, 1. 
vn, 1, 5. 

Ueber den (aussergerichtlichen) Vorwurf eines Verbrechens 
überhaupt bestimmt das kleine Kaiserrecht 11, 21 : „Sagit ein 
mensche, ein laster uf daz ander, der sal es mit rechten gezugen 
zu bringen; tut er dez nit, man sal das laster an im richten, 
glicherwise als er selber ez getan heite. Sint gesc. stet: wer un- 
schulde zu schulden wil machen, den sal man richten nach der 
schulde. '^ s. auch das augsburger Stadtr. S. 68 Abs. 4 und das 
berliner Stadtbuch 1397 24). 

Wilda S. 960 ist der Meinung, der in germanischen Rech- 
ten vorkommende Grundsatz, dass den Verläumder d. i. verläum- 
derischen Ankläger die Talionsstrafe treffen solle, sei erst aus 
fremden Rechten eingedrungen. Dagegen hat Schauberg 2») sehr 

«^ Rein, röm. Criminalrecht S. 807 ff. — Geib, Gesch des röm. Cri- 
minalprocesses S. 578 ff. 

'3) Strafrecht der Langobarden § 62 

^) Fidicin, historlsch-diplom. Beiträge I, 186. 

W) Beiträge HI, 404. 

n* 



tu 

triftige Einwendungen gemacht, indem er zunächst zugibt, dass 
jene Meinung mit Rücksicht auf die lex Burgundicum, Bajuvario- 
rum und Wisigothorum richtig sein könne, dass aber der Ghnind- 
satz der Talion hier ein so nahe liegender und natürlicher sei, 
dass er gewiss ursprünglich in gleichem Maasse den G-ermanen 
wie den Römern angehörte; nach Wilda's eigener Anführung 
finde sich der Grundsatz im alten norwegischen Rechte, welches 
ihn doch wohl nicht dem römischen Rechte entlehnt habe, und 
zur Widerlegung Wilda's könne man besonders das häufige 
Auftreten des Grundsatzes in den altschweizerischen Rechtsdenk- 
mälem benutzen. Die letztere Bemerkung ist gewiss, neben der ^ 
Hinweisung auf die alten scandinavischen Rechte sehr wichtig. 
Wenn es sich um einen Gnmdsatz des mosaischen Rechts han- 
delte, so wäre eine Uebertragimg desselben in das altschweize- 
rische Recht wohl denkbar, hinsichtlich des römischen Rechts ist 
diess aber nicht wahrscheinlich. 

Schauberg hat die hieher gehörigen, überaus zahlreichen 
Stellen aus dem altzüricherischen Rechte sorgsam zusammengestellt 
und mit schätzbaren Anmerkungen begleitet. Blum er I, ^^, 
539, Anm. 16 gibt Belege aus den Rechtsbüchem der Urkantone^ 
Als wichtig ist noch hinzuzufügen, ausser einer Stelle des Richte- 
briefs von Zürich (ältere Recension S. 46, jüngere IH, 9) und 
des ältesten Bürgerbuchs von Luzern 1373 26) das Stadtrecht von 
Liestal 1411, § 28: „schuldiget einer den andern eines mordeö 
diepstals ketzerye roubes brandes oder derglichen Untaten und 
mag er das nit wisen mit syben unversprochenen personen, der 
bessert in sine fussstapfen und umbrisset man im die füsse oder 
erloupt imm den kämpf, ob man die gezügen als vorstat nit mag 
gehaben" 27), Das ältere Zeugniss im Richtebrief von Zürich lautet: 
„Swer offenlich vür den Rat gat und jemannen dur muotwillen 
beklagt ald leidet dur vynndschaft umb dekein unzucht du im 
nicht geschehen ist swas der schuldige zu buosse git als vil git 
der leider'^. Öffnung von Kyburg § 6: „Wer ouch den andern 
man oder frowen schuldiget und ziehet, das im ere libe oder glid 
antrifft, und das uff die selben personen, so er geschuldiget hat, 



«6) Segesser H, 617. 

«0 Basel Rechtsq. II, 32, 56, 89, 131, 392. 



165 

nit bringt, der oder die sol in sölicher gesi^huldiguotten personen 
fusstapfen stan und alles das dammb dulden und liden, das sy 
geduldet und gelitten müstend haben, ob es uff sj gebracht wor- 
den wÄre*^. 

Bei der Uebersicht dieses Apparats in den schweizerischen 
Rechtsquellen treten besonders folgende Punkte hervor: 

1. Die gerichtliche und aussergerichtliche Anschuldigung (Zu- 
reden, Zuredung) sind nicht ilberall streng gesondert. Die ausser- 
gerichtliche Anschuldigung eines Verbrechens ging in eine gericht- 
liche über, wenn der Anschuldiger den Zusatz machte, er wolle 
seine Angabe beweisen — „Ob dehein Mensche ze dem andern 
spreche : du bist ein morder oder ein Tiep oder ein Ketzer und 
wil dich des wysen etc." 28) 

2. Die Talion ist sehr passend mit dem Bilde von den Fuss- 
stapfen bezeichnet. Aehnlich in einem frankfurter Straffall vom 
Jahre 1479: „synen fuss an syn statt stelle", wofür in dem voran- 
gegangenen Falle von 1473 gesagt ist: „in die pyne und schult 
darinne er ym gerne rechtlichen bracht gehabt hette verfallen 
solle syn". ^) Jenes Bild ist aber nicht überall in derselben Weise 
aufgefasst und ausgedrückt. Das Ursprüngliche ist wohl „er soll 
in desselben Fussstapfen stehen." ^) Wenn es an einigen Stellen 
heisst: „er bessere ihm seine Fussstapfen", so ist da das halb 
ausgeprägte Bild und der Gedanke, dass die Besserung adäquat 
sein soll, zusammengeschoben. In der Landesordnung der Land- 
schaft Basel von 1757 Art. 180 ist noch der Ausdruck „der bes- 
seret in seine Fussstapfen", obgleich nicht mehr ganz rein, er- 
halten, dann aber eine Erklärung beigefügt, welche zeigt, daa» 
eine ^dere Rechtsfolge an die Stelle der Talion getreten war: 
„das ist, er muss solche Schmach- Worte wieder zurück nemmen, 
in sich schlucken und dem andern einen öffentlichen Wiederruf 
thun." Das Stadtrecht von Liestal hat eine ganz andere, merk- 
würdige Fortsetzung (s. oben S. 164). Das „Umreissen der Füsse" 
lässt sich vielleicht so erklären, dass, da Kläger und Beklagter 



<•») Segesser n, 682. 
«•) Thomas, Oberhof 8. 897. , 

3«) Grimm, Wsth. V, 80 Urkunde von 1448 bei J. von Arx, Gesch. 
des Cantons St. GaUen II, 609 Anm. b. 



166 

im Gericht auf bestimmten PlMzen und zwar sieh g^entiber 
staaden'^), im Fall sich die Anklage als falsch erwies, der 
Klager sofort umgewendet und an den Platx des Beklagten ge- 
stellt werden sollte. Man kann mit dem so anfgefassten Bilde 
in Verbindung setzen das von dem Kläger und Beklagten als 
Kämpfern gebrauchte Bild in den Formeln: Fuss halten, Fuss 
bei Fuss setzen etc^, und sachlich wie sprachlich gehört hie- 
her § 13 des rheingauer Landrechts: 7,Wer beym trank jeman- 
den mörder, dieb, verräther etc. schilt, und seinen fuss nicht 
dabej setzen wollte, der ist bussfaUig; setzt er hingegen den fuss 
dabej, kann aber hernach nicht beweisen, so verliert er seinen 
leib".») 

Dem lateinischen e vestigio entspricht, wenn es in den basler 
Bechtsquellen heisst: „derselb soll gleich im fussstapfen hinter 
dem gericht in haft genommen werden". So kommt auch vor: 
.,im Fussstapfen Bürgschaft thun" (Mone, Ztschi. IV, 295), „im 
Fussstapfen" appelliren (Rejscher, altwürttemb. Stat S. 549), 
„einen Vogt wählen drei stund in einem fussstapfen" (Grimm 
RA. 750 Anm.), ,,drei pott uff einer fussstapfen anlegen" (Grimm 
Wsth. I, 217), „die sollen sie geben, ee sie den fuess verwandlen" 
(Grimm Wsth. IV, 185 a. K). Nach dem alten Landbuch von 
Glarus § 113 soll der Gotteslästerer „von stund an in derselben 
Fussstapfen niderknüwen und das Erdrich küssen." 

3. Das alte TaUonsprinzip wurde allmälig abgeschwächt, in- ' 
dem eine Strafe an Ehre und Gut an die Stelle der TaUan tr^en 
konnte, auch indem eine Unterscheidung der schwereren und leich- 
teren Anschuldigungen gemacht oder darauf sehr stark Bucksicht 
genommen wurde, ob die Zuredung aus Leichtfertigkeit und im 
Zorn geschehen war, wo denn eine scmslige Ausgleichung gestattet 
wurde. 

4. Die Talion ist nicht bloss für die böswillige Anklage, die 



)■) Grimm RA. 808. vgL Grimm Wsth. V, 511 § 10: „~ wann dner 
ein fnrsprechen fordert, sol er in den llkssstapfen bliben ston nnd den fnr- 
sprechen nemen ; geschehe solchs nit nnd Tersndert den Fnsstritt oder voi^ingt 
sich nit wie recht ist etc.^ 

3S) Haltans S 578. 

^ Bodmann II, 625. — Lersner, Chronica & 497 a.£L 



167 

calunmia des römischen Rechts ^\ gedroht, sondern für die falsche 
Anschuldigung d. h. eine solche, die nicht erwiesen wurde. Daher 
heisst es in der Öffnung von Eyburg: „und das uff die selben 
personen nit bringt'', im Stadtrecht von Liestal: „und mag er das 
nit wisen^ und ähnlich in den sonstigen altschweizerischen Quel- 
len. Diese Auffassung tritt durchweg hervor in den Rechten des 
deutschen Mittelalters wie im alten germanischen Recht ^ — „si 
convincere cum non potuerit*^, „si non ptobaverit*', „si in proba- 
tione defecerit" etc. vgl. Ssp. I, 50, 1. Es liess sich zwar in vielen 
Fällen daraus, dass jemand die Wahrheit seiner Anschuldigung 
nicht gerichtlich erhärten konnte, der Rückschluss auf die Bös- 
willigkeit seiner Beschuldigung machen, aber doch nicht noth- 
wendig, und auf das Objective kam es eben an, ob er seine Be- 
hauptung processualisch durchführte oder nicht. In Luzem hatte 
jemand einen Knaben der Bestialität beschuldigt, erschien aber 
nicht am Landtage. Es wurde ertheilt, dass er „in denselben 
Schulden sje". ^^ 

Ein merkwürdiger Rechtsfall aus dem 15. Jahrhundert zeigt, 
wie weit bisweilen die Consequenz hinsichtlich der Talion bei 
nicht vollständig durchgeführter Sache ging. ^ 

Ein reicher Bürger von Breslau, Hans Rintfleisch, reiste seines 
Handels wegen nach Polen. Als er in der kleinen Stadt Ploczk 
(Ploczkow) im Wirthshause eingekehrt war, entwendete ihm der 
Wirth 500 Dukaten. Er belangte diesen wegen des Diebstahls 
gerichtlich. Aus Furcht vor der Marter bekannte der Wirih die 
That und erbot sich das gestohlene Geld wieder herauszugeben. 
Diess und sonst nichts weiter verlangte auch der Gast ; sllem die 
Richter und die Schoppen der Stadt drangen darauf, dass ihren 
Gesetzen ein Genüge geschehe, welche forderten, dass der Kläger 
den Dieb mit den Händen an den Galgen henken, oder, wenn er 
sich dessen weigerte, selbst vom Diebe gehenkt werden sollte, 



94) Pauli S. B, I, 5, 1: „caltunniosTia est, qui soiens prudensque per 
firaudem negoünm alicui comparat> 

35) 8, aber Strafrecht der Langob. § 62. 

96) Begesser 11, 693 Anm. 

97) 8. B. Klose, DarBteUang der inneren Verhältnisse der Stadt Breslau 
vom J. 1458 bis JBum J. 1526, herausg. von Stenzel im dritten Bande der 
Scriptores rerum Silesiacarum (1847). 



168 

wofern der dazu bereit wäre; welches der "Wirth augenblicklich 
zu thnn anf sich nahm. Da der Ghist dieses hörte, war er vor 
Schrecken ganz ausser sich, bat aufs Innigste, ihm doch diese 
Schande zu erlassen und bot ihnen das ganze gestohlene Greld 
an, wenn sie ihn nur ohne Schimpf lebendig fortliessen. Richter und 
Schoppen der Stadt aber erwiederten, sie dürften wider ihr Recht 
und Gresetz nichts thun. Da sah sich Hans Rintfleisch in die trau- 
rige Nothwendigkeit gesetzt, den Dieb selbst zu henken, wollte 
er nicht yon dem Diebe gehenkt werden. 

Hans Rintfleisch scheint bald nach dieser Begebenheit ge- 
storben zu sein (1478), allein die Üble Nachrede ging auf seinen 
Sohn Christoph über, so dass dieser, obgleich einem der ange- 
sehensten Geschlechter Breslaues angehdrig, in keinem städtischen 
Amte sich behaupten konnte. Nichts half ihm die Ton Seiten der 
Stadt Ploczk ausgestellte Urkunde über das mit Nothwendigkeit zur 
Anwendung gekommene Recht, nichts der Brief Königs Wladislaw's 
(1502), in welchem eine Pön yon 100 Mark feinen Silbers dem- 
jenigen gedroht wurde, der jene That des Vaters dem Sohne, 
seinem Greschlechte , Erben und Nachkommen aufrücken würde; 
die öffentliche Meinung war nicht zu bewältigen. 

Dieser Fall dreht sich zwar zunächst um eine polnische 
Rechtssitte, die aber in ihrem Kern ganz germanisch ist. Wenn 
es in der Chronik heisst: ^Hans R hat durch Zwang und Be- 
notigung des Rechten seinen Dieb und Beschädiger rechtfer- 
tigen müssen^, so sehen wir daraus, dass die Execution des 
Verurtheilten als Act der Vergeltung und Rache und als Schluss- 
handlung des Ton der Privatanklage beherrschten Processes auch 
noch unter diesem Prinzip steht Der Dieb wurde wie ein Schuld- 
ner dem bestohlenen und obsiegenden Kläger zugesprochen und 
musste, mit dem Halse, ihm die Schuld büssen^) (condemnare 
alicui aUquem). Eine solche persönliche Beziehung der Verurthei- 
lung tritt uns z. B. im augsburger Stadtrecht S. 47, 65, 66 in 
manchen Wendungen entgegen: der Ketzer wird Gott und der 
Christenheit gerichtet, der Münzfälscher der Stadt und dem Lande 

^) vgL Alam. Strmfrecht S. 28. — Vergleichen lisöt sich hiemit, dass war 
Sühne eines Todschlsgs jemand Lehensmann eines Ifitgliedes der Familie des 
Oetödteten werden konnte, s. sächsisches Lehnrecht 54 §2. — Homeyer, 
System des Lehnrechts S. 305. — Ficker, Heerschüd S. 7. 



169 

etc. Diese Wendungen lenken aber doch schon hinüber zu einer 
fortschreitenden Entwicklung des Strafrechts, welche an vielen 
Stellen beim Diebe und Mörder in einer wichtigen Formel auf- 
* tritt. Die Idee der Strafe als Folge des Friedensbruchs und Sühne 
für die Verletzung der Rechtsordnung machte sich allmälig, zu- 
meist bei den unehrlichen Sachen, in so weit geltend, als der 
obsiegende Kläger seinem Diebe nicht wie seinem G-eldschuldner 
die Schuld erlassen durfte, denn der Dieb war sein Dieb und 
des Landes Dieb, wie man auch vom Mörder sagte: sein Mörder 
und des Landes Mörder.'®) In einer Urkunde Kaiser Karl's IV. 
für Ravensburg von 1354 heisst es: „Ist das jemand für — gerichte 
einen Diep oder Rouber brenget mit der habe, die der gestolen 
hat oder geroubet, so sol und mag der cleger behalten uf den 
Heiligen, daz er sein Diep oder Rouber sei, oder daz er eyn 
schedlich Man sei sein und dez Landes etc."**) 

Dass die Hinrichtung oft dem obsiegenden Kläger anheimfiel, 
ist eine bekannte Thatsache **). Speziell auf das Henken der Diebe 
beziehen sich mehrere vonDreyer*^) angeführte Zeugnisse. Das 
Stadtrecht von Schleswig Art. 20 bestimmt: „De begript sinen 
deeff, de bringe neue mit den Händen uppe den Rüggen gebunden 
to dem Dinge und henge en*^, und in einem Vertrage der Eider- 
städter und Ditmarscher vom Jahre 1417**) heisst es: „Dejene 
schall ehm (den deeff) hengen, dem dat Guth gestohlen is". In 
dem von Dreyer**) erwähnten alten frisischen Landrecht ist 
aber dem bestohlnen Manne anheimgestellt, ob er den Dieb selbst 
henken oder solches mit seinem Gelde von einem Andern erkaufen 
wolle. Wer sich mit Geld zur Hinrichtung dingen liess, wurde 

39) Homeyer, Richtsteig S. 445. Fidicin, Beiträge zur Geschichte der 
Stadt Berlin 1, 155. Biener, Abhandlungen II, 31. Wächter, Beiträge S. 264. 

40) Oengler, deutsche Stadtrechte S. 371. 

4>) Grimm R.A. 882. — Ueher den Hintergrund dieser Sitte in älterer 
Zeit , wo der Yerurtheilte dem Sieger zu willkührlicher Behandlung übergeben 
wurde, s. Wilda 8. 167. Siegel I, 243. 

4S) Nebenstunden S. 181; Sammlung vermischter Abhandlungen I, 204; 
nl, 1429. vgl. Maurer, Gesch. des altgermanischen Gerichtsverfahrens B. 244. 
Grimm R.A. 882. Stadtrecht von Freiberg c. 23 in Schott's Sammlungen 
in, 216. 

♦5) Westphalen, Mon. HI, 1760. 

♦♦) s. auch Wiarda, Asegabuch S. 78, 



170 

mit andern Augen betrachtet als derjenige, weldier dieselbe ab 
einen Act der Sache nnd seines Bechts Tollzogi und die sich 
verbreitende Ansicht Y<m der ündurenhafügkeit eines Scharfrich- 
ters ist grossentheils darauf zurückzuführen^. Man kann in den 
Vergleich ziehen Aea Makel, welcher den gedungenen S^ampen 
anklebte««). 

Nach dem Schwsp. 113 W. 126, 135 L. soll nur der Fron- 
* böte hinrichten. Nach andern Stellen (Grimm Wsth. I, 385. V, 
512) soll, wesm kein Nachrichter vorhanden ist, der Büttel an 
seiner Statt ^nachrichten". Der olüge breskuear Fall ist ans einer 
Zeit, ak angestellte Scharfrichter schon gewämHch waren, und 
bei den Breslauem war bereits die Ansicht durchgedrungen, dass 
das Snrichten uberiiaupt eine ehrenrührige Handlung sei, wah- 
rend in Ploczk noch dk ahe Sitte bestand. 

Den interessantesten Punkt in jenon Rechtsfalle, die Alter- 
native, welche dem KLiger gestellt wurde, fuhrt die ygbi Bathe 
der Stadt I^oczk in dieser Sache ausgegangene lateinische Urkunde 
richtig auf das Prinzip der Talion zuräck: „a veteri apnd nos oon- 
suetudin^Bi certam fmfise: quod si quis aherum de furto, aüa de re 
capitaK, f adnore criminaliter convcanezit, a^ioDemque suam ita in 
tendit et prosequutus est, ut conventus super hujusmodi fnrio vel 
facinore convinceretur, et sie convictos ultimo suppKcio deputaietur, 
cum non esset lictor, qui justitiam exsequeretnr, qiee ador talem 
exsequutionem facere secundum convicti demerita vd sn^qidendo 
aut aBas, prout jure congruebat, ex eonsu^ndine cogebal de 
neeessitate, nisi periculum G<Mrporis et talionis penam vi A n fl o ct 
mcurrere*^. Es ist hier der Grundsatz der Talion bis zur ausser- 
sten Consequ^iz durchgeführt Hans K war als KLig» aufgetr^en 
und durfte nun nicht mebr zurücktreten; er musste „säne Klage 
v€llfuhien% die ^^B^hi fer t i gung*^ vnlbtandig kistm, woHfte er 
nicht als der untedkgende Thdl gehen. Dass der Dieb schuldig 
befinid^ war, genügte nicht; es f^he noch der ScUussact ixar 



4S) J&ger, a^wttiMtes 8tfdtew«3tt I, a SOS, ^i^^ S US, 



w cktei 4gT ifimmrhf Canatet g^ntiaifiBj utf dk 



171 

Rechtfertigung , die ^peinliche und endliche Rechtfertigung" ^, 
welche nach der in Ploczk noch nicht untergegangenen Sitte der 
Bestohlene an seinem Diebe selbst zu vollziehen hatte : diess war 
sein Recht und seine Pflicht. Hier ist ein Prinzip outrirt, welches 
nach dem Recht des Ssp. |und des Schwsp. das Maass der An- 
wendung finden soll, dass nur der im gerichtlichen Zweikampf 
unterliegende Kläger und wenn er die angefangene Klage nicht 
bis zum Urtheil vollführte, zu büssen hatte, s. Ssp. I, 53 § 1, 
62 § 4; n, 8. Schwsp. 348 W.*«) 

§ 4. Eine Anwendung der strengen unbedingten Talion auf 
einen speziellen Fall der falschen Anschuldigung tritt in den 
deutschen Rechtsquellen in ausgezeichneter Weise hervor, näm- 
lich der Fall, wenn jemand böswillig Andere des Diebstahls 
beschuldigte. Augsburg S. 67: „Stilt ein man im selber und 
zihet es andere lute. enbristet im der der sol stan in allen den 
schulden als der den er da geziegen hat unde ist des gutes 
sähzik oder drüber so sol man in henchen. Ist sin minner so sol 
man in an der schreiat slahen und durch die zene brennen". Der 
Schwsp. 192 W. 231 L. (Ruprecht von Freysmg I, 150; Kulm V, 
35; Stadtr. von Freysing S. 170) liefert ein Bild dieses Falles, 
den iie Rubrik mit den Worten „der im selber stilt" *^) einführt: 
„ünde ist daz ein man bi liuten sitzet, unde er hat in sinem 
biutele pfenninge, unde er snidet sin selbes biutel abe und birget 
den, unde zihet des die bi im sint gesezen; oder er nimet die 
Pfenninge uz dem biutel, unde gihet si habenz genomen etc." 
Am Schlüsse des Artikels ist als Grund der Talionsstrafe ange- 
geben: „daz ist von der grozen valschheit, daz er ander Hute 
gehoenet hat unde den ir lip wolde nemen". Ein Fall der erkann- 
ten, aber wegen der Interventiopi eines Bischofs nicht ausgeführten 
Talion auf diesem Grunde, findet sich im Anhange IV Nro. 1 
des bamberger Stadtrechts, bei Zöpfl S. 139. 

i^Haltausv. Rechtfertigung S. 1525. 

4i) Walter g 720. Homeyer, Extravaganten des Ssp. 8. 256. 

49) Die Yermuthung, zu welcher diese Ruhrik führen könnte, als sei nach 
altdeutschem Recht ein Diebstahl an der eigenen Bache möglich gewesen, ver- 
schwindet gänzlich, wenn man den im Texte des Artikels beschriebenen Bach- 
verhalt ansieht. Die in einer flandrischen Keure von 1226 § 19, 20 (Warn- 
könig II, 2, Urk. S. 246) mit einer hohen Busse bedrohten Fälle, enthalten 
. einen Eingriff in fremde Rechte, sind aber nicht als Piebstahlsfälle bezeichnet, 



172 

f 

§ 5. Eine Talion wie bei der falschen Anklage soll eintreten, 
wenn jemand den bei einer Sühne für sich selbst gelobten Frie- 
den dadurch bricht, dass er den dnrch die Sühne beseitigten An- 
spruch dennoch erhebt. In diesem Falle verwirkt er diejenige 
Leibesstrafe, welche er gegen seinen Gegner beantragt hatte, „des 
he over jenen gerede" (Richtrteig c. 41 § 9, dazu Homeyer 
S. 447). Hier' ist die Rechtsfolge für die besondere Form des 
Friedensbruchs in das Verhältniss der Talion gebracht, während 
Ssp. m, 9 § 2 gesagt ist, dass wenn ein Mann den Frieden 
breche, den er für sich selber gelobte, es ihm an den Hals gehe, 
im Gegensatz zu dem Falle, wo jemand den Frieden für einen 
Andern gelobt hat und nur in eine Vermögensstrafe verfällt. Jene 
Form des Friedensbruches gehört auch schon zu den Friedens- 
brüchen mit Werken, die an den Hals gehen, während der Frie- 
densbruch mit Worten „an die Pfenning" geht (prager Rechtsbuch 
130). — Sehr zu beachten ist übrigens für jene Bestimmung des 
Richtsteigs der Unterschied der Sühne und des für eine Zeit ge- 
lobten Handfriedens ••). 

§ 6. Der falschen Anklage steht nahe das falsche Zeugniss 
in peinlicher Sache, welches die P. G. O. Art 68 mit Talion 
bedroht (s. schon Hiunburg 1497 M. XH). Daran schliesst sich 
Art. 107 : „Wo aber eyner durch seinen falschen eyde jemand zu 
peinlicher straff schwüre, der selbig soll mit der peen, die er 
feischlich auff eynen andern schwüre, gestrafft werden*^. Einen 
solchen Eid kann aber nicht bloss der Zeuge schwören, sondern 
auch der Ankläger und der welcher sich für den Geschädigtm 
ausgibt. 

Die P. G. O. ist wohl hierin dem mosaischen Rechte^efolgt. 
Nach V Mos. 19, 19 soll dem falschen Zeugen in peinlicher Sache 
oder wo das Zeugniss die frevenliche Tendenz hat, jemandem an 
Leben, Leibe oder Eigenthum Schaden zu verursachen **), dadurch 
sein Recht werden , dass . man „ihm thue^, wie er gesonnen war, 
seinem Nächsten zu thun — Leben für Leben, Auge für Auge, 
Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuss für Fuss^. 

Ebenfalls der falschen Anklage verwandt ist der P. G. 0. 

<0) Co eisern a. a. O Gap, 3. 
«>) Baalschütz U, 440, 448. 



173 

Art 110 behandelte Fall der Schmähschrift Heffter, Lehrbuch 
§ 314, nennt die 1. nn. C. de famosis libellis nach der Auslegung 
der Glosse die unstreitige Quelle dieses Artikels, womit doch wohl 
zu viel gesagt ist Dass dem Redactor des Art. 110 (Bamb. Art 
134) für die Feststellung des Begriffs der „Schmachschrift** das 
römische Becht vorschwebte, ist nicht zu bezweifeln, da ja sogar 
die Erklärung „zu Latein libell famos genannt** beigegeben ist, 
aber hinsichtlich der Bestrafung weichen doch Art. 110 und 1. un. 
C. cit. bedeutend von .einander ab, indem diese lex grade die 
Talion nicht nennt Die Analogie der Talion für die falsche An- 
klage nach dem althergebrachten einbeimischen Rechte (s. oben 
§ 3) mag für den Art 110 bestimmend gewesen sein, zumal da 
die einheimischen Rechte die gerichtliche imd aussergerichtliche 
Anschuldigung nicht immer sonderten. 

§ 7. Ssp. n, 13 § 8: „Svelk richterc ungerichte nicht ne 
richtet, die is des selven gerichtes sculdich, dat over jenen solde 
irgan.** s. auch Weichbild XVII, § 4. Die entsprechende Stelle 
im Schwsp. 149 W. lautet: „Swelich rihter daz enrichtet, swenne 
cz im geklaget wirt, unde vor dem ez erziuget wirt: über den 
sol der herre rihten von dem er das gerihte hat unde also: syaz 
der rihter jenem solte hän getan, daz sol im der ober rihter tuon** 
(Ruprecht von Freysing I, 113). Diese Talion für den Richter, 
der (die im Vorhergehenden genannten) Ungerichte nicht richtet, 
wird in dem Text der Ausgabe Wackemagers mit den Worten 
auf das mosaische Recht zurückgeführt: „daz erziuget man in 
Moyses buochen, do in unser herre die einlif rihter hiez haben.** 
Bei Lassberg c. 174 steht dafür : „daz haben wir gut Urkunde in 
Moyses buche, also hie vor in disem buche stat**. Dass Moses elf 
Richter wegen verweigerter Justiz auf Befehl des Herrn habe 
aufhängen lassen, steht wohl nirgends ; möglich ist es jedoch, dass 
dem Schreiber jener historischen Notiz IV Mos. 25, 4, ^auf welche 
Stelle Wackernagel verweis't, vorgeschwebt hat, so dass er 
mit sehr gesuchter, künstlicher Combination daraus seine Notiz 
herleitete. Der Satz, wie wir ihn im Ssp. finden, enthält aber die 
Vorschrift einer so naheliegenden einfachen Ausgleichung, dass er 
sehr wohl im altdeutschen Rechte, ohne Zuthun eines fremden Rechts 
entstehen konnte, imd es scheint mir zu viel gesagt zu sein, wenn 



174 

Hälschner I, 41 diese Bestimmung eine Eigenthümlichkeit des 
Sachsenspiegels nennt. 

Wir finden dieselbe Richtung der Talion auch noch in dem 
Artikel des Schwsp. „von Ketzern", wo es heisst, c. 268 W. 
313 L.: „Swer wereltlich rihter über in ist, der sol daz gerihte 
aber in tuon , daz er über den kezer solde hän getan." Es ist 
nämlich vorher der Fall gesetzt, dass ein Richter Ketzer beschirme 
und nicht über sie richte. 

Die Strenge gegen den Richter und (höheren) Beamten, der 
absichtlich einen Gefangenen oder Verurtheilten entweichen lässt, 
ist zwar nicht immer, aber doch bisweilen in die Talionsform ge- 
bracht. Childeberti 11. regis decr. a. 596 § 7 (Pertz, Mon. leg. I, 
10): „Si quis iudex comprehensum latronem convictus fuerit re- 
laxasse, vitam suam amittat." cf. Capitulare Ticinense a. 801 § 4 
(Pertz, Mon. leg. I, 84).— Capit. Aquisgr. a. 813 § 13 (Pertz I, 
188) : „Ut vicarii munera ne accipiant pro illos latrones, ^ui ante 
comite iudicati fuerint ad mortem. Quod si hoc perpetraverint, 
tale iudicium sustineant sicut et latro iudicatus fuit; quia post- 
quam scabini cum diiudicaverint, non est licentia comitis vel vicarii 
ei vitam concedere." Vgl. Weichbild XVII § 4*2). 

§ 8. Ueber denjenigen, der einen wegen Ungericht Beklag- 
ten gewaltiglich dem Gerichte entführt, bestimmen der Ssp. ui;id 
der Schwsp. ganz gleichmässig. 

Ssp.'in, 9 § 5: „Sveltk man enen beklageden man um un- 
gerichte geweldichlike deme gerichte untvort, wert he gevangen 
mit gerüchte, he sal gelike pine jeneme liden. Kumt aver he 
enwech, man vervestet ine altohant, of man ine in der hanthaften 
dat gesen hevet unde bescriet mit dem gerüchte, unde man dat 
getügen mach." (Rechtsb. nach Dist. IV, 37. Hamburg 1270 X, 1»). 

Schwsp. 219 : „Swer einen beklageten man umbe ungerihte dem 
gerihte mit gewalt nimet, der sol in derselben schulde sin als jener 
was **). Ist aber das er in wider für bringet, er ist der schxddeledic : er ' 

»») John, I, 82. 

^) Ueber das alte Ifibische Becht b. Cropp in den crinünaUBtischen Bei- 
trägen von Hadtwalker und Trümmer II, 393. — Hach, das alte Ifibische 
Recht S. Ö38. 

«♦) Freibnrg im Br. 1520 fol. 97. 



17J5 

muoz aber dem rihter den gewalt büezen den er an dem gerihte 
hat getan" 55). 

Dass hier römisches Recht eingewirkt habe, ist nicht wahr- 
scheinlich, denn 1. 4 C. de cost reorum, die etwa in Betracht 
kommen könnte, insofern dort eine Art Talion gedroht ist, bezieht 
sich nur auf Gefangenwärter, über welche schon vor der P. Q-.O* 
Art. 180 in manchen deutschen Rechten eine ähnliche Bestimmung 
sich findet, wie in der Codexstelle z. B. Augsburg S. 106: „Ver- 
warlosten die sulzer daz der gevangen einer uz dem stocke chome. 
in swelher wise der hingienge von ir unbewärde. umbe swelhe 
schulde der in den stock wäre chomen. in denselben schulden sol 
er sin." Hier wie an andern Stellen W) ist die in (grober) Nachläs- 
sigkeit bestehende Pflichtverletzung der G-efangenwärter schon 
Ghrund des Eintretens der Talion, während diese in der P. G.O. 
nur dem Gefängnisshüter gedroht wird, der dem Gkfangenwi aus- 
hilft *^). Aber auch in früheren Rechten ist doch schon ein Unter- 
schied gemacht, ob der Wächter den Gefangenen absichtlich hat 
laufen lassen oder ob derselbe seine Unschuld darthun kann, was 
natürlich dann der Fall ist, wenn der Gefangene ihm mit Gewalt 
entführt wurde**). 

Aus der Zeit nach der P. G.O. bestimmt noch die (unge- 
druckte) Gerichtssatzung von Brugg im Aargau vom J. 1620 in 
der alten Weise über den Gefängnisswächter : „Wenn ein Gefan- 
gener aus den Banden entfleucht, alsdann soll der Amtmann, dem 
er entwichen ist, in sein Fussstapfen stahn und dieselbe Straf 
dulden, so der schuldig umb seinen begangenen Misshandel hette 
sollen leiden, es seye todlich oder leiblich." Dagegen droht diese 
Gerichtssatzung nur eine Geldstrafe von 50 Pfund Pfenningen, 
wenn jemand einen Gefangenen, der für Gericht gestellt wird um 
seinen Misshandel oder unterwegs wäre, dahin zu kommen, be- 
freien will. Diese Behandlung des letzteren Falles ist abnorm 



M) IHe Stelle in der Treuga Heinrici Art. 19, auf welche Lassberg zu 
Art. 267 zurückweist, steht hiemit iu keinem Zusammenhang, wohl aber L SaL 
Nov. 95, 803. 

««) Schwsp. 351 L. Grimm, Wsth. I, 669, IV, 105. Freiburg im Ücht- 
lande 1249 § 13. Thun § 8. Burgdorf § 23. 

*^) John 1,59. 

^ Wttrth zu Wiener-Neustadt § 98. 



176 

und lässt sich nur daraus erklären, dass man dem Mitgefühl, 
yielleicht für den Frennd, mehr einräumte als dem Rechte ge- 
mäss war; wogegen die Strenge in dem ersten Falle auf grobe 
Vernachlässigung einer Amtspflicht zurückführt 

Die Regel ist, dass, wer einen um Ungericht Beklagten mit 
Gewalt dem Gerichte entführt, nach der Analogie des Bürgen 
behandelt werdenjsoll. Das zeigt Ssp. IH, 9 vgt I, 65 § 3. Nach 
dem Ssp. hatte, wer sich verbürgte, einen um Ungericht Beklag 
ten Torzulmngen und dieses nicht kcmnte, dem Kläger das Wer- 
geld und dem Richter die Wedde zu zahlen. Der Schwsp. ist 
strenger ^) ; in den verschiedenen Texten finden sich aber hin- 
sichtlich dieser Strenge nicht unbedeutende Differenzen. 

Den Ghimdsatz der Gleichstellung des Bürgen mit dem Aus- 
gebürgten, der nicht vor Gericht erscheint, spricht allgemein aus 
Schwsp. 81 W. (100 lu): „er muoz allez daz liden, daz jener 
sollte liden^ und c 217 W.: „er muoz dieselben buoze liden, die 
jener liden solte, ob diu schulde uf in erziuget wirt, ez si umbe 
den totslag oder umbe ander schulde.*^ Dageg^i fahrt c. 255 L. 
nach demselben Anfange fort: „Ez sol nieman bürge werden umbe 
den totslag. wirt aber ieman- bürge umbe den totslag. man 
toetet in alse jenen. Daz ist also gesprochen, waz der man 
tot^) do er bürge wart den man lobete für ze bringen, er stir- 
bet für in. und wirt ein man bürge, eins mannes für ze bringenne. 
unde er hat einen gewundet der lebet dannoch. unde so er in für 
Inringen soL so ist er tot. er muoz an siner stat sterben, ob er 
in nicht für bringen mag. er habe danne mit Worten gedinget ob 



») Klenze, Lehrb. des Strmfv^rfahreiis & 56. — V. PUtner, dieBflrg- 
Schaft S. 75 ff. 

») Die SteUe ist unrichtig gedeutet v<m PUtner S. Sl: „Dieee Yer- 
bindlichkeit des Bttigen ging sogsr so w^t, dsss er selbst dann, wenn er den 
Yerbfligten nicht steUen konnte, weil er todt war, mit seiner Person Ar das 
Verbrechen des Yerbfibrgten haften mnsste.*^ Ans dem Zusammenhange tritt 
die Verschiedenheit der beiden FiUe hervor, ob der Verletate cor Ztit der 
Uebemahme der Bfligschaft schon todt war oder noch Idite. Nach dem Ssp- 
m, 10 § 1 hatte, wenn der nm ungericht Beklagte vor dem Termin seines 
Erscheinens im Gericht gestorben war, dessen Bürge nur den Todten an brin- 
gen nnd war dann ledig. — S. anch Fidicin, Beitri^ I, 109.— Homeyer, 
Stellang des Ssp. S. 82. — Stobbe, anr Qesch. des denfcaeken Vertngsreehts 
& 118. 



177 

er stürbe daz er nut buzste.*^ (S. auch Anm. 15. zu c. 217 W,) 
Hier haben wir die crasse Talion und die stärkste Anwendung 
der alten Parömie „Bürgen soll man würgen**. S. auch Stadtrecht 
von Ens 3, von Wien 1221 § 9, Haimburg S. 53, prager Rechts- 
buch 129. Gegen diese Strenge das brünner Schöflfenbuch Nr. 38. 

Das Verbot der Zulassung von Bürgen um Todschlag in 
c. 265 L. vgl. 152 stellt sich nach c. 277 L. vgl. c. 79 I als 
modificirt heraus: „der rihter sol deheinen bürgen nemen ane 
den clager. daz umbe den totslag ist oder umbe den rehten 
strazroub." Das hamburger Stadtrecht 1270 IX, 9. 1292 M. Vm. 
1497 C. XI verbietet die Bürgschaft für Diebstahl, Mord, Raub 
und dergleichen, wenn die That handhaft ist. Lappenberg 
weist darauf hin, dass hier ^ine gewisse Beziehung zum Ssp. DI, 
35 § 1 statthabe. 

Eine ähnliche Strenge wie gegen den Bürgen in dem ge- 
nannten Falle, die, wenn sie überhaupt je etwas mehr als. eine 
auf dem Papier stehende juristische Consequenz gewesen ist, bald 
der fortschreitenden EJrkenntniss von der Aufgabe des Strafrechts 
weichen musste, trat auch ein, wenn jemand einem dem gericht- 
lichen Verfahren oder der Strafe sich Ekitziehenden den Schutz 
seines Hauses gewährte, ohne die Bürgschaft für ihn übernommen 
zu haben. War ein aus solchem Grunde Flüchtiger in ein fremdes 
Haus gekommen, so war die erste Frage, ob der Wirth des Hau- 
ses ihn zur rechten Zeit dem Gerichte stellen oder überhaupt für 
ihn einstehen wolle. Statut von Arnstadt 1543 § 14: „das der 
hauswirt will dafür gut sein denen zu stellen zu recht. ^ Rechts- 
brief K. Rudolf I. für Solothum 1280: „dum tarnen is, ad domum 
cujus fugerit, velit ac possit pro ipso in judicio respondere et ad 
hoc idoneus inveniatur " Hiemach soll also nach der allgemeinen 
Regel geprüft werden, ob der Hauswirth sich zum Bürgen in der 
Sache qualificire. Aber auch wenn der Hauswirth nicht als Bürge 
constituirt war imd demjenigen den Schutz seines Hauses verlieh, 
den er nicht schützen durfte, so sollte gegen ihn eine Rechtsfolge 
eintreten wie nach strengem Recht gegen den Bürgen in dem 
oben besprochenen Falle, es soll ihn dieselbe Strafe oder Busse 
treffen, die seinen Schützling trifft oder treffen müsste**). Hen- 

61) Meine Schrift fiber den Hausfrieden S. 41. 
OsenbrOggen. rechtsgesch. Studien. ^^ 



178 

rici rV Imp. const. pacis Dei 1083: „Qai excommtmicatnm vel 
quibuslibet sceleribus damnatum sciens receperit et contra leges 
vel divinas vel humanas defenderit, sententiam damnati defensor 
ßubeat.** Friderici I. const. contra incendiarios 1187: „Quodsi nee 
dominus nee vasallus vel consanguineus fuerit, persequentibus 
cum stathn reprsesentet vel cum eo in eadem culpa sit.'* Bayerischer 
Landfr. 1244 § 86: „Item ubicunque inventus fuerit incendiarius, 
si qtiis eum servat vel detinet a iudicio, pene incendarii subja- 
cebit" (Landfr. von 1281 § 24.) Zwischen diesem Falle und dem 
des Bürgen besteht aber der wesentliche Unterschied, dass hier 
der Schutzgebende nicht bloss subsidiär und eventuell haftete, 
sondern wie sein Schützling neben diesem gestraft oder gebüsst 
werden sollte , denn er wurde schon als in dem Gebiet der straf- 
baren Beihülfe und Begünstigung (Colmar 1293 § 1) von Ver- 
brechen und Verbrechern stehend behandelt, während der Bürge, 
wenn auch gegen ihn bei Abwesenheit des Verbürgten das strenge 
Recht geltend gemacht wurde, an seiner Ehre unangetastet blieb ; 
s. Ssp. I, 65, § 3 mit der Glosse. Schwsp. 404 a. E. 

Es werden zwar in den altdeutschen Rechten die Fälle der 
Aufnahme eines noch nicht verurtheilten flüchtigen Verbrechers 
und eines (in contumaciam) Verurtheilten unterschieden, aber auch 
in dem letzteren Fall sollte nicht immer die vollständige Talion 
eintreten. S. Augsburg S. 64. In der luzerner Landgerichtsord- 
nung vom Ende des 15. oder Anfange des 16. Jahrh. heisst es: 
welcher diesen Todschläger (der „verrufen" und für erblos, elos 
und rechtlos erklärt ist) wissentlich in dieser Stadt Luzern huset 
oder hofet — der wäre in allen Schulden und Banden wie der 
genannte Todschläger „on allein den tod" *2). g. auch Landbuch 
von Schwyz S. 80. 

Als charakteristisch ist noch hinzuzufügen, dass von dem 
dauernden Schutze, den jemand einem vor der Rechtsverfolgung 
in sein Haus Fliehenden gewährte, dem „Hausen und Höfen", 
der augenblickliche Schutz unterschieden wurde, den die „gast- 
liche Liebe" und die „Hausehre" gebot ^). Schwsp. 233: „Ein 
jeglich man mac einen achter wol über naht behalden joch 



«») Segesser U, 710. 
^i) HausfHeden S. 64. 



179 

mit wizen, unde er sol in des morgens lazen riten. Daz ist ge- 
sezet durch des mannes Husere.^ S. auch c. 132. Landfrieden 
Rudolf L von 1281 §,37. Auch persönliche Verhältnisse wurden 
dabei berücksichtigt. (Stadtrecht von Diessenhofen 12.) Nach der 
angeführten strengen const contra incendiarios ist der Burgherr, 
wenn er Lehnsherr oder Vasall oder Blutsverwandter des zu seiner 
Burg geflohenen Brandstifters ist, nicht verpflichtet, ihn den Ver- 
folgern auszuliefern, sondern er mag ihm helfen, dass er aus der 
Burg in den Wald komme oder sonst wohin, wo er Sicherheit zu 
finden glaube. 

§ 9. An die im Vorigen besprochenen Talionsfälle schliessen 
sich mehr oder weniger andere Fälle an, die hie imd da in den 
Rechtsquellen ^erwähnt sind. Wenn jemand durch Verrath eines 
Andern verloren hat seinen Leib und sein Gut, „da höret lip 
wider libe unde sol dem clager sin gut gelten oder sinen erben 
unde dem vogte bezzern an sine gnade" (Augsburg S. 54). Diese 
Bestimmung ähnelt sowohl dem Grundsatz von der Talion bei 
Tödtung als bei falscher Anklage. 

Nach dem Landbuch von Schwyz S. 75 soll ein Bestohlener, 
der sich mit dem Diebe vertädigte und mehr Gut von diesem 
nähme, als ihm gestohlen war, „in den schulden sin als der Dieb, 
der das Gut verstolen hat". Das Verbot mit dem unehrlichen 
Diebe au^sergerichtlich zu tädigen, wie es bei ehrlichen Sachen 
gestattet war ß*), ist sehr alt und schon früh finden wir dabei eine 
Hinweisung zur Talion. Pactum Childeberti 11. et Chlotharii IT. 
regum c. a. 593 (Pertz, Mon. leg. I, 7) § 3: „Qui furtum vult 
celare et occulte sine iudice compositionem acceperit, latroni 
similis est" Pertz, Mon? leg. I, 12 § 5. 84 § 7. Lex. Baiuw. I, 
9, 16. In der Satzung von Schwyz kommt aber zu der Ueber- 
tretung der allgemeinen Regel noch der schimpfliche Gewinn bei 
dem Abmachen in der Stille als erschwerend hinzu. 



Wenn man zwar bei Nennung der Talion zunächst an die 
specifische Vergeltung denkt, welche nach mosaischem Recht bei 
Tödtung und Körperverletzung, nach den XII Tafeln bei Glied- 
bruch eintreten konnte, ist es doch dem Buchstabensinn des Wor- 

6'«) Alam Strafreoht S. 81. 

12« 



180 

tes durchaus angemessen, auch die übrigen im Vorstehenden durch- 
gemusterten Fälle unter diese Rubrik zu stellen. Zum Begriff der 
talio gehören immer zwei Grössen, deren eine von der andern 
gedeckt werden soll, und bei sonstiger Verschiedenheit der Fälle 
ist überall ein Gesetztes, dem ein eben solches gegenübergesetzt 
wird, um zu vergelten. Ihrem Ursprünge und Herkommen nach 
sind aber die Fälle verschieden. Die Talion bei der falschen An- 
klage ruht auf einem Gerechtigkeitsgefühl und Glauben, dass ein 
solcher Angriff auf die Ehre und die Existenz eines Menschen 
auf den Angreifer zurückprallen müsse, wie es bei sonstigen An- 
griffen im Leben wehrhafter Menschen geschehe, und dieses Ge- 
rechtigkeitsgefühl hatten die alten Deutschen nicht von auswärts 
zu entlehnen. Die Talion femer in den mit der Bürgschaft zu- 
sammenhängenden Fällen ist so wenig aus der Fremde entnommen 
als die Bürgschaft selbst. Anders verhält es sich aber mit der 
Talion bei Tödtung und Körperverletzung. Dafür hatte das ger- 
manische und altdeutsche Recht eine andere Art der Ausgleichung. 
Als jedoch das alte Compositionensystem seine Festigkeit verlor, 
ein neues Strafrecht, auf einer andern Ghrundanschauung ruhend, 
wie es durch die fremden Rechte und die das Einheimische und 
Fremde vermittelnde P. G.O. demnächst geschaffen wurde, nur 
noch im Werden begriffen war, da machte sich zeitweilig die 
Talion des ius divinum als Princip geltend, konnte aber keinen 
Bestand erlangen, da sie zwar ein Maass der Vergeltung in sich 
tragend ein Fortschritt war von der maasslosen Privatrache , den- 
noch bei dem Vordringen des Posttdats der Werthschätzung des 
Verbrechens nach seiner innem Seite als ein noch rohes Straf- 
recht erscheinen, musste. Saal schütz führt einen bemerkens- 
werthen Ausspruch Salvador's über die mosaische Talion an 
und stimmt demselben bei: ,,la peine du tation est un principe 
plutöt qu'une loi. Comme loi, eile ne peut pas, eile ne veut pas, 
en g^n^ral, etre ex^cutee.** Dass man die Talion des gottlichen 
Gesetzes im deutschen Mittelalter so auffasste, ist nicht zu glau- 
ben, aber, wenn es sich um ihre Anwendung handelte, kam man 
doch zu einem ähnlichen Resultat, und sie hatte nur eine spora- 
dische vorübergehende Geltung in der Zeit, welche der Bildung 
eines neuen gemeinen deutschen Strafirechts als Gtihrungsperiode 
voranging. 



IX. Das Strafrecht ia Kaiser Udwig's Landrechtsbvcb 

▼OB 1346. 



§ 1. Wie überhaupt durch die Landfrieden der Boden für die 
Entwicklung des deutschen Strafrechts geebnet wurde, so in 
Bayern durch die Landfrieden von 1244, 1255, 6. Juli 1281 
8. September 1300, die schon nicht bloss die gewaltthätigen Frie- 
densstörungen in's Auge fassten, sondern darüber hinaus Anfang 
einer Strafgesetzgebung sind, während der von Kaiser Ludwig zu 
Augsburg am 4. October 1330 für Schwaben und Oberbayem 
errichtete Landfrieden sich als eine Abwehr gegen die gewöhn- 
lichen Friedensstörungen in engem Gränzen hält, wie das unter 
Kaiser Ludwig's Auspicien am 1. Juli 1340 zu Nürnberg einge- 
gangene Bündniss der Söhne dies Kaisers, der Bischöfe von Bam- 
burg, Eichstädt und Würzburg etcJ). 

Kaiser Ludwig ging weiter im rechtsgestaltenden Wirken für 
Oberbayern. Er bezweckte eine Gleichmässigkeit des Rechtszustan- 
des auf dem Lande und in den Städten und Märkten seines Hei- 
matlandes, und trat desshalb entweder zu gleicher Zeit mit einem 
Landrecht und Stadtrecht hervor, oder Hess doch das oberbayer- 
ische Stadtrecht sehr bal4 auf das (erste) Landrecht folgen. Dass 
dieses schon vor 1336 existirte, ist unzweifelhaft; Rockinger^) 
glaubt, dasselbe in einer bisher unbeachtet gebliebenen, aus dem 
alten Landesarchiv stammenden, unscheinbaren Handschrift des 

^) Diese Constitutionen sind gedruckt in den Quellen zur bayerischen und 
deutschen (beschichte Bd. V, VI; vgl. Zöpfl, Alterthümer des deutschen 
Reichs und Rechts II, 302 ff — Franklin, Beiträge zur Gesch. der Recep- 
tion des römischen Rechts in Deutschland (1863) S. 9. 

•t Zur äusseren Geschichte von Kaiser Ludwig's oberb. 
Land- und Stadtrechte. Vorgetragen bei der fünfundzwiinBigjährigen Btif- 
tongsfeier des historischen Vereins von Oberbayern am 26. Mai 1863 (aus dem 
XXm. Bande des oberb. Archivs besonders abgedruckt). Mttnchen 18^. 



182 

bayerißchen Reichsarchivs gefunden zu haben, und die Gründe, 
welche der glückliche Finder, ausgerüstet mit der Gelehrsamkeit 
um solchen Fund zu verwerthen, für seine Ansicht uns vorführt, 
sind im hohen Grade überzeugend. Einen Abdruck des ersten 
Landrechts aus der genannten Handschrift hat der Entdecker 
zwar noch nicht gegeben, aber seine genauen Mittheilungen über 
das Verhältniss des neuen Landrechts zu dem alten, wie des ober- 
bayerischen (münchener) Stadtrechts und des Stadtrechts von Frey- 
sing sind der Art, dass die Gestalt des alten Landrechts ziemlich 
deutlich hervortritt Warum es so bald durch einen Codex repetitae 
prsßlectionis verdrängt wurde, darüber lässt sich nur vermuthen'); 
dass es geschah, ist gewiss, indem das neue Landrecht von 1346 
und das oberbayerische Stadtrecht, der Absicht des Schöpfers 
gemäto, zu einer festen Herrschaft gelangten. Gerade darin ist 
die Hauptbedeutung der rechtsbildenden Thätigkeit dieses Fürsten 
zu sehen, dass er Land und Stadt möglichst in eine Rechtseinheit 
brachte, wobei zwar besondem städtischen Bedürfnissen Rechnung 
getragen werden musste, zumal von einem Fürsten, der die Ent- 
wicklung des Städtewesens in ihrer Nothwendigkeit für Bayern 
und für Deutschland erkannte und zu fordern sich berufen 
fühlte*). 

Die Grruppe der Rechte, in welcher das neue Landrecht die 
Mitte einnimmt, hat in strafrechtlicher Hinsicht manches Beson- 
dere, und eine Darstellung ihres strafrechtlichen Inhalts kann als 
Beitrag zur bayerischen Strafrechtsgeschichte wohl auch den An- 
spruch einer Vorarbeit zur künftigen wahren deutschen Strafrechts- 
geschichte machen. Das neue Landrecht von 1346, dem das ober- 
bayerische Stadtrecht — München, Aichach, Schongau etc.*) — 
zur Seite steht, hat seine Vorläufer und Ausläufer. Zu den Vor- 
läufern gehören ausser dem alten Landrecht die bayerischen Land 
frieden und die ständischen Freiheitsbriefe , und hie und da wird 



^ Rockinger S. 58. — Wo ich im Folgenden das ^Landrecht^ citire, 
ist das zweite gemeint. 

^) Rndhart, Abriss der Geschichte der bayerischen Qesetigebnng S 18; 
Chisl Freiherr v. Lerchenfeld, die altbayerischen landst&ndischen Freibriefe 
(Einleitung von Rockinger) S. CLXVII; F. v. Weech, Kaiser Lndwig 
der Bayer nnd König Johann von Böhmen (München 1860), S. 14, 109. 

^) Aner, Stadtrecht yon Mttnoheo, Eial § 3; Rockinger 8. 52; 70. 



188 

meine Untersuchung auf das alte bayerische Volksrecht ^) zurück- 
gehen müssen. Zu den Vorläufern gehört auch der Schwaben- 
spiegel nebst dem Landrechtsbuch Ruprechts von Freysing, mehr 
aber Vias Stadtrechtsbuch Ruprecht's 7) ; femer die Stadtrechte von 
München 1294, Ingolstadt 1312, Rain 1323 und 1332, und Be- 
rücksichtigung verdienen auch die Stadtrechte von Passau 1225, 
1300, Landshut 1279, 1341, sowie das Fridgerichtsbuch von Re- 
gensburg*). Von den Ausläufern tritt das Stadtrecht von Frey- 
sing, welches der Fürstbischof Albrecht 11. für seine Stadt auf 
Grundlage der Rechtsbücher Kaiser Ludwig's und des Stadtrechts- 
buches Ruprechtes formte, am nächsten zu dem Centrum heran ^). 
Das Stadtrechtsbuch Kaiser Ludwig's von Ligolstadt ist crimi- 
nalrechtlich nicht von Belang. Li den bayerischen Weisthümem 
finden sich Nachklänge des Landrechts, z. B. das Stück, welches 
Grimm HI, 657 aus der Ehhaft von Sindeisdorf in Oberbayem 
mittheilt, correspondirt mit dem Landrecht § 71. 

Das österreichische Landrecht bietet nicht selten Vergleichungs 
punkte, und auch andere österreichische, sowie alamannische Rechte, 
vor Allem das augsburger Stadtrecht von 1276, mussten wegen 
der Verwandtschaft Berücksichtigung finden. 

§ 2. Das Landrecht ist weit davon entfernt, in seinen straf- 
rechtlichen Bestimmungen ehi vollständiges Strafgesetzbuch zu 
sein, und so wenig alle Verbrechen angegeben sind, so wenig sind 
die öffentlichen Strafeu aufgeführt, die nach Ausweis anderer Quel- 
len im vierzehnten Jahrhundert in Uebung waren. Die seltene 
Erwähnung der bestimmten Strafen an Leib und Leben muss 
auffallen, wenn man nicht an den Hintergrund eines geltenden und 
bekannten Strafensystems zu denken hätte. So ist bei der Not- 
numft nur gesagt in § 56, man solle der Frau richten als Recht 
ist, wie im österreichischen Landrecht § 6, man solle ihr richten 
nach des Landes Gewohnheit (s. unten § 10); bei der Tödtung, 
ohne Unterscheidung von Mord und Todtschlag, ist nur Leib und 
Gut in des Herrn Hand gewiesen (§ 165) und dem Diebe ist nicht 

6) Im Citires der lex Baiuvariorum werde ich mich an den Textus primus 
der Ausgabe MerkeTs halten. 

7) S. die Einleitung zu Maurer's Ausgabe § 43. 

«) Freyberg's Sammlung histor. Schriften V. 65—88. 
9) Franklin's Beiträge S« 48. 



184 

der GbJgen gedroht« sondern der Richter soll einem fireien Mann 
zusprechen, welchen Tod der Dieb verdient habe. Der Freimann 
oder Nachrichter wusste, was seines Amtes war und dass Galgen 
für Diebe gebaut wurden (s. unten § 11'. 

Das Landrecht regulirt sehr sorgsam die Bussen, welche dem 
Gericht zufallen sollen und setzt der richterlichen Willkür in dieser 
Richtung feste Schranken; es ordnet eben so genau das Verhalt- 
niss der Entschädigung und Besserung für den Verletzten. In 
einem dem neuen Landrecht eigenthümlichen Satze, § 6, ist dem 
Richter verboten, andere und höhere Bussen zu fordern, als in 
dem Buche geschrieben seien, denn dieses enthalte alles was 
busswürdig sein solle; es wäre denn, dass fremdes Recht an die 
Schiannen komme, wovon das Buch nicht handle, das solle man 
an den Herrn bringen. Man erkennt hierin noch eine Anerken- 
nimg des Princips der persönlichen Rechte. 

Sehr gewöhnlich ist die Gerichtsbusse von 5 Pfund 60 Pfen- 
nigen (im Weisthum der Grafschaft Werdenfels, Grimm lU, 
661, die grosse Busse genannt), obgleich dieselbe im Landfrieden 
1281 § 3 auf wenige Fälle reducirt war : „Wir setzen ouch umb 
diu geriht, daz diu puozze von fünf pfunden und von sechzich 
Pfenningen 1^) ab sie, wan umb di sache, da si zuo gehöret von 
altem reht, daz ist diu lern und heimsuochung^ (vgl. Landfr. 1300 
§ 11). Aus dem Weisthum von Werdenfels sehen wir, dass von 
dieser Summe die 60 Pfenninge dem Unterrichter (Schergen?) 
zufielen, wie von der kleinen Gerichtsbusse von 72 Pfenningen 
12 Pfenninge dem Schergen gehörten (Landr. § 264, vgl. 257). 
Auf diese Weise erklären sich die unebenen Zahlen, denn so 
dürfen wir sie nennen, da ein Pfund 240 Pfenninge (denarii) 
hatte "). 

Eine mittlere Gerichtsbusse, die im alten Landrecht noch 
häufiger gewesen zu sein scheint'^), beträgt 3 Pfund 60 Pfen- 

10) Die Busse wird im Landrecht regelmässig elogefQlirt in der Wen- 
dung: ^em rihter sechzig und f&nf pfunt pfenning*^ (Orimm, Wsth. Ill, 
661: ^ie gross puess LX und fnnff pfundt Münchner pfenning^), wodurch 
Heumann in seinem Commentar (Opuscula. Norimb. 1747) sich lor Annahme 
einer Busse von 65 Pfunden hat verleiten lassen. 

i<) Schmeller I, 311, 318. 

^) Bockinger S. 22. ' 



186 

ninge, und aach die Bosse von 10 Schillingen (=> 120 Pfenninge) 
kommt oft vor, so besonders § 164. Aber am häufigsten ist die 
kleine Gerichtsbusse von 72 Pfenningen (60 -h 12), auch in den 
Landfrieden. 

Das Verhältniss der Gerichtsbusse zu der Besserung an den 
Geschädigten stellt sich in vielen Fällen so, dass beide gleich 
sind, ebenfalls häufig soll der Richter „halb als viel'' erhalten. 
Das Letztere ist namentlich der Fall, wenn den Geschädigten der 
Schaden mit der Zwigült (in duplum) zu gelten ist; (s. § 72, 
73, 74.) 

„Bessern an Leib und an Gut^, „Leib und Gut stehe in des 
Herrn Hand^, „benoten an Leib und an Gut", „dem Gericht schul- 
dig werden Leib und Gut*' etc. sind gewöhnliche Wendungen 
(Landr. § 55, 64, 78, 163, 165, 248, 254, 268), aber „Leib und 
Gut" ist so sehr Formel geworden, dass auch einige Male vor- 
kommt : „Der ist dem Gericht schuldig worden Leib und Gut und 
den Leib mit dem Gut zu lösen" (§ 57, 64, 331; Ruprecht 11, 
99), was nur den Sinn haben kann: Leib und Gut ist verfallen, 
d. h. der Leib ist mit dem Gut zu lösen, s. Regensburg S. 53: 
„verfeit dem Richter mit dem Leib und den Leib zu lösen mit 
dem Gut" »). 

In Betreff der Einziehung des Vermögens eines zum Tode 
Verurtheilten bildeten sich im Mittelalter verschiedene gerechte 
und humane Modificationen heraus ^^). Das neue Landrecht hat 
darüber mehrere Bestimmungen, die sich im alten Landrechte 
noch nicht finden, denn die wichtigen §§ 50, 44 haben hier keine 
entsprechendeji Artikel, Und der dem § 165 des neuen Landrechts 
correspondirende § 135 des alten sagt nur, Leib und Gut des 
Todtschlägers sei in des Herrn Gewalt und dem Richter komme 
die Busse von 5 Pfund 60 Pfenningen zu (s. unten § 7). Der 
§ 50 (Freysing § 36) lautet: „Ist daz ain man mit den rechten 
verderbt wirt, der auf ains Herren guet saezz, dez sol der Herr 
dhainen schaden nemen an seiner gtQt noch an seins guots recht 
und darnach soll der gelter der naechst erbe sein, darnach mag 

1^) In einem Vogteirecbte aus dem Ganton Bern (Orimm, Wsth. V, 29) 
heisst es: „vieli eioer lib und guot, so sol das guot dem libe helfen.^' 

^*) Alam. Strafrecht S. 102; Tomasohek, deutsches Recht in Oester- 
reich 8. 161, 200. — Wiener-Neustadt g 16, 16, 98. 



186 

der richter sich dez überigen varenten gnotz wol nnterwinden, 
und aigen und lehen ist der rechten erben." In kürzerer Form ist 
dasselbe ausgesprochen im oberb. Stadtrecht § 83. Es ergibt sich 
also folgende, auch in anderen Stellen bestätigte Reihenfolgen 

1. Die Herrschaft soll in ihren Forderungen und Ansprüchen 
keine Einbusse leiden, falls der schädliche Mensch ein Hof höriger 
ist oder in einem ähnlichen Verhältniss steht; s. auch § 49. 

2. Die auf seinem Vermögen haftenden Schulden sollen ge- 
tilgt werden. Das ist hier in die eigenthümliche Form gebracht: 
,,Der Gelter >*) (Freysing unrichtig: Gewer) soll der nächste Erbe 
sein"; s. auch § 44; Grimm, Wsth. HI, 659, 661; Böhmer's 
Regesten Kaiser Ludwig's 25. Juli 1315, 5. Öct 1319. 

3. Eigen und Lehen ist der rechten Erben ; s. auch § 51, 57, 
165; Grimm, Wsth. a. a. O. Das liegende Gut ist der Regel 
nach ruhendes Familiengut, im Gegensatz zu der beweglichen 
Fahrhabe. — Eine gänzliche Enterbung von Weib und Kind ist 
für die Tödtung mit Verletzung eines höheren Friedens ausge- 
sprochen, wo jemand in des Herzogs Hofe einen Mann zu Tode 
schlägt, in der Taidigung zwischen den Herzogen Ludwig und 
Otto vom 3. Sept 1293 § 4 und im Landfrieden 1300 § 5. 

4. Der Rest der Fahrhabe gehört dem Richter; s. Landr. 
§ 44, 50. In verwandten Rechten finden sich mehr oder weniger 
abweichende Anordnungen: 

a. Passau 1300 § 1: „Ist aber das ain todschlag geschieht, 
und über den gericht wirt, der ihn hat getan, so soll alles sein 
gut seiner Hausfrawn und seinen erben werden und beleiben" 
(Augsburg 1276, S. v49). Den Gläubigern geschieht dadurch na- 
türlich kein Abbruch, im Uebrigen kommt aber schon die Parömie 
zur Geltung: „Mit dem Halse bezahlt man alles" *ß). Freysing 
§ 118, abweichend vom Landrecht § 165 und oberb. Stadtrecht 
§ 126, nennt als Grund dafür, dass weder der Herr noch der 
Richter mit dem Gut der Erben des gefangenen Todtschlägers 
etwas zu schaffen haben, „wann sy genug verliessent an jrem 
frewnt oder an jren vater". 

b. Im ersten ständischen Freiheitsbriefe vom 15. Juni 1311 



««) Gelter = Gläubiger s. Landr. § 95, 96, 98, 99; Schmeller H, 41. 
>6) Vgl. Würth, zum Stadtrecht von Wiener^Neustadt 8. 36. . 



187 

§ 1, 2 ist nur ein Drittheil des Nachlasses der Hausfrau und den 
Kindern des verurtheilten Mannes zugesprochen. 

c. Nach Ruprecht II, 2 sollen Weib und Kinder des gerichteten 
Todtschlägers dem Herrn, dessen das Gericht ist, 32 Pfund büssen, 
das übrige Gut soll ledig und frei sein. 

§ 3. Ein Land- und Stadtrecht, wie das bayerische, welches 
in umfassender Weise den Rechtszustand ordnet, setzt den Land- 
frieden voraus und fasst schon die Handlungen, durch welche der 
Landfrieden gebrochen werden kann, als selbständige Delicte in 
dem sich bildenden, zwar noch unvollständigen, System der Ver- 
brechen auf, widmet aber der Friedensbewahrung als solcher seine 
Aufmerksamkeit in der Betonung der besonderen, höheren Frieden. 

Nach dem Vorgange der Landfrieden (1244 § 1 — 10, 1255 
§ 1—12, 1281 § 36—42, 1300 § 28 ff.) beschäftigt sich das 
Landrecht § 51—54 (oberb. Stadtr. § 130—133, Freysing § 37, 
38) einläs^lich mit dem Handfrieden '7); s. auch das Frid- 
gerichtsbuch von Regensburg, S. 75. 

Die Pflicht, Frieden zu gebieten und zu bewirken, wo Leute 
mit einander zu Krieg kämen, liegt nicht bloss dem Richter und 
den Beamten ob (Ldr. § 173, 168; vgl. München 1294, § 7; 
Ruprecht H, 13), sondern ist Bürgerpflicht (Ldr. § 178) und als 
solche am bestimmtesten hingestellt im Ehehaftrecht von Peitin- 
gau § 13: „Item ob zwen mit einander zu krieg khämen, und einer 
dem andern nicht fried wolt geben, so mugent in die nachgepaum ^*) 
wol biten, dass er frid geb. Wolt er aber nicht frid geben, so 
mugen die nachgepaum wol reden mit einem amtmann, dass er 
im frid piet. Wolt er aber den frid nicht halten, dem man im 
gepoten hat, so mag sich sein ein Herr wol unterziehen, seins 
leibs und seins guots, als lang unz er gern frid gibt'' (Grimm, 
Wsth. ni, 648). Das Friedversagen stellt auch unter hohe Busse 
München 1294, § 29. (Landshut 1312, § 24.) 

Die Rechtsfolge für den, der den Handfrieden gebrochen hat 
durch Schädigung an Leib und Gut, ist nach dem Landrecht: 

1. Er ist dem Gericht verfallen mit der Hand *3), und das 

^7) In den lateinischen Quellen ist der Plural treug» (manuales) Regel, 
Zur Sache vgl. Augsburg 1276, S. 74, 75; Oesterr. Ldr. § 57 (76), 
'8, Die Nachbarn sind, wie oft, die Gemeindegen osseq. 
»9) Pertz, Mop leg II, 301, SU § ?, 



188 

so oft sichtbare Streben nach Symmetrie berechtigt zu der An- 
nahme, dass die rechte Hand gemeint sei, mit welcher der Hand- 
frieden gebrochen wurde 20). Die Hand kann gelöst werden durch 
Pfenninge, aber nicht ohne des Anklägers Willen, denn zuerst 
soll der Ankläger, also der Geschädigte oder dessen Erben, ftir 
den eidlich erhärteten Schaden aus der Habe des Friedbrechers 
entschädigt werden. Von dem weiteren Vermögen nimmt der Rich- 
ter alle Fahrhabe an sich, aber Eigen und Lehen bleibt den 
Erben des Friedbrechers (s. oben § 2). 

2. Oft ist in den Friedensconstitutionen und ähnlichen Quellen 
ausgesprochen, dass der Friedbrecher geächtet werden 2t) oder 
rechtlos sein soll. So auch in den bayerischen Landfrieden 1244, 
§ 1: „exlex iudicetur ita, ut sententia nee expurgatio eins dein- 
ceps super aliquo admittatur.'^ 1255, § 1 : „rehtlos und elos sin 
also, daz weder sin urtail noch sin beredung furbaz nieman ver- 
nem." — 1281, § 36 (1300, § 28): „in der acht sin, und sol den 
schaden mit der zwigült gelten etc." Das Landrecht, den Fall 
behandelnd, wo der Friedbrecher nicht geflüchtet ist, schliesst sich 
an die beiden ersten Landfrieden an, insofern „der selb fürbaz 
nieman dez rechten gehelfen mag'', d. h. seinen Eid für niemand 
einsetzen kann^^). Allein vollkommen „elos und rechtlos'^ ist er 
doch nicht, denn nach § 53 soll er mit einer E^age und eine 
Klage gegen ihn bei Gericht zugelassen werden ^) (vgl. unten § 13). 

§ 4. Ausser dem Handfrieden sind noch andere besondere 
und höhere Frieden genannt. 

Die grosse Gerichtsbusse von 5 Pfd. 60 Pfg. ist im Landr. 
§ 177 dem gedroht, der freventlich mit bewaffneter Hand in eine 
Kirche läuft oder auf einen „Freithof" (Friedhof, Kirchhof) 
und eine Unzucht darin thun will oder thut (vgl. Passau 1300, 
§ 33); denn nach dem Landfrieden 1281, § 48 (1300, § 42) sollen 
E^öster, Kirchen, Widern, Vreithof, Mühlen ganzen Fried haben. 
Der hier erwähnte Frieden der Mühlen tritt neben dem Kirchen- 
frieden hervor in den Bestimmungen über Diebstahl im Landr. 
§ 35 (s. auch 1. Baiuv. IX, 2). 

M) Grimm, R.A. 706; meine R.A. aus österr. PanUidingen S. 52« 
«t) Pert«, Mon. leg. n, 314 § 3; Oesterr. Ldr. § 57 (76). 
») Alam. Strafrecht S. 105; Orimm, R.A. 893. 
^ VgL Budde, fiber RechÜoeigkeit etc. S. 4. 



189 

Der Gerichtsfrieden kommt in einer auch sonst sehr 
gewöhnlichen Weise vor im Landr. § 175 und im oberb. Stadtr. 
§ 332. 

Der Hausfrieden wird unten im § 19 von der Heimsuchung 
seine Würdigung finden; doch mag hier schon der damit zusam- 
menstossenden Hausehre gedacht werden**). Wer sich gegen 
den Heimsucher zur Wehr setzt, gebraucht sein Hausrecht und 
rettet damit seine Hausehre; aber das Landr. § 180 hat die Be- 
schränkung, dass nur, wer ohne Todtschlag seine Hausehre rettet, 
weder dem Gericht noch dem Heimsucher etwas schuldig sei, 
während nach anderen Rechten das Hausrecht in solchem Falle 
unbeschränkt ist. In einer anderen Richtung, als im Landrecht, 
ist die Hausehre gefasst in den verwandten Rechten, insofern 
Hausehre und Gastrecht sich berühren. Es bewährt sich der ethi- 
sche Factor des deutschen Rechts, wenn es im Stadtrecht von 
München 1294, § 33 (Ingolstadt 1312, § 30) heisst: „Swer ainen 
schaden tut, chumpt der flüchtiger in eins frum mannes Hus, der- 
selb frum man durch sin hausere sol in bergen und sol hinhelfen, 
choment sin veint hin nach, vor den sol er in bergen und be 
schirmen so er best mack ; chumpt aber der richter hin nach, oder 
sin boten, den sol er uftun sin haus und allez daz verspart ist 
in sinem haus, und sol in da lazzen suchen, und sol doch ienem 
hinhelfen ob er mack, und ist darumb nieman chainer buozz 
schuldig;" s. auch Passau 1225, § 13, 14; Landfr. 1300, § 38; 
Schwsp. 283 L. 

§ 5. Wenn einer „von dem Andern nicht Recht wollte neh- 
men", so führte das oft zu einer Fehde 2*) und diejenigen, welche 
nicht Recht geben noch nehmen wollten, traten damit aus dem 
Rechtsverbande, zeigten sich als Feinde der Rechtsordnung und 
gefährdeten den Frieden. Das Landrecht hat im § 55, der sich 
unmittelbar anschliesst an die Bestimmungen über den Handfrie- 
den, schon nicht mehr anerkannt, das eine solche Weigerung des 
Gegners, Recht zu nehmen, zur Fehde berechtige, sondern im 
Interesse der Rechtsordnung ist die Sache an der Wurzel gefasst : 
der Richter soll zwingend auftreten, und will der Rechtsstörer 



S4) 8. meine Schrift über den Hausfrieden 8. 16 ff. 
»«; Wächter, Beltr&ge zur deutschen Gesch. S. 49. 



190 

nicht den Weg Rechtens einschlagen, so soll der Richter ihn an Leih 
oder an Qnt henöten, bis er das Unrecht wieder gut macht, nnd 
die Besten des Landes, edel nnd unedel, Ritter und Ejuechte, die 
in dem Gerichte gesessen sind, sollen dem Richter behülflich sein; 
s. auch Passau 1300, § 6; Fridgerichtsbuch von Regensburg 
S. 73; Grimm, Wsth. HE, 661 ; herzogL Verordnung vom 5. Aug. 
1369 (Quellen IV, 497, 498). An der letzteren Stelle ist die Ge- 
fährlichkeit solcher Leute darin herausgestellt, dass sie den Mord- 
brennern, Mördern und Dieb^i coordinirt werden und ihnen das 
Land verboten wird. An einer andern Stelle 2ß) sind zusammen- 
gestellt: „Austretter, Notheidiger und Beschödiger, Mörder, Strass- 
räuber.** 

§ 6. In den Landfrieden und ähnlichen Quellen sind die- 
jenigen, welche das Land unsicher machen, regelmäsig als schäd- 
liche Leute (homines nocivi, dampnosi) bezeichnet (Landfr. 1244, 
§ 15; 1255, § 14 ff.; 1281, § 13; 1300, § 13, 14, 22, 50, 51; Taidi- 
gung von 1293 in den Quellen VI, 22), und wie gegen schädliche 
Häuser oder Burgen (Landfr. 1300, § 71) strenge Massregeln gegen 
dieselben angeordnet Nicht selten werden sie auch specificirt als 
Brenner, Mordbrenner, Räuber, Strassenräuber, Mörder und Diebe 
(Landfr. 1352, § 1, 13; Brandbrief 1374, § 2, 6), und auch die 
Heimsuchimg mit bewaffneter Hand gehört zu den Erscheinungs- 
formen der Fehde und des Landfriedensbruchs (s. unten § 19). 

Von einem anderen Standpunkte, dem gerichtlichen, ist es 
Gewohnheit des mittelalterlichen bayerischen wie österreichischen ^ 
Strafrechts, drei Sachen als Capitalsachen — „grozzez dinck, 
daz uf den tot geziuht", München 1294, § 29 — hervorzuheben. 
Die Herzöge Otto, Ludwig tmd Stephan erklären sich über den 
Blutbannn in einer Urkunde am 13. No<r. 1294 (Quellen VI, 60) 
mit den Worten: „iudicium sanguinis, quod est homicidium, fur- 
tum et coitus violentus ad nos pertineat^, tmd im Landfr. 1300, 
§ 99, 100 heisst es: „di dri sach, die zu dem tot ziehent, daz ist 
diuf, notnumft und totsieg. ^ Kaiser Ludwig gebot seinem Richter 
zu München, die dortigen Müller bei ihrer Ghiade zu lassen, die 

S6) Krenner, Landtagshandlungen XVI, 109; Schmeller I, 429. Auch 
die kr&fUge Bezeichnung „Landzwinger^ reiht sich hier an, s. Krenner, a. a 
O. Xn, 171; M. B. XXV Nr. 157. 

^) 8. meine RA. ans öaterr Pantaid. Q, 31 ff. 



191 

darin bestehe, dass sie kein Richter richten ^oUe, ausser um die 
drei Sachen, die an den Tod gehen, Diebstahl, Notnumft und 
Todtschlag; in anderen Fällen solle sie der herzogliche Kastner 
verhören 28); s. auch Stadtr. von Rain 1332, §7; Grimm, Wsth. 
in, 665, 669, 671, 672, 675, 676. Die Dreizahl 29) war hier so 
sehr Formel geworden, dass es an einer Stelle des ersten ständi- 
schen Freiheitsbriefes vom 15. Juni 1311 heisst: „an den dreu 
gerichte, di zu dem tod ziehent, deuf, todsieg, notnunft, straz- 
raub"; s. auch Grimm, Wsth. III, 659. 

Von dieser Regel gibt es jedoch Ausnahmen. Grimm, Wsth. 
in, 657 : „Item nota, quod iudex ducis debet iudicare ter in anno 
in villa Geroltzpach — et nihil aliud habet ibi iudicare nisi fluen- 
tem sanguinem et stuprum mulierum et furtum. Cetera omnia 
iudicare debet summus prepositus"; s. auch M. B. VUI, 519. 
Wichtiger ist die schon von Grimm bemerkte Aufführung von 
fünf Sachen in zwei älteren zusammengehörigen Urkunden von 
1172 und 1175 (M. B. V, 135; Xn, 346): Vehtat^o), Notnunft, 
Nachtbrand, Heimsuchung und Diebstahl; s. auch Regensburg 
S. 17, 110. Fünf Sachen sind auch^ in einer besonderen proces- 
sualischen Beziehung herausgestellt im Landr. § 1 (s. unten § 25). 

Für die Behandlung der einzelnen Delicte erscheint es mir 
zweckmässig, „das Malefiz der drei nändel" (Grimm, Wsth. 
in, 669) als Ausgang zu nehmen und daran die mehr oder weni- 
ger verwandten Arten anzureihen. 

§ 7. Die Landfrieden behandeln die Tödtung sehr kurz, 
indem sie nur bestimmen, dass, wer einen Menschen getödtet habe, 
das Leben (Haupt) verlieren solle (s. auch Quellen VI, 14, 24, 
111), wenn er nicht die Nothwehr beweisen könne (s. unten § 9). 
Das Landrecht § 165 (oberb. Stadtr. § 126; vgl. München 1294, 
§ 20; Passau 1225, § 9, 24) weist Leib und Gut in der Herr- 

28) Böhmer, Rfgesten K. Ludwig's des Bayern, 23 Oct. 1380. 

W) Grimm, R.A. 872 

30) Zöpfl, Alterth. I, 292, erklärt Vehtat als eine aus Feindschaft ver- 
übte Tödtung, denn „Tat" sei das jetzige hochdeutsche Tod. Schwerlich. Es 
kommt auch „vehdlich that" == feindliche oder Fehdehandlung vor in den 
bayerischen Landesfreiheitserkläningen III, 3: „Wir ordnen und setzen auch, 
das in unserm fürstenthumb kbain landman den andern mit absag und vehd- 
licher that gweltigklich angreiffen noch beschedigen soll"; s. das Wörterbuch 
zu Lerchen feld*8 altbayerischen landständischen Freibriefen (1858). 



192 

Schaft Hand, d. h. Leib und Gut sind der Herrscliaft auf Gnaden 
verfallen; aber hinsichtlich des Gutes gilt die Regel (s. oben § 2), 
dass Eigen und Lehen den rechten Frben bleiben, also nur die 
Fahrhabe der Herrschaft zufällt. Der Richter erhält die grosse 
i^usse von 5 Pfd. 60 Pfg. Das alte Landrecht § 135 hat nach 
einer gefälligen brieflichen Mittheilung Rockinger's die kürzere 
Bestimmung: „Siecht ainer ainen ze tod, leib und gut in des 
herren gewalt, dem richter 60 und 5 pfund regenspurger". 

Das Stadtrecht von Frey sing § 118 geht hier, im Anschluss 
an Ruprecht H, 1, einen etwas verschiedenen Weg. 

Obwohl in dem Landfrieden Mörder genannt werden, ist doch 
in diesem Quellenkreise der Unterschied von Mord und Todtschlag 
nicht erklärt Aber in dem Fridgerichtsbuch von Regensburg ist 
für die Unterscheidung insofern ein Anhalt, ab, nachdem S. 65, 
66, 78 über Manslacht bestimmt ist, in einem spateren Zusätze 
S, 80 der Mord als erschwerte Tödtung hervorgestellt und die 
Strafe des Rades nebst Schleifen zur Richtstatt gedroht ist 

§ 8, Nachdem die Landfrieden mancherlei über Leibes- 
Verletzungen und Körperaffectionen bestimmt, und aucli das 
Tragen gewisser Waffen als den Frieden geßdirdend unter atxesk- 
ges Verbot gesetzt haben, widmet das Landrecht § 164 ff. jenem 
Gegenstände eine genaue Sorgfalt Es kreuzoi sich hier zwd 
£intheilungen« 

L Vor Allem wird unterschieden, ob einer auf doi Andern 
geschlagen hat mit bewehrter Hand oder nicht, dann weiter, ob 
e^ eine scharfe Waffe war oder nicht 

L Wunden «mit gewaffenter Hand und mit schaiCm Ort^ 
das sichtig Pogwund^ti sind" — diese Yerbiiidang hArt mdirmals 
wieder J l&k 167, 169> und § 170 nennt ^skhtig ffieszcnt po^ 
wunden, die mit scharfem Ort geschehen and^^^ wie auch schon 
§ 1 ^fiiezzent Po^onden» die mit scharfem Ort gescbechcnt^ ; 
aber nichl selten werd^Ei R^wunden und dier^ende Wunden unter- 
schieden z. B. MOncheü lä»4. § 2?. 23 Jngolst 1312. § ld\ Das 
oberK l^^ladtr. d^finirt § 405: ^N^gwuaden sind, dBe maa madrt 
mit swerteiii« mit meza^m odtär mit amdereft waifes, die sdaeid 
oikr ^ktttr kabeii> m^i daz die wunden painschrat »d oder daz 
man ^ kHtl^i mnem odor gealacbm ■■mlim wd, £t atl i adhicb 
aem\ mid fäAot da» im § 4l>> fbit: ^Wer t^ 



193 

wundet mit Stecken oder mit Chnüttel, mit Stainen oder mit Fäu- 
sten oder mit Maulslegen etc."; s. auch Grimm, Wsth. III, 729, 
730. Es scheint hiemach die scharfe Waffe (das gespitzte Schwert 
Landfr. 1300, § 23; Hegensburg S. 13, 14) das Bestimmende der 
Pogwunde zu sein; aber etymologisch ist dieses fast nur der 
bayerischen Rechtssprache angehörige Wort damit nicht erledigt'*). 
Jetzt hat aber Grimm im Wörterbuch (anders als in den R.A. 
629) eine sehr einfache Erklärung gegeben, die man fast für ein 
Wortspiel halten könnte. Von den verschiedenen Formen, die in 
den Quellen vorkommen: Bogwunde, bogende Wimde, Pogwunde, 
pogente Wimden, pogentz Bluet, Pogenbluet mit Wunden, erfasst 
er die erstere und sagt : „Bogen, arcuatim fluere, im Bogen sprin- 
gen, von Blut und Wunden." Wo mit scharfem Ort (Spitze) ge- 
wundet wird, springt wenigstens oft das Blut im Bogen heraus 
und ist dann die Wunde eine tiefe und schwere. Das augsburger 
Stadtrecht 1276, S. 70 (s. auch S. 113) hat zwar auch den Aus- 
druck, legt aber nicht das Gewicht darauf, dass eine bogende 
Wunde mit scharfer oder spitzer Waffe verursacht werde. Das 
Wort mochte in Augsburg nicht heimisch sein und war es viel- 
leicht auch nicht im freysinger Dialekt, da das freysinger Stadt- 
recht dasselbe ganz vermieden hat. 

Nach § 164 des Landrechts ist eine Pogwunde zu bessern 
dem Geschädigten wie dem Gericht mit 10 Schilling Pfenning, 
nach dem oberb. Stadtr. § 404, conform mit München 1294, § 22, 
mit 3 Pfund Pfg. 

2. Verletzungen mit bewehrter Hand, aber nicht mit schar- 
fem Ort, durch Werfen, Schlagen, Stossen mit Kolben, Stecken, 
Steinen 32), belegt das Ldr. § 172 mit Busse von 2 x 10 Seh. Pfg., 
wenn Blutruns entstanden ist (vgl. 1. Baiuv. IV, 2; Landshut 1279; 
§ 11), son^t tritt nur die Busse für Raufen, Schlagen, Stossen 
überhaupt ein. 

3. Raufen, Schlagen, Stossen mit Händen oder Fäusten ohne 

3«) Einige Ältere Vcrstiche 8. in^keumanni Opusc. (1747) p 239. — 
Krenner, Anleitung zu dem näheren Kenntnisse der bayerischen Landtage 
8. 101, machte f&r das Stadtrecht von Ingolstadt aus Bogwunde, das er 
nicht verstand , B ä u 1 w u n d. 

3«) Vgl nürnberger Statuten in Siebenkees, Beitr. V, 207: „mit 
stecken oder mit stain oder mit dhainer slahte wer.^ 

Osenbrttggen, rechtsgesch. Studien. ^^ 



194 

Webr, es hube geblutet oder nicht, bedroht das Landr. § 171 mit 
der BuBse Tcm 2x5 Seh. 2 Pfg. Dagegen steht anf dieselbe 
Unzucht im § 179 dk Bnsse von 2 X 10 Seh. Pfg. wie im oberb. 
Stadtr. § 127 (Münchra 1294, § 24, 25; Ingoist 1312, § 19, 20; 
TgL Regensbnrg S. 72). Dieser Widersprach beroht in einer Nach- 
lässigkeit der Bedaction des nenen Landrechts, indon § 136 des 
ahoi Landrechts als § 179 in das nene herübergenommen, die 
Satsnng im § 171 des neuen Landrechts al^eandert ist**). 

4. Es reiht sich hieran noch das Zucken ron Schwert und 
Messer, und zwar steht auf Schwertzucken 36 Pfg-» auf Messer- 
zucken 24 Pfg. nach d«n Ldr. § 174. In ifanlicher Weise unter- 
scheidet auch Grimm, Wsth. IQ, 662, während andere Rechte 
(FrcTsing § 122; Passau 1300, § 13; Orimm, Wsth. 630, 644) 
keinen Unterschied machen**). 

Das oberb. Stadtrecht § 331 hat noch eine besondere strenge 
Satzung aber das lebensgefahiüche Werfen von Messer, Axt oder 
ein^ Waffe mit scharfem Ort; s. auch Grimm, Wsth. IQ, 661. 

n. Ein anderer, wenn auch rerwandter, Eintheflungsgrund 
ist die Schwere der Verletzung und darnach graduirt das Lmndr. 
§ 164: Beinschrot, Lem, al^eschlagenes GUed. 

1. Beinschrot == dem Klager und den Sichter je 3 Pfd. 60 Pfg.; 
TgL Grimm, Wsth. m, 644, 661: Merkel ad. 1. Baiuv. p. 290. 

2. Lem = je 5 Pfd. 60 Pfg. Die Gerichtsbasse v«i 5 Ptt. 
60 Pfg. hat auch noch das Weisthum der Grrafschaf^ Werd^ifels 
▼om Jahr 1431 (, Grimm HI, 661), und zwar gleichmässig fBr 
Beinschrot und Lem, aber ^don der schad geschieht, sol man 
seine schmortze und schadn widerkern *^; s. auch Grimm, Wsdi. 
m, 630; Frevsing § 124. — Passau 1300, § 20, nennt nur die 
Busse TOi| 5 Pfand an das Gkricht; aber die EntschädigaBg ist 
nicht ausgeschlossen, wie aus § 21 zu oitnehmen, wo gesagt wird, 
der Verwunder solle des Klagers Huld gewinnen. Der ältere Rechts- 
brief for Passau 1225, § 10, ist strenger: „Pro lesione membri 
membrum nocentis secundum instituta legalia ledetur"^. Die Talion 
flir Lem ist auch 8<mst in diesem QudlenkreiBe häufig. Hoford- 

3^ Boekinger 8. 5S 

M) Naeh ebier anderen, tiefen Aidbssn^ iet die Ve f w undiin g mit eteem 
Me ee er etnflMrer, nk die oh tSaum SAwerte, weQ das Meeeer etn ,^pUeb 
Were» Ist, s Homeyer, ExtraT des 8^. B. 144. 



195 

nnng 1293 (Quellen VI, 14): „ein todslag wider den andern — 
ein lern wider die andern.'^ — Landshut 1279, § 14: „Item mor- 
tem pro morte et perpetuam laBsionem, quae dicitur Lähm, pro 
perpetua l«esione, quantum judex tantummodo iudicabit." Auch 
München 1294, § 21 (Ingoist. 1312, § 18) stellt die Talion hin, 
setzt aber hinzu : „oder dem Statrihter dafür 5 Pfd. und 60 Pfg." 
Umgekehrt stellt Regensburg S. 71 (s. auch 78) die Busse voran, 
schliesst dann aber: „hat er, der pfenning nicht, so* sei ein lemp 
wider die andern." 

3. Das Landrecht lässt die Talio»35| erst eintreten für ein 
abgeschlagenes ganzes Glied, membrum ruptum, Hand oder Fuss 
oder Auge, gestattet aber die Ablösung durch die grosse Busse 
yon 2 X 5 Pfd. 60 Pfg. 

Das freysinger Stadtrecht § 119 flF., sich mehr an Ruprecht 
anschliessend, hat manches Abweichende. Für Lern ist nicht Talion 
gesetzt (Rupr. 11, 9) und das abgeschlagene Glied ist gar nicht 
erwähnt, was freilich Ruprecht thut; dagegen sind; wieder im 
Anschluss an Ruprecht 11, 11, den Verchwunden ^) zwei Artikel 
gewidmet. 

Für Pogwunden finden wir im Landrecht schon die Regel: 
„Pcena major absorbet minorem'^, und wir dürfen auch hier die 
Einheit des Streites als Bestimmungsgrund der Regel nehmen ^). 
§ 167 des Landrechts lautet: „Wirt ainer gewunt mit gewaffneter 
hant und mit scharffem ort, daz sichti|; pogwunden sint, und hat 
er mer wunten dann ainew, so sol man dem chlager und dem 
gericht nach der höchsten wunten pezzem, die er hat und der 
andern wunten nicht" Auch das Stadtrecht von* Freysing § 124 
deutet die Regel an. Weiter geht das oberb. Stadtr. § 305: „Swer 
dem richter zwaier puozz schuldig ist zu ainer stund um zwayer- 
lay tat, so habt sich der richter an die pezzern puozz, ob er 

Wil.** 38) 



3«) 8. oben 8 169. 

36) Merkel ad 1. Alam. p. 166, ad 1. Baiuv. p. 344. Alam. Strafrecht 
S. 233. 

37) Alam. Strafrecht Ö. 188; vgl. das Friedbuch von Mainz 1480, § 13 
(Mone»s Zeitschr VH, 11). 

38) Bei einer anderen Gelegenheit bUckt schon die Begel hervor in der 
lex Baiuv. X, 14, wo Merkel p. 309 auf Ed. Liutpr. 131 verweist; allein 

13* 



196 

§ 9. Die Landfrieden 1244 § 16, 1255 § 18, 1300 § 17, be- 
stimmen kurz, dass ein der Tödtong Angeklagter selbdritt die 
Nothwehr beweisen dürfe; s. auch Grimm, Wsth. m, 644. 
München 1294, § 28 (Ingolstadt 1312, § 22) hat schm den all- 
gemeinen Satz: ^Swer ein unznht tuot, si sei chlein oder gros, 
wirt er daromb angesprochen i^id mag er daz bringen, daz er 
ez hat getan notwer sines libes, der sol daromb dcheinem richter 
niht buezzen*" und sowohl bei der Tödtong als bei der Verwun- 
dong ist der Nothwehr gedacht: Passao 1300, § 44; R^ensborg 
S. 66, 71, 72. 

Das Landrecht § 165 erwähnt zwar die Nothwehr nicht bei 
der überaus kurzen Behandlung des Todtschlags, sondern bei der 
Verwundung mit gewaffneter Hand § 176, und beim Raufen und 
Schlagen § 166; aber daraus ist sicherlich nicht zu schliessen, 
dass die Einrede der Nothwehr bei der Tödtung nicht gebraucht 
werden kcmnte. 

Gtegen die Anklage wegen Verwundung mit gewaffneter Hand 
konnte der Angeklagte erklären, er läugne nicht, er habe jenem 
den Schaden gethan; er habe diess aber nicht vermeiden können, 
„wann er in benött hab seins leibs und seiner eren, ee daz er 
sein swert oder mezz^ ie gezuckt habe.'' Kann er diess bereden 
mit zweien zu ihm, so soll er g^en das Grericht und g^en den 
Kläger ledig sdn (s. auch oberb. Stadtr. § 399), und es soll der 
Kläger dem Gericht büs^ mit 5 Pfd. 60 Pfg. (oberb. Stadtr. 
§ 125: 3 Pfd. 60 Pfg.). Der Kläger, als Angreifer im Kampfe, 
hatte für den Angriff oder Anlass diese Busse zu zahlen. Das 
Stadtrecht T<m Passau 1300, § 44, hat die auch sonst, weil von 
beiden Seiten der Frieden gebrochen war, gewöhnliche Anord- 
nung^, dass der Angrdfer d^n Richter beide Wandd geben 
solL ElbenfaDs das Fridgerichtsbnch Y<m R^ensburg S. 66, 71, 
72 häh an der Anschauung fest, dass in sdchen Fällen der Frie- 
den gebrochen und daher etwas zu bessern sei, will diess aber 
dadurch erreichen, dass es den, der seine Nothwehr bewiesoi hat, 



■dt diner Stdie kai «s doeh eine sadere BewmadtiiiaB. Dagega, wen wir 
dem btst^tt der Begd weiter sacklofs^ieB, ist ms dem KreiBe der Y aUeb- 
le^ie ni bea^taa die lex Fik XXII, 75. 
3^ Alm. Slnfre^t S. 162. 



197 

für ledig erklärt von dem E^läger und von der Stadt, derselbe 
aber doch dem Richter büssen soll nach dem alten Frieden. 

Das Stadtrecht von Freysing § 127 — 132 hat im Anschluss 
an Ruprecht 11, 7 das Thema von der Nothwehr ausführlich und 
casuistisch behandelt, und kommt hinsichtlich der Verantwortlich- 
keit schon zu dem Satze, dass der Beweis der rechten Nothwehr 
den. der ihn führe, gänzlich befreie, „dez sol er gemessen und 
unengolten peleiben, er slach in ze tod oder nicht.'' 

§ 10. Mit der Notnumft (Notnunft, Notnuft) beschäftigen 
sich vier Artikel des neuen Landrechts, 56 — ^59, und sind beson- 
ders in processualischer Beziehung ausführlich (s. unten § 31). 
Von diesen vier Artikeln finden sich 57 und 58 nicht im oberb. 
Stadtrecht (und im alten Landrecht) und von § 56 nur die erste 
Hälfte. Freysing, § 39 — 41, hat die Bestimmung des § 59, über 
den Beweis, nicht. 

Die Schwere der Missethat verlangt schwere Bestrafung, aber 
der Beweis ist schwierig, und ein falsches Vorgeben der E^lägerin 
dachte man sich schon in alter Zeit als möglich; daher beschäf- 
tigen sich die mittelalterlichen Rechte einlässlich mit dem Beweise« 
So auch das Landrecht, das nicht einmal die Strafe des Noth- 
züchters nennt, sondern nur sagt, man solle ief Frau richten als 
Recht ist, — wie im österr. Landrecht § 6: „man sol ir richten 
nach des Lands gewonhait." — Da die bayerischen Landfrieden 
1244 § 52, 1265 § 44, 1300 § 66 das Lebendigbegraben des Noth- 
züchters nennen und der Landfrieden von 1281 , § 31 , darauf 
als auf eine bekannte Sache zurückweist, — „umb notnuft sol 
man rihten nach dem alten r^t" — so mag diese Strafe auch 
noch zur Zeit der Entstehung des Landrechts die ordentliche 
Strafe gewesen sein, wie sie sich auch in den Rechten anderer 
Gegenden dieser und späterer Zeit noch findet**). Passau 1225, 
§ 26, hat aber nur die allgemeine Bestimmung: „subibit senten- 
tiam capitalem^, und Regensburg, S. 67, nennt die Strafe der Ent- 
hauptung, eventuell kann aber die Klage mit Gut und mit Heirath 
gestillt werden. 

Während die Landfrieden auf das Unverleumdetsein der Jung- 
frau oder Frau Gewicht legen, ist im Landrecht diess nicht aus- 

40} Alam. Strafrecht S. 285. 



198 

gedrückt; aber in der malerischen Beschreibung dessen, was der 
Genothztichtigten obliegt, nachdem sie gemissbraucht worden 
(s. xmten § 31), ist stark betont, dass der Beischlaf wider ihren 
Willen geschehen sein müsse. 

Die natürliche Pflicht, einer um Hülfe schreienden Frau bei- 
zustehen, ist wegen der Schwere des Verbrechens der Nothzucht 
zu einer starken Rechtspflicht gemacht**). In einer andern Form 
als im Schwsp. 209 W. (Ruprecht I, 167), ist diess im Landrecht 
§ 57 ausgedrückt: „Wer auch die notnunft hört oder sieht und 
der frawen nicht zu hilf chümt, ez sey fraw oder man, hinz dem 
sol man richten, alz hinz dem notnunfter selb**. Aehnlich sprechen 
österreichische Weisthümer sich aus*2). 

§ 11. Das Landrecht beschäftigt sich zumeist mit gewissen 
ausgezeichneten Diebstählen, aus Kirchen, Mühlen, Schmieden 
und von Pflügen, im § 34 — 36. Das Stadtrecht von Freysing § 24 
setzt hinzu : aus Badhänsern, aus Lederhäusem nasses Leder, aus 
Waschhäusern nasses Gewand, und. reiht auch an den Diebstahl 
auf der Strasse. Dieses Stadtrecht stellt alle diese Fälle auf gleiche 
Linie: ergibt die Schätzung den Werth von 3 Pfenningen, so 
soll man den Dieb durch die Zähne brennen ^5), geht der Betrag 
auf 12 Pfenninge, so soll er gehängt werden. Das Landrecht § 35 
behandelt den Diebstahl aus Kirchen, Mühlen und Schmieden, 
die auch in der lex Baiuv. IX, 2 neben einander genannt wer- 
den **), nicht gleich mit dem Diebstahl von Theilen des Pfluges : 

1. Nach § 35 soll von der Schätzungssumme Va abgezogen 
werden und dann kommt es darauf an, ob der Werth von 12 
Pfenningen übrig bleibt. Diese Eigenthümlichkeit des Abzugs er- 
klärt sich wohl aus einer Billigkeitsrücksicht, indem die nahe 
liegende Möglichkeit einer hohen Schätzung zugegeben wird, die 
nicht beanstandet werden kann, soweit es sich um den Ersatz für 
die gestohlene Sache handelt, aber wenn sie massgebend wird für 
die Bestrafung des Diebes an Leib und Leben, Bedenken erregt 
Ruprecht IE, 100: „dye hantschaft sol man schätzen auf den drit- 

4») Ztschr. für deutsches Recht XVm, 97 ff. / 

42) RJl. aus österr. Pan^aidingen S. 49. 

♦3) Ueber diese Strafe s. Heumanni Opusc. p. 228; Grimm, RA. 709; 
Homeyer, Glossar zum Richtsteig v. bernen. 
44) S. dazu Merkel p. 302. 



199 

ten pfennig naher dann sy werd ist Das ist pillich, wann dy leut 
teor sein das (dann) ein michel tail gaets."^ Analog ist es, dass 
bei Bestimmungen der Ghrenze des grossen und kleinen Diebstahls 
nicht selten zu der grösseren Sunmie noch eine kleine Münze 
zugesetzt wird, um anzuzeigen, dass der Betrag voll sein müsse; 
s. § 37: „ist es aber über 6 Schilling und 2 Pfenning."**) 

a. Ist die Sache nach dem Abzüge noch mehr als 12 Pfen- 
ninge werth, so hat der Dieb den Tod verdient; aber der Galgen, 
der auch in Bayern von alter Zeit her dem Diebe bestimmt war ^, 
ist nicht direct genannt, sondern der Richter soll einem „freien 
Mann" — Freimann = Scharfrichter*') — zusprechen, welchen 
Tod der Dieb verdient habe. Diese Wendung kommt auch vor 
§ 36, 37, 39, 48 (s. auch Landfr. 1281, § 13). Der Freimann oder 
Nachrichter kannte das bayerische Recht in den zu seinem Amte 
gehörigen Punkten**). 

b. Ist der Betrag unter 12 Pfenningen, so soll man den Dieb 
an der Schraiat*^) (d. i. am Pranger) schlagen, welche schimpf- 
liche Strafe er aber abkaufen konnte mit der grossen Busse von 
5 Pfd. 60 Pfgen. Liess er sich an der Schraiat schlagen, weil er 
die Pfenninge nicht geben wollte (oder konnte), so verfiel seine 
ganze Fahrhabe dem Gericht. — Auffallend ist, dass in einem 
andern Falle, dem Abbauen eines Marchsteins, die Strafe zu Haut 
und Haar, die doch wohl nicht verschieden ist von dem Schlagen 
an der Schraiat, nach § 75 mit IVj Pfd. Pfgen. abgelöst werden 
konnte, und nach § 349 beim Fischstehlen mit 12 Schillingen. 
Die Ablösung durch jene grosse Busse ist wohl das Ursprüng- 
liche und die Wendung „Haut und Haar abschlagen^ ein nicht- 
bayerischer Eindringling. 

2. Der Diebstahl an Pflügen, § 36, ist noch schwerer, inso- 
fern schon, wenn der Betrag über 4 Pfge. ist, der Tod eintreten, 

4«) Alam. strafrecht S. 301; Grimm, R.A. 226. 

46) Merkel, ad 1. Baluv. p. 413. 

47) BchmieUiBr I, 608. 

4S) Vgl. den Fall in meinem alam. Strafrecht S. 396, wo ein Scharfrichter 
sich weigerte, einsn Landesverr&ther nur zu enthaupten, indem er sich auf 
seinen Eid berief, nach den Gesetzen richten zu wollen 

4») Westenriedejr, Glossarium v. Schrayet; Schmeller III, 503. — 
In einend bayerischen Weiathum (Grinjim III, 667) kommt „Curia schreiarü" 
(= Stock) vor 



200 

und wenn unter 4 Pfenningen, der Dieb durcli die Zähne gebrannt 
werden soll, was doch schlimmer ist als das Schlagen am Pranger 
(s. § 37). Dass der Pflug einen höhern Frieden habe als Bärchen, 
Mühlen und Schmiede, darf man daraus wohl nicht schliessen, 
sondern es ist Rücksicht darauf genommen, dass der Dieb leichter 
einen Gegenstand von grösserem Werthe in Kirchen, Mühlen und 
Schmieden erhascht, als wenn er ein Stück vom Pfluge nimmt. 
Uebrigens findet sich diese Sonderung des Pfluges weder im 
oberb. Stadtrecht (noch im alten Landrecht) noch im Stadtrecht 
von Freysing. Das oberb. Stadtrecht, § 78, nennt nur Kirchen und 
Mühlen, das Stadtrecht von Freysing dagegen erweitert bedeutend, 
wie schon oben angegeben isty und es hat auch, im Anschluss an 
Ruprecht H, 29 eine andere Abstufung: ist der Werth der be- 
friedeten Sache 3 Pfenninge*^), so soll man den Dieb durch die 
Zähne brennen, wenn 12 Pfenninge, so soll man ihn haben. 

§ 12. Vom gemeinen Diebstahl handelt § 37 des neuen 
Landrechts. Es sind hier zwei Abstufungen des Diebstahls nach 
dem Betrage für zwei verschiedene Zwecke an einander gereiht. 

1. Ob das Gut unter oder über 12 Seh. Pfg. werth ist, ent- 
scheidet über den Fürfang (s. auch § 38, 43; Landfr. 1300, § 95; 
Passau 1300, § 38; Grimm, Wsth. m, 659), den der Kläger 
dem Richter zu geben hat**): im ersten Falle Vio ^^^ Werthes 
der gestohlenen Sache, im zweiten 36 Pfge. Hierin ist Ueberein- 
stimmung des neuen Landrechts, des oberb. Stadtrechts § 75 und 
des Stadtrechts von Freysing § 25; dagegen hat das alte Land- 
recht § 18 nur: „Und sol man dann daz Gut schätzen, imd dem 
Richter den zehentten Pfenning geben zu Fürfaeng", ohne jene 
Abstufung (Rockinger S. 18). Später wurde der Fürfang für 
alle Sachen auf 72 Pfenninge gesetzt (Landesfreiheitserklärungen 
IV, 7, Ausg. von Lerchenfeld), wie bei Ruprecht II, 32 und 
in österr. Rechten, was denn mit der sehr gewöhnlichen Buss- 
satzung correspondirt. 

2. Hinsichtlich der Bestrafung finden sich vier Ansätze: 

«0) Vgl. das österr. Weisthum bei Grimm HI, 681 (Pflug und Egge). 

s^) Beb melier I, 542; meine R.A. aus österr. Pantaidingen S. 36. Un- 
richtig erklärt Weste nrie der im Glossarium den Für fang als: „Recht und 
Pflicht des Richters, sich einer geraubten und gestohlenen 8ache xu bemlch- 
tigen, ehe der Beklagte vor Gericht untersucht worden ist." 



201 

a. Ist der Betrag unter 32 Pfenningen, so hat der Dieb nach 
dem neuen Landrecht an den Richter die Busse von 2Vt Pfd. Pfg. 
zu zahlen, aber nach dem alten Landrecht und dem oberb. Stadt- 
recht 5 Pfd. 60 Pfge. 

b. Ist der Betrag über 32 Pfge., so soll man ihn schlagen 
an der Schraiat, aber er kann nach dem neuen Landrecht die 
Strafe abkaufen mit 5 Pfd. 60 Pfgn., wie im § 35. Im alten 
Landrecht und im oberb. Stadtrecht ist von diesem Abkaufen der 
schmählichen Strafe nicht die Rede, sondern seine Fahrhabe ist 
dazu dem Gericht verfallen. 

c. Ist der Betrag über 62 Pfge., so soll man den Dieb durch 
die Zähne brennen. Damit stimmt das oberb. Stadtrecht überein; 
aber das alte Landrecht hat ungenau, gegen den Rhjrthmus, nicht 
„über 62 Pfenninge", sondern: „Ist es aber 62 Pfenning." 

d. Ist der Betrag über 6 Schilling imd 2 Pfenning, so soll 
der Tod eintreten, in derselben Weise wie nach § 35. Das alte 
Landrecht nennt hier lange Schillinge. 

e. Ist das Gestohlene ein Vieh, „daz sol man nicht schätzen, 
daz an dem rechten gagenwurtig ist und auch da vor dem rech- 
ten berecht wirt", da soll der Tod eintreten. Das oberb. Stadt- 
recht hat einen besondem Artikel, 76, über das Vieh, mit einem 
verschiedenen Schluss: „da sol der richter dem freyenman zuo- 
sprechen, wie man über den selben diep rechten sol", wonach 
nicht nothwendig der Tod eintreten soll, aber eintreten kann. So 
auch das alte Landrecht — Die darin liegende bedeutende Ab- 
weichung von den alten Volksrechten *2), dass das Vieh keiner 
Schätzung unterliegt, lässt vermuthen, dass dabei an die grössere 
Sorte, Pferde und Rinder, gedacht ist. Es lässt sich die Wendung 
m der lex Baiuv. I, 3 vergleichen: „Et si ampliorem pecuniam 
furaverit, aut caballum aut bovem aut vaccam." ^ Das führt 
denn weiter darauf, dass dieses Vieh unbewacht zu weiden pflegt 
und daher das Entwenden solcher Thiere ein erschwertes wurde **). 

Das Stadtrecht von Preysing § 25, welches hinsichtlich des 
Fürfangs mit dem neuen Landrecht übereinstimmt, hat für die 



«) Wilda, 8. 875. 

^3) B. auch Orimm, RA. 586 Anm. 

«*) Wilda, S 876. 



aos 

Bestrafung eine andere, strengere Bestimmung: ^ist es hinter 36 
den., so sol man ihn an der schraiat slachen, ist es über 36 d^i., 
man sol in durch die zend prennen, ist es über 72 Pfenning, man 
sol in hachen als der stat Recht von alter her ist chomen.^ Die 
Ansätze sind also 3 und 6 kurze Schillinge. 

Da das alte Landrecht betont: „Ist es aber über 6 Schilling 
der langen**) und 2 Pfenning**, so liegt es nahe, diese Berech- 
nung auch für die andern Ansätze im Landrecht gelten zu lassen. 
Damach hätten wir: 

32 Pfg. = 1 Seh. + 2 Pfg., 
62 Pfg. = 2 Seh. + 2 Pfg., 
6 Seh. + 2 Pfg., 
also 1, 2, 6 Schillinge, mit der kleinen Zugabe von 2 Pfenningen. 

§ 13. Der durch die Zähne Gebrannte bleibt als bestrafter 
Dieb kenntlich ^) ; wird er rückfällig und ist dann des Guts nur 
über 3 Pfenninge, so soll er hingerichtet werden. Neues Iiandr. 
§ 39 (oberb. Stadtr. § 77, Freysing § 26): „Wer mit dem rechten 
durch die zend geprent wirt, chumt er dar nach mit dem rechten 
für gepunden und gevangen, und wirt guot pey im funden, daz 
ainer berecht als vorgeschriben ist, das sol man auch schaczen, 
und ist dez guotz über drey pf^ining, so sol man nimer richten, 
und sol man ainem ^reyen man zuo sprechen, welchen tot er ver- 
dient hab.^ Das alte Landrecht hat diese Bestimmung noch nicht 
Dagegen liegt wohl die Beziehung auf den Rückfall versteckt in 
dem Rechtsbriefe für Padsau 1225, § 25: „Für si fuerit pro furto 
proscriptiis atque deprehensus, suspendetur similiter, et qui semel 
proscribetur pro furto, deinceps nunquam pro qualicunque causa 
in judicio standi personam habebit.'* Wenn jeder, der wegen Dieb- 
stahl geächtet war, gehängt werden sollte, sobald er sich ergreifen 
liess, so wäre es soiiderbar noch hinzuzufügen, dass einem solchen 
für immer die Befugniss zu gerichtlicher Rechtsverfolgung abgehe, 
daher muss man ohne Zweifel zu „deprehensus^ hinzudenken : 
„iterum in furto^. Dem bekannten römischen Processausdruck am 



SS) Lange SchUlinge s. Landfrieden 12S1, § 58 (1255, § 56t; erster ständi- 
scher Freiheitsbrief 1311, § l; Regensbnrg S. 72; vgl.Merke) ad 1. Baiuv. 
p. 272. 

SC) Al«n. Btrafrecht 8. 302« 



906 

SchluBse der Stelle entspricht die Wendung in dem folgenden 
§ 29: ^imperpetuum in alicnjns fori judicio super causa qualicun* 
que audiencia ullatenus conferetur^, und es ist damit in romani- 
sirender Weise die äusserste Rechtlosigkeit ausgedrückt, welche 
weiter geht als die des Friedbrechers nach dem Landrecht § 52, 
53 (s. oben § 3). 

§ 14. Das Fischen in fremden Gewässern ist zwar hie und 
da in den altbayerischen Rechten verboten (Landfr. 1244, § 33; 
1300, § 69: Grimm, Wsth. HI, 631), aber als Diebstahl ist erst 
der Fall im neuen Landrecht, § 349, behandelt, wo jemand dem 
andern seine Fische nimmt ^^) aus Weihern, Gruben und Be- 
hältern. Man soll ihm Haut und Haar abschlagen, welche Strafe 
er mit 2 X 12 Schilling lösen kann. Als kleineres Delict ist daran 
gereiht im § 350 das Aufheben von Reusen *•) eines Andern. Die 
Busse ist 2 X 12 Pfenninge, er mag Fische darin gefunden haben 
oder ni^ht. Frejsing, § 275, 276, hat höhere Bussen. 

§ 15. Mit dem Raube als einer gewöhnlichen Aeusserung 
der Fende und des Friedbruches beschlüPtigen sich einlässlich die 
Landfrieden (1244, § 36, 60; 1255, § 19, 65, 72; 1281, § 62, 65; 
1300, § 81, 83), imd es blickt auch noch an einigen Stellen her- 
vor, dass ein Raub in rechtmässig angesagter Fehde nicht straf- 
fällig war. Das neue Landrecht § 48 (Freysing § 35) bebandelt 
den Strassenraub kurz, noch kürzer das oberb. Stadtrecht § 79, 
wconit das alte Landrecht übereinzustinmien scheint Das oberb. 
Stadtrecht sagt nur: „Swer auch die straz beraubt, wirt der damit 
funden , und chumpt gepunden und gevangen für auf daz recht, 
so sol der, des daz guot gewesen ist, sein gut bereohten, als vor- 
geschriben stet." Es ist in den vorangehenden Artikeln der Dieb- 
stahl besprochen. Das neue Landrecht hat aber noch die merk- 
würdige Unterscheidung: „und ist dez guotz, daz pey der nacht 
geraubt ist, über drey pfenning, so sol man ainem freyen man 
zuo sprechen, welchen tot er verdient hab ; daz pey dem tag ge- 
raubt wirt, ist ez über fünf pfenning, so sol man auch dem freyen 
man zuosprechen" („welchen tod er verdient hab" setzt Freysing 
hinzu). Die Verschiedenheit von 3 und 5 Pfenningen ist so un- 



»0 Alam. strafrecht 8. 298. 

M) Ed. Roth. 299. Lex Sal. ed. Merkel L^XX, 2* 



204 

bedeutend, dass mit den 5 Pfenningen kaum mehr gemeint sein 
kann als mit den 3 Pfenningen, die sich auch im augsburger 
Stadtrecht 1276, S. 56, beim Strassenraube finden*®), nämlich 
dass die Sache überhaupt einen Werth haben solle *•). — Ob die 
Strafe der fkithauptung oder des Erhängens an der Reichsstrasse 
eintreten soll, wie für den Übeln Strassenraub nach dem augs 
burger Stadtrechte, ist nicht gesagt; aber da nicht der üble 
Strassenraub charakterisirt ist, muss man wohl das Erstere an- 
nehmen. 

§ 16. Dem Diebstahl nähern sich, ohne dass der Begriff dieser 
unehrlichen imd daher mit Strenge behandelten Missethat erfüllt 
ist, verschiedene Eingriffe in fremdes Ghit und Schädigungen, die 
meistens mit dem Namen Feldfrevel passend bezeichnet werden 
können. 

1. Die beiden Landfrieden 1244 § 62 und 1255 § 51 haben 
unter der Rubrik: „de pabulatoribus'' die Bestimmung, dass 
Knechte, welche zur Zeit der Ernte, „in dem Snit^, eigenmächtig 
auf fremden Wiesen füttern oder am Tage mit ihren Pferden in Emte- 
felder eindringen, die Hand verlieren oder 5 Pfund zahlen sollen. 
Es liegt im Hintergrunde, dass die Nachtzeit ein solches Unter- 
fangen zum Diebstahl stempele oder ihm gleichstelle. Es ist aber 
eingeräxunt, dass ein wegfertiger Mann seinem müden Pferde Korn 
schneiden dürfe, indem er noch mit einem Fusse auf dem Wege 
stehet), „das soll man übersehen" (s. auch Grimm, Wsth. HI, 
667). Etwas anders ist die Sache in den Landfrieden 1281 § 19, 
1300 § 57 (vgl. 1352 § 8) geformt: „Swer den andern fuetert 
tages oder nahtes , begreiffet er in dar an und wirt er gevestent, 
so sol er dem rihter ein pfunt geben und den schaden mit der 
zwigült gelten.** • 

Das Landrecht, § 66, 67, stellt unter den Feldfreveln als 
selbständig heraus das Nachte tzen, wie viele bayerische, öster- 

59) S. auch Memmingen B 252; alam. Strafrecht S. 314 
<>•) Da in älterer Zeit die Ahstufungen bei den Entwendungen nach dem 
Werthe der Hausthiere gemacht wurden (s. die oben angeführte 1. Bainy. I, 3; 
Wilda, 8. 876), so heisst es in der 1. Burg* IX: „8i quis — per vim ali- 
quid abstulerit usque ad pullum, in novigUdo — eum qoi abstnUt iube- 
mu8 exsolvere.*' — Ausftlhrlich hierttber Rieh. Temme, über den Beirag des 
Diebstahls (1867) S 7 ffl 

6>) Alam« Btrafrechi 8. 360. 



205 

reichische und alamannische Rechte. Die alte Sprache sagt Yom 
Pferde und anderen Thieren essen ^\ ezzen, nicht, wie jetzt ge- 
wöhnlich, fressen. Es ist daher nur eine etwas speciellere Ver- 
wendung des bekannten Wortes, wenn in den Rechtsquellen etzen 
sehr gewöhnlich für abweiden steht. Nachtetzen ist also: abwei- 
den bei Nacht«»). Der Landfrieden 1281, § 3, setzt auf Nacht- 
etzen die Busse von 72 Pfenningen an das Gericht und der Scha- 
den ist zu gelten mit der Zwigült Wenn man hiermit den 
angeführten § 19 desselben Landfriedens zusammenstellt, und 
dort die höhere Gerichtsbusse von 1 Pfund findet, so muss man 
wohl annehmen, dass bei dem Nachtetzen nicht gedacht ist an 
ein Eintreiben des Viehes in fremde Aecker und Wiesen, sondern 
an Mangel der Aufsicht über das zur Nacht im Freien bleibende 
Vieh. Das alte Landrecht, § 31, hat daher sogar nur die Zwigült 
ohne eine G^richtsbusse (Rockinger S. 18), wogegen das neue 
Landrecht unter Hervorhebung, dass die zi gering erschienene 
Busse gehöhert sei, sich wieder dem Landfrieden nähert: ausser 
dem Ersatz des Schadens soll der Ankläger 36 Pfenninge, der 
Richter 72 Pfenninge erhalten. Anders wieder das oberb. Stadtr. 
§ 69: „und sol er im den Schaden gelten mit der zwigült und 
dem richter halb als viP, und Freysing § 49: „und sol im seinen 
schaden abtun — und dem Richter 2 Pfd. den." . 

Im § 66 des neuen Landrechts ist aber für diesen Feldfrevel, 
geschehe er bei Tage oder Nacht, so wie für verwandte Schädi- 
gungen, ein Abmachen in der Stille, nach Rath der Nachbarn, 
ohne Busse an das Gericht, zulässig. So auch nach dem alten 
Landrecht und dem oberb. Stdtr. § 66; Freysing, § 48, lässt 
dieses nicht unbedingt zu. 

2. Das neue Landr., § 68, hat die Rubrik: „Umb schaden 
an obs**, coordiniit aber im Texte dem nächtlichen Abnehmen 

6^ Orimm, R.A 401. So noch im Canton Bern. 

63) Zopf 1, Alterth. II, 306 nimmt unrichtig das im Landfr. 1281, §3, wie 
in dem Landrecht, mit andern Feldfreveln zusammengesteUte Kachtetzen als 
„nnbefngtes Abdringen eines Nachtessens, das alte herbergare^. Von dem 
letzteren ist zwar in den bayerischen Landfrieden 1244 § 20, 1265 g 23, 1281 
§ 18, die Rede, aber eben besonders und nirgends mit einer an „Nachtezzen^ 
ankUngenden Bezeichnung, wihrend dieses als Feldfirevel überall vorkommt, 
auch namentlich in den Weisthümem, z« B. in deutlicher Beschreibung Orimm, 
Wsth. in, 729. 



206 

vcm Obst das Absclmeiden von Eom bei der Nacht, wie Freysing 
§ 50, während das oberb. Stdtr., § 70, nur das Obst erwähnt 

Das Obst auf dem Baume, das Eom in Verbindung mit dem 
Boden war noch nicht im Besitze des Berechtigten, folglich beging 
keinen Diebstahl wer sich daran vergriff, denn zum Diebstahl 
gehört eine im Besitz befindliche Sache**). Allein die den Dieb- 
stahl charakterisirende Heimlichkeit, die den Schleier der Nacht 
wählt, ist nicht selten als das entscheidende Moment aufgetreten, 
und ein Nehmen solchen Obstes, ein Abschneiden fremden Kornes 
bei der Nacht Diebstahl genannt oder doch dem Diebstahl gldch- 
gestellt^). Das ist im Landr., § 68, noch nicht geschehen, aber 
solches Thun bei Nacht ist ein erschwerter Frevel (vgl. § 71), 
und zu der Zwigült soll noch die Busse von 36 Pfenningen kom- 
men. Das oberb. Stadtrecht, wahrscheinlich die ältere Bestimmung 
enthaltend, verlangt zu der Zwigült die Gerichtsbusse von 3 Pfund 
60 Pfg^i.; Freysing die Zwigült und dem Richter halb so viel. 

3. Beiten und Fahren über fremde Aecker und 
Wiesen zu verbotenen Zeiten ist oft als ein Feldfrevel erwähnt 
(Rupr. n, 42). 

Den Feldnachbam mussten aber im gegenseitigen Interesse 
manche Zugeständnisse gemacht werden^); auch Eriegszeiten 
gestatteten Ausnahmen (Grimm, Wsth. lU, 629). Im neuen 
Landrecht, § 69, ist aber nur von Fremden die Rede. Ritt oder 
fuhr ein Gast über einen fremden Acker oder eine fremde Wiese, 
so kannten der Geschädigte und der Gast sich lieblich imd 
freundlich mit einander berichten, nach zweier Männer Rath (vgl. 
§ 66); kam es nicht zu einer solchen gütlichen Abmachung, so 
hatte der Geschädigte seinen Schaden eidlich zu betheuern und 
erhielt darnach Ersatz. Während das oberb. Stdtr., § 68, ganz 
damit übereinstimmt, hat es noch nicht den Schlusssatz des Land- 
rechts und des Stadtrechts von Freysing § 51: „daz Recht ist 
darumb gesetzt, daz ain gast seiner tagwaid (d. i. Tagreise ^ nicht 
versäumt werd.^ Das kurze Verfahren dient also hiemach dem 



64» Alam. strafrecht 8. 299. 

W) Augsburg 1276, S. 106. 

<6) RA. ans österr. Pantaid 3. 24; Graf und Dietherr 8. 87. 

^7) Schmeller IV, 28. 



Interesse des Fremden und es erinnert das an die Oastgerichte ^) 
(Rain 1332, § 5). 

4. Das schon im § 66 des Landrechts erwähnte Ueber- 
ären , Ueberzäunen und Uebermfthen (Uebermat) ist 
weiter behandelt im § 70. Das oberb. Stadtrecht hat keinen die- 
sem letzteren § entsprechenden Artikel, wohl desshalb, weil die 
Sache schon im § 66 berührt war und für die Städte weniger 
Bedeutung hatte. — Das Ueberären etc. ist ein vielfach erwähnter 
Eeldfrevel ^) , auch in den Landfrieden (neben dem Nachtetzen) 
1244 § 71, 1255 § 52, 1281 § 3, 1300 § 11; Tädigung von 
1293 § 11; Kaiser Ludwig's Instruction vom 6. April 1340, § 14 
(Überackern). Der Landfrieden von 1281 setzt für das Ueber- 
ären die Gerichtsbusse von 72 Pfenningen neben der ZwigtQt, 
wie für Nachtetzen. Dagegen verlangt das Landrecht nur ein- 
fachen Ersatz des eidlich erhärteten Schadens, der durch den 
„UehMvang*^ '^^) entstanden ist, daneben soll dem Richter als Busse 
halb so viel zufallen. Freysing, § 52, hat die 72 Pfenninge als 
Oerichtsbusse beibehalten, aber nur für den Fall, dass nicht binnen 
14 Tagen der ermittelte Schaden ersetzt ist; s. auch § 53 a. E. 

5. Schadhafte Umzäumung. Am St. Jürgentage (24. 
April) aollen Acker imd Wiesen gehörig gefriedet sein, damit nicht 
Schaden durch Vieh und dem Vieh geschehe (vgl. München § 392; 
Grimm, Wsth. HI, 719). Die Revision durch den Fronboten wird 
im § 71 des Landrechts genau beschrieben. Wo der Fronbote 
eine schadhafte Stelle antrifft, hat er eine Gebühr von 12 Pfennin- 
gen zu beanspruchen und soll dem Betreffenden gebieten, in acht 
Tagen zu frieden, thäte dieser das nicht und geschähe jemand ein 
Schaden bei Tage, so ist er dem Gericht 72 Pfenninge schuldig, 
wenn bei Nacht 10 Schilling Pfge. In beiden Fällen ist der Scha- 
den zu ersetzen. Dieselbe Bestimmung findet sich herübergenom- 
men in den Ehhaften von Sindeisdorf und Grossweil (Grimm, 
Wsth. m, 657, vgl. 627, 635, 642). Hmsichtlich der Nacht weicht 

M Bchmeller IV, 77; WOrtorbuch tu Lerchen fei d's altbayerischen 
Freibriefen Art. Oastrecht 

69) Alam. Strafrecht 8.343, vgl 323. Unrichtigerklärt Zöpfl, Alterth. 11, 
306 übereren = den Eren (area?), Vorplati des Hauses, unbefugt über- 
schreiten 

70) Ruprecht IT, 45, 68. — Kaltenb&ck I, 50, IX, 49. 



208 

Frejsing, § 54, vom Landrecht ab: ^geschach der schad pej der 
nacht, so ist die puss zwivaltig." 

Die oben genannten Landfrieden und ähnliche Quellen führen 
neben dem Ueberären und Nachtetzen das Zaunbrechen auf, ,,8wer 
den zonnfrid brichet^, also ein anderes Delict, das nur unter der 
Gerichtsbusse von 12 Pfgen. steht 

§ 17. Die Landfrieden von 1244 § 88, 1255 § 68, bringen 
das unberechtigte Holzhauen in fremden Wäldern (Bannhöl- 
zem) und Forsten (forest« principum) unter den Gesichtspunkt 
des Friedensbruches, und unterscheiden hier nicht nur Tag und 
Nacht (s. auch 1300 § 91), sondern setzen von diesem Gesichts- 
punkte aus eine verschiedene Rechtsfolge, je nachdem es mit Ge- 
walt geschieht, in Gegenwart des Försters oder Waldhüters, oder 
heimlich: im ersten Falle soll fünffacher, im zweiten zweifacher 
Ersatz eintreten. Der Landfrieden 1281, § 25, erwähnt nur den 
ersteren Fall und lässt nur die Zwigült gelten, aber daneben soll 
dem Richter gewandelt werden. Dazu hat dieser Landfrieden im 
§ 49 (1300, § 43) die Bestimmung: „Swer wingarten und baum- 
garten abhout, oder nahtes oder tages dar ouz stilt', der ist frid- 
braech"; s. auch schon Landfr. 1244 § 27; 1255 § 31 'i). 

Im neuen Landrecht sind unter der Rubrik: „Titulus coUi- 
gentium aliena ligna et foenum^ dem Gegenstande vier Artikel 
gewidmet, von denen der erste, § 73, sich auch in beiden Stadt- 
rechten (und im alten Landrecht) findet, aber mit nicht geringen 
Variationen. 

Die sonst vorkommende Unterscheidung, dass das Abhauen 
eines Baumes, das Abmähen von Gras durch einen Unberech- 
tigten, Holz- und Feldfrevel, das Entwenden schon gehauenen 
Holzes und gemähten Ghrases, als eines bereits in Besitz genom- 
menen Gegenstandes, Diebstahl war ^2), haben wir hier nicht; es 
ist der letzte FaU nicht als Diebstahl bezeichnet Aber die beiden 
Fälle sind nicht gleichgestellt. 

1. Wer dem andern sein Heu oder sein gewonnenes Holz 
wegführt, soll es dem Geschädigten mit der Zwigült gelten und 
dem Richter kommt halb so viel zu. Nach dem oberb. Stdr. § 74 

'•) Zöpfl, Alterth. H, 326. 

7^ Kö Silin in der (mttnohener) kritischen Ueberscbau m, 153, 159. 



209 

erhält der Richter die gleiche Summe. Preysing, § 55, fügt zum 
Heu und gewomienen Holze hinzu: ^oder zawn hin fürt oder 
trät*^ und zum Ueberfluss: „wer dem andern holcz enpfurt vor 
der tur oder ab dem hauffen" '^) , und macht weiter den Unter- 
schied, ob es bei Tage oder bei Nacht geschehen ist, insofern für 
den ersten Fall dem Richter 36 Pfenninge, im zweiten 72 Pfen- 
ninge zukommen sollen; aber dem Geschädigten ist in beiden 
Fällen der Schaden nur einfach zu ersetzen. 

2. Für den im § 74 des Landrechts behandelten Fall, wo 
jemand dem Andern sein Holz abhaut oder sein Gras abschneidet 
oder abmäht, kann die Zwigült und deren Hälfte an den Richter 
zwar auch eintreten, aber nur dann, wenn die Schädigung gross 
ist, sonst genügen 36 Pfenninge. 

„Der marchpawn haut" ist die Rubrik des Landrechts § 75, 
im Texte ist aber Bannholz angereiht und hinzugefügt, „die auz 
gezaichent sint*^. Fraglich wird, ob dieser Zusatz nur bedeute, 
da SS diese beiden Arten von Bäumen ausgezeichnet seien, oder 
dass die schwere Strafe nur eintrete, wenn sie ausgezeichnet 
seien, d. h. wenn ihre Eigenschaft jedermann kenntlich sei. Ich 
vermuthe das Letztere. Fraglich ist ferner die Bedeutung von 
Marchbaum. In einem Weisthum aus Tyrol (Grimm, Wsth. HI, 
739) steht: „Wer einen gemarkten Ensbaum in den Wäldern fäl- 
let, ist der Herrschaft verfallen auf Gnade, Leib und Gut**, aber 
diess ist ein zu einem ganz besondem Zwecke, dem Brückenbau ^*), 
gemerkter Baum. Der im Landrecht genannte Marchbaum ist ein 
Baum, der als Mark, Ghrenzzeichen, dient, wie diess sehr gewöhn- 
lich war und der seine Zeichen hatte ^*). Ueberraschend ist die 
im § 76 des neuen Landrechts gegebene Erklärung von Bann- 
holz. E& soll Holz sein, eigen oder Lehen, das jemand habe bei 
rechter Nutz und Gewer ohne alle Ansprache (s. § 197 ff.), also 
in rechter Gewere^ß). Bei dieser grossen Ausdehnung des Be- 
griffs ist die Zusammenstellung von Marchbaum und Bannholz 
und die schwere Strafe sehr auffallend, auch wenn man den Zu- 
satz „die auz gezaichnet sint^ betont, und ich glaube, dass bei 

W) Vgl. Ed. Roth. 281 ff. 

'*) Schmeller I, 84. 

7^ Merkel, ad 1. Baiuv. p. 384, 421; Kaltenbäck, a a. O I, S.608 

^6) Albrecht, Gewere 8. 99 ff. 

OsenbrOggen, recbtsgesch. Studien. ^^ 



210 

der Hinstellang der Bestimmung über rechtswidriges Hcdzhaneii 
im alten Landbuch an diese Auffassung des Bannholzee nicht 
gedacht ist, sondern an die Bedeutung, die sonst Bannholz hat, 
als Holzung, die im Bann ist, nicht berührt werden darf, oder 
nur von dem Berechtigten. Rupr. 11, 41: „Wer mit wissen vert 
in ains fürsten holtz, da des fürsten pan auf leit^; s. auch Lsmd- 
frieden 1281, § 14; 1300, § 91; Grimm, Wsth. m, 632, 651; 
M. B. XXIV, 48. In dem Ehhaftsrecht von Schönfeld (Grimm, 
Wsth. ni, 628) werden unterschieden verbotene Hölzer vor den 
Ausleuten und Bannholz. 

Die Strafe dessen, der Marchbaum oder Bannholz haut, ist 
nach dem Landrecht die Strafe des Diebstahls, „man sol ihm Haut 
und Haar abschlagen", er kann sich aber lösen mit IV2 Pfund 
Pfenningen an den Geschädigten und eben so viel an den Bichter. 

§ 18. Von den Schädigungen durch Thiere und an Thieren 
handelt der Tit. IX des neuen Landrechts. 

1. Schädigungn durch Hausthiere. Genannt sind im 
§ 79: Hund (Freysing § 58 setzt hinzu: „das hoffwarten haissent*^) ^, 
Eber, Stier, Fohlen (d. i. Hengst '^^), Widder, Hat ein solches Thier 
sich gefährlich gezeigt, so kommt seinem Herrn ein gerichtliches 
Verbot zu durch den Fronboten, und wenn er es dennoch behält 
und weiter Schaden geschieht ^9), so ist der Herr zum Ersatz des 
Schadens und zu einer Gerichtsbusse von 12 Schilling Pfg. ver- 
pflichtet (oberb. Stdtr. § 128: 3 Pfd. 60 Pfg.; Freysing § 58: 72 
Pfenninge). 

2. Schädigung an Thieren (s, auch 1. Baiuv. XIV). 
Verschiedene Fälle: 

a. Vorangestellt ist im § 80 der häufig vorkommende Fall, 
dass jemand des andern Vieh schlägt, wirft oder jagt, so dass es 
davon Schaden nimmt. Der Schaden in seiner ganzen Ausdeh- 
nung, die Arbeitsversäumniss (Saumsal) des Thieres einbegriffen, 
soll ersetzt werden. 

b. Es darf jemand seines Nachbarn Vieh zur Kacht in seinen 
Stall nehmen und der Nachbar kann ihm dafür noch Dank schuldig 

77) Lex Baiuv. XX, 9: „Si autem canem, qui ourtem dominl sni defenr 
dit, quod hovawart diount, occiderit eto,^; Maurer, Fronhöfe I, 120. 
7«) Grimm, Wsth. IV, 24, 60, 69. 
79) Bamb 161. C. C. C, 136, 



211 

sein; aber am Morgen früh mnss er es wieder austreiben. Sacht 
man das Vieh und er verschweigt es*^), so ist es ein Diebstahl, 
Landr. § 81. 

Die übrigen in diesem Titel behandelten Fälle sind civil- 
rechtlich. 

§ 19. Die Heimsuchung (Haimsuoch) musste in den Land- 
frieden als eine gewöhnliche Art des Friedensbruchs auftreten 
und an einer Stelle, welche eine Aenderung im Bussensjstem 
vorschreibt, im Landfr. 1281 § 3 (s. auch Tädigung vom 3. Sept 
1293, § 11; Landfr. 1300, § 11) ist für Heimsuchung wie für 
Lem die Reduction der Busse ausgeschlossen, so dass darin ihre 
Geltung unter den Friedensbrüchen kenntlich gemacht wird. 

Die ursprüngliche germanische AnSchauung, welche nach 
Wilda darin bestand, dass Heimsuchung die schwere Verletzung 
des Hausfriedens war, welche durch einen AngriflF auf die Were 
mit gesammeltem (und bewaffnetem) Gefolge begangen wurde s*), 
ist wenigstens in dem Worte nicht ausgedrückt, welches in den 
bayerischen Landfrieden vornehmlich zur Charakteristik der Misse- 
that dienen soll, während die Bechte anderer Landschaften diese 
Charakteristik in anderer und sehr verschiedener Weise geben ^2). 
Das „alium odiose domi quserere" des Landfr. 1244, § 40, ist 
in den folgenden Landfrieden 1255 § 22, 1281 § 9, 1300 § 49 
buchstäblich übersetzt: „feindlich heimsuchen", oder vielmehr das 
lateinische odiose ist wohl nur eine Uebersetzung des deutschen 
Wortes, welches lateinisch besser durch hostiliter wiedergegeben 
wäre, wie es auch im Rechtsbriefe von Passau 1225, § 13, heisst: 
„domum alterius invadere hostiliter." München 1294, § 31, hat „ge- 
vaerlichen heimsuchet" Der Begriff der Heimsuchung wird durch 
diese Wendungen weit allgwneiner, so dass in der Folgezeit durch 
die Bewaffnung und die bewaffnete Mannschaft die Heimsuchung 
zu einer erschwerten Art potenzirt wurde. 

Die beiden Landfrieden von 1244 und 1255 setzen als Rechts- 
folge der feindlichen Heimsuchung die Acht, aber der Aechter 



BO) Vgl. 1. Baiuv. 11, 12; IX, 9, 16; Wilda 8. 861, 919. 
si) 8. die heriraita (harizuht) des bayerischen Volksrechts. Merkel 
p. 293, 898, 420. 

8S) Meine Schrift über den Hausfrieden S 61 ff. 

14» 



212 

konnte sich befreien durch zehnfachen Ersatz des von dem Heim- 
gesuchten selbdritt — duorum suorum comparium secum, mit 
zwain frumen Mannen zu im — eidlich erhärteten Schadens und 
noch für den Friedensbruch durch 5 Pfund Busse an den Heim- 
gesuchten und 10 Pfund an den Richter. Der Landfrieden 1281 
unterscheidet noch weiter, ob der Heimsucher dem Andern Gut 
genommen habe oder nicht Im letzteren FaDe soll er dem Heim- 
gesuchten 10 Pfund „für sein Laster** geben und dem Richter 
5 Pfund ; im ersteren Falle wird das Genommene mit der Zwigült 
entgolten, wobei hinsichtlich der Würderung die Singularität vor- 
kommt, dass der Schädiger selbdritt die Grösse des Schadens be- 
reden soll, und erst wenn er das nicht thun will, die Schätzung 
durch den Geschädigten selbdritt vorgenommen wird. Es findet 
sich sodann noch der Gegensatz des Edelmanns und des Bauern. 
Ist ein Bauer heimgesucht, so fällt ihm für sein Laster nur 1 Pfund 
zu und dem Richter 2 Pfd. Der Landfrieden 1300 unterscheidet 
noch weiter in den Personen, denen die Heimsuchung geschieht: 
Edelmann 10 Pfd., Bürger, einschilter Ritter uind Edelknecht 5 Pfd., 
Bauer 2 Pfd. 

Der Rechtsbrief von München 1294, § 31, stellt dem gevaer- 
lichen Heimsuchen in seiner buchstäblichen Bedeutung als dem 
durch freventliches Eindringen in das Wohnhaus geschehenen 
Hausfriedensbruch den Fall gleich**), wo jemand den Andern 
Jagt gegen sinen hus oder gegen einen andern hus, und im nach- 
volget von dem hus siben schuch lanck". Die Busse ist 2 X 5 
Pfd. 60 Pfg. Während sonst als Terrain des Hausfriedens oft 
Haus tmd Hof genannt ist (s. auch Landrecht § 180), oder die 
Dachtraufe die Grenze bildet, ist hier der Umgang nach einem 
Längenmaass bestinmit Im Wesentlichen damit übereinstimmend 
ist das oberb. Stadtr. § 275, 276 (add. VH, 30 bei Auer S. 276). 
Im Rechtsbriefe Kaiser Ludwig's für die Stadt Rain 1332, § 4, 
bilden „drei Schritt von seinem TrauflF*^ die Grenze, 

Das Landrecht § 180, 181 hat einen andern Weg eingeschla- 
gen. Es sondert: 

1. Das Heimsuchen in Haus und Hof mit gewaffneter 



*3) Andere Reclite sondern die beiden Fille, i« B. bamberger Stadtrecht 
§ 193, 199; Ofen § 229, 



213 

Hand: Busse 3 Pfd. 60 Pfge. und dem Richter halb so viel Das 
oberb. Stadtrecht hat diese Missethat an zwei Stellen behandelt, 
indem § 275 sich anschliesst an München 1294 § 31, § 13 an 
das Landrecht, aber hier mit Veränderung der Busse: 5 Pfund 
an den mit gewaffneter Hand Heimgesuchten, 5 Pfd. 60 Pfge. an 
den Richter. Auch im Landr. § 1 und im oberb. Stadtrecht § 1 
ißt genannt „offenbar Haimsuochen, die mit gewaffneter haut ge^ 
schiebt"; s. auch örimm, Wsth. HI, 661, 730. 

2. Das Heimsuchen im Zorn oder mit Scheltworten ohne 
gewaffnete Hand: Busse 2x6 Seh. 2 Pfg., aber die besondem 
Scheltworte sind ausserdem zu büssen nach Massgabe von § 60 ff. 

3. Dem dritten Falle ist angereiht und gleichgestellt das 
„Herausfordern aus seiner Herberge".^*) 

Im Ganzen, aber doch nicht voUkonmien, stimmt hiermit 
überein das Stadtrecht von Freysing § 125, 126. Vergleichen wir 
noch die sonstigen Rechte aus diesem Quellenkreise (Passau 1225 
§ 22, 1300 § 10, Landshut 1279 § 11, Regensburg S. 67, 69, 
örimm, Wsth. HI, 648), so sehen wir, dass die Heimsuchung 
nirgends unerwähnt bleiben durfte, weil der schöne Begriff des 
Hausfriedens Realität hatte, aber die von diesem Begriffe aus- 
gehende formbildende Thätigkeit legte bald auf dieses bald auf 
jenes Moment mehr Gewicht W), ohne dass jedoch die Einheit in 
der Mannigfaltigkeit verloren gieng. Der Schreiber des Rechts- 
hriefes für Landshut vom Jahr 1279 glaubte schon seine romani 
stische Eenntniss zeigen zu müssen, die freilich hier am wenigsten 
angebracht war, wenn er neben Blutruns aufführt eine „injuria 
legis Comeli» quae dicitur Haimbsuchung". ^ — Aus derselben 
Zeit (1284) ist eine vom Herzog Heinrich dem Bischof von Frei- 
sing ausgestellte Urkunde (Quellen V, 378): „officiales et judices 
memorati domini episcopi judicabunt in possessionibus suis ibidem 
omnia preter homicidium, furtum quodcunque et violentas virgi- 
num et mulierum oppressiones et legem Comeliam, in quantum 
pertinet ad fracturam hostiorum et domorum, et preter gravia 
vulnera ex gladüs et cultellis provenientia, deformitatem aut per- 



<4) Alain. Strafrecbt § 149. 

M) 8. auch die nürnberger Statuten in Siebenkees Beitr. V, 210« 

W) Franklin, Beiträge 8. 76. 



214 

petuam lesionem aut mutilationem aut nasus vel oculorum priva- 
tionem inducentia , que debent per nostrum provincialem judicem 
judicari." ^'O 

§ 20. Den Ehrverletzungen durch Schelte (obprobria) hat 
das neue Landrecht § 60 — 64 eine grosse Sorgfalt zugewendet. 
Der betreflfende Titel enthält Bestimmungen, wie sie auch in 
andern Rechten des Mittelalters vorkommen und Besonderheiten. 
Wie in andern Rechten sind gewisse Scheltworte als starke Ehr- 
verletzungen ausgezeichnet^) und dann ist berücksichtigt, ob 
jemand sogleich nach erhobener Klage erklärt, er habe die Rede 
unüberlegt im Zorn gethan. 

I. Q-ewisse Schelte und Vorwürfe sind in diesem Quellen- 
kreise mit Regelmässigkeit ausgezeichnet. Ruprecht 11, 108 führt 
sie auf unter der Rubrik: „Was Scheltwort haisset". Anderswo 
sind sie als die verbotenen Worte, verba interdicta, bezeichnet 
(München 1294, § 26; Landshut 1279, § 12; Passau 1300, § 11; 
oberb. Stadtr. § 277). Das Landrecht hat drei Gruppen derselben : 

1. Schelten aus der Christenheit^^) oder viehische Schelt- 
worte: Sohn einer Kuh, einer Hündin, einer Mähre. Das augs- 
burger Stadtrecht 1276, S. 75, nennt diess ebenfalls Schelten von 
der Christenheit (vgl. Schwsp. 229 W. ; Grimm, Wsth. HI, 704). 

2. Christliche Scheltworte: Hurensohn, Vorwurf der Lüge, 
„er hab ihn haizzen liegen". Im Stadtrecht von Wiener-Neustadt 
§ 33, welches den Gegensatz mit verba mala humana und inhu- 
mana bezeichnet, ist ebenfalls neben einander gestellt: „si aliquis 
dixerit alicui, quod sit filius iniquus aut mendax". 

3. Bösewicht, ungetreuer Bösewicht, wahrer Bösewicht und 
der Vorwurf er habe ihn verrathen und verkauft. Diese jetzt sehr 
gewöhnliche, ohne Zweifel von Judas herrührende Alliteration ist 
also sehr alt. 

n. Das Landrecht § 60 beginnt mit dem Satze: „Chlagt ainer 
den andern an, er hab in gehaizzen ainen pözwicht oder ungetrew, 
oder er hab in verraten oder verchauflft, spricht aber der ant- 
wurter, die red han ich in zom getan ungevaerlich und von 



«^) Schletter's Jahrbücher X, S. 256. s. oben § 6. 

88) Grimm, RX 643; alam. Strafirecht S. 248; 

89) Schmeller n, 396. 



215 

dhainer warhait nicht, da sol man sein recht mnb nemen mit 
seinem ayde, nnd darzuo sol er ez dem gericht pezzem mit ainem 
pfunt Pfenning". Dieser Satz hat ein nicht geringes rechtshistori- 
sches Interesse. 

Es ist kürzlich zum erstenmal ein glücklicher Versuch ge- 
macht, durch historische Forschung Klarheit an bringen in das 
Verhältniss von Widerruf, Ehrenerklärung und Abbitte, durch 
C. V. Wallen rodt^*^), und der Ehrenerklärung eine Entstehung 
nachgewiesen, die hier im Landrecht noch recht sichtbar ist. Um 
die Ehrenerklärung und den Widerruf aus einander zu halten, 
müssen wir freilich darauf verzichten, aus der Etymologie Vor- 
theil zu ziehen, da weder der eine noch der andere Ausdruck 
quellengemäss ist; aber was der Verfasser dieser Abhandlung 
Ehrenerklärung nennt, tritt in sehr bestimmter Gestalt im germa- 
nischen Rechte auf, und diess klingt noch im späteren Mittelalter 
nach. Der Verfasser sagt: „Die sogenannte Ehrenerklärung ist 
ein acht germanisches Institut, und besteht wesentlich nur in einer 
speciellen Anwendung des Reinigungseides auf Abläugnung des 
Vorsatzes bei begangenen Injurien." Da ist denn freilich ein 
„sogenannt" ganz am Platze, weil man nach den Buchstaben des 
Wortes Ehrenerklärung vermuthen muss, es sei eine Erklärung 
zu Gunsten des in seiner Ehre Verletzten, während eine Erklä- 
rung herauskommt, die der Verletzer zu seinen eigenen Gimsten 
macht. Der Verfasser muss auch mehrfach eingestehen, dass der 
Ausdruck Ehrenerklärung hier nicht recht am Platze sei oder 
nicht geeignet, um Ehrenerklärung und Widerruf auseinander zu 
halten. Er hätte es immerhin wagen sollen, den Namen „Ehren- 
eid" für jenen Begriflf einzuführen,- um die richtige Anschauung 
sogleich mit dem Worte zu verbinden. In der Hauptsache, in der 
historischen Entwiokelung des Begriffs, kann man aber dem Ver- 
fasser nur beistimmen. Er geht, sich an Wilda anschliessend, 
davon aus, die Strafe der Injurien sei nach norwegischem Rechte 
die Friedlosigkeit in ihrer ursprünglichen Gestalt und Bedeutung 
gewesen; die Friedloserklärung sei aber nicht unbedingt erfolgt. 



90f) Die Injuridnklagen auf Abbitte, Widerruf und Ehrenerklärung in ihrer 
Entstehung, FoHbüdung und ihrem VerfaU, in der Zeitschr. f. Rechtsgeechichte 
m, 238 ff. 



216 

Bondem Habe sich in eine Busszahlnng verwandelt, wenn der Be- 
klagte die gericlitliclie Erklärung ablegte, die Schmähung nnvor- 
sätzlieh, in Uebereilung oder Zorn ausgestossen zu haben und 
die ünbescholtenheit des Ijijurürten auf solche Weise zugestand. 
Diese Erklärung wurde in Form eines durch Consacramentalen 
bestärkten Eides abgelegt. Er bezieht sich dafür auf die Gutalagh 
und das Ed. Roth. 198, 381 und fügt hinzu : ^Diese ausserordent- 
liehe Uebereinstimmung zweier Localrechte, von denen das eine 
im Norden, das andere im Süden Europa's entstanden, lässt den 
nahe liegenden Schluss aufkommen, dass ein Rechtsgebrauch, der 
sich hier wie dort so deutlich ausgeprägt findet, auch den zwi- 
schen jenen beiden sitzenden Völkerschaften nicht unbekannt ge- 
wesen sein wird.'* Hiegegen erlaube ich mir die Nebenbemerkung, 
dass, wenn auch das Ed. Rotharis im Süden aufgeschrieben ist, 
doch die Entstehung des langobardischen Rechts in wesentlichen 
Stücken auf den Norden, die Heimat der Langobarden, zurück- 
weist und sich in demselben viele Anklänge scandinavischen Rechts 
finden. 

Dem ursprünglichen Charakter der sog. Ehrenerklänmg (des 
Ehreneides) als einer Processhandlung entsprechen vollkommen 
die Wendungen, welche das bayerische Landrecht § 60 — 64 ge- 
braucht: „da sol man sein recht umb nemen mit seinem ajde*^ 
und: „da sol man sein laugen umb nemen mit seinem ayde**. Es 
ist das eben die Form, in welcher der Entschuldigungseid (Reini- 
gungseid) immer eingeführt wird; s. § 22, 25, 27, 51, 54, 56, 72, 
73, 85. Nicht richtig sagt Au er in seinem Glossar (unter „Aid^): 
„das laugen von ainem nemen mit seinem aid = einen gerichtlich 
zum Schwüre anhalten, wenn er eine Behauptung des Gegners 
widerspricht^ Er wird nicht dazu angehalten, es ist kein auf- 
erlegter Eid, sondern es ist sein Recht xmd sein Vortheil den Eid 
leisten zu können. 

Eine entsprechende Wendung ist: „mit dem Eid entschla- 
gen" 3*), die nicht bloss gebraucht wird, wo von Ehrverletzungen 
die Rede ist Wenn aber diese und ähnliche Wendungen bei der 



91) Nttmberger Statuten in Siebenkees Beiträgen V, 201, 208, 213: „er 
entslah sich danne mit dem rehten mit sein ainei hant, das er des unseholdiek 
seL« Grimm, Wsth. IV, 391. 



217 

Behandlung der Ehrverletzongen vorkommen, ist meistens die eid- 
liche Erklärung schon als eine Strafe aufgefasst. ^2) 

Hatte jemand sich seines Rechtes bedient imd eidlich erklärt, 
die ehrverletzenden Worte im Aflfect gesprochen zu haben, so 
musste er nach dem bayerischen Landrecht § 60 nur die Busse 
von einem Pfund Pfenningen an das Gericht zahlen. 

Der dem § 60 des Landrechts entsprechende § 42 des frey- 
singer Stadtrechts hat zu den Worten, welche den Ehreneid in 
dem genannten Sinne einführen, noch einen Zusatz : „Spricht der 
antwurter die red han ich in zom getan ungevarlichen und von 
chainer warheit nicht, daz gehört chain zeug über, wenn er im 
sein er wider geben hat und sol man sein ajd darumb nemen.^ 
Es bedarf keines Zeugnisses wie in dem Falle, dass der Ehrver- 
letzer läugnet, die Worte gesprochen zu haben, sondern er hat 
darüber sich selbst bezeugt, während er zu seinen Gunsten gel- 
tend macht, die Rede nicht mit überlegtem Vorsatz, sondern im 
Zom gethan zu haben; es ist das also ein limidrtes Geständniss, 
welches in dem Zugestandenen insoweit gegen ihn geltend wird, 
dass er eine Busse, hier 1 Pfund an das Gericht, Vs Pfund an 
die Stadt, zahlen muss; der in seiner Ehre Angegriffene muss 
sich damit, ohne dass ihm eine Busse zufällt, zufrieden geben, er 
hat genug daran, dass ihm seine Ehre auf diese Weise wieder- 
gegeben ist Es liegt also in dem Ehreneide zugldch eine Ehren- 
erklärung im Buchstabensinne, aber eben so sehr ein Widerruf, 
gerade in dem Sinne, in welchem dieser Begriff von dem Ver- 
fasser des erwähnten Aufsatzes genommen wird, als Erklärung 
wider die Wahrheit gesprochen zu haben zum Zweck der restitutio 
famsB. 

Ein Grundgedanke bei dieser Behandlung des Gegenstandes 
ist, dass der natürliche Mensch leicht dazu kommt im Aerger 
Kraftworter in den Mund zu nehmen, die nur dann in die Ehre 
des Andern einschneiden, wenn sie nicht sogleich zurückgenom- 
men werden. Diese einfache Art der Ausgleichung sollte desshalb 
rechtlich genügen, weil dergleichen tägUch vorkomme, ohne so 
schlimm gemeint zu sein als es scheine. Gerade die tiefe Würdi- 
gung des Gegensatzes des überlegten Vorsatzes oder Vorbedachts 

'S) Alam. Btrafrecht 8. 263. 



218 

und der Hast oder des Affects, welche das alte Recht in seiner 
richtigen Auffassung der Menschen, wie sie sind, kennzeichnet, 
tritt hier stark hervor. 

Dem Falle, wo jemand bereit war zu erklären, er habe die 
Schimpfworte im Zorn gesprochen, ist im Landrecht nicht, wie es 
sonst sehr gewöhnlich in den alten Rechten geschieht ^), der Fall 
gegenübergestellt, wo er die Einrede der Wahrheit machte, son- 
dern der Fall, dass er in Abrede stellte, solche Worte gesprochen 
zu haben. Daraus ist nicht zu entnehmen, dass das altbajerische 
Recht dieser Einrede keinen Platz einräumen wollte, sondern es 
sind in diesem Titel des Landrechts solche Schimpfworte aufge- 
führt, die auf keine Thatsachen zurückführen, welche sich bewahr- 
heiten liessen, wie die viehischen Scheltworte, oder die so allge- 
mein gehalten sind, dass sie mehr eine ihn verachtende Charak- 
teristik des Menschen als einen bestimmten Vorwurf ausdrücken, 
wie Bösewicht. Bei dem Schimpfworte Hurensohn Hesse sich zwar 
der Beweis der Wahrheit denken, aber in den allermeisten Fällen, 
wo dieses, wie es seheint, früher sehr gangbare gemeine Schimpf- 
wort gebraucht wurde, war es eben nur ein Schimpfwort auf 
Sohü und Mutter, und weil es auch die Mutter berührte, würde 
der Beweis der Wahrheit zu den ärgerlichsten Nachforschungen 
geführt haben. Etwas anderes ist es mit dem Vorwurf der Lüge, 
bei welchem die Einrede der Wahrheit sicherlich nicht ausge- 
schlossen war. 

Läugnet der Angeschuldigte die Worte gesprochen zu haben, 
so kommt es darauf an, ob der Kläger den Beweis führen kann; 
unternimmt der Kläger den Beweis nicht, so macht der Ange- 
schuldigte sich durch eidliches Abläugnen frei (s. unten § 27). 
Gelingt dem' Kläger der Beweis, so kommt es zum Würderungs- 
eide (s. unten § 29). 

Die drei §§ 60 — 62 des Landrechts lauffen atif deil Schluss- 
satz aus, dass bei nicht durchgeführter Klage die Talion eintreten 
soll, „so ist der chlager allez dez schuldig dez der antwurter 
schuldig worden war". Aber § 63, von dem Schimpfwort „unge- 
treuer Bösewicht" hÄudeind, setzt die Gterichtsbusse vOn 3 Pfd. 
60 Pffeeni Dabei wäar6 noch die Möglichkeit , dass die Talion in 

91) Alam. Strafrecht 8. 250. 



219 

Betreff der Busse an den Beklagten einträte, aber nach dem 
Schlüsse des § 60, der auch schon jenes Schimpfwort nennt, ist 
das nicht anzunehmen. Die Unebenheit ist vielleicht daraus zu 
erklären, dass § 63 aus dem alten Landrecht stammt, § 60 — 62 
aber nicht. Weit grösser noch ist der möglicher Weise ebenso zu 
erklärende Widerspruch von § 60 und 64. Nach § 64, der sich 
als § 29 im alten Landrecht findet, tritt für den, der überführt 
ist, den Andern angesprochen zu haben, er sei „ein rechter Bös- 
wicht und er habe ihn verrathen und verkauft" eine weit schwerere 
Rechtsfolge ein als die des § 60, welche an die römische actio 
»stimatoria erinnert. Im § 64 heisst es: 

1. Der ist dem Gericht schuldig worden Leib und Out und 
den Leib mit dem Gut zu lösen (s. oben § 2) ; 

2. er soll sogleich schwören, dass er jenes Freund sei; 

3. drei Gerichtstage nach einander (Freysing § 46: ain tading) 
öffentlich im Gericht erklären, dass er jenen angelogen habe und 
was er da geredet habe, das habe er aus Neid und Hass gethan. 

Am Schlüsse dieses § 64 ist noch darauf Bedacht genommen, 
dass ein solcher potenzirter Widerruf sich denn doch nicht er- 
zwingen lasse, „aber ob er dez nicht taet, so sol man in fürbaz 
haben für ainen schedlichen man". 

Müsste man nun einen so bedeutenden Widerspruch zwischen 
§ 60 und 64 annehmen, so wäre die Redaction des neuen Land- 
rechts hier äusserst schlecht, wie die des freysinger Stadtrechts. 
Eine andere Lösung der Schwierigkeit liegt aber nahe, nämlich 
dass im § 60 der Gedanke, die beschimpfenden Worte seien im 
Zorn ungevärlich gesprochen, für den zweiten Theil des § con- 
tinuirt sei, während im § 64 betont ist, es sei durch Neid und 
Hass geschehen. Auf diese Weise kommen wir denn zurück auf 
den wichtigen Unterschied des Vorbedachts und des Affects. 

§ 21. Der Vorwurf des Meineides, das Bescheiten des Eides 
war eine besonders schwere Ehrverletzung, denn die Ehre war 
dadurch in ihrem innersten Kern angegriffen, wie die häufige 
Identificirung von Eid und Ehre zeigt ^*). Für diesen Vorwurf 
findet sich auch die Form „an seinen Eid sprechen^, ^hwsp. 229 
W.: „Daz wir sprechen „an ir ere" daz meine wjr also: ^ex ein^m 

M) Alam. Btrafrecht S* 250, 



L__ 



220 

sprichet an sinen eit, oder an Bin ewerc, oder daz er niht geloubic 
si, oder daz man in saget von der kristenheit, daz er din dinc 
getan habe, diu unkristenlich sint". Hier sind Vorwürfe auf eine 
Linie gestellt, die vor allem den Mann in seiner rechtlichen und 
sittlichen Sphäre herabsetzen. VgL Landshut 1279, § 12: „Item 
pro verbis maledicis, qnaß Yocant interdicta, vel qni in inramen- 
tum alterius prompit^. 

Das Landrecht hat unter der Rubrik: „Der ainem an den 
ayt spricht^ in § 22 die Bestimmung: „Swer dem andern an 
den ayt spricht, der mit aufgerakter haut imd mit gelerten Worten 
geswom wirt, und dez überwunden wirt mit dem rechten, der sol 
benennen, mit weu er im an den ayt gesprochen habe, der ist 
dem gericht schuldig worden dritthalb pfunt pfenning und dem 
alz yil dem er an den ayt gesprochen hat^ (Ingolstadt 1312, 
§ 25). Dieser § findet sich nicht in dem Titel von den Schelten, 
sondern folgt auf die Vorschriften über die Art und Weise, wie 
im Gericht geschworen werden soll, in denen auch schon davon 
die Bede ist (§ 19, YgL Buprecht 11, 76), dass jemand die Hand 
aufhebt, aber in dem Acte der Eidesleistung unterbrochen wird. 
ISn solches Unterbrechen der schlimmsten Art von Seiten des 
Gkgners war es, wenn dieser dem nach seinem Becht schwören 
Wollenden in dem feierlichen Augenblicke („der — geswom wirt") 
den Vorwurf des Meineides zuschleudert — „in iuramentum alte- 
rius prorupit'^ — imd diesen Fall hat das Landrecht vor Augen, 
was an das Verhindern oder Hintertreiben der Eidesleistung im 
älteren Bechte^ erinnert und noch unmittelbar im osterr. Land- 
recht § 65 (83) sich erhalten hat, wie im Stadtrecht von Wiöier- 
Neustadt § 35: „Si quis aliquem a suo iuramento sub praet<mo 
repulerit" 

Im oberb. Stadtrecht ist die Sache zweimal behandelt, zuerst 
im ursprünglichen Texte im § 26, wo aber die hohe Busse von 
2X5 Pfd. 60 Pfg. erhalten ist, dann in den Zusätzen, § 285, 
wo nur dne Busse an den Bichter von 3 Pfd. 60 Pfg. erwähnt 
wird. Freysing, § 14, hat 2 X 3 Pfd. Busse. 

§ 22. Das oberb. Stadtrecht § 90, entsprechend dem alten 



») Lex Bibnar. LIX, 4; Bnig. Ym, 2; Rogge, Geriehtsweaen S. 18S; 
Grimm, Bjl. 904 



221 

Landrecht § 47, hat nur die anch sonst m den alten Rechten 
immer wiederkehrende Bestimmung, das» der, welcher zum fal- 
schen Zeugniss anstiftet, dem falschen Zeugen gleich zu achten 
sei. Diese Bestimmung ist in das neue Landrecht § 322 überge- 
gangen, aber im § 329 auch die Strafe des falschen Zeugen 
angegeben: „Swer überwunden wirt mit fünfen, daz er falscher 
zeug ist gewesen, dem sol man die haut absiahen, und er sol die 
Zungen lösen ron dem gericht umb 60 und 3 Pfunt pfenning und 
wer auch also überwunden wirt, daz er falschen zeug gestellt 
hab umb Ion, dem sol man also tuen*'. Freysing § 257 weicht 
hiervon nur darin ab, dass neben dem Gericht auch der Stadt 
3 Pfd. 60 Pfg. zugesprochen werden. 

Auch die sonstigen Rechte dieser Qruppe halten fest an dem 
im mittelalterlichen Strafrecht verbreiteten Ghnindsatze, dass an 
dem GUiede gestraft werde, mit welchem gefrevelt wurde : Verlust 
der Hand und der Zunge oder eines dieser GUieder erschien daher 
als die gerechte Strafe des falschen Zeugnisses. Kleine Variationen 
fehlen dabei freilich nicht. Passau 1225, § 29, nachdem es sowohl 
dem falschen Zeugen als dem, der ihn ins Gericht führt, das 
Ausschneiden der Zunge gedroht hat, fügt hinzu: „et neutri imper- 
petuum in alicuius fori iudicio super causa qualicunque audiencia 
ullatenus conferetur** (vgl. oben § 13 a. E.), was sich freilich, wenn 
es wirklich zum Ausschneiden der Zunge gekommen war, von selbst 
verstand. Das Fridgerichtsbuch von Regensburg S. 68 stellt Busse 
und Schadenersatz voran, aber „hab er des Gutes nicht, so slach 
man im haut und har ab und die zung an das hackel." In den 
jungem Statuten S. 55 dagegen ist nur gesagt, dass dem, der 
einen falschen Eid schwört, wie defn Gottscheiter, die Zunge an 
einem Haken aus dem Nacken gezogen werden soll. In jenem 
Fridgerichtsbuche S. 75 ist der Meineid noch besonders behandelt 
und eventuell Verlust der Hand gesetzt, im Falle des Unver- 
mögens den Schaden zu ersetzen und die hohe Busse zu zahlen. 
Sonst fallen falsches Zeugniss und Meineid sehr oft zusanmien. 
— Die Landfrieden 1244 § 68, 1255 § 49, 1300 § 67 bestimmen 
für Meineid einfach und unbedingt Verlust der Hand. 

§ 23. Nach dem Vorgange der Landfrieden 1244 § 72, 1255 
§ 53, 1281 § 23, 1300 § 90 (Ruprecht H, 60) i^ das Thema von 
ungerechten Maassen im neuen Landrecht § 343, 344 behau- 



222 

delt, und anfiser den Bussen auch die bekannte Schau der Maasse 
erwähnt. Das oberb. Stadtrecht (München) verfolgt diesen für den 
städtischen Verkehr wichtigen Gegenstand weiter im Detail § 329, 
382; Anhang VII, § 57, 58 (s. auch Regensburg S. 23, 97). Streng 
war schon Passau 1225, 28: „Si quis olei seu lan« vel rei alte- 
rius libram, seu aliam aliquam mensuram, quae non conceditur 
sibi a iudice presumpserit habere, iudici componet quinque talenta. 
Si quis autem receptam a iudice minorabit, punietur tanquam 
falsarius pena, quaß furi debetur." 

§ 24 In einem längeren Titel des neuen Landrechts, der sich 
grossentheils mit ehelichen Verhältnissen beschäftigt, findet sich 
auch der § 103: „Ob ainer ain weip betrüg mit der ee", also von 
der Doppelehe handelnd oder genauer von der Eingehung eines 
neuen Verlöbnisses bei bestehender rechtmässiger Ehe. Wer einer 
solchen That überführt wird, dem soll man die Hand abschlagen, 
mit welcher er die neue Ehe gelobt hat und dem Richter soll die 
Busse von 5 Pfund 60 Pfenningen zufallen. Er soll aber auch 
der Frauen ihr Gut wiedergeben, was voraussetzt, dass er schon 
von Seiten der Frau die Heimsteuer, von welcher im Folgenden 
mehrfach gesprochen ist, in Empfang genommen hat. — Im alten 
Landrecht und im oberb. Stadtrecht ist kein dem § 103 ent- 
sprechender Artikel, wohl aber im Stadtrecht von Freysing § 84. 
Hier ist die Strenge gemehrt, insofern einem solchem Manne nicht 
bloss die Hand abgeschlagen, sondern die Zunge, mit welcher er 
die Ehe gefälscht hat, aus dem Nacken gezogen werden soll 
(vgl. oben § 22). Die Strenge geht auch noch in einer andern 
Richtung weiter: der Betrüger soll der Frau ihr Gut mit der 
Zwigült wiedergeben, dem ^Richter 5 Pfd. 60 Pfge., der Stadt 
3 Pfd., imd hat er des Gutes nicht, „so sol man jn mer an mail 
an legen nach des gerichtz und dez Ratz Rat.^ 



§ 25. Das neue Landrecht, wie das alte, das oberb. Stadt- 
recht und das Stadtrecht von Preysing, beginnt im § 1 mit der 
Regel: „daz nieman (dhain richter noch amptman) den andern 
noeten sol zu dhainer chlage.^^) Dieser Satz, dessen leicht 

t0) Vgl. 1. nn. C. ut nemo invitus agere yel aoeusare oogatur 
(in, 7). Ssp. I, 62, § 1. — Heumannl Opusc. p. 269. 



223 

zu erkennender Hintergedanke von der Glosse zram Sachsenarpiegel 
dahin ausgedrückt wird, „dass viel Richter daran Unrecht thun, 
dass sie die Leut zwingen zu klagen, um ihres Nutzens willen, 
auch dass sie desto mehr Busse und Strafgeld bekommen^, ist 
für bürgerliche Sachen gültig, weil „jeder «einen Schaden wohl 
verschweigen mag, so lange er will*^, führt also auf den Verzicht 
zurück, in Strafsachen erhebt sich aber darüber die Rücksicht, 
dass die Klage, ein schwerer Angriff auf einen andern, wenn sie 
nicht vollständig durchgeführt werden konnte nach dem formell 
eigenthümlich gegliederten Processgange, einen gefährlichen Rück- 
schlag auf den Kläger zur Folge hatte, daher dieser reiflich über- 
legen musste, ob es gerathen sei die Klage anzustellen oder nicht. 
Von dem Satze, dass niemand zu einer Klage gezwungen 
werden soll, gibt es aber Ausnahmen. Das neue Landrecht nennt: 

a. Fliezzent Pogwunden, die mit scharfem Ort geschehen 
(s. oben § 8). Das alte Landrecht macht diese Ausnahme nicht 
(s. Rockinger S. 17). 

b. Todtschlag. 

c. Notnunft. 

d. Offenbar Heimsuchen, das mit gewaffneter Hand geschieht. 

e. Offenbar Diebstahl. 

In diesen Fällen soll der Geschädigte (oder dessen Familie) 
klagen, aber diesem Zwange entspricht die Befreiung von der 
Verantwortlichkeit, die sonst für den Ankläger besteht, „aber im 
selb an schaden, daz er sein dhain entgeltnüz hab gen dem richter 
und auch gen dem, den er angechlagt hat". Es ist also nicht 
gesagt, dass in den hervorgehobenen Fällen der Richter von Amts 
wegen einschreiten solle, sondern das Princip der Privatklage ist 
festgehalten (s. auch § 30), aber freilich leidet dabei eine Regel 
Einbusse, die dem alten Rechte natürlicher schien bei der Herr- 
schaft des Anklageprincips, dass nämlich die Klage zurückpralle 
auf den, der sie nicht durchzuführen vermöge.^) 

Der Grund jener Ausnahme ist für a. b. d. die gewaltthätige 
Friedensstörung, für c. die Schwere dieses überhaupt so vielfach 
in den alten Rechten ausgezeichneten Verbrechens , für e- die 
Schimpflichkeit der ebeafallB von jeher ausgezeichneten MuBeethat 

97) 8. oben a 167. 



224 

des Diebstahls. Das Prädicat „ offenbar ** bei d. und e. ist nicht 
identisch mit „handhaft", sondern eine Heimsuchnng mit gewaff- 
neter Hand war leicht evident zu machen und der Diebstahl ist 
offenbar^), den „einer auf den Dieb wohl erzeugen mag", ohne 
dass der Dieb gerade beim Stehlen ergriffen zu sein braucht. 

Von der nunmehr als Regel auftretenden Ausnahme, dass 
beim offenbaren Diebstahl geklagt werden müsse, bringt § 32 des 
neuen Landrechts wieder eine Ausnahme, nämlich wenn Dienst- 
boten Hausgeräth beseitigt haben. Zwischen diesem § 32 und 
dem correspondirenden § 64 des oberb. Stadtrechts besteht aber ■ 
eine nicht unbedeutende Verschiedenheit, während der kurze § 21 
des freysinger Stadtrechts mehr mit § 32 des neuen Landrechts 
übereinstimmt. Nach Rockinger's Tabelle dürfen wir annehmen, ^ 
dass das oberb. Stadtrecht sich hier nicht vom alten Landrecht 
entfernt habe, dass sich also dort die ursprüngliche Bestimmung 
finde, die dahin lautet: Die Herrschaft könne das Beseitigte an 
sich nehmen und die Sache fallen lassen, wenn sie den Dienst- 
boten (Ehehalten) behalten wolle, der Richter aber, welcher Kunde 
davon bekommen habe, möge doch einschreiten zum Behuf der 
ihm fälligen Busse. Dagegen ist im neuen Landrecht distinguirt, 
so dass der Richter keine Wette erhalten soll, wenn „der Herr 
oder die Frau mit dem Ehehalten nicht abdingen und keinerlei 
Gut darum nehmen weder heimlich noch öffentlich", geschähe 
diess aber, so soll auch der Richter seine Busse von dem Ehe- 
halten haben. 

Der Diebstahlsfall des § 32 ist ein ganz specieller Fall, daher 
die Gestattung des Abmachens in der Stille zwischen dem 
Bestohlenen und dem Diebe nicht auszudehnen, so dass das Ver- 
bot in der angeführten Stelle der lex Baiuvariorum, das sich auch 
sonst oft findet ^), als Regel dadurch nicht aufgehoben wird. Was 
aber vom unehrlichen Diebstahl gilt, gilt nicht auch für ehrliche 
Delicte. Wegen Verwundung mit scharfem Ort konnten die Par- 
teien sich mit einander berichten ohne des Richters Wissen, was 

99) Ct. 1. Baitiv. IX, 16: „üt nemo de probato furto compositlonem 
A latrone ausuB Sit aecipere, nisl ante indicem sniun iadicetur.^ 

M) Pert£, Mon. leg. I, 7 § 3, 12 § 5, 84 § 4, 7; lex Rib. LXXHI, 1; 
lex Borg. LXXI. — Schwabensp. CCLXV, 51 W.; vgl. alam. Strafreo^t 
a 8L 



225 

denn freilich dem Richter an seiner Busse unschädlich sein sollte *••) 
wegen des Friedensbruchs (Landr. § 169). Auch bei einer Art 
der Feldschädigung ist erwähnt, dass die Parteien sich freundlich 
und lieblich mit einander berichten durften (Landr. § 69). 

Dem Richter als Vertreter der öffentlichen Interessen ist es 
streng verboten, heimlich oder öffentlich Gut von einem Verbrecher 
oder eines Verbrechens Angeschuldigten zu nehmen, und ihn auf 
diese Weise durchschlüpfen zu lassen (Landr. § 30, 46). Dagegen 
soll der Richter, in demselben Interesse, wenn ein armer Mann 
mit seinem Uebergenossen etwas zu schaffen hätte, den er aus 
Furcht nicht zu beklagen wagte, dem armen Manne des Rechten 
helfen (Landr. § 1). 

§ 26. Der Herrschaft des Princips der Privatklage entspricht 
der schon erwähnte Rückschlag der nicht duichgeführten 
Klage auf den Kläger. Für die Behandlung dieses Thema's 
ist es nicht überflüssig die Terminologie zu beachten, welche sich 
für das Durchführen der Klage und Obsiegen im Rechtsstreite 
wie für dessen Gegensatz gebildet hat Das regelmässig gebrauchte 
Wort für den Sieg ist „behaben*^, entweder einfach: der soll be* 
habt haben, der da behabt hat u. dgl. (Landr. § 65, 195, 308, 
323, oberb. Stadt$echt § 8, Schwsp. 176 W.), oderr'^wer vor den 
Rechten etwas behabt (Landr. § 11, 17), oder: sein Recht, seine 
Ansprache, sein Gut behaben (Landr. § 25, 38, 278), „so soll der 
Kläger seine Klage und seine Schuld behabt haben" (Landr. § 8). 
Der daraus für ihn hervorgehende Vortheil wird ausgedrückt: 
„dess soll er gemessen*' (Landr. § 51, 122, 225). Fällt der Kläger 
mit seiner Klage durch, so heisst es: „ihm ist Bruch geschehen 
an seinem Recht" (Landr. § 25, 122, 191, 270, 286, 310—58, 70), 
und auf Seiten des Antworters oder Beklagten, der dem Angriffe 
glücklich entgeht, ist der regelmässige Ausdruck „entbresten" ^®^) 
(entpresten) gebraucht: „war aber daz der antwurter dem an- 
chlager enbräst" etc. (Landr. § 23, 51, 56, 57 u. a.). Hier ist 
dann ebenfalls der Zusatz „dess sol er gemessen" gebräuchlich 
(Landr. § 122, 225). In diesem letzteren Falle ist der Rückschlag 
auf den Kläger 

»00) Vgl. Wiener-Neust» § 11, 68. 

*•*) Vgl. Heumanni Opuac. p. 204; Bchmeller I, 266. — Landfrieden 
1281, § 6. — Augsburg 1276, 8. 66. — Schwyz. Landbuch 8. 33, 63. 

Osenbrüggen, recbtsgesch. Studien. ^^ 



226 

1. am hänfigsten vollständige Talion. Landr. § Öl: ^so ist 
der anchlager dez selben schuldig dem richter nnd dem antwnrter''; 
s. auch § 60, 61, 62, 197. 

2. Bisweilen nur die halbe Busse. Landr. 22 (s. auch § 180, 
181): „so ist der chlager dem antwurter und dem gericht halb 
als vil schuldig, dar umb daz er in angenluotwilt hat". Dieser 
letztere Ausdruck weist auf die im bayerischen Rechte gewöhn- 
liche Form des Voreides oder Calumnieneides hin. Landfr. 1281, 
§ 62 (1244 § 84, 1255 § 65): „Der sol des swem, daz er in nicht 
an muotwille'' **^). Regensburg S. 66, 67, 70, 71 zeigt, dass dieser 
Voreid wenigstens nicht immer ein Eineid war, sondern selbander 
imd selbdritt geschworen wurde. Wenn man nun aber aus jenem 
§ 22 des Landrechts entnehmen darf, dass die Busse des sach- 
fälligen Klägers auf seinen Muthwillen zurückzuführen sei, so 
wäre doch der Schluss unrichtig, dass allgemein die ganze oder 
halbe Talion im altbayerischen Processe nur den böswilligen An- 
kläger getroffen habe. Der Ankläger konnte immerhin im guten 
Glauben imd mit der Ueberzeugung von der Schuld des Gregners 
die Klage erhoben haben, wurde aber von seinen Zeugen im Stich 
gelassen und der Angeklagte machte von seinem Rechte Grebrauch^ 
mit seinem Eide sich zu entschuldigen — „enbräst aber der selb 
mit seinem ayde'' (Landr. § 57). In dieser Beziehung und durch 
dieses Mittel fand gerade das „Entbresten*^ regelmässig statt 
Böswillig verfuhr ein solcher Ankläger nicht, aber er hätte sich 
besser vorsehen sollen. 

3. Eine Art der Talion war es auch, wenn der Angeklagte, 
der sich mit seinem Eide geledigt hatte, nun noch mit seinem 
Eide betheuerte „waz er des rechten schaden genommen hab** 
und der Käger ihm demgemäss zu leisten hatte (Landr. § 172). 

4. Der genannte Rückschlag trat aber in einem Falle nicht 
ein. Landr. § 42: „Uns duncht auch guot und recht ob ain man 
ainen pringt ze fronvest für ainen schedUchen man und* verpürgt in 
ze rechtvertigen alz recht ist, und hat die zuo dem rechten pracht, 
die im des rechten helfen wellent, und geschieht im pruch an dem 

*<*«) Nürnberger Statuten in Siebenkees' Beitr. V, 212: „bebaben mit 
seinem aide daz er mit im niht mntwille und in durch kaine rachsal noch 
Tientschaft anspreche ane allez geverde und dai er wenn dai er bu der 
Sache recht habe.^ 



227 

rechten, er sol darumb gen dem gericht noch anders nieman nichtz 
schuldig sein'^. Dieser Artikel findet sich nicht im alten Landrecht 
und im oberb. Stadtrecht, wohl aber 4m Stadtrecht von Freysing 
§30, wo am Schlüsse ein Grund der Ausnahme hinzugefügt ist: 
„daz ist darumb erfunden, das er das Recht mit nichten saumpt**. 
Das rasche Dreinfahren bei hergelaufenen Menschen, die „schäd- 
lich" zu sein schienen, entschuldigte auch den, der im guten 
Glauben, die Anklage durchführen zu können, damit durchfiel, 
obgleich er meinte seiner Sache sicher zu sein. 

Der Ausdruck im § 42 „und verpürgt in ze rechtvertigen 
alz recht ist" findet seine Erklärung aus § 46 (altes Landrecht 
§ 23, oberb. Stadtr. § 82, Freysing § 33), wo vorgeschrieben ist, 
dass, wenn jemand einen Menschen als einen schädlichen Mann 
wolle fahen lassen, er mit 10 Pfd. Pfgn. Bürgschaft zu leisten 
habe (s. auch Freysing § 28) ; wäre der Angreifer aber ein Gast, 
der nicht verbürgen könnte, so solle der Richter beide behal- 
ten ><>5) 14 Tage lang, und wenn der Gast binnen dieser Frist die 
Bürgschaft nicht beschaffe, so sei der Angeschuldigte frei und 
der Gast dem Richter dieselbe Summe von 10 Pfund als Busse 
schuldig. 

Wenn der Beklagte dem Kläger „mit dem Rechten entbrosten 
ist", so kann er einen Gerichtsbrief darüber fordern. Die regel- 
mässige Wendung, in welcher dieses angegeben wird, ist: „so soll 
man ihn zu fürbann thun darum und des Gerichtes Brief geben." 
Diese Einrichtung bestand nicht nur für Malefizsachen, sondern 
ebenfalls für den bürgerlichen Rechtstreit (Landr. § 30, 46, 57, 
188, 195, 197, 201, 210, 225, 262; Rupr. II, 85; M. B. II, 495, 
500), und diente zunächst zum Schutze gegen jeden Anspruch 
des Klägers in derselben Sache (non bis in idem). Landr, § 201 : 
„den soll man vor gericht darumb ze fürban (tun) gen ienem 
dem er enbrosten ist". Schmeller I, 176 erklärt sehr richtig 
Für bann als: „Verkündung (eines vor Gericht unschuldig oder 
im Recht Befundenen) in den Schutz des Gerichtes gegen den 
Kläger oder Angreifer'^ und verweist auch auf die Würzburger 



*03) Vgl. Edictum Theoderici § 13; Ssp. I, 61 § 1; Richtsteig 33, § 4; 
Grimm, Wsth. H, 367. — Kaltenbäck XL, 12; LXVHI, 23; LXHt, 21; 
CLXXXVII, 16. — Siebenkees, Beiträge I, 50. P. G;0. Art. 11 ff. 

15* 



228 

Landgerichtsordnung von 1612, wo sich der Ausdruck findet: 
^dem purgierten Inzichter seinen Friden bannen.'^ Die Besorgung 
des Fürbanns hatte gegen eine Sportel der Fronbote. Landr. 
§ 262: „Swem auch mit dem rechten ertailt wirt, daz im der 
fronbot ze fürban tuon sol, der sol dem fronboten nimer geben 
dann vier pfenning der münz, da ez inne ist" In einem beson- 
dem civürechtlichen Falle des Landr. § 188 soll der öerichts- 
schreiber dafür die Sportel von 12 Pfenningen erhalten. 

§ 27. Auf dem Wege von der erhobenen Anklage bis zur 
Verurtheilung des Angeklagten oder bis zu seiner Ledigung, die- 
ihren Ausdruck erhält in dem Fürbann, nehmen die Processgegner 
je nach den Voraussetzungen verschiedene Stellungen zu einander 
ein und können die Mittel, mit denen sie gegen einander operiren, 
nach der einen und andern Seite hin sich günstiger und ungünsti- 
ger gestalten. Der Gegensatz der handhaften imd nicht handhaften 
That, wenn auch nicht gerade diese Terminologie gebraucht ist, 
macht sich vor allem geltend: 

I. Von der handhaften That ist am deutlichsten die Rede 
im § 48 des Landrechts vom Strassenraube: „Wer auch die strazz 
beraubt, wirt er damit begriffen und chümt gepunden und gevangen 
für auf daz recht, so sol der, dez daz guot gewesen ist, berechten 
alz vorgeschriben ist" etc. Es ist hier bloss die Aufgabe des Ote 
schädigten resp. Klägers, sein Gut zu berechten (s. unten § 29). 
Allgemeiner ist § 41 : „War daz ainer oder ainew für gericht 
chumt gepunden und gevangen umb swelcherlay sache daz ist, 
da mit man im den leip angewinnen mag oder sol, da sol dhain 
verzicken nicht schaden, weder von vorsprechen oder von anchlag, 
man sol hincz im wol richten alz die ansprach stet^ Statt der 
letzten Worte hat Freysing § 28: „man sol richten hincz im nach 
der schuld als der Stadt Recht ist und als unsers Herrn Buch 
sagt" Einige Schwierigkeit macht hier das vielleicht etwas ver- 
unstaltete Wort „verzicken", und selbst Schmeller IV, 223 
bleibt bei der Erklärung desselben in der Schwebe. Er führt die 
Stelle an nach dem reformirten Landrecht von 1588 und fügt 
hinzu : „Etwa Recriminatio oder aber Exceptio peremtoria oder ein 
Verzeihen, Verzichten des Klägers ?" Er ist aber sogleich wieder 
geneigt, diese ganz unhaltbaren Vermuthungen aufzugeben, weil 
fast derselbe Text im Iiandrecht von 1346 unter der Rubrik „umb 



229 

Inzicht^ im Titolus fnrtormn stehe. Diess ist allerdings zu beach- 
ten, und trotz der allgemeinen Wendung „umb swelcherlay sache 
daz ist^ mag zunächst an den handhaften Diebstahl zu denken 
sein, so dass der leitende Gedanke des § 41 kein anderer ist, als 
der des § 48 vom Strassenraube : bei der handhaften That bedarf 
es weder eines Beweises noch ist ein Gegenbeweis zulässig, daher 
läuft der Process rasch seinem Ende zu, ohne „Verziehen" von 
Seiten des Anklägers oder des Vorsprechers des Angeklagten; 
der Erstere braucht nicht den Zeugenbeweis zu führen, der Zweite 
hat keinen Entschuldigungseid" *®*). 

n. Die Fälle der nicht handhaften That können bei 
dieser ihrer negativen Gemeinschaft mehr oder weniger verschie- 
den sein. 

1. Meistens steht der Abläugnungseid oder Entschuldigungs- 
eid als Recht des Angeschuldigten formell an erster Stelle da, 
aber nur formell, es hat schon der Umschwung in dem Process- 
gange stattgefunden, dass in allen Fällen, wo der Ankläger seine 
Anklage durch Wissende oder Zeugen bewähren kann, er mit 
zwei Zeugen zur Seite jenen Eid zurückdrängt ^®*). Das zeigt die 
immer wiederkehrende Wendung: „Laugent er aber sein, so sol 
man sein recht darumb nemen mit seinem ayde, es bezeug dann 
der chlager mit zwaien zu im, die es gesehen .und gehört haben, 
daz es ez getan hab." Landr. § 22, 25, 27, 51, 60, 61, 62, 64, 
72, 73, 83, 85, 122, 142, 166, 170, 171, 172, 176, 179, 180, 205, 
206, 225, 230, 238, 240, 244, 247, 248, 270, 278, 281, 287^ 306, 
315. l5ie zwei Leute sind als Wissende deutlich bezeichnet § 73 : 
„die ez wars weten" , aber sie treten mit ihrem Eide zu dem 
Eide des BLlägers hinzu, so dass die Form der Eideshülfe noch 
durchschimmert (§73: „die mit im swern", § 142; „die dez mit 
sweren"). 

2. Bei Verwundungen mit gewaffneter Hand wurde der Ab- 
läugnungseid des Angeschuldigten schon zurückgewiesen, wenn 
der Kläger allein auf seinen sichtigen Schaden beschwur, dass 
jener und niemand anders es gethan habe (Landr. § 164). Ver- 



104) Vgl. Siegel, (Jerichtsverfahreii I, 122. 

^^S) Alb recht, comm. iuris Germ, antiqui doctrinam de probationibus 
adumbrans I, p. 65. 



230 

wandt i«t es, dass nach § 73 derjenige, dem Heu oder gewonnenes 
Holz weggeführt war, auf sein genommenes Pfand bereden konnte, 
dass der Andere ihm das Holz oder das Heu entwendet habe, 
„hat er aber nicht pfant, so sol man sein laugen darumb nemen 
mit seinem ayde — es möcht dann iener war gemachen mit zwaien, 
die ez wars weten, die mit im swem, daz er im sein holcz oder 
haew genomen hab"; s. auch § 74, 75. 

3. Vereinzelt steht die Vorschrift im Landrecht § 329, dass 
ein falscher Zeuge mit fünfen überwunden werden soll: „Swer 
überwunden wirt mit fünfen, daz er falscher zeug ist ge- 
wesen '^ etc. Dieser § 329 (Freysing § 257) hat keinen ent- 
sprechenden Artikel im alten Landrecht und im oberbayerischen 
Stadtrecht 

4. Im Gegensatz zu den genannten Fällen finden wir zwar 
auch, dass von dem Angesprochenen gesagt ist: „da sol man sein 
laugen umb nemen mit seinem aide, und da gehört dhain zeug 
über", Landrecht § 226; s. auch § 178, 232, 241, 295, 324 Aber 
es sind das Fälle, in denen streitige Thatsachen zu bewähren 
sind, die entweder dem Straf processe noch gar nicht angehören, 
oder nur dessen Peripherie berühren. Ganz fremd ist aber der 
Eineid der Entschuldigung ohne jene Eventualit^it des Dreieides 
dem Strafverfahren nicht: 

a. Wir sehen aus § 54, dass, wenn der Richter jemand an- 
spricht, er habe einen Frieden an jemand gebrochen, der Richter 
nicht wie ein Geschädigter, der als Kläger auftritt, Zeugen pro- 
duciren kann, daher dem Angesprochenen einfach der Abläug- 
nungseid zusteht; s. auch § 45 a. E., 174. "Warum der Richter 
in solchem Falle keine Zeugen aufführen soll, ist deutlicher im 
Stadtrecht von Freysing § 32, als im Landrecht § 45, 54 mit den 
Worten angegeben: „wann der Richter chainen zeug umb sein 
puss gelaitten mag*^ (vgl. unten § 29 über die Wendung „nach 
dem zeug"), aber der tiefere Grund ist doch vielleicht darin zu 
sehen, dass die zwei Zeugen, welche hinzutreten zu dem Eide 
des Anklägers, eben hierin noch formell als Eideshelfer erschei- 
nen, von der Eideshülfe aber für den Richter nicht die Rede 
sein kann. 

b. Kommt der einer schädlichen Sache Bezichtigte freiwillig 
ungebimden imd ungefangen vor Gericht, so geniesst er den Vor- 



231 

theil, sicli mit seinem Eineide entschuldigen zu können ^^•), worin 
die ursprünglich allgemeinere Regel enthalten ist, die sich noch 
als solche im Rechtsbriefe von Passau 1225, § 17, findet Es 
stimmen hierin überein Landr. § 31 und 56,>nur dass die erstere 
Stelle den Fall behandelt, wo einer geziehen wird einer schäd- 
lichen Sache, die ihm an seinen Leib und an seine Ehre geht, 
§ 56 dagegen speciell der Notnunft gewidmet ist, bei welcher 
jener Satz dann nicht gelten soll, wenn die wegen Notzucht kla- 
gende Frau mit dem Manne kämpfen will (s. unten § 31). 

§ 28. Der Landfrieden 1300, § 100, beschränkte die Rüge- 
pflicht auf die drei Capitalsachen, Diebstahl, Notnunft imd Todt- 
schlag: „Wir setzen auch, daz alle Rügung absi, dann umb di 
dri sa(^, die zu dem tot ziehent, daz ist diuf, notnunft und tot- 
sieg." Das Landr. § 266 geht weiter und beseitigt die Rügepflicht 
gänzlich, weil dadurch grosser Unwille und Hass unter den Leuten 
entstanden sei. Es konnte aber jemand durch das Gerücht einer 
an Leib oder Ehre gehenden Sache bezichtigt sein '®'^) und davon 
handeln § 30, 31 des Landrechts unter der Rubrik „In zieht". 
Das accusatorische Princip ist aber noch gewahrt in dem Ver- 
fahren, welches § 30 (oberb. Stdtr. § 67, Freysing § 20) vor- 
schreibt. Der Fronbote soll an dem ersten Gerichtstage dreimal 
mit lauter Stimme rufen, ob ein Ankläger auftreten wolle ; meldet 
sich dazu jemand, so soll man ihm Tag geben zu dem nächsten 
Gericht; kommt dann niemand, so kann sich der Inzichter mit 
seinem Eineide ledigen; kommt aber jemand zu dem zweiten Ge- 
richt, der ihn um die Inzicht fertigen will, so soll der Richter jenen 
gebunden und gefangen zu Recht stellen, kommt niemand, so ist 
er ledig und man soll ihn zu Fürbann thun. Für den Fall, dass 
ein Ankläger auftritt, der die Inzicht wahr machen will, sagt der 
Text: „und sol hincz im richten als der schrannen recht ist und 
dez puochs sag." In dieser allgemeinen Verweisung ist enthalten, 
dass der als gebunden und gefangen Behandelte keinen Entschul- 
digungseid hat, wie er nach § 31 ihm zusteht, wenn er freiwillig, 
ungebunden und ungefangen hervortritt. Die Texte der drei cor- 
respondirenden Rechtsquellen, des Landrechts, des oberb. Stadt- 

^06) Bsp. I, 68, § 5; Augsburg 1276, S. 49. 

107) Vgl. B jener, Beiträge zu der Geschichte des Inquisitionsprocesses, 
& 21. 



232 

rechts und des Stadtrechts von Freysing, sind nicht gleichlautend 
und die Wortfassung des Landrechts ist nicht sehr klar, aber der 
hervortretende Hauptpunkt scheint nur zu sein, dass ein inqui- 
sitorisches Verfahren für solchen Fall der Inzicht noch nicht gel- 
tend geworden ist. 

Das oberb. Stadtrecht hat einen Schluss, der im Landrecht 
und im freysinger Stadtrecht fehlt: „war aber, daz er aus dem 
rechten entwich, so ist er der inzicht schuldig*^; s. auch Passau 
1300, § 4. 

§ 29. In einem Falle war es dem Geschädigten gestattet, für 
den im Vorigen oft genannten Dreieid persönlich einen dreifachen 
Eid zu leisten, aber nicht zur Ueberzeugung des Gegners, son- 
dern um sein gestohlenes Gut wieder zu erlangen. Landr. § 38 
(s. auch § 269): „Wem sein guot verstoln wirt, chümmt daz für 
recht, daz sol er berechten sein hant selb drittew ^®*), oder ain mit 
drein ayden, daz ez ze der selben zeit sein waer, e daz ez im 
deuplich verstoln wurd und heut sein sey, dez sol er geniezzen** 
etc. (oberb. Stadtr. § 71). 

Sehr genaue Bestimmungen enthält das Landrecht über den 
Würderungseid von Seiten des Geschädigten *<^^) , und zwar 
finden wir hier ein Analogen des „secundum qualitatem pecuni»*^ 
bei der Entschuldigung"») (1. Baiuv. I, 3; Landfr. 1244 § 77, 
1255 § 56, 1281 § 58). Der Würderungseid ist Eineid, wenn 
der Schaden "*) die Summe von V2 ^^d. Pfenningen nicht über- 
steigt, Dreiereid, wenn der Betrag höher ist. Landr. § 27: „und 
wirt er also überwunden, so sol der chlager betewem mit meinem 
ayde, waz er des Verziehens und des rechten schaden genomen 
hab, ist er under ainem halben pfunt pfenning: ist er über ain 
halbs pfunt, so sol sein hant selb drittew sein", § 60 (unrichtig 
interpungirt bei Freyberg), 61, 65, 68, 70, 80, 137, 171, 188, 
201, 221, 243, 247, 279, 296, 335. 

Nach dem Betrage des gewürderten Schadens pflegt sich die 

»•8) Vgl Memmingen 1 (Freyberg V, 250). 

iW) Ueber das ältere Reebt in Betreff dieses Eides s. Siegel, Gerlcbtsverf. 
I, 158, 159, 174. In den Landfrieden kommt bei der Heimsuchung ein Wtkr^ 
derungseid des Schädigers vor; s. oben § 19. 

"») Siegel I, 189. 

111) Ueber den Begriff des Schadens s. Albrecht, de probationibus U, 38. 



233 

dem Richter zufallende Busse in der Weise zu richten, dass der 
Richter halb so viel bekommt. Landr. § 70: ,,dem richter halb 
alz vil ze puoz als iener betewert der den schaden genomen hat" ; 
8. auch § 60, 72, 73, 74, 171, 188, 201. Es folgen aber im § 60 
noch die Worte: „und darnach sol der richter haben nach dem 
zeug 72 Pfenning." Kürzer ist der entsprechende § 42 des frey- 
singer Stadtrechts: „so ist jener dem gerirfht alz vil schuldig und 
72 dn. nach dem zeug." Wie die Vergleichung von § 61, 65, 
321, 335 des Landrechts zeigt, bedeutet dieses „nach dem zeug", 
dass, wenn es zum Acte des Zeugenbeweises gekommen ist, dem 
Richter dafür als Sportel die Summe von 72 Pfgen zukommt. 
Auch wenn der unternommene Zeugenbeweis misslang — „wem 
pruch daran geschiht" — hatte der Richter diese Summe zu for- 
dern; s. Landr. § 321. Ebenso steht im Landr. § 304: „dem ge- 
richt nach dem ayt schuldig 72 Pfenning." 

§ 30. Das Verfahren, um zu ermitteln, ob dem Feldnachbam 
durch Ueberpflügen etc. ein Nachtheil entstanden sei und bis zu 
welchem Betrage ist im' § 70 und 137 genau beschrieben und 
als Kundschaft "2) bezeichnet (s. auch M. B. VII, 177; IX, 
269; X, 173 ff.; XXV, 296 ff.). Freysing § 53 widmet dem Ge- 
genstande im Anschluss an Rupr. IT, 45 noch eine besondere Aus- 
einandersetzung. Den Hintergrund bildet die Annahme, dass der- 
gleichen in der Regel nicht böswillig geschehe, sondern dass eine 
Irrung vorliege (s. Grimm, Wsth. HI, 671, Quellen zur bayerischen 
Gesch. VI, 361) , die zweckmässig durch unparteiische Leute ge- 
hoben werden könne ^"). Zu Kundschaftern sollen auf beidersei- 
tiges Verlangen durch den Fronboten Leute entboten werden, die 
„weder Theil noch Gewinn daran haben" (vgl. § 65) ; diese sollen 
in Gegenwart des Richters oder Fronboten auf ihr Gewissen und 
bei ihrem Eide die Ackergrenzen angeben, und derjenige, zu dessen 
Gunsten der Spruch lautet, „mag es fürbas wohl haben ohne 
Notred" "*) (Landr. § 70, 136, 137). Es ist aber auch des Falles 

^*«) Schmeller II, 311; Auer's Glossar; vgl. über Urchundo = testis. 
Grimm, R.A. 858; Siegel I, 194. 

**3) Das ältere Verfahren des bayerischen Hechts s. bei Siegel I, 125; 
vgl. über die Untergänge in der Schweiz Blum er, Staats- und Rechtsge- 
schichte II, 203 

"*) Zöpfl, Alterth. I, 45, 344 ß. 



234 

gedacht* dass einer der beiden in CoUision Gekommenen glaubt, 
sein Recht sicher nachweisen zu können und sich der Gefahr einer 
Benachtheiligung durch das schiedsrichterliche Verfahren nicht aus- 
setzen will, dann kommt es zum ordentlichen Processe; „däucht 
aber iemant, daz man im ze nachen gen wolt, der mag wol da 
ftlr sten, und mag es verantwurten alz ain man sein aigen und 
lehen zu recht verantwurten sol." 

Das Verfahren mit Kundschaft kam ebenfalls zur Anwendung, 
wenn zwei Dörfer in Streit gerathen waren um die Grenzen ihrer 
„Gemain" — d. i. des Gemeindlandes ^^*) ; s. Landr. § 136 ff. 

§ 31. Eine besondere Betrachtung verdient das eigenthümlich 
gestaltete Gerichtsverfahren wegen Nothzucht (s. oben § 10). Es 
werden im Landr. § 56 — ^59 folgende Fälle unterschieden: 

1. Ist der Mann nicht gebunden und gefangen, und kommt 
er auf die Vorladung ohne Weigerung vor Gericht, so „soll man 
sein Recht darum nehmen, dass er es nicbt gethan habe und soll 
ihn nicht überzeugen" (Laudrecht § 56); er kann sich also mit 
seinem Eineide frei machen ; aber wenn die Frau sich zum E^ampfe 
erbietet, so soll man sein Bereden nicht nehmen **6). 

Ueber einen solchen gerichtlichen Zweikampf bestimmt § 58 : 
„ Vermäzz aber die fraw sich champfs mit im, da sol man in peden tag 
aufgeben, und welches dez champfs abgieng und dez nicht vol- 
fürte, dem ist pruch an dem champf geschehen und an allen sei- 
nen rechten." Es ist hier nicht vom Unterliegen im Kampfe dje 
Rede, sondern vom Zurückweichen vor demselben, wenn der Tag 
schon bestimmt ist ^i*^). Die Folge des Unterliegens in dem Kampfe 
ist nicht ausgesprochen, aber wie diese Folge für den Mann un- 
fehlbar die Strafe der nun festgestellten Schuld, also der Noth- 
zucht, war, so kann man annehmen, dass der Rückschlag auf die 
im Kampfe unterliegende Frau derselbe war, wie er im § 57 aus- 



ti5) Grimm, Wsth. 111, 635, 686; Schmeller II, 558. 

***) Zu dem Satze, dass der Eid zurückgedrängt werde durch das Er- 
bieten von kliigerischer Seite zum Zweikampfe s 1. Fris. XI, 3, Xl V, 5 < Burg. 
XLVi; Pertz, Mon. leg II, 107; Schwsp 63, 156, 194, 208, 350, 360 W.; 
Augsburg 1276, S 52, 53; Hofrecht von Worms c 19; vgl. Rögge, Ge- 
richtswesen S. 182, 206; Siegel I, 206; alam. Strafr. S. 157, 175. 

"*) Vgl. über das alte „iactivus" Maurer, Gerichtsverfahren § 41, 
42; Siegel I, 52. 



235 

gesprochen ist f ttr den Fall, wo die Frau sich nicht zum Kampfe 
erbietet und der Beklagte den Reinigungseid leistet: „imd hat sich 
der frawen le p und guot in gerichtz gewalt verfallen , und den 
leip mit dem guot ze lösen, aigen und lehen sol den erben ze 
allen zeiten beleiben" (s. oben § 2). 

Dass eine Frau sich zum gerichtlichen Zweikampf erbieten 
konnte, ist wohl schon aus der lex Baiuvariorum zu entnehmen, 
obgleich die betreffende Stelle nicht nothwendig bloss darauf zu 
beziehen ist. Es heisst im Textus tertius DI, 30(Merkel p. 399, 
vgl. p. 294) : „De feminis vero eorum, si aliquid de istis actis con- 
tigerit (Tödtung, Verwundung etc.), omnia dupliciter conponantur; 
et quia femina cum arma se defendere nequiverit, duplicem con- 
positionem accipiat ^*^); si autem pugnare voluerit per audaciam 
cordis sui sicut vir, non erit duplex conpositio eins, sed sicut 
fratres eius*'^), ita et ipsa recipiat." Die Anschauung, dass eine 
Frau den Vorzug, den das Recht dem als wehrlos gedachten 
Weibe zuwende, verliere, falls sie sich wie ein Mann gerire, 
findet sich auch in andern Rechten *20) yj^^ ^^t eine Analogie in 
der Bestimmung des Ssp. III, 2 über Pfaffen und Juden, die 
Waffen führen. 

In dem Codex, aus welchem Scherz im Jahre 1727 den 
Schwabenspiegel als Jus provinciale Alemannicum herausgab, 
lautet c. 229: „Sprichet ain Fraue ain Man an umb die sach da 
kämpfe umb ertailt wirt, Und hat der ainen mage von dez wegen 
diu clag hergat, der im alz nahen ist daz er ez durch reht tun 

"8) s. auch 1. Baluv.XIII, 9; XVI, 5 ; Alam Hloth. XLVUI, 2 ; XLIX, 2; L, 2. 
Ofen 257; vgl. Grimm, R.A. 404; .Weinhold, die deutschen Frauen S. 124. 

!>*) Das Wergeid (= Manngeld) einer Frau wird erst existent durch An- 
lehnen an das Wergeid ihrer Brüder; s Strafr. der Langoborden S. 17. 

i«0) Lex Burg. XXIII, 3; XCII, 2; Bd Roth. 378 vgl. mit 278 (Straf- 
recht der Langob. S. 46 1. — Grimm, Wsth. IV, 344, § 28. — Merkel ad 
1. Baiuv. p. 399 zieht aus Vernaleken's Alpensagen, S. 383, eine Stelle 
eines österr. Weisthums hieher, die mit dem gerichtlichen Zweikampfe einer 
Frau, wie Merkel anzunehmen scheint, nichts zu thun hat, aber doch das 
obige Thema etwas berührt Es ist an jener SteUe, mit welcher wiederholte 
Aussprüche in Kaltenbäck*s Sanunlung übereinstimmen, von einer bekannten 
Art der Hausfriedenstörung, dem Auaheischen. die Rede, und gesagt, dass eine 
Fr^tu, die einen Mann aus seinem Hause fordere und ,,Mannheit also ver- 
schmähe", doppelt so viel zu zahlen habe, als ein Mann für daselbe Delicti 
meine R.A. aus österr. Fant. S&. &^. 



236 

sol. Und kumpt ez darzu daz ain kämpf darumb ertailt wirt, will 
denn diu fraue so stelt sie wol." Diese Stelle, die, so viel ich 
weiss, sich in keiner andern Ausgabe dieses Rechtsbuches findet, 
ist überhaupt nicht sehr klar, und namentlich die Schlussworte, 
in denen man die Gestattung des Kampfes einer Frau mit einem 
Manne finden will, sind undeutlich, wesshalb Scherz die kleine 
Aenderung vorschlägt: ^so stelt si sich wol", Majer dagegen 
in seiner Schrift über die Ordalien stillschweigend ändert: „so 
steht sie wol". Möglicher Weise ist der Schluss unvollständig 
und davon die Rede gewesen, dass die Frau einen Kämpfer stellen 
könne, wie es im augsburger Stadtrecht 1276, S. 69 heisst: „so 
sol si einen kempfen an ir stat nemen". Es ist wohl auch die 
Vermuthung nicht unberechtigt, dass jenes c. 229 aus diesem 
Passus des augsburger Stadtrechts herausgebildet sei. 

Den ersten genauen Bericht über den Kampf einer Frau mit 
einem Manne wegen Nothzucht, wo die Frau ihm den Reini- 
gungöeid wehren will, liefert das augsburger Stadtrecht 1276, 
S. 55 Um die Ungleichheit der Kräfte und der Fertigkeit im 
Waffengebrauch auszugleichen, erfand man eine besondere Kampf- 
form, die hier und mit Variation von Ruprecht 11, 51 beschrieben 
wird , und nach andern Mittheilungen *2i) mit einer Erfindungs- 
gabe im spätem Mittelalter ausgebildet ist, dass man glauben 
könnte, der Gegenstand sei oft von practischer Wichtigkeit ge- 
wesen oder der Humor hal&e hier als rechtsbildender Factor sein 
Spiel getrieben. Die practische Wichtigkeit muss man bezweifeln, 
da nicht ein einziger Fall des Kampfes einer genothzüchtigten 
Frau mit Sicherheit nachgewiesen ist. Zwar wird überall ein Fall 
aus Bern genannt, aber wenn auch angenommen werden darf, 
was nicht ausgesprochen ist, dass diess ein gerichtlicher Zwei- 
kampf war, so ist die Veranlassung nicht angegeben. In den s. g. 
Annales Colmarienses majores heisst es zum Jahre 1288: „In civi- 
tate Bemensi mulier virum vicisse noscitur in duello''; in den 

*W) Majer, Geschichte der Ordalien 8. 270—274; Bruns, Beiträge zu 
den deutschen Rechten 8. 313—332; Wilda in Ersch und Oniber's Encyclo- 
pädie „Ordalien". Von einem Rechtshistoriker wie Wilda wäre zu erwarten 
gewesen, dass er sich nicht begnügt hätte, Majer nachzuschreiben, sondern 
wenigstens das augsburger 8tadtrecht und Ruprecht von Freysing angeführt^ 
sowie die lex Baiuyariorum in die Untersuchung gezogen hätte. 



287 

Annales Bemenses 1288: „In Bema foit duellam inter virum et 
mulierem in octava Innocentium sed mulier prsßvaluit" *22). Etwas 
ausführlicher Justinger in der Bemer Chronik S. 38 und nach 
ihm andere Chroniken: „Da man zalt von Gottes Geburt 1288 
Jare nach Wienachten an dem achtenden Tage der Kindelein, 
beschach ein Kampf zu Bern, an der Matten, da nu die Mure 
unten am Kilchhofe stat und kämpfte ein Frow und ein Mann 
mit einandern und gewann die Frow den Kampf. *^ 

2. Landrecht § 56 fährt fort: „Waer auch, daz man in für 
daz gericht vodert und er hinfür nicht chomen wolt^ so sol er der 
notnunft schuldig sein.*^ Auffallend ist das» hier das „absens pro 
damnato habetur'^ eintreten soll und nicht zuerst die Acht ver- 
hängt wird, wie im augsburger Stadtrecht 1276, S. 55: „Ist aber 
daz er entrinnet der die notnumpft da hat getan, unde über in 
gerihtet wird mit der ähte, wirt der danach begriffen so sol der 
vogt über ihn rihten umbe die notnumpft die er getan hat in allen 
dem rehte als davor geschriben stat." Es ist aber im Landrecht 
die Acht wohl nur desshalb nicht genannt, weil es sich von selbst 
verstand, dass ein vor Gericht Geforderter, der nicht erschien, 
geächtet wurde. 

3. Wird er gefangen (ausser dem Falle, wo die Acht voran- 
gegangen war), so ist das Uebersiebnen Recht (Landfr. 1244, § 52, 
dagegen 1255, § 44: selb fünfte), aber es sollen unter den 7 Per- 
sonen wenigstens 4 Männer sein (Landr. § 59). Darin stimmen, 
das alte und neue Landrecht und daa oberb. Stadtrecht überem 
und es wird dadurch der Schlusssatz von § 56 des neuen Landrechts: 
„Ez sint auch alle die, die ihr chlag hörent oder sehent, ez sey 
fraw oder man zuo der notnunft guot zeug, ob sie wellent", mo- 
dificirt. Um solche Zeugen zu erlangen, „sol ain ieglich fraw, die 
genotzogt wirt, swenn sie auz seinen banden und auz seinem ge- 
walt chümt, mit geprochen leip, mit fladrentem har, mit zerrissem 
gepend und ze haut hin gent lauffen, daz gericht suochen und ir laster 
wainent und schreient chlagen allen den, die es hörent oder sehent". 
Das Stadtrechtsbuch von Regensburg S. 49 beschreibt in ähn- 
licher Weise: „Chlagt ainew ainen, er hab ir ir trew und er ge- 
nomen und hab sy genotzogt über irn willen, daz sol sy beweisen 

^^) Pertz, Mon. bist. XVU, 216, 271. 



mit abgerissen pentt, mit schrejeiidem mnnd, mit gestrawbtem har 
und mit nasser füd** ^^). 

Das Stadtrecht von Freysing hat den Artikel vom Uebersieb- 
nen ausgelassen und sich mit dem allgemeinen Satze begnügt: 
jyEz sind auch all die ir klag homt oder sehent, ez sey fraw oder 
man, zu der notnuft gut zeug", setzt aber hier noch der Voll- 
ständigkeit und Deutlichkeit wegen hinzu: ^Versbeigt aber sy die 
klag der notnuft, so sol jr klag der notnuft furbas chain kraft 
haben." Durch Weglassen der Bestimmung, dass unter den 7 Zeu- 
gen mindestens 4 Männer sein sollen, ist in diesem Stadtrecht die 
Unebenheit vermieden, welche bei dem neuen Landrecht in der 
Vergleichung des § 59 mit dem Schlusssatze des § 56 (und § 325) 
sichtbar wird. Dass das Stadtrecht von Freysing das Uebersiebnen 
überhaupt nicht erwähnt, dafür ist der Grund wohl kein anderer 
als die Befürchtung, es möchten in manchen Fällen so viele Per- 
sonen, die das Auftreten der Genothzüchtigten gesehen und ihr 
Geschrei gehört haben, sich nicht finden, denn von Eideshelfem, 
an welche man sonst bei dem Uebersiebnen ursprünglich zu den- 
ken hat, ist hier nicht die Rede, sondern von solchen Personen, 
welche zwar nicht die That selbst gesehen haben, aber den Zu- 
stand der Frau nach der That und ihr Geschrei bezeugen und 
so ge Wissermassen die That bis in das Gericht verlängern *24). 
Es verlangen auch manche andere Rechte weniger Zeugen der Art. 
Augsburg 1276, S. 64, hat ähnlich wie das Stadtrecht von Frey- 
sing den allgemeinen Satz: „der klager sol in uberziugen mit 
mannen oder mit wiben sweders er danne baz gehaben mag, die 
unversprochen sint, die daz geschrai gehöret haben '^; s. auch 
das prager Rechtsbuch § 88. Beide österreichische Landrechte, 
§ 6, fordern nur einen unversprochenen Mann und eine solche 
Frau, welche die Notnunft gesehen oder das Geschrei gehört 
haben; das Stadtrecht von Wiener-Neustadt § 57 verlangt zwei 
solche Männer oder einen Mann und eine Frau. Die Regel, dass 
Frauen nicht Zeugen (und zunächst nicht Eideshelfer) sein können, 

*«3i Vgl. Grimm, R.A. 633; Ztschr. fttr Rechtsgesch. I, 382 ff. und meine 
R.A. aus öserr. Pantaidingen 8. 49. Ueber die österr. Stadtrechte s. Würth 
zum ^tadtr. von Wiener-Neustadt §27; Tomaschek, deutsches Recht in 
Oesterreich S. 249. 

«*) Planck in der Ztschr. für deutsches Recht X, 225. 



339 

hängt zusammen mit ihrem Mangel an Waffenfähigkeit *2S) ^ tmd 
die Regel ist noch unbedingt ausgesprochen im Recht von GK>slar 
S. 93, 9 (Göschen): ^wives namen ne moghen nicht tügen." 
Aber das Bedtirfniss wirkte Ausnahmen (Deutschsp. 17, Schwsp. 
14 W.; vgl. Stadtrecht von Dinkelsbühl § 2, bamberger Hals 
gerichtsordnung Art 76) und dahin gehörte vor Allem, wie die 
schon angeführten Stellen zeigen: 

1. die Nothzucht; s. auch München 1294, § 32: „Ez sol och 
chain frow, als ez von alten Dingen gewonlich und reht ist, ziuh 
sin über dchain dinck, wan über elichen heirat, notnunft und 
über daz lest geschaeft an dem tod, wan bi den drein dingen 
pflugent die frowen allermaist ze sein*^ ^^). Aus anderen Gebieten 
sind zu vergleichen das über Nothzucht besonders ausführliche 
und interessante Reöhtsbuch der Stadt Mühlhausen aus dem 13. 
Jahrhundert (Ausgabe von Forste mann) S. 8, das Recht von 
Goldberg in Schlesien § 13 (Gaupp, das alte magdeburger und 
hallische Recht S. 222), Homejer, Extravaganten des Sachsensp. 
Nr. 37. 

2. Der § 325 des neuen Landrechts (Freysing § 254, oberb. 
Stadtr. § 85), dem Schwsp. 13 L. (s. auch die Varianten bei 
Wackernagel 14) entsprechend, lässt auch das Frauenzeugniss 
zu „umb eleich sach"; s. München 1294, § 32, und auch Rup- 
recht n, 103; vgl. mit dem neuen Landr. § 218. — Mühlhausen 
a. a. O. : „Nichein vrowi mac me gizugi dan notnumpft undi ewi.** — 
Auch das Zeugniss von Frauen über das Gelebthaben eines Kin- 
des nach dem Ssp. I, 33, Schwsp, 35 W. lässt sich hieher nehmen. 

3. Als dritte Ausnahme führen die genannten bayrischen 
Quellen auf „Geschäfte, die an den Todtbetten geschehen **; 
s. auch Ingolstadt 1312, § 29, wo aber die Notnunft nicht er- 
wähnt ist. 

4. Das Stadtrecht von Freysing § 129 gestattet auch das 
Frauenzeugniss zum Beweise der Nothwehr, nach dem Vorgange von 
Rupr. n, 7, da es oft geschehe, dass bei der Nothwehr nur Frauen 

««) Siegel T, 176, 185 Anm. 25. 

126) Der Landfrieden des Landgrafen Friedrich II. von Thüringen vom 
30. Nov. 1338 gestattet sogar dem sonst vom Zeugniss gänzlich ausgeschlos- 
senen Aechter um Notnunft Zeuge zu sein; s. Michelsen, urkundl. Beitrag 
zur Gesch. der Landfrieden in Deutschland (1863) 8. 23. 



240 

und nicht Männer zugegen sein. Ruprecht 11, 28 beschränkt aber 
dieses Zugeständniss wieder für einen Fall: ^Schlecht aber ein 
burger ein dinstman oder ein ritter und wird er darumb gefangen 
und wil er notwer darumb pringen, dy sol er pringen mit mannen 
und mit frauen nicht. '^ 

5. Verwandt ist die Zulassung der Friuen zum Zeugnisse 
bei der Heimsuchung, jedoch ist der Unterschied von Tag und 
Nacht dabei von Einfluss. Ehaftrecht von Peitingau § 14 (Grimm, 
Wsth. m, 648): „Item ob zwen mit einander kriegten und einer 
den andern haimsucht in sein haus oder xmter sein dach, ist es 
bei dem tag, so sol er es erweisen an den andern selb fünf mann, 
und bei der nacht selb dritt mann und frauen** (s. auch Hechts- 
buch von Memmingen 1S96, S. 277; Grimm, Wsth. ü, 217). 



X. Der Nachtschach. 



In den neuen deutschen Strafgesetzbüchern hat die Nacht 
eine viel geringere Bedeutung als in dem alten deutschen Straf- 
recht, welches gerade in der starken Hervorhebung der Niacht 
einen schönen sittlichen Zug offenbart. Das Unrecht, welches bei 
„Nacht und Nebel" geschah, oder „bei schlafender Zeit", fand 
wegen der den Vorfahren so verächtlich erscheinenden Heimlichkeit 
eine strenge Würdigung im Gegensatz zu dem Thun, das die 
„wachende Sonne" beschien. Stark ist diess hervorgehoben im 
ditmarscher Landrecht 1447, § 68 : „Wenn jemand zur Nachtzeit 
in eines Andern Haus mit Bosheit einbräche und einen Mann 
darin erschlüge, was Gott verhüte, den Mann soll man bezahlen 
mit 200 Mark, und soll dem Hauswirth 60 Mark und dem Gerichte 
60 Mark büssen, und dem Thäter soll man sein Haus nieder- 
brennen, und er soll alle seine Tage gelten für einen ehrlosen 
Schalk". Es findet sich auch schon in einem österreichischen Weis- 
thum von 1585 der Satz: „die Nacht ist niemandts Freund". 
(Kaltenbäck CLXI, 79.) 

Am häufigsten ist der Gegensatz von Tag und Nacht geltend 
gemacht bei der Missethat, deren Name in seinen Silben das 
Heimliche als zu ihrem Wesen gehörig sogar doppelt urgirt, bei 
dem Diebstahl. Ueber den nächtlichen Diebstahl bemerkt Wilda 
S. 877: dessen Auszeichnung beruhe auf einem gleichen Grunde, 
auf welchen die Auszeichnung des Diebstahls vom Felde hinführe, 
nämlich, dass die Sicherungsmassregeln in der Nacht weniger 
wirksam waren und die Nachtzeit die heimliche Enftv^endung um 
so mehr begünstigte. Der Schwsp. 201 (Lassberg) drückt die alte 
Ansicht so aus: „Ist daz ein man eine diebheit tut eines nahtes 
den soll man toeten. Daz ist da von gesetzet daz die naht bezzern 
vride solte han danne der tag." Hof- und Landrecht von Wattwil 
(Grimm Wsth. V, 198) § 1: „die nacht sol so fri sin, das ainer 
Osenbrttggen, recbtsgesch. Studien. ^^ 



242 

sin türli ab der landstrass ze nacht nemen mag und an sin wand 
henken und moment das widerumb hintuon". Im Stadtrecht von 
Speier 49 ist die erste Weinglocke als die Friedglocke der Nacht 
bezeichnet. Damit steht im engsten Zusammenhange und ist nicht 
als ein davon verschiedener Gesichtspunkt aufzufassen, dass die 
Wahl der Nacht zur Begehung des Diebstahls den Dieb sittlich 
schlechter erscheinen liess. 

Die Bedeutung der Nacht im altdeutschen Strafrecht lässt 
sich leicht mit Beispielen anschaulich machen : 

1. Oft stempelte die Nacht ein Handeln zum Diebstahl. Sehr 
häufig ist diess von Beschädigung des Korns und der Gtewächse 
auf dem Felde und im Garten ausgesprochen. Augsb. Stadtr. S. 106. 
Freiburg im Ü. § 114. Grimm, Wsth. m, 591, 714. H, 48, 138, 
155, 156. Salzburg Landtäding in Walch's verm. Betr. 11, 163. 
Brunn Schöffenb. 260. Kaltenbäck IV, 26. Schauberg, Zeit- 
schrift I, 132. 

In einem österr. Weisthum (Grimm HE, 712, 717) ist be- 
stimmt, dass der Wandel desjenigen, welcher auf dem Fischwasser 
der Herrschaft bei Tage ergriffen wird, 6 Seh. und 2 den. sei, 
begriffe man ihn aber bei der Nacht „den mag man annehmen 
und halten als einen schädlichen Mann**. Kaltenbäck XLIV, 
15. CLXIV, 12. Nach der letzteren Stelle soll man dem nächt- 
lichen Fischer sogar die Augen ausbrechen, welche Strafe sich für 
einen anderen Fall auch in einem österr. Weisthum bei Grimm 
m, 711 findet. 

Dass Frevel durch die nächtliche Begehung zu Malefizsachen 
wurden, zeigen auch Grimm Wsth. I, 208, 351. Schauberg 
I, 180. Walch Beitr. H, 161. Kaltenbäck CCV, 38, 39.^ 

2. Auf Frevel bei Nacht ist oft die doppelte oder eine weiter 
erhöhte Busse gesetzt. Stadtrecht von Luzern 134: „Wir band 
gesetzt — was old welcherlei frevenheit old frevel wie die sind, 
nachtes beschehen, das ist und sol sin zwivalte buss*^. Bayern 
Landrecht 7f. Speier Stadtrecht 49. Lübeck H, 220. IV, 70, 81, 
91. Bremen bei Oebichs H, S. 663. Stat. von Wittenberg 29 (in 
Förstemann's neuen Mittheil. VI, 3). Grimm Wsth. I, 221, 

' 333, 355. Schauberg 1, 15. H, 66, 81, 86, 91, 118. — Ein solcher 
Unterschied von Tag und Nacht ist stark ausgeprägt in der Land- 
sprache zu Schlanders im Vintschgau (Grimm Wsth. m, 739): 



243 

^ITan hat aneb erfunden, wer etnen hej der nacht findet mit 
seinem viehe in einer wiese oder in seinem baw, der ist gekommen 
Uta 50 pfund; findet einer einen bey tag mit seinem viehe in 
seinem baw, der ist gekommen um 5 pfund. Wer einen findet 
bey nacht bey gerochenem (getrochenem) feuer in seinem haus, 
der ist verfallen leib und gut auf gnade. Wer einen bey der 
nacht in seinem haus überlauft mit gewaffneter band, der ist ver- 
fallen dem gericht leib und gut auf gnade." 

3. Durchgängig findet sich im altdeutschen Rechte die Unter- 
scheidung des Tagdiebes und Nachtdiebes und die schwerere Be- 
strafung des letzteren (Qrimm R.A. 637), z. B. Ssp. 11, 28 §3, 
38 § 1. Schwsp. 170, 173 W. Rechtsbuch nach Dist. ü, 10, 11. 
Bayern Landr. 48, 66, 67. Ditmarschen 1447, § 126 ff., 138 ff. 

4. Die Identificirung von Nachtbrand und Mordbrand und 
das starke Hervorheben des Nachtbrandes und der Nachtbrenner 
zeigt gleichfalls die schwere Bedeutung der Nacht. Pertz Mon. 
Leg. n, 428, 455. Grimm Wsth. I, 539. H, 22, 23, 41, 43, 44, 
381 Anm. DI, 892. vgl. meine Abhandlung über die Brandstif- 
tung S. 13. 

Diese bekannten Beziehungen der Nacht in dem altdeutschen 
Straf recht führen hin zu der Frage nach der Geltung des Nacht 
scfaachs, der in süddeutschen, besonders aber altschweizerischen 
Rechtsquellen vorkommt. *) An Aeusserungen über dessen Gel- 
tung fehlt es zwar nicht, zum Gegenstand einer eingehenden 
Untersuchung ist er meines Wissens noch nicht gemacht 

In einer Öffnung von Rorschach (Grimm Wsth. I, 233) ist 
der Nachtschach unter den schweren Missethaten aufgeführt: „die 
vier ungricht nachtschach, notzog, haymsuoch und fridbrech 
wunden"; in einem badischen Weisthum (Grimm I, 310) den 
grossen Freveln angereiht: „und darumb ist der todschlag und 
blutrunsigi und hertvelligi und der nahtschach und tübi und du 
groz frefli einz vogtz". Züricher Landgerichtsordnung von 1383 
(Ztschr. für schw. Recht IV, 6) : „Item wer ouch geschadget wirt 
mit Roub, mit Brand, mit Mord, mit Nachtschach". Öffnung von 
Hirslanden (Ztschr. für schw. Recht IV, 79) : „wer aber den andern 
suchte under russigem Rafen (d. i. Heimsuchung) oder ein Nacht- 

1) Alam. 8tra&echt § 151. 

16* 



244 

schach tut oder Marchstein ussbricht" ; s. auch Grimm Wsth. IV, 
505, 506. V, 181, 184. Eine hohe und zwar meistens die höchste 
Busse setzen auf den Nachtschach yiele schweizerische Rechts- 
denkmäler, Grimm Wsth. I, 208, 214, 221, 229, 236. Ztschr. für 
schw. Recht I, S. 92. IV, 143. Schauberg I, 73. H, 65, 82. 
Die letztere Stelle scheint zugleich eine Auskunft über den Be- 
griff zu geben, aber es wäre doch sehr gewagt, hiemach Nacht- 
schach durch nächtliches Abmähen von Gras, nächtliche Entwen- 
dung von Obst u. dgl. zu erklären, vielmehr sagt die Stelle nur, 
dass für dergleichen (vgl. die Nachtetz im Stadtr. von München 
1347, Art. 69) die Busse des Nachtschachs 10 Pfund Pfg. ein- 
treten soll. 

Das augsburger Stadtrecht S. 64 nennt den Nachtschach neben 
dem Todschlage und reiht ihn S. 108 an den Strassenraub. In 
der späteren Redaction dieses Statuts bei Walch IV, 162, 314 
ist daraus „Nachts ch ade n" geworden und ebenso ist an die 
Stelle von Nahtslack im Rechtsbrief für München 1294 § 30 im 
Stadtrecht von 1347 Art. 248 „Nachtschaden" getreten. Au er 
führt zu der letzteren Stelle noch die Variante „Nachtschach '^ an. 
Solche Substitutionen bei veralteten und unverständlich gewor- 
denen technischen Ausdrücken sind nicht selten, aber es ist auch 
nicht selten zweifelhaft, ob der alte Begriff durch den neuen 
Ausdruck gedeckt oder ihm entsprochen sei. Das in diesem Falle 
an die Stelle gesetzte „Nachtschaden" ist ein so umfassender Be- 
griff, dass dadurch vielleicht das Ursprüngliche, der Nachtschach, 
ganz verflüchtigt wird. 

Im Fridgerichtsbuch von- Regensburg (Freyberg 's Samm- 
lung V, S. 67) ist ein Artikel rubricirt: „Von Unzucht bei Nacht" 
und lautet : „Wer angesprochen wirt, das er des nachtes abpreche 
oder die lewt slach umb ir gut, mag er des nicht gerichten mit 
zwain der genanten, so soll man über in richten als über einen 
morder" etc. Es wäre möglich, dass hierin eine Beschreibung des 
Nachtschachs läge, aber sicher ist das nicht. 

Die meisten Zeugnisse über den Nachtschach liefern, wie die 
schon angeführten Stellen zeigen, die schweizerischen Rechts- 
quellen. Eine kurze Erklärung desselben giebt eine Öffnung von 
Fluntem bei Zürich vor 1346 (Grimm Wsth. IV, 324): „Item 
violentia punitur 3 libris den. 9 solidis et satisfactione lesi. Si vero 



245 

8ub noctis silencio quis violentiam fecerit, que vulgariter dicitur 
nahtschach, punitur 9 libr. den., quas dabit praöposito, et actori 
6 libr. den.*^ Am ausführlichsten verbreiten sich aber über dieses 
Delict der Richtebrief der Bürger von Zürich und das Landbuch 
von Schwyz. 

Der Richtebrief der Bürger von Zürich existirt in zwei Re- 
censionen, von denen die ältere vor 1300 entstanden und in der 
helvetischen Bibliothek, Stück 2 (1735) gedruckt ist; die jüngere 
Recension von 1304 hat Fr. Ott bekannt gemacht im Archiv für 
schweizerische Geschichte, Bd. V, (1847) S. 149 ff. In Beziehung 
auf die Charakteristik des Nachtschachs stimmen zwar beide über- 
ein, doch ist die systematische und vermehrte jüngere Recension 
auch hier in einem Punkte vollständiger: 

I, 28. „Von ansprechi nachtschaches umbe den mort.*^ Der an- 
spreche wirt des nahtschaches umb den mort, der sol sich 
ze der lütkilchen selb sibender — entreden. Swer des nicht 
wil ald en mag, der ist des morders buoze schuldig. 

29. „Von ansprechi nahtschaches um wundon." Der anspreche 
wirt nahtschaches umb wtmdon, der sol sich ze der lüt- 
kilchen selbedritter unarkweniger lüte entreden — Swer des 
niht wil ald enmag, der ist schuldig der wundon buoze. 

30. (fehlt in der älteren Recension) „Von ansprechi naht- 
schaches umb unfuoge und unztLhi** Der anspreche wirt 
nahtschaches umbe alle unfuoge und unzuht ane mort und 
ane wundon, der sol sich ze der lütkilchen entreden selbe- 
dritter unarkweniger lüte. — Swer des niht wil ald enmag, 
das sol der Rat richten uf ir eit, nach der gelegenheit beide 
des, dem da geschiht und ders da tuot, und git der stat 
zu buoze zwo inarch. 

31. „Von ansprechi nahtschaches, da schaden ist an gute.*^ 
Der anspreche wirt nahtschaches, da von schade ist ge- 
schehen an guote, der sol sich entreden — selb dritter. — 
Swer das niht wil ald en mag, der git zwo march der stat 
zu buoze, und sol man in dannoch twingen, daz er dem 
kleger sinen schaden zwigülte. — 

An einer späteren Stelle, IQ, 24, ist nochmals von der Ueber- 
führung und Entschuldigung beim Nachtschach die Rede und zur 
Charakteristik des Delicts dient noch 



246 

DI, 42: Swem dtt ßtat verbotten wirt umb den mort, umb den 
brand ald den ranb, die wunden, den natschach ald tübde, 
die sol der Rat — yerbieten dien bürgeren, die veste hüser 
vor der stat hant, daz sie ir niht behalten. — 
Die letztere Stelle ist besonders wichtig wegen der deutlichen 
Sonderung des Nachtschachs vom Raube, die sich auch in der 
schon angeführten Züricher Landgerichtsordnung und sonst findet. 
Nach den Bestimmungen des ersten Buchs des Richtebriefs liesse 
sich Nachtschach sehr einfach erklären als nächtlicher An- 
griff, aus welchem Mord, Verwundung, sonstiger Unfug, auch 
Schaden an Gut hervorgehen, ähnlicli wie die angereihte Heim- 
suchung (I, 32 ff.) Brand, Raub und sonstige Beschädigung im 
Gefolge haben kann. Vielleicht i^t es eine Substitution für d^i 
veralteten Nachtschach, wenn im Landbuch von Davos in Grau- 
bünden S. 118 nach dem nächtlichen Ausf ordern aus den Häusern 
jeder „nächtliche Angriff" bei schwerer Strafe verboten wird. 

Das Landbuch von Schwyz hat zwei Satzungen über den 
Nachtschach aus verschiedenen Zeiten. Der erste „Brief um den 
Nachtschach" vom Jahr 1394 sagt, wenn jemand dem Andern 
Nachts freventlich in sein Haus nachginge und ihn da wollte an- 
greifen, oder ihm seine Thüren wollte freventlich aufbrechen, 
oder mit Steinen oder mit anderen Dingen freventlich hineinwürfe 
oder hineinstäche, oder jemand den Andern aus seinem Hause 
freventlich lüde, „ab dem soll man richten uff der weidhub" (der 
Richtplatz bei dem Flecken Schwyz) „alls um ein Nachtschach 
um der vorgenampten stucken jetlichs besunder, ob es zu schulden 
kumpt". — Der Eingang der zweiten Satzung vom Jahr 1521, 
welche rubricirt ist: „Wie man den Nachtschach büssen soll", 
zeigt, dass es damals schon nöthig gewesen ist, sich zu erkunden 
und zu erinnern, was der Nachtschach sei und wie er gebüsst 
werden müsse. Die Strafbestimmung lautet sodann, dass in beiden 
Fällen, wenn jemand an dem Andern einen Nachtschach beginge, 
ohne ihm einen Leibesschaden zuzufügen und wenn dem, an dem 
der Nachtschach begangen werde, von dem Thäter an seinem Leib 
Schaden, wie der wäre, zugefügt sei, der Thäter mit 50 Pfund 
zu büssen 2) xmd auf immer das Land zu räumen habe; femer, 

>) In der Ausgabe von Kothing 8. 29 steht zwar: „so bfisset der t&tter 
ouch nit fOnüdg pfänden^, allein muweifelhail toU es mit heisseo. 



247 

wenn bei der Begehung des NacktschacIiB der Angegriffene vom 
Leben zum Tode gebracht wtirde^ so solle man über den Thäter 
richten sds über einen Mörder. 

Nach der älteren Satzung des Landbuchs von Schwyz iden- 
tificirt Biumer I, S. 414, Nachtschach und Verletzung des Haus- 
rechts zur Nachtzeit und allerdings sind die dort aufgeführten 
frevelhaften Handlungen solche, wie sie sehr gewöhnlich als Ver 
letzungen des Hausfriedens in den mittelalterlichen Rechtsquellen 
vorkwnmen. Jener Identificirung steht aber entgegen, dass der 
Nachtschach, wie im Richtebrief von Zürich, auch sonst von der 
Hdmsuchung gesondert ist, s. die oben angeführte Öffnung von 
Rorschach bei Grimm I, 233, 236, die Öffnung von Romanshom 
Art. 39, 42, 43 bei Schauberg H, S. 65, 66, das Urbar Art. 7 
und 13 bei Schauberg I, S. 72, 73, vergl. H, 82. Öffnung 
von Kyburg Art. 10, 11 bei Grimm I, 18, 19. Offnungen von 
Salchberg, Rickenbach, Niederbüren, Tablatt bei Grimm I, 208, 
214, 215, 221, 229. Augsb. Stadtr. S. 64. Wenn meine Deutung 
von Nachtschach = nächtlicher Angriff richtig ist, so 
macht diese Stelle des Landbuchs von Schwyz keine Schwierig- 
keit, denn die an einander gereihten den Hausfrieden störenden 
nächtlichen Handlungen, die zwar je nach ihrer Besonderheit be- 
urtheilt werden sollen, sind Angriffe auf die Hausbewohner. Der 
genannten Deutung steht überhaupt keine unter den mir bekann- 
ten Stellen, an denen der Nachtschach erwähnt ist, entgegen; es 
erhebt sich aber die Frage, ob nicht der Buchstabengehalt des 
Wortes oder der Silbe „Schach" Schwierigkeiten bereite. 

Sehr gewöhnlich erklärt man Schach = Raub, also Nacht- 
schach = nächtlicher Raub. Grimm R.A. 635 sagt: „Vom ahd. 
scäh (praeda) ist scähhari (praedator), unser Schacher, fries. scäcräf". 
Schmeller HI, 315, derselben AnsichJ;, gibt mehr Detail. Zie- 
mann, mittelhochd. Wörterb. v. schäch wirft Stellen, die sich 
auf das fragliche Schach beziehen imd auf das Schachspiel, 
bunt durch einander. Wilda 917 versucht der gewöhnlichen Er- 
klärung noch eine feinere Wendung zu geben, indem er zuerst 
hervorhebt, dass mehrere deutsche den Raub bezeichnende Worte 
ihrer ursprünglichen Bedeutung nach auf die besonders von Wäl- 
dern aus bandenweise betriebene Räuberei hinweisen, und dann 
in der Anmerkung hinzufügt: „Schachen ist nach einer mir vom 



248 

Professor Leo mitgetheilten Bemerkung noch in dentschen Mund- 
arten gäng und gebe für ein Waldstück; das Zeitwort sdiacben 
heisst ursprünglich im Walde sein, friedlos sein; Schachare wäre 
erst der Friedlose und dann erst Räuber, wie das ital. bandito". 
Dass der Schachen und der Schach in süddeutschen Mundarten 
Gehölz bedeutet') und dass jiie Locale, wo das Gehölz ausge- 
rodet ist und Wiesen und Wohnungen entstanden sind, jenen 
Namen behalten haben, ist bekannt genug. In der Schweiz haben 
viele Dörfer und Weiler den Namen Schachen*) und auch die 
Composita Rorschach, Morschach, Balmenschachen u. s. w. gehören 
dahin. Aber die Verbindung dieses Schach und Schachen mit dem 
fraglichen Schach, welche Wilda annimmt, ist eitel Phantasie. 

Von den in den Rechtsquellen sich findenden Stellen, welche 
der Erklärung von Schach durch Raub günstig sind, will ich 
einige der wichtigsten hervorheben: 

In der Formula ad Edict Rotharis c. 143 (Walter, Corpus 
iur. Germ. I, 699) verspricht der rechtsuchende Verwandte eines 
Getödteten in dem Friedensgelöbniss *) : „nee per me nee per meam 
submissam personam faciam scachum, furtum, homicidium nee 
incendium nee piagas nee comprehensiones de personis Martini etc." 

Edictum Ottonis (a. 967) § 6: „De furto aut scacho, si 
ultra sex solidos fuerit" etc. (Pertz, Mon. leg. 11, 33.) 

In einer unter der Rubrik: „De praecepto et firma fidelitate 
Heinrici regis contra deprsedatores ac scachatores regni eins** 
(a. 1081) gegebenen Schwurformel heisst es: „Furtum, schacum, 
vel rapinam aut prsedam — non faciam ultra sex solidos in anno." 
(Pertz, Mon. leg. 11, 53.) 

Heinrici regis Treuga (1230) § 13: „Quicunque predam quaß 
reraup et predam quse sexanraup et tertium quod sach dicitur, 
commiserit" (Pertz, Mon. leg. 11, 267). 

Rudolfi I. const (1281) §57: „Shahroup und strozroub 
sol deheinen oufschup haben '^ (Pertz, Mon. leg. 11, 430). s. auch 
die bairischen Landfrieden 1244 § 60, 1255 § 72, 1300 § 83, 92 
und die von Grimm R.A. 689 angeführte ELaiserchroniL 

3) Schmid, schwäb. Wörterbuch v. Schach. — Stalder, schwz. Idio- 
tikon V. Schachen. — Schmeller a. a. O. 

^) Lutz, Hand-Lexikon der schws. Eidgnossensehaft v. Schachen 
S) Siegel, Gerichtsverfahren I, 20. 



249 

Edictnm Heinrici VII. (1311): „excepto de homicidio, raptu 
virginum, robaria, seu schacco*^. (Pertz, Mon. leg. 11, 518.) 

Statut von Formazza (1487) § 41 : ,,contra publicos latrones, 
prsedones, scacatores seu robatores stratarum''. (Archiv für 
schwz. Gesch. m, 279.) 

In dem interessanten Blutrecht von Bacharach (Grimm 
Wsth. n, 213) spricht der Fürsprech des Klägers : „Da er yme 
dede denselben mort, da schaichte er yme syns gudis 60 mark 
und mer. alda wart er yme fuorfluchtig; da was es yme nach- 
folginde uff des sc ha ich es fuysse mit wofingeschrei, mit glocken- 
klange, durch den düstem walt, als lange, bis yn die swartze 
nacht benam. — sehe er nu denselben man in unses herren ge- 
richte, er wulde yn ansprechen umb den schaich und umb den 
mort. — leukent er es yme, er wulde es yn beherten mit syme 
lybe uff synen lyp — mit alle dem, dass man zum kämpfe be- 
geert daz ein Franke den andern sali durch reicht eyns schaichs 
und eyns mordes gychtig machen." 

Wenn man nach diesen und anderen Stellen mit Grund an- 
nimmt, Schach sei = Raub, so muss es doch befremden, dass das 
alte Recht zwei Namen für ein Verbrechen hatte und Schach- 
raub wäre ein auffallenderer Pleonasmus als Diebstahl. Femer 
müsste die ganze Auffassung und Behandlung des Nachtschachs 
im Züricher Richtebrief, der doch einer recht alten Zeit angehört, 
ein grosser Irrthum genannt werden. Bei dieser Sachlage ist der 
Versuch einer neuen sprachlichen Erklärung, die sich mit den 
Quellenzeugnissen vereinigen lässt, gerechtfertigt. 

Im Veda-Sanscrit existirt ein Verbum khag' = hin und her 
bewegen, schütteln. Von khag' ist khag'a = Schlacht» abgeleitet. 
Wenn, wie oft, kh für sk steht, so entspricht das Verbum laut- 
lich und begrifflich dem angels. scacan (altnord. skaka, engl, shake) 
und das althochd. scäh und schäch (lat. scachum) lässt sich wohl 
ohne Kühnheit damit in Verbindung setzen , und das Schütteln 
als Angriff nehmen. Da der Angriff auf eine Person sehr oft ge- 
schah, um sie zu berauben, so lag es sehr nah, im Gebrauche 
des Wortes über den ursprünglichen Buchstabensinn hinauszu- 
gehen und scäh tmd schäch als räuberischen Angriff zu nehmen. 
Das Compositum shahroup in den oben angeführten Constitutionen 
und das friesische scäcraf ist bei dieser Erklärung gar kein 



Pleonasmus, da ja zum Begriffe ^ranben^ im gertnanischen und 
altdeutscken Strafrecht noch nicht nothwendig die pereönliche 
Vergewaltigung und der Angriff auf die Person gehört. Auch 
die von Schmeller angeführten Composita ^Mortschach^ und 
^ Schachbrand '^j welches letztere sich ohne EriLlärtmg an mehreren 
Stellen (bayerische Landfr. 1293 § 15, 1300 § 17. Pettz, Mon. 
Script XVn, 367 not.) findet, können ganz nach ihrem Süben- 
gehalt aufgefasst werden. Die in „Mortschach^ zusammengefugten 
zwei Begriffe sind auseinander gelegt im Züricher Richtebrief, wo 
es heisst: „von ansprechi nachtschaches umbe den mort.** — Zur 
Stütze meiner Erklärung führe ich noch die in einem Capitulare 
Karoli 11 (Pertz, Mon. leg. I, 426) doppelt vorkommende Eides- 
formel an: „Ego ille adsalituram, illud malum quod scach 
vocant vel tesceiam non faciam — et quem scio qui nunc latro 
aut scachcator est — non celabo.*^ Adsaltus, assultus, adsalitura, 
insultus ist in den lateinischen Quellen des Mittelalters sehr häufig, 
z. B. Pertz, Mon. leg. 11, 55: preßdas et assultua. Die nocturni 
invasore» im bayerischen Landfrieden 1244 § 76 kann man 
mit Nachtschacher überöetzen, welcher Name sich mit einer weit 
über den Räuber hinausgreifenden Erklärung in dem von Chabert 
angeführten steirischen Landr. 52 findet: „Wer des Nachts auf- 
löset, Leute fängt, raubt, heisst Nachschacher ^. — Dem lateini- 
schen adsaltus u. dgl. entsprechen im Deutschen die oft wieder- 
kehrenden : anlaufen, überlaufen, über den Andern dringen u. dgl.^) 
Besonders interessant ist, dass sich assault als selbständiges 
Delict und Friedensbruch im englischen Recht erhalten hat Es 
kommt dort vor: common assault and battery, aggravated assault, 
assault with intent to rob. ^ 

Der Nachtschach ist ein weiter Begriff, der vom Standpunkte 
der heutigen strafrechtlichen Tlieorie vollendete Verbrechen, aber 
vorzugsweise Versuchshandlungen in den verschiedenen Formen 
des Angriffs umfassen kann, allein imsere Theorie vom Verbrechens- 
versuch ist dem alten deutschen Strafrecht durchaus fremd, wie 
auch noch dem gegenwärtigen englischen Recht, in welchem 

6) Alam. Strafrecht S. 161. 

T) Woolrych, criminal law p. 436, 817, 828. — Wh ar ton, treaüse on 
the criminal law of the U. B. (4 edit 1857; § 1^1. — Glaser, Anklage, 
Wahrs^^ch vmd Bttdrtsmittel 8. 30a 



261 

jedoch die Bildung des Versuchflbegriffs fortschreitet. Wir würden 
fragen, wenn hei einem rechtswidrigen Handeln die rechtswidrige 
Absicht nicht erreicht wurde, welches die Absicht gewesen sei 
und darnach das Handeln als Versuch dieses oder jenes Ver- 
brechens, z. B. des Raubes, des Mordes bezeichnen; im altdeut- 
schen Strafrecht nahm man regelmässig das geschehene Handeln 
als solches in seiner Beschaffenheit und seiner Wirkung und be- 
stimmte darnach Strafe und Busse. 



XI. Die Theilnahme am Verbrechen. 



Die Lehre von der Theilnahme am Verbrechen ist in der 
Theorie des deutschen Strafrechts bis zu einem Excess von Di- 
stinctionen ausgebildet worden, die so fein sind, dass die Praxis 
ihnen nicht nachzugehen vermag. Dem Missbehagen über diese 
Entzweiung von Theorie und Praxis hat einen starken Ausdruck 
gegeben J. Schnell (Ztschr. für schwz. Recht V, 72), wenn er 
sagt: 7, dass — die Wissenschaft ihrem hölzernen Fachwerk der 
Urheber, Haupt-, Nebengehülfen und Begünstiger entsagen und 
wieder zu den gesunden Grundsätzen des alten Strafrechts zurück- 
kehren muss, das, soweit römisch, Wächter und Rein, in dieser 
Lehre namentlich auch Birnbaum, soweit germanisch, Wilda 
wieder offen gelegt hat, ist jedem Richter klar, der das Recht 
von der Lebensseite ansieht." Wie bei der hier postulirten Um- 
kehr der Wissenschaft diese in den Fällen zu wählen habe, wo 
römisches und germanisches Recht in Betreff dieser Lehre sehr 
bedeutend von einander abweichen, ist nicht gesagt. Will man 
die Grundsätze des einheimischen Rechts über die Theilnahme 
am Verbrechen vorzugsweise in's Auge fassen, so führt das zu 
einem Eingehen auch auf die Zeit, bis zu welcher Wilda nicht 
vorgedrungen ist, denn er hat zwar das germanische Recht in 
dieser Beziehung kurz und klar angegeben, aber zwischen der 
von ihm behandelten Zeit und dem Art. 177 der P. G.Q. liegen 
Jahrhunderte deutschen Rechtslebens, in denen die Grundsätze 
über Theilnahme am Verbrechen nicht unverändert blieben, und 
ein Versuch, diese Lehre nach den deutschen Rechtsquellen dieser 
Jahrhunderte des späteren Mittelalters*) aufzufassen, scheint 

1) Für das Gebiet des alamannischen Rechts habe ich die Lehre von der 
Theilnahme am Verbrechen in meinem alam. lö trafrecht p. 74 ff. ausführlich 
behandelt; daher lasse ich die Quellen dieses Gebietes in der vorliegenden 



253 

geboten zu sein. Dabei rnnss es in Frage kommen, ob der Aus- 
spruch Hälschner's^), dass das ältere deutsche Strafrecht den 
Unterschied der verschiedenen Formen der Theilnahme am Ver- 
brechen nicht kenne, wohl aber bestimmte Arten der Theilnahme 
als selbständige Verbrechen mit Strafe bedrohe, in solcher Allge- 
meinheit richtig sei. Hälschner hat diesen Satz zwar nur gelegent- 
Uch ausgesprochen, aber sicherlich auf Grundlage seiner Quellen- 
forschung. 

I. Die Unterscheidung von Urhebern und Gehülfen ist in 
den altdeutschen Rechtsquellen verschieden ausgedrückt, aber eine 
strenge Sonderung der Gehülfen von den Miturhebern, wie sie 
von der neueren Theorie verlangt wird, finden wir nicht überall. 

Nicht selten kommt Orhab vor und zwar als Masculinum. 
Lern an, Wörterbuch zum alten kulmischen Recht, erklärt diess 
= der Urheber, allein das ist weder für die betreffende Stelle 
des kulmischen Rechts, noch für verwandte Stellen, richtig. Kulm 
m, 3 behandelt den Fall, wo zwei Leute sich gegenseitig ver- 
wundet haben, und beide klagen, imd da heisst es, derjenige, an 
dem der Friede zuerst gebrochen worden, soll es mit seinen 
Schreileuten bezeugen, „daz her den vrede an ym gebrochen 
habe und der orhabe j^enes were und syne nicht". Dafür steht 
HE, 9: „und dy schuld yenes sy und syn nicht'* (Laband, das 
magdeburg-breslauer Schöffenrecht 11, 2 c. 77. III, 1 c. 3, 9). 
Gleichlautend mit der ersteren Stelle ist die breslauer Urkunde 
von 1295 § 9 (Gaupp, das alte magdeb. Recht S. 261) imd die 
görlitzer von 1304 Art. 48, 71 (Gaupp S. 288, 294); sächsisches 
Weichbild Art. 16 (Mühler): „imd die oraf ienes were und sin 
nicht", Art. 46 a. E. : „das der oraf des toten were imde sin 
nicht"; bamberger Stadtr. § 96: „wenne der urhab sein gewesen 
ist". An allen diesen Stellen bedeutet das fragliche Wort = den 
Anfang. Auch im brünner Schöffenbuch Nro. 112 S. 59: „das 
derselbe man clagt umb ein urhab an einem toden", bezeichnet 
Urhab nicht die Person des Urhebers. Schwsp. 3 L: „wan daz 

Abhandlung mehr zurücktreten, ohne sie jedoch ganz hei Seite zu setzen. — 
Rieh. J. John 's Strafrecht in Norddeutschland zur Zeit der Rechtshücher I 
(1858), dritter Abschnitt, ist sehr zu beachten. 

<) Gteschicbte des brandenbnrgisch-preuflsCscheA Strafreohts (1865) 8. 91, 
Anm. 16. 



254 

hatxpt ein orthap ist des Mbes**. Lassberg hat im Register tm- 
richtig dieses Wort erklärt durch „Führer, Leiter". Wenn es 
einer weiteren Spracherörterung bedürfte, so liessen sich auch 
viele Stellen aus den Gesclachtsquellen anführen, z. B. Tschudi, 
Chron. Helv. I, 9 (a. 1027): „Und ist diss der erste Urhab, dass 
die Ghrafen ron Windisch von desshin all Grafen von Habsburg 
genämpt worden**. Wenn aber Orhab in der Bedeutung von 
Urheber für die alte Rechtssprache abgewiesen werden muss, so 
ist es doch in seiner Geltung als Anfang (Anlass, Anhab, Ejriegs- 
anfang) ein sehr wichtiger BegriflF des alten Strafrechts. ') 

Oft ist der Urheber einer Rechtsverletzung als reus parinci- 
palis in dem Processe mit dem für den debitor principalis gewöhn- 
lichen Namen Selbschüldiger (Selbschol) belegt, im Gegen- 
sätze zu den Nachfolgern oder Folgern s. Schwsp. 195, 354 W. ; 
Willkür der Sachsen in dem Zips 61: „Ab ein Mann vorterbet 
würde, so spricht unser Recht, das man niemant mer beschuldigen 
mag, wenn den selbschuldigen und zwen Folger ds^zu^, daselbst 
14, 31, 43, 47, 48, 49, 52, 53, 58; prager Stat 89, s. auch ein 
Bündniss von 1340 in den Quell^i zur bayerischen und deutschen 
Geschichte VI, S. 367. Mehrfach kommen der Selbschuldige und 
die Nachfolger vor in der Relation eines Falles der Verwundimg, 
der 1469 vor die magdeburger Schöffen gebracht wurde (Neu- 
mann, magdeb. Weisth. S. 100). An einer Stelle dieser Rela- 
tion sind die Angeklagten bezeichnet als „Sachenwelder" und 
Nachfolger, an einer andern Stdle ist der reus principalis „Hand- 
theter und Selbschüldiger" genannt. En anderes Schöffenweis- 
thum von 1452 (Neumann S. 31) nennt gleichfalls „Sache- 
walden" und Nachfolger oder VoUeister, aber sowohl die Bezeich- 
nimg Selbschüldiger, als Sachwald imd Secher (Grimm Wsth. I, 
237), womit der Urheber der Rechtsverletzung im Prooess be- 
legt werden kann, sind weitere Begriffe. Nicht allein Sachwald 
und Secher sind, wie das lateinische reus, Namen d^ Parteien 
des Processes, dienen also auch zur Bezeichnung des Klägers 
(Billwärder 30 ff. Nordhausen Stadtrecht 10, sächs. Weichbild 
(Mühler) 18, Stadt- und Amtsbuch von Zug 28, 29, Grimm 

^ Alam. Strafiredit § 73* — ZeitoliT. für dentse^es Recht XVUl, 8S fF. — 
Levita, Recht der Nothwehr S. 81, 



9S& 

W«tfc. I, 281 Tgl. Haltaus p. 1570 ff.), sctodem, was freilich 
ein© ÜÄregelmäseigkeit genannt werden mnss, Selbschol kommt 
für Kläg^ TOT im Friedgerichtslmcli von Regensburg: „Wer umb 
den Strassraub gevangen wird, den er getan hat, in der stat — , 
das sol der selbschol bereden mit dem aid, das er den Strassraub 
getan hab etc." (Freyberg's Sammlung V, p. 81), s. auch 
Augsbittg Ä. 58, 83. 

Der Name „Handtheter" in dem oben angeführten magde- 
burgischen Weisthum Ton 1469, wie in einem andern von 1470 
(Neumann S. 109) erscheint direct als Bezeichnung des physi- 
schen Urhebers der Tödtung und Verwundung, wie das noch häufi- 
gere Thäter, s. Arnstadt Stat. Ton 1543 Art. 1. Haltaus p. 813. 

Am häufigsten wird der Urheber je nach dem begangenen 
Verbrechen bezeichnet, x. B. „dem morder und yr nachfolger** 
im Blutrecht von Bacharach bei Grimm Wsth. H, 213,- „den 
hussucher unde alle sine midegesellen" im rheingauer Landrecht 
§ 72 bei Grimm Wsth. I, 543; Zips 30. 

IL Die Bezeichnung der Gehülfen durch Folger, Nach- 
folger, auch Mitfolger (Ofen 347, Zips 30) weist zurück auf 
die 2eit, in welcher die Fehde in steter Uebung war und an der 
Begehung gewaltthätiger Verbrechen, wie Heimsuchung, Raub, 
Brandstiftung etc., in der Regel eine Mehrzahl von Menschen 
theilnahm, so dass Einer den Anführer machte, die Uebrigen das 
seinen Befehlen gehorchende Gefolge. Wilda hat daher S. 612 flf. 
die „Gefolgschaft^ für die ältere Zeit als eine Art Beihülfe an 
die Spitze gestellt und eine besondere Charakteristik derselben 
gegeben und behandelt darauf die anderweitige Beihülfe. So ge- 
hörte zur Heimsuchung des germanischen Rechts regelmässig ein 
gesammeltes Gefolge (Wilda S. 952) und die Heimsuchung wird 
desshalb als „reisa" aufgeführt in der const. Henrici regis 1234 
(Pertz, Mon. leg. H, 301). Später konnte die Heimsuchung ein 
Ueberfall durch Mehrere sein, aber das gesammelte Gefolge ge- 
hörte nicht mehr zum Begriffe dieser Missethat*) Der Name 
Folger imd Nachfolger erhielt sich aber für die Gehülfen bei 
verschiedenen Verbrechen auch in der späteren Zeit, vgl. Halt- 
aus p. 470 &£. 

4) 8. meine Schrift über den Hausfrieden 8. 69. 



256 

Eine Erklärung der Folge gibt uns das Rechtsbuch nach 
Dist IV, 8, 1: ,,Daz ist unde heyset eyn fulge: wan eyner, czwene, 
dry, fir, adder mer lute, mit eyme zculoufen, wen her eynen be- 
schedigen wel sines libes, unde doch nicht schade gesched, unde er 
entlouffet etc." (Göschen, goslar. Stat. S. 303). Daselbst Dist. 5 
findet sich für den Begriff noch die wichtige Notiz: „Tut ein folger 
schaden, wen sin frund schaden hat getan, er ist nicht ein folger, 
er ist ein sachwalde." Derjenige ist also Miturheber und nicht 
Folger, der sich einem Verwandten bei der Begehung eines Ver- 
brechens zugesellt, denn die Folge setzt einen die Folger beherr- 
schenden oder doch leitenden Führer voraus. In dieser Dist. 5 
würde dann eine Verschiedenheit der neuen von der alten Zeit 
ausgedrückt sein, in welcher letzteren das Gefolge wohl vorzugs- 
weise .„aus den Blutsfreunden und anderen befreundeten Genossen" 
bestand (Wilda S. 613). Allein vielleicht ist die Dist. 5 so zu 
fassen, dass der Grund, warum in dem hervorgehobenen Falle 
keine Folge angenommen werden soll, in der zeitlichen Trennung 
und unvorbereiteteiT Aufeinanderfolge der beiden schädigenden 
Handlungen liegt. A verletzt den B^ darauf verletzt A's Freund 
C den B, ohne dass von vorne herein eine Verbindung des A und 
C zum Zwecke der Schädigung bestand, obwohl die Schädigung 
durch A die nachfolgende Schädigung durch C veranlasste. 

Li der Rubrik des die Folge charakterisirenden Capitels dieses 
Rechtsbuches ist zwar die Rede von „Fulge aller Ungerichte", in 
dem Texte treten aber nur gewaltthätige Handlungen hervor, 
nicht Diebstahl u. dgl. Die vorangestellte Definition der Folge 
hat die entscheidenden Worte: „mit eyme zculoufen, wen her eynen 
beschedigen wel sines libes" (vgl. IV, 5, 9). Die Folge ist schon 
existent, wenn kein Schaden geschieht, weil schon in dem „Zu- 
laufen" die Rechtswidrigkeit existent ist, welche Busse und Wedde 
nach sich ziehen soll. Es entspricht dieses Zulaufen dem in den 
lateinischen mittelalterlichen Quellen so häufig vorkommenden 
assaltus, assultus, adsalitura, insultus und dem alten Schach 
(Scach) «). 

Dass die Beihülfe zum Verbrechen häufig mit dem Worte 
Voll ei st ausgedrückt ist, erscheint als eine ausgemachte Sache; 

S) S. oben S. 250. 



257 

Wort und Begriff, so wie sie in den verschiedenen Rechtsqnellen 
auftreten, bereiten aber doch nicht geringe Schwierigkeiten. Es 
ist bedenklich, bei der Forschung nach dem Gehalte des Wortes 
von der Etymologie auszugehen, da diese sehr zweifelhaft ist. 
Wenn es zwar handgreiflich zu sein scheint, dass VoUeist zusam- 
mengesetzt ist aus voll und leisten^), so ist diess doch nicht 
gewiss. Ziem an n erklärt zwar Volleist durch: vollständige Lei- 
stung, und auch Graff 11, 252 ist ähnlicher Ansicht, aber der 
Letztere nimmt diess später, ÜI, 482, zurück und fasst die zweite 
Silbe von Volleist, Folieist, wofür auch FoUust ^), als Ableitungs- 
silbe. Wackernagel setzt als erste Bedeutung: Vervollständi- 
gung. In dem Glossarium von Hai tau s findet sich über das Wort 
merkwürdiger Weise kein Artikel; in den altdeutschen Rechts- 
quellen liegt aber eine nicht imbedeutende Anzahl von Stellen 
zerstreut, aus denen sich erkennen lässt, wie und in welcher Ver- 
bindung das fragliche Wort vorkommt. 

Rechtsbuch nach Dist IV, 10, 4: „Man sal umbe notnunft 
richten ober den, der dy getan had imde obir dy, dy dorczu ge- 
hulffen haben an rad unde an foUeyst." Goslar Stat. 42, 32 : „an 
rade oder an vulleste". Die Vergleichung dieser Stellen mit Dist. 
IV, 9, 1 und mehreren Stellen der gosl. Stat zeigt, dass die Zu- 
sammenstellung dem gewöhnlicheren „Rath imd That" entspricht. 
Die Thätigkeit, welche hier mit Volleist bezeichnet ist, ist ein 
Accessorium, wie der Rath, zu der Principalthätigkeit des Noth- 
züchters und als physische Beihülfe erscheint dieselbe vielfach in 
den Quellen, in denen aber die Miturheberschaft von der Beihülfe 
nicht streng gesondert ist, sondern vielfach nur der Begriff der 
Mitschuld hervortritt, der beide Arten der Theilnahme umfasst. 

n, 25 § 1: „over den rovere und over sine unrechten vul- 



C Aeltestes Jahrbuch von Zürich (Mittheilungen der antiquarischen Ge- 
sellschaft n, 76): ^in unser statt Zflrlch nit zuo komen, 6 si ir buoz voUei- 
stint^ Btadtrecht von München 96. 

7) Das Wort findet sich in den Formen: Fulliste, FolUste, Folste auch 
in den altfriesischen Rechtsquellen; s. Richthofe n, WÖrterb. s. v. — Die 
fränkische Sprache hatte die Form „Follusti"; s. die Eidesformel in Pertz, 
Mon. leg. I, 375 a. E., Mon. Script, n, 666. Vgl. Stalin, Wirtemb. Gesch. I, 
413. — In der alamannischen und schwäbischen Rechtssprache scheint das 
Wort nicht gebräuchlich gewesen zu sein ; s. alam. Strafrecht P. 166. 

Osenbrüggen, reclitegesch. Sludien. 1*^ 



258 

lest." Lüneburg Stadtr. S. 63: ^de proscripto et ejus compli 
cibus" — „Weret dat en man lete vorvesten .enen man by namen 
und dar to sine unreynen *) vullest ; spreke de voghed, he scholde 
de vullest benomen etc." Kulmlll, 35. Magdeb. Wstli. 15, 16(Neum.). 
Kaltenbäck 11, 24; IV, 9. Ganz wie „Folger" steht „jedermann 
der wolleist" im Verhältnisse zu dem „Selbeschol" im prager 
Stat. 89, und c. 52 desselben Statuts ist rubricirt „de eo adjutorio 
quod vulgo Volleist nuncupatur". Aber während sonst, an vielen 
Stellen des sächsischen imd magdeburgischen Rechts (Kulm a. a. 
O. Magdeb. Fragen I, 2, 15. m, 1, 6. Glogau Itechtsbuch 254. 
Berliner Schöffenrecht bei Fidicin I, 155), die Bezeichnung des 
betreffenden Verbrechens hinzugesetzt ist, wie Volleist eines Todt- 
schlages, der Lemden etc., oder dieses Verbrechen aus dem Zu- 
sammenhange erhellt, ist in dem letzteren Capitel des prager Sta- 
tuts gar kerne solche Beziehung des Volleist angegeben, sondern 
tritt dieses Coadjutorium wie ein allgemeines selbständiges Ver- 
brechen auf, das mit der höchsten Busse bedroht ist, bei Zah- 
limgsunfähigkeit mit Verweisung aus der Stadt auf Jahr und Tag, 
und im Falle der Uebertretung des Bannes mit Abhauen eines 
Gliedes an der Hand oder an dem Fusse. Das hier so auffallend 
hingestellte Volleist hat im vorangehenden Cap. 51 keinen Hin- 
tergrund, denn da ist die Rede von einem „der einen bestellten 
Frieden bricht mit Worten", wobei eine Beihülfe oder Mitwirkung 
kaum gedacht werden kann. Auch aus Cap. 89 kann die Erklä- 
rung nicht entnommen werden, weil für den dort erwähnten Fall 
die Strafe des Volleist nicht die höchste Busse, d. i. siebenthalb 
Schock grosser Pfennige, sondern nur die Busse von einem Schock 
ist Vielleicht lässt sich das Cap. 52 erklären mit Hülfe des aus 
demselben Jahrhundert stammenden brünner Schöffenbuchs, wo 
Nro. 725 gesagt ist: „WoUaist quod est operam dare vel consilium 
praebere non sequitur omnia vulnera, sed tantum homicidia vel 
invasiones domus, furta et spolia et mortificationes et alia delicta 
gravia istis consimilia." Darnach würde also das im Cap. 52 des 
prager Statuts mit der höchsten Busse belegte Volleist die Beihülfe 
bei dem Todtschlage, bei der Heimsuchung und anderen grossen 
Delicten sein. Noch mehr ist aber Volleist als Mitwirkung bei der 

8) In der Stelle des Ssp. hat der cölner Druck 1480 auch: unreine. 



Tödtung und Verwundung fixirt in den Statuten von Iglau 
(Dobner, Monum. bist. Boem. IV.): ^De eo quod dicitur 
Wolleist. Si quis pro Volleist alicujue interfecti aceusatus fuerit, 
solus in cruce se poterit excusare, et si ceciderit, conquerenti 
marcam dabit, Judici et Juratis marcam. Si quis vulneratus Tel 
alio modo lesus fuerit, et intra triduum neminem nee vulnere, nee 
per Volleist accusaverit, postmodum pro tali facto neminem poterit 
accusare etc." (In der Ausgabe von Tomaschek c. 75, 77, 78.) 
Zu Volleist ist hier die Anmerkung beigefügt: „Id est auxilio. — 
In libro crebrius memorato sententiarum Przemislai Ottocari de 
Volleist haßc memorantur : Si accusatus pro opera homicidii, quod 
vulgariter Volleist dicitur, tempore ejusdem homicidii piano vul- 
nere leniter vulneratus fuerit, prius respondebit pro Volleist, quam 
agat pro vulnere. Si autem membro mutilatus vel graviter vulne- 
ratus fuerit, tunc prius admittitur rationabiliter ad agendum." 
Wenn in diesem liber sententiarum oder Schöffenbuch von Iglan ^) 
Volleist geradezu identificirt wird mit opera homicidii und auch 
sonst Volleist am häufigsten in Beziehung gesetzt ist zu der Töd- 
tung, so mag denn auch in jenem C. 52 des prager Statuts das 
ohne Zusatz hingestellte Volleist als Mitwirkung bei der Tödtung 
gefasst sein. 

Zur Charakteristik des Volleist als eines Accessorium bei der 
Tödtung dient auch Nr. 709 des brünner Schöffenbuchs: „Testes, 
quos primo statuit accusatus pro homicidio, eosdem statuere potest 
accusatus pro opera, quse vulgo wollaist dicitur; non est enim 
alienum iure, quod eisdem testibus sit fides super facto principali 
et ejus accessoriis adhibenda.** Vgl. Nr. 25, 40, 56, 112. Brunn 
Stadtr. 52, 54. ' 

John a. a. O. I, 227, Anm. 23, neigt sich zu der Ansicht, 
dass Volleist nicht bloss die physische, sondern auch die intellec- 
tuelle Beihülfe bezeichne. Er benutzt eine Stelle (magdeb. Fragen 
I, 2, 23), an der es heisst: „mit des clegers volleist und willen", 
und sagt ganz richtig: „In dieser Stelle hat das Wort Volleist 
mit Beihülfe nichts zu schaffen. Es bedeutet offenbar so viel als 
Wissen, Zustimmung." Aber das Wort hat an dieser Stelle auch 
mit der intellectuellen Beihülfe, überhaupt mit dem Strafrecht, 

9) Oengler, deutsche Stadtreohte S. 212, Anm 4. 

17* 



260 

nichts zu thun, sondern ist nach seinem Buchstabensinne hier 
zwar auch ein Accessorium, aber in einer ganz andern Richtung. 
Es ist nicht verschieden von Vollbort s. magdeburg-breslauer system. 
Schöffenrecht IV, 1, 5: ,,mit irre erbin volburt und wille.*^ John 
hat seine Ansicht auch schief ausgedrückt, wenn er sagt: ^ich 
möchte glauben, dass Volleist, wo es die Beihülfe bezeichnet, 
ebensogut auf die physische, wie auf die intellectuelle Beihülfe 
bezogen werden könnte." Er wollte sagen: „ebensogut auf die 
intellectuelle, wie auf die physische Beihülfe" etc. Für seine An- 
sicht hätte er sich auf die eben angeführte SteUe des brünner 
Schöffenbuchs Nr. 725 beziehen können, aber diesem vereinzelten 
Ausspruch stehen manche Stellen gegenüber, welche den „Rath" 
vom Volleist sondern, s. oben S. 257 und die auch schon ge- 
nannten raagdeburger Weisthümer 15, 16. Ebenfalls gehört hieher 
das glogauer Rechtsbuch 238: „vorrethenis imde fulleyst", wofür 
es in der entsprechenden Stelle des Ssp. HI, 46, § 2 heisst: 
„doch mach man rades unde helpe mer lüde sculdegen." 

Für die Mitschuldigen und Gehülfen bei einem Verbrechen 
kommen in den altdeutschen Rechtsquellen noch verschiedene 
andere Benennungen vor, wie im strassburger Stat. § 5, 6 und im 
Schwabensp. c. 195 (W.): Helfer; im leipziger Schöffenspruch 
aus dem 16. Jahrhundert bei Haltaus p. 471 z. A.: Ursachere 
Volger und Geferten. Ene ungewöhnliche Bezeichnung hatZips 
14: „der selbschuldige und alle, die ihm des zulegen, die haben 
leib und gut verloren." 

HI. Wie in dem Gesetze des angelsächsischen Königs Aethel- 
red Vni, 23 daedbana und raedbana*®), der welcher den Tod- 
schlag gethan, und der welcher ihn gerathen hat (Grimm, RA. 
626. Wilda S. 611), zusammengestellt sind, so ist in den deutsch- 
rechtlichen Quellen das alliterirende RathundThat sehr häufig, 
und Rath bezeichnet, wie in den älteren germanischen Quellen 
(Wilda S. 627) die intellectuelle Theihiahme überhaupt (Ssp. 

»®) Schmid, Glossar v. daedbana. — Eine ähnliche Alliteration findet 
sich in einem angelsächsischen Entschnldigungseide „ge daede ge dihtes". d. i. 
in That und Rath (Schmid 8. 406).— Bei Walter Scott, bei dem man Ju- 
ristisches nicht' sucht, aber oft findet, ist ^ mir „art and part^ aufgestossen 
(Bride of Lammermoor c. 6) als übereinstimmend mit Path und That oder 
intellectuelle und physische Theilnahmc. 



261 

n, 72, § 4 m, 46, § 2. 78, § 9. Goslar 32, 14. 38, 25. 40, 32. 
36, 37. 42, 32. 47, 35. Dist. IV, 9, 1. 10, 4. Bamberger Stadtr. 
157. vgl. 156. Grimm, Wsth.I, 543, § 70. Magdeb. Wsth. Nr. 15, 
16), aber auch speciell die Erweckung des Entschlusses oder die 
Anstiftung zum Verbrechen, so dass, wenn man zunächst den 
Thäter in's Auge fasst, auf der einen Seite derjenige steht, wel- 
cher mit dem Rathe voranging, auf der andern Seite der Nach- 
folger. Kulm V, 30 (Schwsp. 226 L.): „Wer dupheit retet 
und sy der an dir tut. Unde ist das eyn mensche deme andirn 
retet daz is stele und spricht also: gang hyn imd styl deme das 
und brenge myrs und gyb mirs halb ich wil is dir behalden. 
Und tut her das imd das gut wirt begryflfen in des gewalt deme 

is do bevolen wirt. Spricht abir dysir her sy syn geselle 

dor an und her bys is ym stelen und her bevul is ym*^ etc. 
etc. V, 32: „Der dupheyt retet adir hylfet tun. Wer rat 
adir hülfe eynem manne tut das her stylt der ist der dupheit 
schuldig" etc. etc. In demselben Rechtsbuche ist HI, 26, 27, 37 
der Ausdruck Vorretnysse eines Todschlags, Mordes, ge- 
braucht. (Magdeburg-breslauer System. Schöffenrecht HE, 1,26 — ^28. 
Magdebl Fragen m, 1, 8, 9.) 

In der neueren Doctrin ist die Neigung vorherrschend, den 
Rath nicht als eine Art oder Form der Anstiftung gelten zu lassen, 
während nach den germanischen und altdeutschen Rechtsquellen 
Anstifter gerade sehr häufig derjenige ist, im Gegensatze zum 
Thäter, der diesem den Rath zur Begehung des Verbrechens ge- 
geben hat Zum Theil mag die häufige Nennung des Rathes in 
dieser Beziehung auf die der alten Rechtssprache eigenen Liebe 
zur Alliteration zurtickzuführen sein; sodann ist aber auch zu 
beachten, dass Berner den Begriff des Rathes, des „blossen 
Rathes^ so rein herausschält, wie es die alte Rechtssprache nicht 
thut. In der angeführten Stelle des kulmischen Rechts sagt der, 
welcher „Dupheit retet", zu dem Andern: „Gang hyn und styl 
deme das — behalden" imd der Thäter behauptet nachher, jener 
habe es ihm befohlen und geheissen. Da ist denn freilich kein 
„blosser Rath", aber sprachwidrig würde es auch nicht sein, in 
einem solchen Falle zu sagen, jener habe diesem den Diebstahl 
gerathcn. Berner gibt als Grund, warum der blosse Rath nur 
als intellectuelle Beihülfe, nicht aber als Mittel der Anstiftung 



262 

genommen werden könne, an, dass derjenige, der dem Andern 
einen blossen Rath ertheile, die That nicht als seine eigene auf 
sich nehmen wolle. Im altdeutschen Rechte wurde aber nur ge- 
fragt, ob in dem concreten Falle der Räth als erster Entstehungs- 
grund oder Ursache der Missethat anzusehen und diese dadurch 
hervorgerufen sei 

Heff ter hat in seinem Lehrbuch des Strafrechts § 82 dem 
Namen Ursa&her als sehr bezeichnend für den Anstifter den 
Vorzug gegeben und das badische Str.G£. § 119 charakterisirt 
den Anstifter als denjenigen, „welcher dadurch Ursache des 
Verbrechens geworden ist, dass er den Thäter vorsätzlich zu dem 
Entschlüsse, dasselbe zu begehen, bestimmt hat^. Ursacher kommt 
nicht nur P. G.O. Art 148 vor: „Beiständer, Helfer und Ursacher**, 
sondern auch Bamb. 152: „Item so einer — auffrur des gemeynen 
volcks machet, und der ein ursacher erfunden wirdt.^ (Im zweiten 
Project der P. Gr.O. Art 133 steht dafür: „und das also uff ine 
erfunden wird^ ; so auch P. Gr.O. Art 127.) Femer Reichsab- 
schied von 1555 § 43: „alle die solcher Vergadderung , Zusam- 
menlaufen oder Häuffen, auch anderer Werbungen und Bestal- 
lungen der Ejiecht Anfanger, Ursacher, Aufwickler aind^. § 45: 
„auch solche Muthwillige, Ausgetretene zu allerhand Empörun- 
gen, Vergadderungen und Aufwiglungen Ursacher sind.** Auf 
Grrund dieser Stellen sagt Luden, Handbuch I, S. 456, der 
Ausdruck komme nur bei solchen' Delicten vor, die von Mehreren 
in Masse begangen worden seien, und solle denjenig^i bezeich- 
nen, der die Zusammenrottung oder den Auflauf aufgewi^elt oder 
angefangen habe. Allein es findet sich auch Ursacher des Minrdes 
in dem von Halt aus p. 471 z. A. angegebenen Schöffenspruch: 
„dass sie des Mordes, der an bemelten seinen Eiden soll begangen 
sein, Ursachere, Volger und Creferten sein soUen.^ Hier ist Ur- 
sacher entweder Anstifter des Mordes oder Thater. Unzwdfelhaft 
bezeichnet Ursacher den Thäter in österreichisch^of Weisthumem 
(Kaltenbäck I, 85. H, 52. IV, 40. EX, 33. d, 80): „wer ein 
frume Frawen oder Jungfrawen mit gewalt nötten will — , der 
ist verfallen des Hals. Und so sie umb EGilff ruft und w^r das 
hört und kam ihr nicht zu Hilff, der ist strafmässig an Ldb 
und an Gut mitsambt dem Ursacher, so er das Werk nit vdl- 
bracht hat*^ 



263 

IV. Ein Festhalten an einer altgermanischen Rechtssitte 
(Grimm, RA. 626. vgl. 208. Wilda S. 621 flf.) ist es, wenn in 
der WillKür der Sachsen in dem Zips Art. 61 bestimmt ist: „Ab 
ein Mann verterbet würde, so spricht unser Recht, das man nie- 
mant mer beschuldigen mag, wenn den Selbschuldigen und zwen 
Folger dorzu. Ist das der Selbschuldige pei den Qrofen 10 Mark 
vorricht in 6 Wochen, so seint die Folger frei. Ab der Wunde 
über die 6 Wochen lebte, so seint die Folger aller Sachen frei." 
In dieser Stelle ist nicht gesagt, dass die drei Personen erst nach 
einander, in eventum, zur Verantwortlichkeit gezogen werden 
sollen , sondern sie werden zugleich angesprochen, damit die Busse 
sicherer erlangt werde ; die beiden Folger erscheinen aber als Bür- 
gen, so dass, wenn der Selbschuldige zur rechten Zeit die Busse 
zahlt, sie dadurch frei sind. Das Stadtrecht von Ofen 347 be- 
schreibt den Rechtsgang, wenn ein Elender erschlagen ist: „Man 
schol den todten nicht pegraben, man trage yn denn vor an für 
rathaus, zu einem zaichen, das der richter sein nächster freund 
und prüder ist, zu fordern und zu nemen das recht wider den 
manslechtigen ^^). Hat aber der erschlagen mensch freunt, die sullen 
yn drey stunt nyder setzen under wegen, so man yn zu kirchen 
treit, ui^ alz oft ruffen und schreien über den manslechtigen und 
auch über die zwen negsten mitf olger, der ieglicher gehört tzu 
nennen pey seinem christenlichen namen in dem geruffe. Damach 
ap man- den ferrer wil suchen , so ruffe der scherge drei recht- 
tage nach enander dem manslechtigen und den zwein nechsten 
mitfolgern yn auf dem rathaus und nennet ir iglichen mit dem 
namen , das sy komen und sich vorantworten. Kumpt den zu dem 
dritten rechttag der nicht, den man des todtschlages zeicht, so 
Vorzeit man yn umb eyne haut, chumpt der ander nechst mit 
folger nit ^^)y man verzelt yn umb eyne wunden, und die all drey 
haben als vil freyung vorpasz , als der wolff in der Stauden ^'). 
Die andern aller, ap man ymanden mer anzihe, daz er da pei 
wer gewesin, mugen emprechen, iglicher mit seynes selbs aide, 
ader er pusset mit einem firdung dem widertail und dem richter 

") 8 oben B. 34. 

>') Die Erwähnung des einen der beiden nächsten Mitf olger wird hier 
vermisst. 

>3) Ueber Wargus s. Grimm, R.A. 396, 733. 



264 

also viel." Während nach dem Rechte Ton Zips nur drei Personen 
überhaupt in Anspruch genommen werden sollen, bestimmt das 
Stadtrecht von Ofen auch für die übrigen Theilnehmer, wenn der 
Kläger mehrere anzieht und diese sich nicht mit ihrem Eide frei 
machen, eine Busse, Wenn auch nur eine nominelle Busse. Die 
Schuld ist hier nicht so, wie in dem Recht von Zips, unter die 
civilrechtliche Auffassung gebracht. 

Das in den angeführten Stellen conservirte Princip des ger- 
manischen Rechts, dass, wenn ein Verbrechen von Mehreren ver- 
übt wurde, so dass die mehreren Personen als Anführer und Ge- 
folge genommen werden können, die Behandlung und Büssung 
der Angeschuldigten nicht gleich sein soll, ist im Auge zu be- 
halten für die Beantwortung einer der wichtigsten Fragen des 
altdeutschen Rechts in Betreff der Theilnahme am Verbrechen. 
Wir finden nämlich in den Quellen Aussprüche, welche einen 
Unterschied machen in der Schuld der Theilnehmer, und solche, 
nach denen alle Theilnehmer gleichgestellt werden. Das ist keine 
regellose Willkür, sondern 

1) die Classification und verschiedene Beurtheilung der Theil- 
nehmer ist eine Nachwirkung des ehemals so häufigen und wich- 
tigen Begriffs der Grefolg Schaft**). Prager Stat. 89 : „Damach 
welln wir, wer der ist, der ein sampnung zu wege pringet (con- 
gregatis amicis suis in der lateinischen Rubrik) und louft damit 
auf sein widersache, ob er des überwunden wurde, und ist das 
sein widersache von im an schaden chumet, der selbeschol sol 
Vn schock ze puze geben auf di stat und jedermann, der wol- 
leist, ein schock, oder er sei ein jar aus der stat" Hier ist der 
Anführer und der Begriff der Gefolgschaft sehr deutlich heraus- 

**) Strafrecht der Langobarden S. 38. — Lex Bajuw. (Textus primns) II, 3. 
— Fris. XVII, 4. — Schmid, Gesetze der Angelsachsen S. 4 (Aethelbirht 
17), 425, 482 (Henricns I, c. 87, § 11).— Wilda 612 flf. — Auch eine SteUe 
aus einem Capitulare Karl's d. Gr. vom Jahre 805 (Pertz, Mon. leg. I, 133) 
kann in den Vergleich gezogen werden: „De conspirationibus vero quicunque 
facere prsesumserit et sacramento quamcunque conspirationem firmaverint, ut 
triplici ratione iudicentur. Primo, ut ubicunque aliquid malum per hoc per- 
petratum fuit, auctores facti interficientur , adiutores vero eorum singuli alter 
ab altero flagellentur et nares sibi invicem prsscidant.^^ S. auch Pertz, Mon. 
leg. T, 352, § 10 



265 

gestellt**). Kaltenb. n, 24. IV, 9: ^wer ainen zu tod slug, der ist 
vervallen der Herrschaft 32 Pf. auf gnad, aber ein voUaister des 
todslags der ist pflichtig 10 Pf. auf gnad." XCVn, 11. S. auch 
BViderici I. const. contra incendiarios 1187 (Pertz, Mon. leg. 11, 184). 
Für den Fall einer geschehenen Verwundung ist oft der Satz 
als Regel wiederholt, dass, wenn nur eine Wunde beigebracht 
worden ist, auch nur Einer als Urheber der Verwundung beschul- 
digt werden (Ssp. m, 46, § 2. Dist. IV, 5, 9. Goslar 32, 14. 
Hamburg 1270. XH, 3. Salfeld 142) und dass nach der Zahl der 
Wunden die Zahl der wegen Verwundung in Anspruch zu Neh- 
menden bestimmt werden soll (Neumarkt § 16 bei Gaupp magdeb. 
Recht S. 225 : „Homo vulneratus et vivens tot in causam trahere 
poterit quot vulnera est perpessus." Sachs. Weichbild [Mühler] 
15). Bei einer Wunde ist dann der eine Beklagte der „Sach- 
wald** (Braunschweig § 7), aber „mer luten mag man schult 
geben umbe fulge", sagt das Rechtsb. nach Dist Der Ssp. hat 
dafür: „doch mach man rades unde helpe mer lüte scüldegen", 
Goslar: „mer lüde mach man sculdeghen umme den rat^, Ham- 
burg: „Men de andere mach men wol schuldegen umme slage." 
Es ist diese Regel zunächst als eine processualische hingestellt, 
nach welcher sich ein verschiedenes Beweisrecht des Sachwaiden 
und der Folger gestaltet (Braunschweig: „Swar so lüde tosamene 
sin, unn wert en man gewundit mit euer wunde, unn will he mer 
lüde dharto bespreken, dan dhen sakewalden, so mögen is bat 
entgan mit ires enes haut, dan it iene oppe se bringen möge", 
vgl. Göschen S. 506). Aber aus der Classification der Theil- 
nehmer an der Affaire geht die Consequenz des Begriffs der Ge- 
folgschaft hervor, so dass von dem schuldig gefundenen Sach- 
wald die volle Besserung der Verwundung gefordert wurde, von 
den Folgern eine geringere Busse. Hamburg drückt diese Ver- 
schiedenheit so aus: „men de anderen mach men wol schuldegen 
umme slage." 

15) Vgl den Keurbrief von Brügge 1190, g 24 (Warnkönig's flandr. 
Rechtsgesch. II, 1. Urk., 8. 87): ,,Quod si duIIuh occiditur (in impetitione domus), 
qui conductum fecit, emendabit impetito sex libras et comiti et castellano 
' decem libras similiter et sequentes qnotquot convincnntur, singnli eorum dabunt 
tres libras." Zweite Keure von Brügge 1981, § 4 (II, 1. Urk., 8. 103). Keure 
der vier Aemter 1242, § 47 (II, 2. Urk., 8. 194). 



2) Mit dem Vordringen der Idee des öffentlichen Strafrechts 
manifestirte sich das Princip der Abschreckung und der Gefähr- 
lichkeit, und darunter stehen diej enigen Aussprüche der Quellen, 
welche eine gleiche Bestrafung des Thäters und der Mitschuldigen 
vorschreiben. Jarcke^^), nachdem er den Satz hingestellt hat, 
das ältere germanische Recht unterscheide nicht scharf zwischen 
den verschiedenartigen Theilnehmem an einem Verbrechen, dafür 
aber nur Ssp. 11, 13 und eine falsch verstandene Stelle des Schwsp. 
anführt, fügt hinzu: „Auch pflegt hier ja schon meistentheils aus 
dem Grunde für alle Theilnehmer die gleiche Strafe einzutreten, 
weil, wenigstens bei den schwereren und gewaltsamen Verbrechen, 
Alle auf gleiche Weise den Landfrieden brachen." Aber gerade 
bei den schwereren gewaltsamen Verbrechen kommt die Gefolg- 
schaft und die mit ihr zusammenhängende ungleiche Behand- 
lung des Anführers und der Folger vor imd hier erhielt sich diese, 
während bei den mit Heimlichkeit verbundenen Missethaten, die 
besonders verabscheuungswürdig und gefährlich erschienen, wie 
der Giftmord und der Diebstahl, die Abschreckung, welche, um 
zu \7irken, immer weit greifen muss, zur Gleichstellung der Mit- 
schuldigen führte. Heinrici HL Imp. const. 1054 (Pertz, Mon. 
leg. n, 42): „Quicunque veneficio seu quolibet modo furtivse 
mortis aliquem peremerit aut inde consentiens fuerit, mortis sen- 
tentiam incurrat" etc. ßheingauer Landrecht § 70 (Grimm, 
Wsth. I, 543) : „Item es ist landrecht, so wer ein kint entfure — 
er verluset lip und gud — und wer daby hulffe ader ryede, der 
verluse sin lip und sin gud." Goslar 38, 14: „Alle mördere unde 
de kerken — rovet — oder de se vörderet to der dat, de scal 
man radebraken. — Wo ok disser enen to dissen dinghen vör- 
deret mit rade oder mit hülpe — dat selve recht scolde over ine 
gan dat over dene gan scolde de den bröke dede." Im Ssp. und 
im Rechtsbuch nach Dist. ist dieser Satz noch nicht so allgemeine 
Regel (Göschen S. 300, 303). 

Die meisten Stellen, an denen jene Gleichstellung ausgespro- 
chen ist, beziehen sich auf Diebe, Diebshelfer und Diebshehler 
(Ssp. n, 13, § 6. Schwsp. 188 W. 227 L. Prager Stat. 36. Dist. 
IV, 9, 2, 3. Brünner Stadtr. 219), also auf dasjenige besonders 

16) Handbuch .1, S. 222. 



267 

verächtliche Verbrechen, das meistens nur von Leuten niedrigen 
Standes verübt wurde und bei dem, wenn auch mehrere daran 
Theil nahmen, doch der Begriff der Gefolgschaft nie in den Quellen 
hervortritt. Auch in der alten Zeit, in welcher die Gefolgschaft 
und die darnach eintretende Classification der Theilnehmer weit 
häufiger war als im deutschen Mittelalter, finden wir die Gleich- 
stellung der Diebshelfer imd Hehler mit dem Diebe häufig aus- 
gesprochen *''). 

Wenn in dem Rechtsbuch nach Dist. IV, 9, 1 auch die Folger 
des Strassenräubers und seine Gehülfen jeder Art mit der Ent- 
hauptung bedroht sind, so hat da das Princip der Gefährlichkeit 
und der Abschreckimg die Oberhand gewonnen über das der Ge- 
folgschaft Eine Stelle des Schwsp. (195 W., 234 Lassb. s. auch 
Kulm V, 37, § 2) zeigt, wie einer solchen Entscheidung der Zweifel 
voranging. „Es vert ein Mann mit liuten uz, und nimet einen 
roup : weder sint si alle schuldic oder niwer der si uz hat gefüe- 
ret? Wir sprechen: si sint alle schuldic. wanne er einer methe 
den roup niht danne haben braht an der andern hilfe. imde be- 
grifet man ir einen, des der roup da ist, er mac in wol hin füeren 
ane gerichte, unde sol in für den richter füeren. unde ist ez der 
helfer einer, man sol über in richten als über den selpscholn" etc. 
In diesem Capitel ist nun zwar am Schlüsse gesagt: „Diz ist umbe 
den roup recht, daz niht sträzroup ist" **) , allein diese Worte be- 
ziehen sich wohl auf das Processualische, von dem im nächstvor- 
angehenden Satze gesprochen ist imd welches bedeutend abweicht 
von dem Verfahren gegen Strassenräuber nach c.39 W. Der Schwsp. 
unterscheidet uämlich Landräuber und Strassenräuber. Der rechte 
Strassenraub (üble Strassenraub im augsburger Stadtr. S. 56, 106, 
108) wird nur begangen an Pfaffen, an Pilgrimen und an Kauf- 
leuten. Der rechte Strassenräuber soll, wenn er auch weniger als 
den Werth von fünf Schillingen genommen hat (augsb. Stadtr. 
S. 56: „daz er im 3 Pf. werth genommen hat"), wie ein gemeiner 
Dieb behandelt (vgl. Schwsp. 38 W.), er soll, wenn auch nicht 

*7) In der Lex Ribuar. XVni, 1, 2 findet sich die Aeussenmg: „Quod 
si multi ingenui fuerunt, sicut in omni furto constituimus , unusqnisque sexa- 
ginta solidis culpabitis judicetur." Vgl. Wilda S. 635. 

1«) Diese Worte sind in der Lassberg'schen Handschrift unrichtig als 
Rubrik dem folgenden Cap. 235 vorgesetzt. 



268 

an dem gemeinen Galgen, an einem besonders für ihn an der 
Landstrasse errichteten Galgen, gehenkt werden. Hieraus lässt sich 
wohl mit Sicherheit abnehmen, dass die Gehülfen des Strassen- 
räubers ebenfalls wie Diebsgehülfen und nicht besser als die Ge- 
hülfen des Landräubers beurtheilt werden sollen. 

Ssp. II, 13, § 6 stellt summarisch diejenigen, welche Dieb- 
stahl oder Raub hüten, und die, welche Andere mit Hülfe dabei 
stärken, den Dieben gleich, und dasselbe geschieht an manchen 
andern Stellen. Daraus ist aber nicht zu schliessen, dass man die 
Hülfe bei Begehung des Verbrechens, also wirkliche Theilnahma 
am Verbrechen und die Hehlerei, sei es in Beziehung auf gestohlene 
und geraubte Sachen oder in Beziehung auf die Personen der 
Verbrecher, in einem unklaren Denken nicht unterschied. Es gab 
in alter Zeit, wie jetzt, Diebsherbergen und solche, welche die 
Hehlerei und Partirerei gewerbsmässig trieben. Solche Leute wissen 
oft nichts von dem einzelnen Diebstahl, der begangen wird oder 
begangen worden ist, die Klügsten unter ihnen vermeiden sogar 
eine solche genauere Kenntnissnahme , um bei sich erhebender 
Nachfrage und Untersuchung besser gestellt zu sein, sie sind also 
keineswegs Theilnehmer an der Begehung des einzelnen Verbre- 
chens, aber sie sind im Grunde die schlimmsten indirecten An- 
stifter der Verbrechen gegen das Eigenthum überhaupt, und das 
sehr populäre Sprüchwort „Ohne Hehler kein Stehler" drückt diese 
Wahrheit treffend aus. Eine natürliche Folge davon ist die andere 
Parömie „Der Hehler ist nicht besser als der Stehler". Diese Parö- 
mieen waren schon in den altdeutschen Rechtsquellen auf dem 
Wege zur Gestaltung (Kaltenbäck I, S. 493, § 11); ihre Wahr- 
heit wurde vollkommen erkannt und eine grosse Menge von Quel- 
lenaussprüchen beziehen sich auf die Hehler als eine Classe ge- 
fährlicher Menschen. Der Standpunkt der Gefährlichkeit führte zu 
ihrer Gleichstellung mit den Theilnehmem an den einzelnen Ver- 
brechen, aber nach manchen Stellen doch erst, wenn sie durch 
Wiederholung und Beharren in ihrem rechtswidrigen Verhalten ihre 
Gefährlichkeit zu Tage gelegt hatten. Henrici regis Treuga 1230, 
§ 13. Friderici H. Imp. const. pacis 1235, § 14. Rudolfi I. regis 
const pacis 1281, § 13, desselben const. pacis 1287, § 35. Brunn 
Schöffenb. Nr. 549. Eine singulare Strenge ist es, dass in Breslau 
im J. 1502 eine Frau, welche auf ihr Bekenntniss, dass sie ge- 



269 

wusst, dass die zwei Schauben, welche sie gekauft und anders 
hat machen lassen, gestohlen gewesen, in der Oder ersäuft wurde *9). 

Der Anstifter zu einem Verbrechen wird mehrfach dem Thäter 
hinsichtlich der Bestrafung gleichgestellt. Bemer Handfeste § 33 
(Gaupp, Stadtr. 11, 51). Stadtrecht von Dattenried 17 (Gaupp 
n, 179), vgl. Handfeste von Freiburg im Uechtlande 60 (Gaupp 
n, 94). Kulm V, 30, 32. Wenn in einem breslauer Falle der An- 
stiftimg zum Gattenmorde (1491) die Frau lebendig begraben 
und ihr ein Pfahl durchgestossen, die gedungenen Mörder, nach- 
dem jedem derselben vor dem Hause, wo sie die That begangen, 
eine Hand abgehauen war, gerädert wurden 20)^ so beruht diese 
Verschiedenheit der schwersten Todesstrafe nur auf der Verschie- 
denheit des Geschlechts. Aehnlich ist ein augsburger Fall vom 
Jahre 1528. „Am 17. Nov. wurde eine Magd, so einem Meuchel- 
mörder Geld gegeben, dass er einen Büchsenmacher, Namens 
Marquard, ermorden sollte, ungeachtet dieser nur tödtlich ver- 
wundet und wiederum glücklich geheilt wurde , bei der Richtstatt 
lebendig begraben, der Thäter aber geköpft, sodann auf der 
Hauptstatt geviertheilt imd die Viertheil an den vier Hauptthoren 
aufgehenkt" 2i). — Eine Hauptstelle ist in dem „beschriebenen Ge- 
richt" von Speier 1328, §34(Lehmann's Chronik IV, 16); 
„Wer auch jeman heisset verwirken, slahen oder ime sin gut nemen, 
der git dieselben Penen, als er die Getat selbe gethan hette." 
Hier folgt nun zwar: „ane dem Todschlag", aber nach dem Wei- 
teren besteht das Besondere bei dem Todtschlage in dem Beweis- 
recht dessen, der den Todtschlag geheissen zu haben beschuldigt 
ist. "Vy^cnn übrigens hier das Verbum „heissen" gebraucht ist, Kulm 
V, 30 sogar „befehlen" mit „rathen" und „heissen" abwechselt, 
so zeigt diess hin auf den Hintergrund der mittelalterlichen Herr- 
schaftsverhältnisse, und es erklärt sich leicht, dass der Herr, der 
seinem Untergebenen den Auftrag zur Begehung eines Verbre- 
chens gab, nicht gelinder behandelt werden konnte als der Thäter. 

Dass der mittelalterlichen Strafrechtspflege das Streben einer 

*9) Klo 8 6*8 DarsteUung der inneren Verhältnisse der Btadt Breslau von 
1458 — 1526 in Stenzel's Scriptores rerum Silesiacarum III, S. 90. 

W) Klose a. a, O. III, S. 79. Warnkönig's flandrische Staats- und 
Rechtsgesch. in, li, 8. 64, n. 10. 

2») Stetten, Gesch. der Stadt Augsburg I, 309. 



270 

genaueren Abmessung der Schuld des Anstifters und des Angestif- 
teten nicht fremd war, zeigt ein im brünner Schöffenbuch Nr. 372 
mitgetheilter Spruch: „Rusticis de Praczaw sententiatum est: Qui 
mandat aliquem verberari, licet expresse prohibeat, ne occidatur, 
in emendam homicidii incidit, si verberans mandati fines excedens 
illum occidat, cum mandator in culpa fuerit et hoc evenire de ipso 
posse debuerit cogitare.^ Es ist diess aber eine fast buchstäbliche 
Wiederholung von c. 3, X. de homic. V, 4. 

V. Die Behandlung der Nothzucht im altdeutschen Rechte 
hat manche Besonderheit, und eine solche zeigt sich auch in Betreff 
des Thema's von der Theilnahme daran. Nicht bloss die Gehülfen 
des Nothzüchters sollen diesem gleich behandelt werden (Strass- 
burg 5. Dist IV, 10, 4. Goslar 42, 30. Zips 14) und diejenigen, 
welche ihn durch ihre Begünstigung dem Gerichte entzogen haben 
(s. Henrici regis Treuga 6), sondern auch gegen diejenigen, welche 
der Benöthigten auf ihr Hülfegeschrei nicht beigestanden haben, 
tritt eine grosse Strenge ein. Schwsp. 209 W. Kulm V, 40. Rup- 
recht von Freysing I, 167. Stadtr. von Freysing S. 174 a. E. 
Bayerisches Landrecht 57. Mühlhausen S. 8. Kaltenbäck IV, 40. 
IX, 33. XIV, 41. cm, 104. CCX, 79. Im Schwsp. und dem sich 
daran genau anschliessenden Rechtsbuch Ruprechtes und dem alten 
Recht von Kulm ist die Unterscheidung gemacht, ob die Genoth- 
züchtigte eine Magd oder ein Weib gewesen (s. auch Schwsp. 256). 
In dem ersten Falle soll der Nothzüchter lebendig begraben (vgl. 
Augsb. S. 54, 56, 67. Ulm § 35) , im zweiten Falle nur enthauptet 
werden (Schwsp. 149); die, welche bewiesener Massen ihr Rufen 
gehört und ihr nicht Hülfe geleistet haben, soll in beiden Fällen 
die Strafe der Enthauptung treffen, also im ersten Falle nicht 
ganz die gleiche Strafe des Nothzüchters. 

Die Forderung, dass ein Jeder nach Kräften die Begehung 
von Verbrechen durch Andere verhindern solle, tritt zwar hie und 
da als eine allgemeine auf (Kaiserrecht 11, 59 mit der Anm. von 
Endemann, vgl. Wilda S. 139, 635), aber bei keinem Ver- 
brechen ist sie so hervorgehoben wie bei der Nothzucht. Neben der 
Schwere dieses Verbrechens nach alter Schätzung ist es die Ohn- 
macht des schwächeren Weibes der brutalen Gewalt des stär- 
keren Mannes gegenüber, die hiefür bestimmend einwirkte. Der 
Ackermann soll mit der Peitsche, wenn er das Geschrei der Frau 



271 

gehört hat, ihr zn Rechte folgen und Pflug und Pferde stehen 
lassen, der Hirte mit dem Krummstabe seine Heerde verlassen, 
um als Schreimann zu dienen (Mtihlhausen S. 9), aber zunächst 
war es die r flicht aller derer, die ihr Geschrei hörten, durch ihr 
Herbeikommen die Vollziehung des Verbrechens zu hindern. Hiemit 
hängt eine merkwürdige mehrfach vorkommende Bestimmung zu- 
sammen. Es soll nicht bloss das Haus niedergerissen werden, in 
welchem die Nothzucht verübt wurde (Ssp. DI, 1. Schwsp. 209. 
Kupr. von Freysing I, 167. Kulm V, 40. Dist. IV, 10, 6. Weich- 
bild (Mühler) 55. Gaupp magdeb. Recht S. 276, § 17), und 
nach dem Recht von Mühlhausen soll der Acker oder der Garten, 
in welchem diese schwere Missethat verübt wurde, femer keine 
Frucht tragen, sondern alles Lebendige, das sich in dem Hause 
befand, soll getödtet werden. Dabei tritt eine Personificirung der 
Thiere zu Tage s. oben S. 143. 

Das Rechtsbuch nach Distinctionen nennt noch das Abbrechen 
des Gebäudes nach verübter Nothzucht, aber nicht mehr die Töd- 
tung der Thiere. Die Statuten von Goslar 42, 30 haben beides 
beseitigt: „Umme Nochtoch scal men over nemende richten, denne 
over de de in der dat sculdich sin oder de dar to ghehulpen hebbet 
an rade oder an vulleste. Nen buwe ne scal men ok dar umme 
upbreken noch upsliten." Im Stadtrecht von Eisenach 1283, § 4 
ist gleichfalle das Zerstören des Hauses verboten, das Tödten der 
Thiere nicht mehr erwähnt. 

Die Unterlassung der Hülfe von Seiten derjenigen, die das 
Geschrei der benöthigten Magd oder Frau hörten, ist nach dem 
Gesagten so allgemein mit strenger Ahndung bedroht, dass der 
moderne Begriff der negativen Beihülfe, zu welcher dolus verlangt 
wird 22) j nicht dafür substituirt werden darf, wie denn überhaupt 
jener Begriff, dessen Gebiet so leicht unrichtig erweitert wird, die 
Fälle nicht deckt, in denen im mittelalterlichen Staats- und Rechts- 
leben eine Pflicht der Einzelnen zur Verhindenmg von Verbrechen 
bestand und die* Nichtverhinderung verpönt ist. Man sah in einer 
solchen strafbaren Nichtverhinderung nicht eine Beihülfe zur Her- 
vorbringung des bestimmten Verbrechens, huldigte auch nicht allge- 
mein der Präsumtion, die sich im canonischen Recht findet, dass 

22> Köstlin's System T, g 95. 



272 

derjenige, welcher sich nicht bemühe, ein Verbrechen zu verhin- 
dern, es billige oder demselben nicht fremd sei (causa 2 qu. 7 
c. 55. causa 23 qu. 3 c. 7, 11. c. 6, § 2. X. De homic. V, 4), 
vielmehr ruht die Bedrohung solcher Unterlassung auf der breiten 
Grundlage einer Verpflichtung der Einzelnen, die Rechtsordnung 
zu schützen, welche Verpflichtung um so nothwendiger erscheinen 
musste, als die Staatsgewalt noch nicht eine „fast allgegenwär- 
tige'^ war und der mittelalterliche Staat noch nicht die Festigkeit 
und Kraft hatte, seinen inneren Feinden gegenüber, zu denen vor 
Allem die nach Ungebundenheit strebenden und die Unterordnung 
unter den Staat abweisenden Grossen mit ihrem Anhange gehör- 
ten, sich als Bewahrer des Rechtsfriedens, wie es die Idee des 
Staats verlangt, geltend zu machen. Eine solche Betheiligung der 
Einzelnen an der Verhinderung der Verbrechen, mit welcher die 
ausgedehnte Pflicht der Gemeindeglieder zur Nacheile und Ver- 
folgung der Verbrecher und die weitgehende Verbindlichkeit, be- 
gangene Verbrechen zu denunciren ^)y zusammenhing, ist als eine 
Leistung im Interesse der öffentlichen Ordnung zwar qualitativ 
sehr verschieden von dem Auftreten der Geschlechts- und Familien- 
glieder früherer Zeit im Interesse ihrer Genossenschaften und im 
Dienste der Privatrache, schliesst sich aber daran als eine ver- 
änderte Form der Pflichtleistung im Fortschreiten zur höheren 
rechtlichen Ordnung, welches mit der Consolidirung des Staats 
die öffentliche Strafrechtspflege zur Geltung brachte. 

23) QueUen zur bayerischen und deutschen Geschichte VI, S. 29, 113 
121, — Landbuch von Schwyz S. 28: „und soll harum jeglicher Landmann 
leiden (d. i. anzeigen), wo er es sieht, by dem eyde, so er den Landlüten 
geschworen hat." Vgl meine Schrift über den Hausfrieden S. 42. 



XII. Sekweizerisehe HoehgeriehtsordBViigeii. 



Aus der Zeit vor der peinlichen Qerichtsordnung Carl's V. 
oder genauer, bevor diese in der Schweiz eine sporadische Geltung 
erlangte, existiren verschiedene Malefizordnungen, Hochgerichts- 
formen, Landgerichtsordnungen, aus denen sich nicht undeutlich 
ein den verschiedenen Theilen der deutschen Schweiz gemein- 
samer Processgang in peinlichen Sachen und ein gemeines mate- 
rielles Strafreeht erkennen lässt Mehrere dieser Ordnungen sind 
gedruckt, aus andern sind in rechtshistorischen Schriften einzelne 
Stücke angeführt. Zu der ersteren Classe gehören die Züricher 
Blutgerichtsordnung 1) ; die von Kyburg, welche im Jahr 1634 
erneuert wurde, aber weit früher entstanden ist 2); die Landtags- 
. Ordnung von Wädenschwil *) ; die zuger Malefizof dnung *) ; die 
kurze thurgauer Landgerichtsordnung*). Jüngeren Datums sind 
die das peinliche Verfahren und Einzelnes aus dem materiellen 
Strafrecht behandelnden Stücke des Landbuchs von Davos, des 
Hochgerichts Klosters, der Landsatzungen des Hochgerichts der 
fünf Dörfer in öraubünden, obgleich auch hier älteres Recht con- 
servirt ist Dasselbe gilt von der erneuerten Gerichtssatzung der 
Stadt Bern (1614) und dem Blutgerichts-Process des Engelberger- 
Thals^). Das Verfahren gegen abwesende Mörder und Todschläger 
ist genau beschrieben in der luzerner Landgerichtsordnung aus 
dem Ende des 15. oder dem Anfange des 16. Jahrhunderts'). 

*) Schauberg*8 Zeitschrift I, 374 ff. 
') Schauberg'B Zeitschrift I, 142 ff. 
h Zeitechr für Schweiz. Recht IV, 2, 169. 

4) Ebendaselbst I. Rechtsq., 61. 

5) Ebendaselbst I Rechtsq., 49. 

6) Ebendaselbst Vir, 8. 85. 
f) Segesser TT, 708 ff. 

Osenbrüggen , rechtsgesch. Studien. ^^ 



274 

Sehr wichtige Rechtsurkunden der Art sind noch ungedruckt- 
Durch die freundliche Vermittlung des Herrn Archivars Dr. M. 
Kot hing ist mir die Einsicht einer im Staatsarchiv von Schwyz 
liegenden Hochgerichtsform möglich geworden. Sie hat die Ueber- 
schrift: „Hochgerichtsform und bruch in ettlichen Lenderen, so 
man ofenelich imderm himel und nitt mitt beschlossnen thüren 
richtet , Und soll der richter angethonne hentschen und das 
richtschwert zu henden haben." Das Exemplar, welches sich im 
Archiv von Schwyz findet, ist von Glarus ah Schwyz mitge- 
theilt worden^), wie deutlich hervorgeht aus einem Passus auf 
der ersten Seite, wo es von dem Urtheil zur Verbannung des 
Gerichts heisst: „Diss Urtheil aber wirt am Hochgericht nitt an 
allen Ortten gebrucht, sonders allein an nideten örichten, by 
uns zu Glarus brucht maus gar nitt, weder an hochen noch 
nideren Grichten." Die Hochgerichtsform in dieser Fassung stammt 
also aus Glarus, im dortigen Archive findet sich aber kein Ori- 
ginal derselben, sondern es existiren nur Abschriften in Privat- 
sammlungen. Eine solche Abschrift ist mir durch die Güte des 
Herrn Dr. Blum er, der sie auch für seine Rechtsgeschichte be- 
nützt hat, bekannt geworden ; sie ist, wie der Vergleich mit dem 
Exemplare des Archivs zu Schwyz zeigt, ziemlich incorrect und 
auch unvollständig. Eine jüngere Copie derselben, vor dem gros- 
sen Brande von Glarus 1861 im Besitz von Dr. Blum er, enthielt 
schon viele Veränderungen der ursprünglichen Gestalt, daher ich 
sie unberücksichtigt lassen darf. 

Die glarner Hochgerichtsordnung ist auch nach St. Gallen 
gewandert, wo eine Abschrift vom Jahr 1636 im Stiftsarchiv vor 
einigen Jahren durch den Stiftsarchivar Dr. W. E. von Gonzen- 
bach entdeckt wurde. Mit der ihm eigenen diplomatischen Ge- 
nauigkeit hat dieser Gelehrte die Ordnung in den Mittheilungen 
zur vaterländischen Geschichte H. abdrucken lassen, auch eben- 
daselbst das Fragment eines ähnlichen Exemplars (aus einem 
Collectaneenbande des Stiftsarchivs, betitelt : Acta Toggenburgica) 
mitgetheilt. 

Sehr nahe verwandt ist der Hochgerichtsordnung von Glarus 
die Landgerichtsordnung der Freien-Aemter (Aargau). Eine Ab- 

8) Blum er in der Zeitschr. für Schweiz. Recht V, 2, 129. 



275 

Schrift derselben, im Jahr 1737 gefertigt, trägt kein Datum der 
Entstehung der L.G.O. Für die Zeit ihrer Abfassung lässt sich 
nichts entnehmen aus dem Umstände, dass derselben eine Urkunde 
vom Jahr 1637 beigefügt ist. Wichtiger scheint ein in der L.G.O. 
vorkommender Satz zu sein. Nachdem ausgeführt ist, dass der- 
jenige, welcher seinen nächsten Blutsfreund getödtet hat, nebst 
einem Hunde in einen ledernen Sack gestossen und ertränkt wer- 
den soll, folgt die Bemerkung: „Aber in unsem Landen der Eid- 
gnoschaft wird dise Urtheil selten gebraucht, sondern aus Gnaden 
werden sie enthauptet und alda auf der Richtstatt vergraben". 
Eine ganz ähnliche Bemerkung findet sich in der glamer Hoch- 
gerichtsform. Allein wenn sich auch ermitteln Hesse, wann die 
Säckuug in der Schweiz abgekommen (in Luzern für Eandsmör-: 
derinnen 1609), so ist der Zusatz eben eine Glosse zum Text. 
Ohne Zweifel sind verschiedene Theile dieser L.G.O. zu ver- 
schiedenen Zeiten entstanden oder einige derselben sind im Laufe 
der Zeiten verändert worden. Die dem Fürsprech des Ellägers in 
den Mund gelegte Begründung der Anklage mit ihren Belesen- 
heitsproben ist nicht aus der Zeit, in welcher noch drei Männer 
aus den Schranken gesendet wurden, um zu schauen, ob der 
dritte Theil des Tages verschienen sei und in welcher die in den 
ürtheilsformeln aufgereihten Strafen noch nicht Antiquität waren. 
Jene Begründung der Anklage enthält auch nicht nur das Citat 
der Carolina Art. 175, sondern erwähnt selbst ein historisches 
Beispiel vom Jahr 1563. 

Eine Vergleichung der L.G.O. und der glarus-schwyzer Hoch- 
gerichtsform mit der Züricher Blutgerichtsordnung, welche wahr- 
scheinlich noch dem 15. Jahrhundert angehört, lässt vermuthen, 
dass der Kern jener Ordnungen und vomemlich der Catalog der 
Todesurtheilsformeln aus derselben oder einer doch nicht viel 
jungem Zeit stammt. 

Eine nicht gedruckte Gerichtsordnung derselben Gattung aus 
dem Canton Zürich ist die Landtagsordnung des Freien-Amtes 
(Knonau), aus dem 15. Jahrhundert nach Bluntschli, der sie 
in seiner Rechtsgeschichte I, 200 ff. analysirt hat. Eine saubere 
Abschrift dieser Ordnung (von 1654) besitzt F. von Wyss, der 
sie mir freundlich zur Benutzung dargeliehen hat. 

Die genannten Gerichtsordnungen liefern ein deutliches Bild 

18* 



276 

des öffentlichen peinlichen Verfahrens und in den Urtheilsformen 
eine Einsicht in den Zustand des peinlichen Rechts vor der Herr- 
schaft der Carolina in der deutschen Schweiz. Die Freien- Aemter 
L.G.O. enthält, neben der schon gedruckten Züricher Malefizord- 
nung, am vollständigsten den Apparat von Formeln der Todes- 
urtheile und darin scheint mir der Hauptwerth zu liegen. Diess 
bestimmt mich, von dieser Ordnung auszugehen und aus ihr das 
Wichtigste mitzutheilen, dabei aber die übrigen Gerichtsordnungen, 
besonders die ihr verschwisterte Hochgerichtsform von Glarus- 
Schwyz in Vergleichung zu ziehen. 

1. Die L.G.O. beginnt mit der Bestimmipag, dass wenn der 
Landvogt die Beschickung eines ganzen Landgerichts für noth- 
wendig gehalten habe, er aufstehen soll und eine feste Rede thun, 
waxum imd was Ursachen er ein Landgericht beschrieben habe; 
worauf er einem Landrichter befiehlt, in seinem Namen die Um- 
frage zu haben, dieweil ihm die Brauch nicht bewusst und die 
Namen nicht bekannt seien. 

2. Wenn es sich nun gefunden hat, dass ein ganzes Land- 
gericht versammelt ist, so fragt der Landrichter weiter, was Recht 
sei. Der Angefragte (Rechtssprecher oder Schöffe) erkennt: Herr, 
mich dünkt Recht, dass Ihr drei Ehrenmänner ausschicket, die 
Tagzeit zu erkiesen, ob der dritte Theil des Tags vor 
über sei, dass ein Herr Landvogt möge richten, dem Ruhigen zur 
Ruh, dem Unruhigen zu seiner Strafe. Drei dazu ernannte Männer, 
gewöhnlich Alt Landrichter und Untervögte , gehen nun aus den 
Schranken und nachdem sie sogleich wiedergekommen, thut einer 
von ihnen die Rede also: Herr Landvogt, Herr Landschreiber 
sammt dem Herrn Landrichter, Ihr habt uns ausgeschickt die 
Tagzeit zu besichtigen; das haben wir nun gethan und haben 
erfunden, dass der dritte Theil des Tags wohl vorüber ist, 
und Ihr Herr Landvogt, ob Ihr wollt, wohl möget mit dem Land- 
gericht fortfahren nach kaiserlichen Rechten. Die andern zwei 
Männer sollen auch gefragt werden und sagen: Es ist also. 

Die Sitte, vor dem Niedersitzen des Richters und dem Ver- 
bannen des Gerichts sich der Tageszeit zu vergewissern, da eine 
Gerichtssitzung auf das Tageslicht beschränkt war^) und nach 
manchen Gerichtsordnungen vor Mitlag, böi steigender Sonne, zu 

9) 3. besonders Grimm R.A. 813 ff. 



277 

beginnen hatte, finden wir überall im altschweizerischen gericht- 
lichen Verfahren *®). Die in dieser L.G.O. gestellte Forderung, 
dass der dritte Theil des Tages vorüber sei, tritt auch hervor, 
wie im Schwsp. 76 W., in der Ordnung des Landtags zu Wäden- 
schwil, in der luzemer L.G.O., in der zuger Malefizordnung. Der 
Grund jener Forderung, einen bestimmten Theil des Tages *') bis 
zur Eröffnung des Gerichts ablaufen zu lassen, ist ein rein prak- 
tischer: denjenigen, welche an dem Tage bei dem Gerichte zu 
thun hatten, sollte die Möglichkeit gegeben werden, von ihren, 
vielleicht entfernteren Wohnungen ohne Beschwerlichkeit zum 
Orte des Gerichts hinzugelangen. Von den drei Theilen des Tages 
war der erste zum Herankommen, der zweite zum Richten, der 
dritte zum Heimgehen bestimmt *2) 

Auffallend ist ein Satz in der Öffnung von Tannegg und 
Fischingen (Grimm Wsth. I, 274): „Item wann ain ricnter zu 
gericht nidersizt und den stab in die handt nimpt, so soll er dess 
ersten umbfrag thun, ob es richtens zyt sye, es soll vollen miten 
tag sin, zu denen jargerichten , würt es dann eröffnet mit urtail, 
dass es richtens zyt ist, so soll und mag er dann woU richten." 
Es stimmt gar nicht zu der oft wiederkehrenden Bestimmung, 
deren Einschärfung in alter Zeit sehr nothwendig war, dass Rich- 
ter und Schöffen nüchtern sich niedersetzen sollten zu ihrer Amts- 
thätigkeit (s. oben S. 61), wenn nach dieser Otfnung die Sitzung 
erst um Mittag oder gar nach Mittag beginnen soll. Der zweite 
Theil des Tages war zum Richten bestimmt; vor Ablauf dieser 
Zeit musste der Geladene erscheinen ( — bis zur Vesperzeit, sagt 
der Schwsp. 292 W.). In der Öffnung des Freien-Amts zu Wil- 
lisau 1408 (Grimm Wsth. IV, 388) heisst es: „dass man ab 

^0) Glarus-Schwyz. — Schauberg's ZeitscJr. I, 142, 376. Ordnung des 
Landtags zu Wädenschwil. Grimm Wsth. I, 41, 274. Landbuch des Hoch- 
gerichts Klosters S. 23. Landsatzungen des Hochgerichts der fünf Dörfer S. 41. 
Luzerner L.G.O Bluntschlil, 201. Zuger Malefizordnung. 

**) Es ist von Mittemacht an zu rechnen, so dass mit 8 Uhr Morgens der 
dritte Theil des Tages ablauft, s. Ott in der Ztschr. f. schw. Recht I, 62, Anm. 

«) Grimm Weisth. I, 166. IV, 372, 374, 432. Schwyz Rechtsq. S. 47. 
Segesser I, 626. H, 698. — Kaiser Sigismund gab 1431 der Stadt Sursee 
die Freiheit, nicht erst nach Ablauf des zweiten Thells des Tages, sondern 
auch am Vormittag und wenn es ihnen bequem dünke, über das Blut zu rich- 
ten, s. Attenhofer'B Sursee (1829) S. 47. 



278 

nieman richten sol umb den hals, es sy denne zwene teil des 
tags enweg". So lange musste also auf den richtig Geladenen ge- 
wartet werden. Nicht ungewöhnlich ist auch gesagt, dass das 
Gericht gehalten werden soll „bei oder bis zu klimmender Sonne" 
(Bodmann, rheing. Alterth. 11, 618) und für ein Vehmgericht, 
es solle gewartet werden „bis die Sonne auf dem höchsten ge- 
wesen wäre des Tages, bis in die dritte Uhr" (Wächter's Bei- 
träge S. 28, 180). Häufig ist aber auch der Mittag als Endzeit 
genannt (Ssp. m, 61 § 4. Augsburg 1276, S. 85. Schwsp. 113 W.). 
Dass aber die Verschiedenheit der Gerichte und der Sachen einen 
Unterschied machte, sehen wir bei Ruprecht von Freysing 11, 96 : 
„Es ist ain gewonhait das man das recht zu mittentag anvächt 
aber über pluetrunst sol man vastent richten". Der erste Theil 
dieses Satzes ist nach dem Vorangehenden so zu fassen, dass bis 
Mittag gewartet werden muss, „und mag er das erzeugen, dass 
er über mittentag gewart hab, so verleust er nichts darumb." 
Ein solcher Gedanke liegt wohl auch dem obigen Satze der Öff- 
nung von Tannegg zu Grunde, ist aber falsch oder doch schief 
ausgedrückt. Im Allgemeinen vgl. Grimm R.A. 813 ff. 

Aus einem Archivstück von Rapperschwyl hat mir W. E. von 
Gonzenbach Folgendes mitgetheilt. „Hiemach folget die Form- 
und Umbfrag im bluet oder Criminal-Gericht." 

Anfrag. Herr Richter, wass geduncht Euch recht über dise 
arme Persohn? 

Antwort. Mich geduncht recht, dass der Grossweibel hinaus 
gehe und einen von dem Gericht mit Ihme nehme, und schauwe 
am firmament oder himmelsgstim ob es Tag Zeit seye zue rich- 
ten über des Armen Menschen Verbrächen und Missethat. 

Dises befilcht der Richter dem Ghrossweibel. Nachdem gabt 
der Grossweibel mit einem des Gerichts hinaus, die erkiesendt 
den Tag, ob es Tagszeit seye ze richten, und wan sie den Tag 
erkieset so thut der Grossweibel die thür auf und spricht unter 
der thür: Herr Richter, gönstig Gnädig Herren, es ist nun guete 
Tagszeit, dass Ihr mögind über des Armen Menschen handel 
richten, was Euch billich und recht beduncht." 

Hier war das Gericht schon unter Dach verlegt und die bei 
den Gerichten unter freiem Himmel entstandene Vornahme zu 
einer blossen Form geworden. 



279 

3. Auf die weitere Frage, was Recht sei, erkennt der Ange- 
fragte: Herr, mich dünkt Recht, dass mein Herr Landvogt sich 
niedersetze und nehme ein Richtschwert, das zu beiden 
Seiten schneide**) und allda richte nach göttlichem Recht und 
kaiserlichen Rechten, dem Ruhigen zur Ruh, dem Unruhigen nach- 
dem er es verdienet hat, damit das Recht seinen Fortgang habe, 
und allda nicht mehr aufstehe, bis dass er mit Urtel und 
Recht wieder auf erkannt werde, jedoch ihm Herr Land- 
vogt vorbehalten öottesgewalt, Landsnoth '*), zufallende Leibsnoth. 

Die Regel, dass der Richter, der als Symbol seiner Gewalt 
über Leben und Blut zu richten das Schwert hat, nicht aufstehen 
solle vor dem Schlüsse des Gerichts oder bis es mit Urtheil erkannt 
werde, kehrt immer wieder ^5)^ z. B. in der Züricher Blutgerichts- 
ordnung : „Fürbass, wenn erteilt wird, das es der tagzit syg und 
er nidersitzen und richten mug umb Sachen, die das bluot und 
leben antreffint, so sol der vogt nidersitzen und nit mer uffstan 
bis im das mit urteil erkennt wirt"; in der luzerner L.G.O.: „so 
sitzt der richter nider und stat nit uf , er werd dann mit urteil 
uf bekenti" Die Gründe für ein Abgehen von dieser Regel, welche 
hier kurz angegeben sind, werden in der Standgerichtsordnung 
der fünf Dörfer so beschrieben: „Herr Fürsprech, ich frage euch 
weiters, wann es sich begeben j;vurd, dass mich Leibs Schwach- 
heit anfiele, oder Aufruhr oder Feuersnoth, Sturm und Platzregen 
oder auch ander erhebliche Noth zustahn wurde, ob ich in solchen 
Fällen möge den Stab und das Schwert von Händen geben etc.*^ 

Auffallend ist es, dass die Freienämter-Gerichtsordnung das 
Verbannen des Gerichts, welches sonst durchaus als ein wesent- 
licher Act der Einleitung des gerichtlichen Verfahrens angeführt 
wird*^), nicht vorschreibt. Wie durch das Verbannen Friede ge- 

13) Nach der Landtagsordnung von Wädenschwil legt der Vogt, dem ein 
Diener das Schwert ins Gericht nachgetragen bat, dieses auf den Tisch vor 
sich, wenn er das Gericht verbannt und das ist die Regel, s. auch Landbuch 
von Daves S. 100. 

>♦) Glarus-Schwyz fügt hinzu: Fürsnoth. 

^S) Schauberg's ^tschr. I, 376, 383. Segesser II, 704. Bluntschli 
I, 204. Landsataungen des Hochgerichts der fünf Dörfer 8. 48, 50 — Ssp. II, 
12 § 13. ni, 69 § 2. Schwsp. 97, 235 W. — C. C. C. Art. 82. 

*6) Schauberg's Ztschr. I, 143, 376. — Elgge'r Herrschaftsrecht 1535 
Art. 33 § 3. Landtagsordnung von Wädenschwil S. 171. Bluntschli I, 201. 



280 

wirkt, alles Reden ohne Urlaub, Scheltworte u. dgl. verboten 
wurden, zeigen die Bannformeln ''). Der Grund der Nichterwäh- 
nung eines solchen Actes in unserer L.G.O. ist zu entnehmen aus 
der Hochgerichtsordnung von Glarus, wo gesagt ist, das Ver- 
bannen des Gerichts, nachdem der Richter sich niedergesetzt habe, 
sei in Glarus weder in hohen noch in niedem Gerichten Brauch, 
sondern wo einer frevenlich in das Gericht rede, werde er gestraft 
nach einem Artikel des Landbuchs über Störung des Gerichtes **). 

4. Der Richter fragt nun, ob etwa einer vorhanden wäre, 
der des Landgerichtes mangelte oder bedürfte, der möge wohl 
bitten um einen Fürsprech. Der Untervogt *^), welcher den armen 
Menschen hat lassen handhaben oder einziehen, tritt hervor und 
bittet um einen Fürsprech. Dieser wird ihm erlaubt; aber der 
gewählte Fürsprech „wehrt sich so fast er mag" und macht Ein- 
wendungen, dass er dem so wichtigen Handel nicht gewachsen 
sei, er spricht die Besorgniss aus, „er möchte reden was er 
schweigen, und schweigen was er reden sollte" und bittet den 
Kläger, da noch so viele ehrliche Amtsleute und Richter zugegen 
seien, einen andern zu nehmen, der besser sei. Der Landvogt, wie 
auch der Landrichter befehlen ihm aber, er solle gehorsam sein 
und sein Bestes thun. 

Der Versuch des vom Kläger gewählten Fürsprechen sich 
der zugemutheten beschwerlichen und nicht ungefährlichen Auf- 
gabe 20) zu entziehen, so dass er erst dem gerichtlichen Gebot 
sich fügt und so dem Anzuklagenden und dessen Partei gegen- 
über als gezwungen erscheint, war allgemeine Sitte 21). In der 
Landtagsordnung von Wädenschwil heisst es: „So er ihn dann 
nambset, staht der Fürsprech uf und wideret sich dessen mit 

Davos S. 101, 110. Fünf Dörfer S. 42, 49 Klosters 8 24. Zuger Malefizord- 
nnng 8. 62. 

*') Schauberg's Ztschr. I, 376. Davos 8. 110. Vgl. Grimm RA. 853; 
Wsth. m, 127, 247 Homeyer, der Richtsteig Landrechts 8. 436 ff. Kal- 
tenbäck CLXXX, 2 ff. CLXXVm, 4. 

«) Landbuch Art. 77. Blum er I, 642. 

*9) Glarus: „Dann so stat der Weibel dar und spricht: Herr der Richter 
ich begär Grichts und Rächts im namen miner Herren genüeinen Landlüten etc«^ 

20) Bluntschli I, 202. 

*«) Luzemer L.G.O. bei Segesser H, 705 Landtagsordnung von Wäden- 
tchwü 8. 171 Blumer I, 543. 



281 

etwas Worten, dass er ihm zu ungschickt sige, wolle es nit thun, 
er werde dann mit Recht dazu erkendt. Hieruf der Vogt ein Frag 
hat im ganzen Schranken bim Eid, ob er es nit thun müsse und 
das wird mit Recht erkennt, dass er es thun jnuss.*^ In einem zu 
Luzem auf dem Fischmarkte verhandelten Falle (1553) wurde 
von der Freundschaft des Entleibten ein Kündig zum Fürsprech 
erwählt, „dessen sich der gesperrt und zu thun nicht vermeint 
hat, alsdann das mit Urtheil erkannt ist, ihm bei seinen Eiden zu 
gebieten, als geschehen ist, seine Red zu thun" 22), 

5. Nachdem der Fürsprech noch einen Vorbehalt gemacht 
wegen etwaiger Fehler und Versäumniss und erklärt hat, dass es 
dem Kläger freistehen solle, sich jederzeit während der Verhand- 
lung einen andern und besseren Beistand zu wählen 23)^ „bittet 
er dem Kläger um Rath". Da der Rath ihm erlaubt wird, bittet 
er 7 unparteiische Landrichter aus dem Ring 2*). Hier zeigt der 
Untervogt an, aus welchen Gründen er den armen Menschen habe 
handhaben lassen und befiehlt dem Fürsprechen, er solle auf des 
armen Menschen Lejben klagen. Nach gehaltener Berathung zwi- 
schen dem Fürsprech und den Landrichtern gehen diese Personen 
wieder in die Schranken zurück. Der Fürsprech begehrt nun, 
dass der arme Mensch vor Gericht gestellt werde und zwar „auf- 
gelost, frei ledig allen Banden" und dass der Landläufer dem- 
selben einen Fürsprech erbitte, damit er hören möge, was man 
ihm vorhalte und darauf antworten könne. Dieser zum Beistand 
des armen Menschen erbetene Fürsprech macht dieselbe Weige- 
rung und demnächst denselben Vorbehalt, wie der erstere des 
Klägers ^). 

6. Der klägerische Fürsprech vom Landrichter aufgefordert, 
zu urtheilen auf seinen Eid, was ihm Recht dünke, spricht nun: 
„Herr, mich dünkt Recht, dieweil ich gehört und verstanden, dass 
dieser arme Mensch in Eurer Meiner Herren Gefangenschaft etlich 
Misshändel bekannt, die wider Gott und sein Verbot seien, dass 
dieselbige durch, den Herrn Landschreiber abgelesen werden und 

W) Pfyffer, Canton Luzem I, 877. 

W) Vgl. Maurer, Gesch. des altgenn. Gerichtsverfahrens 9, 92. 
^*) Glarufi : ^Es fordert dann der Fürsprech uss jedem Tagwen ein Mann 
und nämpt die Personen, so er hegert mit Namen." Vgl. Grimm R.A. 786. 
9S) Luzemer L.G.O. bei Segesser n, 707. 



282 

der arm Mensch sammt seinem Vogt und Beistand auflose, damit 
sie wissen darüber Euch meinen Herren samt einem ganzen Land- 
gericht Antwort zu geben, darnach weiter um die Sach gesch^,he 
was Recht sei.'^ 

Nach der Umfrage steht der Landschreiber auf und verliest 
die Vergicht laut, dass jedermann sie hören mag. 

Hierauf bittet des armen Menschen Fürsprech den Landvogt 
sammt den Herrn Landrichtern „dem Armen um Rath^. Der Rath 
wird ihm erlaubt und er bittet 7 unparteiische Richter aus den 
Schränkende). Sie gehen aus dem Ring und so es sich befindet, 
dass der arme Mensch der angeklagten und vorgelesenen Sachen 
„ichtig" ist und daxauf verharret, so befiehlt dann der arme 
Mensch seinem Fürsprechen, den Herrn Landvogt sammt einem 
ganzen ehrsamen Landgericht um Gnade und Verzeihung, auch 
um ein gnädiges Urtheil zu bitten. 

Wir haben hier, wie in der Hochgerichtsform von Glarus- 
Schwyz, die Schilderung eines peinlichen Gerichts mit accusatori- 
scher Form, in welchem nicht ein Privatkläger auftrat, sondern 
ein Diener der öffentlichen Gewalt, und zwar derselbe, der den 
„argwöhnischen" Menschen, wie ihn die L.G.O. an einer Stelle 
bezeichnet, verhaftet hatte, die Klage in die Hand nahm. Ein 
niederer Beamter, der Landläufer, hatte zu sorgen, dass dem An- 
geschuldigten sein Recht der Vertheidigung nicht verkürzt werde. 
Der Angeschuldigte führt den Processnamen „armer Mensch" ; pro- 
cessirt wurde gegen ihn, weil er als ein „schädlicher Mensch" (= Ver- 
brecher) erschien. Als das öffentliche Verfahren beginnt, hat er 
schon während seiner Gefangenschaft ein Geständniss gemacht; ob 
nach Anwendung der Folter ist nicht gesagt, aber diess ist wahr- 
scheinlich für die muthmassliche Entstehungszeit der L.G.O. Dieses 
Geständniss, die Vergicht 27), ist aufgeschrieben und wird vom 

2ö) Glarus: „und bittet und begehrt auch alle die an sinem Rath, so in 
des Weibtls Rath gsin sind." 

•^) Vergicht, Vrgicht, ürgicht sind die gewöhnlichen Bezeichnungen 
für das Geständniss überhaupt, nicht bloss für das nach stattgehabter Tortur 
ausserhalb der Folterkammer wiederholte Geständniss (Bauer, Lehrbuch des 
Strafprocesses § 133). In den Schweiz. Rechtsquellen ist die Form Vergicht 
regelmässig (vgl. W. E. von Oonzenbach in Hitzig's Annalen N. F. LXVIl 
[1854] S. 3 Anm.t und dieses Wort hat denselben Stamm wie Beichte (ahd. 
diu ptgiht); das ahd Verbum jShan, gehan ist = aussagen; zur Verstärkung 



283 

Gerichtßchreiber verlesen, kann aber als solches nicht das Fun- 
dament der Verurtheilung bilden, sondern muss dem Verfahren 
am öffentlichen Landgericht einverleibt werden, nachdem es vor 
7 unparteiischen Männern wiederholt wird. Während sonst oft nur 
2 oder 3 solcher Urkundspersonen gefordert werden 2*), sind hier 
und in andern altschweizerischen Rechten sieben genannt 29), was 
sicherlich als ein Nachklang des alten Uebersiebnens oder Be- 
siebnens angesehen werden kann, indem diese 7 Männer nun in 
den Schranken gegen den Angeschuldigten auftreten und er als 
durch sie überführt erscheint. 

7. Der Fürsprech des armen Menschen wendet sich nun in 
einem längeren Vortrage an die Milde des Q-erichts und hebt den 
Satz hervor: „Wo Gewalt ist, da ist auch Gnade und Barmher- 
zigkeit zu erlangen." Der Fürsprech des Klägers tritt dagegen 
auf xmd führt die Anklage mit Hervorhebung der eingestandenen 
„Laster" aus, bringt einen bedeutenden Apparat aus der heiligen 
und profanen Geschichte bei und schliesst mit den Worten : — so 
befiehlt Euer, Meiner gnädigen Herrn Untervogt auf sein Blut 
und Gnt, Leib und Leben zu klagen und vermeint, er sei nicht 
werth, dass ihn die Sonne bescheine, noch das Erdreich trage, 
auch viel weniger, dass er unter andern ehrlichen Christenleuten 
wandeln soll und begehrt hiemit an Euch, Meine Herren wie auch 
an ein ganzes ehrsames Landgericht zu erfahren, ob er „nit wäger 
tot dann lebendig sey^) und setzen hiemit die Sach zum Räch- 
ten". Der Fürsprech des Angeklagten kann hierauf antworten und 
seine Fürbitte verbessern. 



dient die Silbe ver, z.B. in dem Landbuche von Schwyz, wie auch sonst in 
Urkunden, ist ein gewöhnlicher Eingang: „Allen dien, die disen bryeff an- 
sechent oder hörent lesen, künden wir — und vergechent öffentlich". — 
Zu viel Gewicht ist in die erste Silbe des Wortes in der verunstalteten Form 
Urgicht gelegt von Morstadt (zu Bauer a.a.O.), wenn er sagt: „Das Ur 
bedeutet finalis, also heisst Urgicht so viel wie Schluss-Geständniss". Aehnlich 
Zöpfl, deutsche Rechtsgesch. (3. Aufl.) § 131 Anm. 78. 

«8) Schauberg 's Zeitschr. I, 379, 380. Vgl. Zöpfl, das alte bamberger 
Recht, Einl. 8. 160. m 

29) Landbuch von Nidwaiden 176. — Zuger Malefizordnung S. 65, vergl. 
Dreyer's Nebenstunden 8. 135. 

30) Die Formel „wäger (d. i. besser) todt denn lebendig'' kommt oft vor, 
8. Schauberg's Ztschr. I, 398. Etterlin's Kronika v. 1503. 



284 , 

8. Für den Fall, dass eine Priesterschaft, Frauen oder Männer 
für den armen Menschen bitten wollen und einen Redner beauf- 
tragen „ihre Wort darzuthun*^, ist eine Form angegeben, die zum 
Theil übereinstimmt mit der Qnadenbitte, welche der Hochgerichts- 
form von Glarus und Schwyz beigefügt ist ^'). So kommt nament- 
lich dieser Passus vor: ^Ihr wollent allda ehren die Ehrwürdige 
Priesterschaft, so da zuo gegen steht, die hierunjb Gott für Euch 
bitten, wollent auch ehren die züchtigen tugentreichen gegenwär- 
tigen Ehrbaren Frauen und ihr ernstliches Bitt und Weinen Euch 
zuo Gnaden bewegen lassen, dieweil uns doch durch das weib- 
liche geschlächt unser aller Heilandt in die weit gebohren und 
ein alts sprüchwort ist, das frommer Ehrenfrauwen bitt nit unge- 
währt sein soll; ihr wollent allda ehren die schwangeren Ehren- 
frauwen umb der Frucht willen so sie under ihren hertzen tragen 
ihrer bitt gewähren, ihr wollent auch allda ehren die biderben 
leüth sie seient frömbt oder heimisch, die da zugegen stehn, des- 
gleichen mich armen Redner". Im Uebrigen ist aber diese Gnaden- 
bitte der L.G.O. durch ihre Breite bedeutend abgeschwächt. 

Wenn der arme Mensch der Vergicht und That bekenntlich 
ist, so erklärt nach der glamer Hochgerichtsform der Fürsprech 
des Weibels auf seinen Eid, dass nim billig „die Vergicht und 
That ein Ding soll sein und darüber weiter geschähe was Recht 
ist". Des armen Menschen Fürsprech ertheilt auch, es dünke ihn 
Recht, dass billig sein Vergicht und That ein Ding sei, dieweil 
er doch das bekenntlich sei, beansprucht aber die Zulassung der 
Gnadenbitte frommer Leute, der Priester und Frauen. Jene Wen- 
dung, dass Vergicht imd That ein Ding sein solle, hat wohl 
die Bedeutung, dass das mit der Anschuldigung übereinstimmende 
Geständniss nun das Fundament für den weiteren Process bilden 
müsse und eine weitere Thatfrage ausgeschlossen sei. Es folgt 
sodann eine Entscheidung des ganzen Gerichts (aller 60 Rich- 
ter), ob jene Fürbitte zugelassen werde und femer, ob nach 
strengem kaiserlichem Recht oder nach Gnaden gerichtet werden 
solle 32). 

Aifgereiht ist in der L.G.O. eine besondere Form „für einen 

M) Alam. Strafrecht S. 180. 
32) Blumer I, 544. 



, 286 

zu bitten, der über Ehr und Eid in Elrieg gezogen und er für 
Malefizgericht gestellt wird.'' 

9. Darnach gehen die Landrichter alle aus den Schrfinken 
an einen heimlichen Ort, das Urtheil zu machen. Wenn sie wieder 
in die Schranken kommen, gibt des Klägers Fürsprech das Ur- 
theil in einer dem Verbrechen entsprechenden Formel. Die höchst 
interessanten Urtheilsformen, welche hier eingereiht sind und die 
den Hauptwerth des L.G.O. ausmachen, verlangen eine besondere 
Behandlung; daher will ich dieselben in Angriff nehmen, nachdem 
die Uebersicht des Rechtsganges absolvirt ist. 

In diesem Kechtsgange ist die Stellung und Thätigkeit der 
Fürsprecher eine ganz andere als heutzutage. Der von einer 
Partei erbetene und ihr erlaubte Fürsprech war nicht Stellver- 
treter derselben, sondern ihm lag ob, was sein Name anzeigt, die 
„Rede zu thun" für die Partei 3^) in Gegenwart derselben. Die 
Partei war daher nicht gebunden an das von ihm Vorgebrachte, 
sondern konnte es missbilligen und verbessern^) und darauf be- 
zog sich die oben erwähnte Reservation, die der Fürsprech beim 
Antritt seiner Function selbst machte. Da er sein Bestes thun 
sollte und wollte, so konnte er sich nicht nur heimlich mit seiner 
Partei berathen (Schwsp. 76 W.), sondern er erbat sich in wich- 
tigen Punkten einen Rath aus den Personen des Gerichts^). 
Wenn ihm solcher Rath erlaubt war, ging er mit 7 Personen, 
nach der Freienämter L.G.O. , aus dem Ring, um die Berathung 
zu pflegen; nach der glamer Hochgerichtsform wählte er 15 
Kechtssprecher hiezu aus^^). In dem Ringe, als dem Orte des 
gebannten Gerichts, in welchem nur mit Erlaubniss des Richters 
und auf die von ihm gestellten Fragen geredet werden durfte, 
konnte eine solche Berathung nicht stattfinden 3*^). 

33) Berliner Schöffenrecht in Fidicin's historisch-diplom. Beiträgen I, 
156: „Dy kleger oder syn vorspreke di an syn wort is gekomen," Homeyer, 
Richtsteig 8. 420 ff. 

y^) Öchwep. 76 W. Maurer a. a. O. § 98. Siegel, die Erholung und 
Wandelung (1863). 
. 3«) Vgl. kyburger L.G.O. Art. 17. 

36) Blumer I, 643, 544. 

37) Grimm, R.A. 786« In dem Herrschaftarecht von Elgg 1535 Art 39 
ist das Berathen bezeichnet durch ^einen heimlichen Verdank nehmen^. Die 
thurgauer L.G.O. spricht von einem „letzten Verdanken der Urtheilen'^ In 



Besonders hervorzuheben ist das Verhältniss der Th&tigkeit 
der Fürsprechen zu der des Richters. In der Verhandlung erscheint 
die formgebende Thätigkeit des Richters als unbedeutend gegen- 
über der rechtmachenden Thätigkeit der für ihre Parteien wir- 
kenden Fürsprecher. Nicht ohne, aber nicht durch den Richter 
wird das Recht gefunden. Siegel 5*) bezeichnet als den Qxund- 
charakter des altdeutschen Verfahrens die unbeschränkte äussere 
und innere Selbstständigkeit, mit der die Partei ihr Recht geltend 
macht Die daraus hervorgehende Thätigkeit erblicken wir überall 
in der Freienämter L.Q-.O. Der angreifende und zu Recht setzende 
Fürsprech des Klägers nimmt nicht bloss an dem Urtheilsfinden 
Theil'®), sondern, wenn er durchdringt mit seinem Antrage, tritt 
er sogar als das Organ der Urtheilsfinder hervor*®). 

Wenn aber auch die Fürsprecher aus der Zahl der Urtheils-^ 
finder (Schöffen) **) genommen wurden xmd sie von dem Urtheils- 
finden nicht nur nicht ausgeschlossen waren, sondern dabei in den 
Vordergrund traten, so ist es doch eine Singularität, wenn in dem 
wädenschwiler Herrschaftsrecht von 1593, Art. 3, 4, Fürsprecher 
und Urtheilssprecher identificirt werden, indem es dort heisst: „Es 
sollend jehrlichen zechen richter das ist fürsprechen oder urtheils- 
sprecher genonmien werden** und „die fürsprechen oder urtheil- 
sprecher so jedes jars gesetzt werdent söUent schweren**. 

10. Nach geschehener Umfrage betreffend das Urtheil fragt 
der Landrichter den Fürsprech des Klägers, was Recht sei, und 
derselbe antwortet: „Herr Landvogt, Herr Landrichter, mich 
dünkt Recht, dieweil der arme Mensch Leib und Leben ver 
wirkt, dass billig sein Hab und Gut, ob er dessen etwas verlassen 
hätte, dass zuvörderst die Landgerichtskosten bezahlt werden, 
dann das Andere der Obrigkeit zu Eigen heimgefallen ^ sei." Die 
glamer Hochgerichtsform enthält nicht die ganz gleiche Bestim- 
mung: „Dieweil der arme Mensch Leib und Leben verwirkt imd 

Basel hiess das Zimmer, in welchem die Urtheilsfinder sich beriethen, die 
„Dankstube**, s. Ochs Gesch. von Basel II, 369. 

38) Gesch. des deutschen Gerichtsverfahrens I, Öl, vgl. 8. 105 fiP. 

39) Maurer S. 127. 

40) 8. auch die kyburger L.G.O. Art. 18. 

41) Der Name „Schöffen^ ist in den altschweizerischen Gerichtsordnungen 
nicht gebräuchlich. 



287 

eine verurtheilte Person ist, dass nun billig sein Hab und Gut, 
ob er des etwas verlassen hätte und in euer -meiner Herren Ge- 
weht und Gebiet gelegen wäre, gemeinen Landleuten, als der 
hohen Oberkeit zu eigen heimgefallen soll sein, doch seiner Ehe- 
frauen, ob er eine hätte, an ihrem Gut und Erbrecht, desgleich 
den rechten Gülten und Schuldnern, ausserhalb den Gerichtskosten, 
ohne Schaden." 

Auch nach der Ordnung von Wädenschwil soll des armen 
Menschen Hab und Gut in und ausser dem Gericht der Oberkeit 
verfallen sein; dagegen ist, wie so häufig in den altdeutschen 
Rechten, in der thurgauer L.G.0.*2) die Vermögensconfiscation 
zu Gunsten der Erben des Verurtheilten beschränkt: „Item so 
einer vom Leben zum Tod gericht wird, ist der hohen Oberkeit 
die fahrend Hab und den Erben das ligend Gut, so derselb ver- 
lasst, gefallen; doch den Schulden ohne Schaden". Das liegende 
Gut ist Familiengut. *5) 

11. Nach Aufforderung des Richters erkennt derselbe Für- 
sprech für Recht: „weil gegen den armen Menschen nichts anders 
dann das Recht vollführt **), ob dann jemand wäre, der jetzt oder 
hernach des armen Menschen Tod achtete (ahndete?) äfferte oder 
zu rächen unterstünde, hasste oder schmähte mit Worten oder mit 
Werken — dass der oder die solches thäten, in des armen Men- 
schen Fussstapfen erkennt sein sollen und gleicher Gestalt über 
sie gerichtet werden solle, damit das Recht geschützt und geschirmt 
werden solle und das Böse gestraft werde." 

Eine solche Bestimmung, wie sie sich auch in der glarner 
Hochgerichtsform findet, ist sehr häufig. Die wädenschwiler Land- 
tagsordnung drückt dieselbe so aus: „der sinen Tod andete oder 
äfferte mit Worten oder Werken, dass dieselbe Person in sollicher 
Pin und Banden stahn solle, wie jetz der arm Mensch allhie zu- 
gegen staht" *5) j die kyburger L.G.O. : „so des armen Menschen 

42) Zeitschr. für Schweiz. Recht X, S. öl. 

43) Alam. Strafrecht S. 103, 

44) In Glarus bat, wenn das Todesurtheil gesprochen war, der Fürsprech 
des Weibels den armen Menschen, um Gottes willen ihm zu verzeihen, denn 
was er gethan, sei aus keiner Ungunst, sondern auf Gebot des Richters und 
Gerichts und auf gemeiner Landleute Befehl geschehen, 

45) Stat. vonisny im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1859,?. 135, 



288 

sich beladen und annemen oder söllichen sinen tod ze afi^ren ab 
ze rächen nnderstahn wölte, ob nit derselb in die band und fnss- 
stapfen gestelt werden sölte, darinnen diser arm mensch jetzmider 
ist^; die zuger Malefizordnnng : ^^wer solches äussern (äfem) 
anden oder rächen wollt an einem Bichter oder Gkricht, I^rsprech, 
Weibl oder jemandt anders, so in diesem Gericht Bath, That, 
Wort oder Werk dazu than hätt, der soll gestraft werden mit 
meiner höchsten Herren Buossen^^. Das Todesurtheil Wald- 
manns schloss mit den Worten: „Und ob jemand, wer der wäre, 
sinen tod äferti oder andeti mit Worten ald werken heimlich ald 
öffentlich, dass der und dieselben in den Schulden und Fuss- 
stapfen stan sollen, darin Hans Waldmann jtz gegenwärtig stat^ ^^ 
Die Verbindung des Wortes äfern mit den Synonyma ahn- 
den und rächen zeigt dessen Sinn und die Bedeutung der ganzen 
Bestimmung deutlich an. Unrichtig ist es, wenn Zöpfl^) von 
einer Eiferung des Halsgerichtes als = calunmia, absichtlich 
falsche Anklage, spricht und eifern durch irritare erklärt Hit 
der Stelle des bamberger Stadtrechts § 138 hat es dieselbe Be- 
wandniss, wie mit den angeführten Stellen der altschweizerischen 
Bechtsquellen. Unter der Bubrik: ,,£uferung des Halsgerichts^ 
ist gesagt: ^Und wer daz selbe Gerichte (nach § 137) oder ander 
halsgerichte dy Tolgene denn furbaz evert (efert, eufert) on recht, 
zu dem schol man daz selbe reht haben daz man zu dem Tordem 
gehabt hat über den da gerichtet ist worden.^ Das Wort äfern 
(ahd. afaron, mhd. ävem, von dem Adv. afar, avar) hat mit unserm 
eifern nichts zu thun, scmdem ist^) = wiederholoi (iterare), 
wiederholt rügen, und es wird noch dann und wann im Canüm 
Zürich äfem und ¥rideräfem etwa für schelten und tadeln ge 
braucht £ine Nüancirung der Grundbedeutung ist es, wenn das 
Züricher Erbrecht (1716) HI, § 11 von einem „Wiederäfem schon 

^ Schauberg*8 Zehschr. U, 52. Engelberger Thalreelit S. 95. Appen- 
leU A.-Rh. Art 37. L-Rh. Art 40, 47. (Sehifer's) IfotenaUen n ^aet 
Tateri. Chronik IV. (Herisan 1813.) S. 97, 124. 

V) Fftssli, Joh Waldmann, Ritter, Burgermeister der Stadt Zanek «1780) 
& 93. 

«^ Das alte bamberger Redit» Eial S. 119 und in adner daartaeb» R.6. 
(S. AbIL) § läl. Asm« IL 

49) Sekmeller, bayenaekes WSrterb. I, 30. Stalder, 
I^oÜkoii & V. Orimm, destsckes Wörterback s v. 



289 

gemachter Theilimgeii" spricht und von unruhigen- Leuten, so 
solche Erbtheilungen wieder über einen Haufen zu werfen be- 
dacht seien. Dadurch ist F. Ott veranlasst worden, in einer An- 
merkung zur zuger Malefizordnung äfern zu erklären = wieder 
rückgängig zu machen suchen; aber diese Erklärung passt nicht 
für solche Bestimmungen criminalrechtlicher Art, wie es die ge- 
nannten sind, denn der Tod eines Hingerichteten, wie Waldmanns, 
liess sich nicht rückgängig machen. 

12. Auf die Frage des Landrichters, ob nun nicht sei gerichtet 
worden nach den kaiserlichen Rechten und der Herr Landvogt 
wohl möge aufstehn und aufhören zu richten, antwortet der Für- 
sprech: Hochg^chter Herr Landvogt, Herr Landrichter, mich 
dünket Recht, dass nun das liebe Recht seinen gebührlichen Qting 
gehabt und vollkommentlich vollführt und das Uebel gestraft sei 
und Ihr Herr Landvogt wollet aufstehn und aufhören zu richten 
und Euch auf die Richtstatt begeben uöd sehen, dass durch den 
Nachrichter der Urtel statt beschehe. Das urtheil ich und dünkt 
mich Recht. 

So meldet die L.G.O. Dass die Todesurtheile sogleich nach 
Erkenntniss vollzogen wurden, ist bekannt *•). Die C.C.C. Art 79 
ordnet an, damit der Verurtheilte sich zum Tode vorbereiten 
könne, dass ihm die endliche peinliche Rechtfertigung drei Tage 
zuvor angesagt werde. 

In den der L.G.O. einverleibten Urtheilsformeln ist ein nicht 
unbedeutender Theil der Symbolik und Plastik des altdeutschen 
Rechts erhalten**): 

1. Wenn die Strafe der Enthauptung erkannt ist, soll der 
Nachrichter dem üebelthäter die Hände auf den Rücken binden, 
ihn auf die gewöhnliche Richtstatt führen, ihm „alldorten seine 
Augen verbinden und mit dem Schwert vom Leben zum Tod hin- 
richten, also dass er ihm soll abhauen sein Haubt und aus ihm 
in einem Schlag zwei Stücke machen, dass zwischen Haubt und 
Leib mag passiren frei ein Wagenrad." ^) 

«0) Dreyer's Nebenstunden S. 172 ff. Segesser ü, 720. 

*0 Vgl. die Formeln der Todesurtheile i^ der luzerner Malefizordnung 
(Ende des 16. Jahrh.) bei Segesser IV, 196 Anm. — Arx, Gesch. des Can- 
tons St.GaUen II, 603 Anm. b. — Landbuch von Davos S. 108. 

W) Engelberger Blutgerichtsprocess in der Ztschr. f. schw. Recht VIT, 96. 

OsenbrOggen, rechtsgesch. Studien. 19 



290 

Bemerkenswerth ist, dass man sich schon früh eines Fallbeils 
zur Enthauptung bediente. Berchthold, Fribourg I, 236: „La 
decapitation se faisait avec une espfece de guillotine, dite taille- 
tete, qu'on chargeait d'un grand poids en fer chaque fois que Ton 
voulait s'en servir. Ce ne fut qu'en 1450 que Ton commen9a ä 
couper la tete ä bras franc.*^ Jene Form schliesst sich näher an 
an die Enthauptung alter Zeit mit Barte und Schlegel (Grimm, 
R.A. 689) , was noch im Fridgerichtsbuch von Regensburg S. 81 
vorkommt. 

2. Urthel über ein bösen Dieben: Ich urtheile das und 
dünkt mich Recht, dass man diesen armen Menschen solle an den 
Hechten Galgen henken mit einem neuen Strick zwischen Himmel 
und Erdenreich so hoch, dass das Haubt ohngefähr den Galgen 
berühre *3) und imter ihm Laub und Gras wachsen möge und solle 
allda am Strick zu Tod erwürgt werden, dass er daran sterb und 
Verderb und seinen Leib lassen am Galgen hängen, damit er den 
Vögeln im Luft erlaubt und dem Erdenreich entzogen werde ^), 
also dass fürhin weder Leut noch Gut von diesem Menschen ge- 
schädiget und andere seines Gleichen ab dieser Straf ein Schrecken 
und Wahrung empfahen. 

Ein Urtheil über einen Dieb in Rapperschwyl vom Jahr 1628 
erkennt: „ — ihm zwischen Himmel und Erden an den Hechten 
Galgen henken, also vom Leben zum Tod hinrichten, dass ihm 
der Schopf an das Hochgericht anlange und also sein Körper ein 
Aas der Vögel werde" **). 

Die Formeln, welche von Arx aus dem Ende des 15. Jahr- 
hunderts anführt, lauten: „Er soll ihn an den Galgen zu Tod hen- 
ken, dem Erdreich entflöhen , dem Luft empfehlen , so hoch , dass 
ein Reiter mit aufrechtem Glen unten durch reiten könne", xmd: 
„Er soU ihn dem Erdreich entflöhen, den Vögeln in der Luft er- 
lauben und mit einem Strick am Hechten Galgen vom Leben zum 



Schauberg's Ztschr. I, 388 II, 52. Bluntschli I, 408, Anm. 143. Se- 
gesser IV, 194 Anm. Oeschichtsfreund X, 266. We gelin im Geschicbtsfor- 
scher X, 419. Attenhofer, Sursee S. 119. — Alam. Straftrecht S. 86. 

*3) Glarus: ^ungevarlich «Jen (dem) Galgen rüre". 

<^) Glarus: „Damit sin Lyb denen Vögeln und dem Luft befohlen und dem 
Erdrych entfr5mbt werde." 

<^)Gon2enbachin Hitzig's Annalen LXVII (1864), 8 162. 



291 

Tod erhenken.** — Noch im Jahr 1706 findet sich in einem aarauer 
Todesurtheil ein Nachklang der alten Formel: „ihne auf das ge- 
wöhnliche Richtort führen und daselbsten mit dem Strang vom 
Leben zum Tod hingerichtet und den Vögeln des Himmels zum 
Raub überlassen werden** ^). 

3. Urthel über Ketzer, Hexen undBränner: — dass 
man alda ein Feuer mache und diese arme Person gebunden auf 
einer Leitheren *^ also lebendig in das Feuer stosse und sein 
ganzer Leib mit Fleisch und Bein, Haut und Haar „zue bulffer 
und aschen verbrönth werde.** 

Hat sie aber so schändlich gehandelt und viel Fehler be- 
gangen, so thut man noch zu dem Obstehenden: 

Doch dass sie zuvor vier Mal mit feurigen und glühenden 
Zangen gepfetzt und gebrönth werde bei beiden Brüsten und zu 
beiden Seiten, damit männigklich ein Schrecken und Wahrung ab 
dieser seiner Straf empfahe**). 

4. Urthel über Mörder, Todschleger und Vergif- 
te r^): — Dass der Todschleger oder Mörder dem Meister oder 
Scharfrichter werde überantwortet in seine Hand und Gewalt, dass 
er ihn führe auf die Richtstatt und ihn daselbt niederlege und 
die Arme ausspannen und heften und ihm also mit einem Wagen- 
rad seine Glieder, die Arme vor und hinter der Ellenbogen, dess- 
gleichen an beiden Schenkeln ob und unter den Knieen zerstossen und 
zerbrechen ^) xmd ob der arme Mensch darvon nicht tod wäre und 
„eines gesehlen Stoss** begehrte^*), den will ich ihm durch den 
Meister zulassen. Darnach soll der Nachrichter den armen Men- 
schen er sei tod oder lebendig auf das Rad flechten und binden 
und das Rad auf ein Stud empor richten und ihn also radgebrecht 

«^) Oelhafen's Chronik ß. 127. 

«y) Schauberg' 8 Ztschr. I, 389, 390 

^8) Diese Schärfang haben Glarus und Schwyz nicht. 

W) Genauer Glarus und Schwyz: „Mörder, Vergifter, Todschleger 
über frid". 

60) Die St. Qaller Formel bei W egelin a. a. O. lautet: „einem Ross an 
den Swantz binden (Schauberg's Ztschr. I, 389) und in echlaipfen und im 
sin Bain, sine Armen und sinen Ruggen brechen sölt und das er in dem Ert- 
rich empfrönden und dem Luft empfehlen tmd in jifP ein Rade setzen sölt.^ 

6*) Glarus und Schwyz: „und an dem Nachrichter noch eins gesellen Stoss 
begärte.'' — Gnadenstoss. 

19* 



292 

und gebunden auf dem Rad liegen und ihn also lassen sterben 
und verderben. 

Ob aber der Mörder gestohlen oder gebrannt hat, so wird 
in die vorige Urthel eingemischt, entweder: dass man ihn soll auf 
das Rad. flechten und binden und auf dem Rad am Galgen auf- 
richten und seinen Hals als einen Dieben daran mit einem Strick 
knüpfen und ihn als einen Dieb, Brenner oder Mörder mit dem 
Rad in ein Feuer stossen und seinen Körper mit Fleisch und Bein, 
Haut und Haar verbrennen ®2) zu Bulffer und Aeschen und was 
überbleibt auf der Richtstatt vergraben, damit darvon weder Leut 
noch Vieh kein Schaden beschäche. 

Oder: auf das Rad geflochten und gebunden auf dem Rad 
ein Galgen aufgericht und sein Hals als einen Dieben mit einem 
Strick daran knüpfen und das Rad auf ein Stud emporstellen. 

5. Urthel über Weiber umb Meineid, Diebstäl, 
Gottslästern und böse und schnöde Sachen: Denselben 
soll man Hand und Füss zusammenbinden und also gebunden in 
ein Sack stossen ^) , denselbigen verbinden und also verbimden 
in ein tiefe Wag des Wassers werfen, versenken und ertränken 
und abo von dem Leben zum Tode richten. 

Hier ist die Bemerkung hinzugefügt: Etwan geschichts aus 
Gnaden, dass maus mit dem Schwert rieht wegen der Verzweiflung. 

6. Urthel über Kindsverderberin, Mörderin oder 
Vergifterin: Die soll man ausführen auf die gewonliche Ge 
richtstatt, allda soU gemacht werden ein tiefe Gruoben^), darin 
soll man legen ein Burdi Dom und sie lebendig daruf werfen, 
demnach wieder ein Burdi Dom auf sie^ und soll man ihr in 
den Mund geben ein Luftrören und sie mit fhrden bedecken und 
die Gruoben zufüllen, damit sie weder Sonn noch Mond beschei- 
nen thüge noch dieselbe sehen möge**), alda sie lassen sterben 

62) Eine solche YerbindoDg von Radbrechen, Hängen and Verbrennen auch 
in Zürich s. 8chauberg*8 Ztschr I, 389, 390. Bluntschli I, 409, Anm. 
147. Segesser IV, 207. Falle derartiger Chunnlation s. bei Gonzenbach 
in Hitzig's Annalen. N. F. LXVH. (1854), 8. 11, 163. Alam. Strafr. S. 188. 

«3) Alanu Strafr. S. 230 a. E. 

«*) Alam. Strafr. 8 230. 

^) Schwya nnd Olams erwähnen die „Burdi I)5m" nicht 

^ Schwyz und Glarus nur: „das sy weder Sonn noch mon nimmer mer 
gesehen m&g.^ 



293 

und verderben, damit weder Kind noch gewachsene Lüthen von 
ihr kein Schaden empfangen. 

Oder aber diese Urthel: Man soll eine Gruoben machen 
und sie dann werfen und soll ihr durch ihren Leib schlagen ein 
spitzigen Pfahl ^"O und also an das Erdreich angehefft werden und 
darnach die Qruoben mit Erden zufallen, allda sie lassen sterben 
und verderben. 

7. Urthel über jüdische Dieben: Man soll ihn erstlich 
fragen, ob er den christlichen Glauben imd Tauf wolle annehmen, 
will er das thun, so tauft ihn ein Priester bei dem Landgericht 
und nachdem er getauft ist, so wird er geurtheilt mit dem Rechten 
zu dem Galgen ^), wie ein Andrer so gestohlen und hiervor staht 

Will er ein Jud bleiben und will den christlichen Glauben 
nicht annehmen, so wird er geurtheilt, wie hienach folgt: 

Ich urtheil und dünkt mich Recht, dass man diesen jüdischen 
Dieben ein besonderen Galgen aufrichte und ihn daran mit ge- 
bundenen Händen und Füssen, an die Füss zwischen zweien wüthen- 
den oder beissenden Hunden ^% an ein Strick aufhenke zwischen 
Hinunel imd Erden so hoch dass unter ihm mag Laub und Gras 
wachsen und allda den Hunden, auch den Vögeln der Luft 7®) be- 
fohlen und dem Erdenreich entfrömbt werden und ihr, Herr Land- 
vogt xmd Herr Landrichter Lüth und Wächter umb den Galgen 
verordnen, die ihm allda verhüten, so lang bis er am Galgen ver- 
dorben und gestorben, damit fürohin weder Leüth noch Guot vofl 
ihm geschädiget werde und wann das erstattet, dass der Urthel 
genug beschehen sei, nahm dann die Seel wer Recht dazu hat. 

Sonst ist der immer wiederkehrende Schluss : „Gott gnad der 
Selen''; hier wird dem Teufel sein Recht gelassen''*). 

8. Urthel über einen der falsche Kundschaft bei 
seinem Eid sagt und Schwert vorGericht undRecht: 
Dem soll man die drei Finger damit er den falschen Eid gethalj 
und die heilige Dreifaltigkeit ^2) die ewige Wahrheit hiemit ge- 

6*/) Grimm, R.A. 691. Klose in Scriptores irerum Sllesiacamm III 
(1847), S. 79 vgl. 93, 94. 

M) Klose a. a. O. S. 94 (Breslauer Fall v. 1505). 

69) Alam. Strafr. S. 88. 

yO) „Und dem Luft" Qlarus und Schwyz. 

71) Qlarus und Schwyz haben diesen Zusatz nicht. 

72) Qlarus und ochwyz nur: „ime alda abhauwen die dry ftnger, damit er 



2d4 

lästert abhauen, darnach soll man ihm seine Augen yerbinden 
und mit dem Schwert richten, dass aus ihm werden zwei Stuck 
also und dergestalt, dass zwischen dem Haubt und Körper ein 
Wagenrad^ möcht durchgehen, damit männigklich ab diesem 
seinem Tod ein Schrecken empfahe sich der Wahrheit zu be- 
flissen. 

9. Urthel über grausame Gottslesterung Schwerer 
und Flucher: Man soll ihn als ein schandlichen Uebelthäter 
ausführen an die gewonliche Richtstatt neben dem Galgen und 
ihm allda sein Gknick aufspalten und sein gottslesterende Zungen 
binden zum Nacken ausziehen und aus dem Hals schneiden und 
abhauen und dieselbe heften an den Galgen, darnach sein Haubt 
abschlagen und ihn also vom Leben zum Tod richten^), auch 
den Kopf und Körper unter dem Ghdgen vergraben, damit €k>tt 
der Allmächtige, seine liebe Heiligen und die heiligen Sacramente 
Yon diesem Menschen nicht mehr geunehrt und gelästert werden. 

Das Ausschneiden der Zunge kommt nach Grimm mehr in 
den Sagen als in den Gesetzen Tor, allein in den Rechten des 
späteren deutschen Mittelalters findet es sich doch nicht selten und 
ist auch, sowie das Beschndden und Schlitzen der Zunge, aus- 
geführt worden. 

Gleichwie in der obigen Urtheilsformel bestimmt das Stadt- 

den faltschen Eyd gethan.^ — Luidbach toh Appenzell A. Rh. 10: „Ein jedes 
Cbnsten Mensch, so einen Eid schweren will, der soU aufheben drei Finger, 
da dann bei Aufhebung der drei Finger die Beaeugung an die ritterliche 
Herriichkeit Gottes des Yaters, Gottes des Sohns und Gottes des heiL Geistes 
geschiehet, und mit denen andern xweien in der Hand gebogenen Fingern die 
l^bizÜ^e Unterwerfung der Seele und des Leibs unter den richterÜchea Gewalt 
Gottes Torgestellt wird." Aehntich die Landsatanngen des Hochgenehts der flinf 
Dörfer S. 54 und eine (ungedmckte) umer erschrdckliche Bedeatu^ eines na- 
gerechten falschen Eids, wonach der Daumen Gott den Vater, der niffh^te Fin- 
ger Gott den Sohn, der dritte den h. Geist bedeutet , von den gebogenen der 
Ringfinger die christliche Seele, der kleine Finger den Leib, fine ähnliche Sym- 
bolik kommt auch sonst Tor s. Kaltenblck CXXV, 47. — Berchthold, 
Fribourg U, 408. 

»3) Sw oben S. 2S^ 

7%) Glarus und Schwyx: „und die heften an den Galgen und ihn also tob 
Leben nm Tod richten und sinem todten Corpel abschlachen das Hasht und 
den CSrper und das Hai^t" etc« 



295 

recht von Regensburg 7*), dass man einem Gottscheiter oder einem, 
der einen falschen Eid schwört, die Zunge mit einem Haken ans 
dem Nacken ziehen soll. In einem österreichischen Weisthum^) 
ist dieselbe Strafe dem gedroht, der einem seine Ehre absagt Der 
Sachsenspiegel I, 59 sagt: „Sve bi koninges banne dinget die den 
ban nicht untvangen hevet, de sal wedden sine tungen", was im 
görlitzer Rechtsbuch 9 wiedergegeben ist: „Swer bi des kuniges 
banne richtit unde den ban von me kunige nicht zo len hat, dem 
sol man die zungin uz snidin.^ 

Am 21. Febr. 1547 wurde in Solothum einem Calumnianten 
die Zunge ausgerissen und an einen Stock geheftet. Derselbe hatte 
einen Andern bei der Obrigkeit fälschlich angeklagt^ als habe er 
gesagt: Dass dich Gotts Herrgott im Himmel schände. Er erhielt 
die Strafe, welche dem Angeklagten zu Theil geworden wäre, 
wenn sich die Anzeige begründet gezeigt hätte ''7), — jm Ja^j. 
1612 wurde zu Strassburg einem Gt)tteslästerer die Zunge aus- 
gerissen '^). In Luzem wurde 1416 dem Gerhard Sattis die Zunge 
gekürzt von böser Rede wegen ^) und auch schlitzte man im 
Thurgau einem Knaben die Zunge wegen Gotteslästerung^). Nach 
dem Bericht von Pfyffer^*) wurde im 16. Jahrhundert, wer OtoU 
oder seine Mutter lästerte, vom Nachrichter auf den Fischmarkt 
geführt, ihm daselbst die Zunge mit einem Nagel auf ein Holz 
geheftet, die er, freilich mit zusammengebundenen Händen, selbst 
wieder lösen mochte, um sodann aus Stadt und Land zu ziehen. 

10. Urthel wann ein Mann zwey Frauen und ein 
Frau zwei Männer nähme: So diess beschähe gibt Urthel, 
dass man sie solle führen auf die gewonliche Gerichtsstatt und 
aus dessen Leib so solches gethan zwei Stuck gemacht xmd von 
einander gespalten und jedem Theil ein Theil desselben gegeben 
werden nach Vermög Kaiserlichen Rechten. 

fS) Freyberg, SammluDg histor. Schriften V, 8. 55. — Tomaschek, 
deutsches Recht in Oesterreieh S. 141, 160, 238. 

76) Kaltenbäck CLXIV, 11. 

77) Ami et, Schweizerischer Geschichtskalender S. 11. — Üeber die Strafe 
der Talion bei falscher Anklage s. oben S. 162 ff. 

7«) Stöber, Alsatia 1851, 8 40. ^ 

79) Segesser II, 626. 

SO) Pupikofer, der Canton Thurgau I, 270. 

81) Canton Lttzern I, 381. 



296 

Diese Beziehung auf Ejuserliche Rechte ist mir unerkl&rlich. — 
Die mir bekannte glamer Hochgerichtsform (wie die schwyzer) hat 
ebenfalls ^nnd ihm seinLejb in zwey Stacken zerspalten.^ Dr ey er, 
Beiträge S. 26, führt aber ans einer von ihm eingesehenen Ab- 
Schrift an: ^nnd sein Hanbt in 2 Stücke zu zerspalten^ ^ (?). 

Zu der obigen ürtheilsformel ist in der L.G.O. hinzugefugt*'): 
Aber durch Gnadbeweisung geschieht es in unsem Landen nicht 
bald, sondern wird mehrentheils die Urthel mit der Enthaubtung 
ertheilt; doch wird etwan noch folgende Urthel auch gebraucht, 
je nachdem der Thäter sich gehalten hat: 

So urtheil ich und dünkt mich Recht, dass man diese arme 
Person dem Scharfrichter solle überantworten in seine Hand und 
Gewalt mit Befehl, dass er ihm seine Hand auf den Ruggen binde 
und ihn als ein Uebelthäter führen zu dem Wasser genannt NN. 
und ihn allso mit gebundnen Hand und Füssen üi die tiefe Wag 
des Wassers werfen, darum dass er das heilige Sacrament nicht 
besser betrachtet, sondern verachtet, und darin sein falsches und 
betriegliches Herz ertränken und vom Leben zum Tod richten, 
damit er die heiligen Sacramente nicht mehr entunehre noch kein 
Mensch nicht mehr betriege. 

Das Ertränken als Strafe der Bigamie war im Mittelalter ziem- 
lich verbreitet**). 

11. Urthel wann einer ein Jungfrauw feltz oder 
d ieselbige nothzwängt*^: Den soll man als ein schedlichen 
Uebelthäter ausführen auf die gewohnliche Richtstatt — und ihn 
allda lebendig und gebunden in ein offene Grube werfen und 
ein spitzen Pfahl oder Stecken auf sein Brust gegen seinen un- 
keuschen Herzen setzen, daruff die beleidigte Person ohne Nach- 
theil und Schaden ihrer Ehren, wann sie will, mag sie die drei 

S^ Ein tJrtheU aus der Mark Brandenburg (1538) l&sst einen Mann , der 
zwei Weiber genommen, stäupen und in jeglichem Arm eine Puppe tragen, s. 
Hftlschner, Gesch. des brandenb. preuss. Strafrechts S. 111. * 

53) Aelmlich Glarus und Schwyz. Auffallend ist es, dass das Fragment 
aus dem Toggenburg, wie die L.G.O. der Freienämter, auch die Frau als 
Subject der Bigamie aufführt, ^as Exemplar von St. Gallen nicht. 

54) Bamberger H.G.O. Art. 146: „Und wiewol an viel enden gewonheit, 
das das gemelt Abel mit dem wasser zum Tode gestraft wird. S. auch Geib 
im Archiv des Crim. 1845 8. 204. 

8^ St. Gallen: Umb Not zwang einer Unverlfl(|^ethen Magt. 



297 

ersten Streich nach allem ihrem Vermögen und Kräften thun, 
darnach solle der Scharfrichter denselben Pfahl zu allem durch 
ihn schlagen und treiben und also an das Erdenreich heften, vom 
Leben zum Tod richten, darnach sein Leib in der Gruben lassen 
liegen, mit Erden wohl bedecken und züfüllen, damit niemand 
mehr von ihm genothzwängt werde und Männigklich ein Schrecken 
darab empfahe. 

Und soll auch die übergewältigte Person dieweil dass wider 
ihren Willen xmd aus schandlichem Nothzwang ihr Gewalt und 
Unrecht beschehen von Niemand desto böser oder unehrlich ge- 
schätzt, sondern für ein frommes ehrliches unschuldiges Mensch 
dieser That halben geachtet und gehalten werden. 

Die Strafe des Pfählens ist dem Nothzüchter oft im Mittel- 
alter gedroht*^), und auch die Bestimmung, dass die Genoth- 
Äüchtigte die drei ersten Schläge thun möge, ist nicht selten *^. — 
Eine von den der Züricher Blutgerichtsordnung hinzugefügten Ur- 
theilsformeln lautet: „Umb sollichen notzog, übel und misstuon 
ist von dem genannten N. gericht, dass er dem Nachrichter be- 
folchen werden, der ihm sin hend binden und hinus zuo der wald- 
statt fueren, imd ihm dann sin fuess ouch binden und ihn an den 
ruggen legen und einen eichinen pfal durch sinen lib schlachen 
und also gebunden und an dem pfal lassen sterben und verder- 
ben"^). Eine Hinrichtung der Art fand am L August 1465 in 
Zürich statt. Ein junger Bursche, Ulrich Moser, hatte mit 6 Mäd- 
chen von 4 bis 9 Jahren Unzucht getrieben. Man entkleidete den 
Verbrecher, legte ihn auf den Bücken, band ihn an vier in der 
Erde befestigte Pfähle, setzte einen Pfahl auf den Nabel, schlug 
ihn durch den Leib in das Erdreich und liess so Mosern „verenden". 
Es fehlt auch nicht an andern Beispielen wirklicher Ausführung *9) 
einer solchen Strafe in der Schweiz. J. von Arx^), sich bezie 
hend auf das toggenburger CriminalprotocoU und ein im J. 1549 
zu St. Gallen gefälltes Todesurtheil, führt eine der obigen Formel 

S6) Qrimm in der Ztschr. fOr deutsches Recht Y, S. 24. Zöpfl, Bamb. 
Recht Einl. B. 116. Stadtrecht von Ulm (13. Jahrh.) § 35, vgl. Grimm, R.A. 691. 

87) Grimm a. a. O. Tengler*s Laiensp. Th. III, Tit. umb Notzwang. 
Dreyer's Nebenstunden S. 182. 

W) Schauberg's Ztschr. I, 340. 

>9) Gonzenbach in der Ztschr. für deutsches Recht IX, S. 330 ff. 

90^ Gesch« des Cantons St Gallen III, 28&, 



298 

der L.G.O. fast gleiche Sentenz gegen einen Nothsüchter an: ^Der 
Scharfrichter soll ein spitzig Pfahl auf dib Brost gegen sin im- 
küsch Herz setzen, damf die Beleidigte, wenn sie ein nnverleümt 
Magd war, wenn sie will, die ersten drei Streich nach iren Kräften 
thnn mag, ihn pfählen, und begraben, nnd die bezwangt Wibs- 
person von niemand böser oder ärger geschätzt werden.^ In Basel 
wurde ein Gürtler von Memmingen, der mit einem fqiifjährigen 
Mädchen Unzucht getrieben, 1515 mit dem Pfahl gestraft ^^). 
Ebendaselbst wurde ein über 60 Jahr alter Hintersäss, der mit 
einem noch nicht achtjährigen Mädchen „gemuthwilliget^ und das 
Kind „verwüstet^ hatte, auf einen Karren gesetzt, mit glühenden 
Zangen gepfetzt, enthauptet nnd beim GhJgen vergraben, worauf 
ihm ein Pfahl durch's Herz geschlagen wurdet). 

12. Urthel über einen der seinen nechsten Bluts- 
frünt ertöt doch ohne Mord^): Herr mich dunket Becht 
nach Grestaltsame der Sach und nach Misshandlung dieses armen 
Menschen, auch nach Vermög der Ejüserlichen Rechten, dieweil er 
so frevenlich wider alle Billigkeit und wider das Gesetz der Natur 
also grüwlich gehandelt hat und ihm nicht verschonet, sondern ihn 
ohn alle Noth und Ursach umb sein Leben gebracht, gleichsam dmen 
Hund, der seines Gleichen auch nicht verschonet, dass ihr Herr 
Landvogt ihn dem Scharfrichter in seine Hand und Band und 
Gewalt befahlend, der solle ihm seine Hand auf den Ruggen bin- 
den und ausführen als ein schedlichen Uebelthäter zu dem Wasser 
genannt N. N., ihm daselbsten auch seine Füss zusanmienbinden 
und also lebendig und gebunden mit einem lebendigen Hund in 
einen ledernen Sack stossen und also vernähet in die Tiefe des 
Wassers versenken und ertränken, damit er alle vier Elemeaite 
anfache manglen^) und also des Tods ersticke sterbe und ver- 
derbe und darnach den Sack und* was darinnen ist unter dmn 



91) Ochs, Gesch. von Basel V, 380. FäUe aus dem Elsass s. hei Mer- 
kel de rep. Alam. p. 113. 

9») Ochs VI, 487. 

93) Glams: „Der sin nechsten frfind ertödi nnredlich doch one Mord«'^ 
Ueher den Unterschied des Mordes nnd der unehrlichen Tödtong s. alam. 
ßtraCrecht & 231. 

^) § 6. J. de publicis jadiciis: „ui omni elementomm osn vivos carere 
indpiai.^ 



299 

Galgen vergraben*^, hiemit männigklich ab diesem seinen Tod 
ein Schrecken empfache und seine Fründ und andere vor ihm 
sicher seien. 

Aber in unsem Landen der Eidgenoschaft wird diese Urthel 
selten gebracht, sondern aus Gnaden werden sie enthauptet und 
allda auf der Richtstatt vergraben. 

13. Urthel über Falschmünzer, K an thengiesser^), 
Metallfälscher: Herr mich dunket Recht, dass der Scharfrich- 
ter diesen Falschmünzer näme in Hand und Gewalt und ihn allda 
in einen Kessel oder Standen mit siedent Wasser oder Oel ver- 
siede und also vom Leben zum Tod richte, darnach auf der Richt- 
statt vergrabe, damit niemand mehr von seiner Falscherei be- 
schissen^ und betrogen werde. 

Das Sieden des Münzfälschers, worin man wohl einen Aus- 
druck der Talion sah ^) , ist häufig in den Gesetzen angedroht,^). 
Einem, der in Basel falsche Gulden gemacht, wurde die Stadt 
verboten, unter Androhung des „Siedens", wenn er sich dort 
wiedersehen lasse ^•®). Zwei falsche Zeugen wurden 1392 in Bern 
„in einem Kessel gesotten" i®^). ^ 

^) Im Jahr 1641 wurde in Dorpat eine Kindsmörderin^ „in einen Sack ge> 
stecket, ins Wasser gestflrtzet und also vom Leben zum Tode gebracht'^ Dem 
Urtbeil des Raths ist hlnzugefllgt : „Wegen der Begrftbnus schleusst E. E. Ratb, 
dass die G.O. nach ihrem Tode ohne Back beim Gericht, das ertödtete Kind 
aber auf dem Kirchhof begraben werden soU.^ — In Sachsen wurde noch 1734 
eine Kindsmörderin mit Hund, Katze und Schlange im Sack ertr&nkt (Grimm , 
R.A. 697). 

95) Schwyz: „falsch Kantengiesser/' •— Grimm, Wsth. I, 243: „Ge- 
schirr — es seyen Becher, Kanten, Massen, Kopf oder Gl&ser.*' 

97) Dieses Synonymen (engl, cheat) von betrttgen und das Substantiv Be- 
schiss 8. Schauberg's Ztschr. I, 301. Ztschr. fOr Schweiz. Recht IV, 1, 69. 
Landb. von Glarus 130. Vgl. Stalder, Idiot, s v. Zarnoke zu Brant*8 Nar- 
rensohifr c. 102 Grimm, Wterb. s. v. Nr. 3. — In einer Urkunde von 1557 
kommt das seltsame „Leutbescheisser^^ ffir Betrttgei vor, s. Abscheide der zu 
Baden im Aargau gehaltenen Tagsatzungen I, S. 189. 

98) S. oben S. 160. Merkel de rep. Alam. p. 113 spricht bei Erwähnung 
des Siedens die Yermuthung aus: „an iudicio Dei in den wallenden kezzel 
ze grifenne uniz an den eilenbogen in supplicium verso?^^ Schwerlich! 

99) Rechtsbuch nach Dist. IV, 17. 4. Stadtrecht von Regensburg S. 56, 
Grimm, Wsth. I, 547. U, 381. Hamburger Btadtrecht 1497. O. XYIII und 
in den früheren Recensionen. 

190) Ochs., Gesch. von Basel II, 360. . 

191) Stettler's Chroi^ b« «. Justin^er's Berner CbronÜ^ S, 234* 



300 

14 ürthel über die so schwangere Frauwen auf- 
schneiden oder ihren eignen Herrn umbringen. Den 
sol man ausführen als ein schedlichen Uebelthater auf die ge- 
wohnliche Bichtstatt bei dem Galgen und ihn allda mit feuri- 
gen Zangen sein Leib zerreissen also lang bis er des Tods stirbt 
und verdirbt und wann er todt ist, so soll der Meister sein Leib 
unter dem Ghdgen vergraben. 

Dass hier das Aufschneiden schwangerer Frauen als ein be- 
sonderes, schwerstes Verbrechen aufgeführt wird, ist dne Singu- 
larität, die sich aber aus einem furchtbaren Aberglauben erklären 
lässt^^, der noch nicht ganz vom Erdboden verschwunden ist 
Unlängst wurde in der österreichischen Grerichtszeitung erzählt, 
dass ein Bauer am Morgen zur Arbeit aufs Feld ging und seine 
hochschwangere Frau in ihrem Bette zurückliess. Als er heim- 
kehrte, fand er die Frau todt, mit aufgeschnittenem Leibe im Bett 
liegen, das Kind mit abgeschnittenen Händen daneben. Zwei Bose- 
wichter hatten den scheusslichen Doppelmord begangen, um die 
Hände eines ungebornen Kindes zu erlangen, die sie bei sich tra- 
gen wollten, um sich beim Stehlen unsichtbar zu machen. — 
Baumgarten, das Jahr und seine Tage (Programm des Gymn. 
von Kremsmünster 1860) S. 6 berichtet: „Elin schauerlicher, nicht 
allein durch Sagen und Lied, sondern leider auch durch Criminal- 



Tschudi, Chron. Helv. s. a. MüUer's Gesch. schweix. Eidgen. II, 7. Einen 
Fall aus Colmar (1274) s. bei Merkel a. a. O. Blumer I, 407. -- Nach der 
Sage ist auch der Bürgermeister Gast in Rheiofelden, der seine Stadt den 
Schweden hatte verrathen -wollen, in Oel gesotten worden; s. Rochholz, 
Schweixersagen ans dem Aargau I, S. 205. II, 363. 

>o') In Augsburg kam 1568 ein solcher Fall vor; s. Stetten, Gesch. 
Augsburgs I, 581. Ga%sarus Annales Augstburgenses : „pnegnanti muliercul» 
foßtum adhuc palpitantem ex utero secuit, abcissoque Uli dextro brachiolo vene- 
ficia cum eo nefaria exercuit.^ H. Roch meldet in seiner — bohmisi^en 
Chronik: „1614 im Monat Mai ist zu Prag ein Erzmörder, so bei 40 Mord- 
thaten gewesen und 19 allein selbst gethan, unter welchen er 8 hochschwan- 
gern Frauen die Bäuche ausgeschnitten und die Frucht lebendig aus dem Leibe 
gerissen, gerichtet worden: wsUich hat man ihm die rechte Hand abgehauen, 
darnach mit glfihenden Zangen gerissen, drittens Riemen aus seinem Rücken 
geschnitten, viertens von unten auf gerädert und letzlich, so viel noch Leben 
an ihm gewesen, auTs Rad geflochten/^ Einen Fall aus 81 Gallen (1617) s. bei 
W. E. von Gonzenbach in Hitzigs Annalen N. F. LXVn (1854), S. 4. 
FaU von 1634 bei Matile« bist de iostit» judic« p 243. 



801 

acten bestätigter Glaube knüpfte sich an nngebome, aas dem 
Mutterleibe gesclinittene Kinder. Wenn man die Hand eines sol- 
chen Kindes dörre und damit rauche, erwache, hiess es, niemand 
im Hause, trotz Lärmens und Poltems, aus dem Schlafe. Nach 
einigen im Archive zu Kremsmünster befindlichen Gerichtsacten 
nahm der Unmensch, welcher den grässlichen Schnitt that, meist 
die Hände des Kindes für sich in Anspruch; seine Mordgesellen 
erhielten die übrigen Glieder. Das aus diesen gewonnene Pulver 
galt nicht nur nützlich und gut für „Vieh und Leut", sondern 
man schrieb ihm auch die Elraft zu, wenn etwas davon in Schlüs- 
sellöcher gestreut werde, die Schlösser zu öflFhen.** 

15. Urthel über Landes verrether*®^): Ein solchen soll 
man ausführen auf die gewonliche Gerichtsstatt und ihm allda sein 
verrätherisch untreuw Herz mit allem seinen Eingeweid aus sei- 
nem lebendigen Körper schneiden und unter dem Galgen .vergra- 
ben, denmach ihm das Haubt abschlachen und an ein Stangen 
auf der Richtstatt neben dem Gialgen in's Erdenreich wohl ver- 
stattet aufrichten, darnach den Cörper in vier Theil zerstucken 
und an vier Landstrassen an jede ein Stuck öffentlich aufhänken 
imd also ein Tag lang hangen lassen und nach Verscheinung des- 
selbigen Tags sollen dieselben vier Stuck auch unter dem Galgen 
vergraben werden, damit lüth und guot vor demselben sicher und 
durch sein Verrätherei imd falsch Herz niemand mehr verrathen 
werde und männigklich ihm das erschröckliche Spectacel lasse ein 
Wahmung sein und daran gedänke. Was das erstattet, soll der 
Lieb hie zeitlich gebüzt haben. Gott begnad und tröst die Seel. 

Ein in der Schweizergeschichte hervortretender Fall der An- 
klage und Verurtheilung wegen Landesverrath ist der Amstal- 
den'sche in Luzern vom Jahr 1478 *^). Es wurde erkannt, „dass 
der arm Mann Peter Amstalden weger sye tod dann lebent, und 
daz man ihn dem nachrichter bevelhen, der ab ihm als ab eim 
Verräter richten und ihn zu vier Stucken howen *•*) sol, und die- 

»03) Sjjhwyz neimt nur „Verräther". 

>•♦) Müller a. a. O. Buch "V, Cap. 2. Segesser in Kopp's Geschichts- 
blättern aus der Schweiz I, 204 fl. und in der Reohtsgesch. II, 639. 

*oä| C. C. 0. Art 24: ^Item welcher mit boshaftiger Verreterey misshan- 
delt, soll der Gewpnheit nach, durch Viertheylung zum Tod gestraft werden^, 
vgl. Grimm, R.A. 692. In Zittau wurde 1483 ein "Verräther geschleift und 
gevierthellt, s. Soriptores rer. Lusat. K F. I, 69. Auch die RttdelsfOhrer der 



m 

selben vier Stack für die tor an die vier fryen Richsstrasaen hen- 
ken, damit ein anderer darob bildnng neme und sieb vor sömlichen 
schweren und harten Sachen wüsse dester bass zu hüten. Gbtt 
helff der sei.** Dieses Urtheil wurde aber in Betracht der Ver- 
dienste des Vaters von Amstalden und auf Bitte seiner Verwandten 
dahin gemildert dass die einfache Todesstrafe durch Enthauptung 
eintreten sollte. Der Scharfrichter (von Constanz) bezog sich auf 
seinen Eid, nach den Gesetzen zu richten und wollte die mildere 
Strafe nicht vollziehen; Luzem musste, wie Müller sagt, das 
Becht erst aus der Stadt Freiheiten beweis^i, nämlich durch Ver- 
weisung auf das von Kaiser Sigismund verliehene Becht, nach 
Ghiade zu richten. 

Hiemit schliessen die ürtheilsformeln der L.G.O. Es folgen 
noch die Strafen, welche einzutreten pflegen, „wenn einem das 
Leben gefristet wird". 

Erstlich wird ein Leib- oder Geldstraf auferlegt nach Ge- 
stalt der Sachen. 4 

Hat er gestohlen, so wird er mit Buthen ausgestrichen, ein 
Ohr abgehauen oder geschlitzt 

Ist es ein Weib drei Mal unter das Wasser gestossen und 
schwämmen. 

Hat er Gott gelästert mit Worten und mit Werken an Pranger 
stellen, ein Nagel durch die Zungen schlagen oder mit Buthen 
aushauen oder streichen. 

im Anfange des 16. Jahrh. unter dem Namen „Bundschuh'^ im Breisgan nnd 
im Elaass aufgetretenen Bauerneinung wurden geviertheilt , s. Rosman'n und 
Ens, Geech. der Stadt Breisach S. 390, 303 



XIII Hans Hotterer. 



Das Beispiel der Ritter und Herrn im Mittelalter, sich wegen 
erlittenen und noch häufiger wegen eingebildeten und vorgeschütz- 
ten Unrechts mit der Faust, mit Schwert und mit Feuer, Recht 
zu verschaffen und einen Privatkrieg zu beginnen, der oft ein 
ganzes Land in Angst und Schrecken versetzte, fand bisweilen 
Nachahmung bei solchen, die in ihrer Geburt keinen Rechtstitel 
dazu aufweisen konnten. Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts 
gerirte sich Hans Beck (oder Pfister), genannt Hotterer, von Senn 
wald, ganz so als ob er edelgeboren wäre^). Er war mit dem 
St. Galler Vogt der Herrschaft Sax, Heinrich Zili auf dem Schlosse 
Forsteck, in Streit gerathen und man hatte seinen EHagen gegen 
den Vogt in St. Gallen kein Gehör schenken wollen. Desshalb 
sagte er der Stadt St. Gallen ab, griff deren Leute an, wo er 
konnte, und schädigte sie „mit Nam und mit Brand^. Meistens 
hielt er sich im Rheinthal auf, bald auch im Appenzellerlande. 
Wenn er sich in Gefahr sah, schwamm er über den Rhein und 
hatte dazu stets ein Schwimmzeug bei sich. Das ihm genau be- 
kannte Appenzellergebirg bot ihm sichere Schlupfwinkel, wenn 
es Noth that 

Hotterer wahrte die ritterliche Form: er schickte der Stadt 
St. Gallen vor dem Beginn seiner Fehde einen Absagebrief, weil 
er bei Obrigkeit und Gericht kein Gehör gefunden habe. "Ex 
wollte nicht als Landfriedensbrecher gelten. 

Da Hotterer seine Helfer und Gesellen fand, ward sein Auf- 
treten immer bedrohlicher und die St Galler, auf welche er seine 
Angriffe beschränkte, mussten bitter empfinden, was es hiess, seine 
abgesagten Feinde zu sein. In ihrer Noth wandten sie sich an 
die Eidgenossen. Gemeine Eidgenossen schrieben, wie Stumpf 

1) Stumpf, Chronik V, c. 8. — Joh. von Mttller V, 1. 8. 216. 



304 

meldet, auf deren von St Gallen Begelir, Herrn Jacob v. Bodmer, 
Vogt zu Feldkirch, dass er seines Vermögens Hotterem annehmen 
und denen von St Ghdlen gegen ihn Rechtens verhelfen mochte. 
Als sie aber hiermit nicht viel erreichten und mittler Zeit Räthe 
und Sendboten des Herzogs Sigmund von Oesterreich zu einer 
Tagsatzung nach Zürich kamen, ward durch die Eidgenossen mit 
diesen Käthen gar ernstlich geredet und begehrt, dass sie sorgen 
möchten, dass Hotterer und seine Helfer in der Fürsten von 
Oesterreich Stätten, ScUössem, Landen und Gkbieten nirgend 
enthalten noch geduldet^ sondern, wo sie betreten würden, ange- 
nommen und denen von St Oallen zum Rechten gestellt würden. 
Die Räthe erboten sich allen Fleiss anzuwenden, damit der Eid- 
genossen Begehr vollstreckt und Hotterer nirgoids geduldet, son- 
dern, wo möglich, gefangen würde; ob dann jemand ihn, wider 
der Obrigkeit Willen, heimlich enthielte und die von St. GUlen 
des inne würden und den Wirth und die Gäste mit einander auf- 
nähmen, das konnten und wollten sie auch nicht hodi achten. 
Bald vernahmen nun die St GhJler, dass ediche Lustnaaer den 
Hotterer und seine GkseUen endiahen hätten; da zogen sie am 
2. Jänner 1475 mit 300 Mannen über d« Rhein, verbrannten 
den Aufenthaltern ihres Feindes etliche Häuser und fahrten sie 
gefangen mit sich. Nach einiger Zeit wurden diese auf Tro6tiing 
und verschriebene Urfehde ledig gelassen. Darauf ward es nun 
jenseits des Rheins etwas besser, denn man wvrde des Hotterers 
müde und es wdlte sich nieamand mehr seinetwegen in G^üir 
hieben. Aber Hotterer fand Aufnahme um Ahstätten im Rhebi- 
ttial und auch im AppoixeUerlande. Desshalb wandten sich die 
von St. Qatten an die Appenzeller mit den B^duroi, iliicai Fond 
nidit in oitiialt»! oder ihn znm Bechttti anf snheben. Dessen 
waren zwar die App^izeUer erbotig und gaben guten Beseiidd; 
nichts desto minder ward ^ Bürger toh St Gallo« der gen Ak- 
slStlen an Markt gekea wollte« Ton Hottero' im Bi w IetaaMe an- 
gefallen« auf doEi Tod Terwmidet nd sdnear Baais^afk Ton S5 
GnUen botanbt Ab aber Hotterer bei dieser Gikgca heit aneh 
edi<^ WundoDi enpfaag^i hatte« »fnhr man« dass er m des 
Hermann Sckwettdmets« eines vondunoi ^^^■■^■■■■■fw «ad Raths- 
Riedes in Appoiaell B^Hnsung gekommen und dort Tcrbanden 
Mi, imd als die St GaD» beimlieli Spikcr «nf Hottcrar in's 



305 

Appenzellerland anssandten, wollten es die Bauern nicht leiden. 
Es wurde sogar auf einer Landsgemeinde beschlossen, dass man 
die von St Gallen weiter nicht wollte passiren, noch jemanden in 
ihrem Lande suchen oder ausspähen lassen, sondern jeder Appen- 
zeller solle das wehren mit Leib und Gut Darüber beklagten 
sich nun die von St Gallen bei ihren treuen und lieben Eidge- 
nossen und diese, grösseren Unrath besorgend, schrieben den 
Appenzellem gar ernstlich, Hotterer in ihren Gebieten gar nicht 
zu dulden, sondern ihn gefänglich anzunehmen und denen von 
St. Gallen zum Rechten zu stellen, denn die Eidgenossen wollten 
solchen Unrath nicht leiden imd den St. Gallem, nöthigenfalls mit 
Leib und Gut, Abhülfe verschaffen. Als das erste desshalb von 
Zürich ausgegangene Schreiben noch nicht wirkte, ward bald 
darauf zu Zürich ein anderer Tag gehalten und mit mehr Ernst 
den Appenzellem befohlen, dem Hotterer keinen Vorschub zu 
geben; es ward denen von St. Gallen zugelassen, ihren Feind im 
Appenzellerlande heimlich und öffentlich zu suchen und zu er* 
spähen, doch dem Lande imd Gerichten ohne Schaden; so sie 
ihn beträten, sollten sie ihn im Lande berechtigen. Als dieser 
Befehl im Lande Appenzell ruchbar wurde, machte sich der Hot- 
terer hinweg, ging zuerst in's Algäu und dann weiter nach Ober- 
baiem; da vermeinte er sich eine Zeitlang zu enthaltefi, bis das 
Wetter verginge. 

St Gallen erhielt jetzt unverhoffte Hülfe von Kempten aus. 
Einer der vomehmsten Gesellen xmd Mitgehülfen Hotterers, der 
Weibel genannt, war bei denen von Kempten in Ungnade ge- 
kommen; daher machte Kempten wie St. Gallen gute Spähe auf 
diese Leute. Nun war ein Bürger zu Kempten, genannt Rhoni 
Summeringer, von St. Gallen gebürtig, ein frommer armer Gesell, 
dem versprachen die St Galler 100 Gulden imd dabei sein Leben- 
lang Leibesnahrung und Unterhaltung, wenn er ihnen den Hot- 
terer ausspähte. Dieser nahm zu sich einen Gesellen, hiess Caspar 
Meyer, durch welchen Hotterer verkundschaftet und zu Lands- 
berg im obern Bayern betreten ward. Summeringer rief über den 
Hotterer Recht an und liess sich gegen ihn gefangen legen, mit 
Begehr, dass man die Sache der Stadt St Gallen zu wissen thäte, 
was auch geschah. Die von St. Gallen schickten ihre ernstliche 
Botschaft hinaus und die Eidgenossen gaben ihnen nicht allein 
0»eiü>rttggen, recbtsgesch. Studien. ^ 



306 

eine schriftliche Fürsprache mit, sondern sandten auch Jakob 
Stapfer von Zürich nach Landsberg. Es wurde vom Herzog von 
Bayern ein Rechtstag erworben and Hotterer zu Landsberg be- 
rechtiget. In dem Gerichte legte Sommeringer in einem Sacke 
etliche Gebeine junger Leute und Frauenbilder vor, die Hotterer 
in den Häusern verbrannt hatte. Also ward Hotterer zu Landsberg 
auf deren von St. Gallen Klage und seine Antwort mit ürtheil und 
Recht zu Aschen verbrannt. Die St Galler schenkten dem Caspu: 
Meyer von Kempten 100 Gulden und Summeringer ward gar wohl 
begäbet und sein Lebelang mit aller Nothdurft gar herrlich und 
wohl versehen. 

So endigte dieser Privatkrieg mit dem Tode des Hotterer, 
den dieser als Mordbrenner auf dem Scheiterhaufen fand. In den 
wenigen Sätzen der Chronik über den Process gegen Hotterer 
sind zwei Punkte bemerkenswerth. 

1. Summeringer liess sich, ab er mit der Anklage aoftrat, 
gegen Hotterer gefangen legen, denn nur dadurch konnte er, der 
ja noch nichts bewiesen hatte, die Verhaftung des Hotterer be- 
wirken. Das Verhältnisji vom Ankläger und Angeklagten war einer 
Wette ähnlich ; entweder der Angeklagte verlor, und dann mujBste 
ihn die gesetzliche Strafe treffen, oder der Ankläger verlc», dann 
sollte nach einem weit verbreiteten germanischen Grundsatze em 
Rückschlag der jenem gedrohten Strafe auf ihn statt haben ^. Aber 
auch wo dieser Grundsatz nicht zur Anwendung kam, wurde mit 
Uebemahme eioer peinlichen Anklage ein grosses Risico übem<Hn- 
men und es ergab sich als Consequenz, dass nur ein Ankläger 
angenommen werden konnte, der Sicherheit gab, den gegen ihn 
sich allfällig erhebenden Ansprüchen genügen zu können und zu 
woUen. Eine solche Sicherheit k<Mmte der seiner Sache vertrauende 
Ankläger dadurch bestellen, dass er sich in die getangliche Haft 
begab '). Summeringer vennochte eine andere Sicherheit nicht zu 
geben: er musste den Weg iu's Getangniss einschlagen, um den 
Hotterer fest zu machen. 

«) S. oben S. 169 ff. 

^ S. oben S. 397. Es kommt noch jetzt in KngJand vor, d^äs wenn jcmjjid 
die üim fttr gehörige Betreibong der Ankljige bei dm nlcbsteB Asscsea anf- 
etlegfee Cantkm nicht n leisten Tefmag. er bis auf Wtifteres ia Qig te ih aft 
geaelKt wird; s. Rüttimann, Bencht ftber die engi Strafreetofiege il^T> & 8. 



307 

Jene Regel ist auch ausgesprochen im Amtsrecht von Willisau 
(1489) S. 97: „Ob ouch einer den andern umb Sachen anfiele, so 
die Eer berührten, weite dann der Cleger zu dem Ansprecher (!) 
gefangen leggen, dann soll ein Schultheis old ein Vogt sy beid 
zum Rechten handhaben." Hier ist wohl „Ansprecher** verschrie- 
ben und „Antwurter" zu lesen. — Stadtrecht von Luzern 157. 

2. Summeringer brachte in einem Sacke ins Gericht etliche 
Gebein jimger Leute und Frauenbilder, die Hotterer in den Häusern 
verbrannt hatte. Wäre das Gericht auf schweiserischem Boden 
gehalten worden, so hätte dasselbe geschehen müssen und ohne 
Zweifel hatte man die Knochen der Verbrannten für den Fall 
der gerichtlichen Anklage des Hotterer, wo diese statthaben möchte, 
aufbewahrt. Statt der Leichname der in anderer Weise Getödteten 
konnten hier nur etliche Gebeine vorgelegt werden, sie vertraten 
den Leichnam. 

Der Rechtssitte, den Leichnam des Getödteten, wegen dessen 
rechtswidriger Tödtung geklagt wurde, ins Gericht zu bringen, 
auch wenn nicht das Bahrrecht angestellt werden sollte, geschieht 
oft Erwähnung in den alten schweizerischen Rechtsquellen *). 
Diess erschien nothwendig zur Constatirung der Thatsache, dass 
ein Mensch getödtet worden und zur Vergewisserung und Be- 
stimmtheit der Person des Getödteten ; der Ankläger musste sagen 
können: dieser ist der Getödtete! zur Grundlegung seiner An- 
klage. Mit dem Todten wurde dem Gerichte die Tödtung vorge- 
führt. Um die Identität zu beweisen, fand im Gerichte eine 
Recognition durch Männer statt, die den Todten bei seinen Leb- 
zeiten gekannt hatten. In einem luzemer Falle (1553) heisst es: 
Ist demnach weiter erkannt, dass die, so den Entleibten gekannt 
haben, über die Bahre gehen und den besichtigen sollen, ob das 
der Entleibte sei oder nicht, und bei ihren Eiden dem Landgericht 
sagen, was sie gefunden haben etc. *). Nach der luzerner Land- 
gerichtsordnung sollen dazu 7 Männer abgeordnet werden und 
von diesen heisst es: „So gand die sieben über die bar und was 
sy findent, dz bringend sie für dz gericht und sprechend: Wir 

♦) Luzerner L.G.O. bei Segesser II, 706. Pfyffer, Canton Luzern I, 
378. Zuger Malöfizordnung (Ztechr. I, 62). — Augsburg 1276, S. 74: „unde 
daz der totslac da zegagen stat^. — Ssp. II, 14 § 2. 

«) Pfyffer a. a. O. 

20* 



Land In in sim leben bekennt und ich In noch, dz red ich bi mim 
eid. Also redend die andern VI ouch." Nach Vorschrift der zuger 
Malefizordnung werden 3 Männer dazu vom Richter verordnet. 

Die Sitte, einen Theil des Leichnams, namentlich die todte 
Hand abzulösen und statt des Leichnams ins Gericht zu bringen, 
habe ich in den schweizerischen Rechtsquellen nicht erwähnt ge- 
funden, auch der Ausdruck „Leibzeichen" ist mir nicht vorge- 
kommen; häufig ist dagegen Wahrzeichen^, noch häufiger 
Wortzeichen, und dessen Bedeutung zeigt die Vergleichung 
verschiedener Stellen. 

Basler Rathserkenntniss vom 21. Mai 1541 ^ : „ — wann ein 
todschleger von wegen des begangenen todschlags — in das Recht 
intrittet, die dath und todschlag gegen des obristen Knechts clage, 
die derselbig in namen der oberkeit, deren das unrecht ze strafen 
gebürt, v^on wegen des entlibten, dessen warzeichen in recht 
gestellt, gethan hat, der massen verantwortet etc." 

L.G.O. des Freienamts (Knonau) : „Wann der thäter oder sein 
fründschaft sich des todschlags nit wöltind begäben, alsdan sol 
der frey Amtmann die Wahrzeichen, so er zuvor von dem 
todnen Leichnam genommen hat, in das landtgericht legen. Darauf 
mögend dan die Kleger ihr Klag setzen und Kundschaft stellen, 
dass man den entleybten in diesen Kleidern hab lebendig 
und tod gesehen."*) 

Rechtung des Freienamts § 4 3): „Item beschicht ein Dot- 
schlag in der Grafschaft — da sol ein Richter — ouch von dem 
totten lichname denne zemal ein Wortzeichen nemen, in dem 
er tod und leben was, mit gericht und urtheil, da man das Für- 
gebot nimpt, dasselb Wortzeichen soll man fürren zu den zwein 
Lantgerichten und mag man denne dar ab richten und klagen in 
all wiss und mass, als ob der tod Lichname zegegen were 
und stunde." 



ö) Wahrzeichen » Symbol s. Grimm RA. 109. 

7) Rechtsqaellen I, No. 267. 

>) Aus der Abschrift im Besitze meines CoUegen F. von Wyss; vergl. 
Blnntschli I, 202. — Vgl. die Formel beim Anevang: »todt und lebende«, 
lebendig und todt^. Bruns, Besitz S. 314. 

9) Kurz und Weissenbach, Beiträge zur Geschichte — des Kantons 
Aargau I, 09. Argovia 1861, 127. 



809 

Zuger Malefizordnung: „DasB der Richter 3 Mann verordne, 
die den Entleibten beschauen, die ihn bj synen Lebszeiten erkennt, 
oder das Wortzeichen von ihm genommen, und sie by ihrem 
Eyd ufflassen, ob der der syg, von dem man klagt." — „Wann 
der todt Lychnam nit vergraben war, wird erkennt, wenn es von 
beiden Parthyen nachgelassen, ein Wortzeichen an ihm zu 
nemmen und darnach zu vergraben.'^ 

Hochgerichtsform von Glarus und Schwyz : „Dieselbig wybs- 
person hat in einem sack die blutigen Kleider des entlypten 
— und so sy den Fürsprech genimpt, legt sy die blutigen 
Kleider in gerichtsring und fürt daruff dieclag." ^®) 

Bemer Gerichtssatzung (von 1614) III, 12, 3: „Und sollend 
jedes Gerichtstags des entlybten Kleider, als zu Wort 
zeichen im Ring zugegen liegen, und in jedem Ruff, das solche 
Wortzeichen verbanden usstruckenliche meidung beschechen." 

Durch die in den Ring gebrachten ELleider des Getödteten, 
in denen er nachweislich lebendig und todt war gesehen worden, 
wurde der Todte repräsentirt — „als ob der todte Leichnam zu- 
gegen wäre" — und die Thatsache der Tödtung dem Gerichte 
versinnlicht; sie sind das Wahrzeichen oder Bewährungszeichen 
der geschehenen Tödtung, derentwegen der Kläger klagen will 
„und er führt darauf die Klage". Ohne diese Anschauung hätte 
der Klage das sichtbare Fundament gefehlt. Ein scheinbares Ab- 
gehen von dieser Versinnlichung und doch zugleich eine Aner- 
kennung der Regel enthält die schwyzer Einung um Todtschlag 
von 1447 (Landbuch S. 69). Wenn der Todtschläger aus dem 
Lande entweicht und dann Gericht und ürtheil über ihn gehen, 
der soll die nächsten fünf Jahre aus dem Lande sein und bleiben; 
wird er binnen dieser Zeit im Lande ergriffen, „soll man dann 
von dem oder dien unverzogenlich richten uff der fryen weidhube, 
als ob die bar zu gegen imd under ougen stünde, also dass 
man im sin Houpt abschlagen soll an alle gnade". Er ist schon, 
wie die Einung sagt, um Todtschlag fällig geworden; daher be- 
darf es hier nicht noch einer Begründung des Rechts zur Klage 
gegen ihn, aber doch finden wir ein Zurückgehen auf die allge- 
meine erste Regel, nach welcher der Leichnam ins Gericht ge- 

10) Zellweger, Qesch. des appems, Volks. Urk« No« 783, 863. 



310 

bracht wnrde, obgleich es in diesem Falle weder des gegenwär- 
tigen Leichnams noch eines Wahrzeichens bedurfte. 

Was das Sprachliche betrifft^ so hat schon Halt ans (Art 
Wortzeichen p. 2132) angedeutet, dass in den Quellen Wahr- 
zeichen und Wortzeichen confundirt werden; genauer gibt Wei- 
gand (Synon. No. 1305) an, wie die beiden Worte zusammen- 
geflossen sind. In den schweizerischen Rechtsquellen hat Wort- 
zeichen die Oberhand gewonnen als Ausdruck des Erkennungs- 
zeichens überhaupt^*), obgleich es seinen Buchstaben nach das 
mündliche Erkennungszeichen, das Losungswort ist *2). Wortzeichen 
= Erkennungszeichen und Symbol kommt in verschiedenen Be- 
ziehungen vor. Wer nach dem Landbnche von Uri Art. 142 die 
gesetzliche Belohnung für Tödtung eines Bären in Empfang neh- 
men wollte, musste dem Landammann zum Wortzeichen die Haut 
mit dem Kopfe und drei Tatzen vorweisen. Im Landbuch von 
Appenzell A.Rh. Art. 185 ist dafür das „rechte Wahrzeichen" 
gesagt. — Nach der Öffnung von Töss (Grimm Wsth. I, 135) 
soll der Hirt, dem ein Stück Vieh abhanden gekommen ist, es dem 
Eigenthümer des Thieres bei Sonnenschein zu Haus und Hof 
verkünden und ihm oder seinem Boten das Verlorne helfen suchen, 
wenn er aber niemand daheim fände, soll er seine Ruthe zum 
Wortzeichen an die Hausthür stellen^'). 

Das „Wortzeichen" wird in der gegenwärtigen züricherischen 
Rechtssprache nur noch für Schuldverhaft gebraucht und darin 
ist ein gewaltiger Sprung von der ursprünglichen Bedeutung weg. 
Es ist aber doch wohl die Brücke von dem Alten zum Neuen 
darin zu sehen, dass Wortzeichen eigentlich hier die Urkunde be- 
deutet **), welche das Gericht (jetzt Bezirksgericht) dem Gläu- 
biger gibt, um ihn zur allfälligen Verhaftung des Schuldners zu 
autorisiren. 



^1) s. auch Schwsp. 347 L. 

*2) So bei Tschndi Chron. I, 385. — Mone's Ztsclur. VI, 165. 

*3) vgl. Grimm Wsth. I, 305 a. E. 367." IV, 349. — Luzerner Stadttecht 
Art. 67. Ochs, Gesch. der Stadt Basel II, 407, 408. 

*♦> s. das Gerichtsbuch von 1553 in Schauberg*8 Ztschr. I, 219, 277; 
von 1715, in § 19. IX § 17. P von Wyss in der Ztchr. f. schwz. Recht VII, 
8. 18, 63, 114. vgL U. F. Kopp, Büder und Schriften der Vorzeit I, 52. 



XIV. Der Process gegen eineD abwesenden Todtschlllger. 



Nachdem ein peinlictes Gericht gehörig und förmlich einge- 
leitet ist und die Behandlung der Sache, für welche es anberaumt 
wurde, beginnen kann, nimmt die Verhandlung einen verschie- 
denen Gang, je nachdem der Angeschuldigte an den Schranken 
steht oder abwesend ist. Für den letzteren, sehr gewöhnlichen 
Fall ist das Verfahren in den verschiedenen altschweizerischen 
Gerichtsordnungen wesentlich gleichmässig normirt. Am häufigsten 
war es ein Todtschläger, welcher vor der Rache der Familie des 
Getödteten sich flüchtete oder verbarg; aber das Recht nahm 
seinen Lauf, wenn die Wittwe, die Schwester oder die Mutter des 
Gtetödteten die Klage als Waffe gegen ihn erhob. 

Es war Regel in der Schweiz, dass nicht der Bruder oder 
Vater des Getödteten mit der Klage auftrat. Um sich die Blut- 
rache zu sichern, überliessen die männlichen Verwandten die ge- 
richtliche Klage einem nächsten weiblichen Familiengliede. Diese 
Sitte und ihren Grund gibt die alte Hochgerichtsform von Glarus 
und Schwyz *) folgend ermassen an : „Umb Todschlag clagt by 
ims kein mansperson, sonders ein wibsbild, die des entlypten 
Mutter, Eefrow, Schwöster, Tochter oder nächste Bas ist; dann 
by uns der Bruch, so ein Inländischer in unserm Land, der ein 
mansperson wäre, clagte, so möcht er nit rächen, dann die Li- 
ländisch person, so das recht volfürt, hat kein räch ; darumb stat 
allweg ein wibsperson dar ze clagen, und stat die gantz frünt- 
schaft by Iro und rath to, was sy thun soll. Und so oft der 
fürsprech clagt, nempt er allein die wybsperson. Dieselbig wybs- 
person hat in einem Sack die bluttigen Kleider des entlypten (so 
er innent Landtz entlypt wird) und so sy den fürspräch genknpt, 

i> 8. t^n &, 214 ff. 



312 

l^gt sj die bluttigen Kleider ^ in grichtsring und fürt daraff die 

In Zug trat 1525 die Schwester des G^tödteten mit der Klage 
auf^; in einem luzemer Falle 1553 gleichfalls die Schwester, 
während auf der anderen Seite des flüchtig gewordenen Todt- 
schlägers Mutter stand ^). In der bemer Q^richtssatzung 1614, 
in, 12, 1 u. 2 findet sich dieser Brauch) durch den die männ- 
liche Freundschaft des Entleibten sich die Rache sicherte, nicht 
mehr, aber deutlich tritt hervor, wie die Klage aus der Rache 
hervorging und diese ausgeschlossen war, wenn jene erhoben 
wurde; zugleich ist aber bestimmt, dass wenn des Entleibten 
Freimde kein Recht anrufen, „sondern sich der Rechten und der 
Rache entziehen und dieselbe der Obrigkeit übergeben^, diese 
von Amtswegen solchen Todtschlag rechtfertigen soll. 

Nach jener Hochgerichtsform kann nicht bloss die Mutter, 
Tochter, Schwester, Ehefrau des Gtetödteten mit der Ellage auf- 
treten, sondern auch noch die nächste Base. Das correspondirt 
mit der Bestimmung über den Kreis der zur Blutrache berech- 
tigten und verpflichteten männlichen Verwandten. Mag man das 
ziemlich moderne Wort Blutrache^) daraus erklären, dass „das 
Blut des Q-etödteten um Rache schreit^ % oder als blutige Rache, 
so ist sie doch auch eine Rache des Bluts, d. h. der Blutsver- 
wandtschaft, sie ist Familienrache und zwar derjenigen Familien- 
glieder, welche nach ihrem Geschlecht die Rache als Fehde aus- 
üben konnten, daher auch in alter Zeit allein den Genuss der 
Composition hatten.^ 

Sehr stark tritt im altschweizerischen Recht hervor, dass die 
Rachepflicht Correlat des Erbrechts ist*). Die Öffnung von Ky- 



S) 8. oben 8. 809. 

^ Blamer I, 399. 

4) Pfyffer, der Kanton Luzem I, 377. — Alam. Stra&eoht a 232. vgl. 
Begesser II, 673, Anm. 2. 

^) InOrimm'8 Wörterbach hätte man Auskunft erwarten dttrfen, wie 
und wann dieses Wort die früheren „Todgevehte^, „Todfeindschaft^^ (capitalis 
inlmicitia) verdr&ngt habe 

*i Nials-Saga, angefahrt bei Siegel I, 16. 

') Wilda 8. 397. Strafrecht der Langobarden 8. 6 ff. 

*) Vgl. Lex Angl. et Worin. I, 6 (p* 8 Merkel) : „Ad qnemeimqae here- 



813 

bürg § 4 bezeichnet die Verwandten des GetÖdteten, denen der 
Leib des vermfenen Todtschlägers ertheilt wird (s. onten) als die 
Frennde, „die ihn von Sibschaft wegen zu rächen haben'' ; speci- 
ficirt ist diese Sippschaft in *einem Züricher Rathsbeschluss vom 
Jahre 1448 bei Bluntschli I, 410: „ein vatter sine kind, die 
kind iren vatter nnd anyn, der äny siner kinden kind und der- 
selben kindzkinde; ein geschwistergitt das ander, derselben ge- 
schwistergitt kind einandem und dero kindzkinde ouch einandem.^ 
Es wäre aber gewagt , hierin eine allgeme ne schweizerische Be- 
stimmung zu sehen. Häufig tritt zwar das dritte Glied ^) der Bluts- 
verwandtschaft als Grenze hervor, so im entlibucher Landrecht 
von 1489, im alten Landbuch von Uri Art. 7, in der bemer Ge- 
richtssatzung 1614 I, 12, 4, aber auch das vierte Glied i®). Es 
ist hier eben dieselbe Variation wie für die Erbfähigkeit**) und 
die Zusammenhörigkeit der Rachepflicht und des Erbrechts ist 
denn auch nicht selten in der Wendung ausgedrückt *2) : „die 
einander zu erben und rächen haben''. (Luzem Stadtr. Art 189, 
Zusatz.) 

Ein anschauliches Bild des Contumacialverfahrens gegen einen 
Todtschläger gibt eine luzemer Landgerichtsordnung vom Ende 
des 15. oder Antange des 16. Jahrhunderts, die bei Segesser 
n, 703 ff. gedrjickt ist. 

Das Gericht wird gehalten „am offenen Landtage''. Sehr oft 
heisst es auch sonst „an offener freier Reichsstrasse^, als schon 

ditas terr» pervenerit, ad illum vestis bellica, id est lorica, eknltio proximi 
et solntio lendis debet pertinere^. 

9) Bei der BerechnnDg ist die Parentelordnung zu beachten s. Bluntschli 
I, 116. n, 830. Blumer I, 185. 

<9) Segesser II, 699, vgl. 668 Anm. 1. Bigwart-MüUer, Strafr. der 
Kantone Uri, Schwyz eto B. 4. — Geschichtsfreund IX, 102. XII, 147. — 
Blumer I, 395 Anm. 3. B. 424 Anm. 114. 

<*) Blumer II, 2, 42. — F. von Wyss in der Zeitchr. für schwz. Recht 
IV, 150. 

Ur Segesser II, 205 Anm. 3. — Deschwanden im Geschichtsfrd. IX, 
102. — Anderswo ist die Blutrache und Fehde schon früh mehr beschränkt, 
s« Lex Bax. 18: „Et iUe ac filii eins soll sint faidosi^, wo denn freilich die 
Beschränkung an der andern Seite der au Befehdenden liegt, s. aber auch die 
Anm. 8 angeführte Lex Angl. et Werin. — Zu der weiten Ausdehnung im 
Schweiz. Recht lässt sich vergleichen die Bestimmung einer niedersächsisehen 
Urkunde von 1439 (Grimm, Wsth. IV, 703). 



«14 

der Verband mit dem Reiche sehr locker geworden war**). Für 
die Stadt St. Gallen, wo anf offenem Markt über das Blut gerichtet 
wurde, heisat es in den Protokollen „an des Reichs Creuzstrasse^ 
oder „am Markt uff der nächsten tirützstrass^. 

Der Richter, aufrecht stehend und ein Schwert in der Hand 
haltend, wendet sich an die im Ringe Sitzenden und die Um- 
stehenden'*) und erklärt, dass die Freundschaft des Getödteten 
das Recht angerufen habe und setzt den Handel kurz auseinander. 
Damach fordert er einen, der auch um den Handel weiss, auf, 
dass er urtheile auf seinen Eid, was nun zu thun sei. Der Ange- 
fragte erwiedert, es sei zuerst die übliche Erkundigung nach der 
Tageszeit vorzunehmen. Nachdem dieses geschehen, setzt sich der 
Richter nieder und spricht: „Begehrt jemand eines Fürsprechen, 
der mag es thun!" Die Kläger bitten um einen solchen, dieser 
wird eingesetzt und auf seinen Antrag wird ermittelt, ob dem 
Angeschuldigten der Landtag verkündet worden sei. Der desshalb 
befragte Stadtknecht gibt die Auskunft, dass er den Angeschul- 
digten zu Haus und zu Heim fürgeboten habe auf ^en heutig^i 
Tag '*). Auf den Antrag des Fürsprechers der als Klägerin her- 
vortretenden Frau wird dann die Bahre mit dem Leichnam ins 
Gericht gebracht tmd 7 Männer, denen Eid und Ehr zu vertrauen 
ist imd die den Entleibten in seinem Leben gekannt haben, wer- 



13) Alam. Strafrecht S 5, 6. 

^^) S e g e 8 s e r II, 698 : ,,Den Landtagen sassen vor in den Städten Lucem, 
Sursee und Sempach der Schultheiss, in den Aemtern die Vögte. In den Städten 
waren noch sämmtliche Bürger, in den Landgerichten die Angehörigen des 
Kreises zum Besuch der Landtage hereehtigt, aber nicht mehr so streng wie 
in früherer Zeit verpflichtet; die Räthe, Weibel, Untervögte, Fürsprecher und 
Übrigen geschwommen Männer bildeten den „Ring^. Besonders bedeutende Per- 
sonen waren die Fürsprecher des Gerichts, aus deren Zahl auch Kläger und 
Beklagter verfttrsprecht wurden." Ueber die im Ringe Sitzenden und die Um- 
stehenden s. auch Grimm RA. 769, 851; Waitz, deutsche Verfassunge- 
geschichte II, 412; Siegel I, 105, 106; Homeyer, Richtsteig S. 418. 

*Ä) Landtagsordnung des Freieftamts (Knonau) : ,^uf vorergangen UrtJ eil 
staht der frey Amtmann in Ring und seit auf sein eid, er habe dem N. zu 
Haus und Hof auf den Tag allhier an das Gericht verkündt und ihm dem 
sächer aus geheiss des Landgrafen ein frey sicher gleit an das Recht geben." 
Das sichere Geleit hat hier noch die Bedeutung der Sicherung gegen die Axt- 
griffie der gegnerischen Familie, s. Ab egg, historisch-praktische Erörterungen 
I (1833). 



ai5 

den beordert zur Recognition des Leichnams *•). Nach der Anfrage 
des Richters an einen in dem Ringe, ob man der klägerischen 
Partei Rath erlauben soll, beruft der Fürsprech derselben den 
halben Theil der Richter zur Seite, um Rath zu nehmen *'^. 
Darauf trägt er die Belage vor und „schreit auf Stadtrecht". 
Wenn die Klage vollführt ist, setzt er die Sache zu Recht und 
fordert auf, ob jemand sei, der die Klage verantworten wolle, 
nun hervorzutreten. Der Thäter oder dessen Freundschaft stehen 
vor und begehren einen Fürsprech, der ihnen ihre Rede thue. 
Dieser wird zugestanden und eingesetzt. Darauf nimmt er den 
andern Theil der Richter, die im Kreise sitzen, zu Rath. Nach 
der Berathung tritt er mit der Antwort auf die Klage auf und 
nach wiederholtem Rathnehmen wird replicirt und duplicirt und 
zuletzt die Klage und Sache zu Recht gesetzt. Sodann wird die 
Kundschaft verhört. 

Wenn der Angeklagte nicht in Person erschienen ist, so 
werden drei Strassen im Ringe geöffnet, der Stadtknecjht tritt vor 
und ruft: „N. N. dir sind uff den dry strasen in disem ofnen 
landgericht, da gang inhar, welche du wilt und gib antwurt (der) 
N. N. uff die klag, so sy zu dir tut von wegen N. N., der ir 
elicher man (ir bruder, ir vatter) ist gesin uf den ersten tag und 
zem ersten mal." Derselbe Ruf geschieht an demselben Tage zum 
andern und zum dritten Mal und dann werden die Strassen wieder 
beschlossen. 

Segesser bemerkt hiezu: „Dieser dreimalige Ruf scheint 
am Ende des 16. Jahrhunderts an die Stelle der drei Gerichtstage 
getreten zu sein, welche nach älterm Recht dem flüchtigen Ver- 
brecher zur Stellung und Verantwortung offen stunden ^S). Blieb 
auch der dritte Ruf erfolglos, so wurde der Ring wieder geschlos- 
sen und mit Urtheil erkannt, der Angeklagte habe sich durch 



16) Zuger Malefizordnung (Zeitschr. für schwz. Recht I, 62). — Pfyffer, 
Canton Luzem I, 378, s. oben Ö. 307. 

»0 Vgl. oben S. 285. 

18) Wie man bisweilen auf deutschem Boden die Regel von den drei Ge- 
richten umging, indem man sich den Anschein gab, sie zu wahren, zeigt eine 
Stelle des berliner Schöffenrechts (Fi di ein 's Beitrage I, 157): „Aver kommt 
die morder von detne niorde, man vorvostet en in denselben sunnenschin als 
di mord geschach, und dy schepen vorrucken di benke dry stüht'' 



S16 

seine Abwesenheit selbst schuldig gegeben nnd soll sich nicht 
mehr verantworten können.^ Allein so ganz klar ist es doch nicht, 
dass nach dieser Landgerichtsordnnng der dreimalige Ruf an 
einem Gerichtstage genügte. Es wird in dieser etwas confosen 
Partie der L.G.O. dreimal wiederholt als Bestandtheil der Formel 
„uff den ersten Tag*'. Für Segesser's Vermnthung spricht 
jedoch, dass in einem bestimmten Falle ans dem Jahre 1553 der 
Stadtknecht in den drei Strassen rufen musste: „Jacob Schüler, 
du sollst hieher gehen und dich des Todtschlags, den du an Wemi 
Weibel begangen hast, verantworten zum ersten Mal, zum andern 
Mal und zum dritten Mal^ und dass dann, als der Ghrufene nicht 
erschien, sogleich die Verrufung stattfand *®). 

P. Kaiser, Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein (1847) 
S. 360 sagt über die dortige Procedur: Begab sich der Fall, dass 
ein TodtscUag berichtet wurde und die Freundschaft; des Ent- 
leibten die Klage führte imd der Todtschlager nicht vor Hecht 
stehen wollte, so befahl der Landammann dem geschwcnnen Land- 
waibel, den Gerichtsring zu öffnen imd zu drei Seiten, gegen 
Sonnenaufgang, gegen Mittag und Mittemacht laut und öffentUdi 
den Todtschlager mit Namen zu rufen, also: „N. N., komm und 
gib Antwort auf diese Klage, auf den Todtschlag, den du began- 
gen hast an N. N. und hab frei und sicher Geleit zu den Beahten, 
bei den Hechten und von den Hechten^. Drei solche Hofe musste 
der Landwaibel thun und nach denselben den Gerichtsnng offen 
lassen und warten ungefähr dne VierteLstunde, ob der antwortende 
Theil das Hecht wolle „verstehen^ (?). Kam in dieser Zeit niemand, 
so wurde der Gterichtsring wieder geschlossen durch den Waibel 
und „das Hecht^ hatte seinen Fortgang. 

Nach der zuger Malefizordnung ^) hat der Waibel den Thfiter 
„zu Haas un^ Heimb*^ zum Hechtstage zu laden und an dem 
Hechtstage, nachdem der Hing an drei Orten aufgethan ist, dem 
SScher mit lauter Stimme zu rufen: „So komm (oder geh dn) 
hier in diesen Bing und versprich dich des Todtschlags (oder 
grossen Klag, so die N. Klägerin mit ihrem Vogt an dich diun), 
so du leider begangen hast, an ihrem Huff den ersten Tag und 

19) Pfyffer, Guitoii Luseni I, 37S. 

9t) Zetteehr. Ar nehwE. Reeht I, 62, ^ den Fall ans Zog vom JUbr 1535 
bei Blnmer I, 899. 



317 

uff den ersten Ruff." Wenn er nicht erscheint, wird der Ring 
wieder beschlossen und dann an diesem ersten Tage derselbe Act 
zum zweiten und dritten Mal vorgenommen. Nachdem nun der 
Weibel den Sächer auf den folgenden Tag zu Haus und Hof 
fürgeboten hat, wird dieselbe Procedur mit dem dreimaligen Rufe 
am zweiten Gerichtstage wiederholt. 

In einer kyburger L.G.O. **) ist bestimmt, dass nach voran- 
gegangener Meldung der geschehenen Ladung des Thäters zu Haus 
und Hof die Schranken des Landgerichts an den drei Orten auf- 
gethan, dadurch drei offene Strassen gemacht und auf jeder Strasse 
durch einen geschwomen Knecht des Landgerichts dem Thäter 
N. N. gerufen werden soll, solche schwere Klag und That zu ver- 
antworten, wobei ihm sicheres Geleit versprochen wird. Wenn 
dann der Thäter sich nicht stellt, soll das Landgericht so lange 
warten, „bis einer an das Ort, als wyt der Ruoff hette mögen 
gähn und gehört werden, kommen möchte" 22). Darauf werden die 
drei offenen Strassen wieder beschlossen. Dasselbe geschieht an 
zwei folgenden Landtagen, wie zu schliessen ist aus den Worten : 
„Dorüber wird dise urteil gegeben, dass die kleger den ersten 
oder andern und dritten Landtag gegen dem Thetter rechtlich 
behalten und verstanden 25) haben." 

Gunz deutlich ist die» vollständige Procedur des dreimaligen 
Rufens an je drei Dingtagen ^4) noch angegeben in der bemer 
Gerichtssatzung von 1614 I, 19, 1: „So aber der Schuldig ent- 
wycht und hinkompt, also dass er nit gefangen wirt, so sollend 
dry Landtagen an offner Crytzgassen über ihne gehalten, und ihm 
jedes mahls zum dritten mahl darzu gerufft werden. Ob er dann 
zum dritten Landtag und letzten Ruff nit erschynen wurde, sich 
ze verantworten, so soll er dannethin erkennt werden von Frid 

») Schanberg's Ztschr. I, 147. 

SS) 80 auch in der Landtagsordnimg des Freienamts (Knonan)« 
99) Wahrscheinlich ist zu lesen „erstanden^, s. Bamb. Art. 286. Landtags- 
ordnung des Freienamts (Knonau): „Dass der Kläger den ersten und andern 
Tag habe erstanden und behalten." Thurgauer L.G O. Die bemer Gerichts- 
satzuug hat : „das Recht bestanden.** 8chwsp. 89 W. : „unde behabt er, der im 
da vür geboten hat, siniu driu teidinc.** 

'0 ^S^ ^^^ thurgauer Landgerichtsordnung in der Ztschr. fOr Schweiz. 
Recht I, 45 Fall von 1638 in Zellweger's Gesch. des appenz. Volks. Urkde 
782, SQQ, 3. auch Bluntschli I, 205. 



in Unfriden" ^). An einer andern Stelle derselben Gterichtssatzong 
m, 12, 4, findet sich jedoch schon eine Abkürzung der Form 
zugelassen: ,,Man mag die zwen ersten Landtagen eines Tags 
halten und soll am anderen glyche Form als am ersten gebracht 
werden; kompt dann am andern Landtag der Q^thäter nit, sich 
zeverantworten, so soll man den dritten Landtag ansetzen ob vier- 
zächen Tagen und under dryen Wuchen^«) und soll der Weibel 
also rufen: „wer den Gkthäker seche in Stetten, Landen, in Holtz, 
Veldt oder uff Wasseren oder wo das sye, der soll ihm verkünden, 
wie das der erst und ander Landtag gehalten tmd der dritt an- 
gesetzt sye, damit er sich darzu fügen könne sich zu versprechen. 
Erscheint er dann am dritten Landtag auch nit, so wirt abermals 
obgeschribne form gebracht und wann zeletzt der Ring beschlos- 
sen, die endtliche Urtheil gegeben und durch den Weibel ussge- 
rüfft und aller menklichem verkündt, damit sy dem Todschleger 
zwüssen than werde." 

Laut einer Züricher ,,Form und Ordnung, wenn man einen 
Todtschlag vor Rath verrechtfertiget" aus dem 16. Jahrhimdert^"), 
geschah der Ruf des abwesenden Thäters durch den obersten Knecht 
oben an der Rathhaustreppe und bestimmte demnächst der Bür- 
germeister auf der Kläger Anrufen „mehrtheils allweg den andern 
xmd dritten Rechts- xmd Landtag mit einandern uff ein zyt umb 
des wenigisten costens willen." 

Bei der dadurch entstandenen Verschiedenheit, dass mehr oder 
weniger von der Regel der 3x3 Rufe an den drei Strassen ab- 
gewichen wurde, stimmen fast alle genannt^i Ordnungen darin 
überein, dass der Ring an drei Stellen geöffnet Werden sollte. 

Der Name Ring wurde bekanntlich beibehalten ^), als schon 
die äussere Form des (Berichts nicht mehr die runde war, sondern wohl 
gewöhnlich durch die Stellung der Bänke oder durch die Schran- 

*^j In Bern \mrde ein NiUaos Weyermann nach drei gelialtenen Land- 
tagen an der Krenigasse im J. 1570 als ein TodtecMager auf 101 Jahr von 
der Stadt Termfen, s. Chronik ans den hinterlassenen Handachriften des Joh. 
HaUer nnd Abraham Mttalin (Zofingen s^ a.) S. 143. 

^ So anch in der Landtagsordnnng des Freienamts (Knonan), y^ die 
Oflbnng von DQmten, Art 1 (Schanberg*s Beitrige m, 186), Flaehenthaier 
Hofirodel 3 (Pestalntx, Stat II, 79). 

V) Schanberg*8 Ztschr I, 365 

S3) Qrimm, &A. 809. Bodmann, rheing« Aherth. I^ 66a 



S19 

ken oder die Stangen, wie bei dem Stangengericht in Zürich, ein 
Viereck entstand. Eine Gleichmässigkeit in der äussern Form der 
verschiedenen Gerichte in der alten Schweiz ist nicht anzuneh- 
men, vielmehr zeigen manche Notizen in den Rechtsquellen her- 
kömmliche Verschiedenheiten, welche in einer mühsamen antiquari- 
schen Untersuchung zu verfolgen für mein Thema nicht nothwendig 
erscheint. Nur eine Stelle will ich beispielsweise anführen, weil 
sie am vollständigsten sich ausspricht über die äusserliche Ge- 
staltung einer Gerichtssitzung. In dem Landbuch von Davos ist 
eine peinliche Gerichtsordnung aus der Mitte des 17. Jahrhunderts^ 
enthalten, welche (S.97) folgendes vorschreibt: „Es würd ein Tisch 
mitten uflF dem Platz under heitern Himmel gestelt, ein schön 
blosses Schwert und ein Richterstab nebend einanderen darufF ge- 
legt, und ein schöner weiter Ring umb den Tisch mit Schranken- 
Stüelen geschlagen, der Stuol oben durch, daruff der Richter 
sitzet, etwas höcher als die andern, und wann dann der Process 
vollkommen formiert ist, kombt der Landtamman als Richter, sitzt 
oben in Ring, und die Rechtssprecher alle einandern nach in der 
Ordnung sitzen in den Ring, der Landschriber mit dem Process 
und Schriften uff ein Sgabellen sitzet zum Tisch. Solchem nach 
würd die verstrickte Person mit dem Weibel und sechs bewaff- 
neten Gömem 2»), mit ihren Harnischen, Under- und Uebergewehr 
vom Rathhus in den Ring begleitet, do sy uff ein besondem Stuol 
gesetzet würd, und die Gömer mit ihren Harnisch und Haieparten 
stellen sich um den Ring.'' 

Das Gericht wurde im Freien gehalten — in Bern an offener 
Kieuzgasse — , es correspondirten die vier Seiten desselben mit 
den vier Weltgegenden, nach deren jeden hin sich der flüchtige 
Todtschäger begeben haben konnte^). Daher wird, nach der bemer 
Gerichtssatzung HI, 12, 3, der Ring an vier Orten aufgethan^*) 
und dem Todtschläger durch den Weibel gerufen, drei Mal an 
jedem Gerichtstage; aber die Regel war, dass der Ring nur an 
drei Orten geöffnet wurde, wofür der Grund wohl einfach darin 

W) Gaumer, Gäumep, Gömer =3 Hüter. 

30) In Verrufungsformeln kommt auch vor „und weisen dich in die vier 
Strassen der Welt" und „auch sint in geteilt vier Wege in die Laut", s. Grimm 
R.A. 40, 211. 

3«) Vgl. J. von Arx, St. G«Uen I, 443. 



320 

ZQ sehen ist, dass durch Aufthun des Ringes nach allen vier Seiten 
hin der Ring gänzlich aufgelöst worden wäre. 

Wenn der Gerufene nicht erschienen und der Ring wieder be- 
schlossen war, so wurde erkannt, nach der luzemer Ordnung, dass 
jener sich nun „niemer und zu ewigen Ziten verantwurten" möge 
und erst jetzt wird nach dieser Ordnung das Gericht verbannt. 
Es folgt die Verrufung durch den Stadtknecht in dieser For- 
mel: „N. N. ich Verrüfe dich für ein todschleger, den du began- 
gen hast an N. N., der N. N. elicher man ist gesin und ruff dich 
US dem frid in unfrid und kund dir ab alle frundschaft und 
Zuversicht, dz du für diese gegenwärtige stund hin erblos, elos, 
rechtlos verlassen in diser loblichen Statt Lucem hütt und zu 
ewigen ziten und bekenn minen gnedigen Herrn sin guts, was des 
in unser statt ist imd N. N. seligen fründen din lib." Dazu 
wird noch gerufen, „welher disen todschleger — wüsentlich 
in diser statt Lucem huset oder hofet, essen old trinken git oder 
kein fürdemus tut und dz kuntlich wurd, der wer in allen schul- 
den und banden wie der genant todschleger on allein den tod.** 

Ist aber ein Mord gefunden, so lautet die Formel: „N. N. 
ich verrufen dich für ein morder, den du begangen hast an N. N. 
der N. N. elicher man ist gesin und emfilch dich der luft und 
dem ertreich und ruff dich us dem frid in unfrid u. s. w. — imd 
erloub (dich) dem fogel in der luft, den wilden thieren im wald, 
dem fisch im wag und allen keiserlichen imd küniglichen Rechten 
und friheit in allen stetten. Merkten und dörffem und an allen 
orten und enden, do man dz Recht lieb hat und dz übel strafft". 
Hinzugefügt wird noch, „dz der tetter jedem erloubt soll sin imd 
ist, und ouch dabi minen herren sin gut, wo dz ergriffen mag 
werden in dem Iren, den fründen sin lib" und „wer disen 
morder wissentlich huset" etc. 

Die beiden Formeln sind wortreicher als die in den sonstigen 
altschweizerischen Rechtsdenkmälem überlieferten Verrufungsfor- 
meln, aber durch den Zusammenstoss der directen Rede, wie sie 
dem Stadtknecht in den Mund gelegt wird, und der indirecten, 
welche dadurch entsteht, dass angegeben ist, was der Fürsprech 
„ertheilt", ist die Construction nicht so rein geblieben, wie z. B. 
in der Formel der Mordacht in der bamberger H.G.O. Art 241. 

Der Stadtknecht von Luzem hatte die Verrufung an dem Orte 



321 

des im Freien (am Pischmarkt) gehaltenen Gerichts vorzunehmen; 
nach einer luzemer Rathsverordnung vom Jahr 1600, als wohl die 
peinlichen Gerichte nicht mehr unter freiem Himmel st&ttfanden, 
geschah die Verrufong an den acht vornehmsten Plätzen der Stadt 
an einem Dinstage ^2) unter Trompetenschall durch den berittenen 
Grossweibel, der begleitet wurde von den Stadtknechten in Panzer, 
Sturmhauben und Gewehr^). Auch in Zürich wurde die Ver- 
rufung („oflfenlich von der Stat schryen", Richteb. HI, 8) eines 
Todtschlägers im 16. Jahrhundert an mehreren Orten der Stadt 
vorgenommen, beim Weggen, bei der Apotheke und beim El- 
sasser '*)• 

Das Gleiche und das Verschiedene in dem Inhalte der beiden 
obigen Formeln lässt sich durch Analyse leicht erkennen: 

1, Die Friedloslegung, als Folge des ungehorsamen Ausblei- 
bens, ist in beiden Formeln in der einfachsten Weise ausgedrückt 
mit den Worten „und ruf dich aus dem Frid in Unfrid"; zur 
Füllung des Begriffs ist noch, im Charakter der alten Rechts 
spräche, hinzugesetzt „und kund dir ab alle Freundschaft und 
Zuversicht", wie in der bemer Gerichtssatzung : „und von Sicher- 
heit in Unsicherheit". In dem luzemer Falle des Jacob Schüler ^) 
sind bloss die entscheidenden Worte gebraucht, wie auch in der zuger 
Malefizordnung. Als nächster Ausdruck der Friedlosigkeit ist an- 
zusehen, dass niemand den Verrufenen hausen und hofen soll, 
daher auch in den kürzeren Formeln der zuger Malefizordnung 
und des Schüler'schen Falles ein solches Verbot sich findet. Wer 
den Friedlosen wissentlich beherbergte oder ihm sonst Vorschub 
leistete, der sollte selbst friedlos sein, es trat also eine Art Talion'®) 
ein, die in sehr gewöhnlicher Weise bezeichnet ist mit den Worten 
„der wer in allen Schulden und Banden wie der genannte Tod- 
schläger", aber es ist hinzugesetzt: „ohne allein den Tod", wie in 
der Relation eines luzemer Falles aus dem Jahr 1421 „ane einig 
den tod" *''). Wenn der friedlos gelegte Todtschläger den Bann 

32) Grimm, R.A. 818« Ueber den Dinstag als gewöhnlichen Gerichtstag 
8. auch Gaupp, deutsche Stadrechte II, S. 61« 

33) Segesser IV, 187. 

34) Ztschr. für Schweiz. Recht IV, 1, S. 18. 

35) Pfyff er, Canton Lnzem I, S. 376. * 

36) s. oben S. 177. .Zellweger a. a. O. Urk. 863. 

37) Segesser 11, 672 Anm. 

Osenbrüggen« rechtsgescb. Studien. äl 



322 

brach und wieder im Lande erschien, so verlor er sein Leben 
(Schwyz Landbuch, Seite 67) und dieses hätte auch für den wegen 
Beherbergung des Friedlosen friedlos Gewordenen und demnächst 
Bannbruchigen eintreten sollen, aber man gab diese äusserste Con- 
sequenz auf, weil man in der Enthauptung des friedlosen im 
Lande wieder betretenen Todtschlägers zugleich die Sühne für den 
Todtschlag ^) sah, wegen dessen er sich nicht verantwortet hatte. 
Daher ist auch in der zuger Malefizordnung hinzugesetzt; „allein 
dem Leben nit schade^, im Stadt- und Amtbuch 1432 Art 27 
„an allein daz es ihm nit an den Lib gat'^ imd für einen ähn- 
lichen Fall im schwyzer Landbuche S. 80: „ane des allein, dass 
es ihm nit an den Lib gan soll.^ 

2. Der Frieden ist der Schirm der Rechtsgemeinschaft; wer 
daher in den Unfrieden gesetzt war, dem verfielen da seine Rechte, 
wo er nicht weilen durfte, in der Volksgemeinschaft, als deren 
Genosse er des Friedens und des Rechts (Landrechts) theilhaftig 
gewesen war. Die Friedloslegung zieht daher die Rechtlosig- 
keit nach sich und auch diese ist in den vollständigeren Ver- 
rufungsformeln ausgedrückt Die luzerner Ordnung stellt voran 
die Entziehung eines speciellen Hauptrechtes mit dem Worte erb- 
1 s ^). Diese Entziehung des Rechtes zu erben correspondirt mit 
der gegentheiligen Confiscation des Vermögens der Verrufenen. 
Es folgt die allgemeine Bezeichnimg der Rechtlosigkeit in den 
Worten „elos, rechtlos". Dieser volle Ausdruck kommt im 
alten luzemer Rechte oft vor, im geschwomen Briefe von 1252 
und 1434, im Stadtrecht Art Ib^^). Es ist 61os = gesetzlos 
(exlex, engl, outlaw). Wir finden denselben vollen Ausdruck der 
Rechtlosigkeit auch an einer interessanten Stelle des alten basler 
Dienstmannenrechts aus dem 13. Jahrh., § 12. Wenn ein Dienst- 
mann des Bischofs Huld verliert wegen einer redlichen Sache, so 
soll er sich zur Besserung für gefangen antworten in den rothen 
Thurm zu St Ulrich, bis dass er Gnade findet, und soll dann der 
Schultheiss einen seidenen Faden mit Wachs davor spannen — 
und jener soll da liegen bis er Gnade findet Bricht er aber die 

38) Vgl. den geschwomen Brief von 1434 bei Segesser n, 671. 

39) Haltaus, 0l08B|ff. s. v. 

40) Segesser II, 667, Anm. 2. 669 Anm. 2. 671. 672 Anm. 1. Grimm, 
R.A. 40 ff., 732. 



VerfeBtimg, also dass er herausginge ohne Urlaub, ,,80 widerteilt 
man ime ze rehte lehen, eigen und erbe, und ist Slos und reht- 
los, und sol ime geben ein brot in einen sach und vur die stat 
Turen in eine wegescheide und lassen gan^. 

In dem schon mehrfach erwähnten Schüler'schen Falle aus Lu- 
zem fällt es auf, dass in der Verrufungsformel nicht dem ge- 
Bchwomen Briefe gemäss „ölos und rechtlos" steht, sondern „ehr- 
los und rechtlos". Da man annehmen muss, das Pfyf f er's Rela- 
tion aus dem Rathsprotocolle genau ist, so lässt sich diese Abwei- 
chung wohl daraus erklären, dass es sich in diesem Falle darmn 
gedreht hatte, ob der Thäter den W&mi Weibel ehrlich oder 
unehrlich todt gemacht habe und dass die klägerische Behaup- 
tung gegen den sich nicht verantwortenden Beklagten obsiegte ^^). 

3. In beiden Formeln der luzemer L.G. O.wird der Leib des 
Abwesenden den Freunden des Getödteten ertheilt, worin theils 
eine Anerkennung der Blutrache liegt, theils eine Consequenz aus 
dem Principe der Privatanklage zu sehen ist Ebenfalls verfällt 
nach beid^i Formeln sein Gut der Obrigkeit *2) ; der Friedlose 
konnte da, wo er aus dem Frieden gesetzt war, keine vermögens- 
rechtliche Persönlichkeit behalten. Wenn in der zuger Malefizord- 
nung hinzugesetzt wird: „den rechten Gülten ohne Schaden", so 
liegt darin eine Fixirung des Begriffes „Gut" **). 

Die kyburger Öffnung bestimmt § 1 : „Mit was und welicherlei 
Sachen die, so in der grafschaft Eaburg hochen gerichten gesessen 
sint, den tod verwürkent und verschuldent, das von inen, ob sy 
begriffen werdent, gericht wirt, oder ob sy nit begriffen und 
flüqhtig werdent, sölichs züges darumb sy von dem leben 
zu dem tod bracht möchtend werden, da ist einem herren zu Ei- 

*t) In der Mordacht-Formel der bamberger H.G.O., Art. 241, steht auch 
^erlos und rechtlos^. An manchen SteUen, die diese Formel haben, mag er- 
lös statt des nicht mehr verstandenen 61 os von Abschreibern gesetzt sein, 
Wackernagel zum basler Dienstmannenreoht 8. 39, s. aber auch Friderici 
n. const. pacis 1235, g 3, 5, 11, 12. Sehr bedenklich ist die Annahme Zopf 1*8 
(Rg« 8. 968), dass wo „elos^ in solchen Formeln vorkomme, diess nur ein 
Schreibfehler für „ehrlos^ sei. 

«') Vgl. Blumer I, 400 ff. Bluntschli I, 410. 8chauberg*s Zeit- 
schrift I, 61. 

43) Vgl. die interessanten Mittheilungen aus den altnordischen Rechten bei 
Wilda S. 288 ff. 

21« 



324 

bürg sölicher personen gut nützit ussgenomen, ligends und varends, 
uff sin gnad**) vervallen." — § 4: „Ob aber der todsleger nit 
begriffen werden möchte, so wird des totten lichamen mentschen*^ 
fründen, die in von sibschaft wegen zerechent band, der lib er- 
teilt, und dem herren zuKiburg das gut in obgesebribner form.'' 
Abweichend ist die thurgauer L.G.O. Es heisst zwar zuerst in 
derselben: „ölycher Massen gefalt ihr (der Oberkeit) auch das 
Gut dess, der ain Todschlag thut, imd des Entlybten Fründen 
sin Lyb", dann aber sogleich: „Item so ainer vom Leben zum 
Tod gericht wird, ist der hohen Oberkeit die fahrend 
Hab, und den Erben das ligend Gut, so dasselb verlasst, 
gefallen; doch den Schulden ohne Schaden. Dergestalt, wann ainer 
nit so vil fahrend Gut verliesse, das die Schulden us demselben 
bezahlt werden möchtend, so soll das ligend Gut das überig be- 
zalen.*^ Man kann in den hervorgehobenen Worten die sich im 
deutschen Mittelalter stark geltend machende Abweichung vom 
Princip der Vermögensconfiscation zu Gimsten der nachgelassenen 
Familie*^) erkennen; die Sonderung des liegenden Gutes von der 
Fahrhabe *'') hat aber noch die tiefere Beziehimg zu dem verschie- 
denen Verhältnisse, das die Familie zu den beiden Güterclassen 
einnimmt. Im liegenden Gute ruhte der Wohlstand der Familie, 
es war das Familiengut und eine Veräusserung desselben aus der 
Familie heraus sollte nicht leicht statt haben. Auf diese Regel des 
altdeutschen und altschweizerischen Rechts ^) ist jene Unterschei- 
dimg der thurgauer L.G.O. surückzuleiten. 

4. Die Verrufung des Mörders geschieht nach der luzemer 
L.G.O. wesentlich in derselben Weise wie in der bamberger H.G.O. 

4*) Vgl. Begesser .11, 642, Anm. 1, 

45) Die |der ky burger nachgebildete neeracher Öffnung bat: „des todnen 
mentschen licbnams fründen." Ebenso das regensberger Herrschaftsrecht Art. 4, 
das Herrschaftsrecht von Wülflingen Art. 4. Darnach ist es doch bedenklich, 
wenn Grimm im § 4 der kyburger Oflnung „mentschen" herauswirft. 

^^) Vgl. Heydemann, die Elemente der Joachimischen Constitution vom 
Jahre 1527, S. 122, 242. 

47) 8. auch Friderlci I. Imp const. de pace tenenda 1156 (Pertz Mon. 
leg. TT, 101 sq.) Marezoll, die bürgerliche Ehre, S. 381. 

48) Kraut, deutsches Privalrecht (4. Aufl.) § 89 Blumer I, 164, 439. 
Renaud, Beitrag zur Staats- und Rechtsgesch. des Cantons Zug, S. 64. 
Neu gart, Codex dipl. Alem. Index rerum s, v. agnatomm consensus. Alam. 
Strafrecht § 48. 



325 

Art. 241, deren bekannte Formel, in einer reineren Construetion, 
so lautet: „N. als du mit urteyln tmd recht zu der mordacht er- 
teylt worden bist, also nym ich dein leyb und gute aus dem fride, 
und thu sie in den unfride, und künde dich erloss und rechtloss, 
und künde dich den vögeln frey in den lüfften und den thiem 
in dem walde, und den vischen in dem wage, und solt auff keiner 
Strassen noch in keiner muntat die Keyser oder König gefreyet 
haben, niendert friden noch gleyt haben, und künde alle dein lehen, 
die du hast, jm herren ledig und loss, und Ton allem rechten in 
alles unrecht und ist auch allermeniglich erlaubt über dich, das 
niemant an dir freveln kan noch solle, der dich angreyfft" *3). 

Den flüchtigen Mörder in contumaciam zum Tode zu verurthei- 
len war nicht Sitte der alten Zeit, aber in malerischer Beschreibung 
gab die Verrufungsformel an, dass er dem Rechte gemäss nicht 
leben dürfte: die Vögel in der Luft, die wilden Thiere im Walde, 
der Fisch im Wasser und jeder Mensch auf Erden werden ange- 
rufen und erhalten die Befugniss, den rechtlich Vernichteten vom 
Erdboden zu vertilgen. Keine Freistätte kann ihn schützen und 
eine Restitution war für ihn unmöglich. Der Todtschläger dagegen 
war nur der Freimdschaft des Entleibten, die diesen zu rächen 
hatte, erlaubt; sie konnte gegen ihn zum Aeussersten gehen in 
dem Gebiete des Q-erichts, in welchem er verrufen und ihr sein 
Leib ertheilt war, aber nur sie selbst (und das durch sich selbs *>). 
Ihn über dieses Gerichtsgebiet hinaus zu verfolgen und anzu . 
greifen, war den gesippten Freunden des Getödteten nur dann 
gestattet, wenn sie auch anderswo seine Verrufung erwirkt hatten. 
Zuger Malefizordnung: „Ob die Freundschaft begehr in den Or- 
ten, mit denen wir verbündt, auch zu verrufen, dass ihnen dazu 
ein Ammann oder Ilath mit Fürderniss verhülfen seyen in ihren 
Kosten** *0- Ausser den Gebieten der Verrufung war der Todschlä- 
ger also auch vor der Freundschaft des Entleibten sicher und es 
gestaltete sich seine Friedloslegung zu einer Verbannung, die frei- 
lich schwer für ihn war, aber er konnte restituirt werden, wenn 
er zuvor mit der Verwandtschaft des Getödteten sich abgefun- 

4«) Vgl. die ähnlichen Formeln bei Grimm, RA. 39 ff. 
W| Glamer Hochgerichtsfonn bei Blumer I, 400. Z eil weg er a a. O. 
«') Landbuch von Gersau (Kothing Rechtsq. S. 79). Vgl. Blum er I. 
402. II, 2, 2. 



S26 

den hatte ; die Erlangung des Friedens nach dieser Seite hin wnrde 
für ihn die Brücke zur Wiedereinsetzung in den Frieden über- 
haupt Öffnung Yon Münster: ^Item were dz der schedlich man 
ungefangen endrinne und aber nach dem mal, so die gericht ver- 
gangen sint, tädingen wölt, dz sol man im nüt gestatten, es sien 
denn des toten mannes frund vor abgeleit, danach mag denne ein 
herr in wol laussen ze tädingen kommen und dez allein vollen 
gewalt han an einen vogt, doch warumb da getädinget wurde, dez 
gehörent zween teil dem herm und der dritt theil dem vogt — 
Es sol aber dennocht demselben schedlichen man dz dorff ze 
Münster nit erloubet werden, denne mit der burger daselbs willen, 
wan si ouch darumb erteilent** **). Wir sehen aus diesen letzten 
Worten, dass, wenn auch der Todschläger die berechtigte Fehde 
und Rache der Sippe des Entleibten abgekauft hatte oder auf 
andere Weise durch Vertrag wieder mit ihr in Frieden gekommen 
war, und nachdem er der Obrigkeit gebessert hatte, der Wieder- 
eintritt in die Gemeinschaft, welche seine Rechtssphäre gewesen 
imd die ihm genommen war durch das Verkünden in den Un- 
frieden, noch abhing von dem Willen der Ghmeindegenossen, worin 
gewiss etwas Ursprüngliches lag, wie ja aubh ursprünglich die 
ganze Gemeinde auf den Landtag geboten wurde, um über Leib 
imd Leben zu richten*'). 

Da sich für den TodtscUäger die Friedlosigkeit zu einer 
Verbannung gestaltete, von der eine Erlösung rechtlich möglich 
war, so lag es nicht fem, daraus eine Verbannung von bestimm- 
ter Zeitdauer zu machen, und das geschah in der schwjzer Einung 
um Todtschlag vom Jahr 1447, indem eine fünfjährige Dauer 
derselben festgesetzt wurde, wobei die Pflicht,, sich mit der Freund- 
schaft; des G^tödteten abzufinden imd eine Busse an die Landes- 
casse zu zahlen bestehen blieb. Auf diese Weise bekam die zeit- 
weilige Verbannung, ihrem Charakter nach eine gemilderte Fried- 
losigkeit, den Schein einer öffentlichen Strafe. 

^h Segesser I, 733. n, 668. 

S3) Segesser II, 230, Anm. i. IV, 125. 



XV. Das Balirreelit. 



Wenn in alter Zeit ein Mord oder Todtschlag geschehen war, 
so klagte die Freundschaft des Todten mit dem todten Mann. 
Der Leichnam wnrde vor Gericht gebracht und beschaut Bam- 
berger Stadtrecht § 141: „Und schol der mort auch gegenwartig 
sein, und den schulen dy schepphen auch beschauen^. Wie hier 
„Mort^ der Leichnam des Gemordeten ist, so steht im augsburger 
Stadtrecht 1276 S. 74: ,,unde daz der totslac da zegagen stat^. 
Es wurde so das Corpus delicti constatirt, es wurde wahrgenom- 
men, dass eine Tödtung stattgefunden habe. 

Dass in einem solchen Falle der Leichnam auf eine Bahre 
gelegt wurde, ist eine so einfache und natürliche Sache, dass sie 
nicht erwähnt zu werden brauchte, wenn nicht die zu besprechende 
Bahrprobe darauf zurückführte. Ob schon mit dieser Probe in 
Verbindung zu setzen sei, was wir im Pactus Chlodowechi c. 9 
(Pertz, mou. leg. ü, 4) und in der lex Ribuar. LXXTT lesen, 
vermag ich nicht zu sagen; auch ist mir unyerständlich , was 
Merkel ad 1. Alam. p. 36 not. 59 andeutet. Wenn auch das im 
Pactus Chlodowechi vorgeschriebene Verfahren im Ganzen deut- 
lich ist, so bleibt es doch auffallend, dass die Bahre fünf Fuss 
hoch sein soll, — debent facere bargum quinos pedes in altum — , 
falls bargus schon als Bahre genommen werden kann ^). 

Mit der Bezeichnung Bahrrecht und Bahrprobe stimmen die 
Engländer überein, wenn sie „the proof by bier-right*^ sagend). 
In Niedersachseu war dafür das „Scheingehen" üblich 3); in der 
Schweiz „über den Todten gehen" und „über den Todten gehen 
auf Gottes Erbarmen". 



1) Zöpfl S. 947 Anm. 25. 

2) W. Scott, the fair maid of Perth c. 20. 

3) Grimm R. A. 931, Wsth. IV, 703. 



328 

Ich will nicht wiederholen, was Grimm, Wilda*) u. a. 
über die Bedeutung dieses Gottesurtheils und dessen räumliche 
und zeitliche Ausdehnung geschrieben haben, sondern nur einer 
Behauptung eines neueren Schriftstellers über die Ordalien ent- 
gegentreten, was mir zugleich die Gelegenheit bietet auf die 
Formen der Bahrprobe und, ich möchte sagen, ihre Dramatik 
einzugehen. 

Felix Dahn sagt in seinen „Studien zur Geschichte der 
germanischen Gottesurtheile" (1857) S. 41, das Bahrrecht sei zu- 
versichtlich heidnisch, und er meint, es sei bei demselben keine 
Spur christlichen Einflusses wahrzunehmen, die Eorche habe das- 
selbe nicht einmal wie die übrigen Ordale mit ihren geweihten 
Formen umgeben. Mit dem heidnischen Ursprünge der Bahrprobe 
mag es seine Richtigkeit haben, aber die letztere Behauptung ist 
abzuweisen. Es wäre sehr auffallend, wenn die Kirche sich fem 
gehalten hätte von diesem Gottesurtheile, dessen, nach Grimm, 
erst die Gedichte des 13. Jahrhunderts (Nibelungen imd Iwein) 
Erwähnung thun und dessen Anwendung bis über das spätere 
Mittelalter hinaufreicht, und sehr bestimmte Zeugnisse geben über 
das Gegentheil Auskimft 

Eine schwyzer Todtschläger-Einung von 1342 (Landbuch S. 31) 
benennt diese Probe „über den Todten gehn auf Gottes Erbarmen". 
Sie beginnt mit dem Satze „Wer den andern zu todt schlat oder 
ersticht, oder welichen weg er in ertödt, da soll der, so darum 
beklagt und geschuldiget wirt, über den totten gan uff gottes 
erbermde. Wirt der totte bluttende, so soll man den schuldigen 
ouch tötten, und soll ihn darvor nieman schirmen". 

Ausführlicher schildert die Form das Landbuch von Uri Art 1 : 
„Wurde aber jemand um den Todschlag angesprochen, der sein 
leugnete, und sein Unschuld nicht änderst bewährt mag werden, 
der soll über den Todten gehn und soll auf der tödlichen wunden 
schweren, dass er an dem Todt imschuldig seye, wäre aber dass 
die wunden solche zeichen thäte, blutete und sich veränderte, dass 
der Richter und die sechs Mann, die ihm die Landleut zugeben 
sollen, und ob die sechs Mann oder der mehrere Theil unter ihnen 



♦) Ersch-Gruber'sche Encycl. Art OrdaUen S. 490 Heffter im Archiv 
des Criminalrechts 1835 3. 464. 



329 

bedankte bei dem Eyd, den sie vormals thun sollen, dass sie es 

nicht entlassen Bedunkte aber die siben Mann oder der 

mehrere Theil darunter — dass die wunden sich verenderte und 
blute, so soll der übergehend den Leib verlieren, thäte aber die 
Wunden kein zeichen — so soll der tibergehend von dem Tod- 
schlag sein, und soll darum Männiglichen sein Freund sein; wur- 
den auch der tibergehenden als mancher fällig, als der tödlichen 
wunden wären, die zu dem Todt dieneten, so sollen die andern 
von dem Todschlag sein". Mit dieser breiten Schilderung, deren 
Construction schlecht ist, ohne aber das Wesentliche zu verdecken, 
stimmt tiberein das Thalbuch von Ursem Art. 1 ^). 

Reich an kirchlichen Zuthaten ist der Modus, welcher in 
einem luzemer Formelbuche von 1542 mitgetheilt wird*). Man 
soll die Bahre stellen aus dem geweihten Boden („denn man kein 
verlümdeten Gefangnen in cfSas gewicht ftihren soll") unter heitern 
Himmel auf einer Weite, so dass von nirgends her Jemand in die 
Bahre sehen könne („dann wann ein Thäter die Bar sieht, so 
zeichnet sy"). Dann soll der Verläumdete bescheren an allen 
Orten, wo er Haar hat, nackend bis auf ein neues Untergewand, 
ein geweihtes Licht in der Unken Hand, allein in Begleitung der 
richterlich dazu Geordneten auf die rechte Seite der Bahre treten, 
niederknieen und mit den Urkundspersonen ftinf Paternoster, Aves 
und den Glauben beten , damit Gott zum Beistand der Wahrheit 
ein Zeichen thun wolle; dann auf die Brust des Leichnams, der 
um Wunde, Herz und Mimd entblösst sein soll, seine rechte Hand 
legen und schwören: „Wie ich hie sich (d. i. sehe) und bertir 
disen toten Lib, so bitt ich Gott, ob ich In umbracht oder an 
sinem tode schuldig, Rhat, That, Gunst, Förderung oder Hilff 
than hab in eyny wis oder gstalt''), das dann Gott der Allmäch- 
tige hie ein offenlich Zeichen thtiy miner schuld oder Unschuld 
an tag ze kon und mir Gott also helffe und alle Heiligen^. 

*) Blumer I, 537. 

6) Segesser II, 702. 

^ Nach dem Rechtsbuch von Memmingen 1396 (Preyberg's Sammlung 
Bd. V, 8. 256) »ollen der oder die Angeschuldigten zu der Bahre hinstehen 
und einen gelehrten Eid schwören zu Gott und allen Heiligen, dass sie an dem 
Todsehlag unschuldig seien „mit raten unt mit get&ten". Ausführlich Rup- 
recht von Freysing U, 112* 



Es sind uns mehrere Fälle der Anwendung des Bahrreehts 
in der Schweiz überliefert worden, von denen der in Anshelm's 
Bemer Chronik UI, 254 erzählte von 1503 am bekanntesten ge- 
worden ist^). Auf Hans Spiess war ein so starker Verdacht des 
Mordes seiner Frau gefallen, dass er zu Willisan gefangen ge- 
setzt und gefoltert wurde. Er gestand bei der Marter nichts, aber 
wegen der Grösse des Argwohns ward erkannt, dass man das 
Weib, so da 20 Tage zu Ettiswil im Kirchhof war gelegen, sollte 
aasgraben, auf eine Bahre legen und ihn bescheren und nackend 
dazu führen; sodann sollte er seine rechte Hand auf sie legen 
und einen gelehrten Eid bei Qt>tt und allen Heiligen schwören, 
dass er an diesem Tode keine Schuld habe. Und also da dieses 
elende, grausame Ansehen zugerichtet war, dass er sie mochtQ 
sehen, je näher er hinzu ging, je mehr warf sie wie würgend 
einen Schaum aus und da er gar hinzu kam und sollte schwören, 
da entfärbte sie sich und fing an zu bluten, dass es durch die 
Bahre niederrann. Da fiel er nieder auf seine Knie, bekannte 
öffentlich seinen Mord und begehrte Gnade. 

Ein früherer Fall (1417) ist der der Ermordung des Pröpsten 
von Luzern ^) und auch die Sage >om Züriheiri in Zurzach *•) 
ist ein Beleg zu dem Volksglauben, auf dem die Bahrprobe ruht, 
und deren gerichtlichen Anwendung. Der Züriheiri, in der Nacht 
von dem zufällig durch den Wald gehenden Bürgermeister Zur- 
zachs beim Holzfrevel ertappt, hatte diesen mit seinem Gertel 
(Handbeil) getödtet. Der Leichnam und der blutige Gertel waren 
gefunden werden und obgleich man allgemein das Instrument als 
das des Züriheiri erkannte, betheuerte dieser vor Gericht seine 
Unschuld. Da zog der Richter eine schwarze Decke von der Tafel 
imd befahl ^em Heiri seine drei Schwörfinger in die Wunde der 
Leiche zu legen. Mit wankenden Knieen versuchte es der Ange- 
schuldigte; da sprang ihm aus der Wunde ein Blutstrahl ins Ge- 
sicht. Der Allwissende hat gerichtet! riefen die Richter und der 
Ueberwiesene sprach: Ja, das hat er! An der Stelle des Waldes, 
wo der Mord geschehen war, erlitt der Mörder den Tod und 

8) Etterlin's Kronika a. 1503. Diebold Schilling's Chronik S. 164 
(mit Bild). J. von MttUer's Gesch. V c. 2. Grimm R. A. 981. 

9) Tschudi Chron. II, 90. 

^^) Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau n, 123. 



9U 

wurde dort vergraben. Noch jetzt sehen ihn dort die Holzhauer 
auf Reiswellen reiten. 

Weniger bekannt ist die im Neujahrsblatt für Bülach 1856 
erzählte Sage. 

Ein frommer Einsiedel, Emericus geheissen, hatte ob der Burg 
Freienstein im Walde ein Hüttlein gebaut, darin wohnte er und 
es kamen viel Leute zu ihm, die Trost und Rath bei ihm such- 
ten imd ihm seine Nahrung brachten. Und nicht weit von ihm, 
auch am Irchel, wohnte ein anderer Waldbruder, der war aber 
lange nicht so fromm wie der erste, hatte auch wenig Achtung 
und Liebe bei dem Volk, und erzürnt ihn das aus der Massen 
und ward voll Neid und Hasses gegen seinen Nachbar und mehrte 
der Teufel denselben Neid von Tag zu Tag so fast, dass er zu- 
letzt den frommen Bruder ermordete und sein Hüttlein anzündete, 
damit es das Ansehen haben sdlte, als sei das Hüttlein durch 
Sorglosigkeit des Einsiedeis angegangen und dabei der Bruder 
umkommen und verbrunnen war. Und da das Volk das Feuer 
ersah, luf männiglich hinzu, dem frommen Mann zu helfen und 
fand itian seinen Körper ganz unversehrt am Boden liegen. „Da 
luf der heillos Mörder ouch hinzu, sam er von Wjiiem herkäme 
und das Fewr ersehen hätt, imd jammert da gar kläglich über 
den Tod sines liben Gfährten. Und da er zu dem Lichnam 
hinzu trat, fieng derselb an zu bluten und erkanntend dadurch 
die Anwesenden, daz er der Mörder syn müss, gritfend deshalb 
zu ihm, und was er selber über das Zeichen so heftig erschrocken, 
däss er das Mort zur Stund bekennet^. Derselbe ward da dem 
Landgrafen von Kyburg überantwortet, der liess ihn radbrechen 
und führte man den todten Körper des frommen Bruders in die 
Kirche und begrub ihn daselbst und *fing der selige Mann an viel 
Wunder zu wirken und geschahen deshalb viel Wallfahrten an den 
Ort, und gab das den Anlass zu dem Chorhermstift zu Embrach. 

Aus diesen Berichten der Rechtsquellen und Historiker geht 
hervor, dass die Bahrprobe als geistige Folter (tortura spiritualis) 
verwendet wurde, um zum Geständniss zu bringen, in einer Zeit, 
als die Erlangung des Geständnisses der Schwerpunkt des pein- 
lichen Verfahrens geworden war und es ist daher sowol in dem 
Falle des Hans Spiess als auch des Züriheiri schliesslich ange- 
geben, dass ein Geständniss erfolgte. Aus dieser Wandelung des 



832 

Gbttesnrtheils ist es wohl zu erklären, dass die Kirche, die sonst 
überall gegen die Ordalien auftrat, dasselbe bestehen liess and 
mit ihren Formen umgab; darum hatte auch diese Mischung von 
Ordal und geistiger Folter einen so langen Bestand. Als Hans 
Spiess schon „fast hart gestreckt^ war ohne ein Gkständniss ab- 
zulegen, da schritt man noch zur zweiten Form der Folterung 
und die in seinem Falle besonders widerliche Procedur hatte den 
erstrebten Ausgang. Der an der Bahre zu leistende Eid war ein 
Reinigungseid, so wie dieser, verschieden von seiner ursprünglichen 
Processbedeutung, als geistiger Zwang ^l) zum Eingestehen der 
Schuld gebraucht wurde, tmd zwar ein Reinigungseid unter er- 
schwerender Form. Leistete der Angeschuldigte diesen Eid, so 
war er, nach dem Ausdrucke des umer Landbuchs, „von dem 
Todtschlag" und es sollte nxm jederman sein Freund sein, d. h. 
die Blutrache der Freundschaft des Qetödteten sollte cessiren. 

Nach dem umer Landbuche werden sieben Männer abgeordnet, 
die Wunden des auf der Bahre Liegenden zu beschauen, ob sie 
sich verändern oder nicht Sieben Mann wurden auch in Nidwal - 
den bestellt, den Gefangenen zu fragen und bei der Folterung 
zugegen zu sein (Landbuch 176) und sieben imverleumdete Manner 
sollen nach der zuger Malefizordnung in den Thurm gehen, dem 
armen Menschen sein Vergicht vorlesen und ihn fragen ungebun- 
den und ungezwungen, ob er der Vergicht gichtig sei. So auch 
nach der Freienämter L.G.O. ^2). 

Dass der Angeschuldigte nackend und bescheren zu der Bahre 
treten musste, erinnert an die Folterung in Hexenprocessen, in 
denen die Angeschuldigten sehr gründlich geschoren und gewaschen 
wurden. Es sollte weder in den Kleidern noch am Körper ein 
Zaubermittel verborgen bleiben, welches gegen die Offenbarung 
durch das Gottesgericht und die Folter operiren könnte. 

Von einer Modification dieses Gt)ttesurtheils aus dem Canton 
Freiburg berichtet Berchthold, Fribourg I, 236: „On touchait 
le cadavre des noy6s avec le bäton de la justice, les conjurant 
au nom de la St Trinitö d'indiquer par un signe quelconque, si 
quelqu'un 6tait cause de leur mort**. 

11) Ab egg, historisch -practische Erortenmgen I, S. 116. 
») s. ohen 8. 282. 



XVI. Die Ladung in das Thal Josaphat. 



In den Rechten des späteren Mittelalters finden sich, zum 
Theil in directem Anschluss an die mit schweren Strafen belegte 
Gotteslästerung, unzählige Bestimmungen über und gegen das 
böse Fluchen und Schwören und an dieses lehnt sich als ein 
hoher Frevel an die Ladung in das Thal Josaphat, welche lange 
Zeit sehr gewöhnlich war und in das strafrechtliche Gebiet ge- 
zogen wurde, sodann der kirchlichen Ahndung, auch wohl in der 
Schweiz dem sittenrichterlichen Einschreiten der Ehgaumer^) 
anheimfiel, bis sie im 18. Jahrhundert ausser Uebung kam. Die 
Bedeutung ist die der Ladung vor das Gericht des höchsten Welt- 
richters, das nach dem Propheten Joel Cap. 3 am jüngsten Tage 
in dem Thal Josaphat gehalten werden soll, imd es knüpfte sich 
daran der Glaube, dass Gott der Herr, umgeben von den Erz- 
engeln und Propheten, allda seine und seiner Barche Feinde rich- 
ten und in den Abgrund Verstössen werde. Bei diesem jüdischen, 
mit Modification in die christliche Welt übergegangenen Glauben, 
erhielten solche Vorladungen eine besondere Schwere, indem der, 
welcher sie aussprach, dadurch gleichsam die Rache Gottes auf 
seinen Feind herabrief, und wenn eine weltliche Obrigkeit in 
dieser Weise geladen wurde, diese als ungerecht gescholten war. 

Der Abt von St. Gallen erliess 1637 ein Mandat gegen das 
Fluchen und Schwören, welches 1647 und 1666 erneuert wurde. 
In demselben kommt auch der Satz vor: „Und dieweil auch et- 
liche in solche Vermessenheit ausbrechen, dass sie nicht scheuen 
ihren Nebenmenschen etwan umb geringer Sachen wegen in das 
Josaph^^tsthal zu laden, also gebieten wir bei hoher Geld- und 
Leibesstraff etc." Im Jahre 1682 wurde ein Michael Hartman von 

1) Blttntschli n, 56. 



334 I 

Trogen, Soldat und Beislänfer, wegen solcher Ladung und anderer 
harten Vergehen sogar mit dem Schwert gerichtet 2)^ 

Als trotz der Concilienbeschlüsse die Geistlichen in der 
Schweiz fortfahren in wilden Ehen zu leben, sah sich auch die 
weltliche Obrigkeit veranlasst, dagegen einzuschreiten und es 
wurde in Ölten bei Strafe der Absetzung jedem Geijsthchen ver- 
boten, eine verdächtige Weibsperson im Pfarrhause zu haben. Darob 
erzürnte sich der Pfarrer zu Ölten, Johann Schertweg^, der 
übrigens ein eifriger Katholik war, und behauptete in einer 1588 
über die Hochzeit zu Canä gehaltenen Predigt, dass sein Zusam- 
menleben mit einer Weibsperson nichts Anstössiges habe, denn 
es bestehe zwischen ihnen beiden eine wirkliche Ehe, freilich nur 
eine heimliche, weil die kirchlichen Verordnungen ihnen keine 
öffentliche gestatteten, imd zum Ehestande sei er nach dem Aus- 
spruch der heiligen Schrift, was auch die Kirche dagegen anord- 
nen möge, durchaus berechtigt, „er lade daher alle, die ihm diese 
Ehe verwehrten, vor das jüngste Gericht und in das Thal Josa- 
phat, um ihm dort Antwort zu geben; wenn schon der Henker 
hinter ihm stünde und ihm den Kopf ins Feld hauen wollte, 
könne er doch nicht anders reden." Dieser Mann mit dem Schwerte, 
sagt von Arx, kam freilich nicht, aber Schertweg musste, wie 
viele andere Geistliche, seine Pfründe verlassen. 

Als in Preiburg ein gewisser Mertz einen Process verloren 
hatte, trat er plötzlich in den Gerichtssaal und lud die Richter 
mit feierlicher Miene drei Tage nach seinem Tode in dem Thal 
Josaphat zu erscheinen, um dort gerichtet zu werden. Dabei warf 
er einen Pfenning von ausserordentlicher Grösse in den Saal (en 
gage de sa citation ou plutöt comme signe de d6fi). Man nöthigte 
ihn die Ladung zurückzunehmen und steckte ihn sechs Wochen 
ins Gefängniss. *) 

Eine solche Ladung erschien als furchtbar ernst und gewich- 
tig, wenn sie von einem Gerichteten gesprochen wurde, der schon 
auf dem Schaffet stand. Es sind uns einige Fälle der Art überliefert 

9) (Schäfer) Materialien zu einer vaterländischen Chronik des Kantons 
Appenzell IV (Herisau 1812) S« 99. 

d) J, von Arx, Bnchsgau 8. 214. 

4) Fribourg an moyen äge in: Revne snisse III, (1840) p. 34 — Berch- 
thold, Fribourg II, 58. 



m 

Ein geschickter Bild- und Steinhauer von Trient, Meister 
Hans Motsl^hon, der mit dem Schultheiss Lux Ritter in X^uzem 
wegen Bezahlung einer Bauarbeit in Streit gekommen war, wurde 
dort der Religionsscheltung angeklagt und am 26. Juli 1560 mit 
dem Schwert gerichtet. Als er auf dem Richtplatze den Schult- 
heiss erblickte, lud er denselben über ein Jahr ins Thal Josaphat. 
Ein Jahr darauf sass Ritter in einer fröhlichen Gesellschaft zu 
Tisch, musste sich einer Unpässlichkeit wegen entfernen und starb. 
Es hiess, er sei am Schlage gestorben. *) 

Im Jahre 1482 wurde der Ritter Richard von Hohenburg, 
wegen dessen Zürich in die verdriesslichsten Händel mit Strass 
bürg gekommen war, nebst seinem Diener, wegen Päderastie imd 
anderer Verbrechen, in Zürich verbrannt *). Als er zur Richtstatt 
geführt wurde, erblickte er auf der Brücke den Obristzunftmeister 
Waldmann und andere angesehene Züricher. Da rief er den 
Ersteren an: „Mir geschieht Gewalt und Unrecht; ich komme 
um meines Geldes willen um. Du, Waldmann, hättest mich retten 
können und thatest es nicht. Darum lade ich dich von heut in 
drei Tagen in das Thal Josaphat an ein Recht; da nehm' ich 
St. Johann den Evangelisten zu meinem Schreiber und St. Paul 
zum Redner". Der Obristzunftmeister antwortete ihm: „Du em- 
pfängst eine rechte Urtheil und bald den rechten Lohn. Deinem 
Laden frag ich nichts nach; wenn meine Stunde da ist, wird mich 
Gott wohl rufen." — Als Waldmann sieben Jahre später auf dem 
Schaffet stand, lag es ihm wohl näher an den Luzemer Frisch- 
hans Theiling zu denken, als an die Drohung Hphenburgs. 

Frischhans Theiling hatte sich in dem Kriege mit Mailand 
als Hauptmann der Umer, bei Giornico (28. December 1478), als 
echter Schweizerdegen bewährt, während Waldmann's Benehmen 
bei der Belagerung von Bellenz zweideutig gewesen war. Thei- 
ling's rücksichtslose Aeusserungen über Waldmann und das Banner 
von Zürich schmerzten Waldmann um so mehr, da er sich von 
dem Verdacht, nicht eidgenössisch gehandelt zu haben, nicht rei- 
nigen konnte. Als nun nach neun Jahren Theiling in seiner Eigen- 



5) Businger, Luzem B. 47 nennt diese Erzählung eine abgeschmackte 
Bnllinger'sche Sage. 

G) Alam. Stra£recht S. 290. 



336 

Schaft als Tuchhändler die Herbstmesse in Zürich besuchte, wurde 
er plötzlich in Yerhaft genommen und fiel ab Opfernder Rache 
des damals grossmächtigen Feindes. Den Gesandten von Luzern 
antwortete Waldmann:' „Alles Bitten ist vergeblich; Euer Frisch- 
hans muss sterben und wenn er so gross als ein Eorchthurm 
wäre.** Frischhans Theiling wurde in Zürich mit dem Schwert 
gerichtet Wenn man von Waldmann überhaupt sitgen kann: 
„Qrosse Kcnrper haben grosse Schatten^, so war dieser Racheact 
wohl der dimkelste Fleck in seinem Leben. 



XVII. Behandluig der Selbstmörder. 



Die Chroniken Schaffhausens erwähnen mehrfach, dass Leich- 
name von Selbstmördern dort verbrannt worden sind, und zwar 
in einer Zeit, die, wenn man voreilig und unrichtig das Mittel- 
alter mit der Reformation abschliesst, nicht mehr zum Mittelalter 
gerechnet zu werden pflegt (J. 1578. 1602). Es fehlt auch nicht 
an dergleichen Berichten aus andern Theilen der Schweiz. Weit 
häufiger sind aber solche Leichname nicht dem Feuer, sondern 
dem Wasser übergeben worden, und diese Sitte geht in eine 
frühere Zeit zurück , so dass Wasser und Feuer sich hier abge- 
löst haben. Reine Willkür war das nicht, sondern die Aenderung 
ging unter dem Wechsel von Gesichtspunkten vor sich. 

Für das Verbrennen lässt sich der Gesichtspunkt deutlich 
erkennen. In der Chronik Schaff hausens von Imthurm und 
Härder heisst es vom Jahre 1602: „Eine vermeintliche Hexe, 
die sich im Gefängniss selbst das Leben genommen, um dem 
Flammentode zu entgehen, wurde als Leichnam verbrannt." Hier 
ist an der Todten vollzogen worden, was der Lebenden zugedacht 
wi^r, und insofern lässt sich daraus nicht erklären, warum auch 
andere Personen, die ohne der Hexerei angeschuldigt zu sein, 
sich das Leben nahmen, zu Aschen verbrannt sind. Dennoch ist 
das Verbrennen von Selbstmördern nicht ohne Zusammenhang 
mit der Strafe der Hexerei und Zauberei, wie diess dargelegt 
wird in einem Gutachten der ehrw. Geistlichkeit Schaffhausens 
vom 22. Juni 1609. Eine gewisse Dorothea Haffenreffer war der 
Hexerei angeschuldigt. Im hohen Rathe waren aber schon Zweif- 
ler, denen es nicht ausgemacht schien, ob es wirklicli Hexen 
gäbe, und es wurde daher die ehrw. Geistlichkeit um ein Gut- 
achten angegangen, welches dann über die Hauptfrage sich dahin 
erklärte, dass es allerdings Hexerei und Zauberei gäbe; dass die 
OsenbroggeD, rechtsgescb. Studien. 22 



338 

^exen und Zauberer sich dem Satan ergäben und Gott verleug- 
neten, jenem mit ihrem Blute sich verschrieben etc. Hier ist 
ganz correct die Grundlage angegeben, von welcher man seit dem 
15. Jahrhundert in den Hexenprocessen ausging, der Bund mit 
dem Teufel, und von diesem Standpunkt aus gesehen, berührten 
sich Hexerei und Ketzerei, so dass die Ketzer- und Hexenverfol- 
gimgen auf derselben Bahn sich bewegten, deren Zielpunkt der 
brennende Scheiterhaufen war. Jenes Gutachten oder „Bedenken*^ 
der ehrw. Geistlichkeit Schaflfhausens macht nun weiter von der 
Analogie Gebrauch, indem es ausspricht, dass auch der Hang 
zum Selbstmorde als eine Art Teufelswerk anzusehen sei und 
dass die Selbstmörder dem Teufel verfallen seien i). Darin liegt 
nun eben die vollständige Erklärung der Anwendung des Feuers 
auf Selbstmörder wie auf Hexen. Die Dominikaner zwar, welche 
so viele Scheiterhaufen angezündet haben, thaten diess nur aus 
christlichem Erbarmen ; sie sorgten, dass Irrgläubige lebendig ver- 
brannt wurden, um die armen Seelen vom Feuer zu retten. Aber 
allgemeiner war doch die Vorstellung, dass die vernichtende Kraft 
des Feuers zu gebrauchen sei, damit die allersündhaftesten Men- 
schen, die Hexen, gänzlich vom Erdboden vertilgt würden, und 
man ging in der Vorsorge so weit, dass man die Asche in den 
Fluss schüttete. In Zürich fand das Verbrennen auf dem Grien 
an der Sihl statt und die Asche wurde sogleich in den Strom 
geworfen. Ein Urtheil über eine Unholdin im Urserenthal vom 
Jahr 1459 schliesst: „letztlich alle Aschen sauber sammeln und in 
die Beuss streuen, damit kein weiterer Schaden davon entstehe.^ 
Ohne Zweifel verfuhr man eben so umsichtig mit der Asche 
von Selbstmördern. Auch wenn die Asche unter dem Hoch- 
gericht vergraben wurde, geschah diess, „damit femer nieman 
dem kein Schaden geschehen thue". So schrieb es das Urtheil vor 
in dem berüchtigtsten Hexenprocesse der Schweiz, in Zug 1737, 
1738. 2) 

Wenn nach dem Vordtehenden die Satzung, dass der Leich- 

1) Nach einer Sage hören die, welche sich tunznhringen im Begriff Btehen, 
eine wunderschöne Musik, so dass ihnen sehr unlieb kommt, wer sie am 
Selbstmord hindern will, s, Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf 
Orten Lnzem, Uri etc. ^1862) 8. 185. 

9) Alam. Strafrecht 8. 379. 



839 

nam eines Selbstmörders zu verbrennen sei, klärlich in kirchlicber 
Orthodoxie wurzelt, so drängt sich ftir die Anwendung des Was- 
sers in solchen Fällen die Frage auf, ob sie sich nicht an das 
Heidenthum anlehne. Um diese Frage beantworten zu können, ist 
es nothwendig, Zeugnisse über die Anwendung dieser Form zu 
sammeln. 

So viel mir bekannt ist, findet sich die Sitte nur an einer 
einzigen Stelle in eine gesetzliche Vorschrift gekleidet, aber 
schon im Jahr 1384, nämlich im Stadtbuch von Baden Art. 66: 
„Beschech ouch, davor got yemer sy und es lang wend, das 
jeman in unser statt imd unserm gericht im selber den tod 
andät und das kuntlich wäre, den oder die sol man verschlahen 
in ein vass und an yetwederen boden ein brief , was er getan 
haut, und sol man in laussen uff die Lindmagt (Limmat) und 
laussen rünnen, xmd sol sin guot unser herschaft verfallen sin on 
gnaud" *). 

Historische Zeugnisse über diesen Gebrauch haben wir in 
grosser Zahl. 

Im Jahr 1417 hatte sich in Zürich der Pfaff Schennis ent- 
leibt und wurde beerdigt. Aber Bürgermeister, Käthe und Bürger 
kamen überein, dass man ihn vom Kirchhofe ausgraben „und in 
ein vas slahen und das wasser ab richten sol von des wegen, 
dass er sich selb ertrenkt und ertödet hat" *). 

Im J. 1438 richteten die von Biel ab einem zu Ligerz Ein- 
gesessenen, welcher sich selbst "erhängt hatte; sie schlugen den- 
selben in ein Fass und verschafften ihn auf das Wasser durch 
den Nachrichter von Freiburg. Darüber erzürnten sich die Eid- 
genossen von Bern, welche glaubten, dass ihnen die hohen Ge- 
richte zu Ligerz gehörten. *) 

Winkler, der 1508 als Abt von Cappel resignirt hatte, wohnte 
darauf in dem Cappelerhof in Zürich , wo ihm „das neuw käm- 
merli auf der lauben und das klein stüblein" angewiesen war. 
Im J. 1511 erhängte er sich und man liess ihn vier Tage lang 
am Strick unter dem Dachstuhl ; dann wurde er abgelöst und auf 



9) Argovia 1860, 51. 
4) BluntBChli I, 411. 
«) BlÖBch, Biel I, 214» 



340 

Befehl des Bischofs von Constanz in ein Fass geschoben und 
„nach damaliger Q-ewohnheit" auf das Wasser gesetzt. ^ 

1546 erhieng sich ein Hafner in Elein-Basel, der im Rausche 
mit Henkern getrunken hatte, und desshalb von seiner Zunft um 
10 Pfund gebüsst war, aber noch von seinen Handwerksgenossen 
für unehrlich gehalten wurde; man übergab ihn in einem Fasse 
dem Rhein. ^) 

Der Gterichtsschreiber von Zürich hatte sich 1551 zu erdol- 
chen versucht und dann von dem oberen Theil seines Hauses 
herabgestürzt. Der Leichnam wurde in einem Fasse der Limmat 
übergeben und das Fass ist, wie Gast meldet, am Abend des 
folgenden Tages bei Basel vorbeigeschwommen. 

Aus dem Thurgau erhalten wir die seltsame Nachricht, dass um 
die Mitte des 16. Jahrhunderts die Zahl der Selbstmorde so zuge- 
nommen habe, dass der Scharfrichter nicht mehr Zeit gefunden, 
die Fässer alle in die Thur hinunter zu leiten, dass man darauf 
beschlossen, die Selbstmörder zu verbrennen oder unter dem Hoch- 
gericht verscharren zu lassen.^) 

Belege zu dieser Sitte aus benachbarten Ländern, aus Bayern, 
dem Elsass und aus Lothringen lieferte Foeringer im oberbayeri- 
schen Archiv für vaterländische Geschichte V, 407 ff. „über den 
Gebrauch Selbstmörder in schwimmenden Fässern zu bestatten" 3). 
Aus diesen Berichten verdient hervorgehoben zu werden, dass 
wie nach dem Stadtbuch von Baden an jedem Boden des Fasses 
ein Brief angebracht werden soll,* eine Art Factur, so es in einem 
bayerischen Falle heisst: „imd machet zetl an die poden, daran 



«) Stadiin, Zug HI, 116. 

7) Gast, Tagehuoh (Basel 1866 1. — Ein anderer Fall von 1632 bei 
Buxtorf- Falkeisen, basleriscbe Stadt- und Landgescbicbten II, S. 14. 
in, 8. 11. 

«) Pupikofer, Gescb. des Thurgau's U, 126. Weitere Fälle aus der 
Schweiz in Stettler's Cbron. II, 68. Ocbs, Gescb. der Stadt und Land- 
BCbaft Basel VI, 487. Bercbtbold, Fribourg II, 68. Rocbbols, Natur- 
xnythen S. 12. 

9) Auch aus Frankfurt a. M. erzäblt Lersner in seiner Chronik vom 
J, 1536, dass der Leicbnam eines Mannes, der seine Frau ermordet und dann 
sieb erhängt hatte, in eine Tonne gesetzt und in den Fluss geworfen werden 
sollte, da das Wasser des Mains aber zu niedrig gewesen, sei er unter dem 
Hochgericht begraben worden. 



341 

stand gesbhriben: lass rynnen, lass rjrnnen!^ und in einem Falle 
aus Metz: ^boattez k vault, laissez alleir, c'est par justice!^ 

Foeringer hat auch eine Erklärung der Sitte versucht) die 
aber schwerlich gelungen genannt werden kann. Er hebt als in 
.einer unverkennbaren Verwandtschaft damit stehend hervor die 
in Liedern imd Sagen aufbewahrte Rechtssitte, einen Verbrecher 
zur Strafe in ein Steuer- und ruderloses Schiff zu setzen und dem 
Zufall sein Leben Preis zu geben. In einer alten Reimchronik 
heisst es von Ovid 

ein schiff wart in kurzem zil 

bereit, dar uf satzt man do 

den meister Ovidiö; 

an seg^l, ka ruoder, an stiure 

muost er vam ungehiure 

hin uf 4es meres fiuot. 
Am meisten Gewicht legt Foeringer auf die Erwähnung dieser 
Sache in einem Rechtsdenkmal um das Jahr 1403, dem Weisthum 
des Klosters Frauen-Chiemsee *•) : „ — und wann dann der dieb 
berecht und mit den rechten wird überwunden, so soll unser 
richter den egenannten dieb gepunden und gevangen antworten 
gen Ostad (Dorf am Chiemsee), und des sol im unser vogt von 
Trosperg helfen und schirmen von gewalt. So sol der richter von 
Kling mit seinen ambtleuten reiten in den see hinz an dem satl 
und den dieb da raichen; war aber, dass er oder sein gewaltig 
amptleut nit kämen, so sol dann unser ric&ter den dieb gepunden 
an ein lediges schif setzen und sol in an alle rüder rinnen lassen; 
kam er dann davon, des suUen wir und unser gotshaus unent- 
gölten sein und an all Zuspruch von maniklich beleiben. Dasselb 
sol man auch ainem thim, der einen todschlag erzeugt hiet etc.^ 
Es ist hier eine Procedur beschrieben, die sonst in einer andern 
Form, aber auf denselben Gerichtsgebrauch zurückführend, in 
unzähligen bayerischen und österreichischen Rechtsquellen vor- 
kommt. Der Ortsrichter hatte die erste Behandlung eines „schäd- 
licheif^ oder „missethätigen^ Menschen; aber über das Blut zu 
richten stand dem Landrichter zu. Diesem wurde daher die Zdt 
gemeldet, zu welcher er an der Grenze des Orts den schädlichen 

iO) Grimm, Wsth. III, 671; s. auch dessen RX 701, 72S, 741. 



»42 

Menschen entgegennelimen könne. Erschien er nicht und war drei- 
mal gerufen, so wurde der schädliche Mensch (symbolisch) mit 
einem Faden oder Strohhalm an einen Pfahl oder eine Säule ge- 
bunden, konnte sich also alsbald davonmachen i^). Nachdem Foe- 
ringer auch dieses erwähnt hat, schliesst er seinen Aufsatz mit 
den Worten: ^Nichts anderes ab derselbe schöne Zug des Er- 
barmens mit einem Unglücklichen liegt denn auch nicht nur dem 
Rinnenlassen des Verbrechers im Schiffe, sondern auch jenem 
des Selbstmörders im' Fass zu Qrunde. Man erwies eben der ent- 
seelten Leiche so viel Schutz und Ghmst, als man ihr noch er- 
weisen konnte imd durfte; man wollte sie auf den fltlchtigen 
Wogen gleichsam sich selbst retten lassen vor der Vollstreckung 
des strengeren Gesetzes, von der Schmach des ehrlosen Be- 
gräbnisses neben Mördern, Schurken und Viehaas; man gab ihr 
weiteres Loos dem — Zufall anheim.^ 

Diess klingt sehr hübsch, ist aber wenig glaublich. Der über 
führte Dieb oder Todtschläger wurde,, wenn sein weltlicher Richter 
nicht erschien, dem öerictt Gottes übergeben, indem man ihn 
gebunden in ein ruderloses Schiff setzte. Ein ähnliches Gottes- 
gericht kam in Basel auf, als man die Strafe der Eindsmörde- 
rinnen im 16. Jahrhxmdert nicht mehr in der alten Weise festhalten 
wollte; man richtete die Sache so ein, dass die Person aus dem 
Wasser gerettet werden konnte, und es kommen mehrfach 
solche Rettungen vor, die nicht auffallend sind, wenn man 
Brückner hört, der zum J. 1613 darüber berichtet. ^2) 

Das „sich-selbst-retten'^ des Leichnams eines Selbstmörders 
vor der Schmach des ehrlosen Begräbnisses, wovon Foeringer 
spricht, ist. aber eine überaus künstliche Combination, so lange 
nicht jede andere Erklärung mangelt 

Einen andern Weg als Foeringer hat Quitzmann einge- 
schlagen in seinem Buche „die heidnische Religion der Baiwaren^ 
(1860) S. 264, indem er sich mehr an Grimm anschliesst Grimm 
erwähnt die Sitte der heidnischen Zeit, todte Leichname auf 
Schiffe ohne Führer zu setzen und dem Spiel der Wellen und 
Winde zu überlassen. Der Selbstmord, sagt Quitzmann, war 



1^) R.A. ans österr. Panttidiiigen S. 84. 
>>) 8. unten a 848 ff. 



843 

den heidnischen Gennanen nicht nur erlaubt, er war ihnen sogar 
ein ehrenvoller Weg, dem Reiche der Hei zu entgehen und, indem 
man sich dem obersten Gotte übergab, Aufnahme in Walhalla 
zu erlangen. Zu Odhin fahren hiess sterben, und lebensmüde 
Ghrdse stürzt^i sich als Götteropfer von Felsen oder überliessen sich 
im lecken Schiffe den Meereswogen. Den Christen musste daher 
der Selbstmord als ein RückfiJl ins Heidenthum erscheinen, wie 
noch die Sage hinter dem Selbstmörder den lachenden Teufel 
sehen lässt Hatte sich also der Selbstmörder nach uralter Sitte 
dem Heidengotte zum Opfer gebracht, so war er auch selbst- 
verständlich von dem christlichen Begräbnisse hiedurch ausge- 
schlossen. Was war daher natürlicher, ja selbst folgerichtiger, als 
daes man auch sdne Leiche der altheidnischen Bestattungsweise 
tiberantwortete ? 

Diese Anknüpfung der fraglichen Behandlung des Selbst- 
mörders an eine traditionelle Erinnerung aus dem Heid^ithum in 
christlicher Zeit möchte ich nicht abweisen, aber die Folgerich- 
tigkeit, welche Quitzmann hervorhebt, blieb nicht im Bewusst- 
sein, und die Sache bekam eine ganz andere Färbung, die wir 
aus dem erwähnten Züricher Rathsbeschluss von 1417 erkennen. 
Als man den Pfaffen Schennis wieder aus dem Kirchhof gegraben, 
in ein Fass geschlagen und der Limmat übergeben hatte, gingen 
drei Abgeordnete von Rath und Bürgerschaft zu den Chorherren 
und baten, dass sie es nicht für übel halten möchten, denn es 
sei in keinem Frevel geschehen, sondern darum „daz unser eid- 
genoBsen und gemein land dar uf schryen und meinen, daz sy 
daz gross unwetter, so yetz lang zit gewesen ist, da von haben, 
daz man einen sölichen menschen, der sich selber ertödtet hat, in 
dem gewichten ertrich liegen lasse." In seiner (1862 gedruckten) 
Chronik erzählt der Luzemer Dieb. Schilling eine sonderbare 
Geschichte, welche sich um dieselbe Anschauung dreht. Als im 
Jahr 1509 in Maschwanden und der Umgegend ein Hagelwetter 
grossen Schaden anrichtete, meinte man, es käme davon, dass sich 
an demselben Tage in Wohlen ein altes unrdnes Weib erhenkt 
hatte. Als man sie in ein Fass schlug, wurden redlich Männer 
dazu verordnet, damit man wüsste, dass sie auf das Wasser käme. 
Als man sie nun in die Reuss warf, da sprang dem Fass ein 
Boden auf, und es wischte ein schwarzes Thier, einem Stier gleich, 



o44: 

heraus, nahm dais Fass und führte es dahin, dass keiner der 
Leute mochte wissen oder sehen wie das kam. Darob erschracken 
sie alle sehr und meinten, ihnen wäre eine grässlichere Sache nie 
begegnet. Als sie von ihren Obern beschickt und bei ihren Eiden 
befragt wurden, da redeten sie, dass es ihnen also und nicht 
anders begegnet und die Wahrheit wäre. 

In beiden Fällen, in dem von der Limmat und dem von der 
Reuss, ist derselbe Grundgedanke, nur kommt, um dem Bilde 
eine stärkere Färbung zu geben, in dem letzteren Falle noch der 
Schwarze hinzu, der die Beförderung in sein Reich selbst über- 
nimmt. Wir sehen, dass jene Behandlung des Selbstmörders in 
ihrem letzten Motiv mit dem Verbrennen des Leichnams zusam- 
mentrifft, und es kommt eine kirchliche Wohlfahrtspolizei zum 
Vorschein. Man wird unwillkürlich an die Pilatussage erinnert 
Das dem strömenden Flusse übergebene Fass mit der Leiche 
wurde ins unendliche Weltmeer, von der Erde weit weg getragen, 
wie die Asche des Verbrannten, und wie jede Berührung mit der 
Stätte der Lebenden, so jede Gefahr beseitigt Einigermassen lässt 
sich vergleichen, wie CScero in der Rede für Sextus Roscius aus 
Ameria die Weisheit der Strafe des Eltemmörders , der in einen 
Sack oder Schlauch (culeus) genäht und in den Fluss oder in 
das' Meer geworfen wurde, poetisch, freilich etwas überschwäng- 
lich ausmalt. 

Beachtung verdient es, dass in der Schweiz, wo die „Bequem- 
lichkeit des Wassers" dazu reichlich vorhanden war, für die früher 
so häufige Strafe des Ertränkens regelmässig die Flüsse und nur 
selten die Seen gewählt wurden. Nach Meyer von Enonau 
(Canton Zürich H, 140) sind un 15. Jahrhundert m Zürich 37 
Personen ertränkt worden, davon 35 in der Limmat, eäne an der 
Sihlbrücke, eine im See. Die Seen, wenigstens die Bergseen, zu 
verunreinigen, galt als sehr gefährlich, denn das brachte grade 
böses Wetter. Wahrscheinlich war der ursprüngliche Gedanke bei 
der Wahl der Flüsse zum Ertränken derselbe, welcher zu der 
genannten Beförderung der Selbstmörder ins Weltmeer führte, und 
dieser auf die Furcht, es könne noch der todte Körper Unheil 
anrichten, zurückgehende Gedanke zieht sich, wenn auch in ver- 
schiedener Form, durch viele Urtheilsformeln hindurch. So lange 
für Eindsmörderinnen die Strafe des Lebendigbegrabens bestand, 



346 

sollte eine tiefe Grube gemftcht werden and man sie ^allda lassen 
sterben und verderben, damit weder Kind noeh gewachsene Lüten 
von ihr kein Schaden empfangen.^ Der Dieb wurde am Galgen 
gelassen, ^damit er den Vögeln in der Luft erlaubt und dem 
Erdenreich entzog^i werde, also dass fürhin weder Leut noch 
Gut von diesen Menschen geschädiget werden.^ 



XYIII. Das Ertrunken nnd das Schwemmen. 



In England werden bekanntlich Frauen gehenkt wie Männer 
und der englische Pöbel ergötzt sich in Masse an dem Schauspiel, 
eine Frau am Galgen baumeln zu sehen. Man kann darüber einiges 
lesen in dem gegen die Todesstrafe gerichteten Buche des Phil- 
anthropen Dymond, the law on its trial (London 1865). Es hat 
aber in England auch eine Zeit gegeben, wo Frauen nicht gehenkt 
wurden. Ein englischer Antiquar^) schrieb vor einigen Jahren: 
,,Modeme Verfeinerung, die mit Abscheu auf die Rohheit und 
Wildheit vergangener Jahrhunderte zurückblickt, wird es kaum 
zugestehen, dass unsere Vorfahren durch Zartsinn bestimmt wur- 
den, wenn sie Weiber verurtheilten, ertränkt und nicht wie Männer 
gehenkt zu werden; aber das scheint durchaus der Fall gewesen 
zu sein. Es ist diess wahrscheinlich zuzuschreiben der Verehrung 
für das weibliche Geschlecht, welche der teutonischen Race eigen 
war. Obgleich die Verbrecherin das Gesetz übertreten hatte und 
der verdienten Strafe verfallen war, führte man ihre Hinrichtung 
in einer Weise aus, die das weibliche Zartgefühl am wenigsten 
verletzte'' (in a manner the least offensive to feminine delicacy). 
Es wird die Vermuthung ausgesprochen, dass die Reception des 
Galgens statt des Wassers für Frauen um die Mitte des 15. Jahr- 
hunderts statt gefunden habe. Der Hauptwerth der Schrift besteht 
aber in der Fülle von Nachweisungen über Fälle der Criminal- 
strafe des Ertränk^ns und des Lebendigbegrabens. 

Es ist zwar das Ertränken im deutschen Mittelalter vorzugs- 
weise eine Strafe der Frauen gewesen, kommt jedoch auch für 
Männer vor und zwar in der deutschen Schweiz recht häufig. 
Die überaus strenge Blutgerichtsordnung Zürichs aus dem 15. Jahr- 
hundert enthält folgende Urtheilsformel : „Umb sollich diebstal, 

*) Akerman, Farca and Fossa, a review of certain modoB of capital 
puiiisbment in the middle ages. London 18Ö8* 



a4T 

übel und misstuon ist von dem genanten N. also gericht, in dem 
nachrichter zuo befelchen, der im sin hend binden und in in einem 
schiff zuo dem nidem hüttly füren und uff das hüttli setzen und 
im die hend also gebunden über die knu abstreifen, und ein 
knebel zwuschen den armen und den schencklen durchhin stos- 
sen, und sy also gebunden in das wasser werfen und in dem 
wasser sterben und verderben lassen und er damit dem gericht 
und rächten gebüsst haben soU'^ 2). Wie man diese Strafe noch 
im 16. Jahrhundert in Zürich gegen Wiedertäufer zur Anwendung 
brachte, werde ich unten angeben. Ein basler Erkenntniss vom 
Jahr 1358 lautet: ^Z. soll fünf rechte Mile von der Stadt nimmer 
me sin umb den bösen Lümden, der uf ihn ist; und breche er's, 
so soll man ihn ohne Gnaden ertrenken^ ^). Anshelm erzählt in 
der Bemer- Chronik zum Jahr 1485, dass ein wegen Kirchen- 
diebstahl und ein wegen Gotteslästerung Verurtheilter durch ein 
Wunder aus der Aar errettet worden, und. aus dem J. 1492, dass ein 
Gotteslästerer auf Fürbitte seiner Freunde „vom Aarenwasser zum 
römischen Wyn^ begnadet wurde, d. h. wie Anshelm hinzufügt, „vom 
Babst siner Sünden ein Absolution uszebringen". — In Aarau wur- 
den 1536 eine Frau und ihr Stiefsohn, welche mit einander Unzucht 
getrieben hatten, zum Ertränken verurtheilt, aber begnadigt^). 

Bekanntlich wurde diese Strafe oft so ausgeführt, dass man 
die Verurtheilten in einen Sack nähte*). Nach J. v. Arx^) sind 
im 16. Jahrhundert nicht bloss Sandesmörderinnen, sondern selbst 
Wiedertäufer (im Rheinthal) gesackt und ertränkt worden und 
auch Stadiin ^) referirt, dass in Luzern und Zug Weiber im 
16. Jahrhundert nicht mit dem Schwert gerichtet, sondern in einen 

^ 8chauberg, Ztschr. für noch ungedruckte Schweiz. RechtsqueUen I, 
8. 387. Bluntschli, Rechtsgesoh. I, S. 409. Anm. 146 theilt die etwas ab- 
gekürzte Formel aus dem Riohtbuche von 14S2 mit. 

3) Ochs, Geschichte der Stadt und Landschaft Basel II, 1, S. 360 363« 
Eineft Räuber Hess der Bischof im Jahr 1476 in Basel ertränken s Knebel's 
Chronik II, 8. 41. Vgl. Stettler's Schweizer-Chronik I, 598 (a. 1530). Cas. 
Pfyffer, der Canton Luzern I, 860. S. oben 8. 2^6. 298. 

*) Oelhafen, Chronik der Stadt Aarau S. 53. 

«) Grimm, R. A. 696. 

6) Gesch. des Cantons St. Gallen III, 285. 

7) Gesch. des Cantons Zug IV, 450. In Luzern wurde 1609 statt der Strafe 
derSftckung für Kindsmörderinnen die Schwertstrafe eingefl^hrt, s. (Balth^-» 
sar) Merkwürdigkeiten des Cantons Lu«;eni II, 85. ße^esser lY^ 19Q. 



348 

Sack geschoben und ertränkt worden. Vielleicht ist darin schon 
eine Anwendung der P.Ö.O. zu sehen, obgleich diese (Art 131. 
124. 130. 133. 159. 162) zwar das Ertränken als Strafe der Weiber, 
insbesondere der Eindsmörderinnen , androht, nicht aber speziell 
diese Art der Ausführung vorschreibt Carpzov und seine Nach- 
folger^) fassten das Ertränken der Eindsmörderinnen auf als die 
römische Parricidalstrafe, die poena culei, welche Cicero und 
Kaiser Justinianus malerisch beschreiben, und wie man sich hie 
und da dieser exquisiten Strafe möglichst näherte, zeigt die Notiz 
aus dem toggenburger ELriminalprotokolle bei J. v. Arx, dass 
der Nachrichter den Mörder eines nahen Verwandten mit einem 
lebendigen Hunde in einen ledernen Sack habe einnähen und in 
das Wasser werfen müssen. Da ging man abo weiter als im 
Schwsp. 285 W., wo der Hund nicht verordnet ist 

Merkwürdig dieser Strenge gegenüber ist das Verfahren, 
welches man im 16. und 17. Jahrhundert in Basel beobachtete. 
Im Jahr 1541 wurde berathen, ob man den bisherigen Gebrauch, 
todeswürdige schlimme Weibspersonen zu binden und in den Rhein 
zu werfen, beibehalten solle. Die Veranlassung zu dieser Bera- 
thung gab der Fall, dass eine Eindsmörderin, die im April dieses 
Jahres in den Rhein geworfen worden, mit dem Leben davon 
gekommen war. Eine Ordnung folgenden Inhalts kam am 5. Okt 
d. J. zu Stande^): Wenn man jemand, Weib- oder Mannsperson, 
mit dem Wasser richten und ertränken will, so soll der Oberst- 
knecht (Rathsdiener) am Abend vorher sorgen, dass. di^ Meister 
der Gesellschaft zu der Megden*®) vier Fischer abordnen, damit 
diese am folgenden Morgen bei der Rheinbrücke mit zwei Weid- 
lingen (Kähnen) gerüstet warten. Diese sollen den armen Menschen 
bis zu dem Thomasthurm hinab den „freien Rhein^ rinnen lassen, 
sobald er aber hier angekommen, sollen sie ungesäumt ihn ans 
Land bringen und den Todtengräbem, die dort am Lande warten, 

>) W achter, Lebrb. des Strafirechts TI, 152. 

9) (Brückner) Fortführung der Basei-Chronik zum Jahr t608. Basel, 
Rechtsq. I, 8. 380. S. auch Buxtorf-Falkeisen, baalerische Stadt» und 
Landgesch. Hl S. 133. 

>•) Ausser der Zunft der SchifiPleuten und Fischer in Basel bestand noch 
eine Gesellschaft derselben, deren Versammlungshaus in der 8t. Johannis Vor- 
stadt lag und „cur M&gd^ genannt wurde, 8. Ochs n, 173, der aber unrichtig 
die erste Spur dieser Einrichtung erst ins Jahr 1620 setzt. 



S49 

überantworten. Diese haben eiligst den Armen aus den Banden 
zu erledigen und das Wasser von ihm zu schütten, ^damit ob 
Gott der Herr einen sollichen Armen (wie hievor auch geschehen) 
sin Leben bis dahin im Wasser erretten wurd, das der Arm nit 
erst uff dem Land in Banden verderben und so ihm wol geholfen, 
umbkommen musste". Den Todtengräbem ist hiefür die grösste 
Sorgfalt und Eile anbefohlen; falls sie aber säumig sein sollten, 
den Fischern bei Androhung strenger Ahndung geboten, zur 
Rettung des Armen selbst Hand anzulegen. — Wiederum kam 
nach der Anführung von Ochs im Jahr 1589 die Rettung einer 
zum Wasser Verurtheilten vor und zum Jahr 1613 berichtet 
Brückner: „Die Kindsverderberin oder Mörderin wurd nach 
der erhaltenen Endurtheil auf die Rheinbruck geführt, mit Hälsig 
und Stricken von dem Nachrichter ihro die Hände und Füsse 
zusammengebunden, zwo aufgeblasene Rindsblattem an Hak und 
an die Füsse, etwann eines Klafters lang angehenkt, imd also in 
den Rhein geworfen; wenn selbige nun bis zu Ende der Stadt 
und bis zu Thomasthurm gefahren und nicht ertrunken, ward sie 
von den mitfahrenden Fischern an das Land geführt und ihro 
das Leben geschenkt^. Im Jahr 1634 fand nochmals eine solche 
Rettung statt. Als Madien Egerin ihr uneheliches Kind gleich 
nach der Gfeburt ermordet hatte, wurde am 30. April des Jahres 
mit Urtheil und Recht erkannt, dass sie solcher grausamen Un- 
that und Misshandlung halb mit dem Wasser und was dazu ge- 
hört vom Leben zum Tod gerichtet werden solle. Sie wurde dem- 
nach zur Wahlstatt geführt, gebunden und in den Rhein geworfen, 
als sie aber unterhalb St. Thomasthurm gelandet und aus dem 
Wasser gezogen worden, lebte sie noch, wurde wiederum in Ge- 
fangenschaft geführt und man schenkte ihr das Leben, verwies 
sie aber bei Peen des Schwertes von Stadt und Land Basel. 
Dieser gleichfalls von Brückner erzählte Fall veranlasste, dass 
am 7. Mai 1634 der Rath für Kindsmörderinnen die Schwertstrafe 
festsetzte "). 

Während man in Zürich die Formel „im Wasser sterben und 
verderben lassen '^ ^^) im Buchstabensinne nahm, lautete zwar das 

«1) Basel, Rechtsq. I Nr. 345. 

<S) Nach Meyer von Knonau, Canton Züriob, U, 140. 166. 170 wurden 
in Zürich im 15. Jahrb. 37 Personen ertr&nkt, im 16. 53, im 17. 9 (zuletst 1616), 



360 

obige basler Urtbeil von 1634 auch, die Kindesmörderin solle 
„mit dem Wasser und was dazu gehört, vom Leben zum Tode 
gerichtet werden", aber man richtete die Ausführung so ein, dass 
diese die Gestalt eines Gottesurtheils annahm, und man erleichterte 
die göttliche Intervention gar sehr. Wo jedoch, vorzugsweise bei 
Eindsmörderinnen, auf die Wasserstrafe erkannt wurde, ist diese 
durchaus nicht identisch mit dem Schwemmen, welches nicht 
zu den Todesstrafen gehörte. Das Schwemmen war in verschie- 
denen Theilen der Schweiz, wie im Elsass, in Gebrauch*'). In 
Luzem verband man es mit der Strafe des Halseisens, so dass 
der Verbrecher erst eine bestimmte Zeit öffentlich ins Halseisen 
gestellt und dann eine Strecke *♦) an einem Seil durchs Wasser 
gezogen wurde. Es erscheint vornehmlich als Strafe der „bösen 
Schwüre'^**). Die erwähnte Blutgerichtsordnung von Zürich 
aus dem 15. Jahrhundert hat gesonderte Artikel über das Er- 
tränken und das Schwemmen. Das Letztere wird so beschrieben : 
„Umb sollichen schantlichen lasterlichen lug und gros übel ist 
von dem genannten N. nach gnad und also gericht, das er dem 
nachrichter befohlen werden, der ihn in das halssisen stellen und 
zwo stund darin lassen ston und demnach daruss nämen und by 
dem Rüden nebent ein schiff in das wasser legen und von dannen 
in dem wasser bis in niderdorf, zu der undern badstuben, an das 
land schwemmen und demnach uf ein urfecht ledig gelassen, und 
ouch in demselben urfecht schweren, vier mil über den gothart 
und nit mehr harüber (ze kommen), und sol damit der genannt 
N. dem gericht und rächten gebüest haben" **)". Besonders gegen 



13) In Zürich ist es schon £ur Zeit der Entstehung des lüohtebriefes Strafe 
der Buben, welche falsch spielen und soll zuletzt im Jahr 1613 ausgeübt sein. 

H) Gas. Pfyffer, der Canton Lueem I (1858) S. 860: „vom Wygkhus 
bei 8t. Peters Kapelle bis zu den Hänsern bei der Reussbrücke^. 3. 381. 

1«) öegesser n, 626. 657. IV. 207. 209 Anm. 3. Basel, Rechtsq. I, S. 129. 

>•) Vgl. Meyer von Knonau, Canton Zürich II, 141. Bluntsohli I, 
409. Bemerkenswerth ist, dass wie man in Zürich fast immer in der Limmat 
und nicht im Zürichsee ertr&nkte oder schwemmte, man überhaupt zu solchen 
Prozeduren die Flüsse der Schweiz, nicht aber die Landseen benutzte. Zum 
Schwemmen bedurfte man allerdings der Strömung; dass aber auch zum Er- 
tränken fliessendes Wasser nothwendig erschien, können vielleicht Kenner 
heidnischer Mythologie erklären. — Während des 15. Jahrhunderts wurden in 
Zürich 87 Personen ertränkt, 1 im Zttrohersee, 1 bei der Sihlbrücke, die 



361 

W!edertäu£er idt die Strafe des BofawemmeBs in Basel tmd in 
Zürich angewendet word^i; ^sie sollten in dem gestraft werden, 
worin sie sündigten, durch die Wiedertanfe". Bald wurden sie 
gesehwenunt, bald ertränkt '7); aber im Ganzen war man auch 
hierin in Basel milder als in Zürich. Am 16. Januar 1531 wurde 
einer in Basel ,,nach Gebrauch^ dreimal im Rhein untergetaucht 
und dann mit der Drohung verwiesen, wenn er sich wieder sehen 
lasse, ertränkt zu werden. „In seiner Halsstarrigkdt wollte er 
diieses nicht eidlich versprechen^. Am 21. Januar desselben Jahrs 
hat eine Wiedertäuferin „das dreimalige kühle Rheinbad erleiden 
müssen^. Am 8. Februar fand eine grosse Prozedur der Art statt, 
bei welcher das Landvolk laut Partei nahm für zwei Wiedertäufer. 
Wiederum am 30. September wurden zwei derselben, die nicht 
widerrufen, wollten, geschwemmt **). 

Bisweilen ist aber auch die eigentliche Strafe der Ketzer, die 
des Scheiterhaufens, gegen die Wiedertäufer zur Anwendung 
gekommen *^). 

üeber das Verfahren gegen die Wiedertäufer in Zürich hat 
Hottinger in den helvetischen Earohengeschichten an verschie- 
denen Stellen 20) Auskunft gegeben. Dieselben bewiesen sich fast 
immer sehr glaubensstark. Am 5. Januar 1527 wurde der Wieder- 
täufer Manz zum Wasser verurtheilt „Als er aus dem Wellen- 
berg zum Fischmarkt und femer unter die Metzg zum Schiff 
geführt war, verthädigte er den Widertauf immer, lobte Gott, 
dass er wegen seiner Wahrheit sterben müsste und bat für die, 
so seines Todes schuldig wären. Auch dessen Mutter und Bruder 



übrigen in der Limmat (Meyer von Knonau, II, 140). — In St. Qallen 
wurden 1568 Bwei Personen wegen Kindsmord verurtheilt, vom Nachrichter 
in einen Sack gethan, um im „Läufer** vor dem Müllersthor ersäuft zu werden 
(A. Naef, Chronik der Stadt und Landschaft St. Gallen S 584). 

17) So auch in Luzern s. Segesser IV, 209. 

18) Die Berichte finden sich bei einem Zeitgenossen, in Gast's Tagebuch, 
in Auszttgen behandelt von Tryphius. Uebersetzt und erläutert von Buxtorf- 
Falkeisen. Basel 1856. 

19) Alam. Strafrecht S. 376 Fassbind, Gesch. des Cant. Schwyz lY, 94. 
97. 115. 

«0) Band lU, 385. 488. — Wegelin, Toggenburg H, 22. 67. 153 flP. — 
Sehuler, Thaten und Sitten der alten Bidgenossen II, 64. III, 257. — Kirch- 
h offer, Schaffh. Jahrb. 8. 57. 108. 



stärkten ihn. Ist ftlso in diesem Irrthnm, ohne dass er und die 
Mntter (sondern nur der Bruder) geweinet, gestorben. Nachdem 
ihn der Scharfrichter auf dem HütÜein gebund^i und ihn jetEt 
ins Wasser werfen wollte, hat er gesungen: In manus tuas Domine 
commendo spiritum meum! Hiermit wurde er ins Wasser gestürzt, 
hinab an den Platz gefdhrt und zu St Jakob begraben. Vielen, 
auch in der Fnmide kam es nachdenklich Tor, dass dieser den 
Tod so freudig ausgestanden, andere achteten es nicht hoch, an- 
erwogen, dass viele zum Tod geführte auf ihren schlihimen Sach^ 
halsstarrig verharret**. Am 5. Sept. 1528 wurden wieder zwei 
Wiedertäufer, Jakob Falk und Heinrich Reinmann, in der Limmat 
ertränkt; im folgenden Jahr traf drei derselben dasselbe Schicksal 
zu Bern und einen von Bülach in Zug. In Bern schritt man nicht 
sogleich zum Aeussersten, sondern die Wiedertäufer wurden zuerst 
aus Bern verwiesen, als sie wiederkamen, ^hat man sie ins Wasser 
gestossen und nochmals weggejagt; nachdem aber solches nicht 
verfangen, wurden etliche ertränkt** ^i). 

In Basel wurde die Strafe des Schwenmiens auch gegen un- 
züchtige Weibspersonen, gegen Ehebrecherinnen und bisweilen 
auch gegen Diebinnen angewendet^). Ein dreimaliges Unter- 
tauchen scheint die Regel gewesen zu sein; nach Brückner 
(a. 1589) wurde die Strafe so ausgeführt, dass man die Person 
an ein Seil band, sie oberhalb der Rheinbrücke in den Rhein 
warf und unterhalb der Rheinbrücke wieder herauszog, was an 
die freilich lebensgefährlichere Strafe des „Eaelholens** auf den 
Seeschiffen erinnert. 

Dass in Strassburg das Ertränken in der Form der Säckung 
ausgeführt worden ist, sehen wir aus Mittheilungen von Aug. 
Stöbert); er confundirt aber das Schwemmen und das Er- 
tränken. 

Wie in den oben erwähnten Fällen Personen, die zur Strafe 
des Ertränkens verurtheilt waren, gerettet werden konnten, dafür 
ergibt sich die Erklärung aus den Relationen über die Prozedur; 

s>) Hottinger IV, 663. Btettler's Chronik a. 1528. 

SS) Basel Rechtsq. I, 8. 511. 514. Ochs, VI, 487 Fälle in Oa st 's Tage- 
bach 8. 10. S4 und in Oross kleiner Chronik a 1531. — Blumer II, % 30. 

t*) Alsatia 1851 8. 88. Anieiger fOr Kunde der deutsohen Vonelt. N. F. 
1857 Nr. 10, 8. 332. 



363 

auffallender und in das Gebiet der Wunder**) oder der Fabel 
hinübergehend sind aber die nicht seltenen Fälle der Rettung 
Erhenkter 2«). Annales Colmarienses majores a. 1297 (Pertzi 
Mon. Script. XVII, 222): „Judeus in anno precedente pro furto 
in Sultzematin per pedes (s. oben S. 293) suspenditur, qui octo 
diebus supervixit et se elevans super patibulum liberayit, sed 
propter lesiones pedum fugere non valebat". Ueberall erzählt 
ist ein basler Fall vom Jahr 1374. Ein Küferknecht war zum 
Strange verurtheilt worden , weil er einen Geldwechsler be- 
stohlen hatte. „Da baten die redlichen Eüferknechte, so ehr- 
lich und zünftig waren, die Obrigkeit, dass sie dessen Leich- 
nam nach seinem Tode wieder von dem Galgen nehmen und 
begraben möchten, welches ihnen die Obrigkeit erlaubte. Als 
der Nachrichter den Dieb von der Leiter abgestossen und eine 
Weile am Galgen hatte hängen lassen, fragte er den Richter, 
ob er nach Urtheil und Recht gerichtet habe. Da der Richter 
dies bejahte, nahm der Henker den Schelmen vom Gtdgen und 
übergab ihn den Küferknechten. Diese trugen den Erhenkten 
auf den Barchhof zu St. Elisabeth und da der Todtenbaum ?®) 
eine Zeit da stand, alldieweil man das Grab machte, empfing der 
Schelm Athem und stand im Todtenbaum auf mit Jedermanns 

s«) Als Bchutspatrone , denen bei solchen Gelegenheiten die Rettnng ver- 
dankt wurde, sind genannt 8t. Theobald, 8t. Jakob, St. Barbleu. 

9S) Gross, kleine basler Chronik a. 1380. Knebel, Chronik a. 1474 
(I, 8. 77). H. R. Grimm 's (Buchbinders, Trompeters und Flachmalers in Burg- 
dorf) kleine Schwelzer-Cronica (Basel 1796) S. 216. Anshelm's bemer Chronik 
a. 1497 (n, 261 vgl. I, 385). Och s, Oesch. von Basel II, 1 8. 462. — Beneke, 
von unehrlichen Leuten 8. 190. 

M) Todtenbaum ist noch jetzt im Canton Zürich und anderen Theilen 
der 8chweiz so einheimisch, dass Sarg dagegen als ein fremdes Wort der 
Schriftsprache erscheint Die in jenem Namen angegebene alte Sitte, Todte in 
ausgehöhlten Baumst&mmen zu begraben, ist nicht ausschliesslich alamannisch 
gewesen, denn man hat zwar im Grh, Baden und in Württemberg Todtenbäume 
aufgefunden, aber auch bei Göttingen (Bodemeyer's hannov. Rechtsalter- 
thümer I, 8. 187.) und in Hamburg nach dem grossen Brande 1842, — Herzog 
Berthold HI von Z&hringen soll 1122 in einem ausgehöhltem Baumstamme be- 
graben sein (Stalin, wirtemb. Gesch. H,) 286) — Mone's Quellensammlung 
zur badisohen Gesch. I, 339. — Quitzmann, Religion der Baiwaren 8. 264. 
— Weisthum des Dinghofes Sundhofen im Elsass (Grimm lY, 154): „Die 
eigenen Lüthe handt ein recht, ob sie oder jhr einer stürbe, so soll man jhme 
geben einen Baum siben schuhe lang^. 

Osenbrüggen, rechtsgescb. Studien. 28 



ä54 

Verwrmderung. Als der Wechsler dieses erfahren, lief er voller 
Wuth zum Nachrichter, der schwi bei Tische sass, und erstach 
ihn. Da ist der Henker in des Küfers Todtenbaum gelegt worden*^. 
Ob der Wechsler gestraft wurde, ist nicht bemerkt. 

Ganz fabelhaft klingt die Erzählung von einem Juden, der 
im 14. Jahrhundert in Basel erhenkt wurde 27). Als er zwei Tage 
lang am Galgen lebendig gehangen hatte, begehrte er am dritten 
ein Christ zu werden. „Da hob man an einer Stange ein Gefäss 
voll Wasser, schüttete ihm solches auf den Kopf und reichte ihm 
also das Sakrament der Taufe. Zehn Tage soll er darauf noch 
am Galgen gelebt haben. Endlich erbarmten sich seiner etliche 
edle Erauen, die ihn herabnahmen, säuberten und, um ihn wieder 
zu erquicken, mit Wein waschten. Allein er starb am gleichen 
Tage, imd wurde als ein ächter Christ bei St. Peter begraben". 

Wie man bemüht war, aus Juden noch am Galgen Proselyten 
zu machen, zeigt ein aus Schwyz mitgetheilter Fall 28). Bei einem 
Juden, der sich vor der Hinrichtung (wegen Diebstahl) nicht wollte 
taufen lassen, wurde nach der Hochgerichtsordnung die Strafe 
folgendermassen verschärft: der Nachrichter solle „inne zwüschendt 
zweene wütend oder bissend hünd^^) zwüschend Himmel und 
Erdtrich, so hoch dass undder ime laub und gras wachsen möge, 
hencken an einen strick, oder kettenen an sine füss und alda 
den hünden, den vöglen und dem Lu£ft bevelchen". Blum er 
setzt hinzu, dass, wenn sich der Jude noch bekehren Hess, er 
zwar als Dieb gleichwohl gehenkt, aber von den Hunden erlöst 
wurde. — Aus der Zeit des Schwabenkriegs berichtet Stettier 
in seiner Chronik vom Jahr 1499 ^) , dass , als die Eidgenossen 
drei Juden ergriffen hatten, zwei derselben, die sich taufen Hessen, 
wieder auf freien Fuss gesetzt wurden; den dritten aber, einen 
Büchsenschützen, welcher den Venner von Sursee und den Büchsen- 

«^) Ochs, n, 1 a 448. 

**) Blum er I, 407 Anin. 40, — Ab egg in der Ztscbr. fttr deutsches 
Recht XVm, 434. 

W) Vgl. Grimm, R. A. 686. J. von Arx a. a. O. DI, 285. erz&hlt aus 
dem toggenburger CriminalprotokoUe , dass man die wegen Diebstahl zum 
Tode verurtheilten Juden, welche auf ihre Religion sterben wollten, an einem 
niederen Galgen an den Füssen aufgehängt habe, um ihren Kopf und Hals 
von zwei unten an Ketten angebundenen belssenden Hunden ab&ngeu zu lassen; 

30) Berchthold, Fribourg H, 21. 



355 

meister von Freiburg erschossen hatte, lieferten sie an die Frei- 
burger aus und „dieselbigen liessen den arbeitseeligen Menschen 
an beide Fuss aufhenken und einen ganzen Tag und Nacht mit 
grosser Marter hangen. Darauf begert er ein Christ zu werden, 
beichtet, bekennet seine Sund und ward ihme darüber also 
hangend der Kopf von den Achseln geschlagen". 

Wie weit der christliche Eifer gegen unbussfertige Juden 
ging, zeigt die Behandlung des Jonas Meyer in Celle 1690. Das 
Urtheil lautete : „Demnach man vernehmen müssen, auch bey ein- 
gezogener Erkundigung erfahren, welcher gestalt der gestern mit 
dem Strang zum Tod gestraffte Jude Jonas Meyer so gottlos und 
verwegen gewesen, dass er noch vor seinem Ende zum grosseste^ 
Aergemiss der Umstehenden und anderer Christen ganz schänd- 
liche und gotteslästerliche Reden gegen unsem Heyland und 
SeKgmacher Christum ausgelassen und dann von der hohen Obrig- 
keit resolviret desfalls auch gegen dessen verfluchten Cörper ein 
Exempel zu statuiren : So wird durch Urtheiler und Beisitzer dieses 
P.H.G. zu Recht erkandt, dass solchem — abgenommenem und 
öffentlich vor dieses Gericht gebrachtem Cörper die Zunge, mit 
welcher er die gotteslästerlichen Reden ausgesprochen, aus dem 
Halse gerissen und öffentlich verbrannt, darauf derselbe wieder 
nach der Gerichtsstätte geschleppt und daran und zwar nebst 
einem Hunde bei den Füssen von neuem auf gehenkt werden soll; 
immassen solches ohngesäumt zu exequiren gegenwärtigem Scharf- 
richter hiemit anbefohlen ward. V.R.W.'^ — Der Berichterstatter 
fügt hinzu: „Und dieses Alles ist sofort in Gegenwart einer über- 
aus grossen Menge Volks zu Werke gerichtet worden" '')• 

9t) Ho am an, Denk-Mahl der gdtüiohen Regierung etc. Frankfurt und 
Leipzig 1701 8. 272. 



28* 



XIX. Das Lebendigvergraben. 



Wie das Ertränken so war auch das Lebendigvergraben in 
alter Zeit eine sehr gewöhnliche Strafe der Frauen *) , überwog 
aber die Strafe des Wassers an Schwere, wie wir aus der P. G.O. 
Art 131 und andern Stellen sehen. Nach einer Stelle des Rechts- 
buches von Memmingen von 1396 könnte man zwar annehmen, 
das Lebendigvergraben sei überhaupt und ausschliesslich die 
Strafe todes würdiger Frauen gewesen, aber das galt doch wohl 
auch nicht für Memmingen. Wir lesen in diesem Rechtsbuch 
S. 253 : „ob aber ain fröw ains mords oder ander schädlicher taut 
mit dem rechten uberkomen wirt, die sol man nit anders töten 
denn lebend begraben. '^ Dass aber bei den „anderen schädlichen 
Thaten^ a;n Missethaten gedacht ist, die dem Morde gleich oder 
nahe kamen, lässt sich mit Grund schliessen aus S. 258: „so sol 
man den morder schlai£fen und radbrechen als recht ist, ist es 
ain fröw, so sol man sy lebendig begraben '^. Dass Verwandten- 
und Gattenmord mit dieser Strafe belegt wurde, speciell auch der 
Kindesmord, zeigen denn auch viele Fälle 2). In der Ausführung 
dieser Strafe wurde aber variirt und colorirt. 

Das Weisthum von Breungenborn, in der Gegend von Bir- 
kenfeld und Oberstein, aus dem Jahre 1418, hat die strenge Be- 
stimmung: „kindsverdilgerin lebendig ins grab, ein röhr ins maul, 
ein stecken durchs hertz". (Grimm Wsth. I, 794.) Die P. G.O. 
Art. 131 nennt bekanntlich als die bis dahin gewöhnliche Strafe 
der Kindsmörderin das Lebendigvergraben und Pfählen, erwähnt 
aber die Zuthat des Rohrs nicht Zu welchem Zweck ihr ein Rohr 

^) Grimm R.A, 694« 

S) Gassarus, Amiales Augstburgenses in: Menckenii Script, rer. Germ. L 
(a. 1436: Mulier ob parricidium viva defossa). — Ab egg in der Zeitschr für 
deutsches Recht XVin, 428, — Akerman in der oben S. 846 angefahrten 
Schrift. 



867 

in den Mund gesteckt wurde, erfahren wir aas einer Mittheilung 
über die Bestrafung der Eindsmörderinnen im alten Luzem. 
Cysat^) erzählt: ,,Eine Tradizion bringt mit sich, dass vordeme 
an diesem Ort (nemlich bei der frühem Kapelle „zum elenden 
Kreuze" *) an der Grenze des Stadtbanns) die Weibspersonen, die 
ihre Leibsfrucht an der Geburt, oder sonst, verderbt, lebendig 
und folgender Gestalt begraben worden. Es ward eine tiefe Grube 
gemacht, Dömer auf den Boden gestreut, die Mörderin darauf 
gelegt, wieder Domen auf sie geworfen, und dann mit Erde zu- 
gedeckt; jedoch so, dass vermittelst eines Luftröhrchens, das in 
den Mund reichte und durch welches zuweilen Milch eingegossen 
wurde, das Leben und die Qual auf viele Stunden oder mehrere 
Tage verlängert wurde". Dieselbe Procedur ist vorgeschrieben in 
den schweizerischen Hochgerichtsordnungen (s. oben S. 292). 

Diese grausame Strafe wurde 1670 zu Ensisheim im Elsass 
gegen eine Kindsmörderin erkannt. Das Urtheil befahl dem Nach- 
richter, die Thäterin lebendig in das Grab zu legen „und zwo 
Wellen Dom, die ein under und die ander uff sie — , doch das 
er Im zuvor ein Schüssel uff das Angesicht legen, in welche er 
ein Loch machen und im durch dasselb (damit sie desto lenger 
leben und bemelte böse Misshandlung abbiesen möge) ein Ror in 
Mund geben, volgens uff sie drey spring thun und sie damach 
mit Erden bedecken solle". Edle Frauen Kam^i aber bei der 
Regierung um Milderung 'dieser Strafe ein und die Verurtheilte 
wurde in der lU ertränkt.*) 

Das Gericht von Bischofszell im Thurgau sprach noch im 
Jahre 1596 gegen eine Kindsmörderin das Urtheil : Es werde die 
Verbrecherin in eine Grube auf einen Haufen Dömer gelegt, mit 
Dömem bedeckt, ihr eine larige Röhre in den Mund gegeben, 
dann die Grube mit Erde zugeworfen und endlich durch den 
Scharfrichter ein Pfahl durch die Grube hinuntergeschlagen. Der 

3) (Balthasar) Merkwürdigkeiten des Cantons Luzern II, 84. Ohne 
Zweifel ist diese Mittheilnng entnommen ans des Stadtschreibers Cysat Col- 
lectaneen, die sich auf der luzerner Stadtbibliothek befinden. 

*) Rochholz, Schweizersagen ans dem Aargau I, 261. 11, 389. — Bei 
Basel war das „elende Kreuz" vor dem Theodorsthor s. Basel im 14. Jahr- 
hundert S. 135. 

«) A« St ob er 's Alsatia 1861, 44. 



358 

Obervogt, im Namen des Bischofs, milderte aber die Strafe in ein- 
fache Enthauptung, ß) 

Die Blutgerichtsordnung von Ztlrich aus dem 15. Jahrhundert 
hat auch eine Urtheilsformel „ximb lebendig vergraben" und 
schreibt vor, dass man die Uebelthäterin zwischen den Dornen 
soll lassen sterben und verderben, aber das Rohr ist nicht er 
wähnt''). Die Strafe ist auch in Zürich wirklich ausgeführt wor- 
den, mit „Legung einer Bürdi Dorn unter und einer auf sie** »n 
Elisabetha öyger wegen Anstiftimg. zur Ermordung ihres Mannes 
1409 und an Margaretha Ruchbrecht wegen Kindsmords 1424. 

In Luzern kam an die Stelle jener ältesten Strafe für Klinds- 
mörderinnen zuerst die Säckung, dann seit 1609 die Enthauptung 
(s. oben S. 347). 

Bei den Hinrichtungen früherer Zeit sehen wir vielfach das 
Streben, den Menschen nicht rasch sterben, sondern langsam ver- 
derben zu lassen. Man wusste sogar das Erhenken und das Rädern 
darnach einzurichten^) und dieselbe Tendenz erkennen wir bei 
dem Lebendigvergraben, besonders wo dabei jenes Rohr erwähnt 
ist. Aber eine rasche Tödtungsform war es, wenn mit dem Le- 
bendigvergraben sogleich die Pfählung verbunden wurde. Dass 
diess häufig war, zeigt nicht nur die Erwähnung in der P. G.O. 
Art. 131, in der henneberger Landesordnung von 1539, in den 
Maximilianischen Halsgerichtsordnungen ^), in dem älteren Statut 
von Regensburg ^^) und in anderen Rechten, sondern auch die 
Mittheilungen über wirkliche Ausführung der Strafe ^^). Aus 
Lersner's Chronik erfahren wir, dass am 11. Juni 1585 in 
Frankfurt a. M. einer Magd, die ihre Hausfrau ermordet hatte, 
vor dem Hause der That der rechte Arm mit glühenden Zangen 
gerissen wurde, dass *sie sodann zum Richtplatz geführt, dort 
lebendig begraben und das Herz nachmals mit einem spitzigen 
Eisen durchstochen wurde. — Seifart führt in den Sagen aus 

6) Pupikofer, der Kanton Thnrgan S. 202. 

7) Schauberg's Ztschr. I, 390. 

8) s. oben S. 353; alam Strafr. S. 87, 89. — Buxtorf-Falkeisen, 
baslerisohe Stadt- und Landgeach. I, S. 11. 

9) Wahlberg, die Maximilianischen Halsgerichtaordnnngen (18Ö9) S. 9, 
M) Freyberg, Sammlung V, 55. 

11) 8, oben S. 269« 



d6$ 

Hildesheim 11, 159 an, das» sogar noch im 17. Jahrhundert Einds- 
mlkderinnen lehendig begraben und gepfählt sind, mit Verweisung 
auf H. Roch, neue Lausitz -Böhm- und Schlesische Chronica 
(Leipzig 1687). 

Die grausame Strafe des Lebendigbegrabens und Pfählens 
reicht in die altgermanische Zeit und in das Sagengebiet zurück. 
Eine ähnliche Strafe war es, wenn eine Frau im Moor vergraben 
wurde, indem man durch Baumzweige und hölzerne Klammem 
über Knie, Ellbogen, Brust und Bauch ihr Aufkommen verhin- 
derte. Die im Herbst 1835 im Torfmoor bei Veile in Jütland ge- 
fundene weibliche Leiche war in dieser Weise befestigt und wenn 
es auch nicht die Leiche der Königin Gunhild war, wie man ver- 
muthete, so hatte sie doch Jahrhunderte dort so gelegen. Schon 
1817 hatte man auch in Ostfriesland in einem Torfmoor eine in 
ähnlicher Weise festgemachte weibliche Leiche gefunden *2), Es 
erinnert das an die Lex Burg. XXXIV, 1: „Si qua mulier mari- 
tum suum, cui legitime est luncta, dimiserit, necetur in luto.'' 

Das Lebendigvergraben ist auch zur Abschreckung für Dieb- 
innen verwendet worden. Ducange v. Fossa, humari, infoditus 
und Akerman geben darüber Nachrichten aus Frankreich und 
andern Ländern; es fehlt auch nicht an manchen Beispielen aus 
Deutschland. In dem von Fidicin bekannt gemachten berliner 
Stadtbuch (Buch IV) sind viele Fälle aus der ersten Hälfte des 
15. Jahrhunderts enthalten (No. 53, 62, 70, 71, 103, 120, 124, 133). 
Ueber eine derartige Praxis in Nürnberg hat Siebenkees, Mate- 
rialien zur nürnbergischen Geschichte Bd. 11 St. 7. S. 332 — ^550 
Auskunft gegeben. Aus den berliner Fällen sehen wir deutlich, wie 
das Lebendigbegraben der Frauen dem Erhängen der männlichen 
Diebe parallel ging. 

Der Hauptfall, in welchem auch Männer vergraben und ge- 
pfählt wurden, ist der Fall der Nothzucht (s. oben S. 296). Daran 
reihen bayerische Landfrieden die Entführung und zwar, wie man 
aus dem Zusammenhang schliessen darf, die Entführimg der wider- 
willigen Frau, was denn der Nothzucht sehr nahe steht. Land- 
frieden 1244 § 52, 92, 1255 § 44: „Swen man ansprichet, daz 
er ein maget oder witwen oder ein ander wip, diu gutes liundes 

*») Akerman a. a. O, S. 10, 11. 



860 

ist, genoKOgt hab, mag sie selb fonfte in des nberreden, man sol 
in lebenden begraben, er mnge danne selb dritte daz bewären, 
daz er S mit ir willen bei ir gelegen ist^. § 71: „Swer den andern 
sin chonwip hinvürt, den sol man lebenden begraben". — Die 
strenge Criminalordntmg von Altorf ans dem 15. Jahrhundert hat 
Männern in zwei Fällen das Pfählen gedroht. § 6 : „Umb nottnunft 
ist recht schleypfen und ein stecken durch ihn schlahen**. § 10: 
„Item ob einer einen andern bey seinem Weyb ergreift, und den- 
selben mit dem Rechten überwinden wolt, so ist recht das man 
denselben begraben soU, er sey lebendig oder todt, und einen 
stecken durch ihn schlahen, und also soll man dem weyb auch 
thun, ob man sie begreyfft**. 



XX. Der Brand von Zttrich im Jahr 1286. 



Tschudi gibt in seinem Chronicum Helveticum einen inter- 
essanten Bericht über einen Brand, der im J. 1286, nicht 1280*), 
einen grossen Theil der Stadt Zürich verheerte. Seine Quelle ist 
H. Bullinger's Chronik („Von der Stat Zürich imd der Stat 
Zürich Sachen" Buch VII Cap. 2), die im J. 1573 den Chorherm 
vom Ghrossmünster, an welcher Kirche Bullinger als Zwingli's 
Nachfolger Pfarrer war, präsentirt wurde. Da mir Bullinger's 
(ungedruckte) Chronik zur Hand ist, entnehme ich aus ihr die 
Erzählung von jener Feuersbrunst. 

„Doctor Felix Hemerlin, Cantor zu Zürich, Probst zu Solo- 
thum und Chorherr zu Zofingen, schreibt in seinem Buch de 
nobilitate, dass im Jahr 1280, als der Leutpriester zu Zürich im 
Münster geprediget, seie von ihm selbs ein stein bj der selligen 
Martjrrer grab zersprungen und habe ein Elaiff geben, wie ein 
Donner-Elarff, darab mänigklich in der Kirchen übel erschrocken, 
und bald darnach desselben jahrs am 3. October die grosse Stat 
Zürich verbrunnen, es seiend auch demnach vil andere unruheten 
schaden und mancherlei lejdiger Unfällen gefolget 

Zu der Zeit der Regierung König Rudolflten im jähr Christi 
1280 als die Stat Zürich in gutem Frieden war, witr sie von einem 
grossen Böswicht, der Wackerbold hiess und ein Pfister war, 
mit brunsten mercklich geschädiget, dann wie der Schölm nit 
Wärschaft 2) bachete, kam er in gfängknus, und erfand sich an 

i) G. von WyB8, Abtei Ztkrioh 8. 86 und Anm. 40 sn Btch n. 

9) Btalder y. währen: „währBchaft, was als gut gebfirgei werden kann, 
z. B. währschafte Watre^ Zeitschr. für schws. Recht IX, 96 g 19: „er soll 
seinen Anstdssem einen wersohaften Znhn an die Hand steUen*^. — Grimm, 
Wsth. I, 90. V, 106* Mone's Ztschr. IX, 148: „gute Tflcher und werschaft 
machen^. Wie so manches Wort der deutschen Dialecta Heise sich auch 
dieses Wort gut in der Bchriftsprache verwenden. 



362 

seinen übelthaten, das» er den strick verdienet, es war aber eine 
schneien zum Rüden by dem Wasser, mit einem korb, in dem 
man einen setzt, dem man gnad bewisen, und dennoch strafen 
wolt, denselben Hess man, wie an den galtbrünnen^) aufschnellen 
in einem korb in die Höhe des Tramens oder Holtzes an das der 
korb gehefft war, dann müsst einer in das Wasser abhin springen, 
wolt er anders aus dem korb kommen*), und in gemeldten laster- 
korb war auch gedachter Wackerbold gesetzt aus gnaden für 
straff seines begangnen Diebstals; als er aber aus dem korb in 
das Wasser herabsprang und wol nass und beschissen war, lachet 
daa umbstehende Volk, das diese straff disem bösen buben wol 
gunt* D^r Bösewicht aber, den sömliche straff und lachen des 
Volks übel verdross, trachtet tag und nacht, wie er sich rächen 
und die Stat Zürich schädigen konte und mochte, und als sein 
Hauss im Niderdorf des Orths stund, da jetzund der Marchstall 
gebaut ist, füllt er sein Haus mit Holtz, dass desse niemand ge- 
wäret, dieweil er ein pfister war, imd wartet des underwindts, 
der das Feuer durch die Stat hinauf tragen und weyen mocht, 
und als der wind stark daher kam, zündt er sein hauss gegen 
der nacht an, und hiemit zur Stat hinaus; das Feur aber nam 
mit dem" Wind überhand, dass es je länger, je grösser war, und 
sich selber der maassen trib, d^s es niemeh erhörter jamer war, 
dann kein löschen nichts half, so könnt man auch wenig flöchnen. 
Wie nun der stunn und das geläuff gross war, imd die äussert der 
Stat auch anhubend zu lauffen, war der Diebs Böswicht schon 
auf den Zürichlerg kommen, da er sich umbkehrt und dem feur 
zuluget. Daselbst stiessend zwey weyber an ihn, die sprachend 
zu ihm : Mann, warumb lauffend ihr von der Stat, da doch andere 
zuhin lauffend, sehet ihr nit, wie es so übel geht ? Antwortet der 
Schölm: Ja ich sehs wol, und freuwt mich auch wol, gehend hin 
und sagend denen in der Stat an, Wackerbold habe mtissen aus 



^ Galtbruimen =3 Zieh- oder Sodbrunnen. 

^) Tschvdi: „Dieselb Bobnelle was ein Korb, der stund hoch empor, 
und was ein unsubre wüste Wasser-Pfützen darunder; in selben Korb setet 
man die Lttt, so etwas verschuld hattend, und gab man ihnen darin weder 
Essen noch Trinken, und wann er uss dem Korb wolt, musst er in die wOst 
Pfützen faUei und sich verwüsten zu einem Zeichen, dass er mit BescblB? 
nmbgangen.'^ . 



dem korb in das Waascr springen und seie gar nass worden, 
darnmb habe er sich müssen tröchnen, aus der ursach habe er 
jetzund das feur anzündt und seie darby wol trochen worden, 
jetzund lache er, wie sie in der Stat auch gelachet habind, da er 
nass worden, jetzund mögind sie by ihrem feur lachen oder grynen, 
weders sie wellind. Hiemit ist er dahin gelauffen, dass man nie 
vernommen, wohin er kommen. Ob ihn villicht der Teuffei gar 
dahin geführt oder ob sich sonst verlauffen hat, das ist nit noth 
zu wüssen. — Es verbrand aber die Stad von Niderdorff herauff 
bis auf Dorff an Schwybogen, da das Haus zu St. Laurentzen, 
vor der Edlibachen Hauss über und beschach unsäglicher schad 
von disem böswicht. — Es war auch gar schwerlich widerumb 
gebauwen und sind kurtzlich von denen die gebauwen habend, 
verbrunnen muren funden ; es war auch von der Oberkeit erkennt, 
dass man nimmer mehr zu keiner Zeit auf das Haus oder Qrund 
des Wackerbolds einich Haus mehr aufbauwen solte, sondern öd 
stehen lassen zum ewigen Zeichen; doch ist nach vilen Zeiten 
der Marchstall dahin gebauwen, wie er noclimallen da staht" 

Die erste Nachricht von diesem Brande findet sich in der 
älteren Recension des Richtebriefes, in dem Artikel „von über- 
schüzzen". Dieser Artikel enthält Bauregeln gegen Feuersgefahr, 
und nachdem angegeben ist, wie gemauert werden soll, wenn zwei 
Hofstätte an einander stossen, heisst es weiter: „disü gesezzede 
sol stete sin an dien hof steten die nu verbrunnen sint oder 
noch brinnent ald gewandelt werdent. So soll Wackerboltes 
hof stat von der Zürich verbran niemer gebuwen werden wan von 
gemüre ald ein tach daruf. Der selbe Wackerlolt soll niemer 
Zürich ein gastgebe werden". Dieser ganze Passus findet sich 
nicht in der jüngeren Recension des Richtebriefs vmä die Erwäh- 
nung Wackerbolds von den Worten: *„So sol Wackerboltes hof- 
stat etc." fehlt in der Abschrift Stumpff's. HäUen wir btess 
diese Notiz über den Brand und über Wackerbold, so wäre die 
Annahme gerechtfertigt, es sei der Brand durch Unrorsichtigkeit 
in dem Hause des Wackerbold entstanden, denn wei\n dieser ein 
solcher Bösewicht war, wie ihn Bullinger schildert, so konnte 
es gar nicht in Frage kommen, ob ihm die Wirthschaftsberech- 
tigung weiter zugestanden werden solle oder nicht. In der dem 
Richtebrief hinzugefügten Notiz ist auch nicht gesa^, wie bei 



364 

Bullinger, dass an der Stätte, wo Wackerbolds Hans gestanden, 
gar nicht wieder gebant werden solle, sondern das dort zn er- 
bauende Haus solle eine Mauer haben, also nicht ein hölzernes 
Haus sein. 

Wir haben denmach zwei sehr verschiedene Versionen über 
jenen Brand, von denen diejenige, welche sich drei Jahrhunderte 
nach dem Brande in der Chronik findet, durch ein sehr lebhaftes 
Colorit fesselt, aber dieses Colorit ist möglicher Weise ein Pro- 
duct der sagenbildenden Zeit. BuUinger nahm diese Tradition 
in seine Chronik auf und bietet darin dem Rechtshistoriker ein 
lebhaftes Bild der Ausführung einer der beschimpfenden Strafen, 
an denen das spätere deutsche Mittelalter reich ist. Grade für 
Bäcker, welche un währhafte Brode gebacken hatten, war diese 
exquisite Strafe in mehreren Städten gebräuchlich und aus der 
Combination der beiden Umstände, dass jener Wackerbold ein 
Pfister oder Bäcker war und dass betrügliche Bäcker die Strafe 
zu leiden hatten, mag die Dichtung entstanden sein, welche in 
die Wahrheit und Dichtung mischenden Chroniken überging. 

Ein augsburger Chronist*) erzählt vom Jahre 1442: Als bei 
der Hungersnoth die Bäcker in Augsburg nicht aufhörten, gegen 
die amtliche Bestimmung des Brodgewichts zu Verstössen, b'ess 
der Rath einen Schnell-Galgen mit einem Korbe über eine Pferde- 
tränke machen (curavit Senatus furcam excussoriam cum corbe 
fieri super eam lamam, qua equi tunc temporis ad D. ülrychi 
aream adaquari solebant). Darin sollten die betrügerischen Bäcker 
gesetzt und wdnn sie dann dort oben dem Volke hinlänglich 
Augenweide verschaflft hätten, in die darunter befindliche Pfütze 
hinabzuspringen gezwungen werden. Dieser Schimpf bewog die 
Bäcker, die von ihrer Gewohnheit nicht abgehen wollten, insge- 
sammt nach dem benachbarten Friedberg auszuziehen ; aber nach 
8 Tagen kehrten sie zurück und fügten sich dem Willen des 
Kalbs. Jene beschimpfende Strafe der Bäcker hatte ihren gesetz- 
lichen Bodei in dem augsburger Stadtrechte von 1276, welches 
sich ausfüL-lich verbreitet über die Vergehen der Bäcker und 
Bäckerknechte und ihnen die Schupfe (schuphe) droht ^ 

5) Gasearus, Annales Angstburg. in Mencken, Script, reram Oerm. 
I, p. 1697. 

6)Fre)berg'8 Sammlung deutscher Rechtsalterthftmer I, S. 121, 122. 



365 

Das ofner Stadtrecht Art. 145 bestimmt gleichfalls „Item wirt 
der prot pegk mer wen einst erf imden imd ergriffen mit unrechtem 
und ungepachem prot, so sol man yn schupfen, als der stat 
recht ist, über das mer sol er kain puess leiden^. Das Glossar 
gibt dazu die Erklärung: „schupfen, schuphe = stossen, an- 
treiben, schnellen. Bäcker, die sich in ihrem Gewerb gegen die 
Gemeinde vergangen, pflegte man zur Strafe zu schupfen d. h. 
von einem eignen Gerüst, die schupfen genannt, ins Wasser 
zu schleudern" ^. Nach dem strassburger Stadtrecht von 1270 
Art. 48 sollte geschupft werden, wer Wein unrichtig misst. *) 

Mit derselben Strafe wurden auch Gartendiebe belegt. 
„Denen Garten-Dieben hat man zweyerlei Quartier angewiesen, 
entweder hat man sie in ein vergittert Gefängniss unterm Rath- 
hause, die schöne Elsula genannt, auf eine Zeitlang einlogieret, 
oder für dem freiberger Thor von dem Schnell-Galgen durch 
den Korb in den Teich fallen lassen, welche beiderseits anno 
1550 und 1553 aufkommen"^). Nach Stöber'^) verordnete der 
Magistrat in Strassburg im Jahre 1477, dass alle Gartendiebe, 
deren man habhaft geworden, in einen Korb gesetzt und zur 
Schindbrücke herabgelassen werden sollten ; sie konnten dann über 
dem Wasser so lange verweilen als sie wollten, sodann mussten 
sie aber ins Wasser springen und sich durch Schwimmen zu ret- 
ten suchen; wer diess nicht konnte, dem kamen eigens bestellte 
Männer zu Hülfe. Man nannte diese Straf e, setzt Stob er hinzu, 
durch den Korb springen, auch die Schnelle oder Prelle. 

Nach -dem Freiheitsbriefe von Saarbrücken 1321 (Grimm 
WstWn, 6) »oll der des Meineids UeberwiescÄe oder Gestän- 
dige eine üusse von 3 Pfund zahlen „und sol auch in die 
schuppe gesetzt werden eins markdags oder eines iarmissen 
dags. " 

7) vgl. Grimm, R.A. 726. 

8) Strobel, Gesch. des Elsasses I, 331.— Stöber in d^ Alsatia 1851, 
8. 37. 

9) Hermann in Chron. Mitweld. II, 10 p. 290, nach der Anführung bei 
Haltaus s. v. Korb p. 1117, s. auch Kress in C. C. C Art. 167. Scherz 
Glossar, p. 815. Wigand, Wetzl. Beltr. I, 353. Anzeiger f^r Kunde der 
deutschen Vorzeit 1858 No. 10, 8* 341. 

10) Alsatia 1851 S. 88. Er bezieht sich auf Hermann, notices histori- 
ques Bur la viUe de Strasburg (1819) II, 440. 



368 

Wenn wir diesen Apparat der Bericlite über diese prostitui- 
rende Strafart überblicken, so ergibt sich, dass die Schnelle, der 
Schnell-Öalgen, die Schupfe oder Schuppe, der Korb, der Laster- 
korb, das „durch den Korb springen" oder „fallen", im Wesent- 
lichen eine und dieselbe, sehr verbreitete") Strafe war; nur 
variirte diese darin, dass bald der zu Strafende aus dem Korbe 
in das Wasser oder die Pfütze herausgeschnellt wurde, bald in 
dem Korbe verweilen konnte, bis er sich entschloss den Schimpf 
durch Herausspringen abzukürzen. Stob er nimmt mit Unrecht 
das Schupfen imd den Korb (die Schilelle, Prelle) als verschiedene 
Straf arten. 

11) Alam. Strafrecht S. 111, 349. 



XXI finade bei Recht. 



Im Jahr 1735 war der Canton Zug von einem politischen 
Prozesse erschüttert, der für den Angeklagten, den Landammann 
Schuemacher, welcher kurz vorher das kleine Land beherrscht 
hatte, damit endete, dass er auf drei Jahr zur Gkleere verurtheilt 
und demgemäss auf der Citadelle in Turin einem Oaleerensclaven 
angeschmiedet wurde. Als der peinliche Prozess dem Ende sich 
zuneigte, da traten die Frau des Angeklagten, seine Tochter, 70 
Paar Väter und Mütter, deren Kinder er aus der Taufe gehoben 
hatte (cognatio spiritualis) , vor die Richter und flehten knieend 
um Gnade; der Stadtpfarrer von Zug unterstützte in ergreifender 
Rede die Bitte. Ein Schaffot war schon errichtet; dass aber das 
Todesurtheil nicht gesprochen wurde , ist nicht auf jene Gnaden 
bitte zurückzuführen, sondern auf den politischen Grund, dass 
die Gegner Schuemacher's es doch nicht wagen durften, ihn öffent- 
lich hinrichten zu lassen. 

Das Gnadebitten der Verwandten und des Pfarrers in diesem 
Falle geschah nach alter Sitte, die ehedem in der Schweiz ge- 
wöhnlich war, wie manche Berichte über Capitalfälle zeigen *), 
und die noch nicht ganz untergegangen ist. Als am Schlüsse des 
Jahres 1849 eine junge Mörderin in Appenzell peinKch verrecht- 
fertigt wurde, flehten die Verwandten öffentlich um Onade. Auch 
in den Rechtsquellen geschieht dieser Sitte mehrfach Erwähnung. 
Die peinliche Gerichtsordnung von Davos (1650) sehreibt vor, 
dass an dem im Freien gehaltenen endhaften Reehtstage Bme 
Umfrage ergehen sollte, „ob jemand, geistlich od'er weltiich, jung 
oder alt. Mann oder Weibsperson umb Gnad oder Ifildertaig der 
Urtel für die arme Person bitten wolle*'. Die wichtigste Redbts- 

i) Oelhafen'8 Chronik der Stadt Aarau 8. 61, 63, 66, 116« ^ Gast 's 
Tagebuch S. 46. Rickenmann, Geaoh, der Stadt Rapperswü (1856) S. 216, 



368 

Urkunde aber, in welcher das Flehen um Qnade von Seiten der 
Priesterschaft, der Frauen etc. in eine bestimmte urkräftige Form 
gebracht ist, haben wir in der alten Hochgerichtsordnung von 
Schwyz2), Der Fürsprech für die Gbade Bittenden wendet sich 
mit folgender Ansprache an das Gericht: „Durch Gottes und siner 
lieben Mutter und alles himmlischen Heers willen und durch des 
jüngsten Gerichts willen, das Ihr dem armen Menschen uff disen 
hütigen Tag sin Leben wellind fristen und erstrecken und ihm 
die Sunn, die Gott der Herr über gutt und böss schynen lasst, 
fürer ouch schynen lassen, bis ihn Gott sonst zu der zyt sins 
natürlichen Tods zu sinen gnaden berüfft, und wellind also nit 
nach verdienst siner darliehen misstatt und strenge des rechten, 
sonders nach gnaden und barmherzigkeit über ihn richten. Sechend 
an des armen Menschen gross angst, sin bitterliche noth, trostlose 
und todschweis, lassends üch ze herzen gan. So bitt ich üch in 
aller Namen, Ir wellend allda eeren die Erwürdig Priesterschaft, 
die züchtigen, tugentrichen gegenwürtigen erberen frowen und ir 
ernstlich bitten und weinen üch ze gnaden bewegen lassen, die- 
wyl uns doch durch das wyblich^ geschlecht unser aller Heiland 
in die weit geboren, und ein altes sprüchwort ist, das fromer 
eerenfrowen pitt nit ungewert sol sin; Ir wellind allda eeren der 
schwangeren eerenfrowen') deren ouch ettlich da stand, grossen 
buch und bürde, und sy umb der frucht willen, so sy under irem 
hertzen tragen, ihrer pitt geweren, Ir wellend ouch alda eeren 
die biderben frommen landlüt und eerenpersonen , desglych mich 
schlechten einfaltigen redner, die all gemeinlich üch bittend von, 
des armen Menschen wegen umb fristung sins lebens^. 

Die Theilnahme und Sorge der Verwandten machte sich in 
natürlicher Weise geltend, wenn einer aus dem Familienkreise 
peinlich verrechtfertigt wurde, und sie suchten durch ihre Für- 
bitte das Aeusserste, das auch der gesammten Familie einen Schimpf 
bringen würde, das Berühren eines der Familienglieder durch 
Henkershaad , abzuwenden. Die ehemals so feste Familienverbin- 
dung trat überhaupt hervor in dem das Gepräge eines Kampfes 
tragenden Gericht, wie in den Familienfehden, welche durch 



*) 8. oben 8. 284. ^ 

3) Buxtorf-Falkeisen, baslerisclie Siadt- und Landgesoh. m, 8. 17* 



869 

ein^B Todscblag geweckt wurden. Die Parteien wurden von den 
Verwandten zum Gericht begleitet*), wo sie ihren Beistand in der 
Eideshülfe bethätigen konnten; wenn der Todschläger flüchtig 
war oder sich verborgen hielt, so agirten die beiderseitigen Ver- 
T^andten gegen einander in der gerichtlichen Verhandlung. Recht 
dramatisch ist ein solcher Hergang geschildert in einer Züricher 
Rathsverordnung betreffend Todschlag, die wahrscheinlich aus der 
Mitte des 16. Jahrhunderts stammt^). Beide Parteien, die Kläger 
und des Thäters Freundschaft, werden in die Rathsstube gelassen. 
Gewöhnlich begehren dann des Entleibten Freunde, dass man des 
Thäters Freundschaft abtreten lasse und dass sie die Klage vor- 
bringen dürften. Das wird also mit Urtheil erkannt; doch lässt 
man es geschehen, wenn zuvor des Thäters Freundschaft eine 
Bitte an des Entleibten Freundschaft um eine milde Klage und 
an „meine Herren" um Gnade thun will. Zuletzt heisst es: Wenn 
des Entleibten Freundschaft mit ihrer Klage und dem Rechtsatz 
auf den Thäter nicht heftig dringt und nicht scharf noch hoch 
klagt, so ist der Richter in seinem Urtheil desto freier, sich auf 
Gnade zu neigen. 

Die Intervention der Geistlichkeit, welche die Religion der 
Liebe und Gnade vertritt, für defö mit dem Tode bedrohten An- 
geklagten, lässt sich ohne Zweifel in Verbindung setzen mit dem 
Satze: Ecclesia non sitit sanguinem! wesshalb auch geistliche 
G^richtsherrn nach den canonischen Satzimgen nicht den Blut- 
bann ausüben imd verleihen konnten^. 

Diese Gbadenbitte der Geistlichkeit ist, wie man leicht 
sieht, sehr verschieden von dem Begnadigungsrecht, welches 
hohe Würdenträger der Kirche im deutschen Mittelaltei ausübten^. 
In einem deutschen Weisthum von 1577 wird als die einer Aeb- 

*\ Wegen der damit verbundenen Qefahr für den Qerichtsfrleden wnrde 
ipehrfach in der Zahl der Begleitenden eine Orenae gesetzt, nameitUoh auch 
das Bewaffhetsein derselben entweder ganz verboten oder es wurden die ge- 
fährlicheren, wirklichen Kriegswaffen untersagt, s.. Richtebrief von Zürich m, 
10. Zng Stadt- und Amtsbuch 1566 § 43. Bern Gerichtesatsung 1614 1, 18, 2. 
Herrschaftsrecht von Andelfingen § 46. Schwsp. 251 L. 

5) Schauberg*8 Ztschr. I, 366. 

6) Blumer I, 92, s. aber Walter, Rechtsgesch § 614. Schnell in der 
Ztschr. fttr schws. Recht II, 108 Homeyer, Ssp. H, 2 a 543. 

f) Zöpfl, das alte bamberger Rechte Einl. B. U5, 119. 
Osenbraggen, rechtsgesch. Studien. ^ 



S70 

tissin von Alters her sosteliende ^Macht und Gtow«h^ genannt, 
dass sie einen Venirtheilten im Gerichte oder wenn er schon auf 
der dritten Sprosse der Leiter stand oder sonst, ,,ohne ]Knsag^^ 
oder Verhinderung eines Vogtes mit dem Leben hat begnügen 
und frei geben mögen^ *). Die weltliche Obrigkeit war nicht immer 
zufrieden mit der Ausübung dieses Begnadigungsrechts und oppo- 
nirte sich dagegen, wie gegen den Missbrauoh, der mit dem As jl- 
rechte der Archen und EQöster nicht selten getrieben wurde ^. 
Auch das Qnadebitten mochte hie und da in seiner Ausdehnung 
unbequem und lästig werden, daher wurde es bei einer Busse in 
Ulm untersagt, für den, der um Todschlag oder um anderer Sachen 
willen eine Strafe verwirkt hatte , zu bitten { ausgenommen „den 
Predigern, Barfüssem, Siechen und Fundenkindem^ W). 

Das Gnadebitten von Seiten der Geistlichkeit, der Verwandten 
und anderer Personen hatte in der Schweiz nur die Tendenz in 
Capitalf allen Gnade für Recht in dem Sinne zu erwirken, dass 
ein Richten nach Gnade statt des Richtens nach Recht ein- 
träte; das mündliche Gnadengesuch wurde also vor der Urtheils- 
fällung im Gerichte angebracht Die Jurisdiction umfasste das 
Richten nach Recht und nach Gbade**); für letzteres lässt sich 
aber bisweilen eme besondere iTebertragung v<m Seiten der höch- 
sten weltlichen Gnadeninstanz nachweisen. So verlieh der Kaiser 
Sigismund dureh Urkunde vom 22. Dezember 1433 dem Rath 
von Luzem für Stadt und Gebiet das Recht, nach Gnade zu 
richten *2). Darauf ist aber nicht viel Gewicht zu legen , denn 
Sigismund wAr sehr bereit Rechte und Privilegien aus seinem 
Füllhorn über die Schweiz auszuschütten, die er gern auf seiner 
Seite hatte, — wenn ihm dafür gezahlt wurde ^'). 

<) Orinm Wsth 11, 657 Amn. 

^) M Übler, deutsche Rechtshandsohriften des Stadtarchivs zu Naumburg 
8. 89 Kr. ^6. Jäger, sohwäb. Stftdtewesen I, 502. Bcriptores rerum Lusatl- 
carum N. H". I, 50. 

tO) JSger a. a. O. 311 

11) ilam. Strafrecht 8. 179, 183. — Es hiess auch im FreischSffeneide : 
^das es werde gericht nach recht des Keisers und der Sachsen oder nach 
gnaden mit wUlen des klegers und gerichts*^ (Grimm RA. 51). 

tS)Begesser U, 613 und über die Begnadigung und ihre Formen Über- 
haupt die sehr gute Erörterung IT, 723 ff. vgl. IV, 195. 

«)) J von Müller, Gesch sohws. Eidgen HI, 1 8. 88. m, 2 a 484. 



m 

Das föchten nach Gnade äusserte sich als Strafverwand- 
Inng ttnd bot dem Richter die Möglichkeit, den strengen, auf 
Al^hreckung nnd Schauer berechneten, daher absolut-bestimmten 
Strafen gegenüber sein Arbitrium geltend zu machen und die 
mildemden Umstände des Falles, wie die Jugend des Verbrechers ^*), 
in Anschlag zu bringen, wenn auch oft nur äussere, die wirkliche 
Schuld des Verbrechers nicht berührende Rücksichten, wie ein 
Thädig^i der Freundschaft des Verbrechers mit der des Getödteten, 
entscheidend wurden. Den Impuls zum Richten nach Gnade gab 
besonders die Gnadenbitte der Geistlichkeit und der Verwandten 
des Angeklagt^!, denen, Angesichts der grausamen Strafe, welche 
drohte, leicht die Frauen und andere Leute sich zugesellten. Ihr 
Flehen um Gnade war in der Regel nicht weiter motitirt als durch 
die Einweisung auf die Schwere der Strafe und das Wesen der 
Gnade — „sie segnet den, der gibt und den, der nimmt^ sagt 
der Dichter. Bisweilen wurde jedoch ein äusserlicher Ghrund gel- 
tend gemacht. Für einen Todschläger, der sich in die Kirche von 
Meilen (am Zürchersee) geflüchtet hatte und dort zwei Tage ge- 
blieben war, intervenirten der grade in Zürich anwesende Sekretär 
des hl. Vaters, die Aebtissin zum Frauenmünster, der Abt Ton 
Rüti, Bürgermeister Hans Waldmann und zwei aeiner Collegen; 
die Verwandten des Todschlägers hoben hervor, dass er in den 
Zügen wider den Herzog von Burgund der Stadt Dienste ge- 
leistet habe **). 

Die regelmässige Folge des Richtens nach Ghnale war, dass 
die Todesstrafe, welche bei dem Richten nach Reckt hätte ein 
treten müssen, wegfiel, und darin haben wir die eigentfiche Bedeu- 
tung der Gnade zu sehen**). Malefizordnung von Zug: „ — Urtel 
mit was Todes er sterben soll ; so man dem armen Mensch Gnad 
mittheilen will, ob man wolle ihn mit Ruthen usschlagen oder ans 
Halsisen stellen^. Dass für die Frage nach dem Eintreten des 

H) Schsuberg's Ztschr. I, 3S5 

i<) Mey^r Ton Enonan, Oanton Zftiich n, 141. 

*•) Es kommt aber aneh vor, dass ^e Gnade darin besteht, dass e'n ebiv 
lidier Tod statt eines nnehrlicben erUieUt wird; Glarns 70; Sehaub^rg's 
Zticbr. I, 389. Bin Dieb, H. Meyer, Mvnrde am 9. April 1416 in Zürich eiit- 
hauptel und nieht gehängt „om der heiligen Zeit, seiner kleinen Kinder, siiner 
Freunde und Ztinft wiUen*^. 

24* 



372 

Bichtens na^eh Qnade die im Mittelalta* so wichtige ünterscbei- 
dung der ehrbaren und unebrbaren Sachen, speciell die der ehr- 
lichen und unehrlichen Tödtung, wie für das Asybrecht^*^ , von 
Einfluss war, lässt sich nicht bezweifeln, aber entscheid^id ist 
doch jeae Unterscheidung nicht gewesen, d^m wir sehen aus den 
Urtheilsformeln einer alten Züricher Blutgerichtsordnung ^*), dass 
das Richten nach Gnade auch beim Diebstahl vorkam, and dass 
auch nach einem solchen Richten schimpfliche Strafen eintreten 
konnten. 

Oft ist die Todesstrafe gedroht mit dem Zusätze „ohne alle 
Qnade^ und dann ein Richten nach Gnade ausgeschlossen, z. B. 
in dem schwyzer Friedbriefe von 1424 für den Fall, wo Jemand, 
der einen Handfrieden mit gewa^neter Hand gebrochen hat und 
desshalb von allen Ehren gestossen und für immer aus dem 
Lande gewiesen ist, in das Land zurückkehrt und ergriffen wird **). 
Nach demselben Friedbriefe soll man über den, der einen Andern, 
dem er Frieden gegeben hat, tödtet, richten als über einen Mörder 
ohne alle Gnade. 

Wenn die Gnade den Tod ausschloss, so blieb noch eine 
Fülle der mannigfachen Straf folgen, welche eintreten konnten. 
Es ist bekannt, dass in sehr vielen Fällen in der Schweiz, wie 
anderswo, abgesehen von den Hexenprocessen , als Strafe der 
Apostasie, Ketzerei und der Qt)tteslästerung das Lebendigverbren- 
nen nach strengem Recht wirklich angewendet wurde ^). In der 
genannten zäricher Blutgerichtsordnung ist dagegen die Formel 

17) 6tunpff, Chronik V, c. 8: ^Der Abt hat im Bezirk des Klosters 
(St Gallen) Qehot und Verbot, aber die Stadt hat die ^Hohengericht^, die 
Strafe des Halefizes und Friedbruchs. So einer in das Kloster fleucht in die 
Freiheit, ist sein Handel der Freiheit fähig, so iftsst man ihn deren geniessen, 
ist sein Bach aber zuviel bds, unredlich und malefizisch, so ist ihn der Abt 
schuldig auf der Stadt Anfordern hinaus zu geben^ etc. 

«) Schauberg's Ztschr. I, 385. Vgl. Pfyffer, der Canton Luzem I, 
381. Blamer I, 408. 

*«) Handbuch 8. 24 vgl. 26. 

SO) Stettler's Chronik a. 1277 (Albigenser). Justin^er's B^mer^-Chronik 
S. 37,194. Rüsch, Canton AppenzeU S. 173 (Joh. Krfisi, Oberhaupt der 
Wiedertäufer, in Luzem lebendig verbrannt), Eigenthttmlich ist der. Fall^ den 
Stunpff Y, c. 10 unter der Rubrik „yerzweyfleter Jud^ einführt. ZumBIbr- 
genseistor von Constanz kam ein Jude und fiel vor ihm auf ^e Knie, n^rder 
Bitte, dass er ihn verbrennen ll^s8e ; er habe sich an Oott versttndigt) linlem 



373 

deff Urtheils angegeben, wenn gegen einen Gotteslästerer auf Bitte 
seiner Freunde ein Richten nach Gnade stattfand: ^es sollen am 
nächstkünftigen Sonntag zwei Stadtknechte ihn aus dem Gefäng- 
nisse nehmen und ihn an beide Kanzeln , im Münster und in St 
Peter, am Morgen vor der Predigt stellen, und er soll reden, er 
habe wider Gottes Ehre „etwas schantlicher Worten** geredet, 
darum er männiglich bitte, Gott für ihn zu bitten, dass er ihm 
seine Sünde vergebe, und demnach soll er in acht Tagen gen 
Einsiedeln gehn, das beichten und büssen und dess Urkunde brin- 
gen** etc.^^). Nach derselben Ordnung trat an die Stelle des Er- 
tränkens, wenn nach Gnade gerichtet wurde, das Schwemmen; 
der Dieb wurde nicht gehenkt, sondern nachdem er im Halseisen 
gestanden hatte, wurden ihm beide Ohren abgeschnitten oder er 
wurde, seiner Jugend wegen, mit Ruthen vom Fischmarkt bis 
zum Thor in Niederdorf gepeitscht und auf immer aus der Stadt 
und dem^ Gebiet verwiesen. Unter den ähnlichen Fällen, welche 
Pfyffera.a. O. aus der luzemer Straf rechtspflege des 16. Jahr- 
hunderts mittheilt, ist sehr pikant, dass Apollonia Eneubühlerin 
wegen Diebstahl und anderer Sachen nach Gnaden gerichtet, ihrem 
Bruder, dem Schultheissen in Willisau, übergeben wurde, sie ein- 
zumauern und mitMuoss und Brot zu erhalten. Das Einmauern 
ist hier entschieden nicht Todesstrafe, sondern Freiheitsstrafe, 
analog dem Gebrauche in Luzem, Zug und Unterwaiden, einen 
Verurtheilten in einem Privathause im die in der Wtod b^estigte 
Kette zu legen. Pf yf f er 22) erzählt folgenden merki^ürdigen Fall 
vom Jahr 1732. Beat Enübühler von Willisau hatte im betrun- 
kenen Zustande, als er zu Luzem zu den auf dem Unterthor 
aufgesteckten Rebellenköpfen (von 1653, dem Bauembiege her) 
hinaufschaute, ausgeruf^i: „Es wird eine Zeit kommen, wo die 

er sein Judenthnm verlassen und der Christen Tanfe angenommen labe. „Als 
er Von seiner Bitt nicht woUt ablassen, ward er verbrannt am 26. September 
(1390)." — Alam. Strafr. 8. 877. 

") Einen Fall der Art aus dem 15. Jahrhundert referlrt Meyir von 
Knonau 11, 141. 

SS) a. a: O. I, 406. In Luzem ist dieses Surrogat der Zuchthaus* oder 
Gef&ngnissstrafe nicht mehr üblich. Ueber einen neueren Fall der Art aui dem 
Canton Zug s. Ren au d, Zug S. Ö2. Nach dem Amtsblatt von Obwalden, 1855 
Nr. 20, wurde einem jungen Mädchen neben mehreren andern Strafen Ee««n- 
strafe auf 3 Monat im elterlichen Hause zuerkannt. 



374 

Per&ken da hinauf müssen^. Femer hatte er geäasseift, er wolle 
noch SchnltheiBB in Luzem werden. Derselbe wurde dafür eine 
Stunde neben den Pranger gestellt , mit einem Zeddel am Hake 
mit d^ Inschrift: „Wegen rebellischen Reden^. Ferner ward er 
zu WilUsau in seinem Hause für seine Lebenszeit an die Kette 
geschlagen und angeguntet (d. l die Kette an der Wand befe- 
stigt). — Wie in Luzem wurde auch in Zürich das Einmauern 
„nach Gnaden'^ erkannt und nicht als Todesstrafe aufgefasst ^), 
weil der Eingemauerte nicht unmittelbar in einem Hinrichtungs- 
acte Yom Leben zum Tode gebracht wurde , obgleich jene 
Strafe j so wie sie nach der Blutgerichtsordnung ausgeführt 
werden soll, weit grausamer erscheint, als die Enthauptung. Die 
betreffende Urtheilsformel lautet^): „Umb sollich übd und 
misstuon ist von dem genannten N. in Betrachtung allerlei 
Ursachen, nach Gnaden und also gericht, dass N. und N. unser 
stattbuwmeister und N. unser Batsfrund, an fuogklichen enden, 
so inen gefalt, den genannten N. vermuren lassen aöUint, also 
das ihn Son noch mon lebendig niemer mer beschjne und 
dhein gesicht in noch uss haben dann oben ein löchli, da der 
dxmst etwas von ihm gon, und man ihm das Essen hinin geb^i 
mug, und sust niemas mit ihm zuo Red kommen, und des tags 
ein mal zuo fassen geben, und er also darin ligen und bliben, 
bis er erstorlen ist, und dann dem nachrichter sinen lib befolchen 
werden , der den hinus uff das gryen «^ by der syl fueren und 
da verbrennen, das fleisch und gebein zue eschen werd^ etc. Im 
15. Jahrhundert wurde in Zürich eine Hexe, der man versprochen 
hatte, sie Am Leben zu lassen, eingemauert und nach ihrem Tode 

^) Ahm. Btrafreeht 8. 96. — > Qesch&rft, aber doeh noch gesondert von 
dem Radbrechen, als der Strafe des Elternmordes, ist das „Vermauern*' bei 
Ruprecht von Freysing IT, 17: „vermaum und haisen schmidn in ein pann- 
tzier unc sol jm das waffen an den hals legen oder hangen damit er vater 
und mreter erslagen hat." — Wenn Chroniken ein „Vermauern von Non- 
nen" erwähnen, so ist das nicht etwa Strafe der Unkeuschheit, sondern 
es wtrden die Fenster zugemauert, um ihnen die Aussicht in die sflnd- 
hafte Welt zu nehmen, s. Lexer, Glossar zu den Chroniken der fränkischen 
Städte n. 

M) Schauberg's Ztschr. I, 386« 

^ Grien =9 Geschiebe verschiedener Steinarten, Kies etc. Stalder, Idio- 
Ükon s. V. 



375 

verbrannte der Scharfrichter den Körper ^. Nach der Hinrich- 
tung de8 Bürgermeisters Waldmann 1489 wurden mehrere seiner 
Anhänger enthauptet, zwei derselben , die Zunftmeister Biegger 
und Ryss, eingemauert und, wie das Urtheil sagt, „so versorgt, 
dass Bj Sonn und Mon ir Lebtag nit mer sehen können, und keyn 
Luftloch sig, als dass Spyss und Trank hineinmag^ ^7). gie kamen 
aber wieder frei ^^). — Einen Fall des Einmauems zu Schwyz aus 
der Mitte des 14 Jahrhunderts berichtet aucb JoL von Müller, 
Gesch. der schwz. Eidgen. Bch. II, Cap. 4: „Als zu Schwyz Eydi 
Nagel nach bitterm Wortwechsel Walthem im Lene todtschlug, 
und vor Gericht viele Landleute und Eidgenossen sehr für ihn 
bat^i, vermittelten Uri, Unterwaiden und Luzem durch eine Ge- 
sandtschaft ihrer Vorsteher, dass dem Eydi das Leben geschenkt 
wurde und sein Vater die beste Wiese zum Pfand gab, ihn so 
einzumauern, dass nach dem Urtheil drey unpartheyischer Männer 
Eydi niemand schädlich sein soll^. 

Bd dem Begnadigungsrechte, welches nach gesprochenem 
Urtheil geltend wurde, hat die Gkiade nicht dieselbe Bedeutung, 
wie bei dem Richten nach Gnade. Während sie bei dem letzteren 
als Strafumwandlung geltend wurde, bestand sie bei dem ersteren 
meistens in einer Aufhebung d^ Criminalstrafe. Während jedoch 
bei dem Richten nach Gnade immer eine Strafe heiauskam, konnte 
das Resultat der Begnadigung nach dem Urtheil auch eine Herab- 
setzung der erkannten Strafe sein, so dass der realf» Ausgang der 
beiden Gnadenwege derselbe war« In eigenthümlicber Weise kreu 
zen sich die beiden Wege in einem Falle aus dem 14. Jahrhundert, 
den Berchthold, Fribourg I, 150 erzählt: „H (un voleur) fut 
eondamn6 au gibet, mais en considöration du saint temps de careme 
et k la prijbre de quelques dames, on lui coupa sei^ement les 
oreilles, et on lui fit signer un acte par lequel il se retonnaissait 
comme pendu k Fribourg" („et promit qu'il estroit ptndare de 
Fribor"). In seinen Motiven glaubt man in diesem Falle ^in Rieh 
ten nach Gnade zu haben, aber das Urtheil war schon gefallt 



«*) Meyer von Knonau n, 140. 

S7) J. J. FttBsli, Job. Waldmann (1780) S. 236. Anshelm's B^rner- 
Chronik XI, 36. 

M) Vogel, die alten Chroniken 3. 548 vgl. 658. 



876 

und das wird in sehr pikanter Weise betont in dem Reversale, 
welches der ^eigentUch^ gehängte Dieb ausstellen mosste. 

Oft erstreckte sich die Gnade so weit, dass der mit der pein- 
lichen Strafe Verschonte eine Urfehde schwören musste, deren 
Bruch ihn dann wieder jener Strafe zuführen konnte. Ein Fall 
der Art ist mir von Dr. W. E. von Gonzenbach mitgetheilt. 
Anno 1431 urkundet Joh. Homburger, Schultheiss von Rappers- 
wil, dass vor ihm erschienen Heinrich Schaub und mehrere andere 
Bürger, welche ihn, Schaub, anklagten, er habe „Ihnen oder den 
Ihrigen^ übel nachgeredet; dem Einen, dass er einen Mörder habe 
dingen wollen, andern, dass sie Diebe seien, welcher Ellage Schaub 
vor Gericht kanntlich gewesen, die Reden widerrufen, sämmüiche 
Gescholtene zu ihren Ehren erkannt und um Gnade gebeten, 
worauf mit Urtheil gericht worden sei, dass Schaub an die Stelle 
treten solle (s. oben S. 165), an welche die Bescholtenen hätten 
treten müssen, wenn die Nachrede auf sie erwiesen worden wäre, 
dass er demnach gerädert und gehenkt werden solle, im Abwesen 
aber eines Scharfrichters mittlerweile ins Gefilngniss gebracht sei, 
da dann die Seiaigen Zeit gefunden, die Herren vom Rathe zu 
Gnaden zu bewegen und also dem Schaub eine Urfehde de non 
ulciscendo auferlegt worden, mit dem „endlichen Verwarnen", 
dass wenn diese Urfehde von ihm oder Andern in Einem Stück 
übersehen würde, „so soll er danne ein verzalter abschätziger 
imd verteilter man heissen und sin, dem sin lib und leben mit 
recht und urteil aberteilt ist*^ xmd solle über ihn ab über einen 
„verteilten nan'^ gerichtet werden mit dem Rad oder mit dem 
Galgen. 

Bevor das Begnadigungsrecht sich zu der neueren Gestalt 
ausbildete, trat es oft in einer uns auffallenden Weise hervor^). 

Eine eigenthümliche Sitte im Bereich des Begnadigungsrechts 
nach gefälltem Todesurtheil bestand ehedem im Thurgau. Der 
Landrichter konnte, wenn vom Hoch- oder Landgericht ein Ur- 
theil erging, welches Leib oder Leben berührte, nur Gnade be- 
weisen und das Urtheil mildem, nicht aber dasselbe schärfen '^); 



9f) Alam. Btrafrecht § 86. 

^) Thorgauer Landgericbtsordnang in der Zeitscbr, fOr schwjs. Recht I, 
Becatsq. B. 49. 



377 

die Frau des Landrichters konnte den Vertirtheilten dadurch be- 
gnadigen, dass sie ihn dem Scharfrichter vom Stricke schnitt**). 
Dieses Recht wurde 1641 abgeschafft, aber doch noch 1676 von 
der Landvögtin zu Gunsten eines zum Strange Verurtheilten axis- 
geübt ^). Die Frau des Landvogts von Kyburg, wie die Aebtissin 
des Frauenmünsters in Zürich hatten auch jenes Recht und mach- 
ten davon nicht selten (im 15. Jahrhundert) G-ebrauch^). 

Weit merkwürdiger ist noch die in einem ungedrnckten Coutu- 
mier du pays de Vaud erwähnte Rechtssitte: „Si quelques hommes 
ou femmes k marier viennent k commettre crimes, pour lesquels 
ils soyent adjug^s k mort, icelle adjudication nonobstant, sIl vient 
une fiUe ou un fils, selon le sexe de conjonction, qui n'auroit 6ti 
mari^, requerir k la justice le condamnä pour Tavoir en manage, 
il lui sera d61ivr6 sans prendre mort et abandonnä en libertä et 
franchise, en restituant k la justice les coustes et missions sup- 
port^es, sinon qu'ils soyent traitres k leur princes ou seigneurs, 
h^r^tiques" etc. Als Beleg für dieses Recht wird eine Geschichte 
aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts angeführt**), die der 
Gellert'schen Fabel „Der beherzte Entschluss" mindestens nicht 
nachsteht. „11 y a environ 150 ans, qu'un jeune homme, condamn^ 
a mort pour vol, alloit Stre pendu k Romont. II ^tait d6jä sous 
le gibet, lorsqu'une fille se präsente et suivant Fusage du pays, 
offre de lui sauver la vie, en T^pousant et en payant tous les 
frais de son proc^s criminel. Le condamn^ la fixe un moment, 
puis frappant sur T^paule du bourreau, il lui dit: Compfere 
mon ami! allons seulement notre petit train, eile est 

^<) Pupikofer, der Canton Thnrgau 8 203; desaelben Geschichte des 
Thurgaus II, 128. 

39) Krapf in der Ztschr. fQr schwz Recht IV, 20. 

33) Meyer von Knonau, n, 142. Es ist schon oben S. 370 ein gleiches 
Recht einer Aebtissin in Deutschland erwähnt. Vergleichen Iftsst sich hieau 
der italienische Fall, dass ein zur Richtstätte geführter Verbrecher begnadigt 
wurde, wenn ihm ein Kardinal begegnete, „cui occurrerit cardinalis^ (Mat- 
thaeus de criminibus XLVIII, 18, 5 § 18), und analog ist auch die Amnestie, 
welche durch die Ankunft eines Kaisers oder eines Kdnigs in einem Lande 
oder einer Stadt bewirkt wurde, wobei sich aber der Unterschied der ehr^ 
liehen und unehrlichen Bachen geltend machte (Justinger, Bemer-Chronik 
S. 287. J. von Müller's Gesch. IH, 1 Anm. 217 ) 

3*) Le conservateur Suisse — Vitien augment^e — Tome VI (Lau&anne 
1814) p. 408. 



^8 

borgne... et il monte lestement Tächelle fatale.^ — In Solo- 
thnrn heiraChete und rettete 1632 ein junger Mann eine vemr- 
theilte Eindsmörderin '^) , und noch im Jahre 1725 kamen in der 
deutschen Schweiz zwei Fälle vor, die freilich sehr verschieden 
sindy aber auf denselben Punkt zurückführen. 

Anna Maria Inderbitzi (Bitzener) von Ibach an der Muota 
hatte sich einem vagirenden Leben ergeben ^ auch einige Dieb- 
stähle begangen und als sie in ihre Heimatsgemeinde zurückge- 
führt und dort eingegrenzt war, die geschwome Urfehde gebro- 
chen. Nachdem man ihrer wieder habhaft geworden war, wurde 
sie malefizisch behandelt. Da erbot sich ein junger Mann sie zu 
ehelichen, wenn sie von Henkershand verschont würde ^). Es 
folgte eine Verhandlung, über wdche ich nach der gefälligen 
Mittheilung aus der Eant(mskanzlei in Schwjz, tprkxmdlich be- 
richten kann. . 

Vor gesessenem Landrath den 25. Jenner Ao. 1725. 

Es ist im Namen des Magnus Weber, Bothgerb^s von Molitz, 
aus Bolmässigkeit der h. B^knischen Reichsstadt Wangen, vorge 
bracht und angehalten worden, dass solcher die Anna Maria 
Sitzen^, so in oberkeitlicher Gefangenschaft, und heutiges Tags 
der Landtag über sie zu halten angestellt, aus christlichem Mit- 
leiden heurathai und also erledigen möchte — worüber erkennt 
und diese Begegnus vor den zweifachen Rath geschlagen worden. 
Vor zweifachem Landrath eines Landtags den 
2&. Jenner 1725. 

Indem gleiel^r Gestalt (wie vor gesessenem Landrath be- 
schehen) das Begehren des Magnus Weber von Wangen ange- 
bracht worden, dass solcher diese Person, über welche der Rechts- 
tag angesehen, in Aufrichtigkeit und aus wahrer christlicher Liebe 
zu verheurathen emsthaftig begehre und alle Umbständ dieser 
seltsamen Begegnus vorgestellt und nach gehaltene Umbfrag 

erkennt worden, dass man mit dem Landtag nach den alten 
Bräuchen imd Gewohnheiten vorfahren wolle, 

als ist vorgestellet worden Anna Maria Bitzener, 19 Jahre 
ihres Alters, so nach letzt über sie ergangener gesessener Raths- 



3«) Schüler, Thaten und 8i4toii ier Eidgenossen m, 469. 

9*J 8. meine neuen culturhistorischen Bilder aus der Schweis (tie4) 8. 44 it 



879 

tlrtel das geseliwonie Urplied gebrochen, aas miserm Land sieh 
hinw^gemachet, hin und wieder bald katholischen bald lutheri- 
schen Orten aufgehalten, sich für eine Redigin von Schwyz aus- 
gegeben, einige Diebstühl und Betriegerien verübet (laut formier- 
tem Prooess) so es gütlich und mit Zeigung des Nachrichters auf 
dem Stühli ausgesagt und bekennt hat — und nachdem die recht- 
liehe Klage über die Delinquentin voUftlhrt und die gethane Ver- 
antwortung, alles nach alten Gebräuchen beschehen, und solches 
noch mit noch ohne Recht femer hat verantworten mögen, auch 
Vergicht und Thaten Eines war*^, als ist mit Urtel und Recht 
erkennt und der Anna Maria Bitzener das Leben gefristet und 
geschenkt worden. Und weilen Magnus Weber immerhin emst- 
fiafter beharrte, diese Person, wenn solche dem Nachrichter nit 
unter die Hand kommen werde, zu heuraihen, mit Verlangen, 
dass man ihn in unserem Land eine Zeit lang gedulden möchte, 
welchem bittUchen und öfteren Verlangen gewillfahret und dem 
Magnus Weber gestattet wurde, dass er diese Person heurathen 
möge und drei Jahre lang in unserm Land geduldet und gesell- 
oder knechtsweis auf seinem Handwerk arbeiten könne, auch ihm 
die von Hans Baschi Rftthener versprochenen jährlichen Gl. 18 
Seh. 30 f(dgen schien. 

Mithin aber erkennt: dass der Anna Maria Bitzener Prooess 
eingestellet und seine Fehler insoweit auf seine verhoffende und 
versprochene Besserung und Wohlverhalten ausgemachet, derge- 
. stalten, dass im Fall (wider all besseres Verhoffen) es sich wieder^ 
umb Selbsten vergessen, in das alte Leben fallen, und wiederumb 
mit Diebstählen oder Betrügereien schuldig machen würde, dass 
man Neues und Altes zusammen nehmen und die gebtüirende 
Execution beschehen soll. Die ergangenen Kosten anlangend, wie 
solche abgestattet werden können, ist vor einen gesessenen Land- 
rath gewiesen und geschlagen worden. 

Aus demselben Jahre 1725 ist ein Fall, in welchem zuerst 
ein Richten nach Gnade und dann noch eine gnädige Herab- 
setzung der nicht cäpitalen Strafe und zwar in favorem matrimonii 
statt hatte '^). J. ^. Frei in Rapperswil hatte einen Vaganten er- 

99) B. oben S 384. 

99) Riekenmann, Gesch. der 8tadt BappenwU 8. 315. 



S8& 

stöehen. Auf Fürbitte der Patres Kapuziner^ der GeistUehkeit nnd 
seiner Verwandten wnrde beschlossen, ihn nicht ,,malefizisch^ zu 
behandeki. Das Urtheil lautete: er solle 3 Jahr wehrlos sein, solle 
8 Tage gethürmt werden, drei Sonntage nach einander die An- 
dacht machen und alle Kosten zahlen. Darauf hielt seine Braut 
an, das „Schmähliche" in Geldbusse zu verwandeln j worauf die 
Wehrloserklärimg in 100 Pfund Busse umgesetzt wurde. Dann 
bat die Hochzeiterin nochmals, ihr ihren Hochzeiter zu schenken 
und die Busse zu mildem, und es wurde allendlich erkannt: „Ist 
in grössten Gnaden der Jungfer Hochzeiterin ihr Hochzeiter ge- 
schenkt und zur Haussteuer von der Buss auch 50 Pfund ver- 
ehrt". — Der Ausdruck „schenken" scheint in solchen Fällen 
t^hnisch gewesen zu sein. ^) 

Soweit meine Eenntniss dieses Gegenstandes reicht, ist nach 
dem Jahre 1725 kein Fall der Art auf deutscher Erde vorge- 
kommen. Dass aber die Sache früher auch ausserhalb der Schweiz 
nicht ganz ungewöhnlich war, können wir aus Berichten über 
solche Fälle und aus Bemerkungen verschiedener criminalistiscber 
Schriftsteller entnehmen. *•) 

Aus ^desheim meldet eine handschriftliche Chronik von 
Eibers**): „Anno 1554, 22 Martii, Zacharias Koch et Bem- 
wardus Steinberg supplieio publice erant afficiendi, cum duss 
famulse se offerunt viridibus sertis omatsB comptaeque sponsse 
habitu, et captivos sibi maritos deposcunt, ad harum preces, ut 
moris est, demittuntur captivi, persoluto tamen camifici pretio, 
utrumque matrimonium postridie celebratum in templo St. Pauli; 
Siaoharias Koch duxit Engel Papen et Bemwardus Steinberg 
Adelheidam Bejem." Nach mündlicher Tradition, ohne Zeitangabe,, 
erzählt Seifart S. 85 einen andern Fall aus Hildesheim. Elin 



39) Alam. Strafrecht S. 192. 

^ CarpEOv, Pract. qu. 149 No. 49. Wernher, Obas. for. IX, obs. 199. 
Malblanc, Gesch der P. G.O. 8. 30. Tittmann, Handbuch I, § 131 citirt 
mehrere AbhandluBgen ttber das Thema. ~ Maurer, Gesch. des al1|;erman. 
Gerichtsverfahrens 9. 302. 

♦») Seifart, Sagen, Märchen — aus Stadt und Stift Hildesheim. Zweite 
Sammlung (1860» S. 177. - Dieselbe Geschichte findet sich auch in dem Frag- 
ment einer deutschen Chronik Ton Hildesheim bei Leibnitjs, Soriptoresrerum 
Bnmswic. HI, 262. 



S81 

Soldat, der gestohlen hat, ^ird zum Galgen geführt; Bchön ist 
er demselben nahe, als ein schönes Mädchen, <las den hübschen 
Barschen liebt, ihn sich zum Manne erbittet. Er wird begnadigt 
und heirathet das Mädchen. 

In Augsburg sollte 1621 eine Eindsmörderin hingerichtet 
werden *2). Am Tage vorher erbot sich der Kammerdiener eines 
dort wohnenden französischen Edelmanns, sie zu heirathen und 
mit ihr in sein Vaterland zu ziehen. An dem für die Hinrichtung 
bestimmten Tage, 21. Mai, fand die Trauung statt. 

Die gemeinrechtlicne Doctrin erklärte sich immer mehr gegen 
einen solchen Gebrauch und die geänderte Ansicht war schon 
durchgedrungen, als die Sache 1700 in Hamburg zur Sprache 
kam*'). Charlotte Dorothea Schulte erhielt am 9. October d. J. 
in öffentlicher Audienz ihr Urtheil, welches auf Ruthenstrich am 
Pranger imd Stadtverweisung lautete. Als die Sentenz verlesen 
war, trat ein fremder Comet a. D. vor den versammelten Rath 
und begehrte die Schulte zur Ehe, falls ihr Pranger und Staupen 
schlag erlassen werde; gegen die Trauung in der Frohnerei imd 
sofortige Stadtverweisung ihrer Beider habe er nichts einzuwenden. 
Der Senat nahm den Casus perplexus ad referendum und setzte 
einstweilen auf acht Tage die UrtheilsvoUziehung aus. Dann aber 
beschied er das Erbieten abschlägig und meinte, wenn ein Comet 
solch eine Person überhaupt zur Ehe begehre, so könne er sie 
auch ebenso füglich nach vollständig verbüsster Strafe ausserhalb 
Hamburg heirathen. 

Man pflegt solche Fälle auf einen favor matrimonii zurück- 
zuführen, aber tiefer liegt wohl der Gedanke, dass die Verbin- 
dung mit einer reinen Jungfrau sühnende Kraft habe. Wir wissen, 
in welcher Achtung bei den Germanen das jungfräuliche Weib 
stand, das „süsseste Wesen der Schöpfung" (Weinhold, die 
deutschen Frauen S. 138). In jenem hildesheimer Falle von 1554 
traten die beiden Mädchen, welche die schönen Namen Engel 
und Adelheid trugen, jungfräulich und bräutlich geschmückt 
hervor, um die tief gefallenen Männer zu retten. Aber der 
Grundgedanke kam in Vergessenheit und eine solche Rettung 

^) Stetten I, 842. 

♦3) Beneke, von unehrlicl»en Leuten 3. 193. 



382 

wurde als Gnadenmittel auf beide Geschlechter ausgedehnt und 
die Eheschliessung als Pforte zu einem ordentlichen Leben aof- 
gefasst. D^moch waren in den meisten Fällen die rettenden 
Engel Jungfrauen, wie auch nach alter schöner Regel die Frauen- 
schaft am GnadeUtten im kritischen Augenblick vomemlich sich 
betheiligte. 



XXII. Das Abtriik«! des Friedtu. 



Der alamannische Volksstamm gell einst besonders kriegerisch 
und rauflustig gewesen sein und Blumer verweist dafür auf die 
Rubrik des Art. 45 der lex Alamannorum (Earolina) ;,De rixis 
quse sflepe fieri solent in populo^. Dafür liesse sich auch die un- 
gemein detaillirte Aufzählung der Körperverletzungen in dem ala- 
mannischen Volksrecht anführen. Es wäre aber doch gewagt, den 
übrigen Stämmen darnach eine besondere Friedfertigkeit zuzu* 
schreiben, d^nn nicht nur liest man von den „wilden^ Sachsen, 
sondern an den Nachbarn der Alamannen, den Baietn, wird ihr 
kriegslustiger Sinn hervorgehoben und ihre Derbheit in Sitten 
und Sprache („Bavarus loquens boat ut bos, exaltans vocem cras- 
sam nimis ac ferocem*^). *) 

Wenn aber auch die alten Alamannen ohne Zweifel sehr 
kriegeriscb waren, so lässt sich doch die Neigung der Schweizer 
im spätem Mittelalter zum Kriegshandwerk und die Rauflust der 
Einzelnen nicht allein auf die Stammeseigenthümlichkeit zurück- 
zuführen. Als ihr BVeiheitssinn sich so glücklich bewährt imd sie 
eingesehen hatten, was man dem Schwerte verdanken könne, da 
war ihnen das Schwert lieb geworden imd von den Künsten des 
Friedens konnten sie sich weniger angelockt fühlen als die Be- 
wohner grosser Thalgegenden, bei denen der Ackerbau ergiebig 
war, an den sich der Handelsverkehr, der nur auf der Basis des 
Friedens gedeiht, anschloss. Kein Wunder daher, dass die jungen 
Schweizer sich hingezogen fühlten, wo die Kriegstrompete ertönte 
und nicht überraschend ist es, was von den Buchsgauem erzählt 
wird, dass sie im Jahr 1498 zum Schwabenkriege in solcher An- 
zahl ausgezogen sind, dass kaum so viele Mannspersonen in jeder 
Pfarrei zurückblieben, als das Begraben der Todten und das 

1) Wackernagel i^ Haupt*a Ztschr. fttr detttsches AlierUi. ¥1, 266. 



384 

Läuten der Glocken erforderte ^). Der auf diese Weise waeh blei- 
bende kriegerische Sinn äusserte sich auch daheim im kleinen 
und kleinsten Krieg, in den Familienfehden und den Baufereien 
der Einzelnen, die bei der allgemeinen Sitte Waffen zu tragen 
leicht einen blutigen Ausgang nahmen. Daher ist in den mittel- 
alterlichen schweizerischen Rechtsquellen kein :Gegenstand regel- 
mässiger xmd gleiohmässiger behandelt als der Streit und Kampf 
der bei jeder Gelegenheit auf einander prallenden Männer. Die 
Bechtssatzungen hiefür reducir^i sich aber keineswegs auf An- 
drohimg v<m Strafe und Busse für Verletzungen imd Verwun- 
dungen in den Baufereien, sondern es wurde die grösstmc^liche 
Verhinderung der Ausdehnung und schadenbringenden Steigerung 
dieser Kämpfe erstrebt durch die Verpflichtung jedes Mitgliedes 
des Gemeinwesens als Friedens)>ewahrer einzuschreiten^), wa es 
Noth that, imd daraus ergab sich das Institut des gelobten 
und gebotenen Friedens, welches so sorgsam im altschweize- 
rischen Bechte ausgebildet ist ^). Ich will nicht weiter wiederholen, 
was über dieses Friedensrecht yon den neueren Schriftstellern 
trefflich angeführt ist, sondern nur hervorheben, wie sich darin 
zwei Grundfactoren des germanischen Bechtslebens abspiegeln. 
Ein neuer Schriftsteller^) sagt sehr richtig: „Die auf sich selbst 
beruhende Kraft des Individuums, verbunden mit den germani- 
schen Begriffen über Ehre und Treue, das sind die Triebfedern, 

<) J. von Arx, Gesch. der Landgrafschaft Buchsgau (1819) 8. 189. 

3) Als eine noch bestehende Sitte in Appenzell l.Rh. wurde mir von einem 
Augenzeugen erzählt, dass wenn sich in einem Wirthshause ein Streit erhoben 
hat, der Landmann, welcher, seiner allgemeinen Pflicht gemäss, Frieden ge- 
bieten wiU, auf den Tisch springt, sein Messer in die Decke des Zimmers 
stösst und zum ersten, zum andern und zum dritten Mal Frieden gebietet. Ob 
hier das Messer die Stelle des frfiher allgemein getragenen Seitengewehrs 
vertritt, welches nöthigenfalls zwischen die Kämpfenden gehalten werden 
konnte, um sie zu scheiden, oder ob in jenem Gebrauche eine tiefere Symbolik 
zu sehen ist? Was Grimm R.A. 771 über eine sächsische Sitte, das Messer 
in die Erde zu stecken anfahrt, lässt sich damit wohl nicht in Verbindung 
setzen, üebrigens habe ich bei meinem letzten Besuch im appenzeller Ländli 
nicht erfahren können, dass eine solche Sitte jetzt noch existirt. 

*) Blume r in der Ztschr. f. deutsches Recht £K, 297 ff., dessen Rechts- 
geschichte 1, 160, 421 ff. 590. Schäuberg's Ztschr. I, '20ff. C. Desohwan- 
den im Geschichtsfreund IX, 76 ff. 

i) Geyer, die Lehre von der Nothwehr (1867)9 S. 76. 



385 

welche die Gestaltungen des germanischen Volkslebens hervor- 
riefen". Davon lässt sich eine Anwendung im Friedensrechte 
sehen. Wenn die sich selbst vertrauende Kraft des Individuums 
zum Uebermuth gesteigert der Gattimg Gefahr drohte und den 
Landfrieden störte, so wurde sie reprimirt durch Herbeiführung 
eines Gelübdes der Streitenden, den Streit ruhen zu lassen 
(Tröstung®); es trat eine Stallung, d. h. Einstellung dieses 
Streites ein und die an einander gerathenen Männer waren auf 
Treu und Glauben zum Frieden verpflichtet. Stallung und Frieden, 
wie auch Tröstung konnten daher in der Rechtssprache identificirt 
werden, z. B. in den glamer Landsatzungen von 1387, im Straf- 
und Bussenrodel der Höfe Wollerau und Pfäffikon (1484) § 11: 
„Item wer frid und stallung bricht mit werten etc.** ; basler G.O. 
1539, § 133, 134, 136, 137, 138, 141: „so soll darumb der frid 
trostung oder stallung nit ab sin". Auf Treu und Glauben ruhte 
nun dieser Frieden und aus dieser Grundlage ist die Grösse der 
Schuld desjenigen abzuleiten, der solchen Frieden brach. Geschah 
es durch Tödtung dessen, mit dem er in Frieden stand, so wurde 
er als Mörder behandelt; auf Verwundung „über den Frieden" 
ist vielfach Enthauptung gesetzt und überhaupt wurden „von denr 
Augenblicke an, wo Einer dem Andern Frieden gelobt hatte, alle 
Beleidigungen, Vergehen und Verbrechen, die er sich gegen den- 
selben erlaubte, eben weil darin zugleich ein Treubruch lag, mit 
Missethaten, die an sich für schwerer betrachtet wurden, auf die 
gleiche Stufe gestellt imd mit schärferer Strafe belegt, als wenn 
darin bloss ein Bruch des gemeinen Friedens gelegen wäre". 7) 

Der gelobte und gebotene Friede war ein Zwang für den- 
jenigen, der in seinem Herzen nicht ausgesöhnt war mit dem 
Feinde, aber auch überhaupt eine Last wegen der Beschwerung 
und Potenzirung der über den Frieden auf den Andern, welcher 
mit ihm in den speciellen Frieden gebannt war, gerichteten An- 
griffe und diesem zugefügten Verletzungen, zu denen er sich 
mochte verleitet fühlen. Diese Last erstreckte sich auf die beider- 
seitige Sippe, da der Frieden diese mit umfasste und umfassen 
musste, wenn er wirksam sein sollte. Auf diese Weise konnte eine 

ft) Berner Gerichtssatzuiig 1614, I, 12, 1. Schauberg's Ztschr. I, 24. 
Blum er in der Ztschr. für deutsches Recht IX, 303. 
Osenbrttggen, rechtsgescb. Studien. 25 



3^ 

grodse Anzahl von Personen unter den IViedenszwang kommen, 
und es ereignete sich sogar während der Religionsstreitigkeiten 
von 1528 bis 1533, dass das ganze Land G-larus, d* h. jeder 
Lsmdmann gegen den andern in Frieden gesetzt war^). Das ergab 
denn nach der strafrechtlichen Seite hin eine grosse Strenge und 
einen Zustand nicht unähnlich dem Falle, wo in neuerer Zeit 
Standrecht verkündet ist. Bei dieser Sachlage konnte ein solcher 
spedeller Frieden nicht unbeschränkt sein in der Zeitdauer und 
es entsteht die Frage nach den Qrundsätzen über sein Aufhören. 

1. Es trat von Zeit zu Zeit ein Nachlass der vorhandenen 
Friedensgelübde und ein Aufheben der Friedensgebote em*), in 
den Landsgemeinden und bei andern feierKchen Gelegenheiten. 
Seiner Wirkung nach war diess, wie Blumör bemerkt, einem 
Begnadigungsacte nicht unähnlich. Dergleichen trat aber, um 
wirklichen Frieden zu erlangen, auch um den speciell Betheilig- 
ten Zeit zu geben, sich mit einander zu richten, mit der Reser- 
vation einer kurzen Frist ein, während welcher noch der gesetzte 
Frieden dauern und in welcher nothigen Falls bei andauernder 
hartnäckiger Feindschaft von Parteien der specielle Frieden er- 
neuert werden sollte*®). In Locamo hielt man dafür, dass beim 
Eintritt eines neuen Vogts ein allgemeiner Friedensnachlass erfol- 
gen sollte, doch werde der Vogt, wo noch alte Spänne vorhanden. 
Einsehen thun müssen mit Erneuerung des Friedens. Es mochte 
das Letztere dort um so nothwendiger erscheinen, denn „so tief 
hafteten die gegenseitigen Feindschaften bei diesem Volke, dass 
Manche zu Zeiten weder beichteten, noch das hochwürdige Sacra- 
ment empfingen, um nicht Versöhnung angeloben zu müssen".") 

2. Der gelobte und gebotene Frieden war nur eine Stallung; 
die Leute, welche darunter standen, hatten sich zu meiden und 
gingen einander aus dem Wege, wenn sie sich beherrschen konn- 
ten. Allein wenn die Hitze abgekühlt war und sie den Zwang 
und die Last des besondem Friedens fühlten, mochten sie eine 
Aussöhnung mit dem Gegner und seiner Familie wünschen; die 
beiderseitigen Freunde und Bekannte thateü das Ihrige, um eine 

«) BlTimer*8 R.G. I, 428. 

9) Uri 19, 80. Glarus 305. Engelberger neues Thalbuch § 17. 

10) Blumer a. a. 0. Deschwanden 8. 112. 

") Perd. Meyer, die evang. öemeindö zu Locamö I, 118. 



387 

Sühne zn Stande zu 'bringen und dem Einen oder dem Andern 
den ersten nnd schwersten Sohritt im Entgegenkommen zn erleichr 
tern. Aber das Recht verlangte hier £larheit nnd Sicherheit imd 
wir finden daher feine Bestimmungen hinsichtlich einer solchen 
Aussöhnung. Es sollte nicht genügen, dass Leute, die aus dem 
Streite zu einem Waffenstillstand gekommen waren, sich grüssten 
oder sich eine Gefälligkeit erwiesen; das war nur eine Annähe- 
rung, kein definitiver Friedensschluss. Landbuch von Daves S. 17 : 
„Aber welcher den andern in einer Tröstung grüesst, imd ihm 
0uots thuot, - darmit ist die Tröstung nit ab, unzt dass sj ganz 
mit einanderen gericht sind und mit einandem essen und trinkhen*^. 
Es sind hier neben einander gestellt die Richtung und das gemein 
sohaftliche Mahl. Mit der Stiftung des besondem Friedens sind 
die Rechtsansprüche aus der Sphäre der Selbsthülfe in die der 
rechtlichen Entscheidung oder des Verzichts gewiesen, daher 
heisst es im ältesten Landrecht von Nidwaiden (1456): „und 
weller also frid git, da sont ouch dieselben stöss imd sach genz- 
lich hin sin untz uff recht^ ^^). Das gemeinschaftliche Mahl war 
eine Besiegelung der Richtung, also ein Friedensmahl. Man kann 
hiermit in Verbindung setzen eine schöne alte Sitte, die noch vor 
Kurzem in einigen Gegenden Graubündens bestand, vielleicht 
noch jetzt besteht. „Wenn zwei Männer gegen einander erzürnen 
und sich verfolgen und drohen mit eigenmächtiger Rache, treten 
die Freunde derselben zusammen und suchen die Hadernden zu- 
sammen zu führen in einerlei Haus und an denselben Tisch. Ist 
diess gethan, so hört der Ghroll der Feinde auf und haben sie mit 
einander von demselben Brote genossen, so ist die Versöhnung 
geschlossen. Ihren Zwist entscheidet dann das Gericht oder ein 
gütlicher Vermittler." Das Brod heisst das Versöhnungs-Brod. *3) 
Das Landbuch von Davos sagt: „mit einander essen und 
trinken", aber dem Deutschen wird das Trinken zu einer Herzens- 
saehe und die Sitte, einen Freundschaftsbund beim Becher zu 
stiften, ist alt und neu. Dahca: stammt auch das „Abtrinken des 
Friedens", ein oft erwähnter Reehtsbrauch in der Schweiz. Die 



it) OeBchichtefrennd IX, 120. Schwyzer Landbuch 8. 22« 
^) HelTetlaolier Almanaoh 1SQ6, B. ^1. I>er neue Sammler in Bünden 
1S06 B. 112 sagt aber, es sei diess in Blinden unbekannt. 

26* 



388 

Bedeutung desselben ist zwar zunächst, dass der specielle Frie- 
den abgethan wird von den Betheiligten, aber diess kann nur 
geschehen, weil der Grund des speciellen Friedens mit. und in 
der vollständigen Versöhnung verschwindet und diese wird be- 
siegelt durch den gemeinschaftlichen Trunk. Dadurch wird also 
Friede aufgehoben und gesetzt zu gleicher Zeit, so wie der 
Friedensschluss nach einem Kriege den Waffenstillstand absorbirt. 
Die Behörde soll es geschehen lassen nach dem Straf- und 
Bussenrodel der Höfe Wollerau und Pfäffikon 1482, § 12, wenn 
es sich fügt, dass die, welche einander Frieden gegeben hi^en^ 
mit einander verrichtet werden oder mit einander Frieden abtrin- 
ken und den Wein einander abnehmen und einander in Freund- 
schaft bitten den Frieden abzutrinken und niemand klagt. Aber 
nach andern Aussprüchen will das Recht, das Abtrinken des 
Friedens in seiner buchstäblichen Bedeutung auffassend, eine 
Garantie, dass dieser Act ernstlich gemeint und der neue Rechts- 
zustand, der durch diesen Act herbeigeführt werden soll, wirklich 
eintrete; es sollten nicht die Parteien den lästigen Zustand des 
gelobten oder gebotenen Friedens abschütteln, um mit Freiheit 
wieder die alte Leidenschaft zu entfesseln. Wülflinger Herrschafts- 
recht (1585) Art. 10**): „Und so dann etlich den Fryden uff die 
gfar mit einandem abtrinkend, das sy glych angentz mit einandem 
unfuren und einandem schedigen, ouch darmit der buss des fryd- 
bruchs entrünen mögind, diewil aber trug und gfar niemand schir- 
men soll, deshalb so yemandts den Fryden so gefarlicher wyss 
abtrinken und daruff mit Worten old werken unfüeren und frefflen 
wurde, das soll nit änderst geachtet werden, dann ob sie noch 
in fryden mit einandem gewesen und der fryden nit abtrunken 
were, dann sollicher fryden, vorhin achtzehen stund an stan; und 
denhin denselben wol abzutrinken gwalt haben sollend". Eine 
solche Vorsichtsmassregel, wie sie dieser letzte fehlerhaft con- 
struirte, aber nicht undeutliche Satz vorschreibt, findet sich auch 
sonst. Nach den Landbüchem von Appenzell A.Rh. 140 tmd I.Rh. 
19 soll kein gemachter Frieden vor einem Monat abgetrunken 
werden. Beide Landbücher verlangen auch die Anwesenheit und 



1^) Schauberg's Ztschr. I, 8.33, s auch das kybnrger Grafschaftsrecht 
(1676) Art. 13, 28. 



389 

Zustimmung einer obrigkeitlichen Person bei dem Abtrinken eines 
Friedens. Ebenfalls verlangt der 1524 erneuerte Straf- und Bussen- 
rodel von Wollerau und Pfäffikon § 10, abweichend von dem 
früheren, dass der Frieden nur nach vorangehender Prüfung durch 
die Obrigkeit abgelassen werden solle. 

Die Vorsicht erstreckt sich noch weiter, indem, wenn der 
Frieden abgetrunken oder sonst abgethan war, doch die eine Sache, 
wegen deren der Frieden vordem nothwendig geworden, noch 
länger im Auge behalten wurde. Landbuch von Davos a. a. O.: 
„Doch wo sich der Sachen halben, von demwegen man in Frid 
konmien ist, femer Span erhüebe, innert eines Monats Frist, ob 
man sich gleich verrecht hätte, soll es dennoch für ein Fridbruch 
gerechnet werden*'. Noch strenger war die basler Gerichtsordnung 
von 1539 Art 141, 141: „Ob ouch die, denen frid gebotten ist, 
nach dem fridbott mit einandem essen und drünken oder dass 
einer den friden absageh wölte, so soll darumb der frid trostung 
oder stallung nit ab sin i') , sunder für und für der sach halb, 
darumb der frid genommen ist, in wesen bliben, und ob einer 
den andern umb und von der selben sach wegen leidigete oder 
an ihm frevelte, der soll ouch für fridbrüchig ghalten werden, 
die straf liden nach gstalt der sach wie obstat etc. — Ob aber 
zween oder mer, die denn im friden gegen einandren standen, 
den friden einandren abkünden oder abtrinken wölten, dass sj 
das wol thun mögen, doch dass der frid umb die sach, darumb 
frid botten was, für und bliben soll in ewigkeit." 

Wir erkennen deutlich, dass der ursprüngliche einfache Satz, 
es sei den betheiligten Personen gestattet, den gelobten oder ge- 
botenen Frieden durch Richtung oder Versöhnung, als damit un- 
nöthig geworden, zu beseitigen, wegen Missbrauch und Chikanen 
immer mehr verclauselirt wurde. Am einfachsten blieb dieser 
Punkt des Friedensrechts in Glarus, indem noch im Jahr 1548 
erkannt wurde (Landbuch 140), dass den Landsassen der Frieden 
abgelassen sei, „unangesehen an welchem End sie miteinander 
in Frieden kommen^, und dass, wenn Landleute, Hintersassen 
oder Dienstknechte mit einem Fremden in Fried kämen, solcher 
Fried zwischen ihnen anstehn und bleiben solle, bis dass der- 

1^} Berner GerichtssatzuDg 1614 I, 12, 5. 



390 

selbige Fried nach löblichem Brauch und Gewohnheit abgetrun- 
ken werde. 

Der Friedenskuss scheint bei den alten Schweizern nicht 
üblich gewesen zu sein. Sie harmoniren mehr mit den Engländern, 
die das Küssen unter Männern shocking nennen, als mit den Slaven, 
bei denen dasselbe durch den Excess recht widerlich wird. 



XXIII Das koUenberger Cferielit in Basel 



Wenn wir die Gerichtsverfassung alter und neuer Zeit in 
deutschen Ländern und Städten mit einander vergleichen, so haben 
wir gegenüber der ehemaligen Mannigfaltigkeit eine Einfachheit, 
die wir als einen nicht hoch genug anzuschlagenden Fortschritt 
im modernen Rechtsleben bezeichnen können und dieser Fort- 
schritt hängt zusammen mit der Umgestaltung des socialen Lebens, 
welche sich anfangs langsam, dann in unserm Jahrhundert immer 
rascher vollzogen hat. Man braucht nur ein Lehrbuch des ge- 
meinen deutschen Civilprocesses aufzuschlagen, um zu erkennen, 
wie leer das Capitel von den priviligirten Gerichtsständen in der 
Neuzeit geworden ist und es wäre ein hohier Grad von Befangen- 
heit, wenn jemand nicht dem Satze beistimmen wollte, dass das 
Recht gewonnen hat, während die Rechte abgenommen haben. 

Jene Mannigfaltigkeit der Gerichte in alter Zeit ist aber eine 
von den wichtigen Erscheinungen, aus denen wir den Zusammen- 
hang des Rechts mit dem Gesammtleben des Volkes erkennen und 
darum dem Rechtshistoriker interessant. Jene Mannigfaltigkeit hat 
zumeist ihre Wurzeln in der das ganze mittelalterliche Leben 
durchdringenden Gliederung der Stände wie in den farbenreichen 
Herrschaftsverhältnissen. Aber auch die Menschen, welche ausser 
der Gliederung der Stände waren, welche nicht zur „ Gesellschaft ** 
gehörten, die fahrenden Leute, die Heimatlosen und die, denen 
wegen ihres Geschäftes ein Makel anklebte, wie sehr sie auch in 
ihrem Recht beschränkt waren, ohne Gericht wurden sie nicht 
gelassen, nur war die ihnen zugewendete Gerichtspflege oft eben 
so eigenthümlich als ihre Stellung zur Gesellschaft. Ein Bild der 
Art zeigt sich uns in dem kohlcnberger Gericht in oder bei 
Basel. Es war ein gefreites Gericht, mit sonderbaren an den Hu- 
mor streifenden Formen, hatte aber einen ernsten Hintergrund. 



392 

Sehr richtig sagt J. Schnell in der treffichen Schilderung ^Basel 
im 14. Jahrhundert" (1856), gewissermassen der Jubiläumsschrift 
des grossen „Erdbidems**, das von Basel wie der „schwarze Tod" 
glücklich überstanden wurde: „Auch die Rohheit, auch die Un- 
ordnung selbst muss das Gewand der Ordnung anziehen: rechtlos 
zwar streift der Spielmann durch die Welt und der Bube ohne 
Messer und Hosen, und die fahrenden Frauen und Töchter, aber 
doch harret ihrer zu Basel auf dem Kohlenberge eine Gerichts- 
stätte, wo sie, woher sie kommen, wohin sie ziehen mögen, Recht 
nehmen und Recht geben." 

Für eine Schilderung des kohlenberger Gerichts haben wir 
die Hauptquelle in den auf dasselbe sich beziehenden Verord- 
nungen, welche sich schon in Bruckner's Fortführung der Basel- 
Chronik zum Jahr 1601 abgedruckt finden, vollständiger und ge- 
nauer jetzt enthalten sind im ersten Bande der „Rechtsquellen 
von Basel Stadt und Land" unter No. 154 (19. März 1465), 160 
(24. Oct 1469), 287 (28. Mai 1559) vgl. Nr. 85 (6. Nov. 1406), 
103 (1417), 249 (6. März 1527). — Ferner hat der Chronist An- 
dreas Ryff in seinem (handschriftlichen) „Zirkell der Eidtgno- 
Schaft" vom Jahr 1597 fol. 486 ff. das Gerieht beschrieben und 
kann als Augenzeuge für den zuverlässigsten Gewährsmann gel- 
ten. Fechter, der Herausgeber der köstlichen Autobiographien 
von Thomas und Felix Platter (Basel 1840) hat zu der Stelle, 
wo Felix Platter über ein zu seiner Zeit (1559) gehaltenes koh- 
lenberger Gericht kurz referirt, die betreffende Partie aus Ryff 's 
Chronik abdrucken lassen (s. auch Grimmas Wsth. I, 818). Auf 
Ryff hat seine Schilderung des Gerichts basirt P. Ochs in der 
Geschichte der Stadt und Landschaft Basel V^ 69 ff., doch sind 
von ihm auch die Verordnungen über das Gericht benutzt. — 
L. A. Burckhardt hat in seinem lesenswerthen Aufsatz „die 
Freistätte der Gilen und Lahmen auf dem Kohlenberg** im basler 
Taschenbuch auf das J. 1851 das Gericht in der Kürze besprochen 
und J. Schnell in seiner Abhandlung „die Entwicklung der Rechts- 
verfassung und Gesetzgebung der Stadt Basel'^ (Ztschr. f. schwz. 
Recht n, 116) zur Charakteristik des Gerichts und der Leute, 
für welche es bestand, einen Beitrag geliefert. — Eine in wesent- 
lichen Punkten von den sonstigen Berichten abweichende kurze 
Schilderung des Gerichts gibt Jägey, schwäbisches Städteweseu 



393 

I (1831) S. 307, er nennt aber seine Quelle nicht, und da, wo er 
für eine Thatsache sich auf Gross' kleine basler Chronik beruft^ 
ist er im Irrthuifi, wie ich unten angeben werde. 

Das kohlenberger Gericht ist benannt von dem Orte, wo es 
gehalten wurde. „In Basel wohnt der nachrichter und seine ge- 
spaanen, wie auch die todtengräber uff einem berg, der kolenberg 
genannt. Am selbigen ort vor des nachrichters hauss stott der 
schranken unter einer linden, do man diss gericht haltet** (Ryff). 
„Besonders stund eine grosse Linde und ein grosser Baum allhier, 
welcher ein Essig-Baum genannt wird ; einige vermeinen, es seye 
eine ungemeine grosse Holderstauden gewesen, welche ihre Aeste 
weit und breit ausgebreitet hat" (Brückner). Der Kohlenberg 
(Kolenberg, Koleberg, Koliberg) lag in alter Zeit vor der Stadt, 
wie sich schon aus seiner Bestimmung und seiner Bewohnerschaft 
schliessen lässt, aber die sich erweiternde Stadt nahm ihn später 
in ihr Gebiet auf. Der Name hat sich erhalten; auch wurden 
noch in neuester Zeit die Todtengräber und gewisse Leute, welche 
in der Nacht ein sehr schmutziges Geschäft ausführen, Koliberger 
genannt. Ueber die Entstehung des Hügelnamens sagt Brück- 
ner: „Der Ort hat seinen Namen von dem Kohlenbrennen, so 
allda, als äussert den alten Stadtthoren beschahe und hiess auf 
Kohlhäuseren", Dieses Local ist schon erwähnt in dem Stadtfrie- 
den Kaiser Rudolfs 1286 (Basel Rechtsq. I, S. 13): „swelich 
burger den andern verwundot in der stat oder in den vorsteten 
oder an dem blazze oder ze kolahüser etc." *) 

Diese Erklärung wird freilich feinfühlenden Rechtshistorikern 
trivial erscheinen. Sollte nicht Kolenberg oder Koleberg nur eine 
andere Form sein für den häufig vorkommenden Kaienberg? Bei 
Zug und bei Luzem hiess bis zur Gegenwart der Richtplatz so. 
Wie in ältester Zeit Verbrecher an einem dürren laublosen Baume 
aufgehängt wurden, so waren auch und sind noch die Richtplätze 
oft kahle Hügel. Dass aber der Kolenberg bei Basel nicht bloss 
zur Abhaltung des zu besprechenden Gerichts, sondern auch zu 
Hinrichtungen benutzt wurde, wissen wir aus Gross' kleiner 
basler Chronik, wo erzählt wird: „Auf Donnerstag vor Laurentii 
(1474) hat man auf dem Kolenberg einen Hauen verbrannt, sampt 

1) 8, apcb Basel im 14. Jahrhundert S. 66, 111. 



894 

einem Ey, so er gelegt hatte. Dann man besorgte^ es komme ein 
Wurm daraus.^ Dieser Deutung des Namens kommt zu Hülfe, 
dass im basler Dialekt oft ein O für ein A gebraucht wird, z. B. 
jo für ja, do für da. Wem diese Deutung nicht exquisit genug 
ist, dem bietet sich noch eine andere dar. Man pflegte in alten 
Zeiten zur sichern Wiedererkennung, wenn man Grenzsteine setzte, 
unter diesen Ziegelsteine und Kohlen, als unvertilgbare Stoffe, zu 
vergraben und solche unter die Marksteine gelegten dauernden 
Zeichen sind die Belege im ursprünglichen Sinne dieses Worts 2) 
oder die Losung *). Im Strafgesetzbuch für das Gxossherzogthum 
Hessen Art 429 ist dafür der Ausdruck „das Gkheimniss (die 
Unterli^) der Grenzsteine^ gebraucht Nach Stadiin, Gesch. 
des Cantons Zug IV, S. 51, begrub man auch an Gerichtsstätten, 
die ja oft durch Steine bezeichnet wurden % Kohlen und Ziegel- 
steine. „Waren über die Gültigkeit des G^richtsplatzes Zweifel, 
wurde nach genannten Kennzeichen gesucht; fanden sie sich nicht, 
so wurden alle auf einem solchen nicht gezeichneten Platze aus- 
gefällten Urtheile für nichtig erklärt^ Demgemäss könnte im Namen 
Kohlenberg die Bezeichnung seiner eigentlichen Bestimmung, als 
G^richtsstätte zu dienen, liegen. 

Vielleicht kommen meinen Lesern diese Deutungen als ge- 
lehrte Seiltänzerei vor und dann stimme ich ihnen vollkommen 
bei. Aber es gibt Rechtshistoriker, die es für ihre Aufgabe hal- 
ten, auf solche Weise aus den Quellen „Resultate^ zu gewinnen, 
was denn so gar schwierig nicht ist, wenn man nur die Lust 
dazu hat 

Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, dass in alter Zeit 
die Gerichte im Freien gehalten wurden, worin der Charakter 
ihrer unbeschränkten Oeffentlichkeit sich ausspricht „Hierauf 
richtet man unter heiterem Himmel an offnem fryem Platz*' (Male- 
fizordnimg von Zug). „Es würd ein Tisch mitten uff den Platz 
under heitern Himmel gestellt, ein schön blosses Schwert und ein 
Richterstab nebend einanderen daruff gelegt, und ein schöner 
weiter Ring umb den Tisch mit Schrankenstüelen geschlagen^ 

'» Grimm, "Wörterbuch v. Beleg; R.A. 543. 
3) Weigand, deutsches Wörterbuch. 

«) Grimm RA. 802. Dreyer's Sammlung vermischter Abhandlungen 
JI, 772. Schauberg's Ztschr. I, 6. Basel im H. Jahrhundert S« 43, 46. 



(Landbuch von Davos). Häufig war der Ort des Gerichts ein Berg 
oder vielmehr Hügel (Malberg), So wird ein Gericht auf dem 
Berge vor dem Roland zu Halle erwähnt, ein Landgericht auf 
dem Leineberg bei Göttingen. Öffnung von Borsikon (Grimm 
Wsth. I, 51) : „und die gericht sol man haben zu Stedeln uf dem 
berg by der haselstuden*'. *) 

Ebenfalls bekannt ist es, dass die Linde vorzugsweise der 
deutsche Gerichtsbaum war, in dessen Schatten die Gerichts- 
satzungen gehalten wurden^), z. B. in Zürich auf dem Linden- 
hofe, in Zug „unter der Linde am Rindermarkt ausser der alten 
Stadt^. Das Gericht zur Thurlinden hatte seinen Namen von der 
liinde an der Thur bei Schwarzenbach; unter einer Linde auf 
dem StLftshofe in Basel wurde ein geistliches Gericht gehalten, 
läne Dingstätte der Landgrafschaft Burgund war zu Eonolfingen 
unter einer Linde, die noch jetzt stehen soll. Die Linde ist nicht 
eigentlich Waldbaum, sondern der Nachbar der menschlichen 
Wohnungen, wie ilnter den Vögeln der gefiederte Gassenbube, 
der Sperling. Das Dach der Linde sagte den zu Ding und Ring 
gehenden Altvordern mehr zu als die düstere Gkrichtsstube; unter 
breitschattenden Linden wurden auch andere Versammlungen ge- 
halten, selbst die feierliche Landsgemeinde Nidwaldens^. Es ist 
auch nicht zuviel gesagt, dass man dem Lindenbaum in ältester 
Zeit religiöse Verehrung schenkte. ^) 

Auf dem Eohlenberge wurde unter einer Linde der Platz 
für im Gericht umschrankt. Der Richter, welcher den Stab führte, 
sass allein auf einer Bank oder einem Stuhl in der Mitte, die 
sechs Urtelssprecher zu beiden Seiten, je drei auf zwei andern 
Bänken; Li den Schöffengerichten sind sonst vier Bänke gewöhn- 
licher, aber meistens ist auch die Zahl der Schöffen grösser, näm- 
lich 12. Jäger si^ zwar von dem kohlenberger Gericht, es habe 



^ 8. auch Geschichtsforscher X, 416. 

ß) Basel Rechtsquellen I, S. 90. H, 8. 6. — Grimm Wsth. I, 257, 310, 
331, 691 — Jahn, Canton Bern, S. 126, 408. — Vernaleken, Alpensagen, 
S. 378. — Arx, Buchsgan, S 99, 100, 174. — Bluntschli I, 211. Blul^er 
I, 60. — Wegelin, Toggenhnrg I, 168. — Berchthold, Frihourg 11, 59, 
— Begesser U, 101. — Zöpfl, Alterth. I, 61 s. auch oben S. 69. 

7) Blumer I, 267. 

8) Lfltolf, Sagen S. 361. 



396 

unter einem Vorstande 12 Beisitzer gehabt, aber für diese Ab- 
weichung von allen sonstigen Berichten nennt er keinen Gewährs- 
mann. 

Der Richter und die Beisitzer des kohlenberger Gerichts 
wurden genommen aus den Freiheitsknaben. „Zuo Basel 
haben wir ein völcklin, die nent man die frjetsknaben , das sind 
von stat verordnete sacktrager, die die frücht der obrikeit ufF die 
kästen (d. i. Kornböden) tragen." Ryff verbreitet sich, wie die 
kohlenberger Gerichtsordnung von 1559 , um den Namen zu er- 
klären, über ihre Freiheiten: „Do sind sy befreiet, das sy weder 
hietten noch wachen dörffen, wie andere burger oder hindersässen. 
So einer frücht uff ein kästen tregt, mögen sie den lohn heischen, 
als ob sie dieselb tragen hetten. Wo sy mit iemand zuo unfriden 
komen, mit ime rupfen und kein messer zucken, sind sie fräffels 
frey. Item so man inen umb geltschulden oder ander ansprochen 
für gericht bieten losst, sind sie zuo erschinen nit schuldig, so 
mag man si auch umb geltschulden nit in gfangenschaft legen. 
Item welcher weder burger noch hindersäss ist, der ist das zuo 
entpfachen nit gezwungen, sondern befreyt.** *) Der Name kommt 
aber doch schwerlich her von solchen Vorrechten und Freiheiten, 
so wenig als er, wenigstens in der Zeit vor 1559, beschränkt 
war auf solche Sackträger, sondern Freihart oder Freihartsbub 
— woraus man Freiheit und Freiheitsbub und Freiheitsknabe 
machte — weist eher auf eine licentia als eine libertas hin. Wie 
überhaupt der Begriff „Freiheit" auf eine Negation zurückgeht, 
so auch in diesem Fall ; aber die Freiheit war hier die üngebun- 
denheit, die Absonderung von der bürgerlichen Ordnung und 
Gesellschaft. Wie der Wohnsitz dieser Menschen, wenn sie über- 
haupt sesshaft waren, ausser der Stadt sich befand, so standen 
sie auch nur an der Peripherie des Rechts. Die Freihartsbuben 
des späteren deutschen Mittelalters gehören zu dem Genus der 
fahrenden Leute, deren viele Abarten, Bettler, Gaukler, Guzler, 
Gailer u. s. w. eine wahre Landplage jener Zeiten waren, wie uns 
die Charakteristik von Sebastian Brand's Narrenschiff zeigt Wenn 
wir die fahrenden Schüler auch nicht den herumziehenden Bett- 



9) Auch Fechter in seiner trefflichen Topographie des alten Basel (Basel 
im 14. Jahrhundert S. 113) hiUigt diese Herleitung. 



3ft7 

lern und Possenreissem zur Seite stellen können, ist docli ihr 
nnregelmässiges Leben nicht bloss auf einen unbefriedigten Wis- 
sensdurst zurückzuführen und die fahrenden Weiber, „die offenen 
fahrenden Frauen **, wie sie im Sittenmandat des Bürgermeisters 
Waldmann heissen, die „üppigen", „wandelbaren", „unendlichen 
Frauen" und „offenbaren Weiber", wie sie sonst genannt wurden, 
wallfahrteten nicht nach Rom oder Jerusalem. Genug, es gab 
viele Arten der fahrenden Leute und zu ihren gehörten die Frei- 
hartsbuben. Li einer 1502 zu Nürnberg gedruckten Notariatskuust 
heisst es: „Wenn der sun wer ein freyhart oder gaugkler wider 
willen seines vaters" *®). Nach einem Beschlüsse des schwäbischen 
Bundes von 1490 „sollen alle Bundesverwandten darauf halten, 
keine Freihartsbuben zu hegen, sondern wo die betreten werden, 
sie aus dem Gebiete des Bundes hinauszuschaffen" ^^). Auch in 
den schweizerischen Kriegen kommen sie als ein zügelloses An- 
hängsel der Armee vor und wurde gegen sie eingeschritten; so 
während des Burgunderkrieges in der Kriegsordnung von 1476 ^2), 
und in der Kriegsordnung aus dem Schwabenkriege von 1499 
heisst es: „Item, so sollten die Herster und freye Knecht als un- 
nutz und schädlich abgethan sein" *3). Die basler Freiheitsknaben 
haben mit den sonst unter diesem oder ähnlichem Namen vor* 
kommenden herumziehenden Menschen das gemein, dass sie eine 
sehr niedrige Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft einnehmen, 
sie sind aber im 16. Jahrhundert als „von der Stadt verordnete 
Sackträger" in oder bei der freien Stadt Basel domicilirt und ge- 
nossen hier Freiheiten, besonders in gerichtlicher Beziehung; aber 
diese Freiheiten hatten ihre Kehrseite, indem jene Leute unmittelbar 
der strengen Controle des Reichs- oder Blutvogts unterworfen waren. 
Der älteste und oberste der Freiheitsknaben machte im koh- 
lenberger Gericht den Richter, sechs andere waren Urtelsprecher 
und Ryf f berichtet: „Derselbig richter muoss alle zeith, so lange 

*•) Haltaus, Glossar, s. v. Freyhart p. 507. Vgl. das Wörterverzeichniss 
zum Stadtrecht von Ofen s. v. Freihält. Sehmeller I, 608. Lex er, Glossar 
zu den Chroniken der fränkischen Städte I. 

^1) KlÜpfel, Urkunden zur Geschichte des schwählschen Bundes I (1846) 
S. 87. Ah egg im Archiv des Criminalrechts 1854, S. 458. 

13} Buxtorf-Falkeisen zu KnebeTs Chronik II, S. 213. 

W) Stettler's Schweizer-Chronik I, S. 336. 



398 

er zuo gericht sitzt, es sey sommer oder winter, den tecliteii 
Schenkel bloss in einem nenwen ziber mit wasaer liaben, nnd alle 
nnd iede gerichtstag mnoss man ime ein anderen ziber kanffen, 
der nie broncbt worden sej. Die anderen 6 richter mtzen mit dem 
rechten schenckel blos.^ Nach Platter „mnss jeder Hnder inen 
ein nachenden fos in eim znber mit wasser han^. 

Die sonderbare Vorschrift ist schwer zu erklären. Man denkt 
wohl zunächst an die Unreinheit dieser Lente. Hinsichüich des 
Sichters konnte man darin yieUeicht einen Best keltischer Gewohn- 
heit sehen, zumal wenn man geneigt ist, das Unerklärte keltisch 
zn nennen. Grimm RA. 799 bespricht die alten Gerichte in der 
Nähe des Wassers**) nnd meint, das heilige Element scheine nr- 
sprünglich zu Gterichtshandlnngen erfcHrderlich gewes^i zn sein; 
das keltische Alterthnm habe sogar Gerichte gekaimt, die anf 
dem Wasser gehalten wurden und wenn der Richter das Urtheil 
verkündete, habe er mit seinem rechten Fuss das Wasa» des 
Sees berühren müssen. ^ 

Die sechs Urtelsprecher sassen mit dem rechten Sdienkel 
bloss. Es sollte dadurch wohl ihre Niedrigkeit kenntlich gemacht 
werden, wie ein analoger Fall aus dem 14 Jahrhundert zdgt 
Nach dem bamberger Stadtrecht § 256 b bcXL der zahlungsmifldiige 
Schuldner, nachdem er eidlich gelobt, dass er alles, was er f&rbaa 
erübrige, über seine Nahrung und über einen Schilling Pf(nmmg, 
dem Gläubiger bis zur gänzlichen Tilgung der Schuld reichen 
wolle, fortan, anweil er den ESoger nicht vergolten hat, an dem 
rechten Bein und Fuss barschenkel und barfoss gehen. Die basler 
Freiheitsknaben waren auch alltäglich mit Fnss- und Beinbeklei- 
dung nicht reichlich versehen. Nach der Ordnung von 1465 für 
das kohlenberger Gericht soll der Vogt dasselbe besetzen „mit 
den rechten Freiheiten, die da ohne Hosen und ohne Messer ^^ 
gand*'. Ein Ueberfluss an Hosen war überhaupt nicht bei den 

U) V^ Basel im 14. Jahiliimdert 8. 65. 

^S) M^noires de l'^cad. celtiqne. Tom. V (1810), p. 143. 

^ Wenn vom Recht des fireien Msnnes im Mittelaher Wctai sm tragen 
die Bede ist, so denkt man swar dabei nicht an Messer (s. jedoch Orimm B^ 
773); aber es kam doch vor, dass dnreh ein StraferUi^ Sehwert nad Mim »er 
Jemandem abgesprochen wnrde (Qrimm R.A. S88) s. oben & llft. — b Basel 
bestimmte eine Verordnung 1397, wer das Becht haben sollte^ ^laage Messer' 
sn tragen. S. Ocbs ü, 431. 



399 

alten Baslern. In einem Gesetze von 1506 heisst es: ^Wer auf 
die Stube (nämlicli Zunftstube) zehren gehet, ohne Hosen, er 
habe denn einen langen Rock an, dass man ihm die Beine nicht 
sehen möge, der gibt sechs Pfenninge zur Besserung*' *^). In einer 
Jahresrechnung von 1466 sind ein Paar Hosen für den Gerichts- 
schreiber notirt „die Vergichten zu lesen*' **), damit er also bei 
einer feierlichen Amtsverrichtung sich mit Würde präsentiren 
könne. Ein Ritter, der zu den ünzüchtem gehörte, erhielt 30 
Schillinge zu einem Paar Hosen (Basel Rechtsq. I, S. 28). Nach 
der Ordnung für die Btichsenschützen 1466 bestand der erste 
Gewinn bei einem Schiessen in einem Paar Hosen, zu deren An 
Schaffung der Rath einen halben Ghilden beisteuerte. *®) 

Das kohlenberger Gericht war ein rechtes iudicium parium. 
Die Gerichtsglieder waren von demselben Menschenschlage, wie 
diejenigen, deren Sachen auf dem Kohlenberge verhandelt wurden. 
Den Kern der Competenz des Gerichts gibt Ryff mit den Wor- 
ten an: „Vor disem gericht rechtfertigen die scharpffrichter und 
salvo honore die schinder einander, und wan ein erlicher man mit 
iren einem ansproch bekäme, so miest er si doselbsten anklagen.^ 
In dem von Platter referirten Falle von 1559 klagte Meister 
Pauli, der Nachrichter, wider einen andern Nachrichter Schelt- 
worten halber (Rechtsq. I, S. 427). Im Januar 1586 wurde eine 
Sache zwischen Meister Georg, dem Scharfrichter von Altkirch, 

^7) Ochs V, 379, vgl II, 100 über die Stuben. 

W) Ochs V, 84. 

W) Bmckner a. 1605. S. auch Segesser n, 416, Anm. 4. — Mone's 
Ztschr. VI, 189. Ueberh&upt kommen Hosen als Ehrengaben und Geschenke 
in der alten Schweiz sehr häufig vor. S. Oelhafen, Chronik der Stadt Aarau 
B. 44, 50, 51, 56, 64, 67, 74, 82, 85. — In Sempach erhielt der Leutpriester 
Bucher 1604 ein paar Hosen, weil er das Jahrzeitbuch copirt hatte; im Jahr 
1630 gab der Rath seinem Schultheissen P. Genhard ein paar Hosen, dass er 
so lange „wohl huss^ehalten^ (Bölsterli, Heimathskunde für den Kanton 
Luzem I, 8. 52). — In unserer neuen guten Zeit würde die gestrenge Polizei 
es keinem Manne erlauben, sich öffentlich ohne Hosen zu zeigen, es ist aber 
jetzt auch viel leichter, sich in den Besitz dieses unentbehrlichen Kleidungs- 
stückes zu setzen als früher, wo dasselbe, die eng anschliessende Bekleidung 
des ganzen Beins (Grimm, Gesch. der deutschen Sprache U, 694. Rettberg 
im Anzeiger ftir Kunde der deutschen Vorzeit, 1858 S. 217) von sehr solidem 
Stoff, vorzugsweise von Leder, war. In Glarus vmrde fftther dem Hochzeiter 
aus der Landeskasse ein Paar Hosen von Gkmsleder verehrt 



4fiO 

und Wondelin Yollmar, dem Wasemnelster von Schöpfen (Schopf- 
heim) verhandelt; eine andere Sitzung fand am 5. März desselben 
Jahres in dieser Sache statt und es wurde der Wasenmeister in 
den Eselsthurm zu legen erkannt^) Es erstreckte sich aber die 
Gkrichtsbarkeit auch auf andere anrüchige Menschen, auf Bettler 
und Herumtreiber. Blinde, Lahme, Giler (Gjler) und Stim^nstosser 
werden specieU genannt Dass schcm im Mittelalter, um ein Bettel- 
patent zu haben, ganz wie jetzt in London, Leute sich allerlei 
körperliche Gebrechen andichteten, sich lahm, blind und krüppel- 
haft stellten, zeigt die malerische Beschreibung in Brand's Narren- 
schiff. Gejler kommen auch in den Statuten von Kölln 1437 vor, 
in der Verbindung Ton Lediggängem und Mulenstosaer, und wenn 
jenes Wort seine Stammbedeutung im gothiachen gailjan = er- 
freuen, firdhUch machen, hat 2^), so entspricht es den Poaaenreia- 
sem, Schalksnarren, Gauklern, ioculatores, die in den Bechta- 
quellen nicht selten unter den fahrenden Leuten und Anrüchigen 
genannt werden. Die Stimenstoeser fuhrt auch Seb. Brand an, 
sowie, und zwar in Verbindung mit Blinden und Lahmen, eine 
hizemer BathsTerordnung Ton 1437 ^). Dass auf dem KoUenberge 
dieses Gesindel eine Freistätte hatte und di»rt ach eine fom^he 
Kolonie derselben ansiedelte^, also an demselben Orte, wo der 
Nachrichter mit seinen Elnechten wohnte, ist ans dm Chroniken 
bekannt und Yon Burckhardt nachgewiesen. „Zu Basd auf i&n 
Kolenberg, da treiben sie Tiel Bubenwerk^, rdmt Brand im Nazren- 
sduff. Unzweifelhaft gehorten zu diesem Vdk die Zigeuner, welche 
im Anfange des 15l Jahrhunderts in die Schwdz emdrangen. ^) 



^ Brttekaer*s Foitsetnag dtr WnsüscaadMi Claonk s. a. 158$ 

'') S^ ab«r Zaraeke sna Nairaa^iff CS^ 2, itr ^ilem ab: 
aad aaTaiscUtel £»4««, tettfria aauat 

S>) Segesser IL 39S TgL 8äL ITctar iSm Dga t aa gn 
Zaraeke a. a. a SS, 11 

^ Yamteng Taa 153T» das V«tlio4 caer ^nittfidyift 
Wige «a&alta^ (Ke^ts%. I, No. 2^|l Bettri(»daai|^ Toa 1573. (Wustisam*^ 
OMaik s. a.) Slaa Aafinkfaaig ^«nekied«Mr Altem dar 
Butter iaiet aa^ m (Brackaar*s> M«k:«ar««^kesJEea 4k 
aukk Tm, & Sad C -- Stro^al, Ekaas m^ 391. 

M) Jmstiasar^ Baner-dataalk 8^ 3Si, Maa* ab dwiakr i 
Um» 1419; sIt soltea idbtr laB^^ at^M U14 iiagiilnaif la aab» s.1 
14. Ji^kaafert a 112. -> Sirobal, Sbaaa m^ Ifi. 



401 

Der Kohlenberg war auch einer der Wohnplätze ^leichtfertiger 
Franen" (Rechtsq. I, No. 166). 

Die Ausdehnung der Gerichtsbarkeit und eine Beschränkung 
derselben erkennen wir auch aus der Verordnung von 1469: 

1. Unzuchten jUnd Frevel von leichten, schnöden Leuten, als 
fahrenden Töchtern 2*) , Frauen- Wirthen und Wirthinnen sollen 
nicht auf dem Kohlenberge gerichtet werden, sondern an die 
„Unzüchter" 26j kommen, aber um Schulden xmd dergleichen 
Sachen solcher Personen mag der Vogt auf dem Kohlenberge rich- 
ten, wie von Alters Herkommen ist 

2. Unzuchten und Frevel mit Worten und Werken begangen 
von Blinden, Lahmen, Gilem imd Stimenstossem , Nachrichtem, 
Todtengräbem und deren Knechten soll der Vogt richten (auf 
dem Kohlenberge), wie es in dem rotben Buche steht und von 
Alters Herkommen ist 

Die Einleitung des Rechtsverfahrens und das Bannen des 
Gerichts weicht nicht bedeutend ab von den Formen, die wir aus 
so vielen Nachrichten über die alten Schöffengerichte kennen. 
Eigenthümlich ist, dass der Richter den officiellen, festen Namen 
Lamprecht führte imd angeredet wurde: Lamprecht, du Richter 

S5) BemerkenBwerth ist, dass in Augsburg der Henker nicht bloss die Auf- 
sicht, sondern auch eine Gerichtsbarkeit Über die ,,Yamden Frenlin^ hatte, s. 
Stadtrecht von 1276, S. 47, 48; s« auch Reynitzsch, über Truhten, S. 274. 
Siebenkees Beiträge I, 56. — In Asperg hatte der Büttel zu entscheiden und zu 
strafen in Händeln, die sich begeben zwischen leichtfertigen Personen, als Huren 
und Buben, damit das Gericht mit solchen schändlichen Sachen nicht beladen werde, 
(Reyscher, altwürtemb. Stat. 8. 110). — Solche Frauen standen aber nicht 
bloss an fürstlichen Höfen, wo sie mehr Ansehen genossen, sondern auch in 
Städten nicht selten unter höheren Gerichtsherm. In Basel hatte während des 
Concils der Herzog von Sachsen als Reichsmarschall die Aufsicht über die 
Frauenhäuser und über die öffentlichen Frauen, s. Maurer, Fronhöfe U, S. 343. 
^) lieber diese s. Ochs U, 358 ff. UI, 535: „Die Unzüchter waren drei 
an der Zahl, ein Ritter und zwei Achtbürger aus dem neuen Rath. Ihre Ge- 
richtsbarkeit wurde in diesem Zeitraum <15. Jahrhundert) so bestimmt: Sie 
sollen richten über die Ausgeklagten, die Viehkäufe, die, welche vor Gericht 
nicht erscheinen wollen, das Messerzucken und die Schläge; sie sollen aber 
nicht über die Händel der Buben richten, die keine Hosen tragen, wie auch 
nicht, wenn offene Frauen einander Huren sagen.^ Die Verordnung, auf welche 
Ochs sich hier bezieht, scheint älter zu sein als 1469. — Neuerdings hat die 
Bedeutung und die Competenz der Unzüchter besprochen Schnell in: Basel 
im 14. Jahrhundert S, 353 ff. 

OsenbrOggen, rechtsgesch. Studien. 26 



402 

etc. Gteduzt wurden ebenfalls die Beisitzer. An die Stelle des 
Lamprecht in der Anrede scheint aber später, wenn die Relation 
bei Ochs richtig ist, der wirkliche Name des Richters getreten 
zu sein. Eigenthümlich ist femer, dass nicht der Richter, sondern . 
der jüngste Amtmann aus der Stadt Bann und Frieden des Ge- 
richts wirkte. Nachdem der ESäger einen Fürsprecher begehrt 
hatte, sagte der Fürsprecher: „Richter *, willst du richten? Ja. 
So lasse nun dein Gericht verbannen.** Da wendet sich der Rich- 
ter an den jüngsten Amtmann: „Verbannet ihr das Gericht". „Ich 
verbanne dir dein Recht, zu einem Mal, zum andern Mal und 
zum dritten Mal, dergestalten, dass da Niemand rede ohne seinen 
Fürsprecher, es werde ihm denn erlaubt" 

Die hierin hervortretende Unselbststandigkeit des Q^chts 
kontrastirte zu dem Stabe, den der Richter als Symbol der rich- 
terlichen Gewalt führte. Als Ry f f das Gericht nach eigener An- 
schauung beschrieb, stand es unter dem Befehl und Schirm des 
Vogts des Stadtgerichts in Basel, vielleicht bestand es aber schon 
vor der Zeit, als die Stadt die Reichsvogtei vom Kömg Wenzel 
erhielt (1386) und war damals selbstständiger. Den Ghrund der 
Bevormundung und wie diese äusserlich hervortrat, erzählt Ryff : 
„Diewil nun dise, als schlechte leuth, gwiss zuo urteilai zno 
schlecht und unverstendig, so sind die geschwomen amptleuth und 
procuratores der stat Basel zuogegen ; die tragen den parteyen klag 
und antwort für. Der bluotsvogt stott hinder dem richter am schran- 
ken und die 2 eltisten amptleuth neben dem vogt, die 2 jüng»en 
amptleuth hinder den 6 urtelsprecheren. Der vogt unterwist den 
richter, was ex thuon und lassen soU.*^ 

Wenn Klage und Antwort vorgetragen waren von den Für- 
Sprechern der Parteien, so begaben sich die Urtelsprecher in em 
Haus (die St, Jakobs-Stube). *n Der Vogt und die Amtleute gin- 
gen nach, um ihnen Rath zu ertheilen. Wenn jene nach der Urtd- 
iindung wieder heraustraten, fragte der Richter die ^Freiheiten* 
nach einander: ..Lamprecht, wess hast dn dich bedacht?^ Hier- 
nach haben auch die Urtelsprecher den Namen Lamprecht geführt, 

^} Der Richter bleibt auf seuaa StaU, dem er warnt ^dt am 4ßm Ur- 
theilsfinden TheiL soU «oeh kernen Knfioss dmaf Iben: das ist die a ltd e alacfc e 
R^;el (Blnntschll I, 20^ aowie das Beiseitege^eB da CiAeOer (OriBB 
RJL TS6-) 



403 

Der Richter, welcher das Urtheil öffentlich verkündete, stiess 
dann den Zuber mit Wasser mit dem Fusse um, nach Platter's 
Bericht. Diess erinnert daran, dass am Schlüsse eines altdeutschen 
Gerichts, im Gegensatz zu dem Bankspannen im Anfange, die 
Bänke gestürzt wurden. ^8) 

Das Urtheil wurde vom ^ordinären" Gerichtsschreiber ver- 
schrieben, und wenn eine Partei eine Urkunde darüber begehrte, 
80 setzte der Vogt sein Siegel darunter. (Rechtsq. I, S. 427.) 

Ein Trunk fehlte dem Richter und seinen Beisitzern nach 
Beendigung der Gerichtssitzung nicht. Der Vogt hatte ihnen — 
doch wohl jedem derselben — ein Viertel Wein zu geben, konnte 
ihnen aber auch mehr spenden. Er musste auch mit den Amt- 
leuten und Fürsprechern zum Wein gehen und ihnen nach freiem 
Belieben „einen Vortheil thun". Das war nicht eine besondere 
den Vogt belastende Liberalität, sondern er hatte auch von diesem 
Gerichte und dessen Dingpflichtigen seine Einkünfte und in diesem 
Finale wurde eine allgemeine deutsche Sitte bewahrt. 29) 

Entstehung und Alter des kohlenberger Gerichts sind dunkel. 
Ryff berichtet, es seien nur vier solche Gerichte im römischen 
Kaiserthum als eine besondere Freiheit von Kaisern gegeben, 
eins sei zu Augsburg, eins zu Hamburg, eins zu Basel; der Name 
der vierten Stadt ist ausgefallen oder ihm entfallen. Mit dieser 
historischen Notiz ist aber wenig zu machen, da Berichte über 
solche Gerichte in jenen Städten mangeln. Um etwas über ein 
derartiges Gericht in Hamburgs alter Zeit zu erfahren, ersuchte 
ich einen Freund desshalb nachzuforschen, und erhielt die Ant- 
wort, dass der gründlichste Kenner hamburgischer Rechtsalter- 
thümer, Lappenberg, kein Bedenken trage zu erklären, dass 
ein solches Gericht, welches dem baseler nur entfernt ähnUch 
gewesen, in Hamburg nicht nachzuweisen sei. Mittlerweile habe 
ich für andere rechtshistorische Zwecke die Geschichte Augsburgs 
im Mittelalter studirt, aber weder bei Gassarus, noch in P. von 
Stetten's trefflicher Geschichte der Stadt Augsburg, noch an- 

W) Grimm RA. 852 

W) Grimm R.A. 314, 529, 869, 871; Wsth. I, 580, 588, 589, 802; II, 87; 
III, 568. — Frankfurt a. M. 1297 § 11, 12: „quartale optimi vini." — K al- 
ten back XXXrV, 55. — Thudichum, Gesch. des Freiengerichts Kaichen 
in der Wetterau S. 65 s. auch oben S. 61, 62. 

26* 



404 

derswo eine Notiz über ein derartiges Gericht gefunden, das die 
Chronisten schwerlich unbeachtet gelassen haben würden, wenn 
es ihnen aufgestossen wäre. 

Da der Vogt der Stadt als Schirmherr und Vorsteher des 
kohlenberger Gerichts genannt wird, könnte man geneigt sein, 
den Anfang des Gerichts erst nach Entstehung dieser Vogtei zu 
setzen. Wir wissen nun, dass die Vogtei erst nach dem Tode 
Herzog Leopolds, der dieselbe als Pfandschaft inne gehabt hatte, 
von König Wenzel der Stadt übertragen wurde, 1386. *•) Damit 
kann man in Verbindung setzen, dass in der Verordnung über 
die Competenz dieses Gerichts von 1469 zurückverwiesen wird 
auf das „rothe Buch", dieses aber die Gesetze und Verordnungen 
von 1360 bis 1427 umfasst. Dagegen wäre es möglich, dass das 
Gericht nach 1386 in die Abhängigkeit vom Vogte gekommen 
und damit in eine neue Periode eingetreten sei, aber schon früher 
bestanden habe. Nach Ochs war es schon lange vor diesem Jahre 
eingeführt; leider macht er zwar diese Angabe ohne historischen 
Beleg, aber er stützt sich wohl auf die älteste ihm bekannte Ver- 
ordnung, in welcher berichtet wird von dem, was „von den Alten 
erfahren ist'^. Für das höhere Alter des Gerichts liesse sich viel- 
leicht noch anführen, dass wenn dieselbe erst nach 1386 einge- 
setzt wäre, es wohl aus dieser Zeit einer urkundlichen Geschichte 
Basels nicht an einer Notiz über dessen Entstehung fehlen würde. 

Wenn aber auch das Gericht schon vor der Uebertragung 
der Reichsvogtei an die Stadt bestanden haben kann, lässt sich 
doch aus einem andern Umstände schliessen, dass es nicht sehr 
alt, sondern erst im späteren Mittelalter entstanden ist. Das Ge- 
richt war zimächst da für die Scharfrichter imd Schinder und es 
wurde dort gehalten, wo der Nachrichter und seine Gesellen 
wohnten. Als eine Kaste von Menschen, deren Beschäftigung für 
entehrend gehalten wurde, gelten die Nachrichter und Consorten 
erst im späteren Mittelalter und, was entscheidend ist, erst da 
finden wir sie überhaupt als vom Staat angestellte Leute. Als 
das Compositionensystem noch die Regel bildete, war die Hinrich- 
tung auf einige bestimmte Fälle beschränkt; sodann wurde die- 

30) Ochs II, 303. Arnold, YerfassuBgsgescli. der deutschen Freistädte 
n, 394. 



405 

selbe als letzter Akt der Rechtfertigung dem obsiegenden Kläger 
oder der Familie des Getödteten überlassen, oder der Fronbote, 
einer der Schöffen etc. besorgte dieselbe'^). Maurer erwähnt, 
dass er die erste Erwähnung eines vom Staat besoldeten, aber 
durchaus noch nicht anrüchigen Scharfrichters in einer Urkunde 
von 1265 gefunden habe. Dass Augsburg im 13. Jahrhundert 
einen Henker hatte, sehen wir aus dem Stadtrecht von 1276, 
S. 46 ff. In Betreff Strassburgs erwähnt Maurer, dass im alten 
Stadtrecht ein Stockwart (custos cippi sive carceris) vorkomme, 
ohne dass schon bemerkt sei, ob derselbe auch die Executionen 
besorgte. Dass dieses nicht der Fall war, zeigt Art. 19 ff. des 
Stadtrechts, welches wohl dem Ende des 12. Jahrhunderts ange- 
hört 52). Der Stockwart soll „scheren und villen", den Verurtheil- 
ten zum Galgen führen, den Galgen aufrichten, die Leiter an- 
legen, aber ein angesehener Beamter, der Stellvertreter des Vogts 
(vicarius advocati) vollzieht die Execution. ^^ — Wann in Basel 
zuerst ein Henker angestellt wurde, kann ich nicht nachweisen; 
Gross erwähnt einen solchen im Jahr 1380. Es mag hier, wie 
in andern Städten, zur festen Anstellung eines Henkers die Ver- 
breitung der Folter, deren Handhabung ihm und seinen Kjiechten 
zufiel , beigetragen haben , und die Folter hat Ochs H. 360 in 
der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erwähnt gefunden. 

Wenn die uns von Ochs mitgetheilten Formeln, in denen 
das kohlenberger Gericht gebannt und Fürsprecher begehrt wur- 
den, die ursprünglichen sind, so lässt sich aus ihrer nüchternen 
Fassung und modernen Sprache schliessen, dass das Gericht kein 
hohes Alter hat Diese Formeln könnten nun zwar im Verlauf 
der Zeit modemisirt sein, allein es ist bekannt, dass man im Mit- 
telalter an der Form überlieferter Formeln, auch wenn sie schon 
in einzelnen Ausdrücken unverständlich geworden waren, nicht 



3t).Qrimm R.A. 883 ff. Maurer, Gesch. des altgerm. Gerichtsverfahrens 
S 245, s. oben B. 169, 170. 

3«) Arnold, a. a. O. I, 8. 90 ff. 

33) Es mögen aber manche SteUen in den altdeutschen Rechtsquellen, nach 
denen es den Schein hat, als ob der Vogt selbst die Execution vollzogen 
habe oder sein Vertreter, so zu deuten sein, dass er, dem im Namen von 
Kaiser und Reich der Blutbann verliehen war, die Leitung der Hinrichtung 
hatte. 



406 

Ideht änderte, und wenn snch Ochs die Spndie hier etwas 
modeinidrt haben mag, hat er doch nnzweifelhafi den Inhalt 
unberührt gelassen und dieser spricht nicht för ein hohes Alter 
der Formeln. 

So wie die Zeit der Entstehung des kohlenberger Gerichts 
ach nur annähernd bestimmen lasst und nur yermuthet werden 
kann, dass es ans dem 14 Jahrhundert stamme, so lasst sich auch 
die Zeit seines Untergangs nur ungefähr angeboi. Die Ausübung 
der Jurisdiction desselben wurde seltener, seit die Pdizei strenger 
gehandhabt wurde gegen die Land- und Stadtplage des Mittel 
ahers, die fahrenden Leute und die grosse Masse der bettelnden 
Proletarier. Jäger meldet: «Dieses Tribunal wurde am Ende des 
lo. oder zu Anfang des 16. Jahrhunderts aufgehoben. Grewks ist 
es^ dass es 1474 noch bestand, in welchem Jahre, wie Gross in 
smier kleinen basler Chronik erzählt es einen Hahn zum Feuer- 
tod Ycrurtheilte , der überwiesen war, ein Ei gelegt zu haboi.^ 
Das klingt historisch, ist es aber nicht Dass der Hahn ein Eä 
gelegt hatte, war ein Prodigium und ist als solches Yon dem ge- 
lehrten «Kirchendiener'^ Johann Gross besprochoi. Der Hahn ist 
sammt dem Ei auf der Bichtstatt des Kc^enbergs Terbrsnnt 
worden, aber mit dem kohlenberger Gericht stand dies gar nidt 
in Verbindung. Jäger's Behauptung in Betreff des Aufhorens 
dieses Grerichts, ohne Nachweis einer QueDe hingestellt, ist eben 
so unrichtig. Felix Platter referirt als Zeitgenosse über m 
1559 gehaltenes kohlenberger Gericht; Byff's ^Zi^el der Eidt- 
gnoschaft" ist Tom Jahr 1597 und darin ist das Gericht als ein 
bestehendes am ausfuhrlichsten geschildert Da kein späterer Fall 
s^n^ Auftretens erwähnt ist, so darf man aniH^hnMm, dass es im 
17. Jahrhundert Tcrschwand, denn t(mi oner plötzHchoi Aufhebung 
d^selben in den drei letztoi Jahren des 16. Jahrhunderts ist nir* 
gends die Rede. Brückner schreibt: ^Zu welcher Zeit dieses 
Gericht abgegangen, kann man nicht eigentlich bestimmen: Ter- 
muthlich ist es allgemach geschehen, besonders zur Zeit, da die 
Vogtei des Crerichts oder der Grerichtsrogt, so in die Rechte der 
Reichs- oder Blutrogte eingetreten, aufgehoben w»den; scdches 
geschähe 1672. Dessen Verwaltung ward dem Schuhheissen zu 
seinen übrigen €resehäften übertraglen.'^ 

Das kohlenberger Gericht streift zwar an den Humor und 



407 

mag den Baslem während der letzten Zeit seines Bestehens als 
eine Karrikatnr eines Gerichts erschienen, sein, allein es hatte doch 
bei einigen sonderbaren Formen durchaus nicht den Charakter 
einer Spielerei und ist sehr verschieden von den parodirenden 
Gerichten, die noch weit über die Zeit des Mittelalters hinaus als 
Spiele der deutschen Romantik in einigen Ländchen der Schweiz 
bestanden haben. Es ist noch nicht lange her, dass in Appenzell 
am Tage nach einer Landsgemwnde im Freien ein Narrenrath 
gehalten wurde 5*), der den Landrath parodirte. Privatleute über- 
nahmen scherzweise die Funktionen und Titulaturen der Beamten, 
beriethen Landesangelegenheiten und entschieden Processe, alles 
zwar in komischen Formen, aber doch war das „ridendo dicere 
verum" nicht zu verkennen und Urtheilssprüche dieses Tribunals 
sollen nicht selten in wirklichen Streitfällen als rechtsgültig aner- 
kannt worden sein, weil sie das Rechte trafen. In dieselbe Kate- 
gorie gehört der „grossmächtige Rath" in Zug, der schon vor der 
Mitte des 14. Jahrhundert vorgekommen ist, und bis 1798 ge- 
dauert hat^). Es war diess eine Gesellschaft, die sich selbst 
constituirt hatte und sich selbst ergänzte und deren Autonomie als 
altes Recht Niemand bestritt; sie verfolgte auf der einen Seite 
die Zwecke einer muntern Genossenschaft, auf der andern Seite 
übte sie eine sittenrichterliche Gewalt aus. Alljährlich am schmu- 
tzigen Donnerstage 36) wählte sie auf dem Gerichtsplatze unter 
der grossen Linde ihren „frommen ehrlichen" Schultheissen und 

3*) Rüsch, der Kanton AppenzeU (Gemälde der Schweiz XIII) 1835. 
Vgl. über das Narrenfest im Thurgau Pupikofer, der Kanton Thurgau S. 148. 
Vernaleken, Alpensagen S. 357. ■■— Aus Zofingen meldet Frickhardt in 
seiner Chronik II, 92 Anm., dass in einem Kaufbriefe von 1479 der lieben 
Frauen Bruderschaft zum Narren gedacht sei, in einem Vergabungsbriefe von 
1486 des „Narrenknaben-Gartens", in einer Vergabung von 1480 der Narren- 
geseUschaft. — Ueber eine Cour de folie am Hofe des Grafen von Gruy^re 
s. Berchthold, Fribourg I, 112. — Maurer, Fronhöfe n, 411. 

35) Stadiin 's Geschichte von Zug I, 134. H, 45. Anm. 56. IV, 143 fF. 
Renaud, Beitrag zur Staats- und Bechtsgeschichte des Kantons Zug (1847) 
S. 37 ff. 

36) „Schmutziger Donnerstag" Ist noch jetzt eine Benennung fttr den Don- 
nerstag vor Fastnacht. Der auch gebräuchliche Name „fetter Donnerstag" 
(z. B. in Luzem) zeigt die Bedeutung. Schmutz ist == Fett, Schmalz, und an 
jenem Tage wird viel gebraten und geschmort. Schmutzen und schmutzen heisi^t 
sowol mit Fett schmieren als auch mit Fett, Butter u. dgl. kochen und braten^ 



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setzte die sonstigen Beamten ein, welche seltsame Kamen führten: 
der Isengrind, das Htihnerbrett, der Judenspiess, das Leiterli etc. 
Zu den Einkünften des Schultheissen gehörte, dass jeder, der in 
seinem Amtsjahre eine Frau freite, die 200 Pfund mitbrachte, 
ihm ein Paar Hosen, wer weniger durch die Frau bekam, ein 
Paar Schuhe verehren musste. An Festtagen zogen die Mitglieder 
des Raths „in die Häuser frei, zu ersuchen, was kochet sei*^. Aber 
hinter dem Humor blickte der Ernst hervor, wenn eheliche Un- 
treue und Unzucht zu rügen waren; da wurden Strafen von 
neckender und beschämender Art verhängt Es erinnert diese 
ergänzende Justiz an die Vehme des bayerischen Gebirges, die 
unter dem Namen des Haberfeldtreibens '^ bekannt ist und 
noch oft ein Lebenszeichen von sich gibt; aber das Richten des 
grossmächtigen Raths von Zug war öffentlicher und harmloser als 
diese bayerische Lynchjustiz. 

Sehr verwandt jenem Institut von Zug war ein Sittengericht 
in Rapperswil imter dem Namen „Saugericht", „tmüberwindliche 
Gewalt der Junggesellen'^, auch „Knabenzunft*^ ^). Diese Zunft 
hatte ihren Schultheissen, Fähnrich, Stubenmeister, Weibel und 
Trommelschläger, ja sogar ihren Vikar, und hielt im Fasching 
ihren Umzug und Tanz. Wenn sie als Sittengericht auftrat, be- 
stimden die Bussen in Wein, die nach der Grösse des Vergehens 
bis auf 6 Köpfe (= 12 Maass) Wein stiegen. Von den Erkennt- 
nissen konnte an den „Kleinen Rath*' appelliri werden. 

Während einer Periode seines Bestehens übte auch der „äus- 
sere Stand" in Bem^) sittenpolizeiliche Gewalt aus. Sein Ursprung 
wird in die Gründungszeit der Stadt verlegt und die Herzoge 
von Zähringen sollen die Stifter sein, daher der Stand die zäh- 

(Stalder s. v.). In Baden im Aargau ist am schmutzigen Donnerstag regel- 
mässig ein grosser MaskenbaU ; in Luzem der Frltschizug. Die Russen nehmen 
eine ganze Woche, die „Butterwoche", als gegensätzliche Vorfeier der bei ihnen 
sehr strengen Fasten. 

37) Die Haberfeldtreiber. Oberbaierisches Sittenbild von C. Keyn (Stutt- 
gart 1855», besonders S 46 ff. Seh melier IV, 25. Bavaria I, 1 S. 298, 420. 
L. Steub, das bayerische Hochland iS. 264 ff. 

38) Rick^'.nmann, Gesch. der Stadt Rapperswil (1855) S. 167. 

^9) Leu 's Anmerkung zu Simler's Regiment der loblichen Eydgenoss- 
schalt (Zfirich 1722) S. 545. B. Hidber, der ehemalige sog. äussere Stand 
de? SUdt und Republik Bern. (Nei;gahrsblatt von 1858). 



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ringer Farben führte. Die Q-esellschaft junger Leute war anfangs, 
eine kriegerisclie , seit 1556 eine friedliche und in dieser zweiten 
Periode hatte sie sittenriehterliche Functionen übernommen. In 
der dritten Periode von 1684 bis 1798 war der Zweck, für die 
junge Bürgerschaft eine Schule abzugeben, „darin sie des Standes 
Principia und Regierungsmanieren" lernen könnte. Die Gesell- 
schaft hatte zwei Schultheissen, welche gewöhnlich demnächst in 
den Grossen Rath befördert wurden, und sonstige Beamte bis zu 
den Weibeln und Läufern hinunter, die des Standes Farbe trugen. 
Den Landvogteien des wirklichen Regiments zu Bern oder des 
inneren Standes entsprachen bei dem äusseren Stande 80 zerstörte 
Schlösser, welche ehedem im bemer Gebiete gelegen hatten. Nach 
diesen Schlössern führten die Vögte des äusseren Standes den 
Namen. Das Wappen desselben zeigte einen auf einem ELrebs 
sitzenden Affen , der sich mit der rechten Hand einen Spiegel 
vorhält, und die Unterschrift: „Imitamur quod speramus*^; daher 
der Gesellschaft auch der Name Affenrath gegeben wurde. 

Aus dem vormaligen Luzem erzählt Simler**), dass die 
jungen Bürger den Gebrauch hatten, an jedem St. Johannistage 
aus der Gemeinde einen zum Ammann zu erwählen, der etwas 
Spottwürdiges begangen hatte. Dieser fungirte bei dem Umzüge, 
bei Mahlzeiten und in Zunftgesellschaften und wurde wie ein 
Rathßherr behandelt. Die Stadt beschenkte ihn mit einem Rock, 
und jeder Bürger, der sich verheirathete , spendete ihm in der 
Regel ein Paar Hosen ; dafür hatte er aber am Johannistage etwas 
Unkosten. Nach Leu soll diess eine humoristische Nachahmung 
des früheren Ammanns der Herrschaft Oesterreich sein, der dem 
Stadtrath beiwohnte, um zu hören, ob nichts wider die Herrschaft 
vorgenommen werde. 

Von einer Gesellschaft junger Leute in Graubünden, speciell 
im Domleschg, die auch eine sittenrichterliche Tendenz hatte, 
erzählt Lehmann in seinem „patriotischen Magazin von und für 
Bündten" (Bern 1790) S. 239. 

Lehmann berichtet: Die sämmtlichen ledigen Mannspersonen 
eines Dorfes von 12 Jahren an und darunter treten in eine ge- 
wisse Gesellschaft, welche sie die Knabenschaft nennen. Jeder 

40) A. Ä. O. S. 512. 



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muss sich mit einigen Maassen Wein in die Gesellschaft einkaufen. 
Diese wachen über ihre eigenen und der Mädchen Sitten; sie er- 
lauben Fremden bei Nachtzeit keinen Zutritt, es wäre denn, dass 
man redliche Absichten auf ein Mädchen hätte und sich die Er- 
laubniss sie zu besuchen von ihnen mit ein Paar Quart Wein 
erkaufte. Sie verspotteten und verhöhnten mit entsetzlichem Geschrei 
und Gescheite Eheleute, die sich zanken oder schlagen, oder auch 
alte Wittwer und Wittwen, die auf Aventüren ausgehen. Erwischen 
sie jemand zur Unzeit an einem verdächtigen Orte bei einem Mäd- 
chen, so schleifen sie ihn zum Brunnen und kühlen ihn mit drei- 
maligem Eintauchen ab ; öfters verüben sie aber auch aus blosser 
particularer Feindschaft die grössten Bubenstücke und entgehen 
gemeiniglich der Strafe. Sie erwählen ein sogenanntes Knaben- 
gericht, welches eine Nachäffung der gewöhnlichen Obrigkeit ist, 
setzen einen Landvogt und halten Gerichtstag. Sonderbar aber 
ist es, dass sich ein jeder Richter auch ein Mädchen wählt, das 
nrit zu Gericht sitzt und Antheil am sittenrichterlichen Amt hat. 
Es ist fast unglaublich, wie eingezogen, still, arbeitsam, reinlich und 
fromm sich diese Mädchen aufführen, denn ihr Herr Liebster muss 
für ihre Vergehungen wider die Gesetze die doppelte Strafe erlegen. 
Ihr Gesetzbuch ist zum Theil vortrefflich, enthält aber auch viel Al- 
bernes. Da sie kein eignes Gerichtshaus haben, so verlegen sie ihre 
Sitzungen in die Häuser der Reichen und Vornehmen, welche das 
Vermögen haben, sie anzuhören und — sie zu bewirthen. Heirathet 
ein Mädchen, so versammelt sich die Knabenschaft in Ober- und 
Untergewehr, zieht vor das Hochzeitshaus, giebt eine dreimalige 
Salve und erhält dafür eins zu trinken. Giebt es Spielleute im 
Dorfe, so wird getanzt, und um Mittemacht erfolgt eine Serenade 
und öfters singt ein Witzling ein Sonnet aus dem Stegreif. Ist 
man unzufrieden, so rauet und mauet und kreischt man, dass 
einem die Ohren gellen. Wenn Hochzeitsleute zur Ersparung der 
Unkosten sich an einem andern Orte copuliren lassen, oder man 
sonst weiss, dass selbst aus entfernten Orten Brautleute durch ein 
Dorf passiren, so ziehen die Knaben eine Schnur und lassen sie 
ohne ein gutes Trinkgeld nicht durch. Fast jedes Dorf hat seinen 
oder mehrere Dichter. Fällt etwas Lächerliches oder Seltsames 
vor, gleich wird ein Spottlied verfertigt und abgesungen, und 
gemeiniglich folgt eine Antwort darauf, die eine Gegenantwort 



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erfordert. Besitzt das Dorf einen beissenden Dichter, so glaubt 
es sieh reich genug. 

Berühmt war einst die Feier des Hirsmontags**), des ersten 
Montags nach Aschermittwoch, im Entlebuch. An diesem Tage 
beschickten sich, mit einander